Wir dringen nun längs ihres Laufes ins Gebirge ein, und gelangen

so, da sie auf der Ostseite entspringt und sich in nördlicher und

nordwestlicher Richtung durch den Buntsandstein, Gneis und Granit des

Schwarzwaldes durcharbeitet, ohne Übersteigung einer Wasserscheide von

der Rheinebene an den Ostfuß des Hornisgrinden-Kammes. Die Murglinie

hatte, eben weil sie ein Durchbruchstal benutzt, von jeher hohen Wert

als Straße nach Schwaben, und so erklärt sich auch die Wahl von Rastatt

zur Festung gegen das einst allzunahe Frankreich.

Die Talbahn, die bei Forbach endigt, erreicht das Gebirge bei

Kuppenheim, in dessen Nähe das Schlößchen der Favorite mancherlei

Erinnerungen an den Türkenlouis und seine asketische Gemahlin Sibylla

Augusta birgt; dann fährt man unter dem Eichelberg und dem Mahlberg

(613 ~m~) mit seinem Karlsruher Turm hin an den großen Orten Rotenfels,

Gaggenau -- Glasfabrik, Eisenwerk -- und Ottenau vorbei, nach

Hörden, wo das Tal sich so einengt, daß neben dem Fluß der Raum für

Straße und Bahn dem Fels abgetrotzt werden mußte. Eine oft zitierte

Denkstein-Inschrift spricht das recht hübsch aus:

~Ex rupe fracta

Haec via facta.~

Diesen Felsen sprengte man

Und legte einen Fahrweg an.

1786.

~Aetate peracta

Haec ferrea tracta.~

Später ging man wieder dran

Und baute eine Eisenbahn.

1869.

[Illustration: Abb. 139. Die Trinkhalle in Baden-Baden. (Zu Seite 131.)]

[Illustration: Abb. 140. Baden-Baden von der Stourdsakapelle

aus gesehen. Verlag der Neuen Photographischen Gesellschaft in

Berlin-Steglitz. (Zu Seite 131.)]

Nun kommt man bald nach Gernsbach (Bahnhof 160 ~m~), einem

allerliebsten, steil am Berg hinaufgebauten Städtchen von etwa 2800

Einwohnern, dem alle Vorzüge, die z. B. von Gengenbach oder Oberkirch

gerühmt wurden, in reichem Maße auch zukommen (Abb. 145). Die Lage an

einem größeren Fluß, inmitten prächtig geformter Höhenzüge auf beiden

Talseiten, an prachtvollen Wegen in der Richtung auf das Badener

Revier und ostwärts nach Württemberg hinüber, unvergleichlich schöne

Hochwaldungen in weitester Ausdehnung, all das macht Gernsbach zu einem

günstigen Standquartier für bequeme wie bergfreudige Ferienwanderer.

Die in ihrer Art einzig dastehende Kunststraße durch den herrlichsten

Wald der Welt hinauf zum Ebersteiner Schloß und von hier über das

Müllenbild zur Fischzucht bei Lichtental und nach Baden gehört zum

Schönsten, was man an Wegen wandern oder fahren mag. Auch der Blick vom

Eberstein aufs enge Tal hinab und seine Waldumrahmung ist ganz einzig

schön. Das Schloß, Eigentum des Großherzogs von Baden, zeigt über dem

Tor das Wappen, von dessen Symbolen Uhland singt:

Ich kenne wohl den Eber, er hat so grimmen Zorn,

Ich kenne wohl die Rose, sie hat so scharfen Dorn.

[Illustration: Abb. 141. Baden-Baden. In der Lichtentaler Allee. (Zu

Seite 131.)]

Die Dörfer im Tal treiben alle viel Holzindustrie. Neben den

zahlreichen Sägewerken finden wir leider auch Holzstoffabriken. Die

Bahn befördert, ebenso wie zahlreiche Fuhrwerke auf der Straße, zumeist

nur Holz. Das Flößen hat aufgehört, nachdem es durch lange Jahrhunderte

für das Tal charakteristisch war. Ihm verdankt die alte Genossenschaft

der „Murgschifferschaft“ ihre Entstehung; sie besteht heute noch

mit ihrem enormen Waldbesitz, den vielen Sägemühlen, mit eigenem

Forstpersonal und dem Stolze einer mehrhundertjährigen Tradition.

