des südöstlichsten Schwarzwaldes ist derselben Ursache zu danken, die
wir schon für die Verlegung des Wutachlaufes und die Entstehung der
Talwasserscheide bei Zollhaus verantwortlich machten. Als der Rhein
allmählich das Schiefergebirge zwischen Bingen und Bonn durchnagte,
schnitt sich sein Bett auch im Oberlaufe d. h. von Basel ostwärts
tiefer ein. Die Folge davon war notwendig eine verstärkte Erosion
der Nebenflüsse, die in den unteren Strecken derselben zuerst und
zumeist ansetzte und den Oberlauf bis zur Stunde noch nicht erreicht
hat. Die Wasserläufe von der Wehra bis zur Wutach tragen daher
alle die Merkmale des Jugendlichen, Unfertigen in hohem Grade an
sich, und das Haupterkennungszeichen dieser Eigenschaften ist eben
das Nichtausgeglichensein des Gefälles, seine Verstärkung unten,
seine Abschwächung oben. All die genannten Täler haben als Ergebnis
derselben Entstehungsursache auch eine unverkennbare Ähnlichkeit
ihres landschaftlichen Charakters. Es ist darum nicht nötig, hier
eine vollständige Beschreibung derselben zu geben. Damit soll aber
nicht gesagt sein, daß sie zu durchwandern nicht ein hoher Genuß sei.
Im Gegenteil! Wem es darum zu tun ist, denkbar wechselvolle Bilder
großartiger Felsszenerien auf sich einwirken zu lassen, dem kann nur
dringend geraten werden, die Kunststraßen längs der Wehra, Murg, Alb,
Schwarza, Schlücht behaglich schlendernd zu begehen oder, wenn es ihm
mehr Freude macht, sie abwärts zu radeln oder im offenen Wagen zu
befahren. Er wird sich reichlich belohnt finden.
[Sidenote: Talbildungen. Todtmoos.]
[Sidenote: Wehra.]
Vom Höhenweg I aus haben wir schon den Abstieg nach Todtmoos an der
Wehra (821 ~m~) kennen gelernt. Dieses große, weitzerstreute Dorf mit
vielbesuchter Wallfahrtskirche liegt vor rauhen Winden geschützt und
ist daher ein sehr empfehlenswerter Luftkurort geworden (Abb. 79). Das
vornehme Sanatorium Wehrawald mit seiner vortrefflichen Einrichtung
arbeitet unter ähnlich günstigen Bedingungen für Lungenkranke wie
Davos oder Arosa (Abb. 78). Unterhalb des waldumrahmten friedlichen
Talbodens von Todtmoos schließen sich die Talgehänge bald näher
zusammen, und etwa drei Wegstunden lang windet sich nun die Straße
durch die Schlucht, immer nahe über dem tosenden Wildwasser. Bei der
Ewaldbrücke und dem nicht weit davon entfernten Straßentunnel ist die
Landschaft am großartigsten geworden (Abb. 80). Oberhalb Wehr, einem
Industrieorte mit gegen 3700 Einwohnern, hat sich das Tal wieder
freundlich geöffnet, und bald ist von hier mit der Eisenbahn das
Rheintal bei Brennet erreicht. Die Bahnstrecke Säckingen-Brennet-Wehr
findet ihre westliche Fortsetzung nach Schopfheim im Wiesental; nahe
unterhalb des Kurhauses Schweigmatt und des Eichener Sees durchbricht
sie den Kalkrücken des Dinkelberges in dem 3169 ~m~ langen Großherzog
Friedrich-Tunnel; neben dem Tunnel bei Kochem an der Mosel ist dies
der längste im Deutschen Reich. Beim Ostausgang des Tunnels liegt die
Haseler Tropfsteinhöhle, auch Erdmannshöhle genannt, deren interessante
Unterwelt mit ihren vielfach recht phantastisch gestalteten
Kalkgebilden verschiedensten Namens (Abb. 81) einen Besuch auch dann
verdiente, wenn Scheffel seinen Trompeter nicht hierher geführt und den
stillen Mann in ihr nicht so schöne Lieder hätte singen lassen. Die
Höhle hat seit kurzem elektrische Beleuchtung.
[Sidenote: Murg, Alb St. Blasien.]
