Zwei Faktoren, denen bei jeder Seereise die allerhöchste Bedeutung

beigelegt werden muss, sind Wind und Wellen. So wird es

selbstverständlich auch für uns von Wichtigkeit sein, wenn wir von den

grösseren oder geringeren Schwierigkeiten, mit denen die Phönizier zu

kämpfen hatten, ein klares Bild gewinnen wollen, zu erforschen, in wie

weit diese beiden elementaren Kräfte das Vorhaben derselben entweder

begünstigt oder gehindert haben. Hierüber aber zu einem richtigen

Urtheil zu gelangen wird uns nur dann glücken, wenn wir – eingedenk der

im Laufe des Jahres an vielen Stellen des Meeres im Luftkreise, wie in

der Wasserwelt wechselnden Erscheinungen – uns die Frage beantworten: Zu

welcher Jahreszeit sind denn die Phönizier abgefahren? Doch auch ihr

wird wunderbarerweise von den meisten Gelehrten, welche sich mit dieser

Expedition beschäftigt haben, keine Beachtung geschenkt. Ganz allgemein

unterrichten uns Movers[246] und Duncker[247], dass die Phönizier die

Schifffahrt im Februar eröffneten und im Oktober schlossen; in den

Wintermonaten blieben sie wegen der durch stürmisches Wetter

hervorgerufenen Gefahren zu Hause. Selbstverständlich beziehen sich

diese Angaben aber nur auf ihre Thätigkeit im mittelländischen Meere. Zu

der Umsegelung Afrikas sind sie gewiss nicht erst im Februar

ausgefahren; sie wussten entweder in Folge eigener Reisen nach Indien

oder konnten durch Vermittlung der Sabäer, die dorthin Schifffahrt

trieben, leicht erkunden, dass sie in den südlichen Meeren von den

Stürmen des Winters nichts zu befürchten hätten und ihnen die Monsune

bei einer Fahrt an der Ostküste Afrikas hinab während dieser Jahreszeit

sogar von entschiedenem Vortheil sein würden. Wheeler[248] setzt in

Erwägung dieses Umstandes ihre Abfahrt auf den August fest; sie hätten

dann, meint er, im Oktober im indischen Ozean eintreffen können. Seinen

Ausführungen liegt gewiss ein richtiger Gedanke zu Grunde, wenn man

ihnen deswegen auch nicht in allen Einzelheiten zuzustimmen braucht.

Sicher sind die Phönizier bestrebt gewesen, aus den atmosphärischen

Verhältnissen des indischen Ozeans für ihre Fahrt den möglichsten

Vortheil zu ziehen; sie haben aber daneben – die Engländer des

Alterthums – zweifellos dem Grundsatze, dass Zeit Geld ist, so gut

gehuldigt, wie die praktischen Söhne Albions es heut zu Tage thun, und

sind demnach gewiss erst auf die Reise gegangen, als die Schifffahrt auf

dem mittelländischen Meere stockte. Dies war, wie gesagt, etwa Ende

Oktober der Fall, und da zu derselben Zeit gerade die Windverhältnisse

auf dem indischen Ozean ihren Plänen besonders günstig wurden, hiesse

es, die Schlauheit der Phönizier ausserordentlich unterschätzen, wenn

wir nicht annehmen wollten, dass sie etwa zu dieser Zeit ihre Expedition

unternahmen. Der Herbst war ihnen jedenfalls die genehmste Zeit zur

Abfahrt, und dass Necho ihnen nach dieser Richtung hin freie Hand liess,

dürfen wir als gewiss annehmen; gewann doch nur durch kluge Benutzung

aller günstigen Umstände die gefahrvolle Reise Aussicht auf Erfolg.

Begaben sich also die Phönizier nach Schluss der Schifffahrt auf dem

Mittelmeer, also etwa Ende Oktober, an den Ort, von wo sie aussegeln

wollten, stellten dort ihre Schiffe in Dienst und verproviantirten sich

genügend, so werden sie – auf dies Alles einen Monat gerechnet – etwa

Ende November von Kosseir abgefahren sein und, nachdem sie die

bekanntlich schwierige Passage durch das rothe Meer mit Hülfe der Ruder

glücklich überwunden hatten, so recht bei dem kräftigsten Wehen der

NO-Monsune den indischen Ozean erreicht haben.

