Und wenn es Männer gab, die einer solchen Aufgabe gewachsen sein

mochten, so waren sie es. Kein Land war geeigneter, ein Volk zur

Seefahrt zu erziehen, als ihre Heimath, der schmale Küstensaum Syriens

mit seinen trefflichen Buchten, mit den Cedern und Cypressen des

Libanon, die ein Material zum Schiffsbau lieferten, wie es besser kaum

gefunden werden konnte, und mit seinem wenig ergiebigen Boden, der den

Menschen seit den ältesten Zeiten gelehrt hatte, seine Blicke auf das

Meer zu richten, das hier in nächster Nähe die hafenreichen Küsten

dreier Erdtheile umfluthete. Daher erfreuten sich die vielen Städte

dieses Gestades, von denen man im benachbarten Aegypten sagte, sie seien

reicher an Fischen als an Sand, hoher Blüthe, und Sidon, Tyrus, Berytus,

Tripolis u. a. bildeten, in ihrer besten Zeit frei von jeder fürstlichen

Herrschaft, einen seemächtigen Bund, eine Hansa des Alterthums, welche

mehr und mehr mit der See verwuchs, die vor ihren Thoren brandete. Kein

Wunder, wenn in einem solchen Lande ein Volk erstand, dem wir die

hervorragendsten Entdeckungen des Alterthums verdanken. Schon den

Knaben, welche in diesen Küstenstädten das Licht der Welt erblickten,

galt das Meer als zweite Heimath; so kannten sie, zu Männern

herangereift, nicht nur alle Tücken, durch welche die bösen Geister der

Luft und des Wassers die Schiffer zu necken und zu ängstigen pflegen,

nein, sie verstanden auch – wohl unter allen Sterblichen die ersten –

die Kunst gegen den Wind zu segeln[133]. Zunächst befuhren sie die

Gestade des Mittelmeeres und gründeten hier Kolonieen und

Handelsfaktoreien; die Küsten Siziliens und Sardiniens, die Balearen

gehörten ihnen, in Afrika hatten sie Niederlassungen, und von der

Pomündung holten sie den Bernstein, der auf uralten Handelsstrassen von

Preussen über die Alpen hierhergebracht wurde. Nachdem sie so das

heimische Gewässer nach allen Richtungen hin gekreuzt, genügte ihnen

dieses rings umschlossene Becken nicht mehr; kühn segelten sie durch die

Säulen des Herakles hinaus in den weiten atlantischen Ozean und landeten

an der Küste von Tarschisch im südwestlichen Spanien[134]. Hier erbauten

sie als ältesten Hafen Gadir, das heutige Cadiz, wahrscheinlich schon

ums Jahr 1100 v. Chr.[135]. Ohne Rast und Ruhe aber, wie sie waren, ein

echtes Handelsvolk, trieb es sie noch weiter in das unermessliche

Weltmeer hinaus, und es liegt kein Grund vor, an der Nachricht Strabos

zu zweifeln, dass sie von Britannien – genauer von den Scilly-Inseln vor

der britischen Küste – Zinn geholt haben[136]. Doch selbst diese

erweiterte Reise genügte ihnen nicht; sie schlugen noch eine andere

Richtung ein und haben jedenfalls schon in sehr früher Zeit auch in das

rothe Meer ihre Ruder getaucht, und zwar zunächst wohl auf ihren viel

besprochenen Fahrten nach Ophir. Als sicher darf betrachtet werden, dass

diese schon ums Jahr 1000 v. Chr. stattgefunden, weniger fest steht, was

wir uns denn unter Ophir eigentlich zu denken haben. Die einen versetzen

es nach Indien[137], andere nach Ostafrika, Madagaskar gegenüber[138]

