Ihr Hans H.«

Das fiel wie ein Funke in mein Pulver. Ich schrieb um den Text und war

so ungeduldig, daß ich den Brief wieder zerriß und telegraphierte. Nach

einer Woche kam das Manuskript, ein kleines glühendes Liebesspiel in

Versen, noch mit Lücken, aber für mich einstweilen genug. Ich las und

ging mit den Versen im Kopf umher, und sang sie und geigte sie bei Tag

und Nacht, und bald lief ich zu Gertrud.

»Sie müssen mir helfen,« rief ich. »Ich mache eine Oper. Da sind drei

Stücke, für Ihre Stimme gesetzt. Wollen Sie sie ansehen? Und mir dann

einmal singen?«

Sie freute sich, ließ sich erzählen, blätterte in den Noten und

versprach, sie bald zu lernen. Es kam eine glühende, übervolle Zeit;

trunken von Liebe und Musik ging ich einher, zu nichts andrem tauglich,

und Gertrud war die einzige, die mein Geheimnis wußte. Ich brachte ihr

Noten, die sie lernte und mir sang, ich fragte sie, spielte ihr alles

vor, und sie glühte mit mir, studierte und sang, riet und half, und

hatte an dem Geheimnis und an dem entstehenden Werk, das uns beiden

gehörte, ihre blühende Lust. Keine Andeutung, kein Vorschlag, den sie

nicht sofort verstand und aufnahm, schließlich begann sie selber, mit

ihrer feinen Schrift, mir beim Abschreiben und Umschreiben zu helfen.

Im Theater hatte ich Krankenurlaub genommen.

Es kam zwischen Gertrud und mir keine Verlegenheit auf, wir trieben

im selben Strom, arbeiteten am selben Werk, es war für sie wie für

mich ein Aufblühen reifgewordener Jugendkräfte, ein Glück und Zauber,

in dem meine Leidenschaft ungesehen mitbrannte. Sie unterschied nicht

zwischen meinem Werk und mir, sie liebte uns und war unser, und auch

für mich war Liebe und Arbeit, Musik und Leben nicht mehr zu trennen.

Manchmal sah ich das schöne Mädchen erstaunt und bewundernd an, und sie

erwiderte meinen Blick, und wenn ich kam oder ging, drückte sie mir die

Hand wärmer und stärker als ich ihre zu drücken wagte. Und wenn ich in

diesen lauen Frühlingstagen durch den Garten her kam und das alte Haus

betrat, wußte ich nicht, war es mein Werk oder meine Liebe, was mich

trieb und erhob.

Solche Zeiten dauern nicht lange. Es ging schon gegen das Ende und

meine Flamme flackerte wieder ungeteilt in blinden Liebeswünschen,

da saß ich an ihrem Flügel und sie sang den letzten Akt meiner Oper,

deren Sopranrolle fertig war. Sie sang so wunderbar, und ich dachte

dieser glühenden Tage, deren Glanz ich schon erblassen fühlte, während

Gertrud noch auf ihrer Höhe schwebte, und ich fühlte unabwendbar andere

und kühlere Tage kommen. Da lächelte sie mir zu und neigte sich zu mir

herab, der Noten wegen, und bemerkte die Trauer in meinem Blick, und

sah mich fragend an. Ich schwieg und stand auf und nahm ihr Gesicht

vorsichtig in beide Hände, küßte ihre Stirn und ihren Mund und setzte

mich wieder. Sie ließ alles still und fast feierlich geschehen, ohne

Befremdung und Unwillen, und da sie Tränen in meinen Augen sah, strich

sie mir mit ihrer leichten, lichten Hand beruhigend über Haar und Stirn

und Schulter.

Dann spielte ich weiter, und sie sang, und der Kuß und diese

merkwürdige Stunde blieb unbesprochen, doch unvergessen zwischen uns,

als unser letztes Geheimnis.

Denn das andre konnte nicht lange mehr zwischen uns bleiben; die Oper

brauchte nun andre Mitwisser und Helfer. Der erste mußte Muoth sein,

denn an ihn hatte ich bei der Hauptrolle gedacht, deren Ungestüm und

bittere Leidenschaft ganz seinem Gesang und ganz seinem Wesen verwandt

waren. Nur zögerte ich noch eine kleine Zeit. Noch war mein Werk ein

Bündnis zwischen mir und Gertrud, gehörte ihr und mir, schuf uns Sorge

und Lust, war ein Garten, von dem niemand wußte, oder ein Schiff, auf

dem wir beide allein das große Meer befuhren.