Winde.

Es wird sich nun empfehlen, im einzelnen zu erwägen, welche Vortheile

oder Nachtheile bei einer Ausfahrt im Spätherbst den Phöniziern Wind und

Wellen boten. Bevor wir aber in die Untersuchung hierüber eintreten,

muss ich vorausschicken, dass eine im Vergleich zur Gegenwart etwas

andere Vertheilung der Wärme und der Wassermassen auf der Erdoberfläche,

wie sie ums Jahr 600 v. Chr. möglicherweise bestanden hat, sowie eine

dadurch bedingte geringe Abweichung der Luft- und Wasserströmungen hier,

weil theilweise hypothetisch und jedenfalls unbedeutend, nicht

berücksichtigt worden ist. Was nun den ersten Theil der Fahrt

anbetrifft, so weit sie innerhalb des rothen Meeres stattfand, werden

die Phönizier, wie oben angedeutet, wesentlich aufs Rudern angewiesen

gewesen sein, da die Segelschifffahrt hier mancherlei Schwierigkeiten

bietet[249]; von Bab-el-Mandeb bis Socotra hatten sie sogar entschieden

ungünstigen Wind, nämlich NO-Monsun, dann aber für lange Zeit theils

vortrefflichen, theils wenigstens leidlich guten. Bis zum Aequator wehte

nämlich in der Jahreszeit, in welcher sie diese Gegenden passirten, der

erwähnte NO-Monsun, der ihnen von Kap Guardafui ab gerade günstig war;

