Die Höhenluft und das Solbad ziehen viele Sommergäste an, und jedem ist

der Aufenthalt bekömmlich. Manchem mag das Landschaftsbild der weiteren

Umgebung einförmig erscheinen. Und doch entbehrt die Baar -- so heißt

die Hochfläche zwischen dem eigentlichen Schwarzwald und dem Jura

--, der Reize durchaus nicht. Die Blicke über fruchtbare Kornfelder,

im einzelnen hübsche Flußszenerien, malerische Baumgruppen, schmucke

Ortschaften, all das macht die reiche Gegend zu einer freundlichen,

anheimelnden.

[Sidenote: Wutachtal.]

Der Weg nach Westen, den wir nun einschlagen, ist einer der

meistbegangenen im Schwarzwald. Im unfernen Hüfingen erinnert ein

nicht schlecht erhaltenes Römerbad an die Bedeutung der Heerstraße von

Vindonissa nach Arae Flaviae, bald überschreitet sodann die im Herbst

1901 eröffnete Bahnlinie im Dögginger Tunnel bei 749 ~m~ Meereshöhe die

Donau-Rhein-Wasserscheide, und zieht nun in vielen Krümmungen, die uns

manch wechselvollen Blick, gelegentlich auch auf die Alpen, gewähren,

über das Hochland hin; gewaltige Viadukte überschienen einzelne

Talfurchen; weiterhin halten wir uns zumeist nahe dem Steilrande der

tief eingenagten Wutach, die hier nach Osten fließt, und gelangen

an Löffingen (803 ~m~) vorüber ins Waldtal des Röthenbaches. Damit

verlassen wir die Fruchtbreiten der Kalkregion; bald haben wir auch

die hier schmale Buntsandsteinzone durchschnitten und befinden uns im

Granitgestein des eigentlichen Gebirges.

[Illustration: Abb. 78. Kurhaus Wehrawald bei Todtmoos.

Nach einer Photographie von G. Hahn in Todtmoos. (Zu Seite 99.)]

[Illustration: Abb. 79. Todtmoos. Nach einer Photographie von Ph.

Bussemer in Baden. (Zu Seite 99.)]

Vier Tunnels werden durchfahren, dazwischen haben wir herrliche

Niederblicke in die enge Schlucht unmittelbar zu unseren Füßen; auf

einer mächtigen Steinbrücke von 57 ~m~ Spannweite geht’s über die

Runse des Schwändebachtobels und auf noch grandioserer Brücke, der

größten ihrer Art in Deutschland, überschreiten wir schließlich die

Wutach, genauer gesagt die Gutach, wie der Waldstrom hier noch heißt,

um bald danach die weit vom gleichnamigen Dorf abliegende Station

Kappel-Gutachbrücke zu erreichen. 64 ~m~ spannt der mächtige

Brückenbogen, der das Wildwasser 34 ~m~ tief unter sich läßt. Die

Umgebung dieser Brücke kann zu den eigenartigsten Landschaften des

Schwarzwaldes gerechnet werden (Abb. 49). In tiefer Rinne, deren

Querschnitt die für Erosionsschluchten charakteristische ~V~-Form hat,

tost der Bach über mächtige Gerölle; die Abhänge sind dicht bewaldet

wie die umgebenden, sanft geformten Höhenzüge, von deren Tannendunkel

das helle Grün eingestreuter Wiesenflächen sich kräftig abhebt.

Über allem der Hauch ungetrübter Ursprünglichkeit, der Friede der

Einsamkeit. Und mitten in diese stille Bergwelt ist nun die gewaltige

Gutachbrücke mit ihrem kühn geschwungenen Bogen hineingestellt,

über den scheinbar ganz langsam der Wagenzug hinrollt, um auch

diese abgelegene Bergwelt ans Netz des Weltverkehrs anzuschließen.

Der Gegensatz zwischen der Landschaft und dem mächtigen Werk der

Ingenieurkunst wirkt vielleicht am stärksten, wenn man den Fußpfad

unter der Brücke zum rauschenden Wildwasser hinabsteigt und aus der

Tiefe herauf blickend das wunderbare Bild in sich aufnimmt.