Hinter Weisenbach wird das Tal auf lange Strecken zur wirklichen

Felsschlucht und gehört da zu den schönsten im Schwarzwalde, die vor

kurzem erst fertig gestellte Bahnlinie bis Forbach mit all ihren

Kunstbauten zu den sehenswertesten Gebirgsbahnen. Oberhalb Forbach mit

seiner zweitürmigen, hochgelegenen Kirche, seiner alten gedeckten Holz-

und seiner elegant geschwungenen neuen Eisenbrücke über den Fluß (Abb.

146) wird das Tal einsamer. Bei Rauhmünzach kommt der gleichnamige Bach

(Abb. 148) aus engem Waldtal von der Hornisgrinde, bei Schönmünzach

jenseits der württembergischen Grenze (434 ~m~), einem sehr beliebten

Sommerfrischort mit großer Glasfabrik, mündet die Schönmünzach

ebendaher.

In der Gneisregion, in die man nun eingedrungen ist, überragen die

seitlichen Höhen die Talsohle nicht mehr allzuhoch, der Charakter

der Landschaft wird darum einförmiger. Man gelangt durch mehrere

Ortschaften schließlich nach Kloster-Reichenbach (520 ~m~) mit einer

schönen romanischen Kirche der ehemaligen Benediktinerabtei, und von

hier wieder mit der Eisenbahn nach dem Hauptorte der weit zerstreuten,

rund 6700 Einwohner zählenden Gemeinde Baiersbronn (583 ~m~), von

wo eine schöne Straße ins Tal der Roten Murg, zum Ruhstein und nach

Ottenhöfen führt.

[Illustration: Abb. 142. Friedrichsbad in Baden-Baden.

Nach einer Photographie von G. Salzer in Baden. (Zu Seite 132.)]

[Sidenote: Freudenstadt.]

An den stattlichen Eisenwerken Friedrichstal und Christophstal vorbei

gelangen wir -- die Bahnlinie hat hier Zahnradbetrieb -- auf die

Höhe der interessanten Stadt Freudenstadt (Markt 732, Bahnhof 664

~m~) mit über 8500 Einwohnern. Sie ist 1599 von Herzog Friedrich

I. von Württemberg gegründet worden, liegt auf einem Plateau, das

sich nordwärts zur Murg, östlich zum Glattbach (Neckar) und nach

Süden zur Kinzig abdacht, beherrscht also weithin die Wege und

damit die ganze Gegend. Da sie auch nach Westen den Kniebispaß und

seine Übergänge zur Rench und Acher deckt, begreift man, daß einst

geschwankt wurde, ob Freudenstadt oder Rastatt Bundesfestung werden

sollte. Ganz eigentümlich ist der Bauplan der Stadt. Um einen sehr

großen quadratischen Hauptplatz breiten sich nach dem Muster des

„Neuntelsteinbrettes“ angelegt die Straßen- und Häuserreihen aus. Auf

dem Platze steht die Kirche mit zwei rechtwinklig zusammenstoßenden

Langhäusern, in deren Winkel Altar und Kanzel steht, so daß der

Geistliche wohl die Männer und Frauen, diese aber, streng in die beiden

Schiffe verteilt, gegenseitig sich nicht sehen können. Seit etwa

zwanzig Jahren ist Freudenstadt ein besuchter Höhenkurort geworden,

zahlreiche Gasthäuser und Pensionen sind entstanden, neue Anlagen

wurden hergestellt, so im „Palmenwald“ und unter dem Friedrichsturm

am Kienberg, von wo der Blick auf die Rauhe Alb besonders schön ist;

der weit ausgedehnte Stadtwald ist von prächtigen Wegen durchzogen,

Murg und Kinzigtal, sowie die Höhen des Kniebis laden zu weiteren

Wanderungen ein, Stuttgart und Offenburg sind in weniger als zwei

Stunden zu erreichen. Kurz, Freudenstadt hat große Vorzüge und

unzweifelhaft eine noch größere Zukunft (Abb. 147).

[Illustration: Abb. 143. Das alte Schloß Hohenbaden. (Zu Seite 132.)]

[Sidenote: Alpirsbach.]

