Als östlichen Schwarzwald haben wir den von Süd nach Nord

langgestreckten, von West nach Ost aber recht schmalen Landstreifen

bezeichnen gelernt, der, abgesehen von dem gegen das Kraichgau zu

konvexen Bogen Rastatt-Pforzheim, von den Linien Donaueschingen-Rastatt

und Donaueschingen-Pforzheim eingefaßt wird, Linien, welche durch die

sie bildenden Flußläufe auf jeder Karte deutlich in die Erscheinung

treten. Nun umfassen aber diese Grenzen zwei gänzlich verschiedene

Landschaften, deren Trennungslinie zusammenfällt mit dem Höhenrücken

Freudenstadt-Nagold oder, was fast gleichbedeutend ist, mit der

Wasserscheide zwischen dem Neckar und dem Nagold-Flüßchen. Die

südliche dieser Landschaften ist im wesentlichen eine meridional

verlaufende Buntsandsteinplatte, die gegen das westliche Grenztal

Freudenstadt-Schiltach-St. Georgen-Villingen einen mehr oder weniger

scharf ausgeprägten Steilrand bildet, nach Osten schwach geneigt ist

und bald unter einer Muschelkalkfläche verschwindet, die ihrerseits

gegen den Neckar zu wieder von Lettenkohle überlagert wird. Die

Höhenunterschiede sind nirgends ansehnliche, von einem ausgeprägten

Gebirgscharakter kann eigentlich nicht mehr gesprochen werden, so

daß wir, wenn dies Gebiet auch aus topographischen Gründen dem

Schwarzwald zugerechnet werden muß, doch sagen dürfen, es sei nach

seiner ganzen Physiognomie viel eher eine Art Übergangsland zur Rauhen

Alb. So mag es begründet erscheinen, auf diese Landschaft hier, wo

der spärlich zugemessene Raum ohnehin schon zur Beschränkung auf das

Wesentlichste und zur größten Knappheit in der Darstellung zwingt,

nicht weiter einzugehen und die Besprechung auf die Gegenden zwischen

Murg- und Nagoldtal einzuengen, die überall echteste Schwarzwaldnatur

zur Schau tragen. Haben wir es doch auf dem ganzen Raum zwischen

Rastatt-Freudenstadt-Nagold-Pforzheim mit einer ausgesprochenen

Buntsandsteinlandschaft zu tun. Und da hier die Flußtäler noch tief

einschneiden und die Höhen im Hohloh bis 988 ~m~ ansteigen, so ist das

Relief des Bodens noch ein ansehnlich gegliedertes, wenn auch nicht

bestritten werden kann, daß im Gegensatz zu den drei Westgruppen des

Gebirges der Aufbau im östlichen Schwarzwald einen etwas einförmigen

Eindruck macht. Allein die weit ausgedehnten Hochwälder und in sie

eingeschnitten die freundlichen Wiesentäler mit ihren Städten,

Heilbädern und alten Klöstern -- man denke nur an Pforzheim und Calw,

Wildbad, Teinach und Liebenzell, Frauenalb, Herrenalb, Hirsau --

bieten so viel, daß diese vom großen Verkehr abgelegenere Landschaft

freundliche Beachtung in reichstem Maße verdient.

[Illustration: Abb. 159. Der Mummelsee.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 146.)]

Die Bahnlinien

Kloster-Reichenbach-Freudenstadt-Hochdorf-Nagold-Pforzheim-Karlsruhe-Rastatt-Forbach,

Nagold-Altensteig, Pforzheim-Wildbach, Karlsruhe-Herrenalb öffnen

zahlreiche Einfallstore in das Gebiet, das im übrigen an Wegsamkeit den

anderen Teilen des Schwarzwaldes nicht nachsteht.

[Sidenote: Das Heckengäu.]

Von Freudenstadt aus benutzen wir die Stuttgarter Bahn, um in östlicher

Richtung auf hohen Viadukten über die Quellbäche der Glatt nach

dem hoch und frei gelegenen Landstädtchen Dornstetten (630 ~m~) zu

gelangen, und weiter die fruchtbaren Muschelkalkflächen des Heckengäues

zu durchfahren, die uns nach Südosten prächtige Blicke auf die Rauhe

Alb gewähren. In Hochdorf kommt die wichtige Bahnlinie aus dem

Neckartal von Horb herauf, deren südliche Fortsetzung nach Immendingen

und von hier zum Bodensee oder in die Schweiz führt. Nahe bei Horb,

also an der äußersten Grenze des Gebietes, das man hier dem Schwarzwald

noch zurechnen darf, liegt Nordstetten, wo Berthold Auerbach 1812

geboren wurde, dessen Schwarzwälder Dorfgeschichten unserm Gebirge

einst viel Freunde geworben haben.