Auch das Tal der Oberen Murg, das am bequemsten von Todtmoos aus
erreicht wird und mitten durch den Hotzenwald führt, verdient
Beachtung, besonders im wilden Unterlauf, wo die Umgebung des
Harpolinger Schlosses uns hervorragend schöne Landschaften vors Auge
zaubert. In noch höherem Maße ist das der Fall beim Albtal. Vom Sattel
der Wacht oder vom Feldbergerhof führen angenehme Wege durch die Täler
von Bernau oder Menzenschwand, der letztere durch eine großartige
Moränenlandschaft, nach St. Blasien, das wir auch vom Herzogerhorn auf
aussichtsreichem Höhenzugangsweg erreichen können.
[Illustration: Abb. 107. Alte Kuhglocke.
Aus der Sammlung Spiegelhalter.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 109.)]
St. Blasien (772 ~m~), ein Städtchen von über 1700 Einwohnern,
ist in junger Vergangenheit entstanden um die alte, vornehme
Benediktinerabtei, die 1806 aufgehoben worden ist. Sie war von
den südwestdeutschen Klöstern weitaus das bedeutendste und hatte
ausgedehnten Landbesitz, von dem die Sage ging, daß der Fürstabt
während der Reise vom Schwarzwald nach Rom jede Nacht auf eigenem Grund
und Boden Quartier nehmen könne.
Das glänzendste Denkmal des alten Reichtums ist die Kuppelkirche,
die unter Abt Gerbert 1768-83 als Nachahmung des Pantheons in Rom
gebaut wurde. Der Rundbau hat eine Höhe von 64 Metern, die gewaltige,
kupfergedeckte Kuppel mißt 35 Meter im Durchmesser. Es ist eines der
wunderbarsten Bilder, die man genießen kann, wenn die Abendsonne
die mächtige, tannenwaldumhüllte Kuppel zauberisch beleuchtet. Der
Kontrast zwischen der himmlisch wohligen Waldeinsamkeit des stillen
Hochtales und dem Wunderbau der Gerbertschen Kuppelkirche ist ein
völlig überwältigender (Abb. 83). Das Klostergebäude ist Baumwollfabrik
geworden, der Ort im ganzen aber dient fast ausnahmlos modernsten
Kurzwecken. Das vornehme Kurhaus, einige Sanatorien, zahlreiche Villen
und Fremdenpensionen haben eine internationale Fremdenkolonie erstehen
lassen, deren Mitglieder das Lob der Schönheit und des günstigen Klimas
von St. Blasien dankbar in alle Welt verbreiten.
Je weiter abwärts, desto schöner und interessanter wird das Albtal;
besonders zwischen Tiefenstein und Albbruck, wo es in das Rheintal
ausmündet, wird seine felswilde Großartigkeit derart, daß sie sich im
Schwarzwald nicht leicht Vergleichbares an die Seite stellen läßt (Abb.
82).
[Sidenote: Schwarza, Mettma.]
Zu den Talschluchten östlich der Alb gelangt man von Norden her am
bequemsten vom Titisee aus. Von der Lenzkircher Straße zweigt hoch
über dem See eine andere ab, die über Alt-Glashütten (993 ~m~) zum
waldeinsamen, stillen Schluchsee (899 ~m~) führt, über welchem der
gleichnamige Luftkurort erhöht gelegen ist. Der Schluchsee nimmt bei
etwas größerer Länge aber geringerer Breite fast genau die gleiche
Fläche ein wie der Titisee. Sein unteres Ende ist durch einen
gewaltigen Moränenwall abgedämmt (Abb. 86), der die Schwarza zwingt,
nach Süden abzuströmen, während der ehemalige Ablauf in der Talrichtung
des Sees, die Mettma, jetzt als selbständiger Fluß erscheint.
[Illustration: Abb. 108. Zähringer Burg.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 110.)]
[Sidenote: Schlücht.]
Über dem rechten Ufer der tief eingesägten Schwarza zieht eine
prächtige Straße durch die Granitlandschaft nach Häusern und St.
