gerade der Förderung der Seefahrt zu gute kommen liess, wenn es ihn
antrieb, fremde Meere und Länder in den Bereich ägyptischer Thätigkeit
hineinzuziehen, so werden sich speziellere Beweggründe dafür unschwer
finden lassen. Seit Psammetich waren in Aegypten Karer und – was für uns
vielleicht wichtiger ist – Jonier ansässig[203]; in Jonien aber blühte
Milet vor allen anderen Städten, und die Grundlage dieser Blüthe
bildeten ihre Beziehungen zum Auslande. Von diesem glänzenden Emporium
Kleinasiens zog der strebsame Kaufmann zu Tausch und Handel in die
Fremde hinaus, und hierher trug ihm die dienstbare Meereswelle von allen
Gegenden der Windrose Schätze der fernsten Erdstriche als Lohn der
überstandenen Mühen und Gefahren herbei. Lassen wir es dahin gestellt,
ob gerade Naukratis eine milesische Kolonie war oder nicht; als sicher
dürfen wir betrachten, dass die Verbindung, wie sie zwischen der
bedeutendsten Handelsstadt der kleinasiatischen Westküste und Aegypten
durch die jonischen Söldner eingeleitet war, die Milesier bewogen haben
wird, auch die Gegenden an den Mündungen des Nils in den Kreis ihres
Handelsverkehrs hineinzuziehen. So wird Necho, über die Segnungen
kolonialer Thätigkeit durch die Berührung mit einem der Hauptzentren
damaliger griechischer Besiedlungskunst belehrt, sicher dazu angeregt
sein, seine auf das gleiche Gebiet gerichteten Bestrebungen um so
eifriger zu verfolgen. Dass er gerade auf eine Umsegelung Afrikas
verfiel, dazu hat die irrige Anschauung seines Zeitalters über die
Gestalt jenes Erdtheils wahrscheinlich das ihrige beigetragen. Ob Necho
sicher wusste, dass dieser im Süden zu umsegeln war, muss trotz A. v.
Humboldts Einwendungen[204] als zweifelhaft gelten; in hohem Grade
wahrscheinlich ist aber, dass man ums Jahr 600 nicht nur das annahm,
sondern – wie oben erwähnt – seine Süderstreckung für weit geringer
hielt, als sie in der That ist. Naturgemäss ergab aber diese irrige
Anschauung für Necho eine Anregung mehr, die Fahrt zu befehlen, und für
die Phönizier einen neuen Antrieb, dem Befehle nachzukommen. Sie werden,
von Kap Guardafui durch das rothe, das mittelländische Meer und den
atlantischen Ozean bis zu den Handelsplätzen der Karthager in
Senegambien rechnend, wahrscheinlich angenommen haben, den Umfang des
Erdtheils über die Hälfte hinaus, vielleicht bis zu zwei Dritteln zu
kennen, und es ist klar, dass diese Annahme einerseits sie reizen
musste, auch den Rest zu erforschen, andrerseits ihren Muth für die
gefährliche Reise stählte. Es fordern, wie in manchem andern Punkte, so
auch in dieser Beziehung die Fahrten der Portugiesen an der Westküste
Afrikas im 15. Jahrhundert zu einem Vergleich heraus. Tappend von einer
Station zur andern, suchten sie vorsichtig und bedächtig ihren Weg und
haben über siebzig Jahre gebraucht, um bis an das Kap der guten Hoffnung
zu gelangen, dann aber legten sie den Rest des Seeweges nach Indien,
ihres Sieges gewiss, in kurzer Zeit zurück. Aehnlich haben wir uns auch
das Vorgehen der Phönizier zu denken. Jahrhunderte lang wird es gedauert
haben – und bei dem damaligen unentwickelteren Standpunkte der Seefahrt
ist das begreiflich – bis dieselben einerseits mit ihren Vettern vom
Bagradas über das Mittelmeer bis nach Senegambien, andrerseits allein
auf dem rothen Meere bis Bab-el-Mandeb vorgedrungen sind. Nachdem sie an
letzterem Orte lange Zeit Handel getrieben hatten, mag in Folge äusserer
Veranlassung, vielleicht halb durch Nechos Befehl geweckt, halb aus
anderen gleich zu erwähnenden Gründen, die Lust in ihnen erwacht sein,
den Rest Libyens zu umsegeln, und in der Voraussetzung, der Erdtheil
schlösse viel weiter im Norden ab, als er es wirklich thut, werden sie,
belebt von der sicheren Hoffnung des Gelingens, wie nach ihnen Vasko da
Gama, den vermeintlich kurzen Weg angetreten und, trotzdem er sich wider
