stichhaltig, und die Schlüsse, welche aus ihr auf die astronomischen
Kenntnisse der ägyptischen Priester gezogen werden, sind unrichtig.
Zunächst folgt aus dem Umstande, dass Thales jene Sonnenfinsterniss
vorhersagte, noch keineswegs, dass er die Schiefe der Ekliptik und
überhaupt die Gesetze, nach denen sich die Erde um die Sonne und der
Mond um die Erde bewegen, kannte. Eine genauere Prüfung des
herodoteischen Berichtes über jene Prophezeiung wird dies ergeben. Er
erzählt[385], Thales von Milet habe den Joniern diese Finsterniss vorher
verkündigt und als Zeit das Jahr angegeben, in dem sie sich wirklich
zutrug. Nun ist aber Folgendes über jeden Zweifel erhaben: Kannte Thales
in der That die vorhin bezeichneten Gesetze der Bewegung der Erde und
des Mondes, also unter anderm auch die Schiefe der Ekliptik, so war er
im Stande, nicht nur das Jahr, sondern auch den Tag und die Stunde der
Finsterniss vorherzusagen und hätte dies sicherlich gethan; daraus, dass
er sich auf die Angabe des Jahres beschränkte, können wir ohne Bedenken
entnehmen, dass ihm die Kenntniss der betreffenden Gesetze abging und er
die Kunde von dem zu erwartenden Eintritt jenes Naturereignisses andern
Umständen verdankte. Ueber diese dürfte es gestattet sein, folgende
Vermuthung auszusprechen. Bekanntlich sind die Sonnenfinsternisse an
bestimmte Perioden gebunden, und es ist leicht denkbar, dass sich viele
Jahrhunderte vor Thales, als noch niemand an eine wissenschaftliche
astronomische Geographie dachte, schon Männer gefunden haben, welche
durch Tradition überlieferte Erfahrungen über die Wiederkehr solcher
Erscheinungen mit den Beobachtungen ihres eigenen Zeitalters
zusammenstellten und der Nachwelt gewisse Formeln überlieferten, nach
denen man die Jahre berechnen konnte, welche in Zukunft ähnliche
Ereignisse mit sich bringen würden. Wer sich im Besitze dieser Formeln
befand und durch sie die Perioden kannte, in denen die Finsternisse
wiederkehren, war nun natürlich in der Lage, auch ohne irgend etwas von
den Bewegungen der betreffenden Himmelskörper zu wissen, das Jahr einer
solchen Erscheinung vorher zu verkünden. Derartiger Formeln wird sich
auch Thales bedient haben. Dass er nur auf diese Weise zu seiner
Prophezeiung befähigt sein kann, ist unbestreitbar; es geht das klar
daraus hervor, dass Diogenes ihn zum Schüler der ägyptischen Priester in
der Geometrie macht, womit ja zugegeben wird, dass er noch weniger
mathematische Kenntnisse besass, als jene Männer, und das will viel
sagen. Man hat die Höhe, bis zu welcher sich wissenschaftliche
Leistungen im Lande der Pyramiden schon frühe aufgeschwungen haben
sollten, ehedem weitaus überschätzt, wie ja lange Zeit hindurch die
ganze altägyptische Kultur in unsern Augen mit dem Nimbus des
Wunderbaren umkleidet war; jetzt sind wir besser unterrichtet und wissen
sicher, dass im alten, und können mit grosser Wahrscheinlichkeit
behaupten, dass auch im neuen Reiche die Kenntnisse der Aegypter in der
Mathematik so ausserordentlich dürftig waren, dass jede Vermuthung, sie
hätten den Lauf von Himmelskörpern berechnen können, als völlig absurd
zurückgewiesen werden muss. Die ersten Anfänge einer wirklichen
Astronomie – doch auch nur diese – hatte man zwar im alten
Aegypten[386], aber die Mathematik diente dort rein der Praxis des
Lebens; wie die Grösse eines Ackers berechnet, wie als Besoldung
