Altertümer, zweigen zwei Äste der Kaiserstuhlbahn ab und gestatten
bequem, das interessante Vulkangebirge des Kaiserstuhls zu besuchen.
Weiterhin erreichen wir das Städtchen Kenzingen, von wo eine Straße
ostwärts ins Bleichtal abzweigt, dann Herbolzheim, den aufstrebenden
Mittelpunkt der oberbadischen Tabakindustrie, hinter Orschweier liegt
auf einzeln aufragendem Basalthügel höchst malerisch das alte Mahlberg,
und bald jenseits Dinglingen geht es auf stattlicher Brücke über die
Kinzig nach Offenburg.
Auf der ganzen Fahrt stellt sich uns das fruchtbare und dichtbesiedelte
Vorhügelland und über ihm das waldige Gebirge mehr lieblich als
großartig vor Augen. Auch wenn wir die Hauptbahn verlassen, um
taleinwärts vorzudringen, bleibt der erstere Charakterzug vorwaltend.
Nur das untere Elztal macht da eine bemerkenswerte Ausnahme. Denn über
seinem Eingang ragt der unmittelbar von der Talsohle aufsteigende
Kandel zu 1241 ~m~ Höhe empor und erinnert in seinem kühnen Aufbau an
die gewaltigsten Berggestalten des südlichen Schwarzwaldes. Der beste
Ausgangspunkt zu seiner Besteigung ist die Stadt Waldkirch (Abb. 112).
Sie zählt mit dem anstoßenden Kollnau zusammen etwa 8300 Einwohner und
bildet einen der bedeutendsten Mittelpunkte der Breisgauer Industrie.
Unter den zahlreichen Fabriken werden den fremden Besucher der Gegend
in erster Reihe die Steinschleifereien interessieren. Sie sind aus
den früher hier wie auch in Freiburg häufigen Granatschleifereien,
die aber überall sonst zu bestehen aufhörten, hervorgegangen und
verarbeiten Halbedelsteine jeder Art zu Schmuck und den verschiedensten
Gerätschaften. Die Betriebe wie die Fabrikate sind in höchstem Grade
sehenswert (Abb. 110, 111).
[Illustration: Abb. 119. Triberg. Nach einer Photographie von G. Röbcke
in Freiburg. (Zu Seite 116.)]
[Sidenote: Elztal. Lahr.]
Über die hervorragend schöne Lage Waldkirchs gewinnt man den besten
Überblick von der Höhe der Kastelburgruine jenseits der Elz, von
wo zahlreiche prächtige Wege nach allen Seiten führen, besonders
auch nordwärts zum Hünersedel, dem gern besuchten Zentralpunkt
unserer Vorhöhenregion. Von ihm ist durchs Brettental oder über die
aussichtsreichen, besonders in der Obstbaumblütenzeit entzückenden
Höhen von Ottoschwanden und über Thennenbach die Stadt Emmendingen,
oder durchs Bleichtal das im prächtigsten Buchenwald versteckte Bad
Kirnhalden hinter Kenzingen, oder das ehemalige Kloster St. Landolin
bei Ettenheimmünster und weiter Ettenheim, endlich im nordwärts
streichenden, wohlangebauten Schuttertal die bedeutende Fabrikstadt
Lahr zu erreichen. All diese Wanderungen sind lohnend in jeder
Hinsicht, nicht minder empfiehlt sich das trachtenfreudige Elztal
selbst dem Besuch (Abb. 113, 114, 115), besonders seit die Bahn
bis zum freundlichen Städtchen Elzach (383 ~m~) hinaufführt und es
ermöglicht, von hier zum Hünersedel oder über die Heidburg nach dem
forellenberühmten Gasthaus zu den drei Schneeballen in Hofstetten und
weiter nach Haslach im Kinzigtal abzusteigen, wenn man nicht ostwärts
die Haupthöhen des mittleren Schwarzwaldes gewinnen will.
Lahr wird schon vor dem Jahre 1300 als Stadt bezeichnet; es war
zuerst im Besitz der Herren auf der nahen Burg Geroldseck, später
gelangte es unter nassauische Hoheit und erst 1803 wurde es badisch.
