verliefen, steht übrigens nicht so vereinzelt da, wie man bei
oberflächlicher Betrachtung glauben sollte, und keinenfalls wird es
gestattet sein, daraus, dass die phönizische Fahrt ohne weitere
Nachwirkung geblieben ist, den Schluss zu ziehen, sie habe überhaupt
nicht stattgefunden. Wir brauchen uns nur im Herodot umzusehen, so
finden wir für diese Behauptung gleich einen Beweis: die Wanderung der
Nasamonen, so kühn sie war, blieb ohne Folgen; wir lesen wenigstens
nirgends, dass durch sie Handelsbeziehungen mit den Stämmen jenseits der
Wüste angeknüpft wären. Und wenn wir an die drei grossen
Entdeckungsfahrten denken, welche die alte Welt von ihrem Zentrum, dem
Mittelmeer, aus zur Erforschung der begrenzenden Erdtheile ausgesandt
hat – die des Pytheas von Massilia nach dem Norden, Alexanders des
Grossen in östlicher Richtung und der Phönizier dem Süden zu – so finden
wir, dass es nur dem einen Alexander geglückt ist, die von ihm
eröffneten Gebiete als Vertreter vorgeschrittener Staatskunst und
höherer Bildung durch äussere oder geistige Bande dauernd mit jenem
Mittelpunkte der Kultur zu verbinden. Den Ländern, welche Pytheas
besuchte, vermochte der verwegene Forscher ein gleiches Glück nicht zu
schaffen; geschichtlich sind seine Reisen so folgenlos geblieben wie die
Fahrt der Phönizier. Wer aber vorzieht, eine ausschliesslich maritime
Expedition zum Vergleiche zu wählen, den erinnere ich an die erste
Erkundung Amerikas, die bekanntlich von normannischen Schiffern ausging;
auch sie ist der Umsegelung Afrikas in so fern ähnlich, als sie für den
Gang der Geschichte so gleichgültig geblieben ist, dass Christoph
Kolumbus mit Recht von aller Welt als der wahre Entdecker gepriesen
wird. Und ist es nicht begreiflich genug, dass die Normannen dem
genuesischen Kapitän ihren Ruhm haben abtreten müssen, da die Küsten
Winlands nicht jene Edelmetalle hervorbrachten, welche den Ländern
Mittelamerikas Jahrhunderte lang als Magnet für die Bevölkerung Europas
gedient und somit die ersten näheren Beziehungen zwischen der alten und
der neuen Welt vermittelt haben? Aber eben so wenig wie die nordischen
Schiffer fanden die Phönizier auf ihrer Fahrt – so weit wir wissen – ein
besonders reiches Land, wie es später Vasko da Gama glückte, der
dieselbe Strasse, aber in entgegengesetzter Richtung, segelte. So preist
man, gleich dem Kolumbus, auch jenen Portugiesen; die Phönizier aber
theilen das Schicksal der Normannen. Es dürfte sich übrigens empfehlen,
wenn wir zu einem richtigen Urtheil über die Folgenlosigkeit der
phönizischen Expedition gelangen wollen, die Parallele zwischen ihr und
der Fahrt des Vasko noch etwas weiter zu ziehen. Leitete die letztere
einen dauernden Verkehr zur See mit Ostindien ein, eine Folge, die als
selbstverständlich erscheint, wenn man bedenkt, dass die von dort
bezogenen Handelsartikel den Europäern längst Bedürfniss geworden, aber
durch das Erscheinen der Türken in Vorderasien der Ueberlandweg
verschlossen war, wenn man ferner erwägt, dass die Eröffnung des neuen
Weges nach jenen reichen Gegenden den Beweggrund für die nautischen
Anstrengungen der Portugiesen während des ganzen 15. Jahrhunderts
gebildet hatte und dies Volk im Vollgefühle seiner eben gegen die Mauren
erkämpften nationalen Selbständigkeit sich nach gewinnbringenden
Beziehungen zur Fremde sehnte, so stand es in dieser Hinsicht mit den
Folgen jener von Necho veranlassten Reise wesentlich anders. Auch die
Phönizier werden freilich nach reichen, zur Kolonisation geeigneten
Landstrichen ausgeschaut haben, ohne dass uns überliefert ist, sie
hätten solche gefunden; wenn es aber auch der Fall war, in dem andern
Punkte sind sie jedenfalls nicht gleich glücklich gewesen: es kamen für
Aegypten und damit doch auch für die Phönizier im Delta bald Zeiten, wo
die traurigen politischen Verhältnisse der Heimath ihnen den Gedanken an
grössere Unternehmungen nach aussen hin fern halten mussten und sie
selbst und ihre Mit- und Nachwelt um die Folgen ihrer kühnen That