dienende Esswaren unter eine Anzahl berechtigter Empfänger angemessen
vertheilt wurden, derartige Aufgaben wusste man annähernd richtig zu
lösen[387], was darüber hinauslag, war den Leuten am Nil ein Buch mit
sieben Siegeln, und mit wohl begründetem Erstaunen erkennt man die
unglaubliche Schwerfälligkeit, mit der die einfachsten Aufgaben, welche
bei uns jeder Knabe vor seinem Eintritt in die Sexta gewandt im Kopfe zu
lösen weiss, schriftlich ausgerechnet werden. Und die Verfasser der
Rechenbücher, welche solcher Umständlichkeit zur Bewältigung der
leichtesten Operationen bedurften, sind doch jedenfalls nicht beliebige
Leute aus der grossen Masse, sondern sicher die Gebildeten der Nation,
d. h. die Priester gewesen. Wer aber noch mit den vier Spezies im Kampfe
liegt, wird selbstverständlich nicht an die Lösung von Aufgaben aus der
höheren Mathematik denken, und somit muss die Vermuthung, welche Knös
äussert[388], die Priester hätten die Gesetze von der Bewegung der
erwähnten Himmelskörper zwar wohl gekannt, aber dem Herodot als einem
Manne, „cui facta historica, non astronomiam discendi desiderium fuit“
vorenthalten, für hinfällig erklärt werden; sie konnten nicht lehren,
was sie selbst nicht wussten. Wenn nun Thales nach Aegypten ging, um bei
diesen Männern Geometrie und allenfalls Astronomie zu studiren, wenn er
also glaubte, von ihnen noch lernen zu können, wie ausserordentlich
gering muss dann der Umfang seines eigenen Wissens gewesen sein!
Geradezu Lachen erregend wirkt der Gedanke, ein Mann, der die Schiefe
der Ekliptik kannte, habe in den Tempeln des Nillandes sich weiter
bilden wollen. Es darf nach diesen Erwägungen als ganz unmöglich
bezeichnet werden, dass er – gesetzt auch, er habe die in Aegypten
eingeheimsten Kenntnisse später selbständig fortentwickelt und seine
Lehrer an Gelehrsamkeit weit übertroffen – jemals auch nur annähernd auf
den Standpunkt gekommen sei, die Bahnen von Himmelskörpern berechnen zu
können; genau eben so wenig wird aber die Annahme gestattet erscheinen,
seine ägyptischen Lehrer hätten dies vermocht.
Im Vorstehenden ist nachgewiesen: aus wissenschaftlichen Gründen konnten
die Gewährsmänner Herodots den nördlichen Stand der Sonne nicht
erklären; damit ist aber keineswegs gesagt, dass sie die Thatsache
selbst für undenkbar hielten. Denn sicherlich haben sie, da sie das
innerhalb der Tropen gelegene Meroe kannten[389], und auch in Folge der
ägyptischen Züge nach Aethiopien, wie der Fahrten nach Punt – also aus
der Praxis des Lebens – gewusst, dass nicht allzu weit südlich von ihrer
Heimath Gegenden lägen, wo es unter gewissen Umständen möglich sei, die
Sonne mittags im Norden zu erblicken. Also auch von ihrer Seite
erscheint eine Täuschung nicht absolut ausgeschlossen. Die Sache wird so
gelegen haben, dass es beiden, den Phöniziern, wie den Priestern möglich
war, von der auffallenden Stellung des Tagesgestirns zu erzählen, ohne
dass jemand die Fahrt gemacht hatte. Es fragt sich nur, ob wir es auch
für wahrscheinlich halten dürfen, dass sie es thaten. Und das glaube ich
nicht. Denn was zunächst die Phönizier betrifft, so konnten sie durch
die Erwähnung einer Thatsache, die sie, wie die Priester ohne Zweifel
wussten, leicht durch Kombination hatten zurecht konstruiren können,
ihren eventuellen Zweck, die Aegypter von der Ausführung der Umsegelung