Erwarten lang erwies, glücklich vollendet haben. Den angedeuteten
anderen Gründen dürfte es nun passend erscheinen, ein paar Worte zu
widmen. Zunächst war es gefährlich, dem Befehl eines Despoten – und ein
solcher war doch zweifellos auch Necho – nicht Folge zu leisten; das
Schicksal des Sataspes zeigt dies zur Genüge. Dazu kommt, dass, wenn
nicht alles täuscht, des Königs Aufforderung die Phönizier getroffen
haben wird, als sie sich selbst mit dem Gedanken, über Kap Guardafui
hinaus die Fahrt zu versuchen, bereits vertraut gemacht hatten; es wird
also zu einem längst von ihrer Seite geplanten Unternehmen der Pharao
den äusseren Anstoss gegeben haben. Dass aber gerade damals den
Phöniziern der Gedanke nahe gelegt wurde, eine Probefahrt in bisher
unbekannte Gegenden zu unternehmen, um eventuell ihr Handelsgebiet über
diese auszudehnen, lag in den politischen Verhältnissen begründet. In
den ältesten Zeiten gehörte ihnen das mittelländische Meer unumschränkt,
und ohne Konkurrenz befuhren sie es von einem Ende zum andern. Das hatte
sich aber in den letzten Jahrhunderten, die vor Necho liegen, sehr zu
ihrem Nachtheile geändert. Mehr und mehr fing die griechische Seemacht
an, den Kampf um das Prestige siegreich aufzunehmen, weiter und weiter
spann sich das Netz, mit dem hellenischer Unternehmungsgeist und
hellenische Thatkraft die Ufer des Mittelmeeres kolonisirend überzogen,
und ums Jahr 600 v. Chr. war der östliche Theil dieser früher
ausschliesslich phönizischen Domäne bereits verloren, der westliche
schwer bedroht. Schon um die Mitte des siebten Jahrhunderts war Koläos
von Samos durch die Säulen des Herakles nach Tartessos verschlagen
worden[205], und der Schätze, die er mitbrachte, waren so viele, dass
der zehnte Theil hinreichte, ein grosses Weihgefäss von Erz im Tempel
der Hera zu Samos aufzustellen. Er war der erste Hellene, der den
atlantischen Ozean beschifft, der den wichtigsten Marktplatz der
Phönizier besucht hatte. Dass nach solchen Erfolgen die Griechen den
Westen des Mittelmeeres mehr frequentiren würden, dies vorauszusehen,
bedurfte es keiner prophetischen Beanlagung, und in der That wurde schon
im Jahre 628 im Westen Siziliens Selinus gegründet[206]. Das
Naturgemässe würde nun gewesen sein, die Phönizier hätten ihre Schiffe
bemannt und mit des Schwertes Schärfe ihre vermeintlichen Ansprüche den
Eindringlingen gegenüber zur Geltung gebracht; doch nichts derartiges
geschah. Semiten sind geschmeidig; der Druck, der ihnen die Waffen in
die Hand zwingen soll, muss schon ziemlich stark sein, und alles, was
phönizisch hiess oder nur entfernt von Phöniziern seinen Ursprung
ableitete, war Krämervolk und huldigte der Politik der Duldung. Wir
sehen es an der Geschichte der Karthager. Waren sie schneidige Leute, so
mussten sie, als das erste griechische Schiff durch die Strasse zwischen
Sizilien und Afrika fuhr, diesen Vorfall als einen casus belli
betrachten und eine Monroe-Doktrin des Alterthums aufstellen, indem sie
mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln die Einmischung der
hellenischen Osthälfte der damaligen Mittelmeerwelt in ihre westlichen
Gebiete zurückweisen. Sie thaten es nicht. Erst als sich ums Jahr 537
die Phokäer in Alalia auf Korsika niedergelassen hatten und der Handel
dieser griechischen Kolonie den Puniern aufs ernstliche gefährlich zu
werden schien, verbündeten sie sich mit den Etruskern zu einem
Waffengang gegen die Fremdlinge und zwangen sie durch eine Seeschlacht,
ihre Ansiedlung aufzugeben[207]; dann aber trat wieder Ruhe ein, und
erst 60 Jahre später entbrannte auf der ganzen Linie der Kampf zwischen
der phönizischen und der hellenischen Welt, als Xerxes an der Spitze
seiner Flotte gegen das griechische Mutterland zog und gleichzeitig die
Karthager die von dort ausgegangenen sizilischen Kolonieen bedrängten.