Blasien. Eine Abzweigung steigt nach Höchenschwand (1010 ~m~) hinauf,
dem frei gelegenen Luftkurort, dessen meteorologische Station
wertvolles Material zur Kenntnis des Höhenklimas im Schwarzwald
beigebracht und dessen umfassende Alpenaussicht manchen Reisenden
glücklich gemacht hat. Von hier ziehen stille Wege über die Höhen
(Abb. 87) und durch das Felstal der Schwarza (Abb. 84), ebenso ist
vom Schluchsee aus der in herrlicher Waldumgebung gelegene Kurort
Rothhaus leicht zu erreichen, der neben der Staatsbrauerei gleichen
Namens (972 ~m~) allmählich erwachsen ist (Abb. 85). Unfern liegt
der kleine Schlüchtsee (Abb. 89) in träumerisch einsamer Umgebung.
Aus ihm entspringt die Schlücht, die ebenso wie die etwas weiter
westlich fließende Mettma nach unten sich tief in den Felskörper des
Gebirges eingesägt hat, so daß nahe ihrer Vereinigungsstelle oberhalb
der Witznauer Mühle (437 ~m~), von der das Städtchen Thiengen bei
Waldshut in kurzer Zeit zu erreichen ist, das Gebirge uns eine seiner
sehenswertesten Landschaften vor Augen führt (Abb. 88, 90). Noch ein
wenig weiter östlich hat sich das Steinaflüßchen seinen Weg gebahnt.
Das Steinatal wird am besten von Bonndorf aus besucht, wobei uns zuerst
das freundliche Steinabad in seiner Waldumrahmung fesselt, dann werden
die Ruinen der Roggenbachschlösser die Aufmerksamkeit erregen, und nun
geht’s das stille Tal hinab, das wenig oberhalb des Schlüchttals bei
Thiengen ins Wutachtal ausmündet. Die Höhen zwischen diesen Tälern sind
ihrer orographischen Gestaltung nach etwas einförmig, aber das machen
sie gut durch ihre herrlichen Fernblicke. Um diese, besonders auf die
Alpen, genießen zu können, empfiehlt es sich, von Nord nach Süd zu
wandern, sei es etwa auf der Straße von Höchenschwand nach Waldshut
oder auf der von Schluchsee über den Beerauer Berg nach der Witznauer
Mühle, also im wesentlichen der Richtung der Höhenwege II zu folgen.
[Illustration: Abb. 109. Die Hochburg.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 110.)]
[Sidenote: Steina und Wiese.]
Im Westen der Linie Feldberg-Schweigmatt ist der Charakter des Gebirges
ganz verschieden von dem, wie wir ihn eben kennen lernten. An die
Stelle der Hochflächen, die durch schmale Schluchten voneinander
getrennt sind, treten wohlausgebildete Bergformen in reichgestaltiger
Einzelmodellierung, dazwischen liegen normalgebaute Täler, die ihr
Gefälle nach unten abschwächen und gleichzeitig ihre Breite vergrößern,
bis sie schließlich sich mit weiten Mündungstrichtern dem Rhein zu
öffnen. Das größte und in seiner Art schönste dieser Täler ist das
der Wiese, die am Zeiger beim Feldberg (1234 ~m~) entspringt und
unmittelbar unterhalb Basel den Rhein erreicht.
[Sidenote: Das Wiesental.]
Johann Peter Hebel, ein Sohn des Wiesentals, hat dem Flusse seiner
Heimat eines seiner besten Gedichte in alemannischer Mundart gewidmet
und ihn darin begleitet von der Quelle bis zu dem Punkt, wo des
Feldbergs liebliche Tochter freudebebenden Herzens dem stattlichen
Schweizerburschen Rhein in die Arme fliegt. Desselben Dichters
stimmungsvoller „Geisterbesuch auf dem Feldberg“ führt uns auch in
die Gegend an der Wiesenquelle. Es ist darum nicht mehr als recht und
billig, daß der neue schöne Weg vom Zeiger längs der jungen Wiese
ins Tal hinab „Hebelweg“ heißt, und daß durch sinnige Verse an seinem
Anfang und Ende des heimischen Dichters dankbar gedacht ist.
Die Städte des Wiesentals: Todtnau, Schönau, Zell, Schopfheim und
Lörrach, die der Reihe nach 2300, 1900, 3600, 3900, 14700 Einwohner
zählen, sowie fast alle zwischen ihnen liegenden, zum Teil sehr
volkreichen Dörfer treiben lebhafte Industrie. Zur Zunder-, Bürsten-
und Bürstenholzfabrikation im obersten Tal gesellt sich vor allen
Dingen die lebhaft betriebene Baumwollspinnerei und -weberei, wozu noch
zahlreiche andere Betriebe jeder Art kommen, die in ihrer Gesamtheit
das Tal zum bedeutendsten Industriebezirk des Schwarzwaldes machen.