[Sidenote: Nagold.]

Der Höhenrücken, welcher bei Hochdorf Neckar und Nagold scheidet, wird

von einem fast 1300 ~m~ langen Tunnel durchschnitten; sind wir aus

seinem Nordtor ausgetreten, so nimmt uns ein stilles Waldtal auf, und

in kurzer Frist ist der Bahnhof von Nagold (452 ~m~) erreicht. Wir sind

nun wieder und bleiben im Buntsandstein.

[Illustration: Abb. 160. Hornisgrinde. Hirtenstein, über dem Mummelsee.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 148.)]

Das alte Städtchen (Abb. 166), das neben manchem interessanten Haus aus

früheren Zeiten auch noch Teile der ehemaligen Befestigung zur Schau

trägt, liegt unten im Tal und gewährt von dem hochgelegenen Bahnhof

einen ebenso freundlichen als stattlichen Anblick. Es zählt etwa

4000 Einwohner und erfreut sich einer ansehnlichen Gewerbetätigkeit,

besonders in Woll- und Goldwaren, auch blüht der Holzhandel aufs

lebhafteste, was bei der weiten Ausdehnung der herrlichsten Waldungen

weit umher nicht zu verwundern ist. Überragt wird das Tal von der

alten Feste Hohennagold, die, abgesehen von der prächtigen Aussicht,

die sie gewährt, unser Interesse mit Recht dadurch fesselt, daß sie

einen lehrreichen Einblick in die Bauweise solcher mittelalterlichen

Befestigungsanlagen gestattet.

[Illustration: Abb. 161. Kurhaus Hundseck.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 149.)]

[Illustration: Abb. 162. Herrenwies.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 149.)]

[Sidenote: Das Nagoldtal.]

Die Nagold, die auf den Höhen östlich von Schönmünzach unfern des

Murgtales entspringt, ändert bei dem nach ihr genannten Städtchen ihre

bisher überwiegend östliche Laufrichtung, biegt scharf nach Norden

um und behält diese Richtung bei bis zu ihrer Vereinigung mit der Enz

bei Pforzheim. Ihr Tal ist seinem landschaftlichen Charakter nach

ein typisches Buntsandsteintal, wie wir sie z. B. in großer Zahl im

Odenwald antreffen. Die Talsohle ist im allgemeinen schmal, der Fluß

beschreibt in ihr ähnlich dem Neckar oberhalb Heidelberg oder der

Tauber in ihrem Unterlauf zahlreiche Serpentinen; die zwischen ihnen

spornartig gelegenen Berghalbinseln müssen von der Bahn in nicht wenig

Tunnels durchschnitten werden. Trotz der überall gleichen Grundelemente

der Landschaft: freundliche Wiesenau in der Niederung und ernster

Hochwald an den Talflanken und auf den Höhen, wechseln die Einzelbilder

doch in lebhafter und anmutiger Weise, so daß die Fahrt das Tal hinab

bis zur Porta Hercyniae eine höchst lohnende ist.

[Sidenote: Wildberg.]

Zunächst kommen wir nach dem kleinen Städtchen Wildberg, das, auf drei

Seiten vom Fluß umströmt, an einer der eben erwähnten Berghalbinseln

steil hinaufgebaut ist und mit seinen engen Gassen, alten Häusern

und seinem noch bewohnbaren Schloß aus früheren Jahrhunderten -- das

Forstamt ist darin untergebracht -- uns in anschaulichster Weise ein

Stückchen Mittelalter vor die Augen zaubert (Abb. 165). Eine ganz

ähnliche Lage nimmt die große Feste Waldeck, eine richtige Talsperre,

ein, die aber von der Bahn nicht sichtbar ist. Der Schienenstrang

führt unter der weiträumigen Ruine durch. Die Anlage der einst sehr

wirksamen Befestigung ist auf Rudolf von Habsburg zurückzuführen, in

Trümmer gelegt wurde sie 1692 durch Melac, der drei Jahre vorher auch

Heidelberg zerstört hatte.