Heute zählt die Stadt über 15000 Einwohner und nimmt mit ihren
zahlreichen blühenden Industrien unter den gewerbtreibenden Orten
Badens eine hervorragende Stelle ein. Wer kennt nicht den Lotzbeckschen
Schnupftabak, wer nicht den Kalender des Lahrer hinkenden Boten, der
nun schon auf mehr als hundert Jahrgänge zurückblickt? Nicht nur hat
der Hinkende mit seinen Erzählungen aus der einfachen Welt des Bauern
und Kleinbürgers Millionen von Herzen gerührt und erbaut, er hat auch
das literarische Verdienst, Geist, Gesinnung und Stil des Altmeisters
Hebel, wie wir sie in den Erzählungen des Rheinländischen Hausfreundes
schätzen, erhalten und den jüngeren Geschlechtern wertvoll gemacht
zu haben. Auf die Anregung des Hinkenden ist auch, und das gereicht
seinem Fühlen und Streben zur hohen Ehre, das Bestehen des ersten
Reichswaisenhauses zurückzuführen, jener echt humanen Anstalt, die vom
Abhang des Altvaterberges freundlich in die Stadt herabgrüßt. Lahr
eignet sich seiner Lage nach ganz ausgezeichnet als Stützpunkt für
eine große Anzahl lohnender Ausflüge in die Berg- und Waldlandschaft
zwischen dem untern Kinzigtal und der Rheinebene. Von der Straße, die
aus dem Schuttertal über den niedern Schönbergsattel (569 ~m~) nach
Biberach an der Kinzig führt, zweigt bei der Paßhöhe ein Pfad nördlich
zum burggekrönten Porphyrkegel der aussichtsreichen Geroldseck ab,
zahlreiche Wege verzweigen sich von hier aus ins Gebiet des Steinfirst
und gegen Gengenbach zu oder in die Richtung zu dem Kohlenbergwerk bei
Diersburg-Berghaupten, dem einzigen, das der Schwarzwald aufweist.
Westlich in der Ebene liegt das Dorf Meißenheim, das die Goetheverehrer
zu einer Wallfahrt auf das Grab der hier 1813 entschlafenen Friederike
von Sesenheim einlädt.
XII. Die Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Donaueschingen.
[Sidenote: Offenburg.]
Offenburg liegt gegenüber dem mächtigen Straßburg an der Stelle der
rechtsrheinischen Bergstraße, wo diese die Kinzig überbrücken muß. Von
diesem 95 ~km~ langen Flusse wissen wir schon, daß er an der Ostseite
des Schwarzwaldes entspringt, also einen natürlichen Weg quer durch
das ganze Gebirge eröffnet. Die Lage unserer Stadt, dazu noch auf
einer natürlichen Terrasse hoch über dem Überschwemmungs-Lande des
vor seiner Korrektion einst sehr wilden Flusses, ist demnach eine in
jeder Hinsicht günstige, und so begreift es sich, daß aus dem schon im
zehnten Jahrhundert genannten „Kinzigdorf“ allmählich ein bedeutender
Ort, der erste der Ortenau, lange Zeit freie Reichsstadt, erwachsen
mußte. Heute zählt Offenburg beinahe 17000 Einwohner und blüht in
lebhaftem Gewerbebetrieb, Handel und Verkehr. Seine belebten Straßen
mit stattlichen Gebäuden jeder Art lassen die Stadt recht schmuck
erscheinen (Abb. 116). Daß wir auf dem Marktplatz ein Standbild des
Seefahrers Francis Drake finden, dem Europa in der Hauptsache die
Einführung der Kartoffel verdankt, ist auf einen freundlichen Zufall
zurückzuführen. Der Schöpfer des Denkmals, Bildhauer Friedrich in
Straßburg, hat nämlich sein Werk der Stadt geschenkt.
[Illustration: Abb. 120. Hornberg. Nach einer Photographie von Ph.
Bussemer in Baden. (Zu Seite 116.)]
