Das alte, echte Schwarzwaldhaus (Abb. 14, 28 u. 48), das leider aus

feuerpolizeilichen Gründen nicht mehr als Neubau entsteht, gewährt

einen überraschend stattlichen Anblick. Unter dem gewaltigen, weit

vorspringenden Stroh- oder Schindeldach glänzen die zahlreichen kleinen

Fenster des wettergebräunten Holzbaues freundlich hervor, die in der

guten Jahreszeit nie eines reichen Blumenschmuckes entbehren. Ein

gedeckter Gang mit dem Brunnen führt meist einer Hausflucht entlang,

das obere Stockwerk hat eine Holzgalerie. Gern wird das Haus so an die

Berglehne gebaut, daß man von der Rückseite unmittelbar in die große

Scheune unter dem Dach einfahren kann. Als Nebengebäude gesellen sich

oft noch eine Säge- oder Mahlmühle, ein Backhaus und bei den stolzen

Einzelhöfen eine kleine Kapelle bei. In der geräumigen Wohnstube fehlt

niemals der gewaltige Kachelofen als wonniger Wärmespender, mit der

Ofenbank, auf der es sich so gut sitzen und plaudern läßt, und mit der

„Kunst“, einer Wärmeanlage, die mit dem Küchenherd in Verbindung steht;

es fehlt auch nie das immer mit Blumen eingefaßte Kruzifix in der Kante

zwischen den zwei Fensterwänden. Es ist das der „Herrgottswinkel“,

unter welchem der von Bänken und Stühlen umstellte, große Tisch seinen

Platz findet (Abb. 29). Auch in den hellen und blanken Gaststuben

der Bauernwirtshäuser fehlt der Herrgottswinkel nicht leicht. Der

Schwarzwälder ist eben streng religiös und trotz eines hohen Grades von

Tüchtigkeit fürs praktische Leben, vielfach darf man sagen auch von

Aufgeklärtheit, spielt sich das Dasein des einzelnen wie der Familie

und der Landgemeinde in den altüberlieferten Sitten und Gebräuchen ab,

wie sie das Kirchenjahr und seine Feste in bestimmte Regeln gebracht

haben, von denen nicht abgewichen wird (Abb. 30, 31). Und zwar besteht

hierin zwischen der katholischen und evangelischen Bevölkerung kaum ein

Unterschied.

[Illustration: Abb. 48. Die Brigachquelle mit Schwarzwaldhaus. Gemälde

von Hans Busse. (Zu Seite 72 u. 123.)]

Zum weitaus größten Teile herrscht in unserm Gebiet der Katholizismus,

evangelisch sind in der Hauptsache nur die Landschaften der früheren

Markgrafschaft Baden-Durlach und die altwürttembergischen Lande,

aber diese Gebiete machen zusammengenommen viel weniger aus, als

die der seit 1803 mediatisierten Fürstentümer, Herrschaften

allerart, Bistümer, Abteien, freien Reichsstädte und der einst

vorderösterreichischen Lande, besonders im Breisgau. Wie die

politischen Verhältnisse früher waren, mag aus dem Hinweis hervorgehen,

daß noch zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts auf dem 60 ~km~ langen

Weg von Freiburg nach Basel zehn Grenzen zu überschreiten waren

zwischen mehrfach wechselnden Parzellen österreichischen und badischen

Gebietes, zwischen Ortschaften unter bischöflich baslerischer, unter

reichsritterschaftlicher und unter der Hoheit des Deutschordens;

anderswo sah es auch nicht viel besser aus.

[Illustration: Abb. 49. Gutachbrücke bei Kappel-Neustadt.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 76.)]

[Sidenote: Sitten und Volkscharakter.]

Von diesen Zuständen, die wir ja in Thüringen noch erhalten sehen, ist

im Volksbewußtsein kaum noch da und dort eine Spur übriggeblieben.

