Die
Umsegelung Afrikas
durch phönizische Schiffer
ums Jahr 600 v. Chr. Geb.
Willi Müller,
Dr. phil., Oberlehrer.
Rathenow.
Verlag von Max Babenzien.
Inhalts-Verzeichniss.
Seite
Einleitung 1
Die Quelle 4
Die nennenswerthesten Zweifler 4
Die namhaftesten Vertheidiger 5
Die Glaubwürdigkeit Herodots 6
Die Zuverlässigkeit der muthmasslichen Gewährsmänner Herodots 11
Charakter der saïtischen Dynastie 14
Charakter Nechos 16
Nechos vermuthliche Ansichten über die Möglichkeit der 19
Heimkehr seiner Sendlinge
Abschliessendes Urtheil über Necho 20
Andere Versuche der Umschiffung 21
Warum fuhren nicht Aegypter? 23
Seemännische Tüchtigkeit der Phönizier 27
Vermuthliche Ansichten über die Gestalt und südliche 33
Erstreckung Afrikas ums Jahr 600 v. Chr.
Genauere Zeitbestimmung der Fahrt 36
Abfahrtsort der Expedition 38
Wo waren die ausgesandten Schiffer zu Hause? 41
Unternehmungslust des Alterthums auf dem Gebiete des Reisens 43
Antriebe zur Fahrt 44
Folgenlosigkeit der Fahrt 49
Zusammenstellung des Bisherigen und Uebergang zur Betrachtung 64
der eigentlichen Fahrt
Winde 66
Meeresströmungen 68
Konstellation 69
Fehlen des Kompasses 71
Brandungen und Klippen 71
Grund für die Aussendung mehrerer Schiffe 71
Art der Fahrzeuge 72
Schnelligkeit der Schiffe des Alterthums 73
Leitung der Expedition 76
Welches Getreide haben die Phönizier gesäet und geerntet? 78
Die Rastorte der Phönizier 86
Was bedeutet Her. IV, 42 φθινόπωρον? 89
Genauere Vertheilung der Zeit auf die einzelnen Abschnitte der 91
Reise
Länge des Aufenthalts an den Rastorten 94
Sind Störungen seitens der Eingeborenen bei Saat und Ernte 96
anzunehmen?
Der Stand der Sonne 97
Schlussbetrachtung 107
Einleitung.
Es giebt wenige Fragen in der Geschichte der Geographie, welche
Gegenstand so lebhaft und so andauernd geführter Debatten gewesen sind,
wie die nach der Wahrheit des herodoteischen Berichtes über die
Umsegelung Afrikas, unternommen durch phönizische Schiffer auf den
Befehl des ägyptischen Königs Nechos II. um’s Jahr 600 v. Chr.; über
zwei Jahrtausende sind gegenwärtig seit dem Beginn des Streites
verflossen. Wenn es nicht leicht ist, zu einem abschliessenden Urtheile
in dieser Sache zu gelangen, so liegt das einmal an der Kürze der Notiz
bei Herodot, in zweiter Linie trägt aber der Umstand die Schuld, dass
die wenige Zeilen umfassende Nachricht die einzige Quelle ist, aus der
wir schöpfen können; alles, was das Alterthum und die spätere Zeit sonst
von der kühnen Fahrt zu erzählen wissen, muss auf diesen Originalbericht
zurückgeführt werden. Für den Forscher, der heutzutage der angedeuteten
Frage näher tritt, wird die Schwierigkeit der Arbeit aber wesentlich
erhöht durch die Fülle von Schriften, welche für und wider die
Glaubwürdigkeit dieser Erzählung in dem langen Zeitraume von Herodots
Tagen bis auf uns der Scharfsinn und die Gelehrsamkeit Berufener
veröffentlicht haben. Wer sich nicht in der leichtfertigen Weise, welche
Vincent in seiner History of the commerce, navigation and discoveries of
the Ancients in the Indian Ocean, Vol. II, p. 189 charakterisirt[1], an
die Erörterung der Frage macht, sondern unter sorgfältiger Erwägung
aller Verhältnisse, die für eine richtige Beurtheilung in Betracht
kommen können, und unter Benutzung des Besten aus der umfangreichen
Litteratur zu dieser Ueberlieferung, dem erwächst eine zwar sehr
interessante, aber nicht minder mühevolle Arbeit. Ich habe es mir
angelegen sein lassen, den Anforderungen, die man an einen
gewissenhaften Forscher stellt, nach Möglichkeit gerecht zu werden, und
hoffe, mich keiner der Erörterungen, die zur Klarstellung der Sachlage
dienen können, entzogen zu haben, auch darf ich mich der Hoffnung
hingeben, dass von den zahlreichen Schriften über das in Frage stehende
Problem, sowie von den grösseren Werken, welche dasselbe im Vorbeigehen
berühren, mir nichts Wichtiges unbekannt geblieben ist. Je mehr ich mich
freilich in das Studium der Sache vertiefte, desto klarer wurde mir, wie
Recht Bobrik hat, wenn er sagt (Geographie des Herodot, Einl., p. VI):
„Es liegt in der Natur der Sache, dass eine altgeographische Monographie
nicht vollständig und abgeschlossen sein kann. Einestheils steht niemand
alles zu Gebote, dessen er bedarf, anderntheils, wenn’s auch der Fall
sein sollte, reicht ein Menschenleben gar nicht zur Benutzung des
vorhandenen Materials aus. Alle Alten, viele Byzantiner, die neueren
Reisebeschreibungen und sonst noch über den Gegenstand Erschienenes
durchzulesen und durchzu_arbeiten_ übersteigt bei weitem die Kräfte des
Einzelnen.“ Diese Worte bitte ich besonders Diejenigen zu beherzigen,
welche vielleicht berufen sein sollten, die vorliegende Arbeit vor ihr
kritisches Forum zu ziehen.