Große Bedeutung hat Offenburg als Weinmarkt für die reichen Rebgelände
der Ortenau. Eine Weinfahrt an der gotischen Kirche von Weingarten,
ganz in Obstbäumen und Rebhügeln versteckt, vorüber nach den Dörfern
Zell, Weierbach, Ortenberg, Fessenbach und besonders Durbach ist jedem
dringend zu empfehlen, der gern an der Quelle nippt. Im Frühling,
zur Zeit der Obstbaumblüte, gibt es nichts Schöneres als diese reich
gesegnete, unendlich liebliche Landschaft; im Oktober, wenn die Geister
des „Neuen“ in den Fässern umgehen, kann die Sache etwas gefährlich
werden, selbst wenn einem die schöne Melusine am Staufenberg nicht
erscheint, deren Sage hier lokalisiert ist. Die prächtigen Waldberge,
die über dem Vorhügelland aufragen, das Hohe Horn und der Brandeckkopf
(692 ~m~) gewähren von ihren Aussichtstürmen schöne Blicke, besonders
auch auf die weite Ebene zu beiden Seiten des Rheines, auf Erwins
Wunderbau und die zartgeschwungenen Linien des Wasgenwaldes, ganz
abgesehen von dem unendlich lieblichen Vordergrund.
An Ortenberg vorbei, dessen um 1840 neu hergestelltes Schloß die
Talwacht hält, bringt uns die Schwarzwaldbahn rasch nach Gengenbach,
einem reizenden kleinen Städtchen, das ob der reichen Fruchtbarkeit
seiner Äcker, Gärten und Reben, hauptsächlich aber wegen seines
überaus geschützten, gleichmäßig milden Klimas nicht ganz mit Unrecht
das badische Nizza heißt. Noch stehen Tore und Türme wie einst, als
die Stadt reichsfrei war, noch ragt die mächtige Basilika der alten
Benediktinerabtei auf. Jedenfalls darf Gengenbach, das heute rund 3200
Einwohner zählt, zu den schmucksten unter den altertümlichen Städten
des deutschen Südens gerechnet werden und lohnt in jeder Hinsicht auch
längeren Aufenthalt. Josef Viktor Scheffels Vater stammte von hier,
wie eine Hausinschrift uns belehrt. Sollte etwa gar der Genius Loci
Gengenbachs dem Dichter seine feuchtfröhlichen Gesänge eingegeben haben?
[Illustration: Abb. 121. Brauttracht von St. Georgen.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 118.)]
[Sidenote: Im Kinzigtal.]
Längs der Kinzig geht’s nun im breiten, lichtüberfluteten Tal weiter.
Bei Biberach schaut von Westen die Geroldseck von ihrem Porphyrfels
herab, ostwärts führt eine Nebenbahn ins Harmersbacher Tal hinauf,
und zwar zunächst zu dem unfernen Städtchen Zell am Harmersbach, auch
einer alten „Reichsstadt“ mit manchem sehenswerten Bau aus früherer
Zeit. Hier zweigt das Nordrachtal ab, dessen oberer Teil seit einigen
Jahren vielbesuchte Lungenheilanstalten birgt. Die Bauernschaft von
Harmersbach war bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gleich
den benachbarten Städten Offenburg, Gengenbach und Zell reichsfrei
und bildete den Stand des „Reichstales Harmersbach“. In die seltsamen
Verhältnisse und Zustände dieses bäuerlichen Kleinstaates, die des
Interesses wahrlich nicht entbehren, erhalten wir lohnenden und
wertvollen Einblick durch die Erzählung des Volksschriftstellers
Heinrich Hansjakob: „Der letzte Reichsvogt.“
Rasch führt uns die Bahn von diesen Orten, in denen sich dereinst ein
gut Teil der Kleingeschichte und Not des alten Reiches abspielte,
nach Haslach, das neuerdings durch seinen eben genannten Sohn, den
katholischen Stadtpfarrer Hansjakob bei St. Martin in Freiburg,
in weiteren Kreisen berühmt geworden ist. Wer die Schwarzwälder
Kleinbürger und Bauern in ihrem Denken und Fühlen kennen lernen
will, und zwar nicht durch die Brille einer dem Volke fremden
Sentimentalität, der lese Hansjakob. Gewiß wird man sich gelegentlich
über die oder jene sonderbare Ansicht des Verfassers ärgern oder
zum mindesten wundern, aber trotzdem sind seine Erzählungen und
Schilderungen eine gesunde Kost, besonders für jeden, der gewillt ist,
wahr zu sehen, und der mit der Wahrheit auch gern einmal etwas Derbes
in Kauf nimmt, das jedenfalls echter ist als erlogenes Einlullen in
Zimperlichkeiten.