So weit war man zu Nechos Zeit aber noch lange nicht, und keineswegs
dachten damals die Phönizier an gewaltsame Abwehr; sie versuchten
vielmehr sich Ersatz zu schaffen für die verloren gegangenen
Handelsgebiete, und bei einem Volke, dessen Schiffer gewohnt waren, die
weiten Wege nach Indien und Britannien ohne Furcht zurückzulegen, ist
ein solcher Entschluss in der That weniger wunderbar, als er auf den
ersten Blick erscheinen mag. So mochten sie leicht auf den Gedanken
einer Umsegelung Afrikas verfallen, und wir werden schwerlich irren,
wenn wir behaupten, dass Necho, in seinen Plänen vielleicht von den
Phöniziern beeinflusst, ausgesprochen hat, was diese längst wünschten,
ja, dass die Fahrt binnen Kurzem zu Stande gekommen wäre, auch wenn er
sie nicht befohlen hätte. Die ganze Lage drängte dazu, und es war nur
natürlich, dass die Phönizier sich anderen Meeren zuwandten, da sie das
mittelländische nicht behaupten konnten oder wollten. Bis zu Nechos Zeit
wird ihr Seeverkehr über Bab-el-Mandeb hinaus nicht sehr lebhaft gewesen
sein. Was ihnen an der Pforte des Mittelmeeres zum atlantischen Ozean
fehlte, ein Stapelplatz für die aus weiter abliegenden Ländern
einzuführenden Waren – denn darüber, dass Gades etwa für die Produkte
der Kassiteriden und anderer westlicher Gebiete dies gewesen sei, ist
nichts überliefert – das hatten sie an dem Thor, welches den Verkehr mit
dem indischen Meere vermittelte, in dem Lande Punt. Hierher wurden die
Erzeugnisse Indiens, auch nachdem die Phönizier den Seeweg dorthin
gefunden hatten, jedenfalls öfters von den Händlern des produzirenden
Landes gebracht, als jene sie holten; auch die Waren, welche die in der
Nähe von Bab-el-Mandeb gelegenen afrikanischen Küstenorte
ausführten[208], strömten hier zusammen, und dass es mit den
Handelsartikeln der weiter südlich liegenden produktenreichen Länder
wahrscheinlich ebenso der Fall war, haben wir schon oben gesehen. Daher
gingen selten Schiffe aus dem rothen Meere in den indischen Ozean
hinaus, wie Strabo, der doch weit später lebte (um Chr. Geb.), dies noch
von seiner Zeit berichtet[209]; geschah es dennoch, erregte es Aufsehn,
und wenn die Nachricht von der phönizischen Umsegelung Afrikas der
Nachwelt erhalten ist, so mag dies als einer der Gründe dafür angesehen
werden. War also bis zu Nechos Zeit der östliche Seehandel der Phönizier
im Wesentlichen auf Punt beschränkt und griff höchstens ab und an nach
Indien hinüber, so lenkte dieses Königs Gewinnsucht ihn in neue Bahnen.