Höchstens, daß die Bewohner der einstigen Markgrafschaft Baden, des

Markgräflerlandes, von den Nachbarn als „Altbadische“ bezeichnet

werden, und daß die altbadischen, protestantischen Frauen in der

Tracht von ihren katholischen Freundinnen im Breisgau sich etwas

unterscheiden, besonders hinsichtlich der Form der Flügelhaube und im

Tragen des Spitzenbrusttuches. Sonst aber ist der Schwarzwälder, ohne

sich darüber Sorge zu machen, unter welchem Herrn seine Vorfahren vor

hundert oder mehr Jahren einst standen, gut badisch beziehungsweise

württembergisch, was ihn nicht hindert, von Herzen ein guter Deutscher

zu sein. Wenn auch durch politisch verschieden gefärbte Brillengläser,

so schaut er doch lieber arbeitsfreudig und zuversichtlich in die

Zukunft als weltschmerzlich in eine Vergangenheit, die ihm in allen

Stücken das Leben schwerer gemacht hat, als er es heute lebt.

Sicherlich wird er, was auch die rasch umgestaltende Zeit bringen mag,

stets den Kopf oben behalten und immer einer der tüchtigsten unter

seinen deutschen Stammesbrüdern sein und bleiben.

Der südliche Schwarzwald.

VI. Die östlichen Zugänge und der Südrand.

Unter der Konstanzer Brücke entströmt dem Schwäbischen Meer der

smaragdgrüne Rheinstrom, so schön und rein wie nur irgendeiner

seinesgleichen. Wer sich ihm auf dem Schaffhauser Dampfschiff

anvertraut, dem bietet sich bei der Fahrt eine ungeahnte Fülle

prächtiger Landschaftsbilder. Aus der Spiegelfläche des Untersees winkt

das liebliche Eiland der Reichenau mit seinen Erinnerungen an alte

Kultur, und das reiche Grün der Rebgelände und Obstgärten, die satte

Farbenpracht der Blumenbeete vor den Wohnstätten des Inselvölkchens

zaubert uns die Erinnerung herauf an Rudimann den Kellermeister, an

Heribald und seine Gäste, an die Gesandtschaft des Kämmerers Spazzo und

alle die lebenswahren Gestalten, denen Scheffel in seinem Ekkehard eine

so wohlverdiente Auferstehung bereitet hat. Über der Insel grüßt der

trotzige Hohentwiel herüber und trägt auch seinerseits dazu bei, uns

auf ein Viertelstündchen hinüberdämmern zu lassen in luftige Träume im

Rundbogenstil.

Am schweizerischen Ufer haben wir den Arenenberg Napoleonischen

Andenkens, darüber auf steiler Höhe das Schlößchen Salenstein, weiter

unten engt sich der Fluß wieder in eine schmale Rinne ein, und zu

beiden Seiten wechselt in rascher Folge ein malerisch freundliches Bild

mit dem andern, bis man am Fuß des fernsichtgesegneten Burgberges von

Hohenklingen, an dem der feurige „Beerliwein“ wächst, das alte Stein am

Rhein, ein malerisches Nürnberg im kleinen, erreicht.

[Illustration: Abb. 50. Lothenbachklamm bei Bad Boll.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 76.)]

[Sidenote: Der Rhein von Stein bis Waldshut.]