zu überzeugen, schwerlich erreichen. Es lag sehr nahe, zu vermuthen,
dass in den Gegenden, die sie durchsegelt haben wollten, die Erscheinung
der nördlich stehenden Sonne so gut zu beobachten sei wie im südlichen
rothen Meere; darum hätten sie, wenn es galt, den Bericht über eine
nicht gemachte Reise mit Wahrscheinlichkeitsbeweisen auszustatten, dazu
sicher irgend etwas anderes gewählt, als dieses im Kreise ihrer Zuhörer
seit Jahrhunderten bekannte Faktum. Die Phönizier sind also meiner
Ansicht nach von einer auf Grund dieser Nachricht beabsichtigten
Täuschung unbedingt freizusprechen; was sie erzählten, haben sie
wirklich erlebt. Wenn aber der Bericht von der Fahrt ein Märchen war,
das den Priestern seinen Ursprung verdankte, wenn diese wussten, dass
die Phönizier weder jemals die fragliche Reise unternommen, noch,
heimgekehrt, von dem Stande der Sonne erzählt hatten, wie sollten sie
dann dazu gekommen sein, an ihre schmucklose Erzählung, die sie, wie
oben gezeigt, so leicht durch allerhand märchenhaften Aufputz hätten
interessanter färben können, schliesslich noch die Erwähnung eines
Ereignisses anzufügen, das bei Ausführung der Reise nicht nur faktisch
so eingetreten wäre, sondern auch nach ihrem eigenen Ermessen gerade so
eintreten musste, wie sie es darstellten? Die Lüge verfügte doch über
einen zu reichen Schatz phantastischer Vorstellungen, als dass sie bei
der Wahrheit hätte zu borgen brauchen. Ich glaube also, auch den
Priestern dürfen wir böswillige Erfindung nicht zutrauen; sie haben
wahrheitsgetreu überliefert, was ihren Vorgängern im Amte durch die
heimkehrenden Phönizier berichtet worden war.
So bleibt nur noch die Frage zu beantworten, was diese, nachdem sie die
Reise wirklich gemacht hatten, veranlasst haben mag, die nördliche
Stellung der Sonne, die sie während ihrer Fahrt zu finden jedenfalls
erwartet hatten, und die auch den Aegyptern nicht überraschend
erscheinen konnte, noch ausdrücklich zu erwähnen. Die Antwort ist bald
gegeben: Die Phönizier haben einen Sonnenstand beobachtet, der alles,
was sie bislang in dieser Hinsicht gesehen oder wovon sie gehört hatten,
weit hinter sich liess. Wenn sie nun auch noch so verschwiegen waren in
Betreff aller Erfahrungen, die sie bezüglich der Verwirklichung ihrer
kolonialen Pläne gemacht hatten, diese interessante Erscheinung zu
verheimlichen, lag kein Grund vor. Worin aber das Wunder bestand, das
sie so anstaunten, ist leicht gesagt. Mochten die Phönizier das südliche
rothe Meer befahren und selbst Bab-el-Mandeb passirt haben, mehr als
etwa 10° entfernte sich die Sonne hier nie vom Zenith. Nun wird zwar für
den, der um die Zeit des längsten Tages der nördlichen Halbkugel in
diesen Gegenden sich von Osten nach Westen bewegt, der eigene Schatten
zur Linken fallen, und wir müssen annehmen, dass die Phönizier dies so
gut beobachtet haben, wie wir wissen, dass das spätere Alterthum es
beobachtet hat. Aber die Abweichung der Sonne vom Zenith erscheint so
gering, dass ein unbefangener Beurtheiler immer noch mehr den Eindruck
haben wird, sie stehe ihm zu Häupten als zur Seite. Jeder, der den
Versuch machen, einen Punkt am Himmel, 10° vom Zenith, suchen und sich
dort die Sonne denken wird, dürfte mir Recht geben, und auch die
Phönizier werden bei Bab-el-Mandeb diesen Eindruck gehabt haben. Wenn
sie aber um die Südspitze Afrikas fuhren – und es traf sich ja so, dass