Das Tal der Gutach-Wutach war bis 1904 das einzige des Gebirges,

dem kein Weg der ganzen Länge nach folgte. Seither hat es der

Schwarzwaldverein durch Anlage neuer Wege und durch teilweise Benutzung

älterer Wegstücke möglich gemacht, zunächst von der Kappeler Brücke ab

bis zur Schattenmühle zu gelangen, indem man dem eben erwähnten Fußpfad

folgt und auf und ab, bald nahe am Fluß, bald hoch über demselben,

mit wechselnden Blicken in die Schlucht und ihre Felseinrahmung sich

zur großartig einsamen Einmündung des Röthenbaches und weiter zum

Räuberschlößchen durcharbeitet, von wo die Schattenmühle, in einer

freundlichen Talweitung am Fuß gelegen, erreicht wird. Von hier ist ein

Abstecher in die an alpine Szenerien erinnernde Lothenbachklamm (Abb.

50) überaus lohnend, und bald ist dann das kleine Bade- und Kurhaus

Boll erreicht, ein behaglicher Rastort mitten in der einsamen Wildnis

der ernsten Bergwelt.

[Illustration: Abb. 80. Im Wehratal.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 100.)]

Weiter bis zur Wutachmühle aber fehlte einst jede Möglichkeit des

Durchkommens. Der Fluß macht mäandrisch zahlreiche Biegungen zwischen

den beiderseits senkrecht aufragenden Kalkwänden und unterspült an

der konvexen Seite der Krümmungen die Felsen meist so stark, daß

zwischen diesen und dem Wasserlauf ein Vordringen völlig undenkbar war.

Nur dem mutigen und ausdauernden Wagehals, der sich nicht scheute,

vielleicht zwei dutzendmal das Wasser zu durchwaten und sich zwischen

je zwei Furten mit Mühe durch wildes Gestrüpp von urwaldartiger Dichte

durchzuzwängen, enthüllte das interessante Schwarzwaldtal seine geheime

Schönheit. Dem verschwiegenen Botaniker und dem Geologen bietet dieses

jungfräuliche Stück Land eine seltene Fülle des Interessanten. Auch ein

Stück Trockental ist vorhanden, indem der Fluß an einer Stelle in den

Kalkfelsen eindringt, unterirdisch weiterläuft und erst in größerer

Entfernung wieder als mächtiger Wasserschwall aus einem Felsentor

hervorrauscht (Abb. 51).

[Illustration: Abb. 81. Partie in der Haseler Höhle (Erdmannshöhle).

Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 100.)]

Der neue Schwarzwaldvereinsweg von Boll abwärts -- er trägt den Namen

des Verfassers dieses Büchleins -- hat endlich die Wutachschlucht

der Allgemeinheit erschlossen und kann jedenfalls beanspruchen,

die großartigste und interessanteste Weganlage zu sein, die aus

touristischem Interesse in unserem Gebirge geschaffen worden ist. Der

Weg führt bald hoch über den senkrechten Kalkwänden hin und gewährt

herrliche Niederblicke auf Talboden und Fluß, bald zieht er durch

grüne Auen am Stromufer hin, eingerahmt von dichtem Niederholz und

fast tropisch üppiger Kräutervegetation, unter der die Riesenblätter

des Huflattich stark vorherrschen, dann überschreitet er wieder -- es

geschieht das viermal -- den Wildstrom auf hohem, sicherem Eisensteg.

So geht es etwa anderthalb Stunden weit in ununterbrochenem Wechsel von

neuen, immer schönen Landschaftsbildern bis zu einem Holzsteg, über

den nach Norden ein Pfad durch die wilde Gauchachschlucht abzweigt,

der dem Wutachtalweg an Schönheit nicht viel nachgibt. Er führt zur

Eisenbahnstation Döggingen (s. S. 74) hinauf, und eröffnet so einen

bequemen Zugang zum Wutachtal, das auch von zwei anderen Stationen der

Donaueschinger Linie, nämlich Bachheim und Reiselfingen, mühelos zu

gewinnen ist.