betrogen. Auch an die Holländer möchte ich erinnern, die bald nach 1600
den Erdtheil Australien berührten, eine Entdeckung, die so wenig
Einfluss auf die Kulturvölker geübt hat, dass beinahe noch zwei
Jahrhunderte verflossen sind, bis dieser Kontinent – durch James Cook –
in die Geschicke der zivilisirten Welt verflochten wurde. Wer darf sich
da wundern, wenn im Alterthume, wo der Schauplatz der Geschichte sich
sehr allmählich erweiterte, wo noch Jahrhunderte nach Necho das kleine
Becken des Mittelmeeres und die dieses begrenzenden Länder im
wesentlichen die historisch wichtigen Ereignisse zeitigten, von einer
Wiederholung der Umsegelung Afrikas nichts gemeldet wird und im
Mittelalter, das zunächst durch eine Umgestaltung aller politischen
Verhältnisse, sodann durch den Riesenkampf gegen den Muhammedanismus
vollauf in Anspruch genommen wurde, sich erst ganz am Ende Gelegenheit
fand, Südafrika in die Interessensphäre der gebildeten Welt zu ziehen,
so dass es im ganzen zwei Jahrtausende gedauert hat, bis das Nadelkap
aufs neue umsegelt wurde! Es ist dem Alterthume mit dem Wege um Afrika
gegangen, wie den letzten Jahrhunderten mit der Passage der sogenannten
nordwestlichen Durchfahrt. Necho strebte danach, eine Verbindung
zwischen dem rothen und dem mittelländischen Meere durch die Umsegelung
herzustellen, die Neuzeit aber hoffte, den Weg um Nordamerika zu finden
zum Zwecke eines bequemeren Verkehrs zwischen dem atlantischen und dem
grossen Ozean. Beide Versuche ereilte dasselbe Geschick: während
einerseits die Möglichkeit nachgewiesen wurde, stellte sich andrerseits
heraus, dass für Handel und Verkehr nichts zu hoffen sei, für das
Alterthum, weil der Weg um Afrika in anbetracht der damaligen
beschränkten Verhältnisse des Schauplatzes der Weltgeschichte zu weit
war, für die Neuzeit wegen der Ungunst des Klimas in den Gegenden
nördlich vom amerikanischen Kontinent. Man mag also die Sache
betrachten, wie man will, ruhiger Ueberlegung wird die Folgenlosigkeit
der phönizischen Expedition nicht als Grund zum Zweifel an ihr
erscheinen.
Es dürfte sich empfehlen, den Beweis für diese Behauptung dadurch weiter
zu führen, dass wir auf die angedeutete Entwicklung der politischen
Verhältnisse des unteren Nilthales nach jener Reise einen kurzen Blick
werfen. Er wird uns überzeugen, wie sie nothwendigerweise die
Erweiterung des ägyptischen Handelsverkehrs hinter näher Liegendem
zurücktreten lassen mussten, und wie wenig berechtigt z. B. Mannerts
Staunen[223] über diese Gestaltung der Dinge ist. Nach Nechos
Unterliegen bei Karchemisch erforderten die vitalsten Interessen des
ägyptischen Reiches, den Vorgängen im Osten die gespannteste
Aufmerksamkeit zuzuwenden; das letzte Ziel, nach welchem der Ehrgeiz der
asiatischen Eroberer trachtete, war der Besitz von Memphis aus Theben,
so dass zunächst Nebukadnezar als Gebieter Syriens die Existenz
Aegyptens stets gefährdete[224]. Wie dringlich geboten es war, die
Kräfte des Reiches unzersplittert zur Abwehr bereit zu halten, zeigt der
von Nebukadnezar gegen Amasis geführte Kampf[225], in dem Aegypten noch
seine Selbständigkeit zu bewahren vermochte, und bald darauf der
unglücklichere des Psammenit gegen den Kambyses. Unter so gefährdeten
Verhältnissen wird die Lust an Entdeckungsfahrten begreiflicherweise den
Aegyptern vergangen sein; und wenn sie, wie die Geschichte lehrt, nach
ihrem unglücklichen Perserkriege mehr daran dachten, die Sklavenketten
zu zerreissen, als phantastischen Träumereien von der Beherrschung einer
neuen Welt sich hinzugeben, wie sie die Macht und Herrlichkeit eines
Reiches erzeugt hatte, das nun in Trümmern lag, so ist dies doch gewiss
zu verstehen. Naturgemäss wurden in die wechselnden Geschicke Aegyptens
aber auch die Phönizier im Delta hineingezogen und fanden weder Zeit,
noch Gelegenheit, aufs neue das südafrikanische Meer zu befahren. Nicht
besser erging es den Schwesterstädten im Mutterlande, auch sie kamen
nicht in die Lage, den Spuren ihrer Stammesgenossen zu folgen; bald
sanken sie unter der babylonischen Fremdherrschaft von ihrer Höhe herab,