Die Fahrt geht zwischen freundlichen Hügeln weiter unter einer

mächtigen Eisenbahnbrücke und später unter der alten Holzbrücke

von Dießenhofen durch, bis zum Landeplatz der ansehnlichen, viel

Altertümliches bietenden Stadt Schaffhausen, die vom Bodensee her

auch mittels zweier Eisenbahnlinien zu erreichen ist. Wenig unterhalb

Schaffhausen hat sich der Rhein seinen Weg in weltberühmtem Falle über

die harten Bänke des Jurakalkes hinab gegraben, dann umschlingt er

in spitzig ausgezogener Schleife die Halbinsel mit dem alten Kloster

Rheinau, geht bei Eglisau, wo er von der gewaltigen Hochbrücke der

Eisenbahn Schaffhausen-Zürich überschient wird, von der südlichen

wieder in die Westrichtung über, und strömt nun friedlich rauschend in

weltabgeschiedener Einsamkeit an dem alten, steilgebauten Städtchen

Kaiserstuhl und an den Wasserstelzschlössern vorbei, die mit ihrer

lieblichen Umgebung durch Gottfried Kellers „Hadlaub“ unserem Empfinden

so wertvoll geworden sind. Wer stille Gänge und Wasserfahrten liebt

und gern mit seinen Gedanken allein ist, dem sei diese wenig bekannte

Strecke des Oberrheinlaufes zu behaglichem Schlendern ganz besonders

warm empfohlen. Auf der unfernen Küssaburg mag sich der Wanderer weiten

Umblicks und schöner Alpenaussicht erfreuen, das Städtlein Zurzach

aber weckt ihm die Erinnerung daran, daß hier dereinst die in der

Peutingerschen Tafel verzeichnete Römerstraße von Vindonissa (Windisch

bei Brugg) an der Aare nach Arae Flaviae (Rottweil) am Neckar den

jungen Strom überbrückte. Eine kurze Strecke noch, und wir haben bei

Koblenz = Confluentes den Zusammenfluß der Aare mit dem Rhein, und

jenseits, auf hoher Flußterrasse, das Städtchen Waldshut (340 ~m~)

erreicht. Damit sind wir ins Schwarzwaldgebiet eingetreten, und zwar

auf einem der schönsten Zugänge, die sich machen lassen. Auf alle Fälle

ist dieser Weg jedem, der nicht mit seiner Zeit zu geizen braucht, warm

zu empfehlen.

[Illustration: Abb. 51. Die Wutachschlucht. (Zu Seite 77.)]

[Sidenote: Donau und Rhein.]

War bisher der Rhein unser Begleiter, so kann bei vielen, die von

Osten und Nordosten kommen, auch die Donau die Führerrolle übernehmen.

Von Ulm her, wo mancherlei Straßen zusammenstreben, folgen wir dem

Fluß durch Oberschwaben nach dem malerisch gelegenen Sigmaringen,

der schmucken Hohenzollernresidenz, dann ziehen wir durch das obere

Donautal bis Immendingen und bewundern auf dieser Strecke ebenso

die Natur, die dem Fluß einen fast rätselhaft scheinenden Weg durch

wilde Felsschluchten mit weißschimmernden Kalkwänden gebahnt hat, als

die Kunst, welche diese Engen dem Straßen- und Bahnbau zugänglich

machte. Von unersteiglich scheinenden Schrofen schauen das Bronnener

Schlößchen, Werrenwag und die Feste Wildenstein herab, in einer grünen

Talweitung liegt das kunstsinnige Benediktinerheim Beuron, bei der

gewerbereichen Stadt Tuttlingen nimmt unsere Linie die von Stuttgart

her auf, und bei Immendingen (658 ~m~), wo die Donau unterirdisch einen

großen Teil ihres Wassers durch die Klüfte des Jura an die Hegauer

Aach und damit an den Rhein abgibt, schneidet unser Weg den, welcher

vom Bodensee nach Donaueschingen und weiter über den Schwarzwald in

die Rheinebene führt. Wir aber streben Waldshut zu und benutzen darum

die sogenannte strategische Bahn, die gegen Ende der achtziger Jahre

des vorigen Jahrhunderts zur Umgehung des rechtsrheinischen Schweizer

Gebietes bei Schaffhausen gebaut worden ist. Im breiten und einförmigen

Aitrachtal haben wir bald Zollhaus (702 ~m~) und damit eine der

auffälligsten Stellen der Donau-Rhein-Wasserscheide erreicht.

[Illustration: Abb. 52. Frauentracht von Neustadt.

Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg.

(Zu Seite 78.)]

