Wir sind hiermit in die obere Bergregion eingetreten, in welcher

Höhenstufe die Schwarzwälder Hochmoore liegen, im Süden seltener,

im Norden und Nordosten auf den fast ebenen Buntsandsteinbänken

ausgedehnter. Die Legföhre oder Latsche (~Pinus pumilio~) findet

sich in der Feldberg-Umgebung nur am Schluchsee, während sie an

der Hornisgrinde, auf dem Holoh usw. häufig auftritt. Allgemeiner

kommt die Hackenkiefer (~Pinus uncinata~) vor. Als Leitgewächs der

Moorlandschaften kann das Wollgras (~Eriophorum vaginatum~, seltener

~alpinum~) gelten. Auf Torfmoos- (~Sphagnum~-) Polstern haben sich

verschiedene Arten des insektenfressenden Sonnentaues angesiedelt, so

~Drosera rotundifolia~, ~anglica~, ~intermedia~ und Bastarde unter

ihnen. Dazwischen liegen die fadenförmigen Stengel der Moosbeere

(~Vaccinium oxycoccos~), und von Bärlapparten kriecht das seltene

~Lycopodium inundatum~ am Boden hin. Sumpffettblatt (~Sedum villosum~),

Sumpfheide (~Andromeda polifolia~) sind selten, während das Fettkraut

(~Pinguicula vulgaris~) häufiger ist. Trockenere Stellen lieben die

Sumpfheidelbeere (~Vaccinum uliginosum~) und das Heidekraut (~Calluna

vulgaris~). Riedgräser (~Carices~) kommen reichlich vor, und Erwähnung

verdienen hier noch ~Comarum palustre~ (Sumpffingerkraut), ~Phyteuma

nigrum~ (schwarze Rapunzel), ~Parnassia palustris~ (Sumpfherzblatt),

~Menyanthes trifoliata~ (dreiblätteriger Fieberklee).

Die subalpine Schwarzwaldflora, deren seltene Vertreter zumeist an

abgelegenen, schwer zugänglichen Stellen der höchsten Bergregion nur

mühsam gefunden werden können, ist das Lieblingskind unserer Botaniker.

Ganz vereinzelte Vorkommnisse sind meist nur wenigen Auserwählten

bekannt, und ihre Standorte werden ebenso geheim gehalten wie einige

künstliche Hegungen von Alpenrosen, alpinen Steinbrecharten und anderen

dem Mittelgebirge an sich fremden Gästen, die von Freunden solcher

Versuchspflanzungen aus den nahen Schweizerbergen gebracht worden sind.

Auf den höchsten kahlen Gebirgskämmen bildet Borstengras (~Nardus~)

eine dünne Bodendecke, von Geröllschutt, Heidelbeerbüschen und

Heidekraut unterbrochen. ~Gnaphalium supinum~ (Ruhrkraut), findet sich

nur, und zwar selten auf dem Feldberg. Weiterhin mögen ~Saxifraga

aizoon~ und ~stellaris~ (Steinbrech), ~Primula auricula~ (Aurikel),

von Kryptogamen der Schildfarn (~Aspidium montanum~ und ~lonchitis~),

das Zwergbärläppchen (~Selaginella selaginoides~), der Alpenbärlapp

(~Lycopodium alpinum~) als besonders interessant genannt werden, ebenso

das Goldfingerkraut (~Potentilla aurea~) und der bei den Viehhütten

verbreitete Alpenampfer (~Rumex alpinus~). Der gelbe Enzian (~Gentiana

lutea~), der Türkenbund (~Lilium martagon~), die Bergflockenblume

(~Centaurea montana~), die dornenlose ~Rosa alpina~, seltene

~Hieracium~- und ~Crepis~-Arten (Habichtskraut, Pippau) erregen unser

Interesse nicht minder als der Alpenlattich (~Homogyne alpina~), die

Gänseblümchenaster (~Aster bellidiastrum~) und am Rande der erst im

Hochsommer schmelzenden Schneefelder das Alpenglöckchen (~Soldanella

alpina~). Schließlich mögen noch Erwähnung finden ~Sweertia perennis~

(ausdauernder Tarant), ~Bartschia alpina~, ~Campanula pusilla~,

~Alchemilla alpina~ (Alpenfrauenmantel), ~Allium victoriale~

(Siegwurz), ~Silene rupestris~ (Felsenleinkraut).