Ob es ein Versuch ins Blaue hinein war, oder ob ihm die Erreichung
bestimmter Gegenden als Ziel vorschwebte, kann unentschieden bleiben.
Unmöglich ist das Letztere nicht, denn an der Westküste Afrikas waren
durch phönizische und karthagische Expeditionen allerlei reiche Länder
bekannt geworden, mit denen in Verbindung zu treten Necho reizen konnte.
Es lag nun aber nicht fern zu fürchten, dass ihm der ungehinderte
Verkehr dorthin auf der nächsten Strasse, der des Mittelmeeres, verlegt
werden könnte; so kam er auf den Gedanken zu versuchen, ob das Ziel
nicht auch durch Umsegelung Afrikas im Süden zu erreichen sei. Da Necho
wahrscheinlich meinte, die Küste Libyens ziehe gleich beim Kap Guardafui
nach Westen, lässt sich sein Plan verstehen. Wenn er recht hatte, war
der Weg von Punt bis Senegambien um Südafrika herum in der That kaum
weiter als der von den Nilmündungen durch das mittelländische Meer
dorthin. Was nun die Sperre der nördlichen Strasse anbetrifft, so glaubt
Maspéro[210], die ersten Entdecker jener Länder an der Westküste,
Phönizier und Karthager, würden schwerlich den mediterranen Verkehr
ägyptischer Schiffe nach ihren Ansiedlungen, den sie leicht hindern
konnten, gestattet haben. Mir erscheint dies fraglich, da doch
Landsleute sie führten; weit eher könnte es, wie oben gezeigt, die
wachsende Seemacht der Griechen gewesen sein, die ihn befürchten liess,
dass für Phönizier die Fahrt auf dem Mittelmeere in Kürze ihr Ende
erreicht haben möchte. So war Aegypten unter König Necho hinsichtlich
dieser westafrikanischen Gebiete in einer ähnlichen Lage wie das
Abendland seit dem Vordringen der türkischen Horden nach Vorderasien in
Bezug auf Indien; war im Mittelalter der nächste Weg nach diesem Lande
durch die Söhne der hinterasiatischen Steppe verlegt, so bedrohte im
Alterthum den in jene Gebiete die Eifersucht der griechischen Seefahrer.
In beiden Fällen blieb als Auskunftsmittel die Umsegelung Afrikas im
Süden. Mag man also über die Beweggründe Nechos denken, wie man will:
Gewinnsucht, die auri sacra fames, ist höchst wahrscheinlich nicht die
geringste der Triebfedern zu dieser, wie zu so vielen andern Thaten
gewesen, und wie dem Kolumbus bei seiner epochemachenden Entdeckung als
Ziel die Gestade Zipangus, des Goldlandes Marco Polos, vorschwebten, so
sind die ersten Umsegler Afrikas möglicherweise durch die Schätze
Senegambiens zu ihrer abenteuerlichen Reise verlockt worden.
Folgenlosigkeit der Fahrt.