Sie fragte selbst danach, als sie fühlte und merkte, daß sie mir nimmer

weiter helfen konnte.

»Wer singt die große Rolle?« fragte sie.

»Heinrich Muoth.«

Sie schien erstaunt. »O,« sagte sie, »ist das Ernst? Ich hab ihn nicht

gern.«

»Er ist mein Freund, Fräulein Gertrud. Und die Rolle paßt für ihn.«

»Ja.«

Nun war schon ein Fremder dazwischen.

Indessen hatte ich nicht an Muoths Ferien und Reiselust gedacht. Er

freute sich über meinen Opernplan und versprach alle Hilfe, war aber

schon in Reiseplänen und konnte mir nur versprechen, bis zum Herbst

seine Rolle durchzunehmen. Ich schrieb sie ihm ab, soweit sie schon

fertig war. Er nahm sie mit und ließ nach seiner Gewohnheit in all den

Monaten nichts von sich hören.

So war eine Frist für uns gewonnen. Zwischen Gertrud und mir bestand

nun eine gute Kameradschaft. Ich glaube, sie wußte seit jener Stunde

am Klavier genau, was in mir vorging, doch sagte sie nie ein Wort und

war um nichts anders gegen mich. Sie liebte nicht nur meine Musik, sie

hatte mich selber gern und fühlte wie ich, daß zwischen uns beiden

ein natürlicher Einklang war, daß jeder von uns des andern Wesen

gefühlsmäßig verstand und billigte. So ging sie neben mir in Eintracht

und Freundschaft, doch ohne Leidenschaft. Zuzeiten genügte mir das und

ich lebte stille, dankbare Tage in ihrer Nähe. Doch immer kam bald die

Leidenschaft dazwischen, dann war mir jede ihrer Freundlichkeiten nur

ein Almosen und ich empfand mit Qualen, daß die Stürme des Liebhabens

und Begehrens, die mich erschütterten, ihr fremd und unlieb waren. Oft

täuschte ich mich gewaltsam und suchte mir vorzureden, sie sei eben

eine gleichmäßige und heiter stille Natur. Doch wußte mein Gefühl,

daß das falsch sei, und kannte Gertrud genug, um zu wissen, daß auch

ihr die Liebe Sturm und Gefahren bringen müsse. Oft habe ich darüber

nachgedacht, und ich glaube, wenn ich sie damals bestürmt und bekriegt

und mit allen Kräften an mich gezogen hätte, sie wäre mir gefolgt und

für immer mit mir gegangen. So aber mißtraute ich ihrer Heiterkeit,

und was sie mir von Zärtlichkeit und feiner Zuneigung zeigte, schob

ich auf das fatale Mitleid. Ich konnte den Gedanken nicht los werden,

daß sie mit einem andern, gesunden und äußerlich schönen Manne, wenn

sie ihn so gern hatte wie mich, nicht so lange in dieser ruhigen

Freundschaftlichkeit hätte verharren können. Da waren wieder die

Stunden nicht selten, in denen ich meine Musik und alles, was in mir

lebte, für ein gerades Bein und ein flottes Wesen hingegeben hätte.

Um jene Zeit kam Teiser mir wieder näher. Er war mir unentbehrlich

für die Arbeit, und so war er der nächste, der mein Geheimnis erfuhr

und Text und Plan meiner Oper kennen lernte. Bedächtig nahm er alles

an sich, um es zu Hause zu studieren. Dann aber kam er, und sein

blondbärtiges Kindergesicht war rot vor Vergnügen und Musikleidenschaft.