Wenig östlich vom Einfluß der Gauchach, unmittelbar an dem erwähnten

Steg, liegt die Wutachmühle; von hier führen Straßen auf die umgebenden

Höhen hinauf, nördlich nach Donaueschingen, südlich nach Bonndorf;

im sich freundlich erweiternden Tal selbst geht ein bequemer Fahrweg

nach Achdorf, wo der Fluß nach Südwesten umbiegt, und zur Eisenbahn

nach Zollhaus oder Fützen (s. S. 50 und 52). Auch hier, in der Gegend

des Wutachknies, haben neue, schöne Wege viel zur Erschließung der

interessantesten Landschaft beigetragen.

Kehren wir zur Kappeler Brücke zurück, so erreicht von hier ab unsere

Bahnlinie zwischen hohen fluvioglazialen Terrassen hinziehend bald das

über 3600 Einwohner zählende Industriestädtchen Neustadt (805 ~m~),

das, von seiner hochgelegenen Kirche mit ihrem schlanken Turm überragt,

einen ansehnlichen Eindruck macht. In der Neustadter Gegend kleiden

sich Frauen und Mädchen noch allgemein in der alten, malerischen Tracht

(Abb. 52).

[Sidenote: Titisee.]

Weiter biegt unser Schienenweg, stets der jungen Gutach entlang, um

den 1188 ~m~ hoch ansteigenden Hochfirst herum, den ein Aussichtsturm

krönt, und in wenig Minuten fahren wir in die Station Titisee (858

~m~) ein. Noch einen Augenblick, und wir stehen am Ufer des stillen,

dunkelen Bergsees, eines wertvollen Kleinodes im reichen Schmucke der

Schwarzwaldlandschaften.

Der Titisee (Abb. 53) ist etwa 2 ~km~ lang und 0,5 ~km~ breit.

Seine größte Tiefe mißt 39 ~m~. Er wird gespeist vom Seebach, der

aus dem Feldsee am Feldberg kommt; sein Abfluß ist die mehrfach

genannte Gutach, später Wutach genannt. Seine Umgebung ist eine

echte Moränenlandschaft (Abb. 54), aus der typische Moränenblöcke

nahe am Bahnhof zu einem kleinen, aber lehrreichen Gletschergärtchen

vereinigt worden sind. Die Moräne, welche den See abdämmt, ist am

Hirschbühl hinter dem Bahnhof und nahe dem Gutachabfluß aufs schönste

angeschnitten.

[Illustration: Abb. 82. Straßentunnel im Albtal.

Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 101.)]

[Illustration: Abb. 83. St. Blasien. Nach einer Photographie von Ph.

Bussemer in Baden. (Zu Seite 100.)]

Doch was kümmert die meisten unter den Tausenden von Besuchern die

Entstehungsgeschichte dieses Fleckes Erde? Lassen darum auch wir in

erster Reihe seine Schönheit auf uns wirken. Und was könnten wir

Lieblicheres in uns aufnehmen, als das Bild des strahlenden Sees,

aus dessen klarem Spiegel die ihn umrahmenden Berghöhen nochmals unser

Auge treffen? Wie wohlig ist es uns zumute, wenn wir hinausrudern

in die friedliche Fläche und dann den Kahn ruhig treiben lassen, um

ungestört umherblicken zu können in der freundlichen und doch ernsten

Gebirgswelt mit ihren stillen Höhen, den dunkeln Wäldern, den saftigen

Matten mit ihrem weidenden Vieh, dessen fernes Glockengetön allein

die friedliche Ruhe unterbricht. Fehlen auch die schroffen Formen des

Hochgebirges, die uns die Umgebung so manches Alpensees als etwas

unvergleichbar Herrliches vor das Gedächtnis zaubern, so wird es der

Titisee in seiner einfachen Lieblichkeit doch immer unserm Herzen

antun, gleichviel ob die glänzenden Lichter der Mittagssonne aus ihm

widerstrahlen, ob düstere Wolken über ihn jagen und ihn fast schwarz

erscheinen lassen, oder ob die Ruhe der Nacht sich schweigend über

ihm ausbreitet. Ein bißchen an Ursprünglichkeit hat er allerdings

verloren, seit die Lokomotive mehrmals des Tages an ihm vorbeischnaubt.