[Illustration: Abb. 37. Laufenburg. Nach einer Photographie von G.

Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 55.)]

Diese so interessante Reliktenflora aus der Eiszeit weist auf einstige

Beziehungen zu den Florengebieten der Alpen hin, und es erscheint auch

wohl begreiflich, daß sie viel Gemeinschaftliches mit den Hochvogesen

hat. Manche Einzelheit ist aber doch nicht aufgeklärt. Warum fehlt

z. B. die ~Soldanella~ in den Vogesen, und warum sind die hier

ansehnlich verbreiteten Arten ~Anemone alpina~ und ~narcissiflora~,

~Viola alpestris~, ~Androsace carnea~ dem Schwarzwalde fremd?

Vielleicht ist es berechtigt, die Vogesen noch lange nach ihrer

orographischen Trennung vom Schwarzwalde als im floristischen

Ausstrahlungsgebiet der Pyrenäen gelegen anzunehmen, während für

unser Gebirge die Annahme einer derartigen Verbindung nicht zulässig

erscheint. Wie dem auch sei -- der Wanderer, der auf unsern Höhen nicht

achtlos Fuß vor Fuß setzt, wird viel Befriedigung daran finden, wenn

er seinen Blick nicht nur in die Ferne schweifen läßt, sondern auch dem

Nächsten, was sein Auge trifft, den zarten Kindern Floras, freundliche

Aufmerksamkeit schenkt, und das um so mehr, als er unter ihnen wirklich

seltene und in ihrer eigenartigen Verbreitung höchst beachtenswerte

Erscheinungen treffen kann, wenn er nur mit dem nötigen Eifer und

einigem Geschicke sucht und gelegentlich sich das Abweichen von den

gebahnten Wegen der Allgemeinheit nicht verdrießen läßt.

V. Die Bevölkerung des Schwarzwaldes.

[Sidenote: Bevölkerung bis zur Römerzeit.]

Die Ortslagen prähistorischer Fundstätten gestatten ziemlich sichere

Schlüsse über die Besiedlungsgeschichte des Schwarzwaldes. Aus der

älteren Steinzeit stammen die im Löß der Rheinebene bei Munzingen,

im Keßlersloch bei Schaffhausen und am Schweizersbild ebendaselbst

gefundenen, zum Teil unveränderten, zum Teil bearbeiteten Renknochen

und -geweihe, sowie Steinwerkzeuge, Tonscherben und Holzkohlen.

Neben diesen zeitlich ersten Spuren des menschlichen Daseins nahe

dem Schwarzwaldrande sind die zahlreicheren Reste aus der jüngeren

Steinzeit und der älteren Metallzeit bedeutungsvoll, die aus den

Pfahlbauten nicht nur des Bodensees, sondern auch aus denen der Baar

auf uns gekommen sind, jener Hochfläche an der jungen Donau, deren

ausgedehnte Ried- und Moorbildungen für Pfahlbauniederlassungen gut

geeignet erscheinen mußten. Waffen, Geräte und Schmucksachen derselben

Art wie in den Pfahlbauten, aber fern von solchen gefunden, z. B.

bei Unadingen im Westen von Donaueschingen, bei Istein unfern Basel,

bei Ettlingen in der Karlsruher Gegend, sind beweiskräftig für die

Auffassung, daß die jüngere Steinzeit den Schwarzwaldrand besiedelt

sah, und zwar von einem Volke mit nicht zu verachtendem Kulturbesitz.

Welcher Rasse dasselbe angehörte, wird nicht mit Bestimmtheit zu sagen

sein, und auf Hypothesen einzugehen, ist hier nicht der Ort.