nach dem Ueberschreiten der Linie gelangten sie dann gegen den

nördlichen Frühling hin in die Zone des SO-Passates, welcher sie zwar

nicht direkt begünstigte, aber als ein seitlich wehender Wind von

geschickten Schiffern immerhin mit einigem Vortheil benutzt werden

konnte. So erreichten sie das Kap und damit ihre erste Station. Indem

ich hinsichtlich der weiteren Ausführung der hier und im Folgenden über

die Rastorte der Phönizier und die Vertheilung der Zeit auf die

einzelnen Jahre von mir ausgesprochenen Vermuthungen auf später

verweise, bitte ich, zunächst die Einwirkung der Winde auf die

phönizische Fahrt weiter mit mir verfolgen zu wollen. Meiner Ansicht

nach werden sie vom Kap im Dezember des zweiten Reisejahres weiter

gefahren sein und hatten bis zum Aequator höchst günstigen Wind, da der

Südostpassat an der Westküste Südafrikas in Südwind abgelenkt wird. Sie

werden also die erstere, kürzere Strecke ihrer zweiten grossen Tour –

vom Kap bis zum Atlas, wo sie meiner Ansicht nach im November des

nächsten Jahres, also nach zweijähriger Abwesenheit aus Aegypten, Halt

machten – mit günstigem Winde gefahren sein; daher rechne ich bis zum

Busen von Biafra etwa ein Drittel der ganzen Zeit – vom Dezember des

zweiten bis zum November des dritten Reisejahres – die sie auf jene Tour

mögen verwandt haben. Sie kamen in dem genannten Busen also Ende März

an. In den nächsten Monaten hatten sie dann, an der Küste von Oberguinea

und Kap Palmas vorbei fahrend, ziemlich konträren SW-Wind oder befanden

sich im Gürtel der Kalmen[250], der ihnen, trotzdem er sie zum

fleissigen Rudern zwang, doch weniger unangenehm gewesen sein mag, da

sie seine hemmende Kraft in unmittelbarer Nähe der Küste wegen der durch

die ungleiche Erwärmung von Land und Wasser hervorgerufenen Bewegung der

Luft wohl nicht in ihrer vollen Stärke empfunden haben werden. Im

weiteren Verlaufe der Fahrt stellte sich dann bis zum zweiten Rastplatze

die Windrichtung für sie immer ungünstiger: je weiter sie kamen, desto

mehr wehte ihnen der NO-Passat gerade entgegen. Diese Luftströmung blieb

ihnen sogar noch bei ihrer Abfahrt, die ich in den Juni des dritten

Reisejahres setze, bis zur Strasse von Gibraltar; von hier ab aber bis

zu den Mündungen des Nil werden die durch die sommerliche Auflockerung

der Luft über der Sahara aus dem mittelländischen Meere angezogenen

Winde unsern Schiffern weder nennenswerthen Vortheil, noch Nachtheil

gebracht haben, bis dieselben schliesslich wohl noch beim Wehen dieser

Etesien ins Delta einliefen[251]. Wir können demnach behaupten, dass,

abgesehen von den Strecken vom Ausfahrtsort bis Guardafui und vom Busen

von Biafra bis zur Strasse von Gibraltar, die herrschenden

Windrichtungen einer Fahrt um Afrika in der von den Phöniziern

eingeschlagenen Richtung nirgends direkt ungünstig, meistens sogar

förderlich waren und ein Gelingen des Unternehmens als höchst

wahrscheinlich erkennen lassen.

Meeresströmungen.