sie dies zur Zeit des nördlichen Sommers thaten, wo für jene Gegenden
die Sonne zur Mittagszeit möglichst tief stand –, hatten sie natürlich
ein ganz anderes Schauspiel; passirten sie im Mai das Nadelkap, so
erblickten sie die Sonne um Mittag etwa 50° vom Zenith entfernt. Sie
sahen das Tagesgestirn also dem nördlichen Horizonte etwa eben so nahe,
wie es zur Zeit des ägyptischen Winters dem südlichen stand. Aehnliches
war ihnen noch nicht vorgekommen, und da sie eine Erklärung dafür nicht
kannten, wird es ihnen als ein Wunder erschienen sein, das sie,
zurückgekehrt, als das seltsamste Erlebniss ihrer langen Reise den
staunenden Aegyptern verkündeten, die ihrerseits das, was die kühnen
Schiffer erzählten, bei dem bisherigen Mangel aller Nachrichten aus
südlichen Breiten für interessant genug hielten, um es der Nachwelt zu
überliefern. So blieb die Erinnerung an diese seltsame Erscheinung
anderthalb Jahrhunderte lang in Aegypten lebendig, und um so mehr, weil
sie eine der wenigen Einzelheiten war, die man über die Reise erfahren
hatte.
Es scheint mir nach diesen Erwägungen gänzlich ausgeschlossen zu sein,
dass die Phönizier zu einer wesentlich andern Jahreszeit als der
angegebenen, etwa gar um den _südlichen_ Sommeranfang das Kap passirt
haben; in letzterem Falle wäre die Abweichung der Sonne vom Zenith kaum
grösser gewesen, als sie dieselbe bei Bab-el-Mandeb oftmals gesehen, und
hätte schwerlich Veranlassung gegeben, ihrer besonders zu gedenken. Je
weiter nördlich unsere Schiffer das Gestirn erblickten, um so
auffallender und bemerkenswerther musste dies ihnen erscheinen; wenn sie
nun etwa im Mai an der Südspitze des Erdtheils entlang fuhren, um in der
Nähe der heutigen Kapstadt zur ersten Saat und Ernte zu landen, so hatte
die Sonne ihren nördlichsten Standpunkt für diese Gegenden beinahe
erreicht. In der Annahme, dass die Phönizier um die Zeit, wo dies
geschah, das Nadelkap umsegelten, finden wir aber auch den Schlüssel
dafür, dass die ganze Erscheinung nicht als eine zweimalige erwähnt
wird, obgleich sie sich doch an der Nordguineaküste den Schiffern zum
zweiten Male gezeigt haben muss. Denn, wie oben erwähnt, werden sie an
dieser zu einer Zeit entlang gefahren sein, als die Sonne in der Nähe
des Wendekreises des Krebses senkrecht stand, und etwa um den nördlichen
Sommeranfang Kap Palmas passirt haben. Hier erschien ihnen in dieser
Jahreszeit das Gestirn mittags etwa 20° vom Zenith entfernt, was sie
sicher nach den bei Bab-el-Mandeb gesammelten Erfahrungen mit dem
grössten Staunen erfüllt haben würde, wenn sie nicht am Kap einen weit
grösseren Zenithabstand kennen gelernt hätten. Nach dem, was sie dort
erlebt hatten, imponirte ihnen der Stand der Sonne in Oberguinea
jedenfalls nur noch wenig, und so werden sie den Priestern nach ihrer
Rückkehr wohl von einer auffällig sich dem nördlichen Horizonte
nähernden Stellung jenes Weltkörpers, schwerlich aber auch von derselben
im zweiten Jahr mit weit geringerer Intensität auftretenden Erscheinung
gesprochen haben. Daher berichtet Herodot einfach, sie hätten die Sonne
im Norden gesehen, oder, wie er sich ausdrückt „zur Rechten gehabt“,
macht aber durch diese kurze Notiz, wenn auch – wie gezeigt – ein
absoluter Wahrheitsbeweis damit nicht erbracht wird, die Umsegelung
jedenfalls ohne sein Wissen und vielleicht auch gegen seinen Willen in
hohem Grade wahrscheinlich.