Die vorrömische Metallzeit, die wir aus Ringwällen, Hochäckern,

Urnenfeldern, Flach- und Hügelgräbern kennen, läßt uns in der

geographischen Verbreitung ihrer nicht seltenen Spuren den Fuß und

die Vorhöhenzone des Gebirges fast in seiner ganzen Grenzlänge

verhältnismäßig dicht besiedelt erscheinen; wir finden die Bewohner

dieser Zeit, die wir als Kelten bezeichnen, vergleichsweise hoch

entwickelt nach der Art, wie sie Ackerbau, Viehzucht, Gewerbe, Handel

und Verkehr trieben. Beim Eindringen der Römer sehen wir die Kelten zum

größten Teil durch jene Germanen vertrieben, die unter Ariovist durch

Cäsar vom linken auf das rechte Rheinufer zurückgedrängt worden waren,

aber bald nachher mit Marbod nach Nordosten abzogen, um der drohenden

römischen Vergewaltigung zu entrinnen.

So war, als die Römer anfingen, sich häuslich im Lande einzurichten,

dessen Bewohnerzahl sehr gering. Doch bestand damals schon der

Gegensatz zwischen einer kleinen, brünetten, schwarzhaarigen,

dunkeläugigen Rasse und einer großen, blonden hellhäutigen,

blauäugigen. In der ersteren erkennen wir unschwer die verscheuchten

Keltenreste, die soweit als möglich in die Täler des Gebirges

eingedrungen waren und so den Grundstock zur späteren eigentlichen

Schwarzwaldbevölkerung abgeben konnten, in der anderen die Germanen.

[Illustration: Abb. 38. Säckingen. Nach einer Photographie von G.

Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 55.)]

Römische Reste in großer Zahl geben Kunde von den zum Teil glanzvollen

Niederlassungen der südlichen Eroberer, die bis ins vierte Jahrhundert

hinein in unseren Gebieten weilten. Längs der Heerstraße von Vindonissa

(Windisch) an der Aare nach Arae Flaviae (Rottweil) am Neckar, die den

Rhein bei Zurzach überschritt, dann im oberen Rheintal von Waldshut bis

Basel, am westlichen Gebirgsrande von hier bis Ettlingen und Pforzheim

haben wir an Straßen, Brücken, Befestigungen, Militärstationen,

Kultusstätten, Bädern, Ziegeleien, Villen eine so große Menge, daß wir

uns von der römischen Machtentfaltung und Kultur im Oberrheingebiet

ein deutliches Bild machen können. Das Gebirge hieß Silva Abnoba

und war der Diana Abnoba geweiht; einer ihrer Altäre steht im

wohlerhaltenen Römerbade zu Badenweiler, das an Glanz den Thermen von

Aquae Aureliae (Baden-Baden) wohl nur wenig nachgestanden hat.

[Sidenote: Alemannen und Franken.]

Das innere, höhere Gebirge war von den Römern nicht besetzt, vielmehr

ist erst die nachrömische, alemannische Besiedlung der Ausgangspunkt

der heutigen Volksverteilung geworden. Des Frankenkönigs Chlodwig Sieg

zwang 496 die Alemannen, sich auf das Gebiet im Süden der Murg und Oos

zu beschränken und die fränkische Hoheit anzuerkennen. Bis zur heutigen

Stunde wirkt jene Katastrophe mit ihren Folgen nach; im Norden von

Baden und Rastatt, im „Unterlande“, herrscht die fränkische Mundart,

im Süden, dem „Oberlande“, die alemannische, die durch den trefflichen

Johann Peter Hebel, einen Sohn des Schwarzwälder Wiesentals, in die

Literatur eingeführt wurde und vom nördlichen Schwarzwalde ab über den

Rhein hinüber durch die ganze deutsche Schweiz bis zum Fuße des Monte

Rosa gesprochen wird, freilich mit mancherlei, nur dem vertrauten

Ohre merkbaren Abänderungen. Die Schwaben im Osten des Gebirges

sind mit ihren westlichen Nachbarn, den Alemannen, als eine größere

ethnographische Einheit aufzufassen, deren Glieder sich eigentlich nur

mundartlich unterscheiden.

[Illustration: Abb. 39. Isteiner Klotz.

Nach einer Photographie von ~Dr.~ Hoek in Freiburg. (Zu Seite 64.)]