[Illustration: Abb. 110. Steinschleiferei in Waldkirch.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 110.)]
[Sidenote: Westlicher Ast des Höhenwegs. Belchen.]
Die landschaftliche Schönheit leidet aber durch die Fabriken kaum,
und es ist wirklich eine helle Freude, mit der Bahn von Todtnau
nach Zell und Basel zu fahren, all die wechselvollen Bilder voll
Felswildnis, Einsamkeit, gartengleichen Anbaues und dichter Besiedlung
an sich vorbeiziehen zu sehen. Auch der längere Aufenthalt in den
freundlichen Talorten ist lohnend, da er an jedem von ihnen gestattet,
eine Fülle abwechslungsreicher Ausflüge nach allen Richtungen zu
machen. Todtnau (643 ~m~), nach dem Brand 1876 in schmucker Frische
neu erstanden, hat seinen herrlichen Wasserfall (Abb. 91) und darüber
den sonnebegnadeten Kurort Todtnauberg (1021 ~m~); Schönau (542 ~m~)
liegt in lieblicher Talweitung vielleicht am günstigsten im ganzen
Tal (Abb. 92) und hat den großen Vorzug bequemster Wegverbindungen
ins Wehragebiet, zum Belchen, ins Münstertal und in der Richtung auf
Badenweiler. Besonders die Höhen auf der linken Talseite gewähren
entzückende Aussichten (Abb. 93). Unterhalb Zell (Abb. 94), von wo
Schweigmatt und die Hohe Möhr leicht zu erreichen sind, grenzt das
einst St. blasianisch-vorderösterreichische an das altbadische Gebiet.
An dieser Stelle trennt sich auch heute noch scharf und bestimmt
Konfession, Tracht (Abb. 95, 96) und Mundart. Hebels Heimatsdorf Hausen
ist der erste Ort der einstigen Markgrafschaft (Abb. 97). In das
nunmehr breite, überaus freundliche Tal mündet bei Schopfheim das der
Kleinen Wiese, die vom Belchen herkommt und manchen stillen Waldpfad
erschließt. Etwas wenig oberhalb der lebhaften Stadt Lörrach (Abb. 98)
grüßt vom grünen Bergwald herab die ernste Ruine des großen Röttler
Schlosses, das wie so manches andere im Rheingebiet um 1680 von den
Franzosen zerstört worden ist (Abb. 99, 100).
[Illustration: Abb. 111. Polieren der Achate in Waldkirch.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 110.)]
Der westliche Ast des großen Höhenweges I ist in mancher Hinsicht
noch lohnender als der im Osten des Wiesentals. Zu allermeist fällt
da ins Gewicht, daß er in der Hauptsache ziemlich nahe dem Fuß des
Gebirges hinzieht, so daß die relativen Höhenunterschiede, die man
unmittelbar überblickt, bis zu 1200 ~m~ anwachsen. Dazu kommt der
lebhaftere Formenreichtum dieser westlichen Gebiete, von dem schon die
Rede war. So gewährt es hohen Genuß, vom Feldberg bald aussichtsreich,
bald durch herrlichen Hochwald über die Todtnauer Hütte (1321 ~m~) und
den Stübenwasen (1388 ~m~) bis zur Straßenhöhe des Notschrei (1121
~m~) zu wandern, deren Denkstein uns anschaulich macht, wie lange die
beteiligten Gemeinden mit ihrem „Notschrei“ die Behörden bestürmen
mußten, bis endlich die Straße von Todtnau hinüber nach Oberried und
Kirchzarten im Dreisamtal gebaut wurde. Nun geht’s zur Wiedener Eck
(1037 ~m~), der Paßhöhe zwischen Wiesen- und Münstertal, weiter zum
Sattel der Krinne (1119 ~m~), wo der kürzeste Weg von Schönau nach
Staufen geschnitten wird, und endlich hinauf zum Belchen (1413 ~m~).
