Das ist in grossen Zügen ein Bild dieses bedeutenden Herrschers. Nun

wird es sich darum handeln: war er ein Fürst, von dem man sich den

Befehl zur Umschiffung Afrikas ausgehend denken kann? Ich glaube es wird

sich schwerlich jemand finden, der diese Frage zu verneinen wagt. Selbst

die Bedenken Mannerts, hervorgerufen durch die ägyptische Vorliebe für

Abgeschlossenheit innerhalb der eigenen Heimath[85], werden schwinden

müssen, wenn der Persönlichkeit Nechos die nöthige Berücksichtigung zu

theil wird. Freilich, der einzige Zweck, den er im Auge hatte, war der,

für Handel und Verkehr den Weg zu ebnen; wissenschaftliche Begeisterung,

welche späterhin so viele Reisen veranlasst hat und noch auf die

gegenwärtigen Entdeckungsfahrten einen so grossen Einfluss ausübt,

dürfen wir seiner Zeit noch nicht zutrauen, und mit Recht sagt

Paulitschke: „Geistige Interessen, ein Verlangen, die Wohnstätte der

Menschheit in einem auch nur mässigen Umfange kennen zu lernen, walten

in dem Zeitraum bis Herodot nirgends vor“[86]. Nur das Bestreben, den

materiellen Wohlstand seines Volkes durch die Theilnahme am grossen

Weltverkehr zu heben, konnte selbst einen Herrscher wie Necho bewegen,

Aegypten in stärkerem Masse mit dem Auslande zu engagiren. Bis jetzt

gingen – abgesehen von den Fahrten nach Punt, von denen nachher die Rede

sein wird – die Aegypter nicht in die Fremde zum Zwecke kaufmännischer

Thätigkeit, sie liessen sich die Waren bringen, suchten sie aber nicht

auf, oder sie verkauften im eigenen Lande ihre Erzeugnisse an die

Nachbarvölker, die dorthin kamen, um sie zu holen[87]. Aber auch in

diesem Verkehr zeigt sich ihre Abgeschlossenheit und die Scheu vor der

Berührung mit Fremden; ich erinnere nur an die Geschichte von Joseph und

seinen Brüdern, denen man bei ihrem Besuche in Aegypten einen Tisch

besonders deckte[88]. Wohl war es also ein wichtiger Schritt, den Necho

that, wenn er sein Land in erweiterte Berührung mit der Fremde brachte,

aber um seiner höheren Zwecke willen hat er den Bruch mit altägyptischer

Sitte und Tradition nicht gescheut. Wir Deutschen der Gegenwart werden

ihn verstehen; haben wir doch selbst erlebt, wie durch eine energische

und weitsichtige Regierung seit dem Auftauchen der modernen

Kolonialbestrebungen unserm Volke, unbekümmert um die Kirchthurmspolitik

engherziger Bierbankphilister, in transozeanischen Ländern weite Gebiete

zur Besiedlung erworben sind. Wer hatte früher in unserm Vaterlande –

abgesehen von unbedeutenden Versuchen einer dafür noch nicht reifen Zeit

– jemals an die Anlage von Kolonieen gedacht? Freilich, Widerspruch hat

der grosse Kanzler, der Förderer dieser überseeischen Gründungen, so gut

dabei erfahren, wie die altägyptische Partei mit Nechos

Regierungsprogramme unzufrieden gewesen sein wird; aber das ist ja

gerade das Charakteristische an grossen Männern, dass sie sich ihre

eigenen Wege suchen. Und Necho ging noch unvermittelter vor als

Bismarck, denn das Beweismittel für die Nothwendigkeit kolonialen

Ländererwerbs, welches unserer Regierung aus der massenhaften

Auswanderung erwuchs, fehlte dem ägyptischen Herrscher vollständig.

Dagegen spielte sich hinter den Kulissen vielleicht etwas anderes ab;

wir werden schwerlich fehl gehen, wenn wir annehmen, dass die Phönizier,

unternehmend und erwerbslustig, wie sie waren, den König selbst zur

Entsendung der Expedition angestachelt haben.

Nechos vermuthliche Ansichten über die Möglichkeit der Heimkehr

seiner Sendlinge.