Aus der Zeit der Frankenherrschaft stammt die Einteilung in Gaue:

Pfinzgau, Ortenau, Breisgau, Albgau, Klettgau, Baar; Siedlungen

und Kultur jener Tage kennen wir aus den fränkisch-alemannischen

Reihengräbern, die in der Baar, auf den Randhöhen des südöstlichen

und südlichen Schwarzwaldes und in der westlichen Vorhügelzone

weit verbreitet sind. Doch auch in dieser Periode war der hohe

Schwarzwald noch unbewohnt. Interessant ist, daß unter 100 Schädeln der

entsprechenden Gräberfunde 69 reine Langköpfe (Germanen), 9 Rundköpfe

(Kelten) und 22 Misch- oder Übergangsformen gefunden werden, während

das heutige Geschlecht nur noch 16% Lang-, dagegen 32% Rundköpfe und

52% Zwischenstufen aufweist. Der Schwarzwald erscheint hiernach

als Ausstrahlungspunkt von keltischen Rundköpfen, deren Träger seit

der Periode der Reihengräber sich stark vermehrten, aus dem Gebirge

heraustraten und sich mit den langköpfigen Germanen, den jüngeren

Ansiedlern, vermischten.

[Illustration: Abb. 40. Badenweiler. Nach einer Photographie von Ph.

Bussemer in Baden. (Zu Seite 66.)]

[Sidenote: Besiedlung im Mittelalter.]

In die Zeit gegen das Ende der fränkisch-alemannischen

Reihengräberperiode fällt die Einführung und Ausbreitung des

Christentums auf Schwarzwälder Boden und mit ihr die Errichtung

zahlreicher Klöster, zumeist nach der Regel des heiligen Benedikt von

Nursia. Zunächst spielte sich diese Kolonisation noch in den schon bis

zu gewissem Grad besiedelten Randzonen ab, dann aber bald, nämlich vom

zehnten Jahrhundert an, auf neugerodetem Waldlande, so in St. Trudpert

im Münstertal, in St. Blasien an der oberen Alb. Nach dem Jahre 1000

folgten in bisher völlig unbewohnten Einöden St. Georgen, St. Peter,

St. Märgen, Friedenweiler, St. Ulrich. Der Klostergründung folgte

die Urbarmachung und Besiedlung weiter Flächen, deren Waldesdickicht

sich nun rasch lichtete und im Verhältnis zur Rauheit des Klimas und

zur anfänglich noch recht geringen Wegsamkeit fast nur allzuviele

bäuerliche Niederlassungen auf den Grundstücken der Klöster entstehen

sah. Der gelehrte Fürstabt Gerbert von St. Blasien hat nicht unrecht,

wenn er in seiner ~Historia nigræ silvæ~ (1783 bis 1788) den

Schwarzwald eine ~Colonia Sancti Benedicti~ nennt. In der Tat muß ein

großer Teil des hohen Schwarzwaldes als junges Kolonialland angesehen

werden, das erst vor neunhundert und weniger Jahren besiedelt worden

ist, und zwar mit dem Überschuß von Menschenmaterial, welches sich in

den leichter zugänglichen, seit alter Zeit bewohnten Tälern fand. So

erklärt sich auch die starke Vermehrung der dunklen keltischen Rasse,

von der vorhin die Rede war.

[Illustration: Abb. 41. Marzell im Kandertal.

Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 68.)]

[Illustration: Abb. 42. Der Belchen.

Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 70.)]

[Illustration: Abb. 43. St. Trudpert.

Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 70.)]

[Sidenote: Volksverteilung.]

In späteren Zeiten sind durch die Bedürfnisse der Waldarbeiter,

Glasbläser usw. gelegentlich wohl noch da und dort kleinere Orte neu

entstanden, aber im großen und ganzen hat sich die Volksverteilung seit

lange nur noch der Zahl nach verschoben, aber nicht mehr hinsichtlich

des Bildes ihrer geographischen Ausbreitung. In bezug auf diese

geographische Verteilung der Schwarzwaldbevölkerung muß vor allen

Dingen eines Verwunderung erregen, nämlich ihr weites Vorrücken nach

oben. Während in den Vogesen das höchstgelegene Dorf, Altweiler,

sich zwischen 800 und 900 ~m~ ausbreitet, zieht sich Hofsgrund im

Schwarzwald bis gegen 1150 ~m~ hinauf, und abgesehen von dem das ganze

Jahr bewohnten Touristenhaus des Feldberger Hofes mit 1278 ~m~ ist der

Rinkenhof in dessen Nähe mit 1200 ~m~ Meereshöhe die höchstgelegene

alte Siedlung des Gebirges. Im Gegensatz zu den Vogesen mit ihrem

ausgeprägt schmalen, steilabfallenden, darum auch verkehrsfeindlichen

Hauptkamm neigt der Schwarzwald weithin zur Hochflächenbildung;

er setzt hiernach dem Verkehr wie der Bewohnbarkeit nach seiner

orographischen Gestaltung keine allzugroßen Hindernisse in den Weg.