Trotz der grossen Hoffnungen aber und der weit ausschauenden Pläne,
welche Necho und die Phönizier mit dieser Fahrt verknüpften, ist sie
doch nicht nur für die allgemeine Weltgeschichte, sondern auch für die
des ägyptischen Landes ohne alle Folge geblieben; es zeigt sich uns hier
einer jener Fälle, wo einer wirklich grossen That der gebührende Lohn
versagt geblieben ist. Alle diejenigen aber, welche geneigt sind, aus
was für Gründen immer, der Nachricht Herodots mit Zweifeln
gegenüberzutreten, haben sich aus dieser Folgenlosigkeit eine Waffe
geschmiedet, der allerdings auf den ersten Blick die Fähigkeit, schlimme
Wunden zu schlagen, nicht abgesprochen werden kann, die aber bei
sorgfältigerer Prüfung sich doch als stumpf und nur zu einem
Scheingefecht verwendbar erweist. Betrachten wir die Sachlage etwas
eingehender! Der erste Grund, den die Gegner geltend machen, ist der,
dass kein Schriftsteller des Alterthums von dieser Umsegelung weiss, es
sei denn, dass er die Nachricht aus Herodot entlehnt hätte. Sie
argumentiren nun, ein so wichtiges Ereigniss habe nicht ganz vergessen
werden können, und daraus, dass keiner es erwähne, sei mit Sicherheit zu
schliessen, dass keiner daran geglaubt habe[211]. Die ganze Erzählung
von der Umsegelung sei also eine Fabel oder bezöge sich im günstigsten
Falle auf einen Versuch, gegen dessen Gelingen das Schweigen der alten
Quellen auf das beredteste spräche[212]. Sicherlich kann man nun aber
daraus, dass nur einer irgend ein Ereigniss kennt, nicht schliessen,
dass es überhaupt nicht stattgefunden habe; manchmal wird es bei
genauerer Prüfung sogar auffällig erscheinen, dass dieser eine es kennen
gelernt hat, und der Fall scheint mir hier vorzuliegen. Es ist, eben
weil die Fahrt ohne jede Nachwirkung geblieben war, einerseits als ein
besonders glücklicher Zufall zu betrachten, dass die Priester bei
Herodots Anwesenheit in Aegypten sich der vor 150 Jahren gemachten Reise
erinnerten, andrerseits ist es wunderbar, weil diese Gewährsmänner aus
Gründen, die später zu erörtern sein werden, selbst die Thatsachen nur
oberflächlich kannten und anzunehmen ist, dass schon um die Mitte des
fünften Jahrhunderts v. Chr. bei jedem Fehlen eines greifbaren Erfolges
die ganze Geschichte nicht viel mehr als ein dunkles Gerücht gewesen
sei. Wenn nach dieser Zeit Griechen, die Aegypten bereisten, etwa durch
Herodots Erzählung angeregt, nach der Sache fragten, haben sie sicher
nichts erfahren: die späteren Generationen hatten selbst keine Kenntniss
davon. Es könnte hiergegen eingewendet werden, dass die Bewohner des
Nilthales doch von den Grossthaten ihrer Könige aus viel früherer Zeit
zu berichten wussten, aber es waren ja eben Aegypter gewesen, die jene
vollbracht hatten, und – mochten die alten Erzählungen nun Wahres oder
Unwahres berichten – jene Nachrichten waren eben so viele Blätter in dem
Ruhmeskranze der ägyptischen Geschichte. Welchen Glanz konnte aber der
Vergangenheit ihres Landes diese Heldenthat phönizischer Schiffer
verleihen, zu welcher der Pharao doch höchstens die Anregung gegeben
hatte, bei der alle Mühen und Gefahren aber von Fremden erduldet worden
waren, denen naturgemäss deshalb auch der Ruhm und die Ehre gebührte?
Man hatte – durch die Brille ägyptischer Selbstsucht gesehen – demnach
wenig Interesse daran, dieser Fahrt eine länger dauernde Erinnerung zu
widmen. Unser Gewährsmann, der doch persönlich am Ausgangspunkte der
Expedition war und ihr zeitlich im Verhältniss zu den andern Historikern
und Geographen des Alterthums nahe stand, erfuhr also wenig genug, und
das ist nicht auffällig; eher wäre denkbar, dass vor Herodots Zeiten
dieser oder jener Grieche, der sich in Aegypten aufhielt, Genaueres von
der Reise gehört hätte; ist es denn aber wunderbar, wenn bei dem
gänzlichen Mangel einer griechischen Historiographie in jenen Zeiten
weiteren Kreisen davon nichts bekannt wurde?