oder weiter nördlich ins Somaliland[139], und nach einer dritten Ansicht

ist es im südwestlichen Arabien, in Jemen, zu suchen, wo in

den ältesten Zeiten der Geschichte der Mittelpunkt für den

indisch-äthiopisch-ägyptisch-arabisch-phönikischen Handel war[140]. Von

einer Seite ist sogar die Entdeckungsfahrt Nechos als eine Reise nach

Ophir angesehen worden[141]. Es kann natürlich nicht die Absicht des

Verfassers dieser Abhandlung sein, in eine selbständige Untersuchung

über die Frage einzutreten, wo Ophir gelegen haben mag, sie würde weit

von unserm Thema abführen; die meisten kompetenten Beurtheiler haben

sich allmählich wohl dahin geeinigt, dass es in der That in Jemen oder

einem der andern Küstenländer in der Nähe von Bab-el-Mandeb zu suchen

sei, eine Vermuthung, die wir theilen. Zwar sagt die heilige Schrift:

„Das Meerschiff des Königs Salomo, das auf dem Meere mit dem Schiffe

Hirams fuhr, kam in dreien Jahren einmal“[142], und man hat geglaubt,

das Land Ophir deshalb in grösserer Entfernung vom Nordende des rothen

Meeres, dem Ausgangspunkte dieser Expeditionen, suchen zu müssen; wenn

man aber erwägt, dass die Schiffer auf diesen Fahrten gewiss sehr häufig

anlegten, ans Land gingen und ausgiebigen Tauschhandel mit den

Eingeborenen, vielleicht auch den weiter im Innern wohnenden, trieben,

wird man an der langen Abwesenheit keinen Anstoss mehr nehmen. Kaum zu

bezweifeln dürfte aber sein, dass die Phönizier auch bei Bab-el-Mandeb

nicht Halt machten, sondern lange vor Necho durch diese Strasse hindurch

in den indischen Ozean hineinsegelten, zwar nicht an der afrikanischen

Küste entlang, aber, links umbiegend, an dem südlichen Gestade

Vorderasiens hin; denn mit dem Verwerfen der Annahme, Ophir habe in

Indien gelegen, soll keineswegs die Behauptung ausgesprochen sein, die

Phönizier hätten dieses Land auf ihren Fahrten nicht berührt. Im

Gegentheil, es ist sehr wahrscheinlich, dass sie bis hierhin gelangt

sind. Indische Kaufleute fuhren früh, wie Lassen[143] nachweist, von

ihrer Heimath nach Arabia felix, um hier die Produkte ihres Landes

abzusetzen; scheint es da nicht nach allem, was wir sonst über die

Phönizier wissen, schon von vornherein in hohem Grade glaubhaft, dass

sie, den Spuren dieser Händler folgend, nach Indien gesegelt seien, um

die Waren an Ort und Stelle zu kaufen? Wenn sie – Küstenfahrt

vorausgesetzt – bei der Strasse von Ormus nach Persien hinübergingen und

so den persischen Meerbusen abschnitten, war der Weg von Jemen nach

Indien nicht annähernd so weit wie der von Phönizien nach den

Kassiteriden. Ein präziser Beweis für diese phönizischen Reisen nach

Indien ist zwar nicht zu erbringen und die Thatsache selbst darum viel

angezweifelt worden; es liegt aber kein Grund vor zu der Annahme, dass

dieselben Männer, welche die westliche Pforte der Mittelmeerwelt so bald

durchsegelten, an der östlichen zaghaft Halt gemacht haben sollten. Dies

ist um so weniger wahrscheinlich, als wir wissen, dass die Sabäer im

südwestlichen Arabien schon in sehr alten Zeiten Seeverkehr mit Indien

hatten; sie konnten die Phönizier über den Weg belehren oder ihnen als

Führer dienen. Auch Lassen zieht diese Fahrten durchaus nicht in