[Illustration: Abb. 122. St. Peter.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 121.)]
Von Haslach, ebenfalls einem sehr freundlichen Städtchen des ob seines
zu allen Zeiten lebhaften Verkehres städtereichen Kinzigtales, führen
Wege über Biereck, Heidburg oder Mühlenbach nach Elzach; unsere Bahn
aber gelangt in kurzem nach Hausach (241 ~m~), am Fuß einer Burg
malerisch gelegen, wo wir nun die Kinzig verlassen, um im Tal der
Gutach den Höhen zuzustreben, über welche wir wieder zur Donau hinüber
gelangen.
[Sidenote: Die Schwarzwaldbahn.]
Hier beginnt die eigentliche Schwarzwaldbahn, 1867-1873 erbaut. Ist
man von Offenburg bis Hausach bei 34 ~km~ Bahnlänge nur um 82 ~m~
gestiegen, so lassen uns 9 weitere Kilometer bis Hornberg schon auf
384, also um 143 ~m~ steigen. Von hier ab muß bis zur Wasserscheide
bei der Station Sommerau (832 ~m~) ein Höhenunterschied von 448 ~m~
überwunden werden. Um das zu ermöglichen, wird die Länge des Weges
von 14 auf 26 ~km~ vergrößert, was durch weitausgezogene Schleifen
der Bahnlinie ermöglicht wird. 9,5 ~km~, also mehr als ein Drittel
der ganzen Strecke, werden innerhalb der 38 Tunnels zurückgelegt, von
denen der letzte, der Sommerautunnel, mit rund 1700 ~m~ der längste
ist. Hat man ihn verlassen, so senkt sich die Bahn längs der Brigach
bis Donaueschingen auf 677 ~m~ herab, also bei 31 ~km~ Entfernung
nur ein Gefälle von 155 ~m~. Wieder tritt uns in diesen Zahlen der
Gegensatz zwischen dem West- und Ostabfall des Schwarzwaldes deutlich
vor Augen. Kinzigtal und Baar sind zwei ganz verschiedene Welten, der
sie verbindende Schienenstrang aber ist eine Gebirgsbahn, die nach
der Bedeutung der von ihr überwundenen technischen Schwierigkeiten
nicht nur neben oder über die Linien Freiburg-Donaueschingen und
Immendingen-Waldshut gestellt werden darf, sondern auch den Vergleich
mit den berühmtesten Alpenbahnen kühnlich aushält. Die Windungen der
Linie bringen es mit sich, daß man gelegentlich vom Zugfenster aus
jenseits des Tales zwei Äste des Bahnkörpers übereinander sieht, und
zwar mit entgegengesetztem Gefälle. Eine Orientierung ist hier nur mit
guter Karte möglich[2].
[Sidenote: Triberg.]
Oberhalb Hausach wird das Tal enger, dabei ändert sich sein Charakter
fast plötzlich. An Stelle des Lieblichen, Freien tritt das Wilde,
Eingeengte. Oberhalb Gutach mit seinem trachtliebenden Völkchen (Abb.