und später unter den Persern wurden ihre Kräfte durch Darius und Xerxes
in anderer Weise vollauf in Anspruch genommen. Es waren aber diese
drohenden Wolken im Osten nicht allein, die Aegypten von den kaum
gefassten Kolonisationsplänen wieder ablenkten und es unmöglich machten,
dass die phönizische Fahrt irgend welche praktischen Folgen nach dieser
Richtung hinterliess; hinzu trat bald eine allgemeine Zerrüttung der
inneren Verhältnisse. Nachdem Nechos Sohn Psammis einen wohl kaum
erfolgreichen Zug gegen Aethiopien unternommen hatte[226], kam bald der
Enkel Apries zur Regierung, erlag aber binnen Kurzem der Revolution des
Amasis[227]. Unter diesem Könige kommt dann zwar eine neue Blüthezeit,
aber seine Interessen sind besonders auf das mittelländische Meer und
dessen Küsten gerichtet[228]; auch hat er augenscheinlich mehr Sinn für
Architektur und Plastik gehabt, als für die Förderung nautischer
Interessen[229]. Dessen Sohn war Psammenit, unter dem Aegypten von
Persien abhängig wurde. So dachte man an eine Wiederholung der Fahrt
nicht; es ging den Aegyptern in dieser Beziehung wie dem auserwählten
Volke mit seinen Ophirfahrten: innere Wirren und äussere Verwicklungen
haben bei beiden die ersten Blüthen überseeischer Handelsbeziehungen im
Keime erstickt, und als am Nil während eines neuen Aufschwungs das
glänzende Herrschergeschlecht der Ptolemäer die Erbschaft Nechos auch in
geistiger Beziehung antrat, da war im Sturme der Zeit die Spur jener
grossen Tage verweht, und neue Pfade mussten gesucht werden für den
alten Plan, dem ägyptischen Handel auch in der Fremde eine Stätte zu
schaffen. Aber – so wird man einwenden – konnten es denn nur Aegypter
oder Phönizier sein, die, nachdem gezeigt worden war, dass die Passage
um Südafrika möglich sei, nun auch diese Kenntniss praktisch
verwertheten? Ist es nicht auffallend, dass sich kein anderes Volk fand,
welches in dieser Beziehung für sie eintrat, und sind wir nicht
vielleicht berechtigt, aus dieser ablehnenden Haltung den Schluss zu
ziehen, dass die Umsegelung doch am Ende keine ganz verbürgte Thatsache
sei? Erinnern wir uns, um diese Frage zu beantworten, an einige
Verhältnisse der Welt des Alterthums! Wenn Aegypten darauf verfiel, mit
Hülfe der Phönizier seinen Handel in das südliche Meer hinein
auszudehnen, so war das, wie oben auseinandergesetzt ist, aus mancherlei
Gründen begreiflich. Anders lag die Sache für die übrigen Staaten; weit
wichtigere Aufgaben mussten von den sonst noch am Becken des
mittelländischen Meeres ansässigen Völkern erst gelöst werden, und noch
auf Jahrhunderte hinaus hatten sie damit zu thun. Noch viele
Menschenalter hindurch war hier ausschliesslich die Bühne für die
Entwickelung des grossen geschichtlichen Dramas, war hier das Herz, das
Zentrum der damaligen Welt. Und wie klein sind die räumlichen
Verhältnisse dieses Schauplatzes, wie riesengross dagegen die
Entfernungen, welche Südafrika von ihm trennen! Wie nahe waren dagegen
England und Indien; sie lagen, so zu sagen, vor den Thoren des
Mittelmeeres im Verhältniss zum Kap und zur Südwestküste Afrikas. So war
es natürlich, dass diese Länder noch viele Jahrhunderte dem Kreise fremd
blieben, welcher den Ursprung seiner Kultur von den Ufern des
Mittelmeeres herleitete, selbst dann noch, als römische Politik und
hellenische Bildung um die Stämme dieser eng begrenzten Welt ein
äusserliches, wie ein geistiges Band geschlungen hatten und so der
wichtigste Theil ihrer Bestimmung erfüllt war. Wie dürfen wir uns da
wundern, wenn die phönizische Fahrt, die in eine Zeit fällt, wo die
Gegensätze unter jenen Völkern noch unausgeglichen mit einander rangen,
die fernen Länder, die sie berührte, dem Herde der Kultur nicht näher
brachte! Und welche Nation hätte in die Fussstapfen der Phönizier treten
sollen? Die Perser? Sie richteten ihre Blicke mehr nach Westen als nach
Süden, und nach den Niederlagen, welche die Hellenen ihnen beibrachten,
waren sie eines neuen Aufschwungs nicht mehr fähig. Oder die Griechen?