Wo früher ein kleines, ärmliches Wirtshäuschen stand, sonst aber von

Menschenspuren nicht viel zu sehen war, da ist jetzt eine stattliche

Siedlung entstanden, und eine starke Kolonie von Kurgästen bevölkert

allsommerlich die großen Gasthöfe. Straßen und Fußwege laden zu

lohnenden Wanderungen ein, die von hier aus bequem nach allen

Richtungen ausgeführt werden können.

[Illustration: Abb. 84. Bauernhaus im Schwarzatal bei Schluchsee.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 101.)]

[Sidenote: Zur Dreisam.]

[Sidenote: Höllental und Himmelreich.]

Uns aber führt die Bahn weiter nach Westen. In der typischen

Torfmoorlandschaft von Hinterzarten überschreiten wir bei 893 ~m~

Meereshöhe -- es ist das die höchste Stelle, welche die badischen

Eisenbahnen erreichen -- die Wasserscheide der Wutach gegen die

Dreisam, und nun geht’s rasch in die Tiefe hinab. Nur 11 ~km~ sind es

bis zum Himmelreich, aber 438 ~m~ Höhenunterschied müssen auf dieser

kurzen Strecke überwunden werden; zu diesem Zwecke ist bis zur Station

Hirschsprung der Zahnradbetrieb eingeführt, der ein Gefälle bis 1 : 18

gestattet, freilich bei sehr langsamer Fahrt. Noch geht es zunächst

durch schön aufgeschlossene Moränen (Abb. 55), dann im anstehenden

Gneis hoch über dem Löffeltal hin, dann durch einige Tunnels und auf

144 ~m~ langem Viadukt 37 ~m~ hoch über die wilde Ravennaschlucht (Abb.

56), an deren Ausgang ins Höllental gerade unter der Bahnlinie die alte

St. Oswaldskapelle neben dem großen, weitum bekannten Sternwirtshaus

liegt. Das Tal zeigt sich zunächst noch freundlich und lieblich. Durch

grüne Wiesen plätschert der Rotbach neben der Talstraße, während die

Bahn sich oben an der Berglehne hält. Das ändert sich erst unter der

Station Hirschsprung, wo die Felsen von beiden Seiten sich so nahe

treten, daß die Straße nur durch Sprengungen neben dem Bach Raum

gewinnen konnte, während die Bahnlinie die Bergwand in drei Tunnels

durchbricht. Diese Enge, der Hirschsprung, ist die großartigste Stelle

des Tales und darf sich den wildesten Talschluchten aller Mittelgebirge

an die Seite stellen (Abb. 57). Freilich ist sie nur kurz, doch wahrt

das Tal auch unterhalb dieses Engpasses noch den schluchtartigen

Charakter (Abb. 59); ist seine Sohle doch beiderseits von 400 bis 600

~m~ hohen Flanken eingefaßt, so daß es sich gut begreift, wie die

Raubritter der Feste Falkenstein von ihrem Felsnest aus dem Berufe des

Wegelagerertums erfolgreich obliegen konnten, bis sie schließlich ihr

Schicksal ereilte, und ihre Burg 1390 zerstört wurde.

[Illustration: Abb. 85. Rothaus.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 101.)]