Was nun das Resultat der Untersuchung betrifft, so gestehe ich gleich
hier, dass ich im Gegensatze zu vielen andern Beurtheilern, die sich
theils völlig ablehnend, theils zweifelnd verhalten, nicht den
geringsten Grund finden kann dem herodoteischen Berichte die
Glaubwürdigkeit abzusprechen, sondern mich rückhaltlos denen
anschliesse, welche die Fahrt der Phönizier als historisches Faktum
anerkennen. Die Aufgabe einer Untersuchung, wie die vorliegende ist,
wird im wesentlichen sein festzustellen, ob die inneren
Unwahrscheinlichkeiten der Ueberlieferung so gross sind oder die
Beschwerlichkeiten der Fahrt derartige sein mussten, dass das Vertrauen
zu einem im allgemeinen zuverlässigen Schriftsteller dadurch in’s Wanken
gerathen kann, ob der Umstand, dass irgend welche sichtbaren Folgen
dieser Expedition für die Entwicklung der Geographie oder der Geschichte
sich nicht ergeben haben, im Stande ist die Glaubwürdigkeit unseres
vereinzelt dastehenden Berichtes zu erschüttern, oder ob nicht vielmehr
eine sorgfältige Betrachtung aller einschlägigen Verhältnisse zu dem
Resultat führt, dass von einer Unmöglichkeit der Fahrt nicht die Rede
sein kann, ja, dass dieselbe mindestens in hohem Grade wahrscheinlich
wird. Glückt es, das letztere nachzuweisen, so haben wir keinen Grund
mehr an der Nachricht eines so zuverlässigen Gewährsmannes wie Herodot
zu zweifeln. Ich meinestheils glaube, dass man nicht kritikloser
Schwärmer und blinder Alterthumsfanatiker zu sein braucht, um an die
Umsegelung zu glauben; und man befindet sich dabei – Gott sei Dank! – in
ganz guter Gesellschaft. Zu leugnen ist ja nicht, dass oft genug, und
gerade im Alterthum, Berichte über Seefahrten theils in wunderbarer
Weise ausgeschmückt, theils auch wohl ganz und gar erfunden sind, wie
Bunbury[2] deren einige anführt; ob auch der unsere dazu gehört, wird
eine eingehende Untersuchung lehren. Wir werden die von Herodot
überlieferte Nachricht auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen an der Hand von
Resultaten, welche sich aus einer gründlichen Erörterung der
verschiedenen in Betracht kommenden Punkte ergeben, mögen diese die
Charakteristik einzelner Personen und ganzer Völker ins Auge fassen,
mögen sie geographische oder naturgeschichtliche Gebiete berühren oder
endlich in Betrachtungen über die Leistungsfähigkeit der Matrosen des
Alterthums, der Fahrzeuge jener Zeit und ähnliches übergehen. Für alle
diese Fragen wird die Antwort sich zum Theil aus anderen
Ueberlieferungen gewinnen lassen, zum Theil durch Kombination gefunden
werden können, und, wie wir denken, bedarf es dazu nicht einer solchen,
die in „die übergeschichtliche Region zeugnissloser Phantasieen und
Ahnungen“[3] hineinragt.
Manches, was ich behaupte, wird bisher geäusserten Ansichten
widersprechen. Wenn ich nun auch diesen letzteren nicht zustimmen kann,
so fühle ich mich doch in aufrichtiger Anerkennung ihrer Verdienste den
gelehrten Männern, welche sie veröffentlichten, zu grossem Danke
verpflichtet für die Anregungen, die sie mir durch ihre Werke gegeben
haben. Es ist nicht alles neu, was ich in meiner Abhandlung vorbringe;
ich musste einige Hauptpunkte, die früher bereits festgestellt waren,
wiederholen, um überzeugende Beweise in Händen zu haben; doch bleibt
immer ein guter Theil übrig, den ich als mein geistiges Eigenthum in
Anspruch nehmen kann. Durch gewissenhafte Forschung, getragen von Lust
und Liebe zur Sache, ist es errungen, und so habe ich geglaubt, es nicht
für mich behalten, sondern mit dem bereits früher Gewonnenen zu einem
fest verbundenen Ganzen vereinigen und den Kreisen, die sich für
derartige Fragen interessiren, zugänglich machen zu dürfen. Ueberzeugt
bin ich, dass es an Angriffen, wenn sich die Kritik mit dieser Arbeit
beschäftigen sollte, nicht fehlen wird; ich werde mich freuen, wenn sie
mich über Irrthümer, denen ich mich hingegeben, in überzeugenderer Weise
belehren, als es den Zweiflern an dem Berichte von der Umsegelung
Afrikas bislang geglückt ist.
Die Quelle.
Herodot erzählt im 42. Kapitel des IV. Buches seines Geschichtswerkes
Folgendes: „Es ist klar, dass Libyen vom Meere umflossen ist mit
Ausnahme des Theiles, der an Asien grenzt, und dies hat Necho, der König
von Aegypten, soweit wir wissen, zuerst bewiesen. Als dieser nämlich die
Arbeiten an dem Kanale einstellen liess, der aus dem Nile in den
arabischen Busen führen sollte, sandte er phönizische Männer zu Schiffe
ab mit dem Befehl, auf der Heimreise durch die Säulen des Herakles zu
fahren und so über das nördliche Meer nach Aegypten zurückzukehren. Die
Phönizier segelten demgemäss aus dem rothen Meere ab und fuhren in das
Südmeer. So oft die Saatzeit kam, landeten sie, bestellten das Feld, wo
sie gerade in Libyen waren und warteten die Ernte ab. Wenn sie aber das
Korn eingeheimst hatten, fuhren sie weiter, bogen nach Verlauf von zwei
Jahren im dritten durch die Säulen des Herakles und gelangten nach
Aegypten. Sie erzählten aber – was mir zwar nicht glaublich ist,
vielleicht aber einem andern – dass sie bei ihrer Fahrt um Libyen die
Sonne zur Rechten gehabt“[4].
Die nennenswerthesten Zweifler.
Diese wenigen Zeilen sind es, an welche der gewaltige wissenschaftliche
Streit anknüpft; die Zahl der Kämpfer, über die jede Partei verfügt, ist
nicht gering, und hier, wie da finden sich Namen von gutem Klang. Auf
der einen Seite, derjenigen der Zweifler, stehen zunächst einige
Schriftsteller des Alterthums[5]; sicher ist nämlich, dass man seit dem
vierten Jahrhundert v. Chr. an die Umsegelung Afrikas durch die
Phönizier, sowie an die Thatsache, welche durch sie bewiesen werden
sollte, die Halbinselgestalt Libyens, nicht allgemein geglaubt hat[6].
Seit jener Zeit schon existiren also in der Beurtheilung unserer Frage
zwei Parteien. Die alexandrinischen Gelehrten leugneten wunderbarerweise
die Umschiffung[7], ebenfalls Posidonius, wie uns Strabo erzählt[8],
auch dieser letztere Schriftsteller selbst; wenigstens nimmt er einen
Theil der afrikanischen Küste als noch unbefahren an[9]. Dieser Zweifel
Strabos an der Umsegelung Afrikas ist um so auffälliger, als er z. B.
die Argonautenfahrt ohne Beanstandung als geschichtliche Wahrheit gelten
lässt[10]. Sein Zeugniss in betreff der phönizischen Reise wird aber
verdächtig durch den Umstand, dass er an einer Stelle sagt[11], alle,
die versucht hätten, vom rothen Meere oder von den Säulen des Herakles
aus Libyen zu umsegeln, seien nicht um die Südspitze herumgekommen,
während er doch gleich darauf Afrika im Süden für umschiffbar erklärt.