Die heillosen Bruderkriege dieses Volkes liessen eine Erstarkung
desselben nicht zu; nur Alexander, dem sie ja alle gehorchten, hat sich
vielleicht mit dem Plane der Erneuerung jener Fahrt getragen, da warfen
ihn die Götter, neidisch, dass dieses Sterblichen Haupt noch ein neuer
Ruhmeskranz schmücken sollte, aufs Todtenbett. Nun wurden die Römer
Herren des Mittelmeeres. Selbstverständlich konnte man von einem Volke,
dessen Kern in seiner Glanzperiode aus Ackerbürgern bestand, nicht die
nautischen Heldenthaten der Phönizier erwarten; für solch’ unsichere
Unternehmungen waren sie zu praktisch veranlagt und freuten sich
naturgemäss mehr der Furche, die ihr Pflug in der Erde, als derjenigen,
welche der Kiel eines Schiffes in der Meerfluth zog. So stand es im
Alterthume; als dieses aber zur Ruhe gegangen war und am rothen Meere
nun ein neues mächtiges Reich entstand, das der Chalifen, da wurde auch
die alte Tradition dieser Länder wieder lebendig, und Araber segelten
weit nach Süden an der Küste Afrikas entlang. Freilich, ehe sie das
Nadelkap erreichten, sank die Macht des Islam dahin, aber aus der
Zertrümmerung des Maurenreiches der Pyrenäenhalbinsel erwuchs, wie wir
gesehen, den Portugiesen der Muth, nun die gefährliche Fahrt um Afrika
von Westen her zu unternehmen und glücklich zu vollenden.
Die Folgenlosigkeit jener ersten Umsegelung Afrikas hatte aber wohl noch
andere Gründe. Ein schriftliches Resumé, wie etwa das über den Periplus
des Hanno, welches in den kommenden Geschlechtern die Erinnerung an die
Einzelheiten der Fahrt hätte lebendig erhalten können, ist wohl
keineswegs abgefasst ohne ausdrücklichen königlichen Befehl; die
Phönizier hatten ohne ihn keine Veranlassung dazu. Dass aber ein solcher
Befehl gegeben sein sollte, ist, wie ich bald zeigen werde, nicht gerade
wahrscheinlich. Wenn aber schriftliche Ueberlieferung vollständig
fehlte, wie hätte die Quelle der mündlichen Tradition, die doch auch nur
tropfenweis sickerte, die nachfolgende Zeit mit Gedanken oder Thaten
befruchten können, die als Folgen jener Reise bezeichnet werden dürften?
So mochten bis zu Herodots Zeit Generationen von Priestern dahingegangen
sein, ohne dass man der Expedition eingehender gedachte; die, welche den
Tempeln vorstanden, als unser Schriftsteller in Aegypten war, wussten
selbst nicht viel von ihr, und mit Unrecht wundert sich Vivien de St.
Martin[230], dass er diese wichtige Sache in ein paar Reihen abthut: er
konnte eben nicht mehr erzählen, als er selbst erfahren hatte, und mit
seinen Bitten um weitere Mittheilung, an denen er es gewiss nicht fehlen
liess, wird er durch ein „non possumus“ der heiligen Männer abgewiesen
worden sein. Sie waren gewiss überzeugt, dass die Fahrt stattgefunden
hatte, aber die Einzelheiten derselben waren verschollen[231].