Ich schliesse hieran gleich die Zurückweisung eines Grundes, den man

geltend gemacht hat, um die Unwahrscheinlichkeit der Fahrt darzuthun,

und der entnommen wird aus dem Befehl des Necho, die Schiffer sollten

durch die Säulen des Herakles zurückkehren. Man hat auf diese

Ueberlieferung hin argumentirt, es liege in dem Wortlaut der

Kursanweisung, dass Necho die Möglichkeit, Afrika im Süden zu umsegeln,

gekannt habe[89]; da dies nun kaum denkbar ist, hat man hieraus einen

Grund entnommen, den ganzen Bericht mit Misstrauen anzusehen. Dem

gegenüber muss jedoch geltend gemacht werden, dass in einem derartigen

Befehle die Möglichkeit, ihn auszuführen, noch keineswegs enthalten ist.

Wie oft wird wohl beispielsweise bei kriegerischen Aktionen das Kommando

ertheilt: „Der und der Truppentheil soll die und die feindliche Stellung

nehmen“. Der Versuch wird natürlich gemacht, ob er aber glückt, das ist

doch eine andere Frage. So wird auch der Befehl Nechos zu verstehen

sein: Die Phönizier sollten eben _versuchen_, ob sie nicht Libyen

umsegeln und durch die Strasse von Gibraltar heimkehren könnten. Gelang

es ihnen nicht, so konnten sie nach Nechos vermuthlicher Ansicht, wenn

sie nicht direkt umwenden wollten, auch noch auf einem andern Wege

heimkehren. Das graueste griechische Alterthum lehrte, der Nil erhalte

seinen Ursprung aus dem Ozeanus. Schwerlich ist nun freilich anzunehmen,

die Sage habe dabei einen äussern Zusammenhang seiner Quelle mit dem

Weltmeere im Auge gehabt; liess man in ältester Zeit doch alles

lebendige Nass dem Ozeanus entstammen, eine Anschauung, welcher eine

Ahnung von dem Kreislauf des Wassers in der Natur zu Grunde gelegen zu

haben scheint. Ferner erzählten alte griechische Sagen, dass man vom

indischen Ozean aus quer durch Afrika ins mittelländische Meer gelangen

könne; so waren nach einer Lesart die Argonauten nach Hause

zurückgekehrt[90]. Sollten diese Sagen dem Necho nicht bekannt gewesen

sein, wo doch zu Naukratis und auch wohl an anderen Stellen des Deltas

Hellenen wohnten, und sollten sie ihn nicht, zum Theil zu wörtlich

genommen und in ihrem Kerne missverstanden, zu falschen geographischen

Vorstellungen verleitet haben? Wie leicht ist das denkbar; und so mochte

er die Rückkehr der Schiffer, welche er aussendete, auch wenn sie den

Weg durch die Säulen nicht fanden doch auf der Route quer durch Afrika

für gesichert erachten. War es dann nicht möglich, um den Süden des

Erdtheils herum einen neuen Handelsweg an die Westküste zu finden, so

konnte es den Bemühungen der Phönizier immer noch glücken, andere Märkte

im Innern auszukundschaften.

Abschliessendes Urtheil über Necho.

Nach reiflicher Erwägung alles dessen, was vorhin über die saïtische

Dynastie im allgemeinen und Nechos Charakter und Pläne im besonderen

gesagt worden ist, werden wir nicht verkennen können, dass in Aegypten

sich zur Zeit jenes Königshauses eine grossartige Umwälzung vollzieht,

und dass Necho unbedingt zu den Herrschern im grossen Stile zu zählen

ist. Sorgfältige Forscher haben dies auch rückhaltlos anerkannt, so

Maspéro, der folgendermassen über ihn urtheilt[91]: „Necho II. war ein

thatkräftiger König vom Schlage der grossen Pharaonen, der, wenn ihm nur

ähnliche Hülfsquellen zu Gebote gestanden hätten, Thotmes und Seti an

Ruhm gleichgekommen wäre“, und The narrative of discovery adventure in

Africa by Murray, Jameson and Wilson[92]: „One of the most industrious

of the native kings of Egypt was Necho, whose name ranks second only to

that of Sesostris[93]. The habits and prejudices of the ancient

Egyptians were unfavourable to maritime enterprises; yet this ruler,

with the spirit of a great man, which raised him superior of the age, in

which he lived, eagerly sought the solution of the grand mystery

regarding the form and termination of Africa“.