117) und seiner Malerkolonie erreichen wir jenseits eines 150 ~m~
langen und 24 ~m~ hohen Viadukts den Bahnhof Hornberg, von dem wir
einen schönen Blick auf das unter uns in engem Tal eingeschlossene und
von hohem Schloß überragte malerische Städtchen genießen, das sich
lebhaften Gewerbebetriebes jeder Art erfreut und ein Hauptpunkt des
Schwarzwälder Fremdenverkehrs geworden ist, für den es die denkbar
günstigsten Bedingungen bietet (Abb. 120). Nun wird bald das Tal
überbrückt, die Kurven und Tunnels beginnen, der großartige Bahnbau
fesselt unser ganzes Interesse, jeder Ausblick zwischen je zwei Tunnels
zaubert ein neues, überraschendes Bild vor unser Auge, gleichgültig,
nach welcher Seite wir blicken. Die Landschaft wird von Minute zu
Minute großartiger, wilder. So erreichen wir fast nur zu rasch den
Bahnhof Triberg (616 ~m~), von dem aus das gleichnamige Städtchen,
welches jetzt 4000 Einwohner zählt, sich steil hinaufzieht bis zur
120 ~m~ höher gelegenen Wallfahrtskirche Maria in der Tanne. Zwischen
drei Bergen liegt der seit dem Brande 1826 freundlich neu erbaute Ort
(Abb. 118 u. 119), dessen Uhrenindustrie hoch bedeutsam und dessen
Gewerbehalle eine Sehenswürdigkeit ist. Doch mehr lockt neuerdings
die windgeschützte, hohe Lage mitten im Walde, der prachtvolle
Wasserfall, der die Gutach in mehreren Absätzen 120 ~m~ hoch über die
phantastischen Granitfelsen heruntertosen läßt (Abb. 1), die Fülle
herrlich gepflegter Wege nach allen Seiten. All das hat Triberg zu
einem stark besuchten Sommerkurort werden lassen, dessen modernes
Leben eigentümlich absticht gegen die Stille und Abgeschiedenheit in
den Tagen vor der Bahneröffnung. Alle diese Wandlungen sind in letzter
Reihe Robert Gerwig, dem genialen Erbauer des kühnen Schienenstranges,
zu verdanken. Sein Denkmal ziert darum mit Recht den Stadteingang.
[Illustration: Abb. 123. Holzschlitten im Winter. Nach einer
Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 121.)]
Von Triberg steigt die Bahn in gleicher Weise wie bisher weiter, und
wiederum gewährt sie uns an schönen Landschaftsbildern und technischen
Problemen des Überraschenden fast mehr, als wir bei der schnellen
Fahrt geordnet aufnehmen können. Der Sommerautunnel, wie schon gesagt
der größte von allen, durchschneidet die Rhein-Donauwasserscheide.
Über ihm, an der alten Straße, steht das große Wirtshaus auf der
Scheitelhöhe derart, daß die Traufe der einen Dachseite zum Rhein, die
der anderen zur Donau abfließt.
[Sidenote: St. Georgen.]
Vom Bahnhof Sommerau geht es nun im waldumsäumten Wiesenhochtal
gemächlich abwärts, bald wird die Brigach erreicht, über die hoch
am Berg hinauf gebaut die blühende Industriestadt St. Georgen
(806-864 ~m~) mit fast 4600 Einwohnern liegt. Sie entstand um eines
der vielen Benediktinerklöster des Schwarzwaldes, das in diesen
Gegenden lange Zeit hindurch eine ähnliche Bedeutung hatte, wie
weiter im Süden St. Blasien, das aber wie dieses längst nicht mehr
besteht. Die Schwarzwälder Uhrenfabrikation und die Herstellung
von Uhrenbestandteilen, Werkzeugen allerart, auch die Stroh- und
Strohhutflechterei hat in St. Georgen einen ihrer wichtigsten
Mittelpunkte, wie der Besuch der interessanten Gewerbehalle deutlich
lehrt. Auch hier hat sich die alte Tracht der Frauen und Mädchen noch
erhalten (Abb. 121).
Unfern der Station Peterzell liegt mitten im herrlichsten Hochwalde
eingeschlossen die erst 1806 gegründete Herrenhuter Kolonie Königsfeld
(763 ~m~) mit geschätzten Erziehungsanstalten für Knaben und Mädchen.
Die staubfreie Höhenlage und die Waldesnähe haben auch hier einen
vielbesuchten Luftkurort entstehen lassen.