Zweifel, wenn sie ihm auch bei seinem Standpunkt in der Ophirfrage als

Reisen in jenes Land gelten[144]. Man braucht ja nicht gleich

anzunehmen, wie Grotefend dies thut[145], dass sie bis Ceylon hinab

gefahren seien; es genügte für ihre Zwecke, etwa an die Mündung des

Indus zu gelangen, wo sie zweifellos alle Produkte Indiens erwerben

konnten. Wenn ich eben die Ansicht aussprach, die Phönizier seien vor

Necho von Bab-el-Mandeb aus wohl nach Indien, nicht aber um das Kap

Guardafui herum an der Ostküste Afrikas nach Süden gefahren, so denke

ich das folgendermassen, wenn nicht zu beweisen, so doch wahrscheinlich

zu machen. Die Produkte, welche die Schiffe Salomos aus Ophir – also

Jemen oder nahe liegenden Ländern – holten, sind: Gold, Sandelholz,

Edelsteine, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen. Von diesen Waren werden

Sandelholz, Pfauen und wahrscheinlich auch Edelsteine aus Indien dorthin

gebracht worden sein, Gold und Silber kamen in Südarabien vor, dessen

Ruf als Produktionsstätte dieser Edelmetalle, zumal des Goldes, wie die

Erzählung von der Königin von Saba beweist[146], im Alterthume weit

verbreitet war, Elfenbein und Affen aber in Afrika, obgleich ersteres

auch aus Indien und letztere aus Arabien zu haben waren. Jedenfalls

konnten die Händler aber beides in der Gegend von Bab-el-Mandeb so gut

erhalten wie weiter südlich. Waren sie an der Danakil- oder Somaliküste,

so befanden sie sich bereits in dem Produktionsgebiet dieser Waren oder

vermochten sie doch aus dem Innern des Landes ohne Mühe zu beziehen;

warum sollten sie da versuchen, sie von den entfernteren Küstenstrichen

zu holen? Zu einer Fahrt nach Süden musste ihnen erst aus späteren

Verhältnissen ein Antrieb erwachsen. Ganz anders lag die Sache

hinsichtlich Indiens. Die Produkte dieses Landes an Ort und Stelle, also

jedenfalls billiger zu erwerben, als es in Ophir möglich war, musste ihr

Bestreben sein, sobald sie deren Werth erkannt hatten, und frühere

Fahrten dorthin sind also nicht unwahrscheinlich.

So treten uns die Phönizier als das kühnste Schiffervolk des Alterthums

entgegen; wahrlich, wir können Männern unsere Bewunderung nicht

versagen, welche die Meere von England bis Indien befuhren, ohne die

hülfreiche Nadel Flavio Giojas zu besitzen, und ohne eine andere

Seekarte als etwa diejenige, welche die kunstfertige Hand des Hephästus

in Erz gebildet hatte, als er dem Sohne der Thetis seine neue Wehr

schuf. Wohl geschult und furchtlos war also jedenfalls auch die

Mannschaft, welche die Schiffe Nechos hinaussteuerte in die unbekannte

Weite, und Alles, was uns sonst über phönizische Seeleute überliefert

ist, spricht dafür, dass sie im Stande war, ihr gefahrvolles Unternehmen

glücklich zu Ende zu führen. Freilich, Männer wie Vincent und ähnliche,

wahre Fanatiker des Zweifels, haben den Phöniziern selbst seemännischen

Muth absprechen wollen, eine Eigenschaft, die sie doch in so hohem Grade

besassen, dass jedes Blatt der Kolonialgeschichte des Alterthums die

leuchtendsten Beispiele davon zu erzählen weiss. Nicht weil zu besorgen

wäre, dass jene mit ihrer Ansicht durchdringen könnten, sondern nur der

Vollständigkeit wegen mögen hier diese Behauptungen zurückgewiesen sein.