Längst ist er darum zu einem straßenreichen Durchgangsland geworden,

und wie sich die Volkszahl zur Höhenlage der Wohnsitze verhält, ist aus

folgender Zusammenstellung ersichtlich:

Einwohner

überhaupt in Proz. auf 1 ~qkm~

unter 200 ~m~ 17000 4,5 300

200-400 ~m~ 221000 56,4 165

400-600 ~m~ 60000 16,0 43

600-800 ~m~ 41000 11,0 37

800-1000 ~m~ 40000 10,7 37

1000-1200 ~m~ 5000 1,4 13

Summa 374200 100,0 69

Diese einer Untersuchung aus dem Jahre 1892 entnommenen Angaben

beziehen sich nur auf den badischen Schwarzwald; entsprechende Zahlen

für den württembergischen Gebirgsanteil würden die höheren Stufen noch

schwerer ins Gewicht fallen lassen.

[Illustration: Abb. 44. Inneres von St. Trudpert.

Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 70.)]

[Sidenote: Siedlungsverhältnisse.]

[Sidenote: Erwerbsleben.]

Leicht wird den zahlreichen Bewohnern des hohen Schwarzwaldes der

Kampf ums Dasein nicht, und er ist es auch niemals gewesen. Schon

früh machten sich die Folgen der zu dichten Besiedlung, wie sie von

den Klöstern nach und nach durchgeführt worden war, in zu geringem

Ausmaß der bäuerlichen Lehen unangenehm fühlbar, und manche schwere

Katastrophe im Wirtschaftsleben führte allmählich zur Einführung

des Anerbenrechtes, das sich zum Hofgüterrecht ausbildete, wonach

im Interesse der Erhaltung des Besitzes und um die zu weitgehende

Parzellierung zu verhindern, der bäuerliche Hof (Abb. 14) vom Vater

auf den jüngsten Sohn oder die älteste Tochter übergeht, während die

übrigen Geschwister mit Abfindungsgeldern sich begnügen müssen. Sie

werden Knechte, Mägde, Tagelöhner, heiraten auf andere Höfe oder wenden

sich der Industrie zu, und diese hat auf dem Schwarzwalde längst eine

ruhmvolle Heimstätte erworben. Ohne sie wäre seine heutige dichte

Bevölkerung undenkbar. Hinsichtlich des Erwerbslebens der Schwarzwälder

mag daran erinnert werden, daß neben dem naturgemäß längst nicht mehr

genügend ergiebigen Ackerbau -- Brotfrucht wird überall gekauft --

die Viehhaltung eine hohe Bedeutung erlangt hat. Milch, Butter und

Käse geben sichere Einnahmen, deren Wertschätzung die Schwarzwälder

Viehzucht durchweg auf eine mustergültige, weitum anerkannte Höhe

brachte, die zu erhalten die Organe des Staates, der Kreise und

Gemeinden aufs lebhafteste bemüht sind.

Die Jagd kann zumeist als eine gute bezeichnet werden. Sie erstreckt

sich auf Rot- und Damwild, Rehe, Hasen, auch Füchse, Dachse, Marder,

Wildschweine, Fischottern, auf Auer- und Birkhähne, Fasanen, Rebhühner,

Enten usw. Die Fischerei gewinnt im Oberrhein den vielbegehrten Lachs,

die vielen Gebirgsbäche mit ihrem beweglichen reinen Wasser beherbergen

die muntere Bachforelle, wohl den köstlichsten aller Fische, dessen

Erhaltung durch die Wirksamkeit mehrerer Fischzuchtanstalten

gewährleistet wird.

[Illustration: Abb. 45. Scharfenstein.

Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 70.)]

Der Schwarzwälder Bergbau spielte früher eine wichtige Rolle.