Bei Himmelreich (455 ~m~), wo mächtige Flußterrassen die Talhänge

flankieren und uns zeigen, wie die Geschiebeführung nach dem

Abschmelzen der Gletscher auch hier eine viel mächtigere war als in der

Gegenwart (Abb. 58), öffnet sich plötzlich die Landschaft zum weiten

sonnigen Taltrichter der Dreisamebene, die eine größte Breite von 6

und bis Freiburg eine Länge von 14 ~km~ hat. Der Gegensatz gegen die

Enge der soeben noch durchmessenen Talstrecke ist wirklich ein großer

und erklärt genugsam die Benennungen: Himmelreich und Höllental. An

der alten Keltenniederlassung Tarodunum (Zarten) vorbei, die schon

Ptolemäus erwähnt, und die eine ausgesucht günstige Lage auf hoher

Terrasse innehat, wird das am Fluß des vielbesuchten Giersberger

Wallfahrtshügels (Abb. 60) frei gelegene Kirchzarten erreicht, von

wo mehrere Straßen nach Nord und Süd ins Gebirge abzweigen, und bald

darauf nähern wir uns der natürlichen Schwarzwaldhauptstadt, Freiburg

im Breisgau (271 ~m~).

[Sidenote: Straßen von Schwaben ins Breisgau.]

Der Gebirgsübergang Donaueschingen-Freiburg ist einer der wichtigsten

im Schwarzwalde; er hat oft eine große Rolle im Krieg und Frieden

gespielt. Das Schwabentor in Freiburg weist durch seinen Namen schon

auf die Bedeutung der Straße hin, welche die obere Rheinebene mit

der Bodenseegegend, dem Donautal und Neckargebiet in Verbindung

setzt. Freilich umging sie früher das Höllental, das bis 1755 nur

einen Saumpfad, dann einen holperigen Fahrweg besaß, welcher 1770 in

Rücksicht auf Maria Antoinettens Brautfahrt von Wien nach Paris besser

ausgebaut wurde; 1857 ward die jetzige Kunststraße, 1887 die Eisenbahn

Freiburg-Neustadt angelegt. Die alte Heerstraße vermied die Schlucht,

sie hielt sich möglichst auf den Höhen und erreichte von Donaueschingen

aus durchs Bregach- und Urachtal die Wasserscheide auf der

„Kaltenherberge“ (1030 ~m~), stieg auf dem wallartigen Kamm zwischen

dem Wildgutach- und Joostal noch bis 1102 ~m~ zum „Schwabenstutz“

hinauf, 208 ~m~ höher als die Paßhöhe von Hinterzarten, ging dann

über den oft verschanzten Hohlen Graben zum Turner (1035 ~m~), von wo

ein zwar steiler aber unschwieriger Abstieg durch das Spirzental und

die Wagensteige ins Dreisamtal ebensowenig ein Hindernis bot als die

Fortsetzung des Höhenwegs über die Klöster St. Märgen (890 ~m~) und

St. Peter (722 ~m~) und durch das Eschbacher Tal nach Freiburg, oder

durch das Glottertal etwas weiter nördlich in die Rheinebene. Dieser

Höhenweg war auch von Rottweil-Villingen oder von Neustadt her leicht

zu gewinnen. Er bildete durch mehrere Jahrhunderte die Hauptstraße von

Schwaben ins Breisgau und ist viel umstritten worden, besonders auch im

Dreißigjährigen und im spanischen Erbfolgekrieg, sowie in den Tagen von

Moreaus Rückzug aus Bayern und Schwaben, 1796.

[Illustration: Abb. 86. Moräne Seebruck am Schluchsee.

Nach einer Photographie. (Zu Seite 101.)]

IX. Freiburg im Breisgau.

[Sidenote: Lage und Alter Freiburgs.]

Kommen für die Lebensfähigkeit ländlicher Siedlungen im wesentlichen

nur die Bedingungen der Örtlichkeit an sich in Frage, also das

Vorhandensein von Gebrauchswasser, die Ernährungsmöglichkeit durch

das, was der Boden spendet, und der Schutz vor schädlichen

Naturgewalten, so tritt bei Städten neben diesen Rücksichten und neben

dem Bedürfnis nach Schutz im Kriege vor allen Dingen das nach möglichst

vielseitiger Verkehrsbegünstigung hinzu. Bei Städtelagen ist also neben

der Topographie der nächsten Umgebung auch, wie wir das bei Basel

sahen, das Verhältnis zum weiteren Umkreis in hohem Grade maß- und

ausschlaggebend für Dasein und Entwicklung. Freiburgs Lage nun kann in

jeder Hinsicht als eine ideal günstige bezeichnet werden.