[Sidenote: Teinach.]

Nahe dem Nordausgang des Waldecker Tunnels erreicht man die Station

Teinach (349 ~m~), von wo die Straße zunächst mittels einer gewaltigen

Steinbrücke den Fluß überschreitet, um den Eingang in ein enges

Seitentälchen zu gewinnen, in welchem bald Dorf und Bad Teinach aus

dem Grün herauswinkt (Abb. 168). Die Mineralquellen des Ortes, im

ganzen vier, aber von verschiedener Beschaffenheit, haben das Calwer

Wildbad, wie es einst genannt wurde, früh bekannt gemacht. Heute sind

die Kureinrichtungen in jeder Hinsicht modernen Bedürfnissen angepaßt,

und wie bei den Bädern zu beiden Seiten des Kniebis ist auch hier als

Hauptheilfaktor die friedliche Ruhe der Landschaft mit ihrem wunderbar

schönen, wegereichen Wald hoch anzuschlagen. Josef Victor Scheffel,

der öfters und auch noch ein Jahr vor seinem Tode hier weilte, hat in

launigen und ernsten Versen Teinachs Lob gesungen und durch sein dem

„Gaudeamus“ einverleibtes Gedicht „Zavelstein“ auch dem nahen Städtchen

dieses Namens zur literarischen Unsterblichkeit verholfen.

[Illustration: Abb. 163. Turm auf dem Mehliskopf.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 149.)]

[Illustration: Abb. 164. Herrenwieser See. Nach einer Photographie von

Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 150.)]

[Sidenote: Zavelstein.]

Zavelstein (Abb. 167) liegt 587 ~m~ hoch, also ganz ansehnlich über

der Talsohle, über die es ebenso wie über das weite Land ringsum

einen schönen Blick gewährt, besonders von der nahen Burgruine aus.

Zavelstein ist die kleinste Stadt Württembergs, überragt aber mit

seinen annähernd 300 Einwohnern seine badische Schwester Hauenstein

an Größe doch noch ansehnlich. Die vom Dichter verewigte Krokus-Wiese

übt ihren Farbenzauber natürlich nur in den allerersten Frühlingstagen,

aber auch zu anderen Zeiten lohnt sich der Besuch des kleinen

Bergnestes, von welchem aus Pfade nach allen Seiten führen. So kann

man auch unmittelbar nach Calw absteigen, wenn man nicht zur Bahn

zurückgehen und mit ihr nordwärts weiterfahren will.

[Illustration: Abb. 165. Wildberg.

Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 154.)]

[Sidenote: Calw.]

Calw (348 ~m~) ist eine sehr hübsche und lebhafte Stadt (Abb. 169). Sie

zählt 5600 Einwohner und nimmt seit lange unter den württembergischen

Gewerbe- und Handelsstädten eine bedeutende Stellung ein. Wenn auch

die alten Handelskompanien nicht mehr wirksam sind, so besteht doch

neben zahlreichen Betrieben anderer Art immer noch blühend die alte

Wollindustrie, tätig in Spinnerei, Weberei und Färberei. Besonders

sind Wolldecken eine Calwer Spezialität. Auch des sehr tätigen Calwer

Missionsschriftenverlages ist hier zu gedenken. Die Stadt teilte 1692

das Schicksal der nahen Feste Waldeck und hat aus der dann folgenden

Bauperiode um 1700 eine größere Anzahl hervorragender Gebäude, die ihr

ein ganz bestimmtes architektonisches Gepräge geben. Dazu kommen noch

die alte gotische Stadtkirche und die malerische Nagoldbrücke mit ihrer

Kapelle, kurz, Calw ist ein ganz interessanter Ort. Modern sind das

Georgenäum, eine Stiftung zu Belehrungs- und Volksbildungszwecken, und

der Stadtpark, von dessen höher gelegenen Teilen der Niederblick auf

Stadt, Tal und Umgebung viel Anmutiges hat. An der Ostseite der Nagold

steigt die Stuttgarter Bahn hinauf, ihre Windungen sind ähnlicher Art

und erscheinen, von Calw aus gesehen, fast ebenso unverständlich wie

die der großen Schwarzwaldbahn zwischen Hornberg und Sommerau, oder

jene der strategischen Linie zwischen Zollhaus und Stühlingen.