Geben wir nun einen Ueberblick über die Stellung der Sonne zu den
Phöniziern an den verschiedenen Punkten ihrer Reise! Wenn sie etwa Ende
November abfuhren und Mitte Februar den Aequator erreichten, hatten sie
dieselbe natürlich während dieser ganzen Zeit mittags südlich gesehen.
Bald nachdem sie die Linie gekreuzt hatten, passirten sie dann, so zu
sagen, jenen Himmelskörper, welcher der Stellung der Tag- und
Nachtgleiche entgegen eilte. Nun begann allmählich das Auffällige. Je
weiter die Phönizier südwärts fuhren, und je mehr die Sonne zugleich
sich ihrer Stellung zur Zeit des nördlichen Sommeranfangs näherte, desto
intensiver mussten Erscheinungen eintreten, welche die Aufmerksamkeit
der Schiffer in steigendem Masse in Anspruch nahmen. Am meisten wird
dies selbstverständlich der Fall gewesen sein, als sie die Südspitze des
Erdtheils erreicht hatten, während zugleich das Tagesgestirn über den
Gegenden in der Nähe des nördlichen Wendekreises senkrecht stand. Zur
Zeit der ersten langen Rast, die sie hielten, stieg dann die
Mittagssonne von Tag zu Tag höher, und im Dezember sahen sie dieselbe
bei ihrer Abfahrt in nördlicher Richtung mit geringer Abweichung vom
Zenith vor sich; als sie aber im März in der Gegend der Nigermündung
anlangten, stand sie ziemlich senkrecht über ihnen. Vom Kap bis hierher
wird also nichts für Ophirschiffer Merkwürdiges sich ergeben haben. Auf
der folgenden Strecke bis zum Kap Palmas erblickten sie dann die Sonne
mittags wieder zur Rechten, doch der grösste Abstand vom Zenith betrug
noch nicht 20°, und das war nach dem, was sie in Südafrika erlebt
hatten, nicht der Rede werth. Je mehr sie aber, den letzten Theil ihrer
Fahrt zurücklegend, sich den heimathlichen Breiten näherten, desto
bekannter mussten ihnen die Vorgänge am Firmament erscheinen, und desto
weniger auffallend war ihnen natürlich der Sonnenstand.
Schlussbetrachtung.
So denke ich mir nach dem leider so kurzen Berichte Herodots jene
merkwürdige Fahrt. In vielen Punkten werden die Ansichten anderer von
den meinigen wesentlich abweichen, in einem alle Beurtheiler, die
überhaupt an die Umsegelung glauben, rückhaltlos mit mir übereinstimmen:
an Gefahren wird diese Entdeckungsreise so reich gewesen sein wie je
eine. In unbekannte Weiten ging der Weg, über Meere, die wohl nie zuvor
der Kiel eines Schiffes durchfurcht hatte; nicht überall waren Wind und
Wellen den kühnen Schiffern gewogen, gegen widrige Strömungen in der
Atmosphäre und im Meer galt es stellenweise anzukämpfen; mühsam musste
die Mannschaft, was sie zum Leben brauchte, erst mit eigener Hand säen
und dann im Schweisse ihres Angesichts einheimsen; ja selbst die Quelle
des Lichts, das dem Menschen in Noth und Gefahren neuen Muth in der
Seele erweckt, schien in dieser fremden Welt aus ihrer alten Bahn
gedrängt zu sein. Vincent[390] führt Namen an, welche die Schiffer des
Alterthums Marktplätzen an der Ostküste Afrikas gegeben haben sollen; er