Nach Süden senkt sich die Bahn an den steilen Wänden des Kinzigtales

hinab nach Alpirsbach (433 ~m~) mit der herrlichen Basilika seines

einstigen Benediktiner-Klosters, einem Kleinod romanischen Stils von

höchstem Wert (Abb. 150). Das prachtvolle Bild des wunderbaren Baues

wird noch wesentlich verschönert durch die ernste Landschaftsumgebung

des stillen Gebirgstales. Bei Schenkenzell mit seiner malerischen

Schenkenburg (Abb. 149) mündet das Tal der Kleinen Kinzig, in dessen

Gebiet das ehemalige Nonnenkloster Wittichen liegt. Diese ganze Gegend

trieb einst sehr viel Bergbau, besonders auch auf Kupfer. Doch hat das

längst aufgehört, und die Reinerzau, wie das Tal der kleinen Kinzig

auch heißt und so durch seinen Namen die Erinnerung an den alten

Bergbau festhält, gehört heute, obschon zu den schönsten, doch zu den

abgelegensten und einsamsten des Gebirges.

[Illustration: Abb. 144. Fischkultur bei Baden-Baden.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 132.)]

[Illustration: Abb. 145. Gernsbach.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 136.)]

[Sidenote: Das Kinzigtal.]

Bei Schiltach (325 ~m~) mündet das Tal des gleichnamigen Flüßchens von

Schramberg her ein, dann kommen wir an den zahlreichen Einzelhöfen der

Gemeinden Kinzigtal und Lehengericht vorbei (Abb. 151) nach Wolfach

(262 ~m~), am Zusammenfluß der vom Kniebis herabkommenden und das

Schapbacher Tal durchströmenden Wolfach mit der Kinzig hübsch gelegen

(Abb. 152), und gleich danach ist Hausach an der Schwarzwaldbahn

Offenburg-Donaueschingen erreicht, so daß nunmehr der ganze nördliche

Schwarzwald längs seiner Umrahmung umschrieben ist.

[Illustration: Abb. 146. Forbach im Murgtal.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 137.)]

[Illustration: Abb. 147. Freudenstadt.

Nach einer Photographie von J. Zimmermann in Freudenstadt. (Zu Seite

138.)]

XVI. Auf den Höhen des nördlichen Schwarzwaldes.

Die schöne Bergwelt zwischen Kinzig und Oos lernen wir am besten

kennen, wenn wir wieder wie im südlichen und mittleren Schwarzwald

dem mit der roten Raute bezeichneten Kammwege I folgen, der jegliches

Verirren völlig unmöglich macht. Bei Hausach, wo alte Verschanzungen am

Nordgehänge des Tales ebenso wie die Befestigungen am Farrenkopf und

weiter südlich an die strategische Bedeutung des Kinzigtales erinnern,

steigen wir nordwärts an und erreichen bald die Wasserscheide zwischen

dem Schapbacher und Harmersbacher Tal, der wir nun 34 Kilometer

weit folgen bis zum Kniebis. Dieser Weg wird nicht nur durch seine

prächtigen Fernblicke entzücken und durch den herrlichen Hochwald,

den er stundenlang durchschneidet; er wird vielmehr dem Wanderer, der

gern allein geht und sich trotz der größten Weltabgeschiedenheit nicht

einsam fühlt, weil er sich am allerbesten mit sich selbst unterhält,

ganz besondere Befriedigung gewähren; denn dieser Hochpfad trifft in

seiner ganzen Länge kein Wirtshaus, ja sogar nicht einmal ein Wohnhaus.

Ringsum großartige, himmlische Ruhe, so wohlig und erquickend wie

nichts sonst auf der Welt! Abstiege in die Täler rechts und links sind

leicht zu machen, und so läßt die Wanderung mancherlei Variationen zu.

An der Littweger Höhe (845 ~m~) können wir westwärts abzweigen zum

Löcherbergwasen (658 ~m~) auf der Straßenhöhe zwischen Kinzig-

und Renchtal, mit oft ganz phantastischen Bildungen gewaltiger

Sandstein-Blockmeere, und weiter auf die waldige Kuppe des Mooskopfes

(873 ~m~) mit ihrem Aussichtsturm, der weithin über den wogenden Wald

und seine schöne Bergwelt zu schauen gestattet. Zahlreiche Wege lassen

uns von hier wieder die Niederungen der Menschen gewinnen, sei es in

Oppenau, Oberkirch oder Durbach, in Gengenbach, Ortenberg, oder endlich

am Fuße des Brandeckkopfes in Offenburg.

[Illustration: Abb. 148. Im Rauhmünzachtal.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 137.)]

[Sidenote: Rippoldsau. Der Kniebis.]