[Illustration: Abb. 166. Nagold. Nach einer Photographie von G. Röbcke

in Freiburg. (Zu Seite 152.)]

[Sidenote: Hirsau.]

Die Fortsetzung des Weges durch das Nagoldtal hinab läßt uns bald

unterhalb Calw in einer lieblichen Talweitung die wahrhaft großartigen

Ruinen der einstigen Benediktinerabtei Hirsau erreichen (Abb. 170),

deren bedeutsamem Eindruck sich nur ein sehr oberflächlicher Geist wird

entziehen können, etwa ein solcher, der auch acht- und stimmungslos

an St. Blasien oder Allerheiligen vorüberginge. Lange war Hirsau das

mächtigste Kloster nördlich der Alpen; in seiner Blütezeit, dem elften

Jahrhundert, entstand die gewaltige Peterskirche, fast so groß wie

der Dom zu Ulm. Ihre Umfassungsmauern sind in den letzten Jahren

freigelegt worden, so daß der Grundplan des mächtigen Baues gut zu

erkennen ist. Von den Westtürmen steht noch der nördliche ungebrochen,

ein wertvolles Denkmal romanischer Architektur. Die aus dem Anfange des

sechzehnten Jahrhunderts stammende gotische Marienkapelle ist jetzt

Ortskirche und birgt in ihrem Obergeschoß eine Sammlung von Hirsauer

Altertümern und Erinnerungen. In der Reformationszeit wurde das Kloster

aufgehoben, die Räume dienten später lange einem protestantischen

Seminar; das um 1592 erbaute herzoglich württembergische Jagdschloß

war ein zierlicher, eleganter Renaissancebau. All der monumentalen

Herrlichkeit bereitete Melac 1692 ein furchtbares Ende. Aber wie die

Ruinen des Heidelberger Schlosses durch die zauberhafte Schönheit

ihrer efeuumrankten Romantik dem deutschen Gemüt einen tieferen und

reichhaltigeren Eindruck machen als ein kraftvoller Herrschersitz,

so hat es auch die Trümmerwelt von Hirsau Tausenden von bewußten und

unbewußten Romantikern unseres Volkes angetan. Wer könnte, den Blick

auf das schöne Bild von Hirsau gerichtet, Ludwig Uhlands vergessen,

welchem die das Jagdschloß überschattende Ulme so schöne Rhythmen

zurauschte?

[Illustration: Abb. 167. Zavelstein.

Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 154.)]

Heute ist Hirsau ein sehr besuchter Sommerfrischort. Wer hier zur

Erholung weilt, wird sicherlich sein Hauptvergnügen darin finden, in

den freundlichen Anlagen der weiträumigen Klosterruine weilend deren

Schönheit in sich aufzunehmen und den Geistern längst vergangener

Jahrhunderte nachzuspüren.

[Sidenote: Liebenzell.]

Wieder etwas weiter talabwärts liegt in freundlicher Umgebung das Bad

Liebenzell (319 ~m~). Die Thermalquellen haben eine Temperatur von

25-28° ~C~, sie kommen aus dem vom Buntsandstein überlagerten Granit,

dem auch die Thermen von Baden und Wildbad entquellen. Daher hat der im

weiteren Umkreis bekannte Spruch: „Baden, Wildbad, Liebenzell -- kommen

all aus einem Quell,“ seine tatsächliche Berechtigung. Vom linken

Talgehänge schaut die mächtige, noch gut erhaltene Burg Liebenzell

auf Fluß, Dorf und Bad hinab, ein beliebtes Ausflugsziel mit schöner

Aussicht (Abb. 172).

[Sidenote: Pforzheim.]

Die Weiterfahrt nach Norden durch das waldumsäumte, stille Nagoldtal

läßt an Weißenstein mit seinem künstlichen, hochüberbrückten

Flußdurchstich vorbei durch mehrere Tunnels, deren letzter ins

Enztal hinüberleitet, Brötzingen, einen stark bevölkerten (etwa 7500

Einwohner) Vorort der Industriestadt Pforzheim, erreichen, in deren

Bahnhof (280 ~m~) unsere Schwarzwaldostgrenze ihren nördlichen Endpunkt

findet.

[Illustration: Abb. 168. Teinach. Auf der Höhe Zavelstein. Nach einer

Photographie im Verlag von L. Schaller in Stuttgart. (Zu Seite 154.)]

[Illustration: Abb. 169. Calw.