Daneben mag noch eine andere Erwägung Platz finden. Ich habe soeben
behauptet, es sei nicht gerade wahrscheinlich, dass König Necho ein
schriftliches Resumé über die Reise verlangt habe. Dieser Ansicht
huldigt auch Wheeler, freilich aus einem ganz anderen Grunde wie
ich[232]; er meint, der Pharao habe, als die Phönizier heimkehrten, noch
in Syrien im Felde gestanden, eine Annahme, die, ganz abgesehen davon,
dass er dann doch später nach seiner Heimkehr den Bericht hätte
einfordern können, nach dem, was wir oben über den muthmasslichen
Zeitpunkt der phönizischen Reise festgestellt haben, entschieden
zurückgewiesen werden muss. Mir scheint ein weit triftigerer Grund für
das Fehlen eines solchen Rapportes über die Erlebnisse jener Phönizier
vorzuliegen: meiner Ansicht nach war bei der Rückkehr derselben ihr
Auftraggeber bereits todt. Den Beweis für diese Behauptung hoffe ich
führen zu können. Wie oben gezeigt, wurde die Expedition wahrscheinlich
erst ganz gegen das Ende der Regierung Nechos ausgesendet. Da nun dieser
König, wie uns Maspéro belehrt[233], bereits betagt war, als er die
Herrschaft antrat, ist es begreiflich, dass ihn, einen Greis, nachdem er
sechzehn Jahre die Krone getragen, der Tod ereilte; als die Phönizier
nach beinahe dreijähriger Abwesenheit heimkehrten, herrschte schon
Psammis. So war es Necho in Bezug auf die Umsegelung Afrikas gegangen,
wie Prinz Heinrich dem Seefahrer; sie starben beide, ehe ihnen die frohe
Kunde wurde, dass ihren Anstrengungen der Erfolg nicht versagt geblieben
sei. Psammis aber sass nur sechs Jahre auf dem Throne und führte in
dieser Zeit einen Krieg gegen Aethiopien[234]; er wird unter solchen
Umständen schwerlich so viel Zeit und Interesse für die phönizische
Expedition gehabt haben, dass er sich über die Erfolge derselben hätte
mündlichen Vortrag halten oder schriftlichen Bericht abstatten lassen,
und da die Phönizier, durch triftige, gleich zu erörternde Gründe
bewogen, unaufgefordert schwerlich redeten, verscholl die Kunde von der
Umsegelung bald. So ist eine neue Erklärung dafür gefunden, dass nichts
auf die Nachwelt kam von all dem Interessanten, das jene kühnen Schiffer
gesehen und erlebt hatten, von all den Wundern, welche eine neue Welt
ihnen erschloss.
Noch anders versucht Quatremère[235], der selbst meint, dass diese Reise
„quelque chose d’extraordinaire et même de romanesque“ gehabt habe, die
Dürftigkeit des Berichtes zu erklären, indem er darauf hinweist, dass
derartige See-Expeditionen der Alten sich wesentlich von denen der
Neuzeit unterschieden; diese seien wissenschaftlich, jene seien es nicht
gewesen, diesen seien Naturforscher, Physiker und andere Gelehrte zu
allerhand interessanten Beobachtungen beigegeben, jene phönizische habe
vielleicht einen Führer gehabt, ausgestattet mit allerhand für die
damalige Zeit hervorragenden Kenntnissen in der Nautik, aber ohne die
wissenschaftliche Bildung, die ihn in Stand gesetzt hätte, über
Gegenstände, welche diesem Gebiete fremd gewesen seien, Beobachtungen
anzustellen. Dagegen lässt sich aber mit Recht einwenden, dass zum
Verständniss von unendlich vielem, was die Phönizier sahen, sicherlich
ein scharfer Blick und eine gute Auffassungsgabe genügten,
Eigenschaften, deren erstere man den Seeleuten im allgemeinen, deren
letztere man dem mit der Führung einer solchen Expedition betrauten
Kapitän schwerlich wird absprechen wollen; es brauchte das alles ja gar
nicht wissenschaftlich registrirt zu werden. Unbedingt befanden sich die
Phönizier in der Lage, allerhand interessante Mittheilungen zu machen,