Der Belchen bildet mit seiner von allen Seiten sich schroff erhebenden,
die weite Umgebung stolz überragenden Kuppe die ausgeprägteste
Berggestaltung im Schwarzwald und wird darum von vielen auch als die
schönste aufgefaßt. Mag man nun in dieser Hinsicht denken, wie man
will, herrlich ist es auf alle Fälle, von dem freien Gipfel ringsum in
die Tiefe zu blicken, zu welcher sich der Koloß in schön geschwungenen
Linien hinabsenkt, und von fernher Vogesen, Jura und Alpen grüßen zu
sehen. Vom Wiesental, von Badenweiler, Sulzburg und Staufen führen
eine Menge guter Wege herauf, von Schönau insbesondere eine herrliche
Kunstfahrstraße, oben lockt das Rasthaus zu behaglicher Einkehr (Abb.
101). Auch längerer Aufenthalt auf der luftigen Höhe wird keinem
gereuen, dem es Freude macht, statt in hastiger Eile kurz nacheinander
möglichst vielerlei zu sehen, in stiller Ruhe sich einsam zu sonnen.
Der kraftstrotzende Hochwald am steilen Nordwesthang, die Felswelt
des Hochkelch, die Abhänge gegen Schönau hinab und manche andere Stelle
an dem schönen Berg bieten des Besuchenswerten gar mancherlei für viele
Tage.
[Illustration: Abb. 112. Waldkirch. Nach einer Photographie von G.
Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 110.)]
[Illustration: Abb. 113.
Frauentracht im Elztal. Aus der Sammlung Spiegelhalter. Nach einer
Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 112.)]
[Sidenote: Westlicher Ast des Höhenwegs. Blauen.]
Unser Höhenweg senkt sich zum Haldenhof bei Hinterheubronn (931 ~m~),
wo die Straße von Staufen nach Schopfheim geschnitten wird, folgt dann
der Sirnitzstraße, die nach Badenweiler und Müllheim führt bis auf den
Kreuzwegsattel (1072 ~m~), von wo der nahe, tief im Walde versteckte
Nonnmattweiher besucht werden kann, und zieht sich weiter auf dem schön
bewaldeten Kamm zwischen Kander- und Klembachtal zum Ringwall des
Stockberges und zum Blauen (1165 ~m~) über Badenweiler. Der Niederblick
auf das Markgräflerland und die vielgestaltige Landschaft um das
Basler Rheinknie, auf das Oberelsaß und die Burgundische Pforte ist
entzückend, selbst wenn die Kämme des Wasgauwaldes und die Eishäupter
der Alpen von einem tückischen Dunstschleier verhüllt sein sollten.
Vom Aussichtsgerüste und dem nahen Gasthaus führt eine bequeme
Fahrstraße nach dem unfernen Badenweiler; unter den zahlreichen Wegen,
die sonst nach allen Seiten einladen, wählen wir den mit der roten
Raute nach der Ruine Sausenburg und nach Kandern, von wo die Bahn
über Haltingen oder das Schlußstück des Höhenweges über Rötteln und
Tüllingen nach Basel führen.
[Illustration: Abb. 114. Frauentracht im Elztal.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 112.)]
Von den Abstiegen, die uns aus der erquickenden Höhenwelt zu den
Niederungen der Menschen gelangen lassen, sind schließlich noch die zu
erwähnen, die in Freiburg endigen. Leicht wird vom Feldberggebiet jede
Station des Höllen- und Dreisamtales erreicht; die Straße vom Notschrei
nach Kirchzarten gehört zu den schönsten im Gebirge, da sie uns aufs
denkbar bequemste den lohnenden Anblick duftigster Waldlandschaft mit
rauschenden Wasserfällen und wilden Felsgebilden gewährt.
[Sidenote: Der Schauinsland.]
Vom Notschrei führt in alter Verkehrsrichtung, aber ganz neu gebaut,
eine Kunststraße zum Haldenwirtshaus (Abb. 104) über Hofsgrund (1156
~m~) und am Schauinsland hin zum Bohrertal hinab nach Günterstal und
Freiburg.
Eine kurze Abzweigung läßt uns den Gipfel des Erzkasten oder
Schauinsland (1284 ~m~) erreichen, der nur drei Gehstunden von der
Stadt entfernt liegt und es ermöglicht, einen hervorragend lohnenden
Einblick in die Gestaltung des hohen Schwarzwaldes, seine Natur
und Besiedlung zu gewinnen (Abb. 105), zugleich aber auch das Auge
schweifen zu lassen von der Gegend von Straßburg bis zum Montblanc und
Gärnisch.