»Das wird was, Ihre Oper!« rief er erregt. »Die Ouvertüre dazu spür ich

schon in den Fingern! Jetzt gehn wir und trinken einen guten Schoppen,

Sie Manderl, und wenns nicht unbescheiden wär', würd' ich sagen, wir

trinken Brüderschaft. Aber es soll nicht aufgenötigt sein.«

Das nahm ich gerne an und es wurde ein froher Abend daraus. Teiser

nahm mich zum erstenmal in seine Wohnung mit. Er hatte vor kurzem eine

Schwester zu sich genommen, die nach dem Tod der Mutter alleingeblieben

war, und wußte nicht genug zu rühmen, wie wohlig ihm nach langen

Junggesellenjahren im neuen Haushalt sei. Die Schwester war ein

schlichtes, vergnügtes, harmloses Mädchen mit denselben hellen,

kindlichen, freudig guten Augen, wie ihr Bruder sie hatte, und hieß

Brigitte. Sie brachte uns Kuchen und hellgrünen Österreicher Wein, dazu

das Kästlein mit den langen Virginiazigarren. Da tranken wir das erste

Glas auf ihr Wohl und das zweite auf gute Brüderschaft, und während wir

Kuchen aßen, Wein tranken und rauchten, fuhr der gute Teiser in seiner

Herzensfreude hin und wieder durchs Zimmerlein, saß bald am Klavier,

bald mit der Guitarre im Arm auf dem Kanapee, bald mit der Geige auf

der Tischecke, spielte was ihm Schönes durch den Kopf ging, sang und

ließ seine frohen Augen glänzen, und alles mir und meiner Oper zu

Ehren. Es zeigte sich, daß die Schwester dasselbe Blut habe und nicht

minder auf Mozart schwöre; Arien aus der Zauberflöte und Stücke aus

dem Don Giovanni funkelten durch die kleine Wohnung, von Gespräch und

Gläserklirren unterbrochen, von der Geige, dem Klavier, der Guitarre

oder auch nur vom Pfeifen des Bruders tadellos rein und richtig

begleitet.

Für die kurze Sommerspielzeit war ich noch als Orchestergeiger

verpflichtet, hatte aber auf den Herbst um meine Entlassung gebeten, da

ich alsdann alle Zeit und Lust für meine Arbeit zu brauchen dachte.

Der Kapellmeister, den mein Gehen ärgerte, behandelte mich zu guter

Letzt mit ausgesuchter Grobheit, die mir aber Teiser brav parieren und

belachen half.

Mit diesem Treuen arbeitete ich die Instrumentierung meiner Opernmusik

aus, und so andächtig er meine Gedanken gelten ließ, so unerbittlich

legte er den Finger auf alle Verstöße in der Orchesterbehandlung.

Oft geriet er in hellen Zorn und kanzelte mich ab, wie ein derber

Dirigent, bis ich eine zweifelhafte Stelle, in die ich verliebt und

verbissen war, ausstrich und änderte. Und immer war er mit Beispielen

zur Hand, wenn ich zweifelte und ungewiß war. Wo ich etwas Mißlungenes

durchsetzen oder eine Kühnheit nicht wagen wollte, kam er mit

Partituren angelaufen und wies mir nach, wie das der Mozart oder der

Lortzing gemacht habe, und daß mein Zögern eine Feigheit oder mein

Beharren eine »Kuhdummheit« sei. Wir brüllten einander an, kriegten und

tobten, und wenn es in Teisers Wohnung geschah, so hörte die Brigitte

andächtig zu, kam und ging mit Wein und Zigarren und strich manches

zerknüllte Notenblatt mitleidig und sorgfältig wieder glatt. Der Liebe

zu ihrem Bruder kam ihre Bewunderung für mich gleich, ich war für sie

ein Maestro. An jedem Sonntag mußte ich zum Essen zu Teisers kommen,

und nach Tische ging es, wenn nur ein blauer Fleck am Himmel war, mit

der Straßenbahn hinaus. Da spazierten wir über die Hügel und durch

Wälder, plauderten und sangen, und die Geschwister ließen ungebeten

immer wieder ihre heimischen Jodler steigen.

Dabei kamen wir einmal zum Imbiß in ein Dorfwirtshaus, wo uns aus weit

offenen Fenstern eine ländliche Tanzmusik entgegenjubelte, und als wir

gegessen hatten und beim Apfelmost ausruhend im Garten saßen, schlich

die Brigitte bald zum Hause hinüber und hinein, und als wir es merkten

und nach ihr ausschauten, sahen wir sie am Fenster vorbei tanzen,

frisch und sprühend wie ein Sommermorgen. Als sie wiederkam, drohte ihr

Teiser mit dem Finger und meinte, sie hätte ihn wohl auch auffordern

dürfen. Da wurde sie rot und verlegen, winkte ihm abwehrend zu und sah

mich an.