Nach einer Photographie im Verlag von L. Schaller in Stuttgart. (Zu

Seite 156.)]

[Sidenote: Das Würmtal.]

Pforzheim hat eine hervorragend günstige Verkehrslage. Von der

Rheinebene im Westen kommt die bequeme Straße, die den Schwarzwald

nördlich umgeht und ihre naturgemäße Fortsetzung ins Schwabenland

längs der unteren Enz zum Neckar bei Bietigheim findet. In die Täler

der oberen Enz und der Nagold verzweigen sich Nebenstraßen, eine

ebensolche folgt der Würm, welche kurz vor der Enz-Nagold-Vereinigung

in nächster Nähe der Stadt dem letztgenannten Fluß von Südosten

zuströmt. Wenn der Name der Stadt aus Porta Hercyniae abgeleitet wird,

so ist das wohl sinn-, aber nicht wahrheitsgemäß. Er kommt vielmehr

von Portus, bedeutet Hafen und erinnert an alten und wichtigen

Schiffs- wie Floßverkehr. Römische Funde verschiedener Art bezeugen

die früh erkannte Bedeutung des Ortes, der im sechzehnten Jahrhundert

vorübergehend badische Markgrafen-Residenz war, bis diese nach Durlach

verlegt wurde. Heute ist Pforzheim (Abb. 173), dessen Straßen sich

vom hochgelegenen Bahnhof 30 ~m~ bis zur Enz hinabsenken, mit seinen

69000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Badens und einer der wichtigsten

Fabrikorte Süddeutschlands. Seine blühende Goldwarenindustrie geht

auf das Jahr 1767 zurück, beschäftigt in der Stadt selbst sowie in

den angrenzenden Nachbarorten gegen 30000 Arbeiter und erzeugt Waren

im Wert von vielen Millionen Mark. An sogenannten Sehenswürdigkeiten

bietet die Stadt außer der alten Schloßkirche nicht allzuviel; ihr

Charakter ist der eines modernen Gemeinwesens mit lebhaft pulsierendem

Geschäftsleben. Das stattliche neue Rathaus, die ebenfalls ganz neue

Stadtkirche in dem vor kurzem erst erschlossenen Baugebiet unten an

der Enz, Stadtpark und Festhalle sind beredte Zeugen des lebhaften

Aufblühens der Stadt. Zahlreiche Ausflugsziele laden zu lohnenden

Wanderungen nach allen Seiten ein, so im Norden der nahe Wartberg

(377 ~m~) mit seiner weiten Aussicht, im Süden der Kupferhammer an

der Vereinigung von Nagold und Würm, und viele andere, unter denen

besonders der Ausflug ins Tal des letztgenannten Flüßchens Beachtung

finden möge, weil er uns in der gotischen Kirche zu Tiefenbronn

wohl die größte Monstranz in Deutschland und einen künstlerisch

hochbedeutsamen Altar finden läßt.

[Illustration: Abb. 170. Hirsau. Nach einer Photographie von G. Röbcke

in Freiburg. (Zu Seite 156.)]

Der Eisenbahnweg von Pforzheim nach Durlach bietet nichts von Belang

für eine Schwarzwaldschilderung. Durlach selbst und die nahe badische

Hauptstadt Karlsruhe liegen außerhalb des Rahmens, der hier gesteckt

ist, und die Strecke Karlsruhe-Rastatt kann für uns nur insofern von

Bedeutung sein, als sie in den Bahnstationen Ettlingen und Malsch

wichtige Eingangspforten des Gebirgsteiles erschließt, dessen Inneres

noch der Besprechung harrt.

XVIII. Kreuz und quer durch den östlichen Schwarzwald.

[Sidenote: Der Höhenweg II. Mahlberg.]

Als orographische Hauptachse des östlichen Schwarzwaldes muß naturgemäß

die unmittelbar über der Murg verlaufende, durch keine nennenswerte

Einsenkung unterbrochene Höhenlinie gelten, deren Ostgehänge sich

in die Quellgebiete der Unteren Alb -- die Obere Alb haben wir im

südlichen Schwarzwald kennen gelernt -- der Enz und Nagold hinabsenken.