Etwa 40 ~km~ westlich von hier sammeln sich im Feldsee (1113 ~m~)

am Fuße des Feldbergs die Quellbäche eines Flüßchens, das erst

Seebach, vom Titisee ab Gutach und weiter abwärts Wutach heißt. Bei

Achdorf (540 ~m~), ein kleines Stündchen von Zollhaus entfernt,

aber rund 160 ~m~ tiefer gelegen, biegt die Wutach aus ihrer

bisherigen Ostrichtung nach Südwest um und erreicht den Rhein nahe

der Aaremündung oberhalb Waldshut. In alter Zeit aber hat sie ihren

Lauf weiter nach Osten genommen und ist durch das Tal der Aitrach

der Donau zugeströmt, welch letztere also ihr Stromgebiet bis zu

den höchsten Schwarzwaldbergen ausgedehnt hatte. Wir erkennen diese

Tatsache an dem Vorhandensein reichlicher Schwarzwaldgeschiebe im

Aitrachtal, dessen Breite und Form außerdem zu dem kleinen Wasserlauf

der Gegenwart in gar keinem Verhältnis steht. Die hochgelegenen

Flußterrassen über der Wutach westlich von Achdorf zeigen ebenso

deutlich, daß der Fluß einst in einem Bett strömte, das höher lag als

die jetzige Wasserscheide bei Zollhaus. Was hat ihn aus der alten

Bahn abgelenkt? Das war die allmähliche Tieferlegung des Rheines im

Schiefergebirge unterhalb Bingen, wodurch alle Zuflüsse im oberen

Rheingebiet zur Steigerung des Gefälles und damit zu verstärktem

Einschneiden in ihre Unterlage veranlaßt wurden. Ein Wasserlauf, der

in der Richtung Stühlingen-Waldshut strömte, nagte sich darum immer

tiefer nach rückwärts in den Gebirgskörper ein und zapfte schließlich

in der Gegend des jetzigen Achdorf die hoch oben nach Osten fließende

Wutach an. Indem sie nun in steilem Gefäll ihr Wasser nach Südwesten

abgab, entstand im alten Tallauf eine Wasserscheide; die unterste

Strecke der alten Wutach, die heutige Aitrach, behielt die frühere

Richtung und das alte, schwache Gefälle bei, der Oberlauf aber

suchte sein Gefälle auszugleichen und nagte sich deshalb tief ein

zum jetzigen Schluchtlauf. Das wurde ihm durch das meist leicht

zerstörbare Gestein der Juraschichten dieser Gegend erleichtert,

und so haben wir bei Zollhaus in breitem Hochtal eine erst in

jüngster geologischer Vergangenheit entstandene Verschiebung der

europäischen Hauptwasserscheide. Wir haben aber noch mehr, nämlich eine

Unterbrechung derselben durch eine Wassergabelung oder Bifurkation,

die freilich nicht so großartig ist wie die des Cassiquiare in

Südamerika. Der Quellbach der jetzigen Aitrach läßt sich nämlich durch

eine Schleuse unfern von der Bahnstation Zollhaus nach Westen ableiten

und ergießt sein Wasser dann in das „Schleifenbächlein“, das an dem

alten, ruinenüberragten Blumberg vorbei eiligen Laufes zur Wutach

hinunterstürzt.

[Illustration: Abb. 53. Der Titisee. Nach einer Photographie von Ph.

Bussemer in Baden. (Zu Seite 78.)]

[Illustration: Abb. 54. Titisee-Moräne. (Zu Seite 78.)]

[Sidenote: Die strategische Bahn.]

