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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
Das Abbildungsverzeichnis wurde vom Bearbeiter direkt an das Ende
des Inhaltsverzeichnisses verschoben; das Inhaltsverzeichnis
wurde entsprechend angepasst. Die Fußnoten wurden an das Ende der
betreffenden Kapitel gesetzt. In der Tabelle zum orographischen
Aufbau des Schwarzwaldes wurden der Übersichtlichkeit halber Zeilen
und Spalten vertauscht.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere
Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen
gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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Land und Leute
Monographien
zur Erdkunde
Land und Leute
Monographien
zur Erdkunde
In Verbindung mit Anderen
herausgegeben von A. Scobel
13
Der Schwarzwald
1911
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
Der Schwarzwald
von
Ludwig Neumann
Mit 180 Textabbildungen, darunter 4 Kunstbeilagen
nach Gemälden von +Hans Busse+
und einer farbigen Karte. • Zweite Auflage
[Illustration]
1911
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Inhalt.
Seite
Verzeichnis der Abbildungen
I. Einleitung 1
II. Orographische und geologische Übersicht 6
III. Klima und Bewässerung 20
IV. Pflanzengeographisches 27
V. Die Bevölkerung des Schwarzwaldes 36
Der südliche Schwarzwald.
VI. Die östlichen Zugänge und der Südrand 48
VII. Das südwestliche Vorland von Basel bis Freiburg 60
VIII. Von der Donau zur Dreisam 72
IX. Freiburg im Breisgau 82
X. Über Berg und Tal im südlichen Schwarzwald 92
Der mittlere Schwarzwald.
XI. Die westlichen Vorhöhen zwischen Freiburg und Offenburg 108
XII. Die Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Donaueschingen 112
XIII. Die Höhenwelt des mittleren Schwarzwaldes 120
Der nördliche Schwarzwald.
XIV. Der Westrand von Offenburg bis Baden 124
XV. Murg- und Kinzigtal von Rastatt bis Hausach 134
XVI. Auf den Höhen des nördlichen Schwarzwaldes 141
Der östliche Schwarzwald.
XVII. Die Umrandung des Gebietes 150
XVIII. Kreuz und quer durch den östlichen Schwarzwald 162
Literatur 171
Register 174
Karte des Schwarzwaldes
Verzeichnis der Abbildungen.