[Illustration: Abb. 115. Mädchen aus dem Elztal.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 112.)]
Die Nähe des Schauinsland mit seinen waldreichen Gehängen und an diesen
mit seinem trefflich gepflegten Netz prachtvollster Wege -- es sei nur
noch an die durch das erzreiche Kapplertal (Abb. 102) und über Horben
(Abb. 103) erinnert -- darf füglich als einer der allergrößten unter
den großen Vorzügen Freiburgs gelten.
[Illustration: Abb. 116. Offenburg, Straßenbild. (Zu Seite 112.)]
[1] Unter diesen verdienen die schönen Karten in 1 : 50000 besondere
Anerkennung.
Der mittlere Schwarzwald.
XI. Die westlichen Vorhöhen zwischen Freiburg und Offenburg.
Der mittlere Schwarzwald steigt in dem Gneisgebirge zwischen Dreisam
und Kinzig noch bis zu 1241 ~m~ auf, das Granitmassiv in der Umgebung
von Triberg bleibt hinter dieser Höhe um fast 200 ~m~ zurück. Der
Abfall zu den Donauquellflüssen senkt sich in der Buntsandstein- und
Muschelkalkhochebene der Baar ganz allmählich bis auf 700 ~m~ herab,
während der Nordwestfuß des Gebirgsteiles am Austritt des Kinzigtales
in die Rheinebene etwa 160 ~m~ über dem Meere liegt. Durch die Täler
der Gutach und Brege längs der Linie Hausach-Escheck-Donaueschingen
werden zwei nordsüdlich gerichtete Haupterhebungsmassen voneinander
getrennt; eine niedere Vorhöhenzone, die im Hünersedel 744 ~m~
kulminiert, wird durch das untere Elztal und den Sattel zwischen
Elzach und Haslach im Westen des höheren Gebirges abgeschnürt. Diese
Vorhöhen bestehen in der der Rheinebene zugekehrten Seite zumeist aus
Buntsandstein und jüngeren Sedimenten; eine größere Anzahl von typisch
geformten Porphyrkegeln geben der Landschaft größeren Formenreichtum.
[Illustration: Abb. 117. Frauentracht im Gutachtal.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 116.)]
[Sidenote: Siedlungen. Schellenmarkt.]
Während südlich von der Dreisam und obern Wutach die Dorfschaften
und Weiler in geschlossener Bauweise überwiegen, wie das ganz
besonders im Südosten des Feldbergs der Fall ist, findet sich im
mittlern Schwarzwald und auch noch im nördlichen bis zur Rench und
Acher das Hauptverbreitungsgebiet der einzeln liegenden Hofgüter mit
ihrem Anerbenrecht, das erst neuerdings wieder gesetzlich festgelegt
worden ist unter möglichst enger Anlehnung an die alte Überlieferung,
sowie sie sich den Bedürfnissen zweckentsprechend angepaßt hat. Da
auf manche Gemeinden über 200 Einzelhöfe kommen, und jeder Hof wenn
möglich inmitten seines Acker-, Wiesen-, Weide- und Waldlandes liegt,
so begreift sich die große räumliche Ausdehnung solcher Gemeinden,
die häufig nur einen einzigen nennenswerten Häuserkomplex mit Kirche,
Schule, Pfarrhaus und Wirtshaus aufweisen. Einstündige und noch
wesentlich größere Schulwege sind für die Kinder nichts Seltenes, und
was das in einem kalten und schneereichen Winter für die Kleinen
von wenig über sechs Jahren zu bedeuten hat, bedarf keiner weiteren
Darlegung. Welche Stählung aber für Körper und Geist der Bevölkerung
in der frühgewohnten Überwindung solcher Schwierigkeiten liegt, darf
man anderseits auch nicht hoch genug anschlagen. Die Amtsbezirke
Freiburg, Waldkirch, Emmendingen, Wolfach und Offenburg zeichnen
sich in ihren gebirgigen Teilen besonders durch zerstreut liegende
Einzelsiedlungen aus. In denselben Gegenden nimmt auch die Weidefläche
einen ansehnlichen Raum ein, und die „Hirtenbuben“ mit ihren Herden
bilden im Sommer die häufigste Staffage des Landschaftsbildes. Freilich
erfüllt die Poesie des Hirtenlebens auch im Schwarzwald nicht ganz die
Erwartungen, welche sich auf das Studium der Schäferdichtung stützen,
es entspricht nicht den Vorstellungen, welche durch die Schäferbilder
einer bekannten Richtung in der Malerei erweckt werden. Die Lehrer
unsrer Hirtenschulen schildern gern die Kehrseite der Medaille. Und
wenn die jugendlichen Hirten gar häufig nicht allzuviel Rühmendes
von der Güte und vom Wohlwollen ihrer bäuerlichen Brotherren zu
sagen wissen, so haben sie doch in der langen Sommerszeit mit ihrer
Einsamkeit und schweren Arbeit, mit ihren mannigfachen Unbilden der
Witterung, mit ihrer oft recht kärglichen Nahrung und mangelhaften
Unterkunft einen schönen Tag, den Schellenmarkt an Pfingsten (Abb.