Mancherlei Gänge im Urgestein, gern an dessen Verwerfungsspalten

geknüpft, spendeten Kupfererze, z. B. im Kinziggebiet, silberhaltigen

Bleiglanz an sehr vielen Orten, so bei Badenweiler, Sulzburg, im

Wiesen- und Münstertal, bei Freudenstadt; Eisenerze verschiedener Art

wurden einst abgebaut bei Pforzheim und Kandern, an der Oberen Alb

und im Wutachtal; Kobalt gab es im Kinzigquellgebiet, Nickel bei St.

Blasien usw. Eisenschmelzen bestanden in ansehnlicher Zahl, doch gingen

sie seit etwa fünfzig Jahren alle ein bis auf die von Friedrichstal

und Christophstal bei Freudenstadt. Am Erzkasten (Schauinsland)

bei Freiburg, der von seinen alten Gruben den Namen hat, ist seit

kurzem ein in großem Stil betriebenes Erzwerk auf Zinkblende und

silberhaltigen Bleiglanz wieder eröffnet worden. Steinkohle (Anthrazit)

lieferte bis zur jüngsten Zeit in bescheidenem Umfang das einzige

Kohlenbergwerk Badens bei Berghaupten (Offenburg). Salz spendet in

reichem Maß die Saline Dürrheim im Muschelkalk bei Villingen.

[Illustration: Abb. 46. An der Schützenbrücke in Donaueschingen.

Nach einer Photographie von H. Schönbucher in Donaueschingen. (Zu Seite

72.)]

Nicht hoch genug kann der Wert des Schwarzwaldes an Mineralquellen

und Thermen angeschlagen werden. Seit den Römerzeiten haben sie

Erholungsbedürftige von allen Seiten angezogen und durch die Geheilten

ihren Ruhm und den der landschaftlichen Schönheit ihrer Umgebung nach

allen Richtungen der Windrose getragen. Ihnen verdankt unser Gebirge

zweifellos die ältesten Anregungen, die allmählich zur Entwicklung der

jetzt so blühenden Fremdenindustrie führten und heute Hunderttausende

anziehen, sei es in den Zaubergarten des Weltbades, das unserem Lande

den Namen gab, sei es in irgendein anderes der kleineren, aber um

so anheimelnderen Bäder im stillen Waldesfrieden ihrer lauschigen

Landschaft.

Daß schon früh die Knappheit der natürlichen Lebensbedingungen

den Schwarzwälder zu gewerblicher Tätigkeit zwang, ist bereits

angedeutet worden. Waldarbeit, Holzflößerei, Kohlenbrennen (Abb.

13, 15, 16, 17), Harzgewinnung, Betrieb von Sägemühlen mit dem

typischen oberschlächtigen Wasserrad (Abb. 18), Küblerei und

Verfertigung kleiner Holzgeräte allerart, auch Strohflechterei

(Abb. 19), das waren die nächstliegenden Beschäftigungen von alters

her. Das Flößen, Brennen und Harzen ist fast völlig verschwunden,

die vielbesungenen kleinen Sägewerke am rauschenden Wildbach sind

an vielen Orten von großen fabrikmäßig betriebenen Schneidemühlen

abgelöst worden, zu denen sich leider nur allzu häufig Zellstoffabriken

gesellt haben. Die „Holzschneflerei“ wird immer noch viel geübt,

besonders in Bernau und überhaupt in der weiteren Umgebung von St.

Blasien. Mit der Zeit entstand die Industrie der Zunderbereitung und

Bürstenherstellung, hauptsächlich am Südfuße des Feldberges, dazu

kommen Blechlöffelschmieden, an die das „Löffeltal“ bei Hinterzarten

schon durch seinen Namen gar deutlich erinnert, ferner Glasbläsereien

-- der Ortsname „Glashütten“ ist stark verbreitet (Abb. 20) --,

Granatschleifereien u. a. m. Am berühmtesten ist aber die Schwarzwälder

Uhrenmacherei geworden.

Der Glashändler Lorenz Frey brachte 1683 eine Holzuhr von der

Wanderschaft nach Hause, und seither entstand aus kleinsten,

ärmlichsten Anfängen auf den Höhen von Waldau und Umgebung eine

Hausindustrie, die sich durch ihren überall hin tätigen Hausierhandel

(Abb. 21) seit etwa 1750 Weltruhm verschaffte. Jetzt sind an Stelle

der Holzwerke (Abb. 22) längst die feinsten Präzisionsuhren getreten.