[Illustration: Abb. 124. Zweribachfall.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 121.)]
[Sidenote: Villingen.]
Nun tritt man allmählich aus dem Waldrevier des Grundgebirges und des
Buntsandsteines, das weitum den Reichtum der Stadt Villingen ausmacht
und vor mehreren Jahren das prachtvoll gelegene Kurhaus Villingen hat
entstehen lassen, hinaus auf die Muschelkalkebene der Baar, die wir
weiter im Süden schon früher kennen lernten. Umgeben von wogenden
Fruchtfeldern liegt hier die alte Stadt Villingen (704 ~m~), die neben
Freiburg lange Zeiten hindurch die erste war für ein weites Gebiet.
Die schon besprochene alte Hochstraße vom Breisgau durchs Dreisamtal
und über den Hohlen Graben ins Bregtal fand einst ihre nordöstliche
Fortsetzung hierher und weiter nach Rottweil am Neckar. Sie ist jetzt
vereinsamt, weil durch andere abgelöst. Aber Villingen hat sich in
seinem zweitürmigen Münster, seinen Toren und anderen Bauten die Spuren
seines alten Wertes erhalten und nimmt heute mit rund 11000 Einwohnern
als reiche, blühende Stadt am modernen Leben tätigen Anteil. Das
Klima ist mit dem der Rheinebene verglichen wohl etwas rauh, aber die
tüchtige Bevölkerung ist daran gewöhnt und findet in ihm Kräftigung und
Stählung.
[Illustration: Abb. 125. Festgang der Frauen in die Kirche; Bleibach.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 121.)]
Noch eine kurze Bahnstrecke durch das breite, reich angebaute
Brigachtal, aus dem mittels einer kurzen Nebenbahn das im Osten nahe
gelegene Dürrheim mit Saline und Solbad leicht zu erreichen ist, und
wir haben in Donaueschingen (676 ~m~) wieder bekannten Boden betreten.
[2] Als beste empfiehlt sich das Blatt Triberg des badischen
topographischen Atlas im Maßstabe 1 : 25000.
XIII. Die Höhenwelt des mittleren Schwarzwaldes.
[Sidenote: Der Turner.]
[Sidenote: St. Peter.]
Wie im südlichen Teile des Gebirges lernen wir auch hier wieder die
Höhenregion am besten kennen, wenn wir dem mit roter Raute bezeichneten
Hauptkammweg folgen, den wir vom Titisee bis Basel und Waldshut schon
gewandert sind, und der uns in entgegengesetzter Richtung schließlich
bis nach Pforzheim gelangen läßt. Vom Titisee führt uns der Höhenweg
I nordwärts auf die Weißtannenhöhe (1190 ~m~), von wo die imposante
Berggestalt des Feldbergs im Süden und der scharf gezeichnete,
schartenartige Einschnitt des Höllentales im Westen als besonders
auffällige Einzelbilder unsere Aufmerksamkeit erregen. Dann erreichen
wir die Hochfläche des Turner (1035 ~m~) mit seinem viel besuchten und
aussichtsreichen Gasthaus in typischer Schwarzwaldumgebung. Von hier
führen Wege nach allen Himmelsrichtungen, so durch das stille Joostal
nach Neustadt, über die Höhe nach Breitnau und weiter unmittelbar
zur Höllentalbahn, oder hoch über dieser hin und mit großartigen
Niederblicken über den Hohwart und die Nessellache nach Himmelreich
hinab, oder endlich ebendahin auf dem alten Heerweg durch das Spirzen-
und Wagensteiger Tal. Überaus lohnend ist vor allen Dingen aber die
schöne Hochstraße auf der Wasserscheide zwischen dem Wildgutach- und
dem Dreisamgebiet nach den ehemaligen Klöstern St. Märgen (890 ~m~) und
St. Peter (722 ~m~), deren zweitürmige Kirchen weither sichtbar sind.