Um sie kennen zu lernen, folgen wir in der Hauptsache dem nördlichsten

Stücke des Höhenweges II, der zwar nirgends so hoch ansteigt wie

die ihm entsprechenden Wegstrecken in den drei westlichen Gruppen

unseres Gebirges. Aber an einzelnen entzückenden Fernblicken und an

schweigender Einsamkeit prächtiger Waldlandschaften steht er den schon

bekannten Höhenwegen nicht nach. Auf lange Wanderstunden berührt

er keine menschliche Siedlung, dagegen hat er den Vorzug, daß die

Abstiege zu den Raststätten des Murgtales ausnahmslos nur kurz sind.

Von Karlsruhe aus wird diese stille Bergwelt viel und gerne besucht.

Und es ist ein bedeutender Vorzug der hinsichtlich ihrer allernächsten

Landschaftsumgebung etwas stiefmütterlich ausgestatteten badischen

Residenz, daß die Bahnen nach Rastatt und ins Murgtal, sowie ins Albtal

es mühelos gestatten, in kürzester Frist Hitze, Staub und Lärm der

Stadt zu vertauschen mit der kühlen Frische und Ruhe des friedlichen

Bergwaldes. Von der 8700 Einwohner zählenden Industriestadt Ettlingen,

die mit dem unfernen Karlsruhe durch zwei Bahnlinien verbunden ist,

kann über die mitten im Walde versteckten Dörfer Schluttenbach und

Völkersbach, und von der Station Malsch kann auf noch kürzerem Wege

das luftig auf der Höhe liegende Freiolsheim (500 ~m~) erreicht

werden, und dann erfordert der Anstieg zum Karlsruher Turm auf dem

Mahlberg (613 ~m~) nur noch geringe Zeit und Mühe. Oben erfreut uns ein

weiter, schöner Ausblick über ein Meer von Wald, über das dörferreiche

Murgtal gerade zu Füßen, auf die Badener Berge, die Rheinebene,

Wasgau und Hart. Bequeme Abstiege lassen die Bahn in Rothenfels

oder Gaggenau wieder erreichen. Weiter gelangen wir fast stets der

badisch-württembergischen Grenze entlang, die hier sehr weit gegen die

Rheinebene vorgeschoben erscheint, zum Sandsteinfelsen des Bernstein

(692 ~m~) und zum Käppele (532 ~m~), der Straßenhöhe zwischen Gernsbach

und Herrenalb, von wo zum Großen Loch aufgestiegen wird.

[Sidenote: Teufelsmühle.]

[Sidenote: Hohloh.]

Hier hat die Sandsteinverwitterung nicht nur die auch sonst weit

verbreiteten Blockmeere gebildet, sondern auch zur Entstehung

wirklicher Höhlen geführt. Schüsselartige Eintiefungen in die

Gesteinsoberfläche erscheinen dem Volke als Wundergebilde und gaben

seit alters Veranlassung, die nahe, jetzt auch turmgeschmückte

Höhe (907 ~m~) Teufelsmühle zu nennen. Hier gewinnen wir den von

Gernsbach heraufkommenden alten Weg, der sich als „Weinstraße“

bis Freudenstadt verfolgen läßt und daran erinnert, daß hier wie

anderwärts die Wegbauer früherer Jahrhunderte gern die Täler mit

ihren technischen Schwierigkeiten und Gefahren mieden und sich statt

ihrer so viel als möglich auf den Höhen hielten. Wir folgen der

Weinstraße bis zum Kaiser Wilhelm-Turm auf dem 988 ~m~ hohen Hohloh

(Abb. 174), der höchsten Erhebung des östlichen Schwarzwaldes und dem

nördlichsten Punkte, von dem in seltenen Fällen noch Alpenaussicht

nachgewiesenermaßen möglich ist.

[Illustration: Abb. 171. Der Wild- oder Hornsee. Gemälde von Hans

Busse. (Zu Seite 164.)]

[Illustration: Abb. 172. Partie am Stadtsee von Liebenzell.

Nach einer Photographie des Fremden-Verkehr-Vereins in Liebenzell. (Zu

Seite 158.)]

[Illustration: Abb. 173. Pforzheim, vom Römerweg gesehen.

Nach einer Photographie im Verlag von Otto Riecker in Pforzheim. (Zu

Seite 160.)]