[Illustration: Abb. 87. Heuernte im Tal; Gewitterstimmung. Nach einer

Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 43 u. 101.)]

Die Straßen, die vom Arlberg her, aus Italien und Südfrankreich

in Basel zusammenlaufen, finden ihre rechtsrheinische Fortsetzung

in der vor Sumpf und Hochwassergefahr der Rheinebene geschützten

Bergstraße am Fuß des Schwarzwaldes und Odenwaldes hin nach Mittel-

und Norddeutschland. An jeder Stelle, wo auf diesen Hauptweg aus dem

Gebirge heraus ein Nebenweg mündet, entstand früh eine Siedlung, deren

Bedeutung derjenigen des Nebenweges und seines Hinterlandes entspricht.

Fast jeder Ort an der Straße Basel-Frankfurt bestätigt dieses Gesetz.

Als Hinterland der Höllentalstraße dürfen große Teile des Schwarzwaldes

und ganz Schwaben gelten; beachten wir dazu die bedeutsame westliche

Fortsetzung dieser Straße nach Breisach, dem einzigen festen

Rheinübergang weitum, so ist damit die Verkehrslage Freiburgs mehr als

genügend gekennzeichnet.

Den nötigen Schutz fand die Stadt in kriegerischen Jahrhunderten

dadurch, daß sie sich unmittelbar an ihren Schloßberg anlehnt, der

durch lange Zeiten mit der Stadtumwallung zu einem wirkungsvollen

Befestigungssystem vereinigt war. Freilich war dieser Schutz dringend

nötig, da die Lage an so wichtigen Straßen sich nur zu häufig

strategisch als höchst gefahrvoll erwies.

[Illustration: Abb. 88. Partie im Schlüchttal.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 102.)]

[Illustration: Abb. 89. Der Schlüchtsee. Nach einer Photographie von

Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 101.)]

Auf dem Freiburger Schloßberg hat man einen römischen Mosaikboden

gefunden, die älteste bekannt gewordene Besiedlung des Platzes geht

hiernach recht weit zurück. Die jetzige Stadt aber ist wesentlich

jüngeren Ursprungs, indem sie ihre Gründung erst den Herzogen von

Zähringen verdankt, von denen Berthold II. 1091 nicht weit südlich von

der Zähringer Stammburg ein Jagdschloß, und sein Bruder Konrad, dem

ein hoher geographischer Scharfblick nicht abgesprochen werden darf,

1120 eine Markstätte errichtete. Diese erhielt Stadtrechte nach Kölner

Muster, entwickelte sich zum blühenden Gemeinwesen und ist durch all

die folgenden Jahrhunderte der Hauptmarkt geblieben für das große

Gebiet vom Bodensee über den Schwarzwald bis zur Ortenau, ganz wie das

seiner Lage entspricht.

[Sidenote: Wasserversorgung, Kanalisation.]

Zur glücklichen Entwicklung der Stadt tragen aber auch, besonders

in neuerer Zeit, die Verhältnisse der nächsten Umgebung wesentlich

bei, und zwar zunächst der Umstand, daß die Stadt auf dem Schuttkegel

liegt, welchen die Dreisam bei ihrem Austritt aus dem Tal in die Ebene

abgelagert hat. Das natürliche Gefälle des Stadtbodens von Ost nach

West ist ein für den Wasserabfluß und damit für die Reinigung der Stadt

überaus günstiges. Oberhalb der Stadt liegt der Boden des Dreisamtales

300 ~m~ hoch, der Münsterplatz hat 278 ~m~, der Bahnhof 268 ~m~, und

etwa 2 ~km~ weiter westlich haben wir nur noch 258 ~m~. Dazu kommt der

außerordentliche Reichtum an Wasser; die städtische Leitung verfügt

über den fast unerschöpflichen Reichtum des Grundwassers im oberen

Dreisamtal, das durch die mächtigen Kies- und Sandlager, die es

durchströmt, in so weitgehender Weise filtriert wird, daß es fast als

chemisch rein bezeichnet werden kann. Über 250 Liter des wertvollen

Wassers stehen jetzt bei über 83000 Einwohnern täglich für den Kopf

der Bevölkerung zur Verfügung. Die ganze Stadt ist kanalisiert,

alle Abwasser werden mit größter Geschwindigkeit den städtischen

Rieselfeldern im Mooswald der Rheinebene zugeführt und erfahren auf dem

Wege dahin und bei ihrem weiteren Ablauf wieder eine fast vollständige

Reinigung, wie eingehende chemische und bakteriologische Untersuchungen

längst und immer wieder nachgewiesen haben.

