[Sidenote: Wärmeverhältnisse.]
Was die Wärmeverhältnisse betrifft, so ist unser Gebiet, das der
ausgedehnten Übergangprovinz Europas vom ozeanischen zum Landklima
angehört, rund um 4° ~C~ wärmer, als es der Durchschnittstemperatur
seiner Breitenlage entspricht. Aus langjährigen Beobachtungen ergeben
sich als Normaltemperaturen der einzelnen Höhenstufen des Schwarzwaldes:
Meereshöhe Mitteltemperatur ° ~C~
~m~
Winter Frühling Sommer Herbst Jahr
200 1,5 10,4 19,4 10,4 10,5
400 0,9 9,2 18,2 9,5 9,5
600 0,3 8,0 17,0 8,6 8,5
800 -0,4 6,8 15,8 7,7 7,5
1000 -1,0 5,6 14,6 6,8 6,5
1200 -1,7 4,4 13,4 5,9 5,5
Diese Zusammenstellung zeigt vor allem die mit der Höhe zunehmende
Bevorzugung des Herbstes vor dem Frühling, welch letzterer im
eigentlichen Gebirge wegen der späten Schneeschmelze wesentlich kühler
ist als der Herbst, der sich häufig mit schönen Sonnenscheintagen aufs
angenehmste bis tief in den November hinein geltend macht.
Von diesen Normalwerten ergeben sich im einzelnen je nach den
Lageverhältnissen bedeutende Abweichungen. So ist z. B. Villingen
(708 ~m~) auf der Ostseite des Schwarzwaldes im Verhältnis zu seiner
Höhenlage in den vier Jahreszeiten nach obiger Reihenfolge und im Jahr
zu kalt um 1.8‒0.7‒0.5‒0.9‒1.0°, Freiburg am Westfuß (272 ~m~) zu warm
um 0.9‒0.7‒1.0‒1.0‒0.9°. Nicht leicht könnte der Gegensatz zwischen
dem östlichen und westlichen Schwarzwald deutlicher vor Augen geführt
werden.
[Illustration: Abb. 21. Einzige Darstellung des alten Schwarzwälder
Hausierers. Krug vom Jahre 1806 in der Schwarzwaldsammlung der Stadt
Freiburg. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite
45.)]
[Illustration: Abb. 22. Alte Schwarzwalduhr vom Jahre 1670. Aus der
Schwarzwaldsammlung der Stadt Freiburg.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 45.)]
Im äußersten Falle steigt die Wärme in Karlsruhe, am Rande der
Rheinebene, auf 37 ° ~C~, in Villingen auf 32°, in dem 1004 m hoch und
nach allen Seiten frei gelegenen Höhenschwand auf 29°, während die
entsprechenden niedersten Werte -27, -33, -23° ~C~ sind. Gegenüber der
hohen Sommerwärme in der Rheinebene und der exzessiven Winterkälte auf
der östlichen Hochebene erweist sich hiernach der eigentliche hohe
Schwarzwald als eine Landschaft, in welcher die Wärmegegensätze nicht
allzu schroff sind.
[Sidenote: Temperaturumkehr.]
Der Winter ist auf den Höhen mehr durch seine langdauernde Schneedecke
(Abb. 6, 7 und 8) und die hierdurch bedingte Schwierigkeit des Verkehrs
lästig als durch übermäßige Kälte. Die freien Höhen erfreuen sich
viel häufiger, als man das in den Niederungen ahnt, der winterlichen
Temperaturumkehr, bei welcher es in höheren Lagen wärmer ist als in
niedrigeren, besonders in muldenartigen Eintiefungen von größerer
räumlicher Ausdehnung, wo sich bei hohem Luftdruck und dauernder
Windstille die kalten, schweren Luftmassen ungestört ansammeln und nur
schwierig einen Abfluß verschaffen können.
[Illustration: Abb. 23. Schwarzwälder Uhrmacher.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 45.)]