In St. Peter (Abb. 122) liegen mehrere Herzöge von Zähringen begraben,
der große Klosterbau ist jetzt katholisches Priesterseminar. Zahlreiche
Wege führen von da zur Dreisam hinab (Abb. 123), ein herrlicher
Waldpfad hält sich auf den Höhen und senkt sich schließlich vom Roßkopf
und Schloßberg direkt nach Freiburg. Er kann jedem wanderfrohen
Naturfreund aufs beste empfohlen werden, ebenso der Abstieg von St.
Peter durch das im oberen Teil wildfelsige, im unteren Teil liebliche
und mit Obst wie herrlichem Wein reich gesegnete Glottertal, dessen
Mädchen und Frauen sich ähnlich kleiden wie ihre Schwestern im
Elzgebiet; der gelb lackierte Zylinderhut wird dem Fremden an der sonst
nicht unkleidsamen Tracht am sonderbarsten erscheinen.
[Illustration: Abb. 126. Frauentracht von Schonach.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 122.)]
[Sidenote: Der Kandel.]
Endlich können wir von St. Märgen und St. Peter aus bequem den Kandel
(1241 ~m~) besteigen, den weit nach Westen vorgeschobenen höchsten
Gipfel im mittleren Schwarzwald. Er ragt von der Rheinebene und von dem
unteren Elztal ähnlich schroff auf wie weiter südlich der Belchen und
erscheint darum in seiner massigen Gestalt auch als ein Berggewaltiger
ersten Ranges. Oben finden wir im Rasthaus gute Unterkunft, beim Signal
der internationalen Erdmessung eröffnet sich uns eine unvergleichlich
schöne Rundsicht, im Süden bis zu den Alpen. Zumeist wird nach
Waldkirch abgestiegen, wohin zahlreiche bequeme Wege uns in kurzer
Frist gelangen lassen.
[Illustration: Abb. 127. Frauentracht von Schonach.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 122.)]
[Sidenote: Simonswälder Tal.]
Der Nordostfuß des Höhenzuges Turner-Kandel liegt an der Sohle des
Simonswälder Tales, das mit seinen freundlichen Gehöften, seinen
malerischen Baumgruppen und seiner stolzen Bergumrahmung vielen als
eines der allerbesuchenswertesten des Gebirges gilt. Der Abstiege gibt
es mancherlei. Es sollen nur genannt sein der nach Glashütten und zum
forellenberühmten Dreistegenwirtshaus in Wildgutach, sowie der zum
mächtigen Wasserfall des Zweribaches in seiner Felsschlucht (Abb.
124). Durch das Tal zieht seiner ganzen Länge nach eine prachtvolle
Kunststraße, die schließlich bei der Bahnstation Bleibach (Abb. 125)
ins Elztal ausmündet.
Auf unserem Haupthöhenweg liegt in kurzem Abstand vom Turner der Hohle
Graben (1033 ~m~), eine die Kämme und Täler weithin beherrschende
Stelle, die darum früher, als die Hauptverbindung von der Donau
nach dem Breisgau hier durchführte, auch strategisch bedeutsam war.
Im Dreißigjährigen Krieg und in den Tagen des Prinzen Eugen war der
Punkt stark verschanzt und viel umkämpft, gewaltige Heeresmassen sind
gar oft über diese einsamen Höhen gezogen, in schlechter wie in guter
Jahreszeit. Beim Lachenhäusle (1077 ~m~) überrascht der Niederblick in
das tief eingeschnittene Wildgutachtal, auf der anderen Seite liegt in
weltabgeschiedenster Einsamkeit das stille Pfarrdorf Waldau. Bei der
„Kaltenherberg“ (1030 ~m~) -- der Name bezeichnet den Klimacharakter
der Lokalität wohl deutlich genug -- senkt sich das Gebirge sanft der
Donau zu, und auf abgelegenen Waldpfaden längs der Wasserscheide kann
man von hier ab zum Höchst (1033 ~m~), der Paßhöhe an der schönen
Straße gelangen, die von Neustadt ins Tal des Eisenbächle und nach
Hammereisenbach führt; auch der Höhenkurort Friedenweiler (902 ~m~),
eine frühere Klosterniederlassung, liegt in diesem Revier.
[Sidenote: Kaltenherberg. Brend.]