Ukert[147] führt die Furcht der phönizischen Schiffer auf Xerxes’ Flotte

vor der Umsegelung des Athos an. Eine Quelle dafür nennt er nicht, und

ich muss leider gestehen, so unwissend zu sein, dass ich eine solche

nicht kenne; trotz eifrigen Suchens habe ich keine hierauf bezügliche

Andeutung in irgend einem Schriftsteller gefunden. Doch gesetzt, Ukert

kennte eine solche, wäre diese Furcht auffällig? Giebt es nicht Stunden,

denen auch der Muthigste mit Besorgniss entgegensieht? Sagt nicht

Herodot ausdrücklich[148], dass Alle, die vor Xerxes um den Athos

gefahren, grossen Verlust erlitten hätten, und wird nicht speziell das

Unglück des Mardonius jenen phönizischen Seeleuten, die im Jahre 480 den

Zug nach Griechenland mitmachten, genügend bekannt gewesen sein? Wohl

mag also die sonst so Kühnen beim Anblick jener Unglücksstätte einen

Augenblick Zaghaftigkeit befallen haben – ein Charakterzug des Volkes

war sie nicht, und dass die Phönizier im allgemeinen die Gefahren

fremder Meere nicht fürchteten, beweist ihre Geschichte zur Genüge. Das

andere Beispiel, das Ukert erwähnt, betrifft Nearchs Fahrt an den

südlichen Küsten Vorderasiens, die ja in der That keine hervorragende

nautische Leistung genannt werden kann. Mit Recht ist aber gegen eine zu

ungünstige Beurtheilung derselben geltend gemacht worden, dass die

Flotte dieses Admirals, aus zusammengerafften Schiffen bestehend, kein

richtiges Bild von der Leistungsfähigkeit des damaligen Seewesens giebt,

und die Bemerkung Ukerts, dass die Umsegelung Afrikas nicht an

Wahrscheinlichkeit gewinne, wenn man diese Expedition betrachte, hat

Sandberg[149] zurückgewiesen, indem er darlegt, dass Alexander, als er

den Nearch entsendete, neben Cypriern, Kariern und Aegyptern freilich

auch wohl Phönizier, aber doch schwerlich phönizische Matrosen in seinem

Heere gehabt habe[150]. Dass übrigens dies Geschwader, welches Nearch

von Indien her in den Euphrat führte, von Alexander selbst als untüchtig

angesehen wurde, geht ganz klar daraus hervor, dass er nach dem

Eintreffen desselben in Babylon noch phönizische Schiffe aus Syrien auf

dem beschwerlichen Ueberlandwege bis Thapsakus kommen und ausserdem eine

neue Flotte bauen liess. Auch die Bemannung zog er aus Phönizien und

andern Küstenländern heran, alles, um zur Umschiffung Arabiens eine

wirklich tüchtige Seemacht zur Verfügung zu haben[151]. Mit andern

Bedenken, die ebenfalls Zweifel an dem Muthe der Phönizier erheben,

tritt uns Vincent[152] entgegen. Er sagt, es sei nicht anzunehmen, dass

Seefahrer aus diesem Volke in den Kanal von Mozambique mit seiner

reissenden Strömung hineingesegelt seien, sowie sie ihn zuerst

erblickten, während doch die Araber in der langen Zeit, wo sie die

Ostküste Afrikas befuhren, das niemals gewagt und ihre Besitzungen nur

bis zu seinem nördlichen Eingange ausgedehnt hätten. Er ist leicht

widerlegt, denn was er über die Grenzen der arabischen Schifffahrt in

diesen Gegenden sagt, ist einfach unrichtig. Die Araber sind

wahrscheinlich bis zum heutigen Inhambane und dem Kap Corrientes

gelangt, Punkten, die beide am Südende des Kanales liegen[153]. Es wird

also schwerlich glücken, die Schiffer Nechos als Leute hinzustellen,

denen der zu einer Umsegelung Afrikas nöthige Muth fehlte, und die