An den sanften Böschungen der frei aufragenden Erhebungen strömt die
kalte, schwere Luft fast unmerklich langsam ab und gelangt mit beinahe
unveränderter Temperatur in die Tiefen. Zu ihrem Ersatz sinken die
oberen Luftschichten rasch vertikal abwärts, wobei sie sich stark
verdichten, erwärmen und gleichzeitig ihre relative Feuchtigkeit ganz
wesentlich vermindern. Daher haben wir oben ansehnliche Luftwärme, die
unter dem herrlichsten blauen Himmel tagsüber durch die Wirkung der
Strahlungswärme am Boden noch bedeutend gesteigert wird; gleichzeitig
erfreuen wir uns der entzückendsten Klarheit der Luft, die uns
die wunderbarsten Fernsichten gestattet. Unten in den Niederungen
dagegen herrscht gleichzeitig meist grimmige Kälte unter bleierner
Nebeldecke, die bei den Bewohnern der Tallandschaften meist nicht
ahnen läßt, daß weiter oben der Winter so gut wie wirkungslos ist.
Dieses Hochdruckswetter mit Temperaturumkehr ist in unserer Gegend
erst seit dem strengen Winter 1879/80 allgemeiner bekannt geworden.
Wie in solchem Falle die Wetterlage sich gestaltet, mag ein Beispiel
veranschaulichen. Die mittlere Tagestemperatur war 1898 am
16. Januar: in Höchenschwand +3,9°, in Karlsruhe -2,0°
17. „ „ „ +2,7°, „ „ -3,3°
18. „ „ „ +1,9°, „ „ -3,8°
19. „ „ „ +2,7°, „ „ -3,9°
20. „ „ „ +3,9°, „ „ -0,6°
Der Unterschied steigt also bis auf 6,6° an. Noch bezeichnender ist
folgende Zusammenstellung aus dem Jahre 1888:
Monatsmittel
des Dezember, 18. Dezember
° ~C~
Größte Niedrigste
Normal 1888 Wärme, relative
° ~C~ Feuchtigkeit
Todtnauberg, 1022 ~m~ -1,4 +3,3 +11,1 25%
Schopfheim, 385 ~m~ -0,9 -0,4 +1,9 74%
Karlsruhe, 127 ~m~ +0,8 +0,2 -2,5 78%
In neuerer Zeit hat sich nicht zum wenigsten auch unter der Einwirkung
der Wärmeumkehr ein lebhafter Winterhöhensport, besonders der des
Schneeschuhlaufens, mächtig entwickelt, und die früher monatelang
vereinsamten Berggasthäuser haben jetzt vom Dezember zum März vielfach
mehr Besuch als vor zwei Jahrzehnten noch im Juli und August.
[Illustration: Abb. 24. Stickereien vom Schwarzwald. Aus der Sammlung
Spiegelhalter.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 46.)]
[Sidenote: Niederschläge.]
Die Niederschlagsmenge im Schwarzwald und seiner Umgebung nimmt
wie überall mit dem Ansteigen nach oben bedeutend zu. Sinkt sie im
Wind- und Regenschatten der Vogesen und des Hartgebirges in der
Rheinebene, z. B. in der Gegend von Colmar und im Kaiserstuhlgebirge,
auf rund 500 ~mm~ im Jahre herab, so wächst sie unter dem Einfluß
der vorherrschenden Südwest- und Westwinde mit der Annäherung an das
Gebirge auf 800 und 900 ~mm~ und nimmt in der Umgebung der höchsten
Gipfel um so rascher zu, je steiler und unmittelbarer sich diese
aus der Ebene erheben. So haben wir in der Höhenregion des südlichen
Gebirgsteiles 1800 ~mm~ und mehr, in der Hornisgrindengegend über 1600
~mm~ jährliche Niederschlagsmenge, im mittleren Schwarzwald aber nur
etwas über 1400 ~mm~; an der Ostabdachung, im Gebiete stärkerer und
häufigerer Ostwinde, sinkt die Regenmenge wieder rasch auf 700 ~mm~ und
weniger herab. Von diesem Mittelwerte stellen sich gelegentlich starke
Abweichungen ein. So hatte der Feldberg 1892: 2523, 1891 aber nur 1584
~mm~. Etwa die Hälfte aller Tage des Jahres bringen Niederschlag. Die
Hauptmenge desselben fällt in den wärmeren Jahreszeiten, während der
Winter als relativ trocken bezeichnet werden kann. Im Zusammenhang mit
dem im Winter ziemlich häufigen Hochdruckswetter erklärt sich hieraus
auch, daß das schönste Zeichen klarer Luft, die Alpenfernsicht, im
Sommer an 13, im Frühling an 22, im Herbst an 28, im Winter endlich an
41% aller Tage erwartet werden darf.