Abb. Seite
1. Der Triberger Wasserfall. Farbiges Titelbild.
2. Geologisches Profil durch den nördlichen
Schwarzwald vom Rhein über Offenburg nach Freudenstadt 2
3. Geologisches Profil durch den südlichen
Schwarzwald von Breisach bis Schaffhausen 3
4. Moräne im Löffeltal bei Hinterzarten 5
5. Lößlandschaft bei Kenzingen 6
6. Verschneite Schwarzwaldhöfe 7
7. Verschneite Schwarzwaldhäuser 8
8. Sägemühle im Winter 9
9. Schneewächten am Feldberg 10
10. Schwarzwaldtannen im Winter 11
11. Weinlese im Immental bei Freiburg 12
12. Feldbestellung im Schwarzwald 13
13. Holzschleifen im Zastler Tal 14
14. Einzelhof im Zastler Tal 15
15. Bau eines Kohlenmeilers im Zastler Tal 16
16. Holzschlitten im Walde. Zastler Tal 17
17. Köhlerhütte 18
18. Holzsägemühle im Löffelschmiedental 19
19. Strohflechterin im Herrgottswinkel 20
20. Schwarzwälder Glasarbeiten 21
21. Einzige Darstellung des alten Schwarzwälder Hausierers.
Krug vom Jahre 1806 22
22. Alte Schwarzwalduhr vom Jahre 1670 22
23. Schwarzwälder Uhrmacher 23
24. Stickereien vom Schwarzwald 24
25. Männertracht des neunzehnten Jahrhunderts 25
26. Alte Frauentracht im Hohen Schwarzwald 25
27. Frauentracht im Hohen Schwarzwald 25
28. Bauernhäuser des siebzehnten, achtzehnten und
neunzehnten Jahrhunderts; der Rauferhof (bei
Lenzkirch) vom Jahre 1686 26
29. Wollspinnerinnen im Herrgottswinkel 27
30. Waldkapelle 28
31. Grabkreuze 29
32. Viadukt bei Fützen 30
33. Waldshut 31
34. Hotzenhaus in Bergalingen 32
35. Kindertracht des Hotzenwaldes 33
36. Hotzenhof in Hottingen 33
37. Laufenburg 35
38. Säckingen 37
39. Isteiner Klotz 38
40. Badenweiler 39
41. Marzell im Kandertal 40
42. Der Belchen 41
43. St. Trudpert 41
44. Inneres von St. Trudpert 42
45. Scharfenstein 43
46. An der Schützenbrücke in Donaueschingen 44
47. Die Donauquelle 45
48. Die Brigachquelle mit Schwarzwaldhaus. Farbiges
Einschaltbild zw. 46/47
49. Gutachbrücke bei Kappel-Neustadt 47
50. Lothenbachklamm bei Bad Boll 48
51. Die Wutachschlucht 49
52. Frauentracht von Neustadt 50
53. Der Titisee 51
54. Titisee-Moräne 52
55. Oberer Anfang des Höllentals, in die Moränen-Landschaft
eingeschnitten 53
56. Eingang ins Ravennatal 54
57. Der Hirschsprung im Höllental 55
58. Terrassen am Ausgang des Höllentals 56
59. Haus im Engetobel beim Hirschsprung 57
60. Auf der Wallfahrt. Giersberg bei Kirchzarten 58
61. Freiburg, vom Schloßberg aus gesehen 59
62. Inneres des Freiburger Münsters 60
63. Das Münster in Freiburg vom Schloßberg aus gesehen 61
64. Das Kaufhaus in Freiburg 62
65. Rathaus in Freiburg 63
66. Die Kaiserstraße mit dem Martinstor in Freiburg 64
67. Mädchen aus dem Haslachtal bei Lenzkirch 65
68. Zipfelhof im Bärental, mit dem Feldberg 65
69. Der Feldberger Hof im Winter 66
70. Bismarckdenkmal auf dem Feldberg 67
71. Im tiefen Schnee 68
72. Kartrichter am Feldberg und Zastler-Loch mit
Zastler-Hütte 69
73. Am Zeiger 70
74. Der Feldsee 71
75. Das Herzogenhorn im Nebelmeer 72
76. Bauernhaus in Bernau 73
77. Bauernhof im Schlechttal bei Schweigmatt 73
78. Kurhaus Wehrawald bei Todtmoos 74
79. Todtmoos 75
80. Im Wehratal 76
81. Partie in der Haseler Höhe (Erdmannshöhle) 77
82. Straßentunnel im Albtal 78
83. St. Blasien 79
84. Bauernhaus im Schwarzatal bei Schluchsee 80
85. Rothaus 81
86. Moräne Seebruck am Schluchsee 82
87. Heuernte im Tal 83
88. Partie im Schlüchttal 84
89. Der Schlüchtsee 85
90. Am Schwedenfelsen im Schlüchttal 86
91. Todtnauberger Wasserfall 87
92. Schönau im Wiesental mit Blick auf den Belchen 88
93. Stutz bei Schönau. Im Hintergrunde der Belchen 89
94. Zell im Wiesental 90
95. Breisgauerin 91
96. Markgräflerinnen 91
97. Hebelhaus in Hausen 92
98. Lörrach 92
99. Schloß Rötteln 93
100. Eingang von Schloß Rötteln 93
101. Belchenhaus 94
102. Spinnstube im Kapplertal bei Freiburg 95
103. Bei Horben 96
104. Haldenwirtshaus am Schauinsland im Winter 97
105. Der Feldberg, vom Schauinsland aus gesehen.
Farbiges Einschaltbild zw. 98/99
106. Schellenmarkt an der Biereck 99
107. Alte Kuhglocke 100
108. Zähringer Burg 101
109. Die Hochburg 102
110. Steinschleiferei in Waldkirch 103
111. Polieren der Achate in Waldkirch 104
112. Waldkirch 105
113. Frauentracht im Elztal 106
114. Frauentracht im Elztal 106
115. Mädchen aus dem Elztal 107
116. Offenburg, Straßenbild 107
117. Frauentracht im Gutachtal 108
118. Straßenbild in Triberg 109
119. Triberg 111
120. Hornberg 113
121. Brauttracht von St. Georgen 114
122. St. Peter 115
123. Holzschlitten im Winter 117
124. Zweribachfall 118
125. Festgang der Frauen in die Kirche; Bleibach 119
126. Frauentracht von Schonach 120
127. Frauentracht von Schonach 121
128. Furtwangen 122
129. Bad Sulzbach 123
130. Peterstal 125
131. Bauernbursch aus dem Renchtal 126
132. Partie bei Griesbach im Wilden Renchtal 127
133. Bad Griesbach 128
134. Das Edelfrauengrab 129
135. Turenne-Denkmal bei Sasbach 130
136. Bühl 131
137. Gertelbachfälle 132
138. Oberbühlertal 133
139. Die Trinkhalle in Baden-Baden 134
140. Baden-Baden von der Stourdsakapelle aus gesehen 135
141. Baden-Baden. In der Lichtentaler Allee 136
142. Friedrichsbad in Baden-Baden 137
143. Das alte Schloß Hohenbaden 138
144. Fischkultur bei Baden-Baden 139
145. Gernsbach 139
146. Forbach im Murgtal 140
147. Freudenstadt 140
148. Im Rauhmünzachtal 141
149. Die Schenkenburg im Kinzigtal 142
150. Alpirsbach 143
151. Bauernhof im Kinzigtal 144
152. Wolfach 145
153. Hochzeitszug im Schapbachtal 146
154. Der Glaswaldsee 147
155. Rippoldsau 148
156. Der Kniebis 148
157. Allerheiligen 149
158. Der Wildsee 150
159. Der Mummelsee 151
160. Hornisgrinde. Hirtenstein, über dem Mummelsee 152
161. Kurhaus Hundseck 153
162. Herrenwies 153
163. Turm auf dem Mehliskopf 154
164. Herrenwieser See 155
165. Wildberg 156
166. Nagold 157
167. Zavelstein 158
168. Teinach. Auf der Höhe das Städtchen Zavelstein 159
169. Calw 160
170. Hirsau 161
171. Der Wild- oder Hornsee. Farbiges Einschaltbild zw. 162/163
172. Partie am Stadtsee von Liebenzell 163
173. Pforzheim, vom Römerweg gesehen 163
174. Kaiser Wilhelm-Turm auf dem Hohloh 164
175. Enzklösterle 165
176. König Karls-Bad in Wildbad 166
177. Wildbad 167
178. Herrenalb 168
179. Neuenbürg 169
180. Frauenalb 170
[Illustration: Abb. 1. Der Triberger Wasserfall. Gemälde von Hans
Busse. (Zu Seite 116.)]
Der Schwarzwald.
I. Einleitung.
Es war eine wunderbar helle Vollmondnacht im Anfang der sechziger Jahre
des abgelaufenen Jahrhunderts. Der Postwagen, der am Vormittag die
Bodenseegegend verlassen hatte und zwischen den Hegauer Vulkankegeln
hin, dann über die Höhen des Jura der jungen Donau entgegen gefahren
war, hatte die kleine Fürstenberger Residenz, in deren Nähe die
Flüßchen Brigach und Brege sich zum großen Weltstrom vereinigen, längst
hinter sich, und langsam ging’s nun über die einsame Hochfläche hin,
bergauf, bergab die Straße entlang, die seit alters den Hauptverkehr
vermittelt vom Schwabenlande zum Breisgau. Im Innern des Wagens lehnte
ein kleiner Junge verschlafen an der Seite seiner Mutter. Von Zeit zu
Zeit fragte er halb erwachend: „Sind wir noch nicht im Höllental?“
Aber gar oft mußte er vertröstet werden, bis es endlich flott die
scharfen Kehren der Steige hinabging, und bis dann die steilen Talwände
sich so nahe rückten, daß neben dem rauschenden Bach für die Straße
künstlich Raum geschaffen worden war. Nun sah ich -- denn ich war
der Knabe -- zum ersten Male im Leben einen Kohlenmeiler (Abb. 15),
dessen brenzliger Geruch durch die geöffnete Fensterlücke in den Wagen
hinein drang; nun starrte ich, völlig erwacht und vor Spannung auf den
Anblick des oft geschilderten Bildes lebhaft erregt, auf die Felstürme
des Hirschsprung, die, vom schwanken Mondlicht magisch erhellt, mir
riesengroß bis in den Himmel aufzuragen schienen. Die kindliche
Phantasie bevölkerte ängstlich das alte Gemäuer des Falkenstein mit
ritterlichen Wegelagerern, von denen mir erzählt worden war, und ich
empfand eine wohltuende Beruhigung, als mit dem Morgengrauen die enge
Schlucht der „Hölle“ sich zum „Himmelreich“ des breiten Dreisamtales
lichtete, und als ich nicht allzulang hernach die gute Stadt Freiburg
erreicht sah.
So bin ich aus dem alten schwäbischen Reichsstädtchen, in welchem meine
Wiege gestanden war, in den Schwarzwald gelangt. Fast fünf Jahrzehnte
sind seither verflossen. Doch ich bin im Schwarzwald geblieben. Und
wenn ich den Blick von meinem Arbeitstisch erhebe, so schauen die
grünen Berge freundlich zum Fenster herein und zeigen mir das schöne
Stück Welt, das meine Heimat geworden. Wer weiß, vielleicht steht
es im Buche des Schicksals geschrieben, daß auch die wenigen Jahre,
die mir noch beschieden sein können, sich hier abspielen sollen.