sie waren nur nicht geneigt dazu. _Ihre_ Verschwiegenheit, nicht die der
Priester, ist in erster Linie schuld, wenn die späteren Geschlechter
sehr wenige Resultate der Expedition kannten[236]. So waren, um nur dies
eine zu erwähnen, die Schiffer trotz des Fehlens aller bezüglichen
Instrumente möglicherweise in der Lage zu verrathen, dass sich Afrika
weit südlicher erstrecke, als man bis dahin angenommen hatte, aber dies
Wissen blieb ihr Geheimniss, wie ihr ganzer Kurs. Es hat nicht an
Beurtheilern gefehlt, welche aus ihrem Schweigen den Schluss haben
ziehen wollen, sie hätten nichts erzählen können, weil die Reise
überhaupt nicht von ihnen gemacht worden sei, aber mit Recht hat
Quatremère dem gegenüber betont, dass ein Fälscher, der eine derartige
Geschichte hätte erdichten wollen, zweifellos seinen Roman mit tausend
wunderbaren Anekdoten und Einzelheiten ausgeschmückt haben würde,
geeignet, die Neugier der Leser zu befriedigen, und dass die Einfachheit
der Erzählung der beste Beweis für ihre Wahrheit sei. Die Phönizier
waren wenig geneigt zu Mittheilungen, weil sie kluge Männer waren und
wussten, dass Schweigen unter Umständen Gold ist: wollten sie ihre
Handels- und Kolonialinteressen ungestört verfolgen, so durften sie ihre
darauf bezüglichen Geheimnisse nicht preisgeben. Zwar auch diese so nahe
liegende Vermuthung haben die Zweifler nicht gelten lassen wollen, und
Berger spottet über „die allbereite Lehre von den Lügen und der
Verheimlichungspolitik“[237] der Phönizier; es wird uns dies jedoch
nicht hindern, darauf bezüglichen Erwägungen auf den Gang unserer
Untersuchung Einfluss zuzugestehen, sofern sie an der Hand sicher
überlieferter Thatsachen oder fest verbürgter Eigenthümlichkeiten des
phönizischen Charakters angestellt werden. Das Faktum aber, dass die
Phönizier sich Mühe gaben, die von ihnen eröffneten Handelswege nicht
bekannt werden zu lassen, ist nicht nur genügend beglaubigt, sondern
entspricht auch völlig allem, was wir sonst über die Art dieses Stammes
wissen. Es ist nun zwar nicht anzunehmen, dass die Reisenden viele
Schätze als Lohn ihrer Mühen mitbrachten, sonst hätten sie gewiss, um
andere abzuschrecken von unendlichen Mühen und Gefahren erzählt, und wir
besässen ausführlichere Nachrichten über die Fahrt, wenn auch fabelhafte
– haben doch schon im Alterthume, wie wir aus einer Stelle Herodots[238]
vermuthen können, weit gereiste Seeleute wohl öfter die daheim
Gebliebenen mit allerhand Märchen unterhalten –, auch mochte, was sie im
flüchtigen Vorbeifahren von den Gestaden kennen gelernt hatten, kaum zur
Wiederholung der Reise einladen; dass sie aber an den Orten ihres
längeren Aufenthaltes einen günstigeren Eindruck von dem fremden Lande
gewannen, ist wohl anzunehmen, und wir werden schwerlich irren, wenn wir
vermuthen, dass sie an spätere gründliche Untersuchung des Ganzen und
dann vielleicht, wie nach ihnen der Karthager Hanno[239], an die Anlage
von Kolonieen an geeigneten Stellen gedacht haben. Wollten sie lästige
Konkurrenz vermeiden, war Schweigen über ihren Weg und ihre Erlebnisse
natürlich die erste Bedingung, und um so mehr, wenn sie, wie Necho
gehofft haben wird, das Vorhandensein von Gold an der Westküste Afrikas,
vielleicht in Senegambien, wirklich feststellten[240]. „Was einzelne in
glücklichen Fahrten entdeckt hatten, wurde von Handelsvereinen
ausgebeutet“ sagt Curtius[241]; so lag ihnen der Gedanke an die Gründung
einer Gesellschaft zur Bearbeitung der westafrikanischen Minen
vielleicht nicht so fern, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.
