Zeitbestimmung der Fahrt. Nun ist es meiner Ansicht nach zwar ganz
unmöglich, bestimmte Jahre dafür anzusetzen, wie Wheeler es thut, der
die Reise auf die Zeit von 613-610 fixirt; aber wir werden doch
vielleicht entscheiden können, ob sie in die erste, kriegerisch gefärbte
Regierungsperiode Nechos zu setzen oder der zweiten, friedlichen
zuzutheilen sei. Die Untersuchung dieser Frage ist um so wichtiger, als
wir aus ihr die Grundlage zur Beantwortung einer anderen gewinnen
werden, nämlich der, ob wir die Phönizier des Mutterlandes oder die in
Aegypten ansässigen als Vollender der kühnen Fahrt ansehen dürfen. König
Necho hat nun wahrscheinlich von 609-594 regiert[176] und die Schlacht
von Karchemisch im Jahre 604 stattgefunden. Demnach ist etwa das erste
Drittel der Herrschaft dieses Fürsten auf die Züge in Syrien zu rechnen.
Wenn wir nun die Umsegelung nicht in diese Periode, sondern in die
folgende setzen, werden wir schwerlich einem Irrthum anheimfallen. Es
ist undenkbar, dass Necho; als er im Felde stand, Zeit und Sinn für eine
derartige Unternehmung gehabt habe; seine Absicht war, wie sein Zug an
den Euphrat zeigt, nach Syrien das babylonische Reich zu erobern – ein
Riesenplan, der in seinem Kopfe sicher für nichts anderes Raum liess –,
und erst nachdem Nebukadnezars Schwert ihm nach dieser Richtung hin
Entsagung aufgezwungen hatte, wird er äussere und innere Ruhe für die
Werke des Friedens gefunden haben[177]. Auch aus einer Prüfung der
Notizen des herodoteischen Werkes über den Kanalbau können wir in
Verbindung mit einer anderen Ueberlieferung Schlüsse ziehen auf die Zeit
der Umsegelung. Herodot erzählt an einer Stelle[178], Necho habe den
Kanal vor seinem Kriegszuge gebaut und zu bauen aufgehört, als er nach
Syrien gezogen sei. Diese Nachricht ist schwerlich richtig; denn wenn
wir bei demselben Schriftsteller lesen[179], dass durch jenen Bau 120000
Menschen ihr Leben verloren, so musste er sich doch über einen längeren
Zeitraum erstrecken. Lehrreich kann ein Vergleich mit dem Verluste an
Menschenleben bei dem Bau des Mahmudiehkanals wirken. An ihm arbeiteten
250000 Mann ein Jahr lang, von denen 20000 gestorben sein sollen; eine
erschreckend hohe Ziffer, aber immer doch nur der sechste Theil von dem,
was Herodot als Opfer des Nilkanals anführt[180]. Nun hat Necho aber
seinen Kriegszug, wie feststeht, sehr bald nach seinem Regierungsantritt
begonnen; in einer ganz kurzen Spanne Zeit müsste also jene gewaltige
Menschenmenge umgekommen sein. Das ist einfach unmöglich, selbst wenn
wir die Zahl als etwas zu hoch gegriffen ansehen wollen und daneben noch
in Betracht ziehen, dass in den Augen von Pharaonen der Werth von
Menschenleben ein sehr geringer gewesen sein mag. Sicher ist also an dem
Kanal mehrere Jahre geschafft worden; dann kann der Bau aber nicht vor
den syrischen Feldzug gefallen sein, sondern nur in dieselbe Zeit mit
jenem oder in die nach ihm. Dass letztere Annahme die wahrscheinlichere,
ist oben nachgewiesen. Die Ereignisse werden demnach wohl
folgendermassen zu ordnen sein: etwa ein Drittel seiner Regierungszeit
war Necho in Syrien; als er dann nach Hause kam, begann er den Kanal,
und als er – jedenfalls erst nach Jahren, wie man sagt, infolge eines