Unser Rautenweg gewinnt am Hundskopf hin (950 ~m~) die See-Ebene (943

~m~), von wo wir östlich den stillen Glaswaldsee 100 ~m~ unter uns in

träumerischem Frieden schimmern sehen (Abb. 154). Wir schneiden hier

einen beliebten, durch neue Wege verbesserten Übergang von Peterstal

nach Schapbach, erreichen dann die Holzwälder Höhe (966 ~m~), wo wir

auf den vielbegangenen Pfad Griesbach-Rippoldsau stoßen, und dann

geht’s immer im stolzesten Hochwald hinauf zum Kniebis, den wir bei der

Alexanderschanze (971 ~m~) erreichen.

Wem es auf diesem Wege der Einsamkeit zu viel werden möchte, der fahre

von Wolfach durch das belebte, sonnige Schapbach- oder Wolfachtal

nach dem eleganten, trefflich eingerichteten Bad Rippoldsau (566

~m~, Abb. 155). Die Talbewohner in ihrer Tracht, die besonders am

Sonntag das farbenfreudige junge Mädchenvolk recht hübsch erscheinen

läßt, werden dem Besucher viel Freude machen (Abb. 153). Das wenig

unterhalb des Bades gelegene „Klösterle“ war einst ein Priorat des

Benediktinerstiftes St. Georgen, jetzt ist es Pfarrkirche für das obere

Talgebiet. Ganz wunderbar schöne Wege zum Gehen und Fahren lassen uns

durch den prachtvollen Wald nach dem unfernen Freudenstadt hinüber und

hinauf auf den Kniebis gelangen.

[Illustration: Abb. 149. Die Schenkenburg im Kinzigtal.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 138.)]

[Illustration: Abb. 150. Alpirsbach. Nach einer Photographie von G.

Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 138.)]

Der Kniebis ist ein 8 ~km~ langer, rund 950 ~m~ hoher, wallförmiger

Kamm; er nimmt im orographischen Aufbau des Schwarzwaldes eine ganz

eigenartige Stellung ein, die nur noch ein einziges Mal ähnlich

vorkommt, nämlich an der früher besprochenen, über 1000 ~m~ hohen

Wasserscheide von der Kaltenherberge bis zum Turner. Während nämlich

auf der über 160 ~km~ langen Strecke von Waldshut bis Durlach überall

sonst im Schwarzwalde Flußläufe, die von Nord nach Süd oder von Süd

nach Nord laufen, die so wichtige Ostwestverbindung von Schwaben

nach der Rheinebene unmöglich machen oder doch ganz wesentlich

erschweren, treten am Hohlengraben wie am Kniebis, durch welche Punkte

die Längsausdehnung des Schwarzwaldes in drei nicht ganz gleiche

Teile geteilt wird, östliches und westliches Gefälle unmittelbar

aneinander heran; daher im ersteren Falle die oft umkämpfte Straße

von der Donau nach Freiburg, im zweiten die aus dem Herzen des

Neckarlandes nach Straßburg. Auf dem Kniebis (Abb. 156) treffen sich

zwei Straßen aus dem Renchtal von Oppenau und Griesbach, eine aus dem

Kinzigtal von Rippoldsau, und endlich die von Freudenstadt und dem

schwäbischen Hügelland her. Daß man vor zwei Menschenaltern daran

dachte, Freudenstadt zur deutschen Bundesfestung zu machen, erscheint

hiernach ebenso verständlich wie die Tatsache, daß wir an der Stelle,

wo die Griesbacher Straße die Kammhöhe gewinnt, die nach ihrem Erbauer

Alexander von Württemberg genannte Alexanderschanze (1734) finden,

während die Oppenauer Straße auf dem Kamm durch die im Dreißigjährigen

Kriege erbaute Schwedenschanze und durch die aus dem Jahre 1796

stammende Schwabenschanze geschützt ist.

Durch ernste Hochmoor- und Legföhrenlandschaft zieht die Straße längs

der badisch-württembergischen Grenze auf dem Kamm hin, erreicht bei der

Zuflucht am Roßbühl das in einer Bastion der Schwabenschanze stehende

neue Aussichtsgerüste, fast 200 ~m~ über dem zur Murg abfließenden

Kartrichter des Buhlbachsees, während die etwas weiter östlich

liegenden Kessel des Sankenbach- und Elbachsees trocken gelegt worden

sind.

[Illustration: Abb. 151. Bauernhof im Kinzigtal.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 140.)]

[Sidenote: Allerheiligen.]

Unsere Höhenwanderung setzen wir vom Kniebis durch schönen Wald

nach Norden fort, bis wir unmittelbar über der Murgquelle und nahe

dem Schliffkopf (1056 ~m~), auf dem ein von Pionieren errichtetes

Aussichtsgerüste steht, ins Freie treten, um, nachdem wir über

das weite Waldmeer Umschau gehalten, nach Allerheiligen (620 ~m~)

abzusteigen.