nennt sie: the prison, the straits of burial, the port of death, the
gate of affliction, bezeichnend genug auch für die Fährlichkeiten der
phönizischen Route, und welchen Eindruck das Kap der guten Hoffnung auf
die macht, welche es zuerst erblicken, besagt der Name, den ihm die
Portugiesen unter Bartholomäus Diaz gaben; sie nannten es: „Cabo da
todos los tormientes“[391]. Und doch wird es auch den Phöniziern zu
einem Kap der guten Hoffnung geworden sein; nachdem sie es umsegelt
hatten, ging die Fahrt ja heimwärts gen Norden, und dem väterlichen
Herde waren die Schiffe zugekehrt. Wohl mochte die kühnen Männer die
westliche Erstreckung der Küste vom Busen von Benin bis zum Kap Palmas
mit neuem Schrecken erfüllen, da sie durch dieselbe von ihrem Ziele
abgelenkt zu werden schienen, und wenn jemals, mag ihnen hier, wo Wind
und Meeresströmung konträr waren, der Gedanke an Umkehr gekommen sein;
sie werden sich aber andrerseits verständigerweise gesagt haben, dass
sie nach dem Wenden der Schiffe bis zum heutigen Kap Guardafui
fortgesetzt gegen den Strom anzufahren hätten, zeitweise – im Kanal von
Mozambique – gegen einen stärkeren, als der an der Küste von Nordguinea
war, nicht minder auch einen Theil des Weges gegen den Wind, und werden
demgemäss vorgezogen haben, der eingeschlagenen Richtung muthig weiter
zu folgen, in der Hoffnung, nach nicht allzu langer Zeit wieder
günstigere Verhältnisse zu treffen. Als sie dann am Kap Palmas
vorübergesegelt waren, werden sie mit neuem Muthe erfüllt worden sein,
da nun die Küste eine nördliche Wendung nahm und der Polarstern, sich
mehr und mehr aus dem Meere hebend, ihnen baldige Ankunft in bekannteren
Gewässern verhiess. Freilich darf man, um die Reise der Phönizier im
rechten Lichte zu sehen, in einer Beziehung nicht den Massstab der
heutigen Seefahrt anlegen. Der moderne Seemann mit seinem tiefgehenden
Fahrzeuge sucht, gestützt auf sein Arsenal von Instrumenten, sich
möglichst auf offener See zu halten und meidet die Nähe des Landes; dem
des Alterthums hingegen, der weit flachere Schiffe benutzte und im
offenen Meer viel leichter seinen Kurs verfehlen konnte, gewährte die
Nähe des Landes ein Gefühl der Sicherheit: kam ein Unwetter, lief er an
und zog seine Barke ans Land. So dürfen wir uns die Schwierigkeiten und
Gefahren, welche diese Reise mit sich brachte, wenn sie auch enorm
waren, doch nicht so erheblich vorstellen, dass aus diesem Grunde die
ganze Fahrt hätte unterbleiben müssen; unüberwindlich waren sie nicht.
Und sicher wussten die Sendlinge des Aegypterkönigs recht wohl, dass
eine Aufgabe wie die gestellte ohne die Bewältigung ausserordentlicher
Hindernisse nicht zu lösen war; sie werden sich darüber so wenig im
Unklaren gewesen sein, wie man sich am Hofe des Xerxes in dieser
Beziehung Täuschungen hingab[392]. Aber sollten sie deshalb vor der
Fahrt zurückschrecken? Hatte ihr Volk nicht schon Aehnliches vollbracht?