Orakels[181] – aufhörte zu bauen, sandte er nach einer andern
Mittheilung Herodots[182] die phönizische Expedition aus. Die
Vermuthung, dass unser Gewährsmann sich in der eben angedeuteten Weise
hinsichtlich der zeitlichen Aufeinanderfolge der Dinge geirrt, liegt
also, wie die voraufgegangenen Auseinandersetzungen zeigen, nahe und
würde sich uns aufdrängen auch ohne die Kenntniss einer Nachricht, die
Strabo hinterlassen hat, und die in direktem Gegensatze zu Herodots
Mittheilung steht. Dieser Schriftsteller giebt nämlich an, erst der Tod
des Königs habe die Arbeiten am Kanal unterbrochen[183]; ein
Widerspruch, den völlig zu lösen auf den ersten Blick nicht möglich
scheint. Doch werden wir schwerlich fehl gehen, wenn wir auf Grund des
oben Gesagten und an der Hand der erwähnten Zeugnisse annehmen, dass der
Kanalbau erst _nach_ dem syrischen Feldzuge begonnen und bis gegen das
Lebensende des Necho gedauert hat, wo er vielleicht infolge eines
Orakelspruches aufgegeben wurde. Dann aber, also in der letzten Zeit
jenes Königs, ist die phönizische Expedition entsendet worden. Dass
diese Anschauung die richtige sein dürfte, zeigt auch ein Vergleich mit
dem, was über die Regierung des Sesostris erzählt wird; auch er soll
friedliche Aufgaben zu seinem Ruhme und zur Sicherung Aegyptens,
Tempelbau, Kanalanlage und anderes derart, erst nach Beendigung seiner
Feldzüge[184] begonnen haben. Wenn nun auch jener König, wie erwähnt,
eine ganz fabelhafte Figur ist, so zeigt doch diese Vertheilung seiner
Thaten über sein Leben, wie man selbst bei dem mächtigsten Herrscher
Aegyptens es nicht für möglich hielt, dass er Kriege und Grossthaten des
Friedens zu gleicher Zeit unternommen und ausgeführt habe. Die Sage ist
in solchen Dingen aber so feinfühlig, dass der Beurtheiler
geschichtlicher Verhältnisse sehr wohl von ihr lernen kann, und was
einem Sesostris, der Verkörperung ägyptischer Fürstengrösse, nicht
möglich war, dürfen wir auch dem Pharao Necho schwerlich zutrauen.
Abfahrtsort der Expedition.
Haben wir uns im Vorstehenden über die Zeit, in welche die Expedition
fällt, Rechenschaft gegeben, so wird es nun nicht minder wichtig sein,
den Ort festzustellen, von wo die Phönizier aussegelten. Trotzdem
übergehen die meisten Forscher diesen Punkt mit Stillschweigen; doch
kann man hie und da aus beiläufigen Bemerkungen den Schluss ziehen, dass
sie der Ansicht sind, die Fahrt sei von der Nordspitze des rothen Meeres
ausgegangen. Und in der That hat diese Vermuthung auf den ersten Blick
etwas Bestechendes, denn da die Phönizier wohl hauptsächlich im Delta
sassen, war ihnen der nordwestliche Ausläufer jenes Meerbusens nahe
genug. Auch hatten, wie wir gesehen haben, die Saïten, zu denen ja
Necho, der intellektuelle Urheber des ganzen Planes, gehörte, im Delta,
also in der Nähe des heutigen Busens von Suez, ihre Residenz. Nichts
desto weniger kann ich der bezeichneten Ansicht nicht beipflichten; denn
der Verkehr Aegyptens mit den südlichen Ländern ist, wie ich gleich
nachweisen werde, in älterer, wie in neuerer Zeit meist nicht von hier
ausgegangen. Eine auffällige Vermuthung verfechten zwei Gelehrte in
trefflichen Abhandlungen, Junker und Sandberg; sie sprechen sich mit
Entschiedenheit für den Golf von Aden als Abfahrtsort aus[185].