Um den bedeutenden Höhenunterschied zum Rhein hinab zu überwinden,

muß unsere strategische Bahn, die in Rücksicht auf die Schnelligkeit

und Sicherheit großer Truppentransporte in der Richtung auf die

burgundische Pforte kein stärkeres Gefälle als 1 : 100 hat, eine

Luftlinienentfernung von 9,6 ~km~ auf eine Streckenlänge von 23

~km~ ausdehnen, sie macht also, bis sie die Talsohle der untern

Wutach gewinnt, ungeheure Schleifen, darunter in dem 1700 ~m~ langen

Stockhalden-Kehrtunnel eine solche über sich selbst weg. Die Strecke

bis nach Weizen hinab ist eine Gebirgsbahn allerersten Ranges und

steht an Schwierigkeit der technischen Probleme, welche der Bau in den

hier weit verbreiteten weichen Tonen und Schiefern der Juraformation

stellte, kaum der Albula- oder Gotthardbahn nach. Die Viadukte

bei Epfenhofen und Fützen (Abb. 32), die Wutachbrücke unterhalb

Blumegg, die überraschenden Ausblicke über weite Hochflächen und dann

wieder in die schauerliche Gebirgswildnis, die bei den zahlreichen

Richtungsänderungen der Linie ununterbrochen wechseln, machen diese im

höchsten Grade interessant.

Bei Weizen zweigt die neue, bei dem Städtchen Stühlingen, das von

dem Schlosse Hohenlupfen überragt ist, die alte Landstraße nach

Bonndorf und damit auf den hohen Schwarzwald ab, deren Fortsetzung

um den Juraklotz des Randen herum nach Schaffhausen gerichtet ist;

vor der Eisenbahnzeit war diese Straße eine der wichtigsten von

Freiburg und der Rheinebene her nach Südosten. In dem nun einförmiger

gewordenen Wutachtal ist bald die Station Oberlauchringen an der Linie

Konstanz-Schaffhausen-Basel, und bald darauf das Städtchen Thiengen

erreicht, von wo es nun hoch über dem nahen Rhein nach Waldshut geht

(Abb. 33), nachdem man kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof gerade

gegenüber der Aaremündung einen schönen Blick in die Schweiz hatte, bei

klarem Wetter auch einen solchen auf die Eishäupter der Alpen.

[Sidenote: Waldshut.]

Von Waldshut führen Bahnlinien über Winterthur in die Ostschweiz, über

Baden im Aargau nach Zürich und am linken Flußufer hin nach Basel,

wozu natürlich noch die rechtsrheinische, direkte Linie Konstanz-Basel

kommt. Da außerdem die Wutach und ihre Zuflüsse, sowie manche kleinere

Tälchen eine ansehnliche Zahl von Zugängen zum inneren Schwarzwald

eröffnen, so ist Waldshut, das heute gegen 4300 Einwohner zählt,

seit alters ein wichtiger Mittelpunkt für die Umwohner geworden und

hat neben den drei anderen „Waldstädten“ am Oberrhein, Laufenburg,

Säckingen und Rheinfelden, in der Geschichte der Landschaft stets

eine bedeutsame Rolle gespielt. Die Hauptstraße macht einen sehr

malerischen, altertümlichen Eindruck, der durch Türme und Tore,

Stadtmauer und Graben noch stark gehoben wird. Die freien Ausblicke

von den bequem zugänglichen Höhen der Umgebung, besonders auch der

Niederblick auf die grünen Fluten des mächtig hinströmenden Rheins in

seinem tiefgegrabenen Bette, bieten eine Fülle schönster Bilder.

[Illustration: Abb. 55. Oberer Anfang des Höllentals, in die

Moränen-Landschaft eingeschnitten. (Zu Seite 80.)]

[Sidenote: Hauenstein.]

[Sidenote: Das Hauensteiner Land; „Hotzenwald“.]