»Was ist denn?« fragte ihr Bruder.

»Laß doch,« meinte sie nur, aber zufällig sah ich, wie sie ihn mit dem

Blick auf mich aufmerksam machte, und Teiser sagte, »Ach so«.

Ich sagte nichts, doch war es mir wunderlich, sie darüber verlegen zu

sehen, daß sie in meiner Gegenwart getanzt hatte. Es fiel mir erst

jetzt ein, daß wohl auch ihre Spaziergänge rascher und weiter und

anders gegangen wären ohne meine hemmende Gesellschaft, und ich schloß

mich von da an ihren Sonntagsausflügen nur selten mehr an.

Gertrud hatte, als wir mit dem Durchsingen der Sopranrolle soweit

fertig waren, wohl bemerkt, daß es mir schwer fiel, auf die häufigen

Besuche bei ihr und das vertrauliche Beisammensein am Klavier zu

verzichten, und daß ich mich doch scheute, Vorwände für dessen

Fortsetzung zu erfinden. Da überraschte sie mich mit dem Vorschlag, sie

regelmäßig beim Singen zu begleiten, und ich kam nun zwei-, dreimal in

der Woche am Nachmittag in ihr Haus. Der Alte sah ihre Freundschaft

mit mir gerne; ohnehin ließ er sie, die schon früh die Mutter verloren

hatte und dem Haus als Dame vorstand, in allem gewähren.

Der Garten stand in voller Frühsommerpracht, überall waren Blumen und

sangen Vögel um das stille Haus, und wenn ich von der Straße in den

Garten trat und an den dunklen, alten Steinbildern der Allee vorüber

mich dem grünumwachsenen Hause näherte, war es mir jedesmal wie der

Eintritt in ein Heiligtum, wohin Stimmen und Dinge der Welt nur leise

und gemildert dringen konnten. Da sangen vor den Fenstern im blühenden

Gebüsch die Bienen, Sonne und leichte Laubschatten fielen ins Zimmer,

und ich saß am Flügel und hörte Gertrud singen, horchte ihrer Stimme

nach, die sich leicht emporschwang und im mühelosen Schweben wiegte,

und wenn wir nach einem Lied einander ansahen und lächelten, so war es

einig und vertraulich, wie zwischen Geschwistern. Da meinte ich manches

Mal, jetzt brauche ich nur die Hand auszustrecken und mein Glück leise

zu fassen, um es für immer zu haben, und tat es doch nie, denn ich

wollte warten, bis auch sie einmal Verlangen und Sehnsucht zeige.

Gertrud aber schien in reiner Zufriedenheit zu atmen und nichts anders

zu wünschen, ja mir kam es oft vor, als bäte sie mich, dieses stille

Einvernehmen nicht zu erschüttern und unsern Frühling nicht zu stören.

War ich darüber enttäuscht, so tröstete es mich zu fühlen, wie innig

sie in meiner Musik lebte, wie sie mich verstand und darüber stolz war.

Das dauerte bis zum Juni, dann reiste Gertrud mit ihrem Vater in die

Berge, ich blieb zurück, und wenn ich an ihrem Hause vorüberging, lag

es leer hinter seinen Platanen, und die Pforte war geschlossen. Da fing

die Pein wieder an, wuchs und verfolgte mich tief in die Nächte hinein.