Untersuchen wir, mit welchem Rechte! Herodot sagt: „οί Φοίνικες ἐκ τῆς
Ἐρυθρῆς θαλάσσης ἔπλεον“; was haben wir nun unter den Worten „ἐκ τῆς
Ἐρυθρῆς θαλάσσης“ zu verstehen? Sandberg – es mag genügen, einen von
Beiden zu widerlegen – erwähnt mehrere Stellen, wo jener Schriftsteller
ausdrücklich den arabischen Busen vom erythräischen Meere unterscheidet,
und will damit beweisen, dass an ein Absegeln aus ersterem nicht zu
denken sei. Zweitens führt er als Beleg für seine Ansicht das an, was
Herodot über den Skylax überliefert[186], der auf der Rückkehr von
seiner Entdeckungsreise nach Indien zuletzt nach Westen gefahren und so
an dem Orte gelandet sei, von wo Necho die Phönizier ausgesandt hatte,
während der Berichterstatter, wenn diese aus dem rothen Meere abgesegelt
wären, ihn doch schliesslich nach Norden steuern lassen müsste. Mir
scheinen beide Gründe nicht ganz einwandsfrei zu sein. Was den ersten
anbetrifft, so nennt Herodot an einer Stelle das rothe Meer einen Busen
– und das heisst doch so viel wie einen Theil – des erythräischen
Meeres, wie er denn überhaupt unter dem letzteren augenscheinlich den
ganzen indischen Ozean mit dem persischen und dem arabischen
Meerbusen[187] versteht; wenn er also sagt: „Die Phönizier fuhren aus
dem erythräischen Meere ab“, warum sollte es nicht erlaubt sein, an
jenen Theil zu denken? Das zweite Zitat aber, in dem von Skylax die Rede
ist, heranzuziehen halte ich für bedenklich, gerade wo es sich um
Feststellung der Himmelsgegenden handelt, denn in dieser Beziehung ist
Herodot hier sehr ungenau; den Indus, der doch nach Südwesten fliesst,
lässt er nach Osten münden! Dazu kommt, dass König Necho wohl schwerlich
am Busen von Aden Landbesitz hatte, wo er Vorbereitungen zu der
phönizischen Expedition hätte treffen können, wohl aber besass er am
rothen Meere dazu geeignetes Terrain – die Reste der dortigen
Schiffswerfte sah ja Herodot noch[188] –, und schliesslich können wir
behaupten, dass den Phöniziern das rothe Meer viel zu bekannt gewesen
sein wird, als dass sie eine Fahrt auf demselben hätten zu scheuen
brauchen. Sehen wir also von der Nordspitze des Meeres und vom Golf von
Aden ab und suchen eine andere Stelle ausfindig zu machen, die mit
grösserer Wahrscheinlichkeit den Ruhm für sich in Anspruch nehmen kann,
der Abfahrtsort dieser denkwürdigen Expedition gewesen zu sein. Etwa
unter 26° n. Br. liegt am Nil an einer Stelle, wo der Fluss sich dem
rothen Meere auf 150 Km. nähert, die Stadt Keneh, ein wenig nördlicher,
als im Alterthum Koptos lag. Von dieser Stadt führte, wie heute von
Keneh, eine Strasse durch das Thal, welches jetzt Wadi Hamamat heisst,
zum Meere[189] in der Gegend, wo Kosseir liegt, der Leukos Limen der
Griechen[190]. Von diesem Hafen oder von seiner nächsten Umgebung wird
die Expedition der Phönizier wahrscheinlich ausgegangen sein. Den Beweis
für die geäusserte Ansicht wird ein Ueberblick über die Rolle geben,
welche diese Stätte in der Geschichte des ägyptischen Handels und
Verkehrs gespielt hat. Bereits vor und während der Pyramidenzeit war der
Weg von hier aus an den Nil eine Hauptstrasse des Weihrauchhandels;
jedenfalls schon in den Tagen der elften Dynastie, vielleicht noch
früher, ist von Seiten der Regierung der Versuch gemacht worden, von
hier aus direkte Beziehungen zu dem Lande Punt, der Heimath des