„ausserordentlich dehnbare Vorstellung von der Seetüchtigkeit der

Phönizier“, welche Berger[154] bespöttelt, braucht nur auf das durch das

Alterthum gut beglaubigte Mass zurückgeführt zu werden, um an wirklich

grosse Thaten derselben glauben zu machen. Waren sie, nach ihrem

Verhalten beim Graben des Kanals am Athos zu schliessen[155], überhaupt

anstellige und gewandte Leute, so ist es um so mehr über allen Zweifel

erhaben, dass sie in der Führung von Schiffen unübertroffen

dastanden[156]. Was die Venetianer und Genuesen dem Mittelalter, was die

Holländer und Engländer der Neuzeit waren und sind, das ist jenes Volk

dem Alterthume gewesen, und ohne Bedenken dürfen wir Heeren

beipflichten, wenn er sagt[157]: „Der Zufall hat uns einen Bericht von

ein paar solcher Unternehmungen erhalten, die Herodot gelegentlich

anführt; aber wie viele mögen von einem Volke gewagt und glücklich

ausgeführt sein, das so gut wie die Briten und Portugiesen seine Cooks

und seine Vaskos da Gama gehabt haben muss!“ Wenn aber die Phönizier in

Betreff aller zur Lösung der schwierigen Aufgabe erforderlichen

Eigenschaften dem Volke des Necho so weit überlegen waren, fällt nicht

nur jeglicher Grund des Staunens weg, dass er mit Uebergehung der

eigenen Landsleute jene durch seinen Auftrag auszeichnete, sondern es

wird auch Jeder, der nicht voreingenommen ist, zugeben müssen, dass

vielmehr durch die Erwähnung dieses Umstandes einerseits die Erzählung

glaubwürdiger und andrerseits die glückliche Vollendung der Fahrt

wahrscheinlicher wird.

Vermuthliche Ansichten über die Gestalt und südliche Erstreckung

Afrikas ums Jahr 600 v. Chr.

Mögen wir aber den Muth der phönizischen Schiffer noch so hoch stellen,

mögen wir uns ihren Drang nach Abenteuern so unwiderstehlich wie möglich

ausmalen, wir dürfen uns doch bei sorgfältiger Erwägung der Sachlage

nicht verhehlen, dass sie sich die Umsegelung wahrscheinlich weit

leichter vorstellten, als sie wirklich war, und ihnen vor allem die

weite Süderstreckung Afrikas nicht bekannt gewesen sein wird. Hätten sie

von letzterer eine Ahnung gehabt, möchte auch dem Kühnsten von ihnen

wohl der Muth entsunken sein. Wie weit die Kenntnisse der Phönizier in

der Geographie Afrikas und der dasselbe umgebenden Meere ums Jahr 600 v.

Chr. gingen, können wir nur annähernd feststellen. Da uns direkte

Nachrichten darüber nicht zu Gebote stehen, sind wir auf Rückschlüsse

angewiesen, und auf Grund derselben dürfen wir wohl annehmen, dass das

Wissen des Herodot in dieser Beziehung auch etwa das jener Phönizier

gewesen sein mag, denn einmal ist der Zeitraum, der beide von einander

trennt, nicht so erheblich, dass er bei der verhältnissmässig langsamen

Erweiterung der Länderkunde während des Alterthums ins Gewicht fallen

könnte, und zweitens waren sowohl phönizische Schiffer, wie auch Herodot

weit umhergekommen, und die Vermuthung, dass beide Theile das, was die

damalige Welt überhaupt von den Oberflächenverhältnissen der Erde

kannte, etwa in gleicher Weise ihr geistiges Eigenthum nannten, scheint

wohl berechtigt. Wenn wir also feststellen, was Herodot von

afrikanischer Geographie wusste, so werden wir damit zugleich auch

ungefähr den Kreis der phönizischen Kenntnisse umschrieben haben.