Immer dem Strom entlang führt uns die rechtsuferige Land- und

Schienenstraße über Albbruck, wo das Albtal ausmündet, zu der Burg

Hauenstein, an deren Fuß die kleinste Stadt des Deutschen Reiches

liegt. Sie trägt mit der Burg den gleichen Namen, zählt wenig über

200 Einwohner und besteht aus den Häuserreihen einer einzigen Gasse,

die hart am Rheine hinzieht. Einst war sie Hauptort der weit über

den südlichen Schwarzwald ausgedehnten Grafschaft Hauenstein. Das

Hauensteiner Land war Jahrhunderte hindurch der Schauplatz schwerer

Kämpfe zwischen der Bevölkerung und ihren Herrschaften. Das Gebiet war

schon bald nach seiner ersten Besiedlung bei der Kargheit des Bodens

und der Rauheit des Klimas nicht imstande, die zu dichte Bevölkerung

auch nur halbwegs auskömmlich zu ernähren (Abb. 34). Zur Einführung

des Hofgüterrechts ist es in der Gegend nie gekommen, und so war es

die wirtschaftliche Not, welche das Volk zu blutigen Aufständen,

besonders gegen die reiche und mächtige Abtei St. Blasien, trieb. Nach

kurz wirkenden Erfolgen steigerten sich die Unterdrückungen nur um so

mehr, kleinliche Maßregelungen verbitterten das Volk von Jahrzehnt

zu Jahrzehnt in steigendem Maße; Verschlossenheit, Unnahbarkeit,

heimtückisches Wesen wurden allmählich die herrschenden Charakterzüge

der Hauensteiner, und immer wieder gelang es fanatisierten Führern,

die Massen zu rohen Gewaltakten fortzureißen. Religiöses Sektenwesen

gesellte sich dazu, und so hatten, seit den Zeiten des Bauernkrieges

bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, die Behörden schweren

Stand gegenüber dem kaum auszurottenden Mißtrauen der Hauensteiner

gegen alles, was man Staatsraison nennt, ja gegen offenen Aufruhr.

Nur das „Haus Österreich“ und der Papst wurden als Obrigkeiten

anerkannt, gegen die vom Freiburger Erzbischof gesandten Geistlichen

war der Widerstand ebenso groß wie gegen die badischen Beamten. Von

dem Führer in einem der vielen Aufstände, dem Salpetersieder Peter

Albiez, nannten sich die Sektierer Salpeterer oder Albiezler; sie

sind heute noch nicht ganz ausgestorben, obwohl es in der Hauptsache

endlich gelungen ist, der Bewegung Herr zu werden, und zwar auf

friedlichem Wege. Scheffels „Trompeter“ gibt uns eine Schilderung der

Verhältnisse im „Hauensteiner Rummel“, und aus der großen einschlägigen

Literatur mag wenigstens auf eine neuere, hierher gehörige Arbeit

des Schwarzwälder Volksschriftstellers Hansjakob hingewiesen werden.

Die alte Hauensteiner Tracht (Abb. 35) ist fast ganz abgekommen und

nur noch gelegentlich zu treffen. Zu ihr gehören bei den Männern vor

allen Dingen kurze, schwarze Pumphosen, welche „Hotzen“ heißen und

der Bevölkerung den Namen „Hotzen“, ihrem Wohngebiet die Bezeichnung

„Hotzenwald“ eingebracht haben (Abb. 36).

[Illustration: Abb. 56. Eingang ins Ravennatal.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 81.)]

[Sidenote: Die Laufenburger Enge.]