Da kam ich abends, fast immer mit Noten in der Tasche, zu den

Teisers, nahm an ihrem heiter genügsamen Leben teil, trank von ihrem

österreichischen Wein und spielte Mozart mit ihnen. Dann ging ich durch

die milden Nächte heim, sah in den Anlagen die Liebespaare spazieren,

legte mich zu Hause müd aufs Bett und fand doch keinen Schlaf. Es

war mir jetzt unbegreiflich, wie ich so brüderlich mit Gertrud hatte

umgehen können, daß ich nie den Bann gebrochen, sie an mich gezogen

und bestürmt und erobert hatte. Ich sah sie, in ihrem hellblauen oder

grauen Kleid, munter oder ernsthaft, ich hörte ihre Stimme und begriff

nimmer, daß ich sie jemals hatte hören können, ohne in Glut und Werbung

auszubrechen. Berauscht und fiebernd stand ich auf, machte Licht und

warf mich auf die Arbeit, ließ Menschenstimmen und Instrumente werben

und flehen und drohen, wiederholte das Lied der Sehnsucht in neuen,

fiebernden Melodien. Oft aber blieb mir diese Tröstung aus, dann

lag ich glühend und wild in grimmiger Schlaflosigkeit, sagte wirr

und sinnlos ihren Namen Gertrud, Gertrud vor mich hin, warf Trost

und Hoffnung weg und gab mich verzweifelnd der grauenhaften Ohnmacht

des Begehrens hin. Ich rief Gott an und fragte ihn, warum er mich so

geschaffen, warum er mich verstümmelt und mir statt des Glückes, das

jeder Ärmste habe, nichts gegeben habe, als den grausamen Trost, in

Tönen zu wühlen und das Unerreichbare in wesenlosen Tonphantasien immer

wieder vor mein Begehren hinzumalen.

Bei Tage gelang es mir besser, meiner Leidenschaft Herr zu werden. Da

biß ich auf die Zähne, saß vom frühesten Morgen an bei der Arbeit,

erzwang Ruhe durch lange Gänge, und Ermunterung durch kalte Sturzbäder,

und abends floh ich vor den Schatten der heraufdrohenden Nacht in

die heitere Nähe der Geschwister Teiser, wo mir für Stunden Ruhe und

manchmal beinahe Behagen kam. Teiser merkte wohl, daß ich litt und

krank war, doch schrieb er es der Arbeit zu und riet mir Schonung,

obwohl er selber flammend dabei war und im Grunde meine Oper ebenso

erregt und ungeduldig wachsen sah, wie ich selbst. Manchmal holte

ich ihn auch ab, um ihn allein zu haben, und brachte den Abend mit

ihm in einem kühlen Wirtsgarten zu, wo jedoch die Liebespaare und das

Nachtblau, die Lampions und Feuerwerke und der Duft von Begehrlichkeit,

den die Sommerabende der Städter immer haben, mir nicht wohl tat.

Völlig schlimm wurde es, als auch Teiser abreiste, um mit Brigitte die

Ferien im Gebirge zu verwandern. Er lud mich zum Mitkommen ein, und

es war ihm Ernst, so sehr ich mit meiner Unbeweglichkeit ihm die Lust

zerstört hätte; aber ich konnte nicht annehmen. Zwei Wochen blieb ich

allein in der Stadt, schlaflos und aufgerieben, und die Arbeit gedieh

nicht mehr.

Da schickte mir Gertrud eine kleine Schachtel voll Alpenrosen aus einem

Dorf im Wallis, und als ich ihre Handschrift sah und die bräunlichen,

welken Blumen auspackte, fiel es wie ein Blick aus ihren lieben Augen

auf mich und ich schämte mich meiner Wildheit und meines Mißtrauens.

Ich sah ein, daß es besser sei, sie wisse von meinem Zustand, und

am nächsten Morgen schrieb ich ihr einen kurzen Brief. Da erzählte

ich halb scherzhaft, daß ich nimmer schlafen könne, und daß es vor

Sehnsucht nach ihr geschehe, und daß ich ihre Freundschaft nicht mehr

annehmen könne, da es bei mir Liebe sei. Im Schreiben überfiel es mich

wieder, und der Brief, der ruhig und fast scherzend begonnen hatte,

ward zum Schlusse heftig und heiß.

Die Post brachte beinah jeden Tag Grüße und Ansichtskarten von den

Geschwistern Teiser, die nicht ahnen konnten, daß ihre Karten und

Brieflein mir jedesmal eine Enttäuschung brachten, da ich andere Post

von anderer Hand erwartete.

Endlich kam sie doch, ein graues Kuvert mit Gertruds leichter, heiterer

Schrift, und innen ein Brief.

Lieber Freund! Ihr Brief bringt mich in Verlegenheit. Ich sehe, daß

Sie leiden und schwere Zeit haben, sonst müßte ich schelten, daß Sie

mich so überfallen. Sie wissen, wie gern ich Sie habe; aber mir ist

mein jetziger Zustand lieb, ich habe noch kein Verlangen ihn zu ändern.