Andere Versuche der Umschiffung.

Ist somit die Untersuchung, ob die Aussendung einer Expedition, wie die

phönizische war, mit dem eben entworfenen Bilde Nechos in Einklang zu

bringen sei, zweifellos in bejahendem Sinne abzuschliessen, so wird uns

doch die Erzählung Herodots noch weit glaublicher erscheinen, wenn es

uns glückt nachzuweisen, dass das Bestreben, das schwierige Problem der

Umschiffbarkeit Libyens zu lösen, auch sonst im Alterthume auftaucht.

Und in der That steht Nechos Unternehmung nicht vereinzelt da, wenn es

sich bei den anderen, die wir kennen, auch schwerlich um mehr als

Versuche gehandelt haben wird. Zunächst weiss Strabo[94] von einer

Umsegelung zu melden, freilich nicht, ohne dass erhebliche Zweifel an

ihr geltend gemacht wären. Eudoxus von Kyzikus soll (130 v. Chr.) von

Gades bis zum arabischen Meerbusen um Afrika herumgefahren sein.

Wahrscheinlich ist immerhin, dass er eine Ahnung von der wirklichen

Gestalt des Erdtheils hatte, weil er trotz wiederholten Schiffbruches

den Gedanken, Indien durch Umsegelung desselben erreichen zu können,

nicht aufgab. Auch Plinius berichtet von mehreren Umschiffungen, deren

Wahrheit freilich nicht minder angefochten ist[95]. Ja, selbst ein so

eifriger Gegner der Glaubwürdigkeit der phönizischen Reise, wie

Gosselin, hält es nicht für undenkbar, dass eine solche schon vor Necho

stattgefunden habe, und glaubt, nur dieser, die er für eine Erfindung

der Priester erklärt, die Wirklichkeit absprechen zu müssen[96].