Weihrauchs in Arabien, anzuknüpfen. Ob den Endpunkt der Strasse am Meer
Kosseir oder ein nur wenig weiter nördlich gelegener Hafen bildete, mag
dahin gestellt bleiben[191]; zur Zeit der zwölften Dynastie, wo der
Handel auf dem rothen Meere in voller Blüthe steht, ist sein
Ausgangspunkt jene andere Stelle. In den nächsten Jahrhunderten scheint
der Verkehr mit Punt bald unterbrochen gewesen zu sein, bald aber lesen
wir, dass er einen neuen Aufschwung nimmt, so besonders nach der
Vertreibung der Hyksos, wo in Aegypten dasselbe geschah, was sich 3000
Jahre später in Spanien nach der Besiegung der Mauren wiederholte: das
Selbstgefühl, gehoben durch die in schweren Kämpfen wieder errungene
Freiheit, äusserte sich in kühner Seefahrt, und die Königin Hatasu, das
Spiegelbild der kastilischen Isabella, beschloss wieder Schiffe ins
Weihrauchland zu entsenden. Leider fehlen über den Abgangsort derselben
alle positiven Angaben; erst das wissen wir wieder sicher, dass unter
Ramses III. in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Expeditionen
den alten Weg von Koptos zur Küste gehen, ja dass Ramses IV., der
unmittelbare Nachfolger jenes Königs, sich durch Anlegung einer neuen
Verbindungsstrasse besonders verdient gemacht hat. Nicht geringere
Bedeutung hat der Verkehrsweg zur Zeit der 26. Dynastie, der saïtischen,
eben der des Necho. Diese umfasst eine Periode der Restauration; im
Kultus, in der Sprache, in der Schrift kommt man auf das Alte zurück.
Das Staatsleben sucht man durch das Hervorholen archaistischer
Titulaturen mit der Würde verflossener Jahrtausende zu umkleiden und
tritt mit einer gewissen Ostentation auch auf anderen Gebieten in die
Fussstapfen der älteren Königshäuser. Schon aus diesem Grunde würde es
uns leicht glaublich erscheinen, dass man auch bei der Wiederaufnahme
eines regeren überseeischen Handelsverkehrs hinsichtlich des
Ausgangspunktes der alten Tradition nicht untreu wurde; aber wir haben
sogar ausdrückliche Beweise dafür. An einer Felswand des Wadi Gasus auf
dem Wege vom Nil zu dem alten Hafenplatze am rothen Meere finden sich
nämlich aus der Zeit der 26. Dynastie die Namen mehrerer „Gottesweiber“
– das sind Königinnen, welche zugleich Gattinnen des Gottes Amon zu
Theben waren –; Beweis genug, dass die Strasse von Koptos an die Küste
damals wieder erhöhte Bedeutung gewann. Und wie zur Zeit der alten
Pharaonen hatte auch unter den Ptolemäern der ägyptische Handel auf dem
rothen Meere seinen Ausgangspunkt neben dem nördlicher gelegenen
Heroopolis[192] hauptsächlich in Kosseir, ja, noch für die Periode um
Christi Geburt schildert uns Strabo Koptos als den Stapelplatz für
indische, arabische und äthiopische Waren, wenn auch die
Verbindungsstrasse mit der Küste etwas weiter südöstlich lief, als
früher, nämlich nach Berenice[193], und selbst in der Neuzeit bis zur
Eröffnung des Suezkanales spielte Kosseir, über das auch eine wichtige
Route für die afrikanischen Mekkapilger führte, als Verkehrsmittelpunkt
dieser Gegenden seine Rolle. So liegt in der That die Vermuthung nahe,
dass dieser Platz oder ein benachbarter Hafen, wie so vieler anderen
Fahrten, auch der phönizischen Ausgangspunkt gewesen, und es dürfte
nicht zu gewagt sein, unter Zurückweisung der oben erwähnten Ansichten
für diese die grössere Wahrscheinlichkeit in Anspruch zu nehmen.
Wo waren die ausgesandten Schiffer zu Hause?