Wenn schon oben beim Mahlberg von einem Meer von Wald gesprochen werden

konnte, so trifft diese Ausdrucksweise hier in noch viel höherem Grade

zu. Wald und nur Wald, soweit das Auge schweift. Meilenweit dehnt sich

der Forst nach allen Seiten aus, und nur ganz selten ist er auf kleiner

Fläche unterbrochen, wo ein Forsthaus, eine Sägemühle am Bach oder ein

kleines Dorf in der Talweitung unten Raum gefunden hat. Die beinahe

ganz flache Hochebene ist weitum sumpfig und ausgezeichnet durch die

interessante Flora der Hochmoore. Die Latsche hat hier ansehnliche

Verbreitung. Der kleine, melancholische Hohlohsee und der ebenso

beschaffene Wild- oder Hornsee (Abb. 171), ist nichts als eine etwas

tiefere Moorwasser-Ansammlung. In dem nicht weit vom Turm abliegenden

großherzoglich badischen Jagdschlößchen Kaltenbronn hat Kaiser Wilhelm

II. schon wiederholt geweilt, um von hier aus der Auerhahnjagd

obzuliegen.

[Sidenote: Die Weinstraße.]

Immer auf der Höhe zwischen Enz und Murg, immer im schweigenden

Walde zieht die Weinstraße südlich bis Besenfeld (783 ~m~) und

weiter bis Freudenstadt. Als wechselvoll kann diese lange Wanderung

nicht bezeichnet werden; nur der wird sie in ihrer ganzen Ausdehnung

durchführen, der die Menschen einmal recht gründlich fliehen will.

[Sidenote: Urnagold. Altensteig.]

Nahe bei Besenfeld, wo eine Straße von Schönegründ im Murgtal

heraufkommt, liegt Urnagold (822 ~m~) an einem breiten Höhenrücken,

von dem die Nagold nach Süden, später nach Osten, und in ganz kurzem

Abstand die Enz nach Norden abfließt. Längs der Quellbäche des

erstgenannten Flüßchens führen mancherlei Wege, meist zu Zwecken der

Holzabfuhr angelegt, durch fast völlig unbewohntes Waldland hinab nach

Altensteig (503 ~m~), einem alten Städtchen, das sich steil an der

Berglehne hinaufzieht. Der Ort hat heute über 2500 Einwohner, treibt

vielerlei Gewerbe, hauptsächlich aber den altüberlieferten Holzhandel

und die Flößerei, deren letztes Stündlein auch wohl hier bald schlagen

dürfte, wie dies an den anderen Schwarzwaldflüssen längst geschehen

ist; besonders lebhaft blüht die Wollfabrikation. Seit eine Nebenbahn

nach Nagold hinunterführt, sind auch die Luftkurgäste hier oben

eingezogen. Schloß, Stadt und Umgebung kamen wie Liebenzell mit seinem

Gebiet erst 1603 durch Tausch von Baden an Württemberg.

[Illustration: Abb. 174. Kaiser Wilhelm-Turm auf dem Hohloh.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 163.)]

[Sidenote: Berneck.]

In einem weiter abwärts einmündenden Nebentälchen liegt das kleine

Städtchen Berneck, geschützt von einer nicht großen, aber starken

Burg, deren Bauweise geradezu als Lehrbeispiel dienen kann für

die Art, wie solche kleine mittelalterliche Befestigungsanlagen

hergestellt wurden. Die 3 ~m~ dicke Schildmauer ist noch gut erhalten.

Ebhausen-Wöllhausen und Rohrdorf mit einem alten Deutschordensschloß

haben ansehnliche Tuchfabriken, die für Belebung der Stadt und

Eisenbahn in dem sonst weltfernen Waldtal der Nagold bis zur

gleichnamigen Stadt hinab nicht unwesentlich beitragen.

[Illustration: Abb. 175. Enzklösterle. (Zu Seite 165.)]

[Sidenote: Enztal. Wildbad.]

Schlagen wir von der Besenfelder Gegend aus der Enz entlang eine

nördliche Richtung ein, so kommen wir bald zum Stauweiher des

Poppelsees, der früher den Zwecken der Holzflößerei diente; dann

lichtet sich allmählich das Tal ein wenig, in Enzklösterle (Abb. 175)

zweigen Straßen zum Hohloh und nach Altensteig ab, und immer dem

munteren Flüßchen folgend dringen wir allmählich in die Bannmeile von

Wildbad ein, dem bedeutendsten, neuerdings lebhaft aufgeblühten Badeort

des Königreichs Württemberg.

Der Schwarzwald · 第 12 / 14 段