Unfern Hauenstein -- wir haben soeben einen kurzen Tunnel durchfahren

-- stellt sich unsern Augen ein wirkliches Juwel prächtigster

Landschaftsschönheit dar (Abb. 37), das freilich zurzeit wesentlich

verändert wird und sich starke Einbußen gefallen lassen muß. Es ist das

badische Städtchen Klein-Laufenburg, durch eine zur Hälfte gedeckte

Brücke mit dem aargauischen Groß-Laufenburg verbunden, eine der früher

österreichischen „Waldstädte“, die von dem Schloß Laufenburg-Habsburg

überragt ist. Die Stromschnelle des Laufen, gerade zwischen den zwei

Städtchen, in welche sich der Rhein auf etwa 20 ~m~ einengt, aber bis

zu 30 ~m~ tief ist, kommt dadurch zustande, daß sich hier der Fluß

durch ein nach Süden vorspringendes Stück Schwarzwaldgneis durchgenagt

hat. Die grauen Felswände mit ihren vom Wasser gerundeten Formen und

ihren Strudellöchern bilden groteske Gestaltungen phantastischster Art,

zwischen denen der Gischt des Gewässers in wildem Aufruhr sich tosend

durchzwängt. Große Anlagen zum Salmenfang, der hier sehr ergiebig ist,

sind in den Strudel kunstvoll hineingebaut. Jetzt aber ist man damit

beschäftigt, die gewaltigen Wasserkräfte durch elektrische Übertragung

der Industrie dienstbar zu machen. Die Flußenge wird kanalisiert,

kahle, gerade Uferwände werden aufgesetzt, Schleusen eingebaut,

Fabrikanlagen fangen schon an, den Fluß beiderseits einzusäumen, und

in kurzer Zeit wird das malerische Laufenburg dem industriellen Platz

gemacht haben. Vom Standpunkt des Naturfreundes mag das herzlich

bedauert werden; aber schließlich, wer kämpft gegen den Strom der Zeit?

[Illustration: Abb. 57. Der Hirschsprung im Höllental.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 81.)]

[Sidenote: Säckingen.]

Wieder ein Stück flußabwärts liegt die dritte der Waldstädte, das

trompeterberühmte Säckingen (Abb. 38), dessen Scheffelerinnerungen

heute sicherlich mehr Anziehungskraft in alle Welt hinaus üben, als

die geschichtliche Bedeutsamkeit des Ortes. Über der schmucken Stadt,

die industriell lebhaft aufgeblüht ist und mehr als 4600 Einwohner

zählt, breitet sich trotz ihrer großen Fabriken ein feuchtfröhlicher

Hauch von poetischer Verklärung aus. Kein Deutscher, besonders keiner,

der einst die Wonnen des Burschenlebens auf hohen Schulen gekostet

hat, wird ohne einen Anflug von Rührung auf der alten holzverschalten

Brücke stehen und nach dem Schönauer Schlößchen hinblicken, keiner das

Grabdenkmal Werners und Margaretens am hohen Fridolinus-Münster sehen,

vor welchem sich nun das wohlgelungene Denkmal des Dichters erhebt,

der sich vor mehr als fünfzig Jahren in die Herzen von Hunderttausend

hinein zu trompeten angefangen hat. Und wer von Heimat, Liebe,

Jugendtraum schwärmen will, der findet dazu leicht Gelegenheit und

Stimmung nicht nur im grünen Tannendunkel am unfernen Waldsee, sondern

auch beim Schoppen -- und ohne den dürfen wir uns Josef Viktor Scheffel

und seine guten Säckinger nicht denken -- in der Margaretenlaube, im

Trompeter, im Schwarzen Walfisch oder im Goldenen Knopf mit seiner

Rheinterrasse. Alles atmet Scheffel, und die Säckinger sind nicht

umsonst dem Rechtspraktikanten, der hier 1850 bis 1852 amtierte,

dichtete und trank, von Herzen dankbar. Jedenfalls sind in der weiten

Welt draußen die Säckinger Badequelle und sogar der heilige Fridolin,

der Apostel des Oberrheingebietes, dessen Fest am ersten Sonntag im

März für das Landvolk ringsum allerdings hohe Bedeutung hat, weniger

berühmt als der „Trompeter“.

[Illustration: Abb. 58. Terrassen am Ausgang des Höllentals. (Zu Seite

81.)]

[Sidenote: Von Säckingen nach Rheinfelden.]

Bei Brennet mit seinem forellenberühmten Gasthause mündet die Wehra

in den Rhein, weiter abwärts spiegelt sich das Gebäude der einstigen

Deutschordens-Kommende Beuggen in den Fluten des Stromes, dann wird

Rheinfelden erreicht. Die alte, einst wohlbefestigte Waldstadt, die

überaus malerisch auf dem hohen Schweizer Ufer liegt, spielte einst

eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Gegend, besonders während

des Dreißigjährigen Krieges, der ihr 1638 eine Belagerung durch

Bernhard von Weimar brachte. Das Rheinfelder Solbad erfreut sich

berechtigten Ansehens und lebhaften Besuches.

[Illustration: Abb. 59. Haus im Engetobel beim Hirschsprung. Nach einer

Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 81.)]

[Sidenote: Badisch-Rheinfelden.]

Der Schwarzwald · 第 4 / 14 段