[Illustration: Abb. 90. Am Schwedenfelsen im Schlüchttal.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 102.)]

[Sidenote: Freiburgs Klima.]

Nicht leicht dürfte es eine andere Stadt geben, bei der die

natürlichen Bedingungen für das Schwemmsystem so günstig sind wie bei

Freiburg, das hiernach als eine der gesündesten Städte gelten darf.

Zu dieser sanitären Begünstigung wirken auch klimatische Vorzüge

mit, und zwar kommen zu den allgemeinen Klimavorzügen der Rheinebene

noch spezielle, welche ihren Grund wieder in den topographischen

Verhältnissen der näheren Umgebung haben.

[Illustration: Abb. 91. Todtnauberger Wasserfall.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 103.)]

Dreisam- und Höllental, die sich bei geringer Länge von den höchsten

Schwarzwaldhöhen zur Ebene herabsenken, geben, wie bei ähnlichen

Voraussetzungen überall, Veranlassung zu einem regelmäßigen Wechsel

von Berg- und Talwinden, deren erster tagsüber ins Gebirg hineinweht,

während der letztere in der Nacht von oben herab strömt. Dieser

Höllentalwind, wie er heißt, setzt nach Sonnenuntergang ein und hat zur

Folge, daß auch im höchsten Sommer die Nächte niemals drückend schwül

sind und der Abkühlung mangeln, wie das z. B. in Straßburg, Karlsruhe

oder Mannheim der Fall ist. Diese nächtliche Luftbewegung in der

warmen Jahreszeit ist einer der größten Vorzüge des Freiburger Klimas.

Subjektiv erscheint die Strömung freilich kühl, und das abendliche

Sitzen im Freien ist auch im heißesten Sommer nicht gerade häufig

rätlich, denn die Abkühlung durch Hautverdunstung bei der starkbewegten

Luft wird empfindlichen Naturen leicht unangenehm. Objektiv aber liegt

die Sache so, daß der Talwind als Fallwind nach Art des Föhn sogar

eine kleine Temperaturerhöhung bringt; ergibt doch die abendliche

Neunuhr-Ablesung am Thermometer regelmäßig höhere Werte als an den

übrigen meteorologischen Stationen der Rheinebene. Diese bewegte Luft

hat etwas überaus Erfrischendes für den menschlichen Organismus,

und in ihr liegt wohl der Hauptreiz des Freiburger Lokalklimas, das

im übrigen, was geringe Wärmeschwankung, relative Feuchtigkeit und

gemäßigte Winter betrifft, kaum wesentlich hinter den gefeiertsten

Orten am Genfer See zurücksteht. Die Frühlingsblüte in ihrer herrlichen

Pracht tritt gegenüber dem nördlichen und gar nordöstlichen Deutschland

um zwei bis vier Wochen früher ein, die schönen Herbsttage mit ihren

wunderbaren Färbungen der Laubwälder dauern zumeist bis tief in den

November hinein. Die Nähe der ausgedehntesten Bergwaldungen mit ihrem

dichten Netz trefflich gepflegter Fahr- und Gehwege bis zu den höchsten

Gebirgsgruppen hinauf -- all das sind Dinge, die nicht leicht eine

andere Stadt in ähnlich glücklicher Weise zu bieten imstande ist.

[Illustration: Abb. 92. Schönau im Wiesental mit Blick auf den Belchen.

Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 103.)]

[Sidenote: Bevölkerung, Bauweise.]

Der Schwarzwald · 第 6 / 14 段