Eben in der Gefahr mag für so wagehalsige Männer, wie diese alten
phönizischen Seefahrer gewesen sein müssen, ein besonderer Reiz gelegen
haben, und Strabo sagt ja geradezu, als er von der Schwierigkeit der
Seefahrt an den Syrten spricht[393]: „Die Keckheit der Menschen macht,
dass alles versucht wird, besonders die Küstenfahrten“. Eins allerdings
war nöthig, wenn das Unternehmen gelingen sollte, nämlich Glück, und das
haben unsere Schiffer, wie unbedingt zugegeben werden muss, in hohem
Grade gehabt. Es ist allein schon als ein besonders günstiger Zufall
anzusehen, wenn sie in den beiden einzigen Gegenden der langen Küste
zwischen dem rothen Meere und der Strasse von Gibraltar, wo überhaupt
Weizenbau möglich ist, gerade zu den Zeiten anlangten, in welchen die
Aussaat sich am besten vornehmen liess. Ohne Glück sind derartige
Unternehmungen überhaupt nicht ausführbar. Man erinnere sich nur der
epochemachenden Fahrt, deren zehnjährige Vollendung wir nun bald feiern;
was die Phönizier zuerst für den Süden der alten Welt geleistet, das
that Ende der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts Nordenskiöld für den
Norden derselben. Und so wenig jemand an dem entschlossenen Muthe und
der grossen nautischen Geschicklichkeit dieses hervorragenden Entdeckers
zweifeln wird, so gewiss wird doch jeder, der die einschlägigen
Verhältnisse kennt, zugestehen, dass ohne Glück selbst er den arktischen
Breiten nicht entronnen wäre und die „Vega“ vielleicht heute noch
festgeklemmt zwischen Eisschollen und Schneefeldern sässe. Aber selbst
die Annahme, dass durch das Zusammentreffen mannigfacher Glücksumstände
den Phöniziern die Lösung ihrer Aufgabe erleichtert sei, vermag nicht,
ihren Ruhm zu schmälern. Sie haben ausgeführt, was erst über zweitausend
Jahre nach ihnen der Menschheit aufs neue zu vollbringen gelang, eine
Reise, die Rosellini[394] sehr richtig charakterisirt: „tremendo
passaggio non solo all’ antica arte marinaresca, ma a quella eziandio di
circa tre secoli fa“; die Fahrt, welche die Schiffer des Königs Necho
600 Jahre vor Christi Geburt auf ihren Pentekontoren glücklich vollendet
haben, ist erst am Ende des 15. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung den
portugiesischen Galeeren und den Matrosen aus der Schule Heinrichs des
Seefahrers aufs neue geglückt. Die Geschichte der Geographie, speziell
der Entdeckungen, ist nicht arm an bedeutenden Ereignissen; es hat nie
an Beweggründen edelster oder minder edler Art gefehlt, welche kühne
Männer hinaustrieben zur Erforschung unbekannter Theile der Oberfläche
unseres Planeten, aber schwerlich ist jemals eine That zu verzeichnen
gewesen oder wird zu verzeichnen sein, welche grösser wäre als diese
phönizische Fahrt. Mit Recht winden wir grünen Lorbeer um die Stirne der
Helden, die auf dem Felde der Ehre mannhaften Muthes dem Feinde
entgegentreten als Beschützer der heimathlichen Penaten, und wenn die
Geschichte denen einen Platz in ihren Annalen gönnt, die für ihren
Glauben oder ihre wissenschaftliche Ueberzeugung willig ihr Leben dahin
geben, so wird ihnen zu Theil, was sie verdienen; aber der Muth dieser
Männer, die, ohne irgend welche nennenswerthe nautische Hülfsmittel zu
besitzen, zuerst die unbekannten Wasserwüsten des südlichen indischen
und atlantischen Ozeans durchfuhren und so eins der schwierigsten
Probleme der Erdkunde lösten, verdient – wenn auch Gewinnsucht unter den
Beweggründen eine hervorragende Rolle gespielt haben mag – nicht
geringere Bewunderung. Das sind Heldengestalten, wie sie dem Horaz
vorschwebten, als er sein: „Illi robur et aes triplex etc.“ sang, und es
ist tief zu beklagen, dass der Name des hervorragenden Seemannes,
welcher diese Expedition leitete, der Nachwelt nicht erhalten ist; er
stände billig dem Vaskos und Nordenskiölds zur Seite.