Diese wertvolle Perle unter den Schwarzwaldlandschaften können wir,

wie schon früher angedeutet worden ist, bequem auch von Ottenhöfen,

von Oberkirch, Sulzbach oder von Oppenau durchs Lierbachtal erreichen.

Letzterer Weg führt uns an den Fuß des prachtvollen Wasserfalles der

Sieben Bütten, an dem wir mit wechselvollen Blicken in die grause

Schlucht mit ihrem tosenden Wasserschwall ansteigen, um plötzlich

auf waldumrahmtem Wiesenplan die grauen Trümmer der gotischen

Abteikirche des einstigen Prämonstratenserstiftes Allerheiligen vor

uns zu sehen. Das Bild der malerischen Ruine im stillen Bergesfrieden

ist eines der stimmungsvollsten, die der Schwarzwald aufweist (Abb.

157). Kein Wunder, daß der Besuch des jetzigen Kurplatzes ein sehr

starker ist, nachdem der Ort, als das Kloster 1803 aufgehoben und bald

danach abgebrannt war, mit seiner Umgebung durch vierzig Jahre eine

tatsächlich unzugängliche Wildnis gebildet hatte.

[Illustration: Abb. 152. Wolfach. (Zu Seite 140.)]

[Illustration: Abb. 153. Hochzeitszug im Schapbachtal.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 142.)]

[Sidenote: Mummelsee. Hornisgrinde.]

Vom Schliffkopf, zu dem man von Allerheiligen wieder ansteigt, oder auf

direktem Weg ist nun bald der Sattel am Ruhstein (Ruchstein = Rauher

Stein, 916 ~m~) erreicht, auf dem ein vielbesuchtes Kurhaus steht, dem

Wanderer auf unserem Höhenweg wie dem, welcher von Ottenhöfen nach

dem Murgtal strebt, erwünschte Rast gewährend. Ein kurzer Anstieg

läßt uns zur Halde über dem malerischen Wildsee (Abb. 158), aus dem

die Schönmünz abfließt, und weiter, meist der 1000 ~m~-Höhenkurve

entlang zum Eckle (958 ~m~) gelangen, wo zahlreiche Pfade aus dem

Murg- und Achergebiet zusammenlaufen. Wir folgen dem zum Mummelsee

(1036 ~m~), einem melancholischen, waldeinsamen Wasserbecken, dessen

Nixen den Hirten und etwaigen Sonntagskindern freilich heutzutage

ebensowenig mehr erscheinen als die des Wildsees. Lauschige Plätzchen

vor dem Seegasthaus geben Gelegenheit zum behaglichen Genuß der

ernsten Landschaft (Abb. 159). Die schönen Wege, die über das Kurhaus

Wolfsbrunnen oder über den aussichtsreichen Hohfelsen nach Ottenhöfen

oder über Kurhaus Breitenbronn nach Achern abzusteigen gestatten,

führen uns nicht in Versuchung; wir halten uns oben und haben in kurzem

die Höhe der Hornisgrinde gewonnen (1164 ~m~), wo wir vom neuen, fast

allzu stattlich dreinschauenden Aussichtsturm wesentlich besser als von

dem etwas weiter nördlich aufragenden Signalturm der internationalen

Erdmessung Umschau halten können bis zum Feldberg im Taunus, zum

Donnersberg in der Pfalz, zum Melibokus im Odenwald, zum Neuffen und

Teck im Schwabenland und zum Elsässer Belchen. Im Süden sehen wir

die Burgundische Pforte und die Ketten des Schweizer Jura. In seltenen

Fällen, besonders bei winterlicher Wärmeumkehr, sind auch die Alpen

sichtbar vom Piz Linard bis zur Jungfrau.

[Illustration: Abb. 154. Der Glaswaldsee. Nach einer Photographie von

Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 142.)]

[Illustration: Abb. 155. Rippoldsau.

Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 142.)]

[Illustration: Abb. 156. Der Kniebis.

Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 144.)]

[Sidenote: Wintersport.]