Zu demselben Resultate werden wir auch bei Betrachtung der für die

Umsegelung jedenfalls nicht minder wichtigen Meeresströmungen kommen,

worauf schon Rennell hingewiesen hat. Eine Ausnahme macht freilich

sogleich das rothe Meer, in welchem von Oktober bis April ein der Route

unserer Reisenden entgegengesetzter Strom herrscht, der diese bei den

wenig günstigen Windverhältnissen bestärken musste, sich der Ruder zu

bedienen. Von Kap Guardafui an bis zur Nordspitze von Madagaskar hatten

sie dann aber die periodische Strömung für sich, welche hier die Küste

zur Zeit des südlichen Sommers begleitet. Ganz unverständlich ist mir,

wie der sonst so sorgfältige Heffter dazu kommt, die Fahrt an dem

östlichen Gestade Afrikas in der Richtung von Nord nach Süd für

besonders schwierig zu erklären; Winde und Strömungen waren entschieden

günstig, und es bleibt somit kaum etwas anderes übrig, als die Annahme,

dass statt _West_küste durch ein Versehen _Ost_küste gesetzt ist. Die

Bewältigung der nun folgenden Strecke bis zum Aequator auf der Westseite

des Erdtheils wurde den Schiffern erleichtert zunächst durch die

Mozambique-, später durch die Agulhas- und die atlantische Strömung, die

ihnen alle von Vortheil waren. Die erste von diesen steigert sich im

Kanal von Mozambique und weiter südlich zu bedeutender Schnelligkeit, so

dass sie an einzelnen Stellen über 130 km in 24 Stunden zurücklegt, und

von der gefürchteten Agulhas- oder Kapströmung wissen wir durch eine von

Sandberg aus „Uitkomsten van Wetenschap en Ervaring, uitgegeven door het

Koninklijk Nederlandsch Meteorologisch Instituut 1857“ ausgezogene Notiz

von Andrau, dass sie für die in unmittelbarster Nähe der Küste Fahrenden

viel von ihren Schrecken verliert[252]; der atlantischen Strömung aber

kommt zwar an der Westküste ungefähr von 25-15° s. Br. dicht am Ufer ein

nördlicher Strom entgegen, doch ist dieser nicht so stark, dass die

Phönizier ihn nicht mit Hülfe des günstigen Windes leicht hätten

überwinden können. Vom Aequator bis zur Strasse von Gibraltar hatten sie

dann freilich gegen eine starke Strömung, die nordafrikanische,

anzukämpfen – bei Kap Palmas legt diese ca. 50 km in 24 Stunden zurück

–, doch vermindert sich später diese Schnelligkeit und beträgt bei Kap

Blanco nur noch 20 km in derselben Zeit. Die Gewalt dieser Strömung, so

bedeutend sie ist, wird unsern Schiffern aber keine Schwierigkeiten

bereitet haben, deren sie nicht hätten Herr werden können; sind doch die

Portugiesen unter Vasko da Gama im Kanal von Mozambique gegen die

erwähnte bedeutend stärkere angefahren, und ihre Hülfsmittel zur

Bekämpfung solcher Hindernisse waren doch schwerlich wesentlich andere

als die der Phönizier. Der Vortheil, der sich den Portugiesen, als sie

den südlichen Eingang zur Strasse von Madagaskar durchsegelten, durch

den SO-Passat im Gegensatze zu den Phöniziern bot, welche bei Kap Palmas

halb konträren Wind hatten, wird durch die fast dreimal stärkere

Mozambique-Strömung aufgewogen. An der Nordküste Afrikas fuhren unsere

Schiffer dann wieder bis zum Nil hin mit dem Strom[253]. So war also

auch, was die Strömungen anbetrifft, der Theil der Fahrt vom Aequator an

der Nordwestküste entlang bis zur Strasse von Gibraltar bei weitem der

schwierigste[254]. Im allgemeinen lagen aber in dieser Beziehung, wie

aus Vorstehendem erhellt, die Verhältnisse genau so, wie hinsichtlich

der Winde: ein ernstliches Hinderniss für die Phönizier konnte aus ihnen

nicht erwachsen, und Bähr hat Recht, wenn er sagt[255]: „cum navigatio

hac ex parte (vom rothen Meere um das Kap nach der Strasse von

Gribraltar) instituta totidem fere praebeat commoda, quot incommoda

exsistunt, contraria a parte si navigationem instituere velis“.

Konstellation.

Wenden wir uns nun von der Luft und dem Wasser dem Firmamente zu! Einen

der vielen Gründe zum Zweifel an der Fahrt der Phönizier hat man aus dem

Umstande herleiten wollen, dass in dem Berichte über dieselbe garnicht

von Veränderungen der Konstellation die Rede ist. Aber auch hierin kann

ich nichts Auffallendes entdecken. Die Phönizier benutzten zwar, wie

Strabo erzählt, als Leitgestirn, nach dem sie sich orientirten, den

kleinen Bären[256], genauer gesagt, wohl den Polarstern[257],

bekanntlich einen Bestandtheil jenes Sternbildes, nicht, wie

Gosselin[258] wunderbarerweise aus der Notiz über den Stand der Sonne

schliessen will, diesen Himmelskörper. Wenn aber der genannte Gelehrte

fragt, ob es nicht einleuchtend sei, dass die Phönizier die Fahrt

überhaupt nicht gemacht, da sie nichts davon verlauten liessen, dass sie

diesen ihren Führer auf der südlichen Halbkugel nicht mehr erblickten,

so werden wir, ohne mit der Wahrheit in Konflikt zu gerathen, ruhig

antworten können: keineswegs. Selbstverständlich werden sie freilich das

Verschwinden desselben bemerkt, vielleicht auch unangenehm bemerkt haben

– denn es erinnerte sie ja an die grosse Entfernung von der Heimat –,

aber eine nennenswerthe Bedeutung für sie hatte es nicht. Der Polarstern

war ihnen, soweit er überhaupt zur Orientirung benutzt werden konnte,

also nördlich vom Aequator, natürlich unentbehrlich, wenn es galt, sich

auf hoher See zurechtzufinden und den richtigen Kurs innezuhalten; bei

dieser Expedition aber würde er erst in zweiter Linie gestanden haben,

selbst wenn sie ihn hätten sehen können; ihre Reise war ja eine

Küstenfahrt und die Uferlinie der Ariadnefaden, der sie unter allen

Umständen, im schlimmsten Falle durch Wenden der Schiffe, aus dem

Labyrinth des unendlichen Meeres der Heimath wieder zuführen musste. Wer

aber meint, sie würden erstaunt gewesen sein, den erwähnten Stern unter

der Linie aus den Augen zu verlieren, irrt sicher; waren sie doch schon

durch ihre Reisen auf dem rothen Meere gewohnt, ihn bei Fahrten in

südlicher Richtung tiefer und tiefer sinken zu sehen. Wenn sie daher

dieser Erscheinung nicht Erwähnung thaten, so liegt darin nichts

Auffälliges, und es würde ganz verkehrt sein, hieraus einen Beweis dafür

entnehmen zu wollen, dass die Reise überhaupt nicht von ihnen ausgeführt

sei. Aber selbst in dem Falle, dass sie von dem Verschwinden jenes

Himmelskörpers erzählt haben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die