Man hat ferner erwähnt, der Umstand, dass nach der Zeit, in welche die
Umsegelung gesetzt wird, der Standpunkt der geographischen Kenntnisse
genau derselbe geblieben, dass auch nicht der geringste Fortschritt auf
diesem Gebiete zu konstatiren sei, lege es nahe, die Fahrt der Phönizier
als nicht geschehen zu betrachten. Eine genauere Prüfung wird die
Hinfälligkeit auch dieses Grundes erweisen. Zugegeben muss
selbstverständlich werden, dass weder Herodot, noch manche spätere dies
Gebiet berührende Schriftsteller des Alterthums eine Ahnung von der
südlichen Ausdehnung und wahren Gestalt Afrikas hatten. Die alten
Geographen kannten zwar natürlich die Erzählung von der Umsegelung des
Erdtheils und wussten wohl, dass er sich bis in eine Gegend erstrecken
solle, wo die Sonne dem an der Südküste von Osten nach Westen Fahrenden
mittags zur Rechten erscheinen konnte; es war das aber – wie ihnen
bekannt – für einen Theil des Jahres schon der Fall, wenn er sich bis
über den Wendekreis des Krebses ausdehnte, und indem sie ihn bei ihren
Kartenentwürfen soweit verlängerten, glaubten sie der Nachricht Herodots
genüge zu thun. Wir konstatiren bei dieser Gelegenheit, dass aus den
verkehrten Anschauungen über die Süderstreckung des Erdtheils, die wir
bei nachherodoteischen Geographen des Alterthums finden, also keineswegs
– wie es thatsächlich geschehen ist – geschlossen werden darf, dass
diese sämmtlich jene Erzählung für eine Lüge ansahen; sie konnten
dieselbe für wahr halten, konnten glauben, dass der Schiffer die Sonne
im Norden erblickt, und doch den Erdtheil nördlich vom Aequator seinen
Abschluss finden lassen. Und selbst die Besten haben sich in dieser
Beziehung die verkehrtesten Bilder gemacht. So denkt sich noch Strabo
Libyen als ein rechtwinkliges Dreieck, dessen lange Kathete am
Mittelmeer liegt, und dessen kurze sich in der Richtung des Niles
erstreckt, während die Hypotenuse etwa von Gibraltar nach Südosten
verläuft. Die Südspitze des Erdtheils verlegt er etwa unter den 10. Grad
n. Br.[213]. Eine andere beliebte Annahme war die, dass Südafrika sich
nach Osten hin mit Vorderindien verbinde und also der indische Ozean ein
Binnensee sei. Schon Hipparchus von Nikäa, der zu Alexandria lehrte (um
200 v. Chr.), hat sich dieser irrigen Vorstellung hingegeben, und wenn
auch Strabo und Posidonius dieselbe verwarfen, so haben doch Polybius,
Marinus von Tyrus und endlich Claudius Ptolemäus sie vertheidigt[214].
Polybius, einer der hervorragendsten Geographen des Alterthums,
behauptet geradezu, dass Afrika „in Aethiopien“ mit Asien
zusammenhänge[215], woraus klar hervorgeht, dass zu seiner Zeit nicht
einmal der Verlauf der Ostküste des Erdtheils unmittelbar südlich von
dem heutigen Kap Guardafui bekannt war, denn hier beginnt ja Aethiopien
nach der Anschauung der Alten[216]. Auf diesen Gründen fussend, hat nun
die Zweifelsucht den Kampf eröffnet, freilich, wie wir gleich sehen
werden, ohne Aussicht auf Sieg. Plinius erzählt uns nämlich[217], dass
Ptolemäus Philadelphus der erste gewesen sei, der Troglodytice – d. i.
die Westküste des rothen Meeres – genauer untersuchen liess. Nun hatten
aber an dieser Küste entlang die Aegypter nicht Jahrhunderte, nein,
wahrscheinlich Jahrtausende hindurch Schifffahrt nach Punt getrieben und
sie dabei ohne Zweifel bis ins Kleinste hinein kennen gelernt. Wenn nun
jener König Veranlassung nahm, ein Land aufs neue erforschen zu lassen,
das man 1000 Jahre und früher, bevor er zur Regierung kam, schon
gründlich gekannt hatte, wenn noch in den letzten Zeiten vor der
Perserherrschaft diese Kenntniss durch neue Fahrten in jener Richtung
völlig gesichert erscheint, so geht daraus hervor, dass in den Wirren,
welche mit dem Zuge des Kambyses für Aegypten begannen, die früher
erworbene Kunde wieder verloren gegangen war. Wenn das aber dem Lande
Troglodytice geschehen konnte, so ist nicht einzusehen, warum es nicht
auch die weiter südlich gelegene Ostküste Afrikas hätte treffen sollen.