106). Da kommt mit den Hirtenbuben und ihren Bauern viel Volk von
weither aus den Talschaften zwischen Kinzig und Elz beim hochgelegenen
Wirtshaus auf der Biereck zusammen und es werden nun bei fröhlichem
Gelage die Glocken des Weideviehes (Abb. 107) auf ihren Ton geprüft,
und durch Kauf und fortgesetztes Tauschen wird zu erreichen gesucht,
daß jede Herde ein möglichst melodisches Geläute erhält. Bei dem
klingenden Geschäfte geht es hoch her, und die Hirtenbuben mögen noch
lang nachher, wenn ihnen der hungrige Magen knurrt, sich der Erinnerung
an die reiche Atzung beim Schellenmarkt freuen.
[Illustration: Abb. 118. Straßenbild in Triberg.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 116.)]
[Sidenote: Von Freiburg bis Waldkirch.]
Die freundliche Bergwelt der Hünersedelgruppe, wie unsere Vorhöhenzone
nach ihrem höchsten Gipfel zweckmäßig benannt werden kann, ist bequem
zugänglich. Von der Hauptbahnlinie Basel-Heidelberg führen zwischen
Freiburg und Offenburg mehrere Nebenbahnen ins Innere des Gebirges,
so von Denzlingen ins Elztal bis Elzach hinauf, von Orschweier ins
Ettenbachtal nach Ettenheimmünster, von Dinglingen nach Lahr und
im Schuttertal aufwärts bis Seelbach. Dazu kommt noch für die uns
interessierende Landschaft die Kinzigtalbahn von Offenburg bis Haslach
und Hausach. Alle Stationen dieser Linien können als Ausgangspunkte
lohnender Wanderungen benutzt werden.
Am Westrand des Gebirges hinfahrend kommen wir von Freiburg, das sich
gerade von dieser Seite her in hervorragend günstigem Lichte zeigt,
unmittelbar am Fuß des Burgberges von Zähringen vorbei, auf dem sich
die Ruine des Stammschlosses unseres badischen Fürstenhauses erhebt
(Abb. 108). Dann öffnet sich der Blick ins weingesegnete Glottertal,
bei Denzlingen mit seinem höchst eigentümlichen alten Kirchturm mündet
das Elztal aus, vom Hünersedel kommt der Brettenbach her, hinter der
großen Ruine der Hochburg (Abb. 109) liegt tief im waldumrandeten
Wiesengrund Thennenbach versteckt, dessen romanische Klosterkirche vor
achtzig Jahren abgetragen, Stein für Stein nach Freiburg gebracht und
hier als evangelische Ludwigskirche wieder aufgebaut worden ist.
Bald erreichen wir Emmendingen, eine Stadt mit 8300 Einwohnern und
lebhafter Industrie. Dem Goetheverehrer ist sie dadurch ans Herz
gewachsen, daß des Dichters geliebte Schwester Cornelia hier als Gattin
des badischen Oberamtmanns und Hofrats Schlosser lebte und starb. Ihr
Grab ist unbekannt, doch erinnert an sie eine Gedenktafel auf dem alten
Friedhof. Der Marktplatz soll, wie manche meinen, Goethe, der seine
Schwester wiederholt hier besuchte, das Vorbild gegeben haben für die
Szenerie im ersten Gesang von Hermann und Dorothea.