Uebrigens machen die Einwürfe Gosselins an dieser Stelle seines Werkes,

wie auch sonst, den Eindruck, als habe dem Verfasser mehr daran gelegen,

seinen Scharfsinn in helles Licht zu setzen, als der Wahrheit die Ehre

zu geben. Auch Bougainville meint[97], diese Umsegelung sei nichts Neues

gewesen, wie der Wortlaut des von Necho ertheilten Befehles beweise, und

die Vorsichtsmassregeln, welche die Phönizier angewendet hätten, um

günstige Winde abzuwarten, zeigten, dass sie genugsam über die Natur des

von ihnen zu befahrenden Meeres unterrichtet gewesen seien. Ich vermag

hinsichtlich des ersten Punktes, wie oben gesagt, in den Worten Nechos

nur eine Aufforderung zu einem _Versuche_ zu erkennen, die eine

wirkliche Bekanntschaft mit der vorgeschriebenen Fahrstrasse keineswegs

voraussetzt, und was das Abwarten günstiger Winde anbetrifft, so steht

davon zwar im Herodot nichts, doch ist anzunehmen, dass die Phönizier

die wechselnden Luftströmungen des indischen Ozeans kannten und als gute

Seeleute benutzten; ganz entschieden aber muss bestritten werden, dass

sie diese Kenntniss nur durch frühere Reisen um Afrika herum erworben

haben konnten. Auf etwaigen Handelsexpeditionen nach Indien sammelten

sie jedenfalls Kenntnisse über diesen Punkt genau so gut, und dass wir

Fahrten dorthin in der Zeit vor Necho weit eher annehmen dürfen, als

solche, die mehr nach Süden gingen, denke ich weiter unten beweisen zu

können. Mögen nun aber andere Versuche der Umsegelung Afrikas, die das

Alterthum unternahm, geglückt sein oder nicht, auf alle Fälle beweisen

sie, dass der Gedanke daran lebendig war und nichts Auffallendes darin

liegen kann, wenn ein Mann wie Necho ihn verwirklichte. Ueber die

gewaltigen Schwierigkeiten, vor deren Bekämpfung solche Afrikaumsegler

bei dem damaligen Stande der Schifffahrt gestellt wurden, hat man sich

freilich keineswegs getäuscht, das beweist, was Herodot über Sataspes

erzählt[98]. Dieser, ein persischer Grosser, sollte wegen eines schweren

Vergehens auf Befehl des Xerxes den Martertod sterben. Da bat seine

Mutter für ihn und sagte, sie wolle ihm eine grössere Strafe auferlegen,

als jene sei, nämlich die Umschiffung Libyens. Hiermit erklärte sich

Xerxes einverstanden; wir werden uns aber gewiss nicht täuschen, wenn

wir annehmen, dass er auf diesen Vorschlag nur einging, weil er die

Ausführung des Wagestückes sicherem Tode gleich achtete. Sataspes

segelte nun an der Nordküste Afrikas nach Westen, um, den Erdtheil zur

Linken behaltend, um die Südspitze herum ins rothe Meer zu gelangen. Da

ihm hierbei auf dem grössten Theile der Strecke Winde und Strömungen

entgegen waren, verlor er den Muth, wandte sein Schiff und kehrte heim,

hatte aber nun die Nichtausführung des Befehles am Kreuze zu bereuen.

Aus diesem Umstande will Junker[99] schliessen, dass das Gelingen der

phönizischen Expedition dem Grosskönige bekannt gewesen sein musste. Es

hat dies etwas für sich; ein schlagender Beweis freilich ist es bei der

Unberechenbarkeit von Despotenlaunen nicht. Jedenfalls wird aber auch

hier wieder gegen Gosselin Opposition zu machen sein. Nicht wird, wie

jener behauptet, durch den verunglückten Versuch des Sataspes bewiesen,

dass noch keiner vor ihm die Fahrt gemacht[100], sondern nur, dass er,

in der entgegengesetzten Richtung wie die Phönizier fahrend, mit

grösseren äusseren Schwierigkeiten, hervorgerufen durch Wind und Wellen,

zu kämpfen hatte, und allenfalls, dass er weniger Energie besass. Der

Merkwürdigkeit wegen sei hier auch noch auf eine neuere Schrift

hingewiesen, die zu wunderbaren Resultaten kommt[101]. Nach ihr hat

Odysseus etwa im 15. Jahrhundert v. Chr. nicht nur Afrika umsegelt,

sondern ist sogar im südlichen Polarlande gewesen, eine Leistung, die

das weit hinter sich lässt, was Strabo[102], gestützt auf das XIV. Buch

der Odyssee, Vers 81 ff., dem Menelaus zutraut, wenn er dessen Reise für

eine Fahrt um das Kap der guten Hoffnung erklärt.

In Folge der vorstehenden Ausführungen werden wir einmal die

Ueberzeugung gewinnen, dass der Gedanke, Afrika zu umsegeln, das

Alterthum mehrfach beschäftigt hat, sodann aber auch die Vermuthung, die

meisten dieser Versuche seien erfolglos gewesen, als berechtigt

anerkennen und nach sorgfältiger Erwägung aller Umstände dem Ausspruch

Paulitschkes[103] beistimmen: „Dass es vor der epochemachenden Fahrt

Vaskos da Gama irgend einem Seefahrer gelungen wäre, das Kap der guten

Hoffnung zu umsegeln, (wir sehen hier von der Fahrt der Phönizier ab) –

eine Frage, welche viele Geographen beschäftigt hat – ist schwer

glaublich“.

Warum fuhren nicht Aegypter?

Gehörte nun aber König Necho zu den bevorzugten Männern des Alterthums,

in deren Geist der Gedanke an die Lösung eines so schwierigen Problems

Raum fand, hätte man dann nicht erwarten sollen, dass er sein Vertrauen

in dieser Angelegenheit seinen Landsleuten schenkte? Muss es nicht auf

den ersten Blick wunderbar erscheinen, wenn er Fremden die Ausführung

eines so wichtigen Unternehmens übertrug? Eine Betrachtung der

Volkscharaktere der betreffenden Nationen wird uns darüber aufklären und

jedem Zweifel an der Wahrheit der Erzählung, der etwa aus dem Umstande

entnommen werden könnte, dass von einem ägyptischen Könige nicht

Aegypter, sondern Phönizier zu der Fahrt ausersehen seien, ein Ende

machen.

Wenn Nechos Bestreben dahin ging, den Handel seines Landes zu heben –

und dass dies seine Absicht war, zeigt der Kanalbau – so konnte er sich

dazu unmöglich solcher Elemente bedienen, die voll hochfahrenden

Nationalstolzes verächtlich, ja feindlich auf alles, was fremd hiess,

hinabsahen, und denen die Seefahrt nicht nur unsympathisch, sondern auch

völlig ungewohnt war. Solche Leute waren aber die eingeborenen Bewohner

des Nilthales. Strabo sagt, die Könige der Aegypter, zufrieden mit dem,

was sie hatten, und eingeführter Güter nicht eben bedürftig, seien gegen

alle Heranschiffenden feindlich gewesen[104]; und wir haben keinen

Grund, daran zu zweifeln, dass dies ungastliche Verhalten der Könige ein

Ausdruck der Gesinnung des ganzen Volkes gewesen sei. So sind denn nach

Herodot[105] die Jonier und Karer, welche sich unter Psammetich in

Aegypten niederliessen – also nachdem das Reich etwa zwei und ein halbes

Jahrtausend bestanden hatte – als die ersten Leute fremder Zunge in

diesem Lande dauernd sesshaft geworden, und auch sonst pflichtet das

Alterthum der Ansicht jenes Schriftstellers bei[106]. Neuere

Aegyptologen sind allerdings geneigt anzunehmen, dass doch schon früher

einigen heterogenen Elementen der Zutritt gestattet worden sei, nur

nicht den Griechen[107]. Und in der That haben schon in sehr alten

Zeiten die Aegypter Handel mit Fremden getrieben; ja, im neuen Reiche

stand der Verkehr mit Syrien in vollster Blüthe[108]. Fremde werden

jedenfalls schon vor Psammetich Aegypten wenigstens vorübergehend

besucht haben. Wenn dieses Land hinsichtlich seiner Abgeschlossenheit

während des Alterthums China und Japan an die Seite gestellt worden

ist[109], so wird ein derartiger Vergleich nur zutreffend sein in Bezug

auf die letzten Jahrhunderte vor Psammetich, wo die inneren Wirren und

die dadurch herbeigeführte Rechtsunsicherheit den Besuch Aegyptens nicht

räthlich erscheinen lassen konnten; vorher haben Fremde zweifellos dort

verkehrt. Schon Homer führt ja den göttlichen Dulder Odysseus auch an

den Nil[110], und wenn wir demselben Dichter in anderer Beziehung

vertrauen dürfen, verkehrten zu jener Zeit auch bereits Phönizier dort.

Freilich, mehr als geduldet sind die Fremdlinge wohl nicht gewesen, und

erst unter Psammetich und mehr noch unter Amasis werden sie angefangen

haben, eine Rolle zu spielen. Schwerlich wird man irren, wenn man meint,

dass der Grund, aus welchem der erstere die Häfen Aegyptens fremden

Schiffen öffnete, ein politischer war: er suchte ausserhalb des Landes

Stützpunkte für seine Macht[111], und mit Amasis wird es wohl nicht

anders gewesen sein. Es erklärt sich aber aus der nach jener Zeit von

Seiten der Aegypter bewiesenen Gastfreundlichkeit die Ansicht

Herodots[112], dass wir alles, was seit König Psammetich in Aegypten

sich zugetragen, mit Zuverlässigkeit wüssten; während der Regierung

dieses Herrschers traten sich eben auch Hellenen und Aegypter näher.

Vorher werden vor allem die Bewohner der Nachbarländer – ich erinnere

nur an Josephs Brüder – des Handels wegen nach Aegypten gekommen sein;

ansässig sind aber auch sie wohl nur ausnahmsweise gewesen. Daher die

Nachricht des Herodot, dass Naukratis vor Alters der einzige Stapelplatz

im Delta gewesen sei[113]. Neuere Ansichten haben freilich hinsichtlich

dieser Stadt allerhand Zweifel ergeben, nicht nur über ihre Abstammung

von Milet, sondern – was hier ins Gewicht fällt – über die Zeit ihrer

Gründung, die vielleicht richtig erst unter Amasis angesetzt wird. Was

in dieser Beziehung das Zutreffende ist, mag dahin gestellt bleiben;

jedenfalls lebten seit Psammetich Griechen in Aegypten, und zwar im

Delta, und damit mag die Notiz Herodots zusammenhängen. Aber mögen auch

schon in weit früherer Zeit Ausländer in Aegypten verkehrt haben und

kleine Bruchtheile der ansässigen Bevölkerung des ägyptischen Nilthales

stammfremd gewesen sein – fest steht doch, dass das Volk der Pharaonen,

von dem Strabo sagt, dass es hinreichend eigene Hülfsmittel hatte[114],

dem Verkehr mit Nichtägyptern abhold war und also zur Anknüpfung von

Handelsbeziehungen in bisher unbekannten Gegenden wenig geeignet

erschien. Die Aegypter waren eben ihrer Ansicht nach die grande nation

unter den damals blühenden Völkern, wie das verschiedene Erzählungen

Herodots beweisen[115]; sie werden auch an allen einen erspriesslichen

Verkehr so sehr erschwerenden Schwächen der in solchen Anschauungen

Befangenen in reichem Masse gelitten haben. Das einzige Verhältniss zu

Fremden, in das sie sich ohne Mühe hineindenken konnten, war das von

Herren zu Sklaven, ein Zusammenleben mit jenen als Gleichgestellten

erschien ihnen unnatürlich und ihrer unwürdig; die Verwirklichung

solcher Ideen im Handelsverkehr musste aber bei der andern Partei

naturgemäss Misstrauen und Unbehagen erzeugen und eine befriedigende

Entwicklung der Beziehungen von vornherein ausschliessen.

So ist es begreiflich, dass die Aegypter bis zu Nechos Zeit zu

Koloniegründung und ausgedehnteren kaufmännischen Beziehungen nicht

gekommen waren, und wenn auch schon Sethos und sein Sohn Ramses II.

daran gedacht hatten, um des Handels willen, der auf dem rothen Meere

getrieben wurde, einen Kanal von hier aus zum Nil zu graben[116], so

dürfen wir daraus doch nicht schliessen, dass dieser ägyptische Handel

sich weiter als an die Afrika gegenüber liegende Küste Arabiens

erstreckt hätte. Der Aegypter zog nicht gern ausser Landes, und was von

solchen Expeditionen – auch kriegerischen – die Sage erzählt, ist mit

grosser Vorsicht aufzunehmen; es ist nicht wahrscheinlich, dass über das

Amanosgebirge und den Euphrat jemals ägyptische Heere vorgedrungen

sind[117]. Ja, so stark war der Aegypter in heimathlichen Anschauungen

befangen, und so sehr legte er die Verhältnisse seines Landes als

Massstab auch an die fremden an, dass ein ägyptisches Heer, als König

Thutmosis I. auf seinem syrischen Feldzuge bis an den Euphrat gedrungen

war, sich wunderte, dass dieser Fluss in umgekehrter Richtung floss, wie

der Nil[118]. Und das war doch schon nach der Vertreibung des Hyksos!

Man kann sich denken, wie einem Volke, dem die Verhältnisse daheim in

dieser Weise massgebend waren, das Verlangen nach Erwerbung

überseeischer Landstriche, der doch Phönizier und Griechen mit grossem

Eifer oblagen, nicht kommen konnte, und so erklärt sich denn leicht die

Erscheinung, dass trotz der vielen Handelsreisen, welche die Aegypter

schon in ältester Zeit nach dem produktenreichen Lande Punt zu beiden

Seiten Bab-el-Mandebs[119] zur Beschaffung nothwendiger Bedürfnisse

unternahmen, und trotz der Erneuerung dieser Fahrten ums Jahr 1400 v.

Chr. unter der Königin Hatasu – auch Hatschepsut genannt – im grossen

Stil dieses Gebiet niemals von ihnen annektirt worden ist[120]. Was

sonst von grossen Seeunternehmungen – z. B. zur Zeit des Sesostris –

erzählt wird, der mit einer gewaltigen Flotte durch das erythräische

Meer nach Indien hin bis an den Ganges gefahren sein soll[121], ist

sicher in das Gebiet der Sage zu verweisen[122], und die Versuche, die

historische Wahrheit derselben aufrecht zu erhalten müssen, nachdem

jener König als Fabelwesen erkannt ist, für gescheitert gelten[123].

Es wird kaum nöthig sein, nach dieser Schilderung noch besonders darauf

hinzuweisen, dass die Aegypter zur See nicht tüchtig sein konnten und

keineswegs im Stande waren, ein Material an Matrosen zu stellen, wie es

Necho zur Verwirklichung seiner weit ausschauenden Pläne bedurfte. Die

Gleichgültigkeit seines Volkes gegen das Meer und alles, was damit

zusammenhing, ging so weit, dass es nicht einmal eine Gottheit desselben

kannte, wie etwa die Griechen ihren Poseidon[124], und in wie hohem

Grade die Salzfluth den Priestern, die wir als die Inkarnation

altägyptischer Anschauungen betrachten dürfen, ein Gegenstand des

Abscheus war, erkennen wir daraus, dass sie es vermieden, mit Schiffern

zu reden, da diese jener ihren Lebensunterhalt verdankten[125]. So kann

es uns nicht wundern, wenn wir bei Herodot lesen[126], dass die Aegypter

die Produkte ihres Landes nicht selbst ausführten, sondern den Vertrieb

derselben den Phöniziern überliessen; durch Kombination werden wir

allenfalls hinzufügen dürfen, dass diese sich in das Geschäft mit den im

Delta ansässigen Griechen getheilt haben mögen. Mit Recht sagt daher

Bougainville[127]: „Les Égyptiens n’etaient pas gens de mer“, und es

wird bei der vorstehenden Charakteristik begreiflich erscheinen, wenn

sie, wie oben gezeigt, erst sehr spät – eben unter Necho[128] – in den

Besitz einer Kriegsflotte kamen. Dass sie nachher als tüchtige Seeleute

hingestellt werden, ändert an diesem Urtheil gar nichts[129]. Herodot

erzählt, sie hätten dem Xerxes auf seinem Zuge nach Griechenland 200

Schiffe gestellt, und nach demselben Berichterstatter[130] zeichnen sie

sich in einem der Treffen bei Artemisium sogar besonders aus. Der Druck

des fremden Despotenthums wird eben, nachdem er sie zu anderen

Zugeständnissen genöthigt hatte, wie den Verlust ihrer Selbständigkeit,

so auch den ihres eigenthümlichen nationalen Wesens herbeigeführt und

sie aufs Meer gezwungen haben, das sie früher mieden; die im Delta

ansässigen Phönizier und Griechen mögen ihnen aber Lehrmeister der

Schifffahrt gewesen sein. So lernen wir das Urtheil Bougainvilles über

eine spätere Zeit verstehen, welches lautet[131]: „Le commerce et la

navigation ne fleurirent en Égypte que sous les Ptolémées, et les

Égyptiens y avaient beaucoup moins de part que les Grecs d’Alexandrie“.

Unter diesen Umständen kann ich nicht, wie Mannert[132] es thut, etwas

Auffälliges darin sehen, dass Necho die Ausführung seines grossartigen

Planes Ausländern übertrug; im Gegentheil, Aegypter zu verwenden, wo er

die seekundigsten Leute zur Verfügung hatte, wäre eine arge Thorheit

gewesen. Er war hinsichtlich der Bemannung der Schiffe, die zu einem so

gefahrvollen Unternehmen auslaufen sollten, genau in der Lage wie Salomo

bei seinen Ophirfahrten; beider Fürsten Völker waren nicht im Stande,

Reisen, wie die Herrscher sie wünschten, mit Aussicht auf Erfolg zu

machen, und so mussten diese Phönizier fahren lassen.

Seemännische Tüchtigkeit der Phönizier.

Die Umsegelung Afrikas durch phönizische Schiffer ums Jahr 600 v. Chr. Geb. · 第 2 / 12 段