Ein Unglück wäre das gerade nicht; denn daß unser südwestdeutsches
Gebirge mit seiner Umrandung ein schöner Fleck Erde sei, auf dem es
sich leben läßt, das hat noch niemand bestritten. So begreift es sich,
daß ähnlich wie bei der stammverwandten alemannischen Bevölkerung der
unfernen Schweiz auch im Leben des Schwarzwälders die Empfindung,
vielleicht darf man sogar sagen die Krankheit des Heimwehes eine gar
große Rolle spielt. Wie anders wäre es sonst zu deuten, daß trotz aller
Wanderlust, trotz allen Dranges in die Weite, der Sohn des Gebirges
keinen erhebenderen Gedanken kennt, als aus jeder Ferne zurückzukehren
auf die stille, weite Höhe, oder zum Ufer des murmelnden Baches, wo das
Haus der Kindheit stand? Wie mancher Uhrmacher des alten Schlages hat
Jahrzehnte seines Lebens in irgendeiner der europäischen Hauptstädte
zugebracht, in Paris oder London, in Petersburg oder Moskau; und
in seinen alten Tagen kehrt er heim, um die Luft zu atmen, welche
einst das Kind eingesogen, um die Stätten alter Erinnerungen statt
in sehnsuchtsvoller Vorstellung leibhaftig um sich zu sehen, und um
begraben zu werden an der Seite der Väter.
Und sicherlich ist der Schwarzwald der Liebe und Anhänglichkeit wert,
die seine Söhne für ihn hegen; gar wohl begreift es sich auch, daß
Jahr für Jahr Hunderte von Fremden, nicht nur etwa aus minder von der
Natur begünstigten Gebieten unseres großen Vaterlandes, vielmehr auch
solche aus allen Teilen der Welt in den bedeutenderen Orten im und
am Gebirge sich dauernd niederlassen; sind doch nicht umsonst z. B.
Baden-Baden und Freiburg nach der Zusammensetzung ihrer Bevölkerung
fast internationale Städte geworden, in denen neben den Einheimischen
Deutsche aus allen Gauen des Reiches, Balten, Niederländer,
Engländer, Amerikaner usw. in großer Zahl wohnen. Sieht man aber
erst die vielen Tausende und Abertausende, die in den Monaten der
sommerlichen Wanderlust und Erholungszeit unser Gebirge auf bequemen
Wegen durchstreifen oder seine zahlreichen vortrefflichen Kurorte
bevölkern, und die seiner Schönheit nicht satt werden können und nicht
nur in unserem geliebten Deutsch, sondern auch in den Lauten aller
europäischen Kultur- und Halbkultursprachen das Lob des Schwarzwaldes
singen, so darf man sie als ebenso viele Zeugen dafür gelten lassen,
daß die Landschaft, die auf den folgenden Blättern geschildert werden
soll, des eigenartig Reizvollen gar mancherlei besitzen muß.
Worin liegt nun diese Eigenart?
[Sidenote: Blick vom Feldberg.]
Zur Beantwortung dieser Frage mag es sich empfehlen, daß wir uns in
Gedanken auf des Gebirges höchste Kuppe versetzen, auf den fast 1500
~m~ hohen Feldberg, dessen Scheitel den Friedrich-Luisenturm trägt, so
genannt, weil er 1856 zum Gedächtnis an die Vermählung des damaligen
Landesherrn, Großherzog Friedrich I. von Baden, mit der Prinzessin
Luise von Preußen, der Tochter des nachmaligen Kaisers Wilhelm I.,
errichtet worden ist. Bald wird das Gemäuer des Turmes, der über ein
halbes Jahrhundert den scharfen Stürmen dieser Höhe getrotzt hat und
allmählich etwas hinfällig geworden ist, einem stolzen Neubau Platz
gemacht haben.
[Illustration: Abb. 2. Geologisches Profil durch den nördlichen
Schwarzwald vom Rhein über Offenburg nach Freudenstadt.
Maßstab der Länge 1 : 450000, der Höhe 1 : 150000. (Zu Seite 8.)]
Von dieser Hochwarte aus sehen wir zu Füßen ringsum und hinaus bis
zum fernsten Horizont eine herrliche Welt ausgebreitet. Will es das
Glück, so wird unser freudig strahlendes Auge aber immer wieder
hingezogen in die Richtung nach Osten und Süden, wo von der trotzig
und dunkel sich auftürmenden Kalkwand der Zugspitze bis zum blendend
weiß schimmernden Schneedom des Montblanc, also auf eine Länge von
rund 350 ~km~ ununterbrochen, als mächtiges, zusammenhängendes Ganze
die Ketten der Alpen aufragen, so scharf und deutlich am Horizont sich
abhebend, daß -- natürlich günstigste Beleuchtung vorausgesetzt, wie
sie nicht gerade immer zu treffen ist -- jede Spitze, jeder Felsgrat,
jedes Eisfeld unterschieden werden kann in all den Faltenzügen des
Allgäu und Rhätikon, der Säntis- und Glärnischgruppe, des Tödi- und
Gotthardgebietes, der Vierwaldstätter und Berner Alpen, um nur einige
wenige Namen herauszugreifen. Davor ziehen sich, wenn wir den Blick
in entgegengesetzter Richtung zurücklaufen lassen, von der Gegend des
Neuenburger Sees ab die nach oben fast geradlinig abschneidenden,
mauerartigen Ketten des Schweizer Jura, auch eines gefalteten
Gebirges, das im Nordosten in die massigen Erhebungen des ungefalteten
Plattenjura in Schwaben übergeht, dessen Gebirgstafeln sich verfolgen
lassen bis in die Gegend des Hohenzollern. Aus einer Lücke des
Jurazuges ragen die Vulkankegel des Hegaues auf und weisen uns die
Richtung nach dem Schwäbischen Meer.
Im Westen breitet sich lang hingestreckt und tief eingesenkt die
Oberrheinische Ebene aus, durchzogen von dem silberglänzenden Bande
des mächtigen Stromes. Aus der Tiefebene, deren Boden von den
Geschiebemassen des fließenden Wassers gebildet wird, erhebt sich
inselartig das kleine vulkanische Kaiserstuhlgebirge. Und jenseits
des Rheines sehen wir das Gesichtsfeld durch das Massengebirge des
Wasgenwaldes begrenzt, das an Höhe dem Schwarzwald beinahe gleichkommt.
Im Südwesten nähert es sich dem Schweizer Jura bis auf eine kleine
Entfernung. Die Lücke zwischen beiden ist die Burgundische Pforte, ein
zu allen Zeiten bedeutsamer Völkerweg, den heute die Festung Belfort
beherrscht. Durch diese geschichtlich hochwichtige Niederung schweift
der Blick noch weit hinüber in französisches Land.
[Illustration: Abb. 3. Geologisches Profil durch den südlichen
Schwarzwald von Breisach bis Schaffhausen. Maßstab der Länge
1 : 450000, der Höhe 1 : 150000. (Zu Seite 8.)]
Innerhalb dieses interessanten Rahmens, der Falten-, Tafel-, Massen-
und Vulkangebirge sowie eine Schwemmlandebene umschließt, erhebt sich
nun, dem Beschauer unmittelbar nahe gerückt, die den Vogesen ähnliche
Masse des Schwarzwaldes selbst. Welche Fülle der Formen und welcher
Reichtum in der Einzelgestaltung vom Größten bis zum Kleinsten!
Die breiten, sanftgeböschten Rücken der höchsten Erhebungen in
allernächster Nähe sind kahl, einförmiges Weidefeld. Wo das Gefälle
steiler wird, wo die windgeschützteren Flanken des Berges sich in die
Täler hinabsenken, da sehen wir den herrlichsten Wald zu unsern Füßen.