So unschön die traurige Hochmoorfläche der Hornisgrinde mit ihren

kümmerlichen Legföhren an sich auch sein mag (Abb. 160), der Berg ist

als Aussichtspunkt einer der allerlohnendsten, die wir uns denken

können. Und bei der geradezu glänzenden Wegsamkeit des Gebietes ist

seine Besteigung dutzendfacher Variation zugänglich; daher erklärt

sich auch die große Zahl der Hornisgrindenfreunde in Straßburg,

Karlsruhe und anderwärts, die den Berg ähnlich oft voll Liebe besuchen

wie die Freiburger ihren Feldberg. Neuerdings sind die Höhen um die

Hornisgrinde auch für den Wintersport sehr beliebt geworden; Zeugnis

davon geben mehrere „Skihütten“ der Karlsruher Sportvereine.

[Illustration: Abb. 157. Allerheiligen.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 146.)]

[Sidenote: Höhenkurorte.]

Über dem alten Seebecken des Biberkessels hin gelangen wir, immer

nordwärts weiter schreitend, an die Wegscheide der Unterstmatt (930

~m~), dann auf dem bequemen „Mannheimer Weg“ zu dem Kurort Hundseck

(886 ~m~), mitten im Walde ganz wunderbar schön gelegen (s. Abb. 161).

Haben wir vom Kniebis bis hierher schon eine nicht geringe Anzahl

von stattlichen Gasthäusern angetroffen, so sind wir jetzt in ein

Gebiet gelangt, das auf weite Erstreckung geradezu als ein Dorado der

empfehlenswertesten Höhenkurorte gelten muß.

[Sidenote: Karseen.]

Wo vor dreißig Jahren am Sattel des Sand erst ein kleines Wirtshäuschen

sich aufgetan hatte und weit umher die hehre Waldeinsamkeit durch

nichts gestört war, da liegen jetzt, jeweils kaum eine halbe Stunde

voneinander entfernt, die vornehm und im Sommer von Hunderten

erholungsbedürftiger Gäste besuchten Anwesen von Unterstmatt,

Hundseck, Wiedenfels, Sand, Bärenfels, Herrenwies (Abb. 162),

Plättig, Schwanenwasen, alle zwischen 645 und 930 ~m~ hoch gelegen,

eines in seiner Art immer wieder verlockender als das andere.

Welches wir auch zu kürzerem oder längerem Aufenthalt wählen mögen,

wir werden uns glücklich fühlen, in diesem weiten Hochrevier voll

Wald und Frieden zu weilen und auf kurze Frist zu vergessen, was

uns unten in den Niederungen quält. Durch die Gertelbachschlucht

kommen wir ins Bühlertal, längs des Hundsbachs oder Schwarzenbachs

ins Murgtal bei Rauhmünzach, über Geroldsau mit seinem Wasserfall

nach Lichtental und Baden hinab. Der Mehliskopf (1009 ~m~) mit

seinem auch architektonisch hübschen Turm (Abb. 163) gewährt einen

prachtvollen Rundblick, die Badener Höhe (1002 ~m~) mit ihrem 30 ~m~

hohen Großherzog Friedrich-Turm ebenso. Durch typische Hochmoor- und

Legföhrenlandschaft ist von der Badener Höhe der fast genau ebenso

hohe Seekopf zu erreichen, unter dessen steilem Felsabsturz der kleine

Herrenwieser See 170 ~m~ tiefer fast ganz versteckt im Walde liegt

(Abb. 164). All diese kleinen Wasserbecken vom Glaswaldsee bis hierher,

und auch die ganz ähnlich beschaffenen bei Schönmünzach, der Schurm-

und der Hutzenbacher See, haben ganz den Charakter echter Karbildungen,

und es erscheint zweifellos, daß sie eiszeitlichen Wirkungen ebenso ihr

Dasein verdanken, wie der Feldsee im südlichen Schwarzwald.

Der Höhenweg führt von Hundseck nach Sand, zur Badener Höhe und dann

in raschem Abstieg nach Forbach im Murgtal; von hier werden wir seine

Fortsetzung über Wildbad nach Pforzheim später kennen lernen. Was er

uns, besonders auf der Strecke vom Glaswaldsee über den Kniebis bis zur

Badener Höhe, an Schönheit erschlossen, das gehört zum Besten, was der

Schwarzwald bieten kann. Jedenfalls wird man herrlicheren und vor allen

Dingen ausgedehnteren Hochwald auf trefflich gebahnten Wegen nicht

leicht anderswo ebenso antreffen wie hier.

[Illustration: Abb. 158. Der Wildsee.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 146.)]

Der östliche Schwarzwald.

XVII. Die Umrandung des Gebietes.

[Sidenote: Östlicher Schwarzwald.]

[Sidenote: Charakter des östlichen Schwarzwaldes.]

Der Schwarzwald · 第 11 / 14 段