Ich hoffe, es ist mir im Vorstehenden gelungen, etwaige Zweifel an der
Wahrheit des von Herodot über die phönizische Expedition Mitgetheilten
zu besiegen. Ich vermag Lewis nicht beizustimmen, welcher äussert[395]:
„we may conclude that the circumnavigation of Africa in the time of Neco
is too imperfectly attested and too improbable in itself, to be regarded
as a historical fact“; im Gegentheil, mögen die Ansichten im einzelnen
auch noch so weit auseinandergehen, an der Thatsache selbst zu zweifeln,
dürfte kein Grund vorliegen, und der Vorwurf der Leichtgläubigkeit oder
Kritiklosigkeit, der den Gläubigen durch Lewis Worte gemacht wird, und
in den der ganze Chorus seiner Gesinnungsgenossen im volltönenden
Unisono einstimmt, wird nach sorgfältiger Erwägung der massgebenden
Verhältnisse endgültig verstummen müssen. Wer aber überzeugt ist, dass
wir es hier nicht mit einer Fabel, sondern mit einem historischen Faktum
zu thun haben, der wird den kühnen Männern, die den grossen Gedanken des
Königs Necho zur That werden liessen, das zuerkennen, was ihnen gebührt:
einen unverwelklichen Ruhmeskranz.
Anmerkungen.
[1] „Nothing is more easy than to affirm the accomplishment of these
great attempts (die Umsegelungen Afrikas im Alterthum), where an
author logs himself with neither circumstances or particulars“.
[2] History of Ancient Geography. I, p. 296.
[3] cf. Berger: Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde der
Griechen. Erste Abtheilung: Die Geographie der Jonier, p. 40.
[4] Λιβύη μὲν γὰρ δηλοῖ ἑωυτὴν ἐοῦσα περίρρυτος, πλὴν ὅσον αὐτῆς
πρὸς τὴν Ἀσίην οὐρίζει, Νεκῶ τοῦ Αἰγυπτίων βασιλέος πρώτου τῶν ἡμεῖς
ἴδμεν καταδέξαντος, ὃς ἐπείτε τὴν διώρυχα ἐπαύσατο ὀρύσσων τὴν ἐκ
τοῦ Νείλου διέχουσαν ἐς τὸν Ἀράβιον κόλπον, ἀπέπεμφε Φοίνικας ἄνδρας
πλοίοισι, ἐντειλάμενος ἐς τὸ ὀπίσω δί Ἡρακλέων στηλέων διεκπλέειν,
ἕως ἐς τὴν βορηίην θάλασσαν καὶ οὕτω ἐς Αἴγυπτον ἀπικνέεσθαι.
ὁρμηθέντες ὧν οἱ Φοίνικες ἐκ τῆς Ἐρυθρῆς θαλάσσης ἔπλεον τὴν νοτίην
θάλασσαν· ὅκως δὲ γίνοιτο φθινόπωρον, προσίσχοντες ἄν σπείρεσκον τὴν
γῆν, ἵνα ἑκάστοτε τῆσ Λιβυής πλέοντες γινοίατο, καὶ μένεσκον τὸν
ἄμητον· θερίσαντες δ ἂν τὸν σῖτον ἔπλεον, ὥστε δύο ἐτέων
διεξελθόντων τρίτῳ ἔτεϊ κάμψαντες Ἡρακλέας στήλας ἀπίκοντο ἐσ
Αἴγυπτον καὶ ἔλεγον ἐμοὶ μὲν οὐ πιστά, ἄλλῳ δὲ δή τεῳ, ὁς
περιπλώοντες τὴν Λιβύην τὸν ἥλιον ἔσχον ἐς τὰ δεξιά.
[5] Siehe darüber Wheeler: The Geography of Herodotus, p. 336, wo
die ablehnenden Ansichten des Plato, Ephorus, Polybius, Strabo und
Ptolemäus aufgeführt sind. Zu vergl. Bunbury: History of Ancient
Geography, I, p. 290.
[6] cf. Berger, a. a. O., pp. 37 n. 41.
[7] cf. Gosselin: Ueber die Kenntniss der Alten von der West- und
Ostküste Afrikas und über die Umschiffung dieses Erdtheils (bei
Bredow: Untersuchungen über einzelne Gegenstände der alten
Geschichte, Geographie und Chronologie, II, p. 338).
[8] Strabo II, 3.
[9] ibid. I, 1.
[10] ibid. I, 2.
[11] ibid.
[12] Bunbury: Hist. etc.