Woher konnte Strabo denn das aber wissen? Es ist klar, dass dieser
Widerspruch Misstrauen erwecken muss und seinen Zweifel an der
Umsegelung ohne Gewicht erscheinen lässt. Von namhafteren neueren
Schriftstellern erheben Bedenken gegen die Wahrheit der Erzählung
Bunbury[12], der Verfasser des Artikels „Africa“ in „The Penny
Cyclopaedia“[13], Gosselin[14], Lelewel[15], welcher meint, dass
genauere Betrachtung „zu kühnerem Zweifel an der Umschiffung ganz
Afrikas, worüber so viel schriftstellerischer Fleiss sich vergebens
angestrengt hat, geneigt macht“, Malte-Brun[16], der die Ansicht
vertritt, dass die Fahrt überhaupt nicht stattgefunden habe oder
höchstens eine entstellte Ueberlieferung sei, Vincent in seinem
interessanten Werke[17] und vor allen Dingen Vivien de St. Martin[18].
Diesen schliessen sich an unsere Landsleute v. Bohlen[19], Bredow[20],
Forbiger[21], sowie Mannert[22], der die Umschiffung „vielleicht
wahrscheinlich“ nennt, dessen Scheingründe für die geäusserten Zweifel
aber von Heffter[23] gründlich widerlegt sind. Die hier angeführten
Namen repräsentiren die gelehrten Zweifler jedoch durchaus nicht
erschöpfend; sie nennen nur einige der bedeutendsten und lassen der
Vervollständigung weiten Spielraum. Jedenfalls hat Wheeler Recht[24],
wenn er die Ueberlieferung nennt: „a narrative, which was evidently
believed by Herodotus and his contemporaries, but rejected by succeeding
authors and doubted by many of the ablest geographers of modern times“.
Die namhaftesten Vertheidiger.
Diesen zahlreichen Ungläubigen steht nun aber eine nicht minder
stattliche Schaar von Schriftstellern gegenüber, welche mit grösserer
oder geringerer Ueberzeugung für die Glaubwürdigkeit des herodoteischen
Berichtes eine Lanze eingelegt haben. Aus dem Alterthum ist uns zwar nur
ein Zeugniss durch Herodot selbst übermittelt, und dies ist nicht ganz
unanfechtbar – denn ob die Worte IV, 43: „μετὰ δὲ Καρχηδόνιοί εἰσι οί
λέγοντες“ bedeuten sollen, dass die Karthager die vorausgegangene
Erzählung von der Fahrt der Phönizier bestätigten, oder nicht vielmehr,
sie hätten die Umschiffbarkeit Libyens selbst ausgekundet, ist fraglich
–; die spätere Zeit stellt uns deren aber eine reiche Fülle zur
Verfügung. Ich erwähne Dureau de la Malle[25], Grote[26], Maspéro[27],
Quatremère[28], Rennel[29], Wheeler, der nach seiner eigenen Aussage in
den meisten Punkten sich an Rennel anschliesst[30], ferner Bähr[31],
Gesner[32], dessen Abhandlung persönlich einzusehen mir leider nicht
gelungen ist, Heffter[33], die treffliche Arbeit Junkers[34], Knös[35],
Sandberg, von dem wir eine sehr verdienstvolle Dissertation
besitzen[36], Duncker[37], Heeren[38], Lieblein[39], A. v. Humboldt[40],
Löwenberg[41], Paulitschke[42], Peschel, welcher freilich hinzusetzt:
„Wenn wir uns auch einigen Zwang auferlegen müssen an solch hohe
nautische Thaten zu glauben“[43], und – last, not least – Karl
Ritter[44]. Ich bemerke ausdrücklich, dass auch diese Reihe von
Vertheidigern der Erzählung des Herodot keineswegs Anspruch auf
Vollständigkeit macht; der kurze Ueberblick zeigt uns aber schon, dass
auch auf dieser Seite gewichtige Namen vertreten sind.
Die Glaubwürdigkeit Herodots.
Naturgemäss werden wir uns nun beim Lesen eines Berichtes, der Zweifel
an seiner Zuverlässigkeit erwecken kann und von irgend einer Seite
verdächtigt wird, zunächst die Frage nach dem Charakter des
Berichterstatters vorlegen und zu ergründen suchen, ob er unbedingtes
Vertrauen verdient oder etwa die Vermuthung berechtigt erscheinen
könnte, er habe uns täuschen wollen oder sei selbst getäuscht worden.
Bei der Erörterung der Frage nach der Glaubwürdigkeit Herodots betreten
wir nun zwar eine recht oft begangene Strasse; dies darf uns aber nicht
abschrecken, denn ohne sie zu passiren, kommen wir nicht ans Ziel. Dass
im allgemeinen aus seinen Werken grosse Wahrheitsliebe spricht, ist nur
von Wenigen geleugnet worden, und diese Wenigen gehören dem Alterthume
an; auch die neuere Forschung hat ihn vor ihr Tribunal gezogen, aber von
dem Verdachte absichtlicher Täuschung völlig freigesprochen. Schon seine
kindliche Schreibweise erweckt Vertrauen. Zwar verwirft er ja auch das
Seltsamste nicht als unmöglich, aber „nicht aus Leichtgläubigkeit,
sondern weil seine Erfahrung ihm die Wirklichkeit der sonderbarsten
Dinge gezeigt hat, welche er innerhalb der Grenzen der Heimath für
unmöglich gehalten haben würde“[45]. So findet sich in seinem Werke
genug des Wunderbaren, ja des Fabelhaften, doch alles dieses ist nicht
im Stande gewesen, in den gediegensten Forschern die Vermuthung
wachzurufen, er habe seine Leser absichtlich täuschen wollen. Doch hat
er das Schicksal vieler Reisenden getheilt, die von Dingen erzählten,
welche der Mitwelt und zum Theil auch noch der Nachwelt als Wunder
erschienen: Die ersten Zweifel an seiner Wahrheitsliebe sind das Signal
gewesen, auf welches hin ein allgemeiner Angriff auf seine
Zuverlässigkeit stattgefunden hat; wohl über keinen der alten Historiker
ist mehr Zank und Streit gewesen, und erbittert ist oft die Fehde
entbrannt[46]. Das Resultat war, dass man seine Glaubwürdigkeit im
Allgemeinen nicht mehr anzweifelt, wenn ja auch dies oder jenes mit
Recht jetzt noch Widerspruch erfährt und immer erfahren wird. Eine
Betrachtung im Einzelnen wird dies mildere Urtheil begründet erscheinen
lassen, denn offen und ehrlich bekennt Herodot in vielen Fällen seine
Unwissenheit und verschweigt nicht, wo er nur Vermuthungen bietet. Er
erzählt nur das als sicher, was er genau zu wissen meint[47], und
gesteht ein, wenn er ungenau über etwas unterrichtet ist[48]; es liegt
ihm gänzlich fern, in solchem Falle die Leser mit Märchen zu
unterhalten[49]. Auch wenn ihm das eine oder das andere als nicht ganz
zuverlässig gemeldet wird, registrirt er diesen Umstand sorgfältig[50];