Wollten sie aber andere ins Vertrauen ziehen, so standen ihnen ihre
Volksgenossen in der Heimath näher als die Aegypter; die Geschichte
kennt ja Beispiele genug für den freundschaftlichen Verkehr zwischen dem
phönizischen Mutterlande und den Kolonieen[242]. Im Grunde werden bei
dem im Alterthume so scharf ausgeprägten Nationalitätsgefühle der
Völker, das alle heterogenen Elemente über die Achsel ansah, die
Phönizier im Delta so wenig ägyptisch gedacht und gefühlt haben wie etwa
die Griechen in Naukratis, und wie diese in dem mächtigen Pharao
schliesslich doch nur einen weit unter ihnen stehenden Barbaren
erblickten, haben auch die Phönizier ohne Zwang ägyptische Männer
schwerlich zu ihren Vertrauten gemacht. Mochte aber auch die Sorge vor
der Konkurrenz dieses Volkes die Phönizier bei der Abneigung desselben
gegen die Seefahrt weniger drücken, wohnten nicht auch Griechen im
Delta, Leute des Stammes, mit dessen Rivalität sie schon die bösesten
Erfahrungen gemacht hatten? Wenn sie daher, wie uns Strabo lehrt[243],
ihre Handelswege überhaupt auf das sorgfältigste geheim hielten, so ist
gewiss zu verstehen, dass sie in diesem Falle doppelt vorsichtig
verfuhren. In hohem Grade unbegreiflich erscheint mir daher
Mannerts[244] Erstaunen einerseits darüber, dass nicht eine richtigere
Erkenntniss wenigstens von der wahren Lage der Küsten aus dieser Fahrt
resultirte und von Herodot ab lange Zeit die Geographen geglaubt haben,
Afrika reiche nicht einmal bis zum Aequator, sowie andrerseits über den
Umstand, dass die Umschiffung nach 150 Jahren nicht viel mehr als eine
Volkssage war[245]. Nichts ist doch verständlicher als diese
handelspolitische Eifersucht der Phönizier, welche sie das, was mit so
grossen Gefahren errungen war, auch allein besitzen lassen wollte. Steht
doch derartiges in der Entdeckungsgeschichte keineswegs vereinzelt da.
Noch in der Neuzeit haben seefahrende Völker die von ihnen erkundeten
Meerespfade und Länder ängstlich vor der Kenntniss etwaiger Konkurrenten
gehütet, wie die Spanier ihre ums Jahr 1600 von Torres und anderen in
der Südsee gemachten Entdeckungen. Doch genug davon; dem objektiven
Beurtheiler werden die angeführten Gründe für die Folgenlosigkeit der
phönizischen Fahrt genügen, wen aber das erwähnte Zusammentreffen von
mancherlei Umständen noch nicht darüber belehrt haben sollte, wie es
kam, dass sich absolut niemand gefunden hat, der unmittelbar nach
Vollendung der Fahrt etwas mehr Einzelheiten über dieselbe zu sammeln
und zu überliefern versuchte, dass von keiner Seite ein Bestreben
hervortritt, diese bewundernswerthe nautische That zu fruktifiziren und
so die auf den verschiedensten Gebieten zu erwartenden Folgen gänzlich
ausblieben, der mag eine endgültige Erklärung dafür in der bekannten
Thatsache sehen, dass es Leistungen giebt, die zu gross sind, um von der
Nachwelt gebührend gewürdigt zu werden. Die Phönizier Nechos sind ihrer
Zeit, welche nicht im Stande war, die Wichtigkeit der Entdeckung zu
verstehen, eben um ein Bedeutendes vorausgeeilt.
Zusammenstellung des Bisherigen und Uebergang zur Betrachtung der
eigentlichen Fahrt.
Nachdem wir so die Charaktere der Träger dieser Nachricht von der
Umsegelung, sowie diejenigen der an derselben hauptsächlich betheiligten
Persönlichkeiten und Völker einer sorgfältigen Prüfung unterzogen, auch
ihre Veranlassungen beleuchtet, den vermuthlichen Zeitpunkt und
Abgangsort festgestellt, das Fehlen aller Folgen erklärt, auch diesen
und jenen andern minder wichtigen Punkt flüchtig berührt und so den
Hintergrund, auf dem sich das ganze Ereigniss abspielt, gezeichnet
haben, bleibt uns zunächst die Aufgabe, einige auf das nautische Gebiet
bezügliche Fragen zu erörtern, deren richtige Beantwortung uns über die
Möglichkeit, die Fahrt glücklich zu vollenden, neue Aufschlüsse geben
wird.