Herodot weiss aber im ganzen von Afrika – oder wie er sagt, von Libyen –

nicht viel. Was das Innere des Erdtheils anbetrifft, so ist ihm nicht

fremd, dass sich die Wüste von Theben bis zu den Säulen des Herakles

erstreckt, sonst aber wird er in den Aegypten ferner liegenden Theilen,

wie jenseit Karthagos, schon ziemlich unsicher. Wie weit aber

hinsichtlich der Gestadeländer seine und der Phönizier Kenntniss ging,

darüber sind wir nicht durchweg genügend unterrichtet. Bis zu welchem

Punkte ihnen z. B. die Ostküste bekannt war, ist unmöglich genau zu

sagen; es herrscht wohl einige Uebereinstimmung, dass sich nur

Vermuthungen darüber aufstellen lassen. Herodots mehr oder weniger

gründliches Wissen ging wahrscheinlich bis Bab-el-Mandeb[158]; davon,

dass den Phöniziern die südlicheren Gegenden bekannt gewesen seien,

haben mich die aus Strabo und einigen anderen Schriftstellern von

verschiedenen Gelehrten gezogenen Schlüsse nicht überzeugen können. Fest

steht dagegen, dass Herodot und zweifellos auch schon den Phöniziern

viel früherer Zeit die Nordküste im ganzen und grossen wohl bekannt war;

in Betreff der Westküste sind die Nachrichten, welche er den Sataspes

von seiner Fahrt mitbringen lässt[159], zu ungenau, als dass wir darauf

irgend welche sichere Vermuthung gründen könnten. Die Frage nach seiner

Kenntniss der Länder jenseits des Kap Soloeis[160] können wir wohl, ohne

ihm zu nahe zu treten, dahin beantworten, dass er nur eine unklare

Vorstellung von ihnen hatte; hinsichtlich dieses Vorgebirges dürfen wir

aber mit grosser Sicherheit annehmen, er habe darunter das heutige Kap

Spartel verstanden. Wenn nun das, was die Phönizier wussten, sich in

einem Punkte mit der Kenntniss Herodots vielleicht nicht deckte, so war

es eben in Betreff der Westküste, wo ihnen wahrscheinlich weiter nach

Süden gelegene Gegenden nicht unbekannt waren. Es lässt sich dies aus

einigen Stellen alter Schriftsteller folgern[161]. Isaak Vossius in

seinen: Observationes ad Pomponium Melam de situ orbis[162] meint sogar,

dass die Nachricht des Strabo, die Phönizier hätten bald nach dem

trojanischen Kriege jenseit der Säulen des Herakles auf der libyschen

Küste Kolonieen angelegt, mit dem Periplus des Hanno in Verbindung zu

setzen sei; demnach hätten also wenigstens die karthagischen

Stammesgenossen der Phönizier lange vor Necho einen grösseren Theil des

westlichen Gestades befahren. Doch geht die Ansicht der meisten Forscher

dahin, dass dieser Periplus weit später, erst nach der Umsegelung durch

die Phönizier (etwa 470) angenommen werden dürfe. Nach Junker[163], der

für seine Ansicht einen geistvoll erdachten Grund anführt, hätten die

Karthager den von Herodot erwähnten Tauschhandel an der Goldküste

betrieben, woraus wir schliessen könnten, dass wohl auch den verwandten

Phöniziern das westliche Gestade Afrikas bis hierher bekannt gewesen

sei, doch haben sich andere wichtige Stimmen erhoben, welche ihn nach

Senegambien an den Rio do Ouro verlegen[164]. Auf alle Fälle ging aber

die Kenntniss der Karthager – und damit wohl auch der Phönizier – über

Kap Soloeis hinaus. Die dreieckige Südhälfte des Erdtheils war natürlich

gänzlich unbekannt, und in Folge davon hat das Alterthum die für die

projektirte Umschiffung so wichtige Frage nach dem Zusammenhange der

Meere in jener Gegend sehr verschieden beantwortet; noch die Späteren

stehen hierin in direktem Widerspruch unter einander. Hipparch[165] z.

B., in der Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr., und Ptolemäus[166],

etwa 150 Jahre n. Chr., leugneten eine südliche Verbindung des Ost- und

des Westmeeres, Strabo und andere[167] glaubten, dass sie vorhanden. Aus

früherer Zeit ist die Ansicht Alexanders des Grossen interessant; auch

er, dem auf seinen weiten Zügen sich manche Gelegenheit geboten haben

mochte, der Lösung geographischer Streitfragen näher zu treten, war von

der Einheit der Weltmeere überzeugt, wie wir aus einer Stelle Arrians

ersehen, wo er sagt: „Das grosse Meer umgiebt die ganze Erde“[168],

Worte, aus denen einige schliessen, er habe von der Umsegelung gewusst

und den Bericht über sie für wahr gehalten. So gern ich dieser Ansicht

als einem für meine Auffassung sprechenden Beweise beistimmen möchte,

vermag ich es leider nicht. In Alexanders Worten spricht sich eine

uralte griechische Anschauung aus; wer dieser huldigte, konnte an die

Möglichkeit einer Umschiffung Libyens glauben, auch wenn er die That der

Phönizier bezweifelte, und wenn der macedonische Welteroberer, wie man

meint, wirklich daran gedacht hat, Afrika umsegeln zu lassen, so ist

sein Heldenmuth vor einer solchen Expedition schwerlich

zurückgeschreckt, auch wenn der Glaube fehlte, dass andere ihm die Pfade

geebnet hätten. Herodot selbst vertheidigt die Ansicht von dem

Zusammenhang der Meere[169], wenn auch seine fortgeschrittenere Bildung

ihn den homerischen Ozeanusfluss belächeln lässt[170]; aber dieser

Zusammenhang ist ihm erst durch die phönizische Fahrt festgestellt[171].

Schwerlich werden also die Phönizier, als sie absegelten, gewusst haben,

ob wirklich ein Wasserweg ganz um den Erdtheil herum führte; es wird

eben – wie vorhin schon angedeutet – ein Versuch gewesen sein, den sie

machten. Waren doch zu Herodots Zeit in Aegypten noch wunderbare Märchen

über manche Theile des erythräischen Meeres verbreitet, wie wir daraus

entnehmen können, dass die Priester gläubig erzählten, Sesostris sei bei

seiner See-Expedition an eine Stelle gekommen, die er wegen der Untiefen

nicht habe befahren können[172]. Dass freilich auch die Phönizier an die

Unwegsamkeit der Meere unter gewissen Himmelsstrichen geglaubt –

Phantasieen, wie sie uns vor der Zeit der grossen Entdeckungen im

Mittelalter wieder begegnen – wird nicht überliefert. Aber waren sie

auch zu aufgeklärt, um solche Märchen für Wahrheit zu nehmen,

die Gestalt Afrikas – das dürfen wir aus den vorstehenden

Auseinandersetzungen schliessen – war sowohl ihnen, wie Herodot in

tiefes Dunkel gehüllt. Der letztere spricht dies offen aus, wo er von

dem Oberlaufe des Nils redet[173]; ebenso geht es hervor aus der Stelle

III, 114, die Sandberg zitiert[174]. Herodot sagt hier, dass Aethiopien

– d. i. Südafrika – sich von Arabia felix nach Südwesten erstrecke, als

das letzte der bewohnten Länder; wie weit aber, das lässt er dahin

gestellt. Wenn wir uns nun gar daran erinnern, wie noch Strabo über

diese Frage dachte[175], dem die Südgrenze Libyens etwa bei 10° n. Br.

liegt, so wird uns nicht länger zweifelhaft sein, dass die Phönizier 600

v. Chr. keinenfalls von dem wirklichen Sachverhalt eine Ahnung hatten,

und diese Täuschung, in der sie sich über die wahre Gestalt des

Erdtheils befanden, den sie umsegeln sollten, wird für sie ein neuer

Antrieb gewesen sein, die Fahrt kühnen Muthes zu unternehmen, für uns

aber ist sie ein Grund mehr, an ihr nicht zu zweifeln.

Genauere Zeitbestimmung der Fahrt.

Die Umsegelung Afrikas durch phönizische Schiffer ums Jahr 600 v. Chr. Geb. · 第 3 / 12 段