Zeit und Abfahrtsort der Expedition sind somit wenigstens annähernd
festgestellt; es tritt nun an uns die Frage heran: woher nahm Necho die
Mannschaft, welche er aussendete? Auch hierauf können wir jetzt Antwort
geben. Ging das Geschwader erst nach der Rückkehr des Königs vom
syrischen Feldzuge ab, so gewinnt damit die Vermuthung an
Wahrscheinlichkeit, dass die Bemannung der Schiffe nicht von der
phönizischen Küste Asiens, sondern aus dem Nildelta stammte, eine
Ansicht, durch die ich freilich in Gegensatz zu einigen Gelehrten
gerathe, welche sich ebenfalls mit der Umsegelung beschäftigt haben. Ein
Theil der Beurtheiler übergeht diese Frage gänzlich mit Stillschweigen
und lässt sich auch nicht andeutungsweise darüber vernehmen, andere, die
sie nicht besonders erörtern, lassen wenigstens errathen, dass sie
Phönizier aus dem Mutterlande für die Beauftragten halten, während eine
dritte Kategorie dieses geradezu behauptet. Ihnen allen gegenüber möchte
ich auf Folgendes hinweisen. Nechos Herrschaft über Syrien währte nur
wenige Jahre[194]; nach der Schlacht von Karchemisch gab er mit seinen
anderen Eroberungen auch die Herrschaft über die phönizischen Städte
auf[195]. Da lag es ihm doch näher, falls er nun erst seine Expedition
aussandte, die Phönizier im Delta, seine Unterthanen, mit der Ausführung
zu betrauen, als sich an die im Mutterlande gebliebenen zu wenden,
welche eben von seiner Herrschaft wieder frei geworden waren. Auch ist
noch zu erwägen, dass in den nächsten Jahren nach der Schlacht bei
Karchemisch Nebukadnezar Syrien in Besitz nahm[196]. Sobald dieser Herr
der Phönizier geworden war, verstand es sich von selbst, dass sie für
seinen Feind – denn der Friede, welcher folgte, war ein bewaffneter –
nicht fahren durften; aber auch ehe sie wirklich das babylonische Joch
trugen, werden sie schwerlich geneigt gewesen sein, auf etwaige
Anerbietungen Nechos einzugehen und sich damit der Rache des von Osten
gegen sie vordringenden asiatischen Machthabers auszusetzen. Und konnte
Necho nicht die Dienstleistung der syrischen Phönizier recht wohl
entbehren? Ganz gewiss. Nach Herodot[197] wohnten Landsleute von ihnen
bei Memphis, ja nach Lieblein[198] waren Phönizier bereits 2600 Jahre
vor Chr. von Südarabien – hier glaubt dieser Gelehrte seien sie
ursprünglich zu Hause gewesen – über das rothe Meer nach Aegypten
gekommen und hatten ausser an anderen Stellen auch in der Nähe von
Koptos eine Kolonie gegründet; dass sie sich auch in dem wegen seiner
vielen Wasserstrassen für Handel und Verkehr so sehr geeigneten Delta
werden ausgebreitet haben, dürfen wir bei unserer Kenntniss des
phönizischen Nationalcharakters mit Sicherheit annehmen. Sagt doch auch
Curtius[199]: „Im unteren Nilthale waren die Phönizier seit ältesten
Zeiten heimisch und besassen daselbst die einträglichsten
Handelsstationen“. Und dass sie auf einem Terrain, welches ihrem
amphibischen Charakter so zusagte, die alte Tüchtigkeit zur See, wie die
syrische Heimath sie ihnen anerzogen hatte, sich bewahrten, bedarf kaum
der Erwähnung. Wo wir auch immer phönizische Kolonisten auftauchen
sehen, des Erbes ihres Stammlandes, der Kunst, den flüchtigen Kiel
geschickt durch die wogende Fluth zu lenken, sind sie überall
theilhaftig geblieben; sicherlich nicht am wenigsten diejenigen, welche
an den tausend Wasseradern des Nildeltas neue Wohnsitze gefunden hatten.