ägyptischen Gewährsmänner Herodots davon nichts wussten; für ein Volk,

welches der Seefahrt so fern stand, wie das der Pharaonen, hatte der

Polarstern eine viel zu untergeordnete Bedeutung, als dass eine auf ihn

bezügliche Bemerkung der phönizischen Schiffer besonderen Eindruck hätte

machen können und wir erwarten dürften, die Erinnerung an dieselbe nach

150 Jahren noch lebendig zu finden. Für die Aegypter war die Sonne

ungleich wichtiger, daher wandte sich ihr Interesse naturgemäss in

erster Linie den auf sie bezüglichen Nachrichten zu, und das Wunder

ihrer nördlichen Stellung wurde der Nachwelt überliefert, während

eventuelle Nachrichten über das Verschwinden des Polarsterns der

Vergessenheit anheimfielen.

Fehlen des Kompasses.

Genau so unüberlegt, wie die eben zurückgewiesene Ansicht, sind einige

andere Behauptungen, durch die gezeigt werden soll, wie wenig Glauben

der herodoteische Bericht verdiene. Ich rechne dahin diejenige, dass

eine so weite Reise ohne Kompass garnicht hätte gemacht werden können.

Dem gegenüber möchte ich fragen: Was nützte bei einer Fahrt am Ufer

entlang ein solches Hülfsmittel? Rennell sagt mit Recht: „although it

may be admitted as an unsurmountable obstacle to the discovery of

America, in the way to which an extensive ocean was to be crossed, yet

the voyage in question was a coasting voyage“[259].

Brandungen und Klippen.

Ich erwähne ferner die Bedenken, welche Andere, eben durch den Umstand

veranlasst, dass die Expedition eine Küstenfahrt war, darauf gegründet

haben, dass den Phöniziern Feinde erstanden, welche die Seeleute mehr

fliehen als Sturm und Unwetter, nämlich Brandungen und Klippen. Aber,

bemerkt hiergegen Junker sehr richtig[260], die Schiffer des Alterthums

werden ihrer weit leichter Herr geworden sein als unsere Matrosen, da

sie in Küstenfahrten eine ungleich grössere Uebung hatten.

Grund für die Aussendung mehrerer Schiffe.

Trotzdem war natürlich die Reise sehr gefahrvoll, und es lag nahe, die

Möglichkeit eines Schiffbruches ins Auge zu fassen. So erklärt sich

wohl, dass mehrere Fahrzeuge – die genauere Zahl kennen wir nicht –

abgesendet wurden; hatte eins Unglück, so brauchte deshalb die

Expedition noch nicht aufgegeben zu werden, sondern die Mannschaft

konnte sich auf ein anderes retten. So fuhr auch Demokedes, als er seine

Fahrt zur Erforschung Griechenlands unternahm, mit drei Schiffen

aus[261]. Sataspes freilich hatte nur eins[262]; aus welchem Grunde,

wissen wir nicht. Vielleicht war es ihm so vorgeschrieben, damit die

Gefahr der Reise gesteigert würde. Möglich ist es, vielleicht

wahrscheinlich, dass auf der langen Fahrt der Phönizier das eine oder

das andere Schiff verloren gegangen ist. Man wird nach 150 Jahren bei

dem vermuthlichen Mangel an schriftlicher Ueberlieferung schwerlich noch

die Zahl der ausgesandten Schiffe gekannt haben; das Gros der Flotte war

heimgekehrt und das Problem der Umschiffung gelöst, das genügte; der

Verlust eines Schiffes oder auch mehrerer war dagegen so verschwindend,

dass man sich begreiflicherweise nicht die Mühe gegeben hat, darüber der

Nachwelt besondere Mittheilungen zu hinterlassen.

Art der Fahrzeuge.