ist er aber bei zwei Darstellungen einer und derselben Sache
zweifelhaft, welche vorzuziehen sei, so prüft er sie entweder auf ihre
Wahrhaftigkeit und trifft demnach seine Auswahl[51] oder theilt beide
mit, dem Leser anheimstellend, für welche er glaubt, sich entscheiden zu
müssen[52]. Vor allem aber macht Herodot stets als gewissenhafter
Berichterstatter einen Unterschied zwischen dem, was er selbst gesehen
und erlebt, und dem, was er nur von andern gehört hat[53]. Dass er bei
Ueberlieferung von Nachrichten ersterer Art wahrheitsgetreu verfahren
ist, können wir in vielen Fällen noch jetzt beweisen; so sind seine
Angaben über asiatische Verhältnisse, die vielfach Angriffe erfuhren,
grossentheils durch nunmehr entzifferte Keilinschriften bestätigt
worden, und derartige Beglaubigungen seiner historischen Treue sprechen
naturgemäss auch für Zuverlässigkeit in vielen andern Dingen. Wohl
erscheint ja Herodots Erzählung manchmal wunderbar und sagenhaft und
schreitet scheinbar mehr in dem Gewande phantasiereicher Dichtung als in
dem ernster Geschichtsschreibung einher, doch würde man unrecht thun,
ihn deswegen der Uebermittlung absichtlich lügenhafter Berichte zu
zeihen; pflegt er doch, wo ihm Zweifel an dem, was er aufzeichnet,
kommen, gewissenhaft dem allzu vertrauensseligen Leser durch eine
passend eingeflochtene Bemerkung eine Warnungstafel zu errichten. Ja, an
manchen Stellen verhehlt er seinen eigenen Unglauben keineswegs, wenn er
sich deshalb auch nicht für berechtigt hält, seiner Pflicht als
Geschichtsschreiber durch Verschweigen untreu zu werden, wie II, 123, wo
es heisst: „Diese Geschichte mag glauben, wer will; ich theile mit, was
überliefert ist.“ Mit vollem Rechte haben ihm daher auf Grund solcher
Erwägungen berufene Beurtheiler der Neuzeit, wie beispielsweise unter
den Litterarhistorikern Otfried Müller, unter den Geographen – was hier
doch besonders wichtig – Vivien de St. Martin, der sich zwar, wie oben
erwähnt, der Umsegelung Afrikas gegenüber zweifelnd verhält, und viele
andere das Zeugniss grosser Wahrheitsliebe nicht verweigert[54].
Können wir demnach fest überzeugt sein, dass Herodot uns nicht
absichtlich täuscht, so wollen wir uns andrerseits nicht verhehlen, dass
er ein recht schwacher Kritiker ist. Er prüft und kritisirt wohl, aber
eigentlich kritisches Talent besitzt er nicht, und Stein charakterisirt
ihn treffend mit folgenden Worten[55]: „Jene unwandelbare Kritik, die in
den Kern der Dinge dringt, unbekümmert, ob darüber die Form der
Tradition zertrümmert wird, war seiner treuherzigen, schonenden Natur
fremd.“ Dürfte uns die Ansicht gewisser Schriftsteller des Alterthums
leiten, so würden wir freilich gezwungen sein, wie manches andere, so
auch den Bericht über die phönizische Expedition mit starkem Misstrauen
zu lesen; die Urtheile, welche seine mangelnde kritische Befähigung
zumal bei zweien seiner Volksgenossen hervorgerufen hat, sind hart
genug. Ich denke, indem ich dies schreibe, an Aristoteles und Plutarch;
der erste hält ihn für einen Fabulisten[56], und der andere lässt an der
ganzen Art seiner Berichterstattung kein gutes Haar[57]. Auf alle Fälle
ist also beim Lesen seines Werkes Vorsicht geboten, und wir werden ihm
daher die Nachricht über die Expedition auf sein Wort trotz seiner
anerkannten Wahrheitsliebe nicht ohne weiteres glauben dürfen, sondern
alle in Betracht kommenden Verhältnisse einer sorgfältigen Prüfung
unterwerfen müssen.
So würde es sich z. B. empfehlen, zunächst zu fragen, wie es denn
hinsichtlich der Zuverlässigkeit der übrigen Nachrichten aussieht,
welche Herodot über Aegypten mittheilt, und da werden wir bei
kompetenten Beurtheilern die Ansicht vertreten finden, dass diese, trotz
mannigfacher Irrthümer im einzelnen, im ganzen und grossen durch spätere
Forschungen bestätigt sind, und zwar sowohl die geschichtlichen, wie die
dem Gebiete der Landeskunde angehörigen, so dass der Geograph Vivien de
St. Martin eben so recht hat, wenn er über das, was Herodot in Aegypten
erfahren, in seiner Histoire de la géographie, p. 85, urtheilt: „ses
informations, içi comme partout d’une remarquable exactitude ...“, wie
der Aegyptolog Lieblein, wenn er in seinem oben zitirten Werke, p. 77,
sagt: „Die neuere historische Kritik ist übrigens zu der Erkenntniss
gekommen, dass Herodot nicht, wie man früher wähnte, ein Fabler sei, den
man ungestraft vernachlässigen kann, sondern ein in all seiner Naivetät
wahrhafter Erzähler, zu dem man Vertrauen haben muss.“ Vor den Urtheilen
so gewichtiger Autoritäten wird nun aber auch der Vorwurf in sich
zusammensinken, dass Herodot seine Leser _unabsichtlich_ getäuscht,
indem er, der Sprache des Nillandes vielleicht nur oberflächlich kundig,
seine ägyptischen Gewährsmänner nicht ganz richtig verstanden habe. Wir
dürfen nach den Aeusserungen der eben zitirten Gelehrten mit Fug und
Recht annehmen, unser Schriftsteller sei im Stande gewesen, einer ihn
sicherlich wegen ihrer scheinbaren Absurdität in hohem Grade
interessirenden Nachricht, wie diese Mittheilung war, auf den Grund zu
gehen. Wesentlich ist ihm bei dem Bestreben, nur Zuverlässiges zu
berichten jedenfalls auch die Menschenkenntniss, welche er auf seinen
weiten Fahrten erworben, zu statten gekommen; als er in Aegypten weilte,
hatte er bereits Assyrien, Medien und Persien bereist[58]. Der Verkehr
mit den verschiedensten Volksstämmen und Individuen hatte sein geistiges
Auge geschärft, so dass er ohne Mühe erkennt, wenn jemand ihm etwas
aufbinden will und sich mit ihm nach dieser Richtung hin einen Scherz
erlaubt[59]. Vor Täuschungen, welche in einem derartigen Bestreben ihren
Ursprung haben könnten, dürfen wir uns daher als gesichert betrachten
und können ohne Bedenken behaupten, dass Herodot nicht nur geneigt,
sondern auch befähigt war, die Wahrheit zu erkunden und zu
übermitteln[60].
Persönlich hatte er jedenfalls keinen Grund, an der Wahrheit jener
Erzählung zu zweifeln. Seine ägyptischen Nachrichten hat Herodot nach
der landläufigen Annahme grösstentheils von den dortigen Priestern
erhalten. Dass diese Vermuthung richtig ist, lässt sich aus mehreren
Stellen seines Werkes mit einiger Sicherheit schliessen[61]. Zu beweisen
ist sie freilich nicht, und der Zweifel, den Junker in seiner
Abhandlung[62] äussert, kann nicht strikte widerlegt werden; es
erscheint aber doch nicht gerade wunderbar, dass Herodot sich, um
Auskunft über dies und das zu erhalten, an diejenigen Männer wandte,
welche er mit Recht als die gründlichsten Kenner ihrer Heimath und der
Geschichte ihres Volkes ansah, und dass er bei dieser Gelegenheit auch
von der phönizischen Expedition hörte. Auf alle Fälle werden seine
Gewährsmänner – ob nun, wie in erster Linie zu vermuthen, Priester oder
nicht – Leute gewesen sein, denen er glaubte vertrauen zu dürfen, denn
nicht an der Fahrt selbst zweifelt er, sondern die ihm unerklärliche
Stellung der Sonne scheint ihm unglaublich.
Aber auch aus innern Gründen die Nachricht anzuzweifeln, lag für ihn
keine Veranlassung vor. Dass eine Umschiffung Afrikas im Süden – rein
geographisch betrachtet – möglich sei, nahm das herodoteische Zeitalter
wohl allgemein an, und das war nicht wunderbar. Homer und seine
Zeitgenossen hielten für ausgemacht, dass im Westen und Osten die
Landmassen vom Oceanus umgeben würden, der durch den Phasis und die
Strasse von Gibraltar mit dem mittelländischen Meere in Verbindung
stände. In Betreff der Begrenzung der Länder im Norden und Süden fehlte
ihnen jede positive Kenntniss, nicht aber eine Vermuthung, dahin
zielend, dass diese beiden Enden der Welt durch Umströmung mit den
Gegenden des Sonnenaufgangs und Sonnenuntergangs verbunden seien. Da
konnte den Völkern zur Zeit des Herodot, denen die Meere, welche die
Ost- und Westküste Afrikas bespülen, zum Theil bekannt waren, die
Annahme nicht fern liegen, dass diese durch eine sie im Süden
verbindende Wasserwelt eins seien und der Schifffahrt um die Südspitze
Libyens kein Hinderniss im Wege stehe. Ebenso wenig konnte sich Herodot
aber an dem Zeitmasse der Umsegelung stossen, denn zu dem, was die
Schiffe des Alterthums an Schnelligkeit leisten konnten, stand die Dauer
der phönizischen Reise, wie unten gezeigt werden wird, durchaus in
keinem Missverhältnisse. Und sollte denn – bei aller Achtung, die auch
er sicherlich der Kühnheit eines so grossartigen Unternehmens zollte –
ihm diese Fahrt etwa wegen ihrer Gefahren und Beschwerden so unmöglich
erschienen sein, dass er glauben musste, man erzähle ihm ein Märchen?
Wir können dies nicht annehmen; wir werden vielmehr verstehen, warum
Herodot der Erzählung ohne hierauf bezügliche Bedenken Glauben
entgegenbrachte, sobald wir uns erinnern, dass unser Schriftsteller nach
der Verbannung aus seiner Vaterstadt in Samos gelebt und hier
gewissermassen eine zweite Heimath gefunden hatte. Von Samos war aber
Koläos zu seiner berühmten Reise ausgefahren, und wer, dem, wie Herodot
doch jedenfalls, die Erzählung von dieser kühnen Meerfahrt bekannt war,
hätte zweifeln sollen, dass eine Expedition wie die der Phönizier
möglich sei?
Fassen wir nun kurz zusammen, was sich als Resultat über die
Glaubwürdigkeit unseres Berichterstatters ergiebt, so lässt sich
dasselbe etwa dahin präzisiren, dass wir zwar seine Schwäche als
Kritiker nicht leugnen können, andrerseits aber an seiner Wahrheitsliebe
nicht zweifeln und keinesfalls ihm die Absicht zutrauen dürfen, uns mit
Fleiss zu täuschen. Wir haben ferner keine Berechtigung, ihm die
Fähigkeit abzusprechen, seine Gewährsmänner nach ihrem wahren Werth zu
beurtheilen, seine ägyptischen Nachrichten im allgemeinen für
unzuverlässig zu erklären oder Erstaunen darüber zu äussern, dass er
speziell der Erzählung von der Umsegelung ohne Zweifel an ihrer Wahrheit
lauschte und sie weiter verbreitete. Dagegen sind wir in der Lage, die
oben über ihn verzeichneten ungünstigen Aeusserungen als durchaus
unrichtig oder gar böswillig zurückzuweisen und von vorn herein der
Prüfung des Berichtes näher zu treten ohne Vorurtheil gegen den, welcher
ihn erstattet.
Die Zuverlässigkeit der muthmasslichen Gewährsmänner Herodots.
In zweiter Linie werden wir gut thun, um zu einem sichern Urtheil über
die Glaubwürdigkeit der in Betreff der phönizischen Expedition uns
überlieferten Nachricht zu gelangen, uns über die Zuverlässigkeit der
muthmasslichen Gewährsmänner Herodots, der ägyptischen Priester, ein
Urtheil zu bilden. Wir sind glücklicherweise bei dem Material, welches
wir durch unsern Schriftsteller selbst und an andern Stellen
aufgezeichnet finden, dazu im Stande. Dahin gehört zunächst eine
Bemerkung des Strabo, der die ägyptischen Priester als „geheimnissvolle
und ungern mittheilende Menschen“[63] bezeichnet. Hieraus dürfen wir
vielleicht den Schluss ziehen, dass sie nur gegen die sich äusserten,
welche sich ihres besonderen Wohlwollens erfreuten, können aber
andererseits dann auch nicht annehmen, dass sie solche Männer zu
hintergehen und durch falsche Berichte zu täuschen suchten. Da sie es
nun, wie wir gesehen haben, höchst wahrscheinlich waren, welche dem
Herodot Mittheilungen zukommen liessen, liegt die Vermuthung von
vornherein nicht gerade nahe, dass diese auf Täuschung berechnet gewesen
seien. Die weiten Reisen, welche Herodot bereits gemacht hatte, als er
ägyptischen Boden betrat, mochten in einer Zeit, die an Verkehrsmitteln
bequemer Art so arm war, wie das 5. Jahrhundert v. Chr., noch weit mehr
imponiren als heutzutage und dem kühnen Wanderer von vorn herein eine
begünstigte Ausnahmestellung in den Augen von Männern sichern, zu denen
er kam mit der Bitte, ihn auch in ihres Landes Geschicke und Sitten
einen Einblick thun zu lassen. Freilich lag ja unter diesen Umständen
die Versuchung nahe, Bilder zu entwerfen, die mehr darauf berechnet
waren, Bewunderung wach zu rufen, als die Verhältnisse der Wahrheit
gemäss darzustellen, zumal wenn wir das natürliche Bestreben der
Gewährsmänner in Betracht ziehen, über ihr Volk und ihre Heimath nicht
minder Grossartiges und Interessantes zu berichten, wie der Hörer
bereits über die mächtigen Reiche erkundet hatte, in die ihn sein Weg
vorher geführt. Die Möglichkeit also, dass Herodot in Bezug auf die
phönizische Expedition einer schlau berechneten Täuschung zum Opfer
gefallen sei, könnte im ersten Augenblicke als ziemlich nahe liegend
erscheinen, besonders wenn man die nicht wegzuleugnende Ruhmredigkeit
der ägyptischen Priester in Betracht zieht, die trotz achtbarer
Leistungen alter, wie neuer Zeit auf diesem Gebiete doch wohl
unübertroffen dastehen möchte. Wem daran liegt, sich von der
staunenswerthen Fertigkeit derselben nach dieser Seite hin eine
Vorstellung zu machen, dem sei die Lektüre des Gedichtes auf Ramses II.,
vom Tempeldiener Pentaur verfasst, warm empfohlen[64]. Auch sonst hat
jener Nationalheld herhalten müssen als Spiegelbild ägyptischer Grösse,
und die Ausschmückung seiner Feldzüge zeigt uns auf Schritt und Tritt,
wie die Historiographen des Nilthales – und das können doch nur die
Priester gewesen sein – es verstanden, auf Kosten der Wahrheit
Grossthaten ihrer Könige und ihres Volkes zu erfinden[65]. Auch das ist
nicht unverdächtig, dass Herodot von den ägyptischen Verhältnissen
meistens nur das für Aegypten günstig Lautende weiss; das weniger
Ruhmreiche haben ihm seine Gewährsmänner wohlweislich verschwiegen, und
wenn wir nicht durch andere Quellen darüber aufgeklärt wären, dass es
auch sehr trübe Zeiten für das Land der Pyramiden gegeben hat, würden
wir uns unter Zugrundelegung des herodoteischen Berichtes allein von
manchen Perioden ein völlig falsches Bild machen. Beispielsweise hat
Herodot sicherlich nicht das Geringste davon erfahren, dass jemals
Assyrier über das Nilthal geherrscht hatten. Diesem Verschweigen von
Demüthigungen – so wird mancher folgern – konnte nun aber ein Erfinden
von Grossthaten, wie z. B. die Umsegelung Afrikas eine war, leicht nahe
verwandt sein. Und doch ist es nicht wahrscheinlich, dass die Priester
Herodot gegenüber eine solche Taktik befolgt haben. Einmal müssen sie
gegen ihn von einer ganz besonderen Offenheit gewesen sein; das sehen
wir daraus, dass ein Kollegium ihn sogar in seine Mysterien
einweihte[66] – ein Beweis des Vertrauens, wie er grösser nicht gedacht
werden kann. Dieses Kollegium, dem sicher eine absichtliche Täuschung
des Fremdlings fern lag, war das saïtische, das, im Delta wohnend,
jedenfalls über alle maritimen Vorkommnisse am besten unterrichtet sein
konnte, und da zu Saïs der Palast des Necho, des intellektuellen
Urhebers der phönizischen Expedition, gestanden[67], speziell auch von
dieser Unternehmung jedenfalls die genaueste Nachricht hatte. Wir werden
also kaum fehl gehen, wenn wir annehmen, dass in einem der Tempel zu
Saïs die Quelle floss, aus der Herodot seine Kenntniss von der
Umsegelung schöpfte. Sodann waren die Aegypter von einem förmlich
krankhaften Nationalgefühl beseelt; alles Fremde, von dem sie fürchten
mussten, dass es die von den Vätern überkommenen Sitten und Anschauungen
beeinflussen könnte, war ihnen von vorn herein unsympathisch, und wir
können fest überzeugt sein, dass die Einwanderer aus andern Nationen,
welche, wie unten weiter erörtert werden wird, wohl schon vor
Psammetich, jedenfalls aber unter diesem Könige und unter Amasis sich in
Aegypten niederliessen, also auch die Phönizier, den Priestern, als den
geborenen Vertretern und Vertheidigern altägyptischen Wesens, ein Dorn
im Auge waren. Man mag es noch als einen Akt selbstbewusster
Vaterlandsliebe betrachten, wenn ein Priester dem Perserkönige Darius
trotz zweifellos grosser Thaten nicht das Recht zugestehen wollte, seine
Bildsäule vor derjenigen des Pharao Sesostris, einer völlig mythischen
Persönlichkeit, aufzustellen[68] – viele andere Züge, die uns das
Alterthum überliefert hat, zeigen uns zur Genüge Ueberschätzung der
eigenen Weise, verbunden mit Geringachtung alles anders Gearteten. So
können wir mit voller Sicherheit annehmen, dass es nicht in der Absicht
der Priester lag, den Phöniziern eine nautische Grossthat zuzuschreiben,
wenn sie dieselbe nicht wirklich ausgeführt hatten; ihre pfäffische
Unduldsamkeit war sicher eher geneigt, sie zu verkleinern als zu
erheben, wenn auch von einem ihrer eigenen Könige der Befehl zu jener
That gegeben war. Eben dass er Phöniziern, dass er Fremden Gelegenheit
gegeben hatte, Ruhm zu erwerben, wird ihnen wenig angenehm gewesen sein.
Endlich aber wirkt die Schlichtheit des Berichtes überzeugend; gerade so
einfach, wie Herodot sie in Aegypten hörte und später aufzeichnete,
klingt die Erzählung wahrheitsgetreu und zuverlässig. Hätten die
Priester sie mit Fabeln ausschmücken wollen, wie leicht wäre ihnen das
geworden! An Phantasie dazu fehlte es ihnen wahrlich nicht, das zeigt
das von Eduard Meyer in der „Geschichte des alten Aegyptens“[69] in
seinen Grundzügen mitgetheilte Märchen von dem ägyptischen Odysseus,
der, allein von seinen Genossen aus dem Schiffbruch gerettet, den
Versuchungen der Tochter des Schlangenkönigs widersteht und schliesslich
die Heimath wiedersieht. So dürfen wir als Resultat dieser Betrachtung
wohl die Ueberzeugung hinstellen, dass die ägyptischen Priester, wenn
auch sonst manchmal mit der Wahrheit auf gespanntem Fusse, in diesem
Falle wahrscheinlich eine Thatsache berichteten, keinenfalls aber, sei
es nun wegen eines masslosen Chauvinismus – der freilich genau so die
Modekrankheit des Alterthums gewesen zu sein scheint, wie er die der
neuesten Zeit ist – sei es aus den andern oben erwähnten Gründen, eine
phönizische Grossthat zu berichten sich geneigt zeigten, wenn sie nicht
geschehen war. Ob sie aber geschehen war, darüber hatte man doch
zunächst ums Jahr 600 nicht wohl im Zweifel sein können. Waren die
phönizischen Schiffe, die man mit der Umsegelung beauftragt hatte,
damals wirklich vom rothen Meere in den Nil eingelaufen, so mussten sie
Afrika im Süden umsegelt haben; denn da es – wenn wir Herodot glauben
dürfen – unter Necho eine Wasserverbindung zwischen dem arabischen
Meerbusen einerseits und dem Nil oder dem Mittelmeer andrerseits nicht
gab, hätten die Schiffer ja sonst ihre Fahrzeuge zu Lande bis an jenes
Becken, bezw. den genannten Fluss schaffen müssen, und, ganz abgesehen
von der Umständlichkeit, wird doch niemand glauben, dass sie dies völlig
unbemerkt hätten thun können. Man wusste also in Aegypten zur Zeit
Nechos jedenfalls ganz genau, wie man mit den Phöniziern daran war.
Erzählten nun die Priester dem Herodot trotz ihrer ausgesprochenen
Missgunst gegen fremde Verdienste von einer phönizischen Fahrt um
Afrika, so können wir annehmen, dass ihr Bericht in wohl verbürgter
Tradition aus jener früheren Periode wurzelte, die Schiffer durch die
Nilmündungen heimgekehrt waren und also ihre Aufgabe wirklich gelöst
hatten.
Charakter der saïtischen Dynastie.
Die nächste Betrachtung, welche uns beschäftigen muss, wenn wir zu einem
klaren Urtheile in der Frage nach der Glaubwürdigkeit der phönizischen
Expedition gelangen wollen, wird die sein, ob Necho uns in seinen
übrigen Thaten und in den Nachrichten, welche hinsichtlich seines
Charakters uns sonst übermittelt sind, als ein Mann entgegentritt, dem
wir so ausserordentlich grossartige Pläne, wie der Afrika umsegeln zu
lassen einer ist, zuzutrauen das Recht haben, und da wird es zur Klärung
dienen, wenn wir uns danach umsehen, welche Rolle das Herrscherhaus, dem
er entstammte, denn überhaupt in der ägyptischen Geschichte spielt. Wir
sahen bereits, dass das Königsgeschlecht, dem Necho angehört, aus Saïs
stammte und hier seine Residenz hatte; es war die Dynastie, welcher von
Königen, die in weiteren Kreisen bekannt sind, auch Amasis angehörte. In
dieser Königsfamilie findet sich nun eine wunderbare Mischung vom Haften
an altägyptischer Tradition und dem Uebergange zu einer Lebens- und
Denkungsweise, welche den bisher über die Wahrung der königlichen Würde
und die Bahnen, in denen sich die weitere Entwickelung des ägyptischen
Volkes zu vollziehen habe, im Nilthale vertreten gewesenen Anschauungen
diametral entgegenlief. Um nur ein Beispiel anzuführen für das Streben
dieser Fürsten in die Fussstapfen der früheren Könige zu treten, genügt
es, darauf hinzuweisen, dass Amasis hinsichtlich der Grossartigkeit
seiner Bauten durchaus den alten Pharaonen sich würdig zur Seite
stellt[70]. Dahingegen durchbrechen die Saïten in mancher andern
Beziehung völlig die altägyptische Sitte, und so können wir uns nicht
wundern, wenn wir vernehmen, dass die Wiege dieses Herrschergeschlechtes
überhaupt nicht am Nil, sondern in Libyen gestanden hatte[71]. Als
Söldner waren seine Vorfahren nach Aegypten eingewandert, und es erklärt
sich demnach leicht, wenn die Nachkommen keinen Anstoss daran nahmen,
sich über Hergebrachtes in vielen Stücken ohne Bedenken hinwegzusetzen.
So hat Psammetich, der Vater des Necho, in das sonst so abgeschlossene
Aegypten jedenfalls griechische Kriegsknechte[72], vielleicht auch
Phönizier[73] aufgenommen; überhaupt stützte sich die saïtische Dynastie
nicht auf die alte ägyptische Kriegsmacht, sondern auf Söldner, die sie
in ihren Dienst nahm, und die bisher libyscher Abkunft gewesen
waren[74]. Daneben wich auch auf andern Gebieten die Jahrtausende lang
geübte Zurückhaltung der Aegypter einem freieren Auftreten; der Verkehr
mit fremden Staaten und Völkern wurde begünstigt, der Handel gefördert.
Ja, wir erkennen mit Staunen, wie die uralten Bande des Ceremoniels,
welche die ägyptischen Könige seit undenklichen Zeiten wie mit eisernen
Ketten gefesselt gehalten hatten, durch die leichtlebigen Anschauungen
eines Amasis gelockert werden und fallen[75]. An dem Königthum dieses
Fürsten ist nur noch die Hälfte ägyptisch; Amasis hielt sich – nach
alter Anschauung ein Sacrilegium an der Würde des Thrones! – eine
griechische Leibwache, und es kann nicht geleugnet werden, dass er
philhellenischen Tendenzen in ausgiebigster Weise huldigte[76]. Kurzum
die Zeit der Saïten ist eine Periode der gewaltigsten Reformen im ganzen
ägyptischen Staatsleben; von dem, was die Ptolemäer dem Lande später
sind, finden wir bereits eine Spur bei dieser Dynastie, der
sechsundzwanzigsten im Lande der Pyramiden.
Charakter Nechos.
Ein Spross dieses Königshauses war also auch Necho, und das hilft
verstehen, wie er auf den Gedanken einer Umsegelung Afrikas kam. Es ist
aber nicht nur der Charakter seines väterlichen Geschlechtes, der diesem
Fürsten seinen Stempel aufgedrückt hat, er war zweifellos persönlich ein
hervorragender Mann. Ein kurzer Blick auf seine Regierung wird uns davon
überzeugen. Wie viele der bedeutenderen ägyptischen Könige vor ihm, hat
auch er seinem Unternehmungsgeiste die Zügel schiessen lassen durch
einen Einfall in Syrien; dass er zu diesem Vorgehen die politische
Konstellation benutzte, welche sich ihm zeigte, als Assyrien durch
Kyaxares von Medien und Nabopalassar von Babylon angegriffen wurde, die
drei grossen asiatischen Reiche also vollauf beschäftigt waren, beweist,
wie er es verstand, von günstigen Umständen zur Erreichung seiner Zwecke
Vortheil zu ziehen. Den König von Juda, Josias, der ihm bei seinem
Beginnen zunächst entgegentrat, besiegte er mit leichter Mühe bei
Megiddo[77], dann ging der Zug weiter an den Euphrat. Aber mittlerweile
war das assyrische Reich gefallen, die Sieger hatten die Beute getheilt,
und Nabopalassar fand nun Zeit, seinen Sohn Nebukadnezar dem ägyptischen
Heere entgegenzusenden, um den unbequemen Feind in seine Grenzen
zurückzuweisen. Durch die Schlacht bei Karchemisch wurde diese Absicht
erreicht[78] und Necho gezwungen, ganz Syrien zu räumen und sich auf
sein ägyptisches Gebiet zu beschränken. Wie schwer mag es ihm bei den
Plänen, mit denen er sich trug, geworden sein, auch die für Handel und
Schifffahrt so wichtigen phönizischen Küstenstädte wieder aufzugeben!
Hatte er so als Feldherr wenig Lorbeern geerntet, und durfte er nicht
daran denken, dem mächtigen Herrscher von Babylon noch einmal mit den
Waffen in der Hand entgegenzutreten, so ist er doch staatsmännisch auch
später gegen denselben thätig gewesen und hat ihm Schwierigkeiten
bereitet, wo er konnte, zumal durch Schürung des Hasses, den man im
Reiche Juda gegen die Chaldäer empfand, und der schliesslich zur
Empörung führte[79]. Und weit entfernt sich durch den syrischen
Misserfolg entmuthigen zu lassen, hat Necho seiner Thatkraft alsbald
andere Bahnen eröffnet. Die Verwirklichung des grossartigen Planes, den
wahrscheinlich schon vor ihm ein ägyptischer Herrscher auszuführen
versucht hatte[80], den nachher mehrere intelligente und energische
Regenten jenes Landes mit nur zeitweiligem Erfolge wieder aufgenommen
haben, und der in unsern Tagen nun endlich, ein leuchtender Sieg des
menschlichen Geistes über die erdgestaltenden Naturkräfte, definitiv der
Vollendung entgegengeführt ist – die Verbindung des mittelländischen
Meeres mit dem rothen Meere durch einen ägyptischen Nordostseekanal –
hat Necho als wesentliche Aufgabe in sein Regierungsprogramm
aufgenommen[81] und dadurch der Mit- und Nachwelt den Beweis geliefert,
dass er dem thörichten Wahne, der Lorbeer der Unsterblichkeit werde nur
auf blutgetränktem Schlachtfelde angesichts der feindlichen
Lanzenspitzen gepflückt, entsagt hatte und klar erkannte, dass seine
üppigsten Blätter gerade den Fürsten entgegengrünen, denen die Palme des
Friedens als Symbol ihrer Thätigkeit dient, und die in der Erfüllung des
hohen Berufes, unter ihren Zweigen die freundschaftlichen Beziehungen
der Völker zu pflegen, ihre weltgeschichtliche Aufgabe erblicken.
Freilich: si vis pacem, para bellum; das wusste auch Necho.
Beabsichtigte er – und das zeigt ja der Kanalbau – den Verkehr seines
Landes zu heben, trug er sich mit dem Gedanken, dem überseeischen Handel
Aegyptens ein neues Gebiet zu eröffnen – und dass nur einem solchen
Bestreben die Erzählung von der Umschiffung Libyens ihre Entstehung
verdanken konnte, werden auch die zugeben, welche an ihre Ausführung
nicht glauben – wollte er endlich einem unter Nebukadnezars Führung zu
erwartenden Angriffe asiatischer Völker, der alle diese Pläne kreuzen
musste, und bei dem sicherlich den Schiffen der Küstenstädte Syriens
eine Rolle zugewiesen war, mit Erfolg die Spitze bieten, so war eine
zahlreiche, wohl gerüstete Flotte dazu unbedingt das erste Erforderniss.
Nur unter ihrem Schutze war es möglich, Handelsbeziehungen mit
entlegenen Gegenden anzuknüpfen und zu erhalten, nur Kriegsschiffe in
gleicher Anzahl und gleich wohl armirt, wie der Beherrscher Syriens sie
ohne Mühe vom Mittelmeere aus zu einem Angriff auf das Nildelta
verwenden und vom Nordende des rothen Meeres gegen die ägyptische
Ostküste auslaufen lassen konnte, waren im Stande, einige Aussicht auf
den Bestand des Reiches und eine wünschenswerthe Entwicklung seiner
materiellen Interessen zu gewähren. So baute denn Necho eine
Mittelmeerflotte und eine solche im arabischen Busen[82]. Nach Herodot
hatten die Aegypter allerdings schon vor Necho eine Kriegsmarine[83],
und es wäre demnach anzunehmen, der Letztere hätte dieselbe nur
vergrössert; es ist aber anderweitig festgestellt, dass in älterer Zeit
Kriegsschiffe nur auf dem Nil, nicht zur See vorkommen, demnach z. B.
die grosse Seeexpedition, welche dem Sesostris zugeschrieben wird, ins
Gebiet der Fabel verwiesen werden muss und in der That die ägyptische
Trierenflotte für eine Schöpfung Nechos angesehen werden darf[84].