Die Kenntniss jener Gegenden, wohl nur durch die eine phönizische Fahrt
vermittelt, war sicherlich weit oberflächlicher als die hinsichtlich
Troglodytices erworbene; konnten die hochgehenden Wogen des Stromes der
politischen Ereignisse diese fortreissen, so war es kein Wunder, wenn
jene ihnen nicht hatte widerstehen können. Daraus also, dass die
Ostküste Afrikas südlich vom Kap Guardafui zur Zeit des Polybius
unbekannt war, kann unmöglich geschlossen werden, die phönizische
Expedition habe nicht stattgefunden. Wenn aber feststeht, dass man
später in Aegypten von der Umsegelung nichts mehr hat wissen wollen,
wenn besonders betont worden ist, dass auch die grossen Geographen der
alexandrinischen Schule an die Wahrheit der herodoteischen Erzählung
nicht geglaubt haben[218] – vor allen andern wird Claudius Ptolemäus,
der ebenfalls den indischen Ozean in ein asiatisch-afrikanisches
Binnenmeer verwandelte[219], als Zeuge für die Ansicht der Gegner
aufgeführt. Und in der That ist einerseits nicht darüber zu streiten,
dass er die Erzählung gekannt, andrerseits, dass er ihr keinen Glauben
beigemessen hat. Der Grund seines Zweifels hat freilich wohl weniger in
Bedenken gelegen, die er in Bezug auf die Wahrheitsliebe Herodots hegte,
als vielmehr in der häufig wiederkehrenden Anschauung, dass das
Gleichgewicht der Erdkugel ohne ein grosses antarktisches Festland,
welches den um den Nordpol lagernden Landmassen entspräche, nicht
aufrecht erhalten werden könne. An die Existenz eines solchen Landes,
das sich mit Südasien und Südafrika verbinden sollte, mag Ptolemäus
geglaubt haben, wie nach ihm noch so viele, bis gegen das Ende des
vorigen Jahrhunderts Cooks zweite Reise das Phantastische dieser
Hypothese nachwies. Trotzdem könnten wir uns wundern, dass er einer
solchen blossen Vermuthung zu Liebe durch seine Konstruktion des
afrikanischen Festlandes der herodoteischen Ueberlieferung die Wahrheit
bestritt, wenn wir nicht wüssten, dass er sich auch andern
hochbedeutenden und völlig gesicherten Resultaten wissenschaftlicher
Forschung gegenüber ablehnend verhielt. So hatte vier Jahrhunderte vor
ihm Aristarchos von Samos die Lehre von einem heliozentrischen
Weltsystem aufgestellt und niemand wird bezweifeln, dass sie Ptolemäus
bekannt war. Wenn dieser Gelehrte nun trotzdem auf den geozentrischen
Bau zurückging, werden wir deswegen doch gewiss nicht annehmen, dass der
samische Astronom Falsches gelehrt, sondern vielmehr, dass sein Gegner
geirrt habe. Ein Mann aber, der solche Irrthümer beging, wird durch
seine abweisende Haltung schwerlich Zweifel an dem Faktum der Umsegelung
Afrikas in uns wachrufen können; es ist ihm hier gegangen, wie mit dem
Sonnensystem: hat er nicht geschlafen, so hat er doch geschlummert. Wir
erkennen also in der ptolemäischen Gestaltung Afrikas nur einen
bedauerlichen Irrthum, einen Rückschritt der geographischen Erkenntniss,
der dadurch verschuldet wurde, dass jener Gelehrte die zur Zeit des
Königs Necho bereits geglückte Lösung eines schwierigen Problems nicht
anerkannte. Diese Negierung darf uns aber keineswegs stutzig machen und
etwa erneute Zweifel an der Wahrheit des von Herodot Mitgetheilten in
uns wachrufen. Ein derartiges Zurückversinken in unreifere Anschauungen
steht in der Geschichte der Geographie leider keineswegs vereinzelt da;