[Illustration: Abb. 25. Männertracht des neunzehnten Jahrhunderts.]
[Illustration: Abb. 26. Alte Frauentracht im Hohen Schwarzwald.]
[Illustration: Abb. 27. Frauentracht im Hohen Schwarzwald.
Aus der Sammlung Spiegelhalter. Nach Photographien von M. Ferrars in
Freiburg. (Zu Seite 46.)]
[Sidenote: Regen und Schnee.]
Umfaßt die Zeit vom ersten bis zum letzten Schneefall eines Winters am
Rand der Rheinebene im Mittel 140 Tage, so steigt sie am Feldberg auf
246 Tage an (22. September bis 26. Mai), und die Schneedecke, welche da
oben bis 2,6 ~m~ mächtig wird und an steilen Gehängen ganz prachtvolle
Wächten bildet (Abb. 9), dauert natürlich mit Unterbrechungen im Herbst
und Frühwinter rund 200 Tage; in karartigen Nischen des hohen Gebirges,
die der Sonnenstrahlung unzugänglich sind, schmilzt der letzte Schnee
manchmal erst Ende Juli.
[Sidenote: Die Bewässerung.]
Die so stark schwankende Niederschlagsmenge ist in Verbindung mit
der geologisch bedingten Veränderlichkeit in der Durchlässigkeit des
Bodens eine der bestimmendsten Ursachen für die Menge und räumliche
Verteilung des fließenden Wassers. So erklärt es sich, daß die
Flußdichte, d. h. die Länge der Wasserläufe, auf die Flächeneinheit
bezogen, am Westabhange des Schwarzwaldes viermal so groß ist als am
Ostabhang. Der abtragenden und zerstörenden Wirkung des fließenden
wie des abspülenden Wassers ist also auf der dem Rhein zugekehrten
Seite des Gebirges ein viel größerer Spielraum gewährt, woraus es
sich wesentlich mit erklärt, daß diese Westseite reicher gegliedert
und in ihrem Relief mannigfaltiger gestaltet ist als die Ostseite.
Daß viele Wasserläufe der Westseite ihre Quellregion an den Ostabhang
der Haupterhebungen vorgeschoben haben und ihre Täler im Oberlauf
als Durchbruchstäler erscheinen lassen, ist mit auf diese Ursache
zurückzuführen. Auf diese Weise wird der scheinbar unregelmäßige
Verlauf der hauptsächlichsten Wasserscheiden, das Überspringen
derselben von einem Kammstück auf ein anderes verständlich. Am
interessantesten in dieser Hinsicht ist der Anteil des Schwarzwaldes
an der europäischen Hauptwasserscheide zwischen Rhein und Donau oder
Nordsee und Mittelmeer.
[Illustration: Abb. 28. Bauernhäuser des siebzehnten, achtzehnten und
neunzehnten Jahrhunderts.
In der Mitte der Rauferhof (bei Lenzkirch) vom Jahre 1686.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 46.)]