Die hintersten Talböden sind meist nischenartig wie Alpenkare in den
Gesteinskörper hineingearbeitet, vielfach von schroffen Felswänden
umrahmt, teilweise von Seen ausgefüllt, deren Abdämmung vom geübten
Auge leichthin als Moränenbildungen erkannt werden. Erscheint so die
jetzige Oberfläche der alten Gebirgsmasse von eiszeitlichen Wirkungen
wesentlich beeinflußt, so zeigen uns die tiefen, oft schluchtartigen
und schwer zugänglichen Rinnsale der nahen Bäche und weitum die
vielverzweigten Talläufe aufs deutlichste die zerstörende und durch die
Zerstörung neu gestaltende Wirkung des fließenden Wassers auf seine
Unterlage. So können wir von unserm Standpunkte aus wertvolle Einblicke
gewinnen in die Wirkungsweise der Kräfte, welche das Relief der Gebirge
modellieren und ihre Vielgestaltigkeit hervorzaubern. Nicht ohne Recht
hat einst Melchior Neumayr, der zu früh verstorbene Wiener Geologe,
betont, daß kaum ein anderer Aussichtspunkt so geeignet sei zur ersten
Einführung ins Studium und Verständnis der physischen Geographie und
Geologie als der Feldberg im Schwarzwald.
[Sidenote: Die Eigenart des Schwarzwaldes.]
Doch, wir wollen nicht Wissenschaft treiben, wir wollen die Eigenart
unseres Gebirges dem Laien verständlich zu machen suchen und uns
bemühen, ihm zum freudigen Genuß der landschaftlichen Schönheit des
Schwarzwaldes zu verhelfen. Lassen wir darum nochmals die Augen
umherschweifen. Aus den freundlichen Tälern grüßen, von saftig
grünen Wiesen und goldgelben Ackerfluren umkränzt, anmutig gelegene
Gehöfte und Ortschaften herauf; gut gebaute Straßen und Bergpfade,
die gelegentlich im dichten Wald verschwinden und dann beim
Heraustreten ins Freie sich wieder weithin verfolgen lassen, geben
uns eine Vorstellung davon, wie groß das Verkehrsbedürfnis der dicht
angesiedelten Bevölkerung, und wie wohl erschlossen für jeden Verkehr
das an sich verkehrsfeindliche Gebirge ist. Zwischen den Tälern ragen
Bergketten auf, eine hinter der anderen, auf denen wir auch noch
fast überall die Spuren menschlicher Arbeit wahrnehmen, sei es im
herrlich gepflegten Hochwalde mit seinen stolz ragenden Edeltannen,
sei es im freien Weidefeld mit seinen Rinderherden, die sich um
einen Brunnen mit mächtigem Wasserreichtum oder um eine „Viehhütte“
lagern oder ihre Bewegung durch den Klang ihrer Glocken weithin
verraten. Da und dort steigt zum tiefblauen Himmel der weiße Rauch
eines Hirtenfeuers auf, über dem das einfache Mahl der sommerlichen
Bergbewohner bereitet wird. Über den Hochflächen erheben sich Berge
mannigfachster Gestalt, doch überwiegt die sanft gerundete Kuppe. Die
Siedlungen bleiben hinsichtlich ihrer oberen Verbreitungsgrenze nur
unwesentlich hinter den beherrschenden Gipfeln zurück. Da schaut ein
Einzelhof unter seinem mächtigen, altersgrauen Strohdach hervor, dort
streckt eine Dorfkirche oder eine einsame Kapelle ihren schlanken
Turm zum Himmel auf, kurz, das Bild ist trotz der Höhe unseres
Standpunktes nicht etwa menschenfremd, es überwiegt nicht, wie beim
Rundblick von einer Hochzinne der Alpenwelt, das Anorganische. Im
Gegenteil. Dem aufmerksamen Auge ist alles ringsum belebt, belebt
nicht nur von den gegenwärtigen Bewohnern der Landschaft und den
überall erkennbaren Zeichen ihrer Tätigkeit, sondern durchgeistigt
von dem Walten einer vielhundertjährigen Geschichte, es ist eine
herrliche Kulturwelt, über die unser Blick hier oben schweift.
Gleichwie die Farben des vor uns ausgebreiteten Bildes sich abtönen
vom gesättigten Dunkelgrün der nächsten Wälder durch alle Abstufungen
von Grün durch Blau bis zum verhauchenden Grauviolett der weitesten
Fernen, so dringt unser geistiges Auge von dem klaren Lichte der
Gegenwart rückwärts zu immer weiter abliegenden Zeiten, in denen auch
schon Menschen hier oben lebten und arbeiteten und sich, wenn auch
nicht so sicher und dauernd wie heute, des Lichtes freuten. Lange
ist es her, seit der düstere Urwald, der einst fast die ganze Fläche
bedeckte und dem Gebirge den Namen gab, gerodet, seit der erste
Felssteig auf die Höhen angelegt wurde. Und was haben die Bewohner
des um uns ausgebreiteten Landes seit langen Jahrhunderten erlebt
und geduldet, wie waren sie wirtschaftlich bedrängt, was für Elend
ist über sie hereingebrochen in den Zeiten des Krieges! Wie lange
hat es gewährt, bis sie sich sicher fühlen konnten in ihrem Besitz,
bis mit der allmählich sich festigenden äußeren Stellung auch eine
höhere Auffassung des Lebens und seiner Zwecke in die bescheidenen
Häuser der Wälderleute seinen Einzug halten konnte, so daß diese aus
der früheren Weltabgeschiedenheit hervortraten, an allen Betätigungen
menschlichen Schaffens sich beteiligen lernten, in ansehnlicher Zahl
hinauszogen in alle Welt und für die Daheimgebliebenen das wurden, was
man vergleichsweise Sauerteig nennen möchte, so daß im Verlauf weniger
Generationen die Schwarzwaldbevölkerung sich heraufarbeiten konnte zu
einem der vorgeschrittensten und in jeder Hinsicht tüchtigsten unter
den deutschen Stämmen. Auf Schritt und Tritt verraten sich unserem
aufmerksamen Auge tausendfältig die Spuren der geordneten, behäbigen
Lebensführung des Schwarzwälders und seines bescheidenen Wohlstandes.
[Illustration: Abb. 4. Moräne im Löffeltal bei Hinterzarten. (Zu Seite
11.)]
[Sidenote: Land und Leute.]
Nirgends mehr schreckt das Düster undurchdringlichen Waldes; alles,
was uns auch auf abgelegenen Pfaden vor Augen tritt, atmet Sicherheit,
Behagen, Ordnung und Kultur. Dabei nirgends etwas von Aufdringlichkeit,
von Protzigkeit. Die gut gearteten Menschen, ihre Bauwerke und Wege,
ihr Schmuck und die Äußerungen ihres Vergnügens, alles ist der
freundlichen Natur sinnvoll angepaßt. Nichts erscheint gekünstelt
oder als Ergebnis plumper Effekthascherei. In allen Dingen finden
wir eine wohltuende Harmonie zwischen den Bildern der Schöpfung und
ihrer Belebung durch den Menschen. Und darum ist der Schwarzwald so
schön, darum bereitet das Scheiden von ihm den Einheimischen so herben
Schmerz, darum zieht er so viele an, die sich in unserer in allen
Stücken aufs Große gerichteten Gegenwart noch den Sinn für Schlichtheit
bewahrt haben. Das letztere sei hier allerdings nicht so gemeint, als
ob etwa der Schwarzwaldreisende auf das verzichten müßte, was man
Komfort nennt. Im Gegenteil!