brachten uns doch die Zeiten der ersten christlichen Geographen „das
drückende Schauspiel eines Verfalls der Wissenschaft und ihres
Zurücksinkens in das Kindesalter der jonischen Schule“[220]. Sehen wir
doch hier unter dem Einfluss der naiven Darstellungen der Bibel die Erde
aus einer Kugel wieder zur gewölbten Scheibe werden, deren Mittelpunkt
die heilige Stadt Jerusalem ist, wie einst den Griechen ihr Apollositz
Delphi „der Nabel der Erde“ war, und über ihr die Engel die Gestirne am
Himmel hinauf- und herabführen und dafür sorgen, dass Tag und Nacht sich
richtig ablösen und dann und wann zur Unterbrechung des monotonen
Einerlei eine Sonnen- oder Mondfinsterniss in Szene geht[221]. Es wird
schon aus diesen Ausführungen, wie ich denke, klar hervorgehen, dass der
Mangel an Erweiterung unseres geographischen Horizontes in Folge der
phönizischen Fahrt uns keineswegs veranlassen darf, an dieser selbst zu
zweifeln; wenn sie aber nach dieser Richtung hin ohne alle Folgen blieb,
so liegt ein anderer Grund wohl noch in dem Umstande, dass die Phönizier
sich schwerlich Zeit genommen haben, die Küsten und die Lage des
Erdtheils im Vorbeifahren auch nur oberflächlich aufzunehmen, ganz
abgesehen davon, dass sie zur Anfertigung einer nur halbwegs richtigen
Skizze jedenfalls nicht annähernd befähigt waren. So werden sie auf die
Frage, wie weit sich Afrika nach Süden erstrecke, selbst nicht im Stande
gewesen sein, genaue Auskunft zu geben; die Nachwelt blieb darüber erst
recht im Dunkeln und konnte, da neue Fahrten in das Südmeer nicht
unternommen wurden, noch lange meinen, der Erdtheil reiche nur etwa bis
in die Nähe des Aequators. Als man dann später über die weite südliche
Ausdehnung Afrikas mehr und mehr ins Klare kam, diente diese Erkenntniss
naturgemäss der Ansicht zur Stütze, dass die ägyptische
Priestererzählung eine Fabel gewesen sei, gedichtet auf Grund der
früheren irrigen Vermuthung über jenen Punkt, die ja allerdings eine
Umschiffung weit leichter erscheinen lassen musste, als sie es in
Wirklichkeit war[222]. Auffallend ist bei diesen Erwägungen für den
modernen Menschen vor allem das Eine, dass zur Zeit der Ptolemäer – also
nach 300 Jahren –, wenn wir die Gelehrtenkreise, denen das Werk Herodots
bekannt war, ausnehmen, augenscheinlich niemand von der Umsegelung etwas
wusste, und auf den ersten Blick könnte ein gewisses Erstaunen über
diesen Umstand berechtigt erscheinen, wenn man die Verhältnisse der
neueren Zeit in Betracht zieht. Eine so kühne Seereise, in den letzten
Jahrhunderten unserer Zeitrechnung unternommen, würde nicht nur niemals
der Vergessenheit anheimfallen können, sondern vielmehr jedem halbwegs
Gebildeten unbedingt geläufig sein. Um aber ein richtiges Urtheil zu
gewinnen, dürfen wir nicht an den unendlichen Reichthum der
litterarischen Publikationsmittel, wie er uns heute zu Gebote steht,
denken, sondern müssen uns die im wesentlichen auf mündliche Tradition
angewiesene Zeit des Königs Necho vergegenwärtigen; erst dann werden wir
uns klar machen können, wie es möglich war, dass die Erinnerung an diese
Fahrt nur durch Vermittlung einer einzigen, und noch dazu so spärlich
fliessenden Quelle auf uns gekommen ist und die Nachricht von einer
hochinteressanten, wenn auch wissenschaftlich und politisch folgenlosen
Begebenheit nach 300 Jahren schon vergessen sein konnte.