Während die Wutach vom Feldberg erst weit nach Osten fließt, um dann
bei Achdorf nach Südwesten umzubiegen, und während auch die Nebenflüsse
der Kinzig, nämlich Gutach und Schiltach, ihre Quellgebiete östlich
von bedeutenden Hauptkämmen des mittleren Schwarzwaldes liegen haben,
drängt sich zwischen diese Flußsysteme das der Donau stark nach Westen,
so daß die vorgeschobensten Punkte, von denen das Wasser dem Schwarzen
Meer zueilt, vom Rand der Rheinebene keine zwanzig Kilometer entfernt
liegen. Eigentlichen Gebirgskämmen von ansehnlicher Höhe folgt diese
Wasserscheide nur auf der ziemlich kurze Strecke vom Höchst bei
Neustadt bis zur Sommerau über Triberg, vorher und nachher ist sie
mancherorts kaum nachweisbar, so unmerklich zieht sie über einförmige
Hochflächen von verschwindend kleiner Neigung.
IV. Pflanzengeographisches.
Als ursprüngliche Vegetationsform des Schwarzwaldes im großen und
ganzen ist für die Zeit, in welcher der Mensch zuerst anfing, die
natürlichen Verhältnisse des Gebietes zu beeinflussen, ebenso
wie im übrigen nordalpinen Europa der Wald zu betrachten. Aber
selbstverständlich ist heutzutage, nachdem zahlreiche Generationen von
Bewohnern über unsere Landscholle hingegangen sind, die Dichte und
Art der Bewaldung im einzelnen nicht nur von der Höhe, Bodenform und
Bodenbeschaffenheit, vom Klima und der Bewässerung abhängig, sondern
auch von der Dauer und Intensität der menschlichen Besiedlung. Wenn
nun in Baden 37% und in Württemberg 31% der Landesfläche bewaldet
erscheinen, so sind das schon recht hohe Werte. Unser Gebirge ist aber
noch wesentlich besser daran.
Sind doch von dem Buntsandsteingebiet seines Nordens und Ostens 60
bis 65% der Fläche bewaldet, am Westabhang und im Zentrum 40 bis 45%,
während in der Muschelkalkzone des Ostens die Waldfläche auf 35 bis
25% des Areals herabsinkt. Den Verwitterungsböden des Buntsandsteins
mit der, wie oben angegeben, stärksten Waldbedeckung kommen die des
Granites mit etwa 50%, des Gneises mit rund 45% noch ziemlich nahe;
alle anderen Bodenarten bleiben hinter diesen Anteilwerten mehr oder
weniger stark zurück.
[Illustration: Abb. 29. Wollspinnerinnen im Herrgottswinkel.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 46.)]
[Sidenote: Der Wald.]
Im Osten mit seinen breiten und die Talauen meist nur wenig
überragenden Höhenzügen sind im allgemeinen nur diese waldbedeckt,
während sich am Wasser weite Feld- und Wiesenfluren ausdehnen. Im
höheren Schwarzwald steigen die Waldungen vom Rande des Rheintales ab
an den Vorhügelreihen, den Talwänden und Berglehnen, vielfach durch
Auenland unterbrochen, zu den Wasserscheiden hinauf, deren höchste
Kuppen im Süden von etwa 1350 ~m~ ab über die Baumgrenze aufragen,
während flache Hochmoore gelegentlich noch die Krummholzkiefer
(Legföhre) gedeihen lassen.
[Illustration: Abb. 30. Waldkapelle.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 46.)]
Im Gebiet dichterer Bevölkerung ist der Wald zu den obersten Hängen
hinaufgedrängt; wo tief und eng gefurchte Täler vorherrschen, da
deckt er alle felsfreien Stellen der Gehänge bis zum Bachufer und
überläßt den Menschen die Hochebene zu Anbau und Siedlung. Steilheit,
Bewässerung und Exposition der Böschungen bedingen im kleinen
die mannigfachsten Verschiedenheiten in Lage und Ausdehnung der
Gebirgswaldungen.