Welcher Art diese phönizischen Fahrzeuge waren, werden wir aber mit

ziemlicher Sicherheit feststellen können. Wheeler nimmt an, es seien

Kauffahrteischiffe gewesen[263], eine Ansicht, der ich nicht zustimmen

kann, denn unsere Expedition sollte, soweit wir ihren Charakter zu

erkennen vermögen, wohl nicht selbst Handel treiben, sondern vielmehr

zukünftigem kaufmännischem Verkehr die Wege ebnen. Wehrlose und

schwerfällige Schiffe, wie die phönizischen Handelsleute sie häufig

benutzten – der Name γαυλός, der etwa so viel wie „Wanne“ bedeutet, sagt

schon genug –, konnte man auf einer so gefahrvollen Expedition nicht

brauchen, zumal Tauschgegenstände, die man dem etwas unsicheren Geschick

eines Transportes in völlig unbekannte Gegenden und zu voraussichtlich

barbarischen Nationen hätte aussetzen müssen, schwerlich mitgenommen

wurden. Man hat sich vielmehr höchst wahrscheinlich phönizischer

Pentekontoren bedient, die, Ruder- und Segelschiffe zugleich, sich durch

einen hohen Grad von Schnelligkeit auszeichneten[264]. Schon in den

homerischen Gedichten lesen wir ja, dass Schiffe theils durch Ruder,

theils durch Segel, die man bei günstigem Winde aufzog, bei ungünstigem

herunterliess, getrieben wurden; im Laufe der Jahrhunderte, welche seit

der Entstehung jener Lieder verflossen waren, hatten die Phönizier beide

Arten der Fortbewegung aber in hohem Grade vervollkommnet. Das Urtheil

Movers’, eines sehr gründlichen Kenners des phönizischen Alterthums,

über die Pentekontoren lautet: „Für weite Seefahrten an unbekannten und

gefährlichen Küsten, wozu weder die grossen und schwerfälligen Gauloi,

noch auch die Triremen wegen ihres Tiefgangs taugten, war die

leichtgebaute mit Rudern und Segelwerk versehene, dazu mit

Kriegsmannschaft ausgerüstete Pentekontore ganz das geeignete

Fahrzeug“[265]. Die Behauptung Vincents, die Phönizier hätten mit diesen

kleinen Barken niemals ums Kap fahren können[266], ist leicht widerlegt.

Zunächst kann man im allgemeinen annehmen, dass Schiffe, die von Syrien

nach Indien und Britannien fuhren, auch gross genug gewesen sein werden,

die Reise um Afrika zu machen trotz all der Schrecknisse und Gefahren,

welche Vincent[267] anführt, und wenn auch vorauszusetzen ist, dass der

Verkehr zwischen Phönizien und jenen Ländern hauptsächlich durch

Kauffahrteischiffe, also durch Gauloi, vermittelt wurde, so wird doch

schwerlich jemand bestreiten, dass auch Pentekontoren, sei es als

Pfadfinder, sei es zur Bedeckung jener, dorthin gekommen sind. Als

speziellen Beweis für die Möglichkeit, auch auf einem kleinen Fahrzeuge

eine ähnliche Strecke wie die Phönizier zurückzulegen, erwähne ich aber

noch, dass im Jahre 1539 Diego Botelho, ein Portugiese, sich zu Goa auf

einem Boote von etwa 5 Meter Länge und 3 Meter Breite einschiffte und

glücklich nach Lissabon gelangte[268]. Auch der in tausend Gefahren

erprobte Muth phönizischer Seeleute mag die Zweifel derjenigen

überwinden helfen, welche meinen, dass die benutzten Schiffe für eine

solche Reise zu schwach gewesen seien. Es ist eine unleugbare Thatsache,

dass die Erfahrung und Kühnheit der Bemannung in gewissem Grade die

Schwäche ihrer Fahrzeuge zu kompensiren vermag; das zeigt uns das

Beispiel der Normannen, die an allen Küsten Europas Schrecken

verbreiteten, obgleich ihre Schiffe so klein waren, dass sie mit ihnen

auch auf Flüssen fahren konnten, oder das der Malayen, die in ihren

kleinen Barken um die halbe Erde gewandert sind[269]. Wir dürfen also

annehmen, dass die Phönizier auf ihren Pentekontoren allen

Eventualitäten der Reise, welche an die Leistungsfähigkeit ihrer

Fahrzeuge appellirten, gewachsen waren, und werden schwerlich irren,

wenn wir hinzufügen, dass der König Necho ihnen durchaus seetüchtige

Schiffe zum Zwecke der Umsegelung auf dem rothen Meere wird haben bauen

lassen.

Schnelligkeit der Schiffe des Alterthums.

Die Umsegelung Afrikas durch phönizische Schiffer ums Jahr 600 v. Chr. Geb. · 第 7 / 12 段