Die Hausindustrie (Abb. 23) ist mehr und mehr in den Dienst großer

Fabriken getreten. Das Gebiet der Uhrmacher dehnt sich von Triberg

und Schramberg bis nach Neustadt und Lenzkirch aus, beschäftigt

Tausende von fleißigen Händen und setzt dem Werte nach alljährlich

viele Millionen Mark um. Aus den Spieluhren entwickelten sich die

Orchestrions, die heute in großer Zahl von den stillen Schwarzwaldhöhen

ihren Weg in die weite Welt, besonders nach Rußland und Amerika

einschlagen; auch die Herstellung von physikalischen, besonders

elektrischen Apparaten und anderen Erzeugnissen der Feinmechanik ist

hoch entwickelt.

[Illustration: Abb. 47. Die Donauquelle.

Nach einer Photographie von H. Schönbucher in Donaueschingen. (Zu Seite

72.)]

Seit dem achtzehnten Jahrhundert hat man die bedeutenden Wasserkräfte,

die in den Schwarzwaldbächen und -flüssen mit ihrem starken Gefälle

aufgespeichert sind, dem Gewerbe dienstbar zu machen angefangen;

es entstanden zahlreiche Spinnereien und Webereien für Baumwolle

und Seide, die in der Gegenwart sich zumeist zu sehr bedeutenden

Betrieben ausgestaltet haben. Dazu kommen noch alle erdenklichen

anderen Industrien, die auch nur annähernd aufzuzählen hier nicht

der Ort ist. Nehmen wir endlich die hochentwickelte Gold- und

Silberwarenherstellung in Pforzheim und Umgebung, so sehen wir, daß

die Schwarzwaldbevölkerung es gut verstanden hat, sich Erwerbsquellen

vieler Art zu erschließen, die es ermöglichen, auf an sich nicht

allzu ergiebigen Heimstätten in auskömmlicher Weise zu leben. Daß

diese Industriebetriebe nicht auf wenige städtische Hauptpunkte

sich zusammenhäufen, sondern vielfach als Hausindustrie in denkbar

größter Auflockerung über weite Gebiete des Gebirges ausgebreitet

sind, daß sehr viele Kleinbauern einzelne ihrer Familienangehörigen

in der Fabrik tätig sein lassen, während anderseits die eigentliche

Arbeiterbevölkerung gern nach Erwerb von Grundbesitz strebt, wenn es

auch nur ein kleines Stückchen Garten oder Ackerfeld ist, all das

hat von unserem Schwarzwalde die sozialen Schädigungen einseitig

gesteigerten Industriegebietes bis zu gewissem Grad fern gehalten.

Möchte das für alle Zeit so bleiben!

[Sidenote: Tracht. Wohnung. Sitten.]

Tritt uns die Schwarzwälder Bevölkerung in körperlicher Kraft und

geistiger Gesundheit gegenüber, so zeigt auch ihre Kleidung und Wohnung

die Freude an Schmuck und Farbenpracht, den Sinn für Behäbigkeit.

Noch werden in vielen Gegenden, von den Frauen mehr als von den

Männern, besonders an Sonn- und Feiertagen, sowie bei festlichen

Anlässen, malerische Trachten getragen, deren Herstellung viele Kräfte

beschäftigt (Abb. 24) und deren Erhaltung sich neuerdings rührige

Vereine zur Aufgabe machten (Abb. 25, 26, 27). Die Volkstrachten sind

nicht überall schön, aber in ihrer von Tal zu Tal wechselnden Eigenart

erregen sie das Interesse des Beschauers. Als Ausdruck eines gesunden

Bauernstolzes und einer verständig konservativen Gesinnung haben sie

eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, ja man darf wohl sagen, einen

gewissen moralischen Wert. Freilich erscheint die da und dort versuchte

Wiedereinführung der untergegangenen Volkstracht völlig als nutzloses

Bemühen. Nennenswerten Erfolg hat sie selbstverständlich auch nirgends

gehabt.

Der Schwarzwald · 第 3 / 14 段