Wenn ich Gefahr sähe, Sie zu verlieren, würde ich alles tun, Sie mir zu

halten. Aber auf ihren heißen Brief kann ich nicht antworten. Haben Sie

Geduld, lassen Sie es zwischen uns, wie es war, bis wir uns wiedersehen

und miteinander reden können. Dann wird alles leichter sein. In

Freundschaft Ihre Gertrud.

Damit war wenig anders geworden, und doch tat der Brief mir wohl. Es

war doch ein Gruß von ihr, sie duldete doch und ließ es geschehen, daß

ich um sie warb, sie hatte mich nicht abgewiesen. Auch brachte ihr

Brief mir etwas von ihrem Wesen mit, etwas von ihrer beinahe kühlen

Klarheit, und statt des Bildes, das meine Sehnsucht von ihr geschaffen

hatte, stand wieder sie selber vor meinen Gedanken. Ihr Blick forderte

Vertrauen von mir, ich spürte ihre Nähe und sogleich erhob sich Scham

und Stolz in mir, half mir das verzehrende Schmachten besiegen und die

brennenden Wünsche niederhalten. Nicht getröstet, doch gestärkt und

wehrhafter hielt ich mich aufrecht. Ich quartierte mich mit meiner

Arbeit im Wirtshaus eines Dorfes ein, zwei Stunden von der Stadt. Da

saß ich viel in einer schattigen, schon verblühten Fliederlaube und

dachte nach, und wunderte mich über mein Leben. Wie ging ich einsam

und fremd meinen Weg, ungewiß wohin! Und nirgends hatte ich Wurzeln

geschlagen und Heimatrecht erworben. Mit den Eltern stand ich nur in

äußerlichem Verkehr, mit höflichen Briefen; meinen Beruf hatte ich

verlassen, um gefährlichen Schöpferphantasien nachzugehen, die mich

doch nicht sättigten. Meine Freunde kannten mich nicht, Gertrud war der

einzige Mensch, mit dem ich ein volles Verstehen und eine vollkommene

Gemeinschaft hätte haben können. Und meine Arbeit, das, wofür ich doch

lebte und was meinem Leben Sinn geben sollte, wie war das ein Jagen

nach Schatten, ein Bauen von Lufthäusern! Konnte das wirklich einen

Sinn haben und eines Menschen Leben rechtfertigen und ausfüllen, das

Hintürmen von Tonreihen und erregte Spielen mit Gebilden, die im besten

Fall einmal anderen Menschen eine Stunde angenehm zubringen halfen?

Dennoch arbeitete ich wieder leidlich fleißig und kam innerlich in

diesem Sommer vollends mit der Oper zustande, wenn auch außen noch

viel fehlte und erst das Wenigste aufgeschrieben war. Manchmal kam

ich wieder in helle Freude und dachte mit Hochmut mir aus, wie mein

Werk Macht über Menschen gewinnen würde, wie Sänger und Musikanten,

Kapellmeister und Chöre Vollstrecker meines Willens sein müßten, und

wie er auf Tausende wirken werde. Zu andern Zeiten kam es mir beinahe

unheimlich und gespenstisch vor, daß alle diese Bewegungen und diese

Macht ausgehen sollten von den ohnmächtigen Träumen und Phantasien

eines armen, einsamen Menschen, den alle bemitleideten. Zuweilen verlor

ich auch den Mut und wollte finden, meine Arbeit könne unmöglich je

aufgeführt werden, es sei alles falsch und übertrieben. Doch war das

selten, im Grunde war ich vom Leben und von der Kraft meiner Arbeit

überzeugt. Sie war auch ehrlich und glühend, sie war erlebt und hatte

Blut in den Adern, und wenn ich sie auch heute nicht mehr hören mag

und ganz andere Noten schreibe, so ist doch in jener Oper meine ganze

Jugend, und wenn manche Takte daraus mir wieder begegnen, so ist es mir

nicht anders, als wehe ein lauer Frühlingssturm aus verlassenen Tälern

der Jugend und der Leidenschaft herüber. Und wenn ich denke, daß ihre

ganze Glut und Macht über die Herzen aus Schwäche und Entbehrung und

Sehnsucht geboren ist, so weiß ich nicht mehr, ob mir mein ganzes Leben

in jener Zeit, und auch noch das jetzige, lieb oder leid sein soll.

Der Sommer ging zur Neige, in einer finstern Nacht mit wilden,

leidenschaftlich schluchzenden Regengüssen schrieb ich die Ouvertüre zu

Ende, und am Morgen war der Regen kühl und mild, der Himmel glatt grau

und der Garten herbstlich geworden. Ich packte meine Sachen zusammen

und fuhr in die Stadt zurück.

Von allen meinen Bekannten war nur Teiser mit seiner Schwester schon

zurückgekehrt. Sie sahen beide bergbraun und blühend aus, hatten auf

ihren Touren erstaunlich viel erlebt und waren doch voll Teilnahme und

Spannung, zu sehen, wie es mit der Oper stehe. Wir nahmen die Ouvertüre

durch, und es war mir selber nahezu feierlich, als Teiser mir die Hand

auf die Schulter legte und zu seiner Schwester sagte: »Brigitt', schau

den an, das ist ein großer Musiker!«

Gertruds Ankunft erwartete ich trotz aller Sehnsucht und Erregung doch

mit Vertrauen. Ich konnte ihr ein schönes Stück Arbeit zeigen und

wußte, sie lebe mit und verstehe und genieße alles wie ihr Eigenes.

Am meisten war ich auf Heinrich Muoth gespannt, dessen Hilfe mir

unentbehrlich war und von dem ich seit Monaten kein Wort gehört hatte.

Endlich erschien er, noch vor Gertruds Rückkehr, und trat eines Morgens

in mein Zimmer. Lange sah er mir ins Gesicht.

»Sie sehen scheußlich aus,« sagte er kopfschüttelnd. »Na, wenn man

solche Sachen schreibt!«

»Haben Sie die Rolle angesehen?«

»Angesehen? Ich kann sie auswendig und werde sie singen, sobald Sie

wollen. Das ist ja eine verfluchte Musik!«

»Meinen Sie?«

»Sie werden sehen. Jetzt haben Sie Ihre schönste Zeit gehabt, warten

Sie nur! Mit der Dachkammerberühmtheit ist es vorbei, sobald die Oper

gespielt wird. Nun, das ist Ihre Sache. Wann wollen wir singen? Ein

paar Anmerkungen hätte ich immerhin zu machen. Wie weit sind Sie mit

dem Ganzen?«

Ich zeigte ihm, was zu zeigen war, und er nahm mich gleich mit in

seine Wohnung. Da hörte ich ihn zum erstenmal diese Rolle singen, bei

der ich durch meine eigene Leidenschaft hindurch immer an ihn gedacht

hatte, und fühlte die Macht meiner Musik und seiner Stimme. Erst

jetzt konnte ich in Gedanken das Ganze auf der Bühne vor mir sehen,

erst jetzt schlug meine eigene Flamme mir entgegen und ließ mich ihre

Wärme fühlen, gehörte nimmer mir und war nimmer mein Werk, sondern

hatte eignes Leben und wirkte als eine fremde Macht auf mich. Zum

erstenmal fühlte ich diese Loslösung eines Werkes vom Schöpfer, an die

ich bis dahin nicht recht geglaubt hatte. Mein Werk begann dazustehen

und sich zu regen und Leben zu zeigen, eben noch hatte ich es in der

Hand gehabt, und schon jetzt war es nimmer mein, war es wie ein Kind

dem Vater entwachsen, lebte und übte Macht auf eigne Faust, sah mich

aus fremden Augen selbständig an und trug doch meinen Namen und mein

Zeichen an der Stirn geschrieben. Dieselbe zwiespältige, ja manchmal

erschreckende Empfindung habe ich später bei den Aufführungen gehabt.

Muoth hatte die Rolle gut geübt, und was er geändert zu sehen begehrte,

konnte ich ihm wohl zugestehen. Nun fragte er neugierig nach der

Sopranrolle, die er nur halb kannte, und wollte wissen, ob sie mir

schon von einer Sängerin durchgesungen worden sei. Ich mußte ihm nun,

zum erstenmal, von Gertrud sprechen, und es gelang mir, es ruhig und

unauffällig zu tun. Dem Namen nach kannte er sie wohl, hatte aber nie

im Hause Imthor verkehrt und war erstaunt, zu hören, daß Gertrud die

Rolle studiert habe und singen könne.

»Dann muß sie eine gute Stimme haben,« meinte er anerkennend, »sehr

hoch und leicht. Wollen Sie mich dort einmal einführen?«

»Ich hätte ohnehin darum gebeten. Ich möchte Sie ein paarmal mit

Fräulein Imthor singen hören, es werden Korrekturen nötig sein. Sobald

die Herrschaften wieder in der Stadt sind, will ich sie darum bitten.«

»Eigentlich sind Sie doch ein Glückspilz, Kuhn. Und für die

Orchestermusik haben Sie den Teiser als Helfer. Sie werden sehen, das

Stück schlägt ein.«

Ich sagte nichts, ich hatte für später und für das Schicksal meiner

Oper noch keine Gedanken frei, erst mußte sie fertig sein. Doch seit

ich ihn hatte singen hören, glaubte auch ich an die Kraft meiner Arbeit.

Teiser, dem ich davon erzählte, sagte grimmig: »Ich glaub's schon. Der

Muoth hat ja eine Heidenkraft. Wenn er nur nicht so ein Pfuscher wär'.

Dem ist es nie um die Musik zu tun, immer nur um sich selber. Er ist

ein Draufgänger, überall.«

An dem Tage, da ich durch den herbstlichen Garten beim schon sachte

beginnenden Blätterfall das Imthorsche Haus aufsuchte, um die endlich

zurückgekehrte Gertrud zu besuchen, schlug mir das Herz beklommen.

Sie aber, schöner und aufrechter und ein wenig bräunlich geworden,

kam mir lächelnd entgegen, gab mir die Hand und tat mit ihrer lieben

Stimme und ihrem hellen Blick und ihrer ganzen noblen, freien Art mir

sogleich wieder den alten Zauber an, daß ich beglückt meine Sorgen und

Begierden beiseite tat und froh war, wieder in ihrer heilenden Nähe zu

sein. Sie ließ mich gewähren, und da ich den Weg nicht fand, auf meinen

Brief und mein Anliegen zu reden zu kommen, schwieg auch sie von alle

dem und gab mit keiner Gebärde kund, daß unsere Kameradschaft getrübt

oder gefährdet sei. Sie suchte nicht sich mir zu entziehen, sie war

wieder häufig mit mir allein, indem sie darauf vertraute, ich werde

ihren Willen achten und meine Werbung nicht wiederholen, ehe sie selbst

mich dazu ermuntere. Wir nahmen unverweilt alles durch, was ich in

diesen Monaten gearbeitet hatte, und ich erzählte ihr, daß Muoth seine

Rolle habe und lobe. Ich bat um Erlaubnis, ihn mitzubringen, da es mir

unentbehrlich war, beide Hauptrollen mit ihnen gemeinsam durchzunehmen,

und sie gab ihre Einwilligung.

»Sehr gern tue ich's nicht,« sagte sie, »das wissen Sie ja. Ich

singe sonst nie vor Fremden, und vor Herrn Muoth ist es mir doppelt

peinlich. Nicht nur, weil er ein berühmter Sänger ist. Er hat etwas,

was ich fürchte, wenigstens auf der Bühne. Nun, wir werden sehen, es

wird doch gehen.«

Ich wagte nicht, meinen Freund in Schutz zu nehmen und zu rühmen, um

sie nicht noch scheuer zu machen. Ich war überzeugt, sie würde nach dem

ersten Versuch gern mit ihm weiter singen.

Einige Tage später kam ich mit Muoth in einem Wagen gefahren, wir

wurden erwartet und vom Hausherrn empfangen, der von großer Höflichkeit

und Kühle war. Gegen meine häufigen Besuche und meine Vertrautheit

mit Gertrud hatte er nicht das mindeste, er würde gelacht haben,

wenn jemand ihn darauf gewiesen hätte. Aber daß nun Muoth dazu kam,

gefiel ihm wenig. Dieser war sehr elegant und korrekt, und die Imthors

schienen beide angenehm von ihm enttäuscht zu sein. Der als gewalttätig

und hochmütig verschrieene Sänger konnte vortreffliche Manieren zeigen,

auch war er nicht eitel und im Gespräch bestimmt, doch bescheiden.

»Wollen wir