[Illustration: Abb. 5. Lößlandschaft bei Kenzingen.
Nach einer Photographie von Prof. ~Dr.~ P. Paulcke in Freiburg.
(Zu Seite 20.)]
Nicht leicht wird man in anderen Gauen auf höchster Höhe oder fern
vom belebenden Schienenstrang und von der großen Heerstraße, im
abgelegensten Dorfe oder Weiler so gute Unterkunft finden wie im
Schwarzwald, wo kein verständiger Wunsch an Quartier oder Verpflegung
unerfüllt zu bleiben braucht. Vom großen Hotel ersten Ranges der
Städte, Bade- und Luftkurorte bis zum bescheidensten, aber sauberen,
urbehaglichen und billigen Bauerngasthaus finden sich alle Übergänge,
so daß jeder Geschmack Befriedigung finden kann.
II. Orographische und geologische Übersicht.
[Sidenote: Wasgenwald und Schwarzwald.]
Um den Schwarzwald als Gebirgsindividuum verstehen zu können, muß er
im Zusammenhang mit seiner Umgebung betrachtet werden. Und da ist
nun vor allen Dingen die sich lebhaft aufdrängende Wahrnehmung von
Belang, daß unser Gebirge im Wasgenwald jenseits des Rheines eine
Art von Spiegelbild besitzt mit einer auffallend großen Anzahl von
übereinstimmenden Zügen, die jedem aufmerksamen Beobachter den Gedanken
an einen inneren Zusammenhang der beiden Erhebungssysteme nahelegen.
Von Basel, das 243 ~m~ hoch liegt, bis gegen Mainz (82 ~m~) hinab
bildet die im Mittel 30 ~km~ breite Rheinebene auf eine Länge von 300
~km~ die Symmetrieachse für ihre beiderseitigen Randgebirge. Im Westen
steigen die Vogesen aus der Burgundischen Pforte (350 ~m~) rasch zu
ihren höchsten Gipfeln an und erreichen im Gebweiler Belchen eine Höhe
von 1423 ~m~. Weiter nach Norden nimmt die Höhenentwicklung allmählich
ab, der Paß von Zabern senkt sich bis zu 404 ~m~, und jenseits
desselben steigt dann der Kalmitgipfel der pfälzischen Hart wieder bis
auf 683 ~m~ an. Die genannten Gebirge fallen gegen die Rheinebene im
Osten ziemlich unvermittelt ab, während sie nach der entgegengesetzten
Richtung im Lothringer Stufenlande einen allmählichen Abfall aufweisen,
der sich in treppenförmigen Absätzen verfolgen läßt bis zum Rande des
Pariser Beckens.
Ganz entsprechend steigt vom oberen Rheintale zwischen Waldshut und
Basel der Schwarzwald in kurzem Abstande zu seiner beherrschenden
Kuppe, dem Feldberg (1493 ~m~) auf, vermindert nach Norden seine
Gipfel- und Kammhöhe mehr und mehr, bis das Gebirge nördlich auf der
Wasserscheide zwischen Pfinz und Enz an der Straße von Karlsruhe nach
Pforzheim sich auf 374 ~m~ herab senkt, um jenseits dieser Eintiefung,
einer der wichtigsten ihresgleichen im Kraichgauer Hügellande, wieder
zum Odenwald anzusteigen und hier im Katzenbuckel eine Höhe von 626
~m~ zu erreichen. Auch diese rechtsrheinischen Erhebungen weisen ihren
Steilabfall dem großen Strome zu und zeigen auf der ihm abgewandten
Seite ein wesentlich schwächeres, ebenfalls stufenförmiges Gefälle in
die Terrassen- und Hügelländer Schwabens im Süden, Frankens im Norden.
[Illustration: Abb. 6. Verschneite Schwarzwaldhöfe.
Nach einer Photographie von ~Dr.~ Hoek in Freiburg. (Zu Seite 22.)]
Nach dieser auffälligen und klar übersehbaren Symmetrie der
Oberflächenformen erscheint das ganze südwestliche Deutschland nebst
dem im Westen angrenzenden Frankreich, also das Gebiet von der Maas bis
zum Fichtelgebirge, von der Burgundischen Pforte bis zum Taunus als
eine orographische Einheit, innerhalb welcher nunmehr der Schwarzwald
nur als Glied dieses größeren Ganzen, des „Südwest-deutschen Beckens“,
zu betrachten ist. Noch inniger als hinsichtlich der Höhenverhältnisse
treten uns diese Zusammenhänge vor Augen, wenn wir sie geologisch zu
ergründen suchen.
[Sidenote: Geologischer Bau.]
Jede geologische Karte des Gebietes läßt erkennen, daß der Schwarzwald
wie der Wasgenwald im südlichen Gebirgsteile je einen großen, im
allgemeinen südnördlich gerichteten Urgebirgskern aufweist, der im
Norden unter immer weiter sich ausbreitenden Buntsandsteindecken
verschwindet, wie auch die von der Rheinebene sich abwendenden
Außenseiten der beiden Gebirge nach Schwaben und Lothringen zu eine
starke Verbreitung des Buntsandsteins zeigen. Auf dessen fast ebene
Hochflächen legen sich der Altersreihenfolge nach die jüngeren
Sedimente des Muschelkalks und des Keupers, endlich die des Jura in
der Weise auf, daß man von den Höhen des linksrheinischen Gebirges
westwärts, des rechtsrheinischen ostwärts schreitend immer auf jüngeres
Gestein stößt, während man abwärts steigt; nur der rechtsrheinische
Jurazug ragt wieder in höheres Niveau auf. Auch die dem Rheine
zugekehrten Innenseiten der Zwillingsgebirge sind auf lange Erstreckung
hin von den genannten Sedimentbildungen in der Reihenfolge ihres Alters
derart begleitet, daß man mit der fortschreitenden Entfernung von den
Gebirgskernen stets auf jüngere Formationen stößt. Zumeist bilden
aber hier diese Sedimentgesteine nur schmale, vielfach zerrissene und
unterbrochene Streifen von Vorhöhen des eigentlichen Gebirges, die im
nördlichen Schwarzwald sogar so gut wie gänzlich fehlen (s. Profil,
Abb. 2 u. 3).
Das Grundgebirge des jetzigen südwestdeutschen Beckens und seiner
weiteren Umgebung stellt sich als der heute vielfach in Einzelschollen
zerrissene Rest eines alten Gebirges dar, das sich hauptsächlich aus
Gneisen aufbaut, die aber gar mannigfach von Graniten und verwandten
Gesteinen durchbrochen sind.
[Illustration: Abb. 7. Verschneite Schwarzwaldhäuser.
Nach einer Photographie von ~Dr.~ Hoek in Freiburg. (Zu Seite
22.)]
[Sidenote: Vom Paläozoikum bis zum Tertiär.]
Paläozoische Schiefer, Silur, Devon bis herauf zur Kohlenformation
und dem Rotliegenden der Permformation, zeigen sich stark gestört
und erscheinen als ein altes, von Südwest nach Nordost streichendes
Faltensystem, dessen Erhebung in die späteren Zeiten des Paläozoikums
fällt und dem der Name „Variskisches Gebirge“ beigelegt worden ist.
Auf dem Rotliegenden, das noch gefaltet ist, liegen diskordant, aber
unter sich wieder parallel, die Sedimente der Trias, nämlich des
Buntsandsteins, Muschelkalks und Keupers, sowie die der jurassischen
Bildungen Lias, Dogger, Malm, die in einer langen Zeit ruhiger
Ablagerung teils festländischer, überwiegend aber mariner Natur das
alte Gebirge unter sich begruben. Kreide- und ältere Tertiärschichten
fehlen vollständig, das Land hat während der Zeit ihrer Bildung
inselartig aus den umgebenden Meeren aufgeragt.
[Illustration: Abb. 8. Sägemühle im Winter.
Nach einer Photographie von ~Dr.~ Hoek in Freiburg. (Zu Seite 22.)]
Das mittlere Tertiär stellt sich, wie der erwähnte Abschnitt der
paläozoischen Zeit, als eine Periode großartiger Gebirgsbildung
dar, der wir in unseren Gegenden nicht nur die Entstehung des
Faltengebirges der Alpen, sondern vor allen Dingen die Ausgestaltung
des südwestdeutschen Beckens zu seinen heutigen Formen verdanken. Hier
senkten sich im Gegensatz zu den Alpen, deren Entstehung wir auf die
Wirkung mächtigen Seitendruckes zurückführen müssen, längs weithin
verlaufender Verwerfungslinien einzelne Schollen in die Tiefe, andere
blieben stehen oder erfuhren sogar eine Hebung. Die hauptsächlichsten
dieser Spalten, welche für die jetzige Konfiguration unserer Landschaft
maßgebend sind, verlaufen von Südsüdwest nach Nordnordost. In der Achse
des Insellandes entstand die gewaltige Grabenversenkung der jetzigen
Oberrheinischen Tiefebene, deren Boden lange Zeit vom Meere überflutet
war und sich erst später sehr allmählich mit ungeheueren Mengen von
Flußgeschieben bedeckte, die ihm durch die Wasserläufe der umrandenden
Höhen, beziehungsweise durch den Rhein zugeführt wurden. An den vom
Graben abgewandten Außenseiten der früher einheitlichen Landmasse aber
sanken die Schollen weniger tief als in dem Graben selbst, doch so,
daß das Ausmaß des Absinkens mit der Entfernung von den Gebirgskernen
Wasgenwald und Schwarzwald immer bedeutender wurde.
[Illustration: Abb. 9. Schneewächten am Feldberg. (Zu Seite 25.)]
[Sidenote: Entstehung des Reliefs.]
Auf diese Weise entstanden die durch die spätere Arbeit des spülenden
und fließenden Wassers in ihrem Relief immerhin noch reich gegliederten
Stufenländer von Lothringen und Schwaben, auf dieselbe Weise die
schmalen Zonen von Schichtgesteinen in der Vorhöhenreihe zwischen der
Rheinebene und den höheren Gebirgen. Sehr tief gehende Querverwerfungen
von im allgemeinen westöstlicher Richtung wurden die Veranlassung zu
den Einsenkungen von Zabern und im Kraichgau, während weiter nördlich,
in der Hart und im Odenwalde, das Absinken wieder in geringerem Maße
stattfand. In dem Netz der Verwerfungsspalten dürfen wir die ersten
Voraussetzungen für die Anlage der jetzigen Flußsysteme erblicken, zu
deren weiterer Ausgestaltung freilich das fließende Wasser selbst das
meiste beigetragen hat.
Die Abtragung, Denudation, setzt, wie wir überall wahrnehmen können,
aus klimatischen Gründen stets um so wirksamer ein, je höher ihre
Angriffsfläche liegt. So erklärt es sich, daß die Kämme und Gipfel
unserer südwestdeutschen Schollengebirge da, wo das Absinken in
der Tertiärzeit am geringsten war, also im Süden, von ihren alten
Decken sedimentärer Gesteine allmählich entblößt wurden und nun das
Grundgebirge zutage treten lassen, während jene Sedimente in den
tieferen Lagen der umgebenden Stufenlandschaften noch erhalten
sind. Vielerorts sind Grundgebirge wie ältere Sedimente in weiter
Ausdehnung von diluvialen, insbesondere von eiszeitlichen Bildungen
überdeckt (Abb. 4), die uns zeigen, daß unsere Landschaften in jüngerer
geologischer Vergangenheit auch die Wirkungen glazialer Kräfte über
sich haben ergehen lassen. Wir werden mehrfach Gelegenheit haben, die
von der Eiszeit modellierten Züge im Antlitze des Schwarzwaldes wieder
zu erkennen.
[Sidenote: Abgrenzung des Gebirges.]
Soll nun unser Gebirge, das nach seiner Entstehung als Massen-
oder Schollengebirge zu bezeichnen ist, gegen seine mit ihm durch
gemeinschaftliche Geschichte eng verwandten Nachbargebiete abgegrenzt
werden, so ist das im Süden und Westen, ja auch im Norden nicht
schwer. Denn hier fallen die orographischen Gesichtspunkte der
Höhenentwicklung, die wir zur naturgemäßen Umgrenzung benutzen können,
mit den geologischen Kriterien gut zusammen.
Im Süden bildet von der Einmündung der Wutach ab auf eine Länge
von mehr als 60 ~km~ der Rhein, zu dessen rechtem Ufer das Gebirge
abfällt, die Grenze des Schwarzwaldes gegen den Schweizer Jura, der
jenseits des Stromes ebenso unmittelbar ansteigt. Von Basel bis in
die Gegend von Durlach bei Karlsruhe (116 ~m~) ragt der Schwarzwald
längs einer scharf hervortretenden, etwa 200 ~km~ langen Linie, die
von Südsüdwest nach Nordnordost verläuft, aus den Flußgeschieben der
Rheinebene auf; im Norden folgt unsere Grenze der schon erwähnten
Eintiefung der Pfinztalfurche, welche bei 374 ~m~ verlassen wird, um
sich nach Pforzheim an der Enz (247 ~m~) hinabzusenken. Dieser nur etwa
25 ~km~ lange Nordrand fällt annähernd mit der Grenze des waldreichen
Buntsandsteins gegen die Ackerböden des Muschelkalks zusammen und
bildet so eine auch dem Laienauge auffällige Scheide des vom Walde
benannten Höhengebietes gegen das fruchtreiche, niedrige Hügelland im
Kraichgau.
[Illustration: Abb. 10. Schwarzwaldtannen im Winter.
Nach einer Photographie von ~Dr.~ W. Paulcke in Freiburg. (Zu
Seite 28.)]
[Sidenote: Begrenzung und Fläche.]
Wollte man, wie das oft vorgeschlagen worden ist, den Ostrand des
Gebirges zwischen Pforzheim und dem Rhein bei Waldshut nach dem
gleichen Gesichtspunkt bestimmen und demnach möglichst an die
Grenze von Buntsandstein gegen Muschelkalk legen, so würde die
so zu gewinnende Linie orographisch an vielen Stellen gar nicht
hervortreten. Sie erscheint daher in strenger Durchführung unpassend
für unsere Zwecke. Besser und plastisch durchaus wirkungsvoll
ist dagegen die im folgenden gezeichnete Grenze, welche durchweg
Tallinien folgt, also geeignet ist, die Erhebungen, die im Westen als
geschlossene Gebirgsmasse aufragen, von den niedrigern Stufenländern
des Ostens zu trennen. Freilich fällt diese den Talrinnen folgende
Linie nicht streng mit geologischen Formationsgrenzen zusammen,
doch läßt sie in der Hauptsache die echten Schwarzwaldhöhen des
Buntsandsteins westlich, und jenseits ziemlich schmaler Muschelkalk-
und Keuperbänder den Jura im Osten liegen. Sie verläuft von
Pforzheim dem Flüßchen Nagold entlang bis zum Städtchen gleichen
Namens (452 ~m~), überschreitet die Wasserscheide zum Neckar bei
Hochdorf (511 ~m~), senkt sich hinab nach Horb (391 ~m~), folgt dem
Neckar bis zu seiner Quelle (700 ~m~) in der Nähe von Schwenningen
und verläuft weiter über einförmige Hochflächen, auf denen sie die
Rhein-Donau-Wasserscheide zum erstenmal trifft, bis nach Donaueschingen
(676 ~m~), von wo sie, immer in südlicher Richtung weiter ziehend,
die Wasserscheide der Donau gegen den Rhein bei etwa 780 ~m~ wieder
überschreitet und bald danach das östliche Knie der Wutach bei Achdorf
(540 ~m~) erreicht, um schließlich diesem Fluß zu folgen bis zum Rhein
(319 ~m~) oberhalb Waldshut.
Dieser rund 190 ~km~ lange Ostrand des Schwarzwaldes liegt durchweg
höher als die Süd-, West- und Nordgrenze des Gebirges; man kann ihm
eine Mittelhöhe von 400 ~m~ zuschreiben, während die entsprechenden
Werte im Süden 270, im Westen 150, im Norden 190 ~m~ betragen.
[Illustration: Abb. 11. Weinlese im Immental bei Freiburg.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 32.)]
[Illustration: Abb. 12. Feldbestellung im Schwarzwald. Nach einer
Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 29.)]
In diesen Grenzen bedeckt unser Gebirge eine Fläche von 7860 ~qkm~,
von denen 6060 ~qkm~ oder 77% auf Baden, 1800 ~qkm~ oder 23% auf
Württemberg fallen. Kleine Schweizer Gebietsteile bei Basel und
hohenzollerische bei Horb sind dabei nicht besonders ausgeschieden. Zum
Rheingebiet gehören 7350 ~qkm~ oder mehr als 93%, zum Donaugebiet
510 ~qkm~ oder weniger als 7% des Schwarzwaldareals. In der Luftlinie
gemessen ist die größte Südnordausdehnung des Gebirges zwischen
Säckingen und Durlach 166 ~km~, der größte Westostabstand von Müllheim
bis Achdorf 67 ~km~, die mittlere Breite etwa 47 ~km~; die Breite nimmt
von Süd nach Nord fast stetig ab. --
[Sidenote: Einteilung des Gebirges.]
Zum Zwecke der Orientierung hat der Volksmund längst einen südlichen
und nördlichen Gebirgsteil unterschieden und beide durch das
Kinzigtal voneinander getrennt, ohne daß man sich aber genauere
Rechenschaft darüber gegeben hätte, welches für beide Hälften die
ihr Wesen bedingenden charakteristischen Merkmale seien. Geeigneter
erscheint die Vierteilung in einen südlichen, mittleren, nördlichen
und östlichen Schwarzwald. Erscheint die erstgenannte Teilgruppe als
die Landschaft der vom Feldberg nach allen Seiten strahlenförmig
auslaufenden Kämme und ihrer Verzweigungen, so haben wir in der
zweiten neben einem niederen westlichen Vorlande in der Umgebung des
Hünersedels zwei parallele Hauptkämme von südnördlicher Richtung und
daran anschließend eine zum Donaugebiet abfallende Hochfläche; der
nördliche Schwarzwald kann als das weitere Gebiet des von Süd nach
Nord verlaufenden Hornisgrindenkammes definiert werden, der östliche
endlich ist das überwiegend aus Buntsandstein, weiter südlich auch aus
Muschelkalk aufgebaute, den Höhenunterschieden nach wenig gegliederte
Hochland zwischen Pforzheim und Donaueschingen: in der Hauptsache der
württembergische Schwarzwald.
[Illustration: Abb. 13. Holzschleifen im Zastler Tal.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 44.)]
[Illustration: Abb. 14. Einzelhof im Zastler Tal. Nach einer
Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 43 u. 46.)]
Der östliche Schwarzwald läßt sich gegen die westlichen Gruppen des
Gebirges leicht abgrenzen durch das Tal der Untern Murg von Rastatt
bis Freudenstadt, das der obern Kinzig von da bis Schiltach, des
Schiltachflüßchens bis zu seiner Quelle am Ruppertsberg und der Brigach
von hier bis Donaueschingen. Die das ganze Gebirge quer durchbrechende
Kinzig trennt auf der Strecke Schiltach-Offenburg den nördlichen
vom mittleren, das Tal der Dreisam, des Rot- und Höllenbachs und
der oberen Wutach auf der Strecke Freiburg-Hinterzarten-Achdorf den
mittleren vom südlichen Schwarzwald.
[Sidenote: Orographischer Aufbau.]
Wie überaus verschieden diese vier Gruppen sich in ihrem orographischen
Aufbau verhalten, mögen folgende Zahlen veranschaulichen:
Schwarzwald Südlicher Mittlerer Nördlicher Östlicher Summa
Fläche ~qkm~ 2250 2010 1350 2250 7860
Höchster
Gipfel, ~m~ 1493 1241 1164 988 1493
Mittlere
Kammhöhe, 855 790 725 655 770
~m~
unter
200 ~m~ -- 4,6 8,4 2,4 3,3
200-400
~m~ 16,2 19,9 20,9 14,4 17,5
400-600
~m~ 19,9 17,2 27,1 26,4 22,3
Prozente 600-800
der ~m~ 23,1 20,9 26,6 50,3 30,9
Fläche
800-1000
~m~ 26,8 28,7 15,9 6,5 19,6
1000-1200
~m~ 12,2 8,6 1,1 -- 5,9
über 1200
~m~ 1,8 0,1 -- -- 0,5
[Illustration: Abb. 15. Bau eines Kohlenmeilers im Zastler Tal.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 44.)]
Deutlich tritt aus dieser Zusammenstellung der Hochebenencharakter des
östlichen Schwarzwaldes hervor, bei dem mehr als die Hälfte des Areals
der Höhenstufe von 600 zu 800 ~m~ angehört, während über letzterer
Höhe nur noch 6,5 Prozent der Fläche aufragen. Ganz anders liegen die
Verhältnisse in den drei anderen Gruppen, in denen von Nord nach Süd
immer mehr die Höhenentwicklung zunimmt hinsichtlich der Kämme wie der
beherrschenden Gipfel. Im mittleren Schwarzwalde läßt außerdem das
starke Vorwiegen der Höhenstufe zwischen 800 und 1000 ~m~ den weit
verbreiteten Hochflächencharakter dieses Gebietes gut erkennen.
Einzelheiten des Gebirgsaufbaues genauer zu schildern, wird im
folgenden sich reichlich Gelegenheit bieten.
[Illustration: Abb. 16. Holzschlitten im Walde. Zastler Tal; obere
Enden der Holzriesen.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 44.)]
[Sidenote: Die Gesteine und ihre Formen.]
Von der Gesamtfläche des Schwarzwaldes werden etwa 24% von Gneis, 18%
von Granit, 31% von Buntsandstein, 16% von Muschelkalk eingenommen. Der
Rest verteilt sich mit rund 2% auf paläozoische Schiefer und 9% auf
alle anderen Bildungen, also abgesehen von den vereinzelt auftretenden
Porphyren auf jüngere Sedimente. Die Gneismassen nehmen die Hauptteile
der westlichen Schwarzwaldgruppen ein, kommen aber in kleineren
Bezirken auch sonst vor. Zumeist geben sie bei der Verwitterung
fruchtbare Lehmböden, auch sind sie reich an Erzgängen, die einst einen
lebhaften Bergbau auf Bleiglanz, Silber, Zinkblende, Kupferkies usw.
ermöglichten, sowie an Mineralquellen. Der Granit bildet, abgesehen
von kleineren Vorkommnissen, die Massive von Oberkirch und Triberg
und hat seine weiteste Verbreitung zwischen Kandern, Säckingen und
Villingen. Verwittert läßt er die lockereren Teile durch das Wasser an
den Bergabhängen in die Tiefe führen, wo sie zu wertvollem Ackerboden
werden, während oben mageres Erdreich zurückbleibt, das an den
Vorhöhen dem Rebbau, im eigentlichen Gebirge dem Walde günstig ist.
Auf der Neigung des Granites zur Zerklüftung beruht das Vorhandensein
wertvoller Thermen, so der von Baden-Baden.
[Illustration: Abb. 17. Köhlerhütte.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 44.)]
[Illustration: Abb. 18. Holzsägemühle im Löffelschmiedental. Nach einer
Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 44.)]
[Sidenote: Boden und Bodenformen.]
Gegenüber den meist rundlichen Kuppenformen im Gneis- und Granitgebiet
neigt der Porphyr, der zu verschiedenen Zeiten der Erdgeschichte da
und dort im Schwarzwalde als Eruptivmasse zutage trat, zur Bildung
von schroffen Felswänden und von steil aufragenden Kegelspitzen, die
sich vielerorts im Landschaftsbilde ganz bestimmt hervorheben. Der
Buntsandstein bildet eine im Norden bis zu 400 ~m~ mächtige Decke
über dem Grundgebirge; die meisten seiner Schichten liefern bei der
Verwitterung lockeren Schutt und Sand -- trefflichsten Waldboden --, in
welchem die Trümmer festerer Horizonte als große Blöcke in sogenannten
Felsmeeren regellos angehäuft liegen bleiben. Den Muschelkalk finden
wir, abgesehen vom Ostrand des Gebirges, längs der Rheinebene in
kleineren Schollen, und im Süden, am Dinkelberg zwischen Säckingen
und Basel, in ansehnlicher Verbreitung. Seine Mergel geben fruchtbare
Lehmböden, er ist der Spender von Gips und Steinsalz. Keuper, Jura und
Tertiärbildungen treten, wie schon erwähnt, nur in geringer Verbreitung
auf, diluviale Kiese, Sande und Tone füllen die Rheinebene und die
meist weiten Mündungstrichter der westlichen Schwarzwaldtäler. Die
höheren Gebirgsteile weisen in ziemlich weiter Ausdehnung typisch
ausgebildete Grundmoräne und Endmoränen mit gekritzten Geschieben und
erratischen Blöcken, Moränenseen sowie fluvioglaziale Terrassen auf;
wir werden diese interessanten Eiszeitspuren noch da und dort genauer
kennen lernen. Der Löß endlich bedeckt teilweise in großer Mächtigkeit
den Fuß des Gebirges, besonders am Rande der Rheinebene (Abb. 5); das
Vorhandensein dieser durch das Wehen trockener Winde bedingten Bildung
ist ein Beweis dafür, daß zwischen den Hauptperioden der Eiszeit und
nach ihrem Ende in unseren Gegenden Steppenklima herrschte. Im Löß
finden wir die Überreste der großen diluvialen Säuger, aber auch
des Ren, und daneben die ältesten Menschenspuren der Rheinebene und
ihrer Umrandung. Heute sind die Lößböden als wertvolle Rebgelände und
Ackerböden von allerhöchster Bedeutung.
[Illustration: Abb. 19. Strohflechterin im Herrgottswinkel.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 44.)]
III. Klima und Bewässerung.
[Sidenote: Wind und Wärme.]
Die Ausdehnung des Schwarzwaldes ist zu gering, als daß der Unterschied
der geographischen Breite zwischen den südlichen und nördlichen
Gebirgsteilen einen Gegensatz der klimatischen Verhältnisse bedingen
könnte. Ebenso vermag die schmale Ostwestausdehnung sich nicht in dem
Sinne wirksam zu machen, daß etwa aus ihr heraus eine kontinentale
Seite des Gebirges einer ozeanischen sich gegenüberstellen ließe. Und
doch sind Ost- und Westseite klimatisch grundverschieden. Die Ursache
hiervon liegt aber durchaus in der Lage der Gebirgserhebung zu den
Hauptwindrichtungen. Diese wehen nördlich der Alpen entweder von
Südwest und West oder von Nordost, und ihnen stellt sich in jedem Falle
der Schwarzwald mit seiner vorherrschend meridionalen Richtung in den
Weg, so daß dem Westgehänge überwiegend warme und wasserdampfreiche
Luftströmungen zufließen, der Ostseite aber trockene, die besonders in
den kälteren Jahreszeiten sich durch empfindlich niedere Temperaturen
auszeichnen. Dem Westen bleiben diese rauhen Kontinentalwinde zu
allermeist erspart, und entsprechend ist dem Osten der Zugang der
milden Westwinde versperrt. Verschärft wird dieser Gegensatz noch
ganz wesentlich durch den Umstand, daß, wie wir sahen, der Ostrand
des Gebirges viel höher gelegen ist als der Westrand, welcher über
der klimatisch meistbegünstigten Landschaft Deutschlands, der
Oberrheinischen Tiefebene, ansteigt.
[Illustration: Abb. 20. Schwarzwälder Glasarbeiten. Aus der Sammlung
Spiegelhalter.