Zu 75% ist der Schwarzwald mit Nadelholz, zu 25% mit Laubholz bestockt,
doch so, daß mehr als die Hälfte des Ganzen als Mischwald bezeichnet
werden muß. Esche, Ahorn, Ulme, Pappel, Birke, Akazie treten kaum
waldbildend auf, die zahme Kastanie bildet an den milden Vorhügeln des
Westfußes ab und zu kleinere Komplexe und reift köstliche Früchte,
die Erle bewaldet nasse Talböden, die Eiche kommt in der Vorhügelzone
gelegentlich waldbildend vor, häufiger aber tritt sie, besonders im
mittleren und nördlichen Gebirgsteile bis zu einer Höhe von 700 ~m~ als
Schälwald und in den Reutefeldern auf, die in mehrjährigen Perioden
durch Abbrennen vorübergehend dem Anbau von Getreide dienstbar gemacht
werden. Der verbreitetste Laubholzbaum ist in reinen wie gemischten
Beständen die Buche, die an vielen Orten bis zur Baumgrenze, ja
gelegentlich sogar höher aufsteigt als das Nadelholz, freilich nur noch
verkümmert und von den Südweststürmen windschief nach Nordosten gebogen.
Am Nadelwald (Abb. 10) beteiligen sich abgesehen von der Lärche
und Weymutkiefer und außer der Legföhre der sumpfigen Hochmoore zu
allermeist die Fichte oder Rottanne, dann die Edel- oder Weißtanne,
endlich die Kiefer. Die Fichte steigt im ganzen Gebiet bis über 1200
~m~ und zwergartig bis zur Baumgrenze auf, die Weißtanne ist besonders
in den westlichen Gebirgsteilen, die Kiefer auf dem Buntsandstein
häufig.
[Sidenote: Bedeutung des Waldes.]
Indem der Wald an den Gehängen überall den Boden befestigt und so
die Entblößung des nackten Felsgesteines verhindert, indem er die
Schneeschmelze reguliert, die Quellbildung und den Wasserablauf
möglichst gleichmäßig auf alle Zeiten des Jahres verteilt und so die
Hochwassergefahr vermindert, ist er, ganz abgesehen von dem Bargewinn
einer rationellen Holzwirtschaft, die in Baden jährlich mehr als
zwanzig Millionen Mark ergibt, von unberechenbarster Bedeutung. Die
ausgedehntesten Waldungen besitzen der Staat, einzelne Städte, wie
Freiburg, Baden und Villingen, ferner zahlreiche kleinere Gemeinden,
viele Stiftungen und Großgrundbesitzer, wie z. B. der Fürst von
Fürstenberg, sowie endlich die schon seit dem achtzehnten Jahrhundert
bestehende Murgschifferschaftsgesellschaft (s. unten). Die Waldkultur
und Holzverarbeitung jeglicher Art beschäftigt viele Kräfte. Sägemühlen
gehören im Schwarzwalde zu den meist charakteristischen Erscheinungen.
Die einst viel geübte Flößerei hat beinahe ganz aufgehört, seit das
dichte Straßennetz und die Eisenbahnen die ihr einst gestellte Aufgabe
erfüllen.
Was der Wald im Landschaftsbild bedeutet, was er Tausenden von
Erholungsbedürftigen und Frieden Suchenden an Erquickung, Trost und
Erhebung spendet, das empfinden wir alle dankerfüllt. Was er gerade
ob dieses zunächst freilich nur psychologisch zu messenden Wertes
für die moderne Welt geworden ist, das spielt allerdings auch in
unserem neuzeitlichen Wirtschaftsleben mit seiner hochentwickelten
Fremdenindustrie eine hochwichtigte Rolle.
[Illustration: Abb. 31. Grabkreuze.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 46.)]
[Sidenote: Viehzucht und Ackerbau.]
Mit der zunehmenden Besiedlung ist natürlich seit Jahrhunderten
vom ursprünglichen Waldareal ein gut Teil gerodet worden; die
Orts- und Flurnamen Rütte und Reute und ihre Verbindungen, ebenso
Schwand, Schwende, Schweine deuten an sehr vielen Stellen auf die
einst bei weitem größere Waldverbreitung hin. Wo auf den Höhen der
Ackerbau (Abb. 12) nicht mehr lohnt und regelmäßige Wiesenwässerung
undurchführbar ist, da dehnen sich weitum grüne, im Frühsommer
blumengeschmückte Weideflächen aus, die, solange es die Jahreszeit
erlaubt, großen Viehherden als Tummelplatz dienen. Der regelmäßige
Ackerbau ragt bis zu 1000 ~m~ Meereshöhe auf, ja an manchen Stellen
finden sich in der Umgebung der am weitesten nach oben vorgeschobenen
Bauernhöfe und Tagelöhnerhäuschen noch bei 1200 ~m~ spärliche Hafer-
und Kartoffeläcker. Daß aber in solchen Höhen der ausschließliche
Feldbau nicht mehr lohnt, ist selbstverständlich; daher spielt auf
dem Schwarzwalde die Viehzucht, gestützt auf großen Weide- und
Wiesenbesitz, eine viel wichtigere Rolle, und neben ihr die Waldarbeit
und Industrie, ohne welche viele Existenzen durch die Kargheit der
Natur schwer gefährdet wären.
Viele Bergweiden, auch Wiesen und Ackerland manches allzu rauh
gelegenen Bauerngutes sind seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts
vom Staate angekauft und aufgeforstet worden, so daß wir inmitten
eines dicht bevölkerten Gebietes, das im allgemeinen den Boden immer
intensiver auszunutzen gezwungen ist, die Waldfläche stetig sich
vergrößern sehen. Um etwa 14% ist sie gegenüber dem Bestand von 1850
gewachsen, ein Umstand, der von manchem als wirtschaftlich unerfreulich
hingestellt wird, der aber zweifelsohne als eine Verbesserung gelten
muß, wenn man die dürftigen Zustände erwägt, unter welchen die durch
die Aufforstung zu Orts- und Berufsänderung veranlaßten Bergbewohner
einst gelebt haben.
Neben dem nicht sehr ausgedehnten Getreidebau -- eigentlicher
Großgrundbesitz fehlt fast ganz -- ist die Anpflanzung von Kartoffeln
im Schwarzwalde wichtig, Handelsgewächse (Tabak, Zichorie, Raps)
haben nur in den tiefgelegenen, milden Tälern des Westens Bedeutung;
dagegen ist der Obstbau von Belang. Unter dem Steinobst kommt den
Kirschen ein ganz besonders hoher Wert zu; zahlreiche Gemeinden
gewinnen durch großartigen Versand von frischen Kirschen, aber auch
Pflaumen, Zwetschgen, Mirabellen usw., alljährlich viele tausend
Mark, ganz abgesehen von der Edelbrauerei des berühmten Schwarzwälder
Kirschen- und Zwetschgenwassers. Der herrliche Nußbaum ist einer der
verbreitetsten Charakterbäume, und daß die Edelkastanie da und dort
noch fast waldbildend auftritt, ist schon erwähnt worden.
[Illustration: Abb. 32. Viadukt bei Fützen.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 52.)]
[Illustration: Abb. 33. Waldshut. Nach einer Photographie von Ph.
Bussemer in Baden. (Zu Seite 53.)]
Den Waldbewohnern geben die massenhaft verbreiteten Heidelbeeren und
die auf rauhere Höhen beschränkten Preißelbeeren erfreuliche, von
Jahr zu Jahr wachsende Einnahmen; aus der großen Erdbeerkultur in
Staufenberg bei Gernsbach im Murgtal kommen während des Sommers viele
Eisenbahnwagen voll der köstlichen Früchte zur Versendung nach allen
Richtungen.
[Sidenote: Weinbau.]
Von unschätzbarer Bedeutung für das Wirtschafts- und Kulturleben des
Schwarzwaldes ist der Weinbau (Abb. 11). Bis über 400 ~m~ hoch steigt
von Süden und Westen her die edle Rebe aufwärts; sie wird sorgfältig
gepflegt und gibt zwar schwankende, aber im Durchschnitt doch lohnende
Ernten. Das Rheintal von Waldshut bis Basel, das Markgräflerland
von hier bis Staufen, die Gegend von Freiburg, das Glottertal, das
untere Kinzigtal, die Offenburger Gegend, die Landschaft von Bühl,
sie alle geben zum Teil ganz vortreffliche Weinsorten. Markgräfler,
Glottertäler, Durbacher, Klingelberger, Mauerwein, Affentaler und
manche andere sind mit Recht weitum berühmt als freundliche Tröster im
Ernst des Lebens und als bewährte Sorgenbrecher.
[Illustration: Abb. 34. Hotzenhaus in Bergalingen.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 54.)]
[Sidenote: Die Flora.]
Den vielen Freunden der ~scientia amabilis~ mag es erwünscht sein,
einiges wenige über das Vorkommen seltener oder besonders interessanter
Kinder Floras zusammengestellt zu finden. Man unterscheidet im
Schwarzwalde bis zu 850 ~m~, an welcher Höhenlinie von unten her der
Kirschbaum und von oben her das Bergwohlverleih (~Arnica~) ihre Grenzen
finden, eine untere Bergregion, bis zu 1300 ~m~, wenig unter der
Baumgrenze, eine obere und darüber die Voralpen- oder die subalpine
Region, welche nur noch den Feldbergstock und die Belchenkuppe umfaßt.
[Sidenote: Florengebiete.]
Während Nadelholzwälder auf trockenem Sandboden meistens fast frei
von Unterholz und Krautpflanzen sind, findet sich am Boden feuchter
Wälder eine um so üppigere Vegetation. ~Adenostyles albifrons~
(Alpendost) und ~Mulgedium alpinum~ (Alpenmilchlattich) finden sich
hier häufig mit dem blauen und gelben Eisenhut (~Aconitum~), mit dem
Wald- und Alpenfrauenfarn (~Athyrium filix femina~ und ~alpestre~),
den Schildfarnarten ~Aspidium spinulosum~, ~lobatum~ und ~Braunii~,
alle häufig zu wahren Riesenexemplaren entwickelt. Dazwischen bildet
der große, mit den Bächen in die Täler hinabsteigende ~Ranunculus
aconitifolius~ (eisenhutblätteriger Hahnenfuß) eine willkommene
Abwechslung.
Zwischen Felsblöcken beherbergen feuchte, moosige Waldstellen an
schönen Orchideen gelegentlich ~Listera cordata~ (herzblätteriges
Zweiblatt) und ~Coralliorrhiza innata~ (eingewachsene Korallenwurz).
Ähnliche Standorte liebt ~Trientalis europæa~ (Siebenstrahl); in
Gesellschaft von ~Maianthemum bifolium~ (Schattenblümchen) finden
sich mehrere ~Pirola~-Arten (Wintergrün), darunter ~Pirola uniflora~.
Dem Feldberg ist eigen ~Streptopus amplexifolius~ (stengelumfassender
Knotenfuß), während ~Empetrum nigrum~ (Almenrausch) im südlichen
Schwarzwald nur am Belchen vorkommt, im nördlichen dagegen häufiger ist.
[Illustration: Abb. 35. Kindertracht des Hotzenwaldes.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 54.)]
Auf Bergwiesen und Weiden herrscht in der Blütenzeit strahlende
Farbenpracht. Da duftet im Juni und Juli die leuchtend gelbe ~Arnica
montana~ (Bergwohlverleih), wir finden die großblütige Glockenblume
(~Campanula Scheuchzeri~), das Bärkraut (~Meum athamanticum~, seltener
~Meum mutellina~), ferner das Leinblatt (~Thesium montanum~ und
~alpinum~).
[Illustration: Abb. 36. Hotzenhof in Hottingen. Nach einer Photographie
von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 54.)]
An Orchideen gehören hierher ~Gymnadenia albida~ (Nacktdrüse) und von
der ~Platanthera~ (Waldhyazinthe) die Arten ~montana~ und ~bifolia~.
Dazu kommt noch die Kugelorchis (~Orchis globosa~), sowie auf feuchten
Bergwiesen nicht allzu selten ~Geum rivale~ (Ufernelkenwurz) und
~Trollius europæus~ (Trollblume).
[Sidenote: Florenregionen.]