Geeignet für die in Frage stehende Fahrt waren auch diese also
unbedingt, denn was werden sie anders gewesen sein als Kaufleute und
Matrosen? Sicher verdankte die ägyptische Handelsmarine zum grossen
Theile den im Delta ansässigen Phöniziern ihre Existenz. Diese wird
Necho also ohne Zweifel auch zur Bemannung seiner neu geschaffenen
Kriegsflotte verwendet, ihnen den Befehl zur Umsegelung Afrikas ertheilt
haben. Fast unwiderleglich scheint mir aber der Beweis dafür, dass es
ägyptische Phönizier gewesen waren, welche die Fahrt unternommen hatten,
sich aus den Vorbereitungen zu ergeben, die Sataspes zu seiner Reise
traf. Er ging, um ein Schiff für seine Umfahrt ausrüsten zu lassen,
nicht, wie es doch näher gelegen hätte, in den Küstenstrich, wo die
persische Marine ihren Hauptsitz hatte, nach Syrien, sondern ins
Nildelta. Da es nun völlig ausgeschlossen erscheinen muss, er habe
Aegypter heuern wollen[200], bleibt nur die Annahme übrig, dass er die
hier ansässigen Phönizier für diejenigen Leute hielt, bei denen die
Tradition von der Fahrt des Necho am lebendigsten war, und denen er am
ersten zutrauen durfte, die Fährlichkeiten einer neuen gleichen Reise
mit ihm zu bestehen.
Unternehmungslust des Alterthums auf dem Gebiete des Reisens.
Das passendste Werkzeug drängte sich also einem Könige Aegyptens, der
seinem Lande durch Förderung des Handels bisher unbekannte Quellen
materiellen Wohlergehens erschliessen wollte, gewissermassen von selbst
auf, und diese Erwägung mag fördernd auf Nechos Pläne eingewirkt haben;
bei sorgfältiger Betrachtung wird sich aber zeigen, dass auch manche
andere Verhältnisse sowohl des Alterthums im Allgemeinen, als auch der
Zeit Nechos im Besondern, die Aussendung der Expedition in einem nicht
so wunderbaren Lichte erscheinen lassen, wie man auf den ersten Blick
geneigt sein könnte zu glauben. Zunächst muss festgestellt werden, dass
es heissen würde, einen grossen Irrthum begehen, wenn man dem Alterthum
Mangel an Unternehmungsgeist auf dem Gebiete des Reisens vorwerfen
wollte. Abgesehen von vielen über allem Zweifel erhabenen Fahrten der
Phönizier und Griechen erinnere ich nur an ein Faktum, das Herodot
selbst erzählt[201]. Aus dem Volke der Nasamonen, nomadischer
Schafzüchter an den Syrten, unternahmen einst fünf Jünglinge die
abenteuerliche Wanderung nach dem Niger, eine That, die erst in unserer
Zeit durch Expeditionen, welche mit allen Hülfsmitteln moderner Kultur
ausgerüstet waren, in Schatten gestellt ist. Diese Durchquerung der
Sahara von Seiten der Nasamonen ist eine grossartigere Leistung als
selbst die Umsegelung Libyens durch die Phönizier. Befähigt waren die
Vertreter beider Völker für die Lösung ihrer Aufgabe, diese in Folge
ihrer früheren ausgedehnten Fahrten zur See, jene durch ihre jährlichen
Wanderungen nach Audschila, von wo sie Datteln holten[202]. Aber wenn es
wahr ist, dass Wüsten die sie begrenzenden Länder mehr trennen als
Ozeane die Küsten, welche sie bespülen, so wird auch zugestanden werden
müssen, dass eine Wanderung durch das unbekannte afrikanische Sandmeer
ohne Kamele, die damals in jenem Erdtheile noch nicht heimisch waren,
mindestens eben so schwierig sein musste, wie eine Fahrt in eine fremde
Wasserwelt, bei der man doch die Küste schwerlich auch nur einen Tag
ausser Sicht verlor. An einem gewissen Wagemuthe, der die Schrecknisse
aberteuerlicher Fahrten gering achtete, fehlte es also dem Alterthume
entschieden nicht.
Antriebe zur Fahrt.