auf die einzelnen Abschnitte der Reise vertheilt. Ich weiss recht wohl,
dass die bisherigen Rekonstruktionsversuche heftigen Angriffen von
Seiten derer, welche die Wahrheit der ganzen Erzählung bezweifeln,
ausgesetzt gewesen sind; sehr mit Unrecht. Auch dem meinen wird es,
obgleich er in einigen wesentlichen Punkten von den früheren abweicht,
schwerlich besser gehen. Das kann mich aber nicht abhalten, ihn
anzustellen. Ob ein solcher Versuch das Richtige trifft, darüber kann
man ja freilich verschiedener Meinung sein, im Prinzip muss er aber
gebilligt werden, denn solche Rekonstruktionen tragen nicht nur
wesentlich dazu bei, ein klares Bild der Reise in uns zu erzeugen,
sondern verhelfen uns auch in Folge davon zu einem sichern Urtheile über
die Möglichkeit, bezw. die Wahrscheinlichkeit der Umsegelung und damit
über die Frage, ob der Bericht eines zuverlässigen Schriftstellers einem
Phantasiegebilde gleich zu achten oder als Mittheilung über ein
historisches Faktum zu begrüssen sei. Was nun zunächst das gesammte
Zeitmass von zwei bis drei Jahren anbetrifft, so musste dies unserm
Gewährsmanne Herodot schon deswegen völlig ausreichend erscheinen, weil
er sich Afrika nicht mal bis zum Aequator reichend dachte; dass es aber
auch zur Umsegelung des Erdtheils in seiner wirklichen Gestalt genügte,
glauben wir beweisen zu können. Mannerts und anderer Ansicht[360], dass
die Zeit zu kurz sei, wird nach allem, was früher über die Schnelligkeit
der Schiffe des Alterthums gesagt ist, keinen Anspruch auf
Berücksichtigung mehr erheben dürfen, und eben so wenig kann die oben
erwähnte, oft zitirte Fahrt, die Skylax von Karyanda auf Befehl des
Darius Hystaspes von Kaspatyros, dem heutigen Kabul[361] aus, nach der
Stelle unternahm, von wo Necho die Phönizier ausgeschickt hatte – also
doch wohl nach dem nördlichen Theile des rothen Meeres –, und die trotz
der verhältnissmässigen Kürze des Weges 30 Monate dauerte, gegen die
Wahrheit der phönizischen Umsegelung als Beweis herangezogen werden, da
es ganz ungewiss ist, ob jener Seeheld Phönizier als Matrosen hatte. Es
ist leicht möglich, dass – ganz abgesehen von anderen früher erörterten
Gründen für diese Langsamkeit – seine Mannschaft aus Persern bestand,
die der Seefahrt unkundig waren. Eben so wenig sind Schlussfolgerungen
aus den Fahrten nach Ophir gestattet, denn diese waren ausgesprochene
Handelsreisen, auf denen selbstverständlich die Händler oft anhielten,
um zu kaufen oder zu verkaufen[362], während unsere Umsegelung nicht
selbst eine Handelsexpedition war – sonst wäre die Zeit ja freilich zu
kurz bemessen –, sondern nur die Gelegenheit, Verbindungen merkantilen
Charakters anzuknüpfen, auskundschaften sollte. Bei der Vertheilung der
Zeit auf die einzelnen Jahre wird es nun nöthig sein, die Länge der
Küstenlinie zu berechnen. Es genügt natürlich für unsern Fall, diese
ganz allgemein anzugeben, da wir nicht wissen können, ob jede kleine
Biegung wirklich ausgefahren ist; vermuthlich hat man dies nicht gethan.
Ich rechne daher rund bis zum Kap 10000, von dort bis nach Marokko
abermals 10000 und weiter bis zur Nilmündung 5000, also im Ganzen 25000
km. Als Rastpunkte liegen auf dieser Strecke fest das westliche Kapland
und Marokko. Man könnte nun vielleicht hoffen, die Länge der einzelnen
Tagfahrten sei durch einen Vergleich mit dem Periplus des Hanno zu
bestimmen, aber bei der Unklarheit, in welcher wir uns hinsichtlich der
in diesem Berichte erwähnten Lokalitäten befinden, erweist sich die
Unmöglichkeit, einigermassen Sicheres aus ihm herauszulesen, nur gar zu
bald. Versuche dieser Art, wie sie von Seiten Rennells und anderer
gemacht worden sind, führen zu nichts. Ausserdem dürfen etwaige
Resultate doch nur unter einem gewissen Vorbehalte zum Vergleiche mit
unserm Fall herangezogen werden, da die Flotte des Hanno, welche zum
Zwecke der Kolonisation mit 30000 Männern und Weibern an Bord von 60
Schiffen ausgeschickt war, erheblich schwerfälliger gewesen sein wird
als die phönizische Expedition, für welche Agilität erste Bedingung war,
da ihr Gelingen bei eventuellen Fährlichkeiten auf der weiten Fahrt
leicht von möglichster Schnelligkeit der Bewegung abhängen konnte.
Pentekontoren freilich hat Hanno so gut verwendet, wie es wahrscheinlich
unsere Phönizier thaten[363]. Hinsichtlich der Vertheilung der Fahrzeit
auf die einzelnen Tage sind wir also auf ziemlich willkürliche
Kombinationen angewiesen. Sehen wir zunächst, wie Rennell sich mit der
Frage abfindet! Er schätzt den Küstenumfang auf 3360 deutsche Meilen =
25200 km[364] und berechnet als kleinstes Mass für die Tagfahrt 6 d. M.
= 45 km; so würde eine Zeit von 560 wirklichen Reisetagen nöthig gewesen
sein, das sind 18⅔ Monate. Dann nimmt er 12 Monate für Saat und Ernte,
für Erholung, Ausbesserung der Schiffe usw. an und erhält somit für die
ganze Fahrt 2 Jahre 6⅔ Monate. „Doch“ – sagt Rennell – „wollen wir diese
bestimmten ökonomischen Angaben nicht so zuversichtlich angenommen
wissen“. Will man überhaupt solche Berechnungen, die ja einer sichern
Grundlage entbehren, gelten lassen, so wird sich gegen die vorstehende
nicht allzu viel einwenden lassen. Diejenige, welche ich mir aufgestellt
habe, weicht daher von der Rennell’schen nur in wenigen Punkten ab. Wenn
die Phönizier von Kosseir Ende November abfuhren und Ende Mai am Kap
landeten, hatten sie 10000 km in etwa 180 Tagen gesegelt, das macht auf
den Tag ca. 55 km. Sie stachen dann vom Kap ungefähr Anfang Dezember des
zweiten Jahres wieder in See, landeten in Marokko wegen ungünstiger
Strömungen und Winde aber erst gegen das Ende des folgenden November;
auf dieser Tour legten sie also eine Strecke von 10000 km in 12 Monaten,
rund 360 Tagen, zurück, das würde für den Tag etwa 28 km ergeben. Nach
meiner Berechnung hat die ganze Reise also etwas länger gedauert als
Rennell annimmt, nämlich 8 Monate Fahrt + 6 Monate Aufenthalt + 12
Monate Fahrt + 6 Monate Aufenthalt = 32 Monate, und dann noch so viel,
wie sie brauchten, um von Marokko nach Hause zu gelangen. Hierzu genügte
jedenfalls sehr wenig Zeit, da sie von den Säulen an sich in völlig
bekanntem Fahrwasser bewegten. Die drei Jahre werden also auch bei
dieser Eintheilung nicht überschritten. Das im Verhältniss zu der oben
besprochenen Leistungsfähigkeit der Schiffe des Alterthums
ausserordentlich langsame Segeln während des grössten Theiles der
Strecke erklärt sich leicht aus dem Kurs in völlig unbekannten Gegenden,
in denen die grösste Vorsicht geboten war. Auch müssen wir annehmen,
dass nachts wohl selten gefahren wurde und die Nähe der Küste zum
öfteren Rasten verlocken mochte. Häufiges Landen war ja, abgesehen von
der Befriedigung mancher Bedürfnisse, schon durch den nächsten Zweck der
Expedition geboten. Ein kurzer Ueberblick über die Zeitvertheilung auf
der ganzen Fahrt würde demnach etwa Folgendes ergeben. Wenn sie mit dem
Schluss der Schifffahrt auf dem Mittelmeer sich zu der Reise nach dem
Süden zu rüsten anfingen, können sie sicher etwa Ende November mit ihren
Vorbereitungen fertig gewesen sein. Nun rechnet Herodot 40 Tage auf die
Fahrt von der Nordspitze des rothen Meeres bis Bab-el-Mandeb, und er
konnte in Aegypten, wo man in Folge der Fahrten nach Punt über die
Erstreckung dieses Busens jedenfalls gut unterrichtet war, wohl
Gelegenheit gehabt haben, sich genügend zu informiren. Da die Phönizier
aber nicht aus dem äussersten Norden abfuhren, rechnen wir nicht ganz 40
Tage bis Bab-el-Mandeb[365] und von da gegen den Wind halb so viel bis
Guardafui, das sie also etwa Mitte Januar werden umsegelt haben. Ende
Mai landeten sie dann in der Nähe der Kapstadt, von wo sie Anfang
Dezember des zweiten Jahres wieder abfuhren, um, nordwärts haltend, Ende
März in den Busen von Biafra zu gelangen und von hier, gegen Wind und
Strömung ringend, Ende Juni Kap Palmas zu passiren, worauf sie im Kampfe
mit dem schwächer werdenden Strom Ende September am Wendekreise und im
Laufe des November im heutigen Marokko angekommen sein werden. Im Juni
des dritten Jahres setzten sie dann die Reise fort, segelten durch die
Säulen des Herakles und gelangten, bei völlig bekanntem Fahrwasser ihr
Tempo beschleunigend, jedenfalls in kürzester Zeit nach Hause.
Länge des Aufenthalts an den Rastorten.
Die Wegstrecken, welche laut vorstehender Eintheilung auf die einzelnen
Segeltage gerechnet sind, werden keinenfalls zu lang erscheinen, eher
könnte dem Verfasser der Vorwurf gemacht werden, bei dem Aufenthalt auf
den beiden Stationen hinsichtlich der Zeit zu freigebig gewesen zu sein,
und da möchte ich wenigstens den Einwurf Vincents[366] zurückweisen, die
Phönizier hätten während der Rastzeit mehr Getreide verzehrt, als bei
der Ernte gewonnen. Sobald wir annehmen, dass sie beim Eintreffen auf
ihrer ersten Station ausser dem, was sie während des Aufenthalts
daselbst zum Leben brauchten, eine genügende Menge Saatkorn hatten, um
reichlich, d. h. so viel zu säen, dass sie mit der gewonnenen Frucht bis
zur nächstjährigen Ernte auskamen und doch noch Korn für die zweite Saat
übrig behielten, wird dies Bedenken hinfällig. Dass sie aber so wohl
versehen waren, dürfte kaum einem Zweifel unterliegen. Die Phönizier
werden selbst bei ihrer verkehrten Ansicht über die Süderstreckung
Afrikas schwerlich angenommen haben, binnen Jahresfrist wieder daheim zu
sein, und eben so wenig konnten sie, da ihnen die zu befahrenden Küsten
gänzlich unbekannt waren, bei ihrer Abreise mit Sicherheit darauf
rechnen, unterwegs Gelegenheit zur Saat und Ernte zu finden. Jedenfalls
werden sie sich also einen grossen Vorrath Korn mitgenommen haben, und
es kann kein Bedenken erregen, die nothwendige reichliche
Verproviantirung als einen der Gründe dafür anzusehen, dass mehrere
Schiffe ausgerüstet wurden, in denen, da sie Waren zum Tausch oder
Handel schwerlich enthielten, für reichliche Versorgung mit Getreide
genügender Raum blieb. Kamen sie nun während des Mai im Kaplande an, so
hatten sie von ihren Vorräthen erst sechs Monate gelebt und gewiss noch
so reichlich Korn, dass sie ein grösseres Areal bestellen und doch noch
bis zur Ernte von dem Rest des Mitgebrachten leben konnten. Was sie aber
von der umfangreichen Fläche einheimsten, wird mit etwaigen
Ueberbleibseln des alten Getreides nicht nur für die marokkanische Saat,
sondern auch zum Lebensunterhalt bis zur dortigen Ernte gereicht haben.
Konnten sie am Atlas nicht mehr so ausgiebig säen – denn sie waren ja
zwischen der ersten und zweiten Rast ein volles Jahr (Dezember bis
November) unterwegs und mussten noch für 6 Monate Korn zum Unterhalte
zurückbehalten (Dezember bis Mai) –, so schadete das nichts, da sie an
der kleineren hier gewonnenen Ernte doch gewiss bis zur Rückkehr in die
Heimath genug hatten.
Der Einwurf Vincents dürfte damit als erledigt betrachtet werden, aber
auch abgesehen von ihm könnte man an der Länge des Aufenthaltes Anstoss
nehmen, da die Alten Weizen kannten, den δίμηνος und τρίμηνος, der schon
zwei oder drei Monate nach der Saat in jenen wärmeren Gegenden reif
wurde, ja sogar eine auf Euboea heimische Abart, welche nur 40 Tage dazu
brauchte. Lassen wir nun dahin gestellt, ob die Phönizier zufällig eine
von diesen Sorten mit sich führten, ob sie Sommer- (ἠρινός) oder
Winterweizen (χαιμερινός)[367], ob sie sechszeilige Gerste –
wahrscheinlich die einzige, die man in Altägypten kannte[368] – oder
endlich irgend eine andere Weizen- oder Gerstenart gebaut haben,
immerhin können wir auf einen jedesmaligen halbjährigen Aufenthalt
rechnen, denn ausser dem Säen und Ernten des Getreides, dessen
Vegetationsperiode in Südafrika, wie oben gezeigt, im allgemeinen 5-6
Monate beträgt[369], blieb ihnen noch genug andere landwirthschaftliche
Arbeit, wie Dreschen und Ausworfeln; sodann werden aber auch vor allem
die Schiffe einer gründlichen Reparatur bedürftig gewesen sein. Sie
hatten wohl zu viel Tiefgang, als dass sie an jeder beliebigen Stelle
ohne grosse Mühe aufs Land gezogen werden konnten; um so nöthiger wird
dies nach monatelanger Fahrt an den beiden Hauptruhestätten gewesen
sein.
Sind Störungen seitens der Eingeborenen bei Saat und Ernte
anzunehmen?
Aber nicht nur die Frage nach der Länge des Aufenthaltes hat
Veranlassung zu Erörterungen gegeben; es finden sich auch in einigen
Beurtheilungen dieser Expedition Zweifel darüber ausgesprochen, ob das
Säen und Ernten seitens einer verhältnissmässig kleinen Schar von
Männern in fremdem Lande inmitten barbarischer Völkerschaften ungestört
habe von statten gehen können[370]. Diese Bedenken sind um so
unbegreiflicher, als bekannt ist, mit welch’ ehrfurchtsvoller Scheu
gerade einfache Naturvölker zivilisirteren Fremdlingen entgegenzutreten
pflegen, falls sie von ihnen nicht gerade gereizt werden. Der Respekt,
den die eingeborenen Küstenbewohner vor Männern gehabt haben werden, die
mit gewaltigen Schiffen über das weite Meer gewissermassen aus einer
andern vollkommneren Welt zu ihnen kamen, mochte, auch wenn jene in
geringer Anzahl erschienen, doch wohl die paar Monate vorhalten, welche
die Phönizier sich an ihren Ruheplätzen aufhielten. Man denke nur an den
Eindruck, den Cortez’ Spanier auf die Bewohner des Plateaus von Anahuac
machten. Und ohne Zweifel werden die Phönizier sich nicht nur aufs
äusserste gehütet haben, mit den Eingeborenen in Konflikt zu gerathen,
während ihr Korn auf dem Halme stand, sondern sie werden sogar, wenn sie
Gelegenheit fanden, sicher bemüht gewesen sein, durch kleine
Aufmerksamkeiten – und wie leicht ist das kindliche Gemüth solcher
Wilden zufriedengestellt! – ein gutes Einvernehmen zu erkaufen, was
freilich nicht gehindert haben mag, dass sie beim Absegeln, getreu ihrer
alten Piratenart, die erwiesene Gastfreundschaft lohnten, indem sie
mitnahmen, was nicht niet- und nagelfest war. Nach dem, was wir über
Sataspes’ Fahrt wissen, ist übrigens kaum anzunehmen, sie seien mit den
Eingeborenen persönlich in Berührung gekommen. Herodot erzählt[371],
dass dieselben beim Nahen jener Expedition, ihre Städte preisgebend, auf
die Berge flohen, so dass die Matrosen ihnen ihr Vieh ungehindert nehmen
konnten. Und solche Leute sollten die Phönizier bei Saat und Ernte
gestört haben? Schwerlich. Es kann nach diesen Auseinandersetzungen wohl
nicht mehr zweifelhaft erscheinen, dass die Versorgung der Expedition
mit Getreide in der von Herodot angedeuteten Weise vor sich gegangen ist
und Wheeler irrt, wenn er meint[372], König Necho habe den Phöniziern
zunächst am Gestade des rothen Meeres Stationen zur Verproviantirung
errichtet, später aber hätten sie auf ihrer Fahrt an der Ostküste
Afrikas entlang durch irgend welche Beziehungen zu den südlicher
wohnenden Völkern Nahrungsmittel erhalten. Sie bedurften sicherlich
keiner Zufuhr, bis sie das Kap, und später, bis sie das Atlasgebiet
erreicht hatten.
Der Stand der Sonne.
Ich komme jetzt zu demjenigen Punkte des herodoteischen Berichtes, der
seit alten Zeiten mehr als alles andere von sich hat reden machen, zu
dem unsern Reisenden so auffälligen Stande der Sonne. Die Phönizier
erzählten bekanntlich, sie hätten, als sie Libyen umsegelten, diese zur
Rechten gehabt. Fragen wir zunächst, wie das zu verstehen ist. Einige
Forscher glauben, es sei die _Morgen_sonne gemeint[373], ohne jedoch
Gründe für ihre Ansicht anzugeben. Mir scheint es, da die Worte τὸν
ἥλιον ohne irgend einen diese Anschauung rechtfertigenden Zusatz stehen,
näher zu liegen, an den gesammten täglichen Lauf, speziell an den
Höhepunkt desselben, die Stellung zur Mittagszeit, zu denken, und ebenso
wird augenscheinlich die Sache von der Mehrzahl der kompetenten
Beurtheiler aufgefasst. Demnach würden die Phönizier, als sie um die
Südspitze Afrikas fuhren, die Sonne um Mittag im Norden gesehen haben.
Welche Beweiskraft nun diese Mittheilung für die Wahrheit der ganzen
Erzählung habe, darüber ist heiss gestritten worden. Die einen
behaupten, es sei hierdurch unumstösslich dargethan, dass die Reise ums
Kap wirklich gemacht sei, die andern wollen darin nicht die Spur eines
Beweises erblicken. Meiner Ansicht nach haben beide Parteien unrecht.
Ich muss darauf verzichten, wenn ich dem Vorwurfe zu grosser
Weitschweifigkeit entgehen will, einen Ueberblick über alles zu geben,
was geschrieben ist, um der einen oder der andern Behauptung grösseren
Nachdruck zu verleihen, aber dieser Verzicht wird mir nicht allzu
schwer. Neben wenigen guten Körnern findet sich unendlich viel Spreu,
und man erinnert sich bei manchem der vielen Versuche, auf Grund der
erwähnten Ueberlieferung einerseits die Wahrscheinlichkeit, andrerseits
das Fabelhafte der Umsegelung nachzuweisen, der Worte Bredows: „Quo
maior ars, eo minor fides“.
Erwägen wir zunächst den Werth des Zweifels, den Herodot dieser
Sache gegenüber äussert! Er war in allen Fragen, welche die
mathematisch-astronomische Geographie betreffen, ein reines Kind. Erst
zu seiner Zeit fing ja das Dunkel, welche diese Geheimnisse der Natur
bedeckte, allmählich an, sich zu lichten. Parmenides von Elea nahm
zuerst aus bessern Gründen die Kugelgestalt der Erde an und unterschied
die Zonen[374], aber dessen unteritalische Heimath lag für die damaligen
Verkehrsverhältnisse und bei der Langsamkeit, mit der sich in alter Zeit
geistige Errungenschaften verbreiteten, zu weit ab von der Reiseroute
Herodots, als dass man annehmen könnte, diese Wahrheiten, die ca. 460
ausgesprochen wurden, seien bald zu seinen Ohren gedrungen. Als er aber
später sein Heim nach Thurii verlegte, wo er leicht Gelegenheit haben
konnte, die neue Anschauung kennen zu lernen, brachte er wahrscheinlich
mancherlei Ausarbeitungen über seine Reisen schon fertig mit und mochte
der frisch auftauchenden Theorie nicht genug Vertrauen entgegenbringen,
um danach seine früheren Aussprüche zu modifiziren. Jedenfalls erkannte
er die Lehre von der Kugelgestalt der Erde nicht an, und dass ihm auch
die Gesetze, nach denen sich die wichtigsten Himmelskörper bewegen,
nicht klar waren, geht aus mehreren Stellen seines Werkes deutlich
hervor[375]. Demnach hatte er auch keine Ahnung von der Schiefe der
Ekliptik und ihren Ursachen und Folgen[376]; die Worte Her. II, 19:
τροπέων τῶν θερινέων verbürgen, wie längst nachgewiesen ist, nicht
etwaige Kenntniss jener Verhältnisse[377]. Es kann auffallend
erscheinen, wenn Herodot, der weit gereiste und wissensdurstige, in
dieser Beziehung so ganz im Dunkeln tappte, aber dass er es that, steht
fest, und vielleicht war es gut so, er hätte sonst wohl das wichtige
Faktum des nördlichen Sonnenstandes als etwas Alltägliches und Bekanntes
garnicht registrirt und dadurch eine für die Wahrscheinlichkeit der
Umsegelung in hohem Grade überzeugende Thatsache unserer Kenntniss
vorenthalten. Wie Herodot aber nicht im Stande war, aus
wissenschaftlichen Gründen einen nördlichen Sonnenstand zu erklären, so
hat er auch keinenfalls Gelegenheit gehabt, sich auf andere Weise von
der Möglichkeit eines solchen zu überzeugen; denn er ist weder selbst
jemals über den Wendekreis des Krebses hinausgekommen, noch wird er
glaubwürdige Leute gesprochen haben, welche aus eigener Anschauung ihm
versichern konnten, dass eine derartige Stellung in der That möglich
sei. Selbst in Elephantine, das nicht mal 60 km vom Wendekreis des
Krebses entfernt lag, und wo doch sicher Menschen lebten, die einmal
innerhalb der Tropen gewesen waren, hat er augenscheinlich dazu keine
Gelegenheit gefunden. Er dachte sich die Erde als eine Art Scheibe, über
welcher das Firmament als eine hohle Halbkugel ruhe, eine Anschauung,
die nicht wunderbar, im Gegentheil vielen Naturvölkern, welche die
Himmelserscheinungen nur nach der sinnlichen Wahrnehmung beurtheilen,
geläufig ist. Dass das scheinbare Himmelsgewölbe eine Hohlkugel sei und
sie von ihm nur die eine Hälfte kennen, ahnen diese so wenig, wie etwa
die Menschheit vor Magelhans berühmter Reise wusste, dass ihr erst die
halbe Oberfläche der Erde bekannt war. An diesem Gewölbe geht die Sonne
dem Herodot von Osten nach Westen[378], aber nicht in der Mitte, sondern
mehr südlich. Da er sie mittags stets im Süden sah, stand sie seiner
Ansicht nach zu dieser Tageszeit über den dort liegenden Erdräumen
senkrecht[379]. Dass es jenseits jener Gebiete Länder oder Meere gäbe,
wo man sie nördlich sähe, konnte er nicht annehmen, am allerwenigsten
aber, dass dies der Fall sei in den Gegenden, wo er die Südküste Afrikas
vermuthete, d. h. weit nördlicher, als sie wirklich liegt. So kommt es
denn, dass Herodot über die ganze phönizische Expedition im Tone des
Gläubigen berichtet und ihm nur dies eine, der nördliche Standpunkt der
Sonne, Bedenken erregt[380]. Dieser Zweifel wird bei seinen mangelhaften
Kenntnissen berechtigt erscheinen; uns, die wir mit fortgeschrittenerem
Wissen ausgestattet sind, braucht er an der Wahrheitsliebe der Phönizier
nicht irre zu machen.
Wir gehen daher über ihn hinweg und treten der Frage näher: Ist die
Nachricht, wie viele wollen, ein unumstösslicher Beweis dafür, dass die
Phönizier wirklich ums Kap gefahren sind? Die Antwort wird lauten: Nein.
Zwar ist nicht nur von älteren Gelehrten darauf hingewiesen, dass bei
dem damaligen Standpunkte der astronomischen Geographie, die zur Zeit
der Umsegelung noch in den Windeln lag, Schiffer, um den Glauben an eine
Fahrt zu erwecken, die sie garnicht gemacht, unmöglich auf die
Erscheinung hätten verfallen können, die selbst dem erfahrenen und durch
seine Reisen vielseitig gebildeten Herodot nicht glaublich
erschien[381], sondern auch einer der bedeutendsten neueren, Karl
Ritter, äussert: „Leute, die keine astronomisch-geographische Theorie
besassen, aus der sich ergiebt, dass dies (der nördliche Standpunkt der
Sonne in der Mittagsstunde) nur auf der südlichen Halbkugel stattfinden
kann, konnten dies nicht erzählen, ohne es wirklich gesehen zu haben“;
aber doch scheint mir der hieraus für unsere Untersuchung gezogene
Schluss, dass damit die Wahrheit des Berichtes unumstösslich bewiesen
werde, etwas voreilig. Unbestreitbar ist freilich auch meiner Ansicht
nach, dass wir Kenntniss der einschlägigen Gesetze und Verhältnisse
anderthalb Jahrhunderte vor Herodot keinenfalls bei phönizischen
Schiffern voraussetzen dürfen, die sich wohl mit Astronomie zum
praktischen Gebrauche für die Seefahrt beschäftigen mochten, denen aber
das Studium wissenschaftlicher Probleme der Sternenwelt sicherlich nicht
zuzutrauen ist. Aber – werden wir fragen müssen – konnten nicht unsere
Seeleute, auch ohne die Gesetze der astronomischen Geographie zu kennen,
bei den auf früheren Fahrten gemachten Erfahrungen und den damals
landläufigen Ansichten über die geringe Süderstreckung Afrikas auf die
Vermuthung eines nördlichen Sonnenstandes für die jenen Erdtheil
Umsegelnden mit Leichtigkeit verfallen? Ich glaube, unbedingt. Seit
Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, gingen phönizische Schiffe
südlich bis Bab-el-Mandeb; so war es den Phöniziern jedenfalls bekannt,
dass das Tagesgestirn für diese Gegend unter gewissen Umständen um
Mittag nördlich stehe. Gesetzt nun, sie nahmen an – und dass sie es
wahrscheinlich thaten, ist oben gezeigt –, die Südküste Afrikas liege
etwa unter gleicher geographischer Breite wie jene Pforte des rothen
Meeres, so konnten sie leicht die aus ihren Beobachtungen bei
Bab-el-Mandeb gewonnenen Resultate auf die mittäglichen Gestade jenes
Erdtheils übertragen und, wenn sie eine Umsegelung fingiren wollten,
auch ohne wirklich dort gewesen zu sein, von dem in jenen Breiten, wo
sie die Südküste vermutheten, wahrzunehmenden nördlichen Standpunkte der
Sonne sprechen, ohne Furcht, damit irgend etwas Unmögliches zu
behaupten. Einen vollgültigen Beweis für die Wahrheit des Berichtes der
Phönizier liefert dieser Theil ihrer Erzählung also keineswegs; ja,
Beurtheilern, die zum Zweifel neigen, wird sich noch die Frage
aufdrängen, ob nicht, wenn auch nicht die ganze Mittheilung, so doch
wenigstens jener Herodot so sehr mit Bedenken erfüllende Zusatz über die
Sonnenstellung als eine Erfindung anderen Ursprungs, nämlich der
ägyptischen Priester, zu betrachten sei. Um hierüber zu einem Schlusse
zu kommen, werden wir zunächst den Umfang ihres Wissens auf dem Gebiete
der astronomischen Geographie feststellen und fragen müssen: Berechtigte
dasselbe sie zur Annahme eines nördlichen Sonnenstandes? So weit wir
vermuthen dürfen, war es so wenig wie das der Phönizier aus irgend
welchen Theorieen geschöpft, sondern rein der Praxis des Lebens
entnommen. Zwar hat man behauptet, die Schiefe der Ekliptik und ihre
Wirkungen seien den Priestern bekannt gewesen und dies durch Zeugnisse
aus dem Alterthume zu bekräftigen versucht, so des Strabo, der als
Gewährsmann dafür angeführt zu werden pflegt, dass sie über die Bewegung
und Stellung der Himmelskörper eingehende Kenntniss besessen
hätten[382]. Aber er sagt nur ganz allgemein, sie seien sternkundige
Männer gewesen, wie weit ihr Wissen im einzelnen ging, erfahren wir
durch ihn nicht. Der andere ist Diogenes Laertius in seiner Vita des
Thales[383]. Daraus, dass dieser für das Jahr 610 v. Chr. eine
Sonnenfinsterniss vorherzusagen vermochte, hat man geschlossen, dass er
sich über die Bewegung von Erde und Mond schon völlig klar gewesen sei.
Knös[384] folgert demgemäss nach dem Vorgange von Gosselin: Wenn Thales
eine Sonnenfinsterniss vorhersagen konnte, musste er die Schiefe der
Ekliptik kennen. Thales, ein Zeitgenosse des Necho, hatte aber, wie in
seiner Vita steht, bei den ägyptischen Priestern Geometrie, also
wahrscheinlich auch Astronomie, studirt. Demnach werden diese Priester
schon zur Zeit des Necho die Schiefe der Ekliptik gekannt und gewusst
haben, dass die Sonne bald über dem einen, bald über dem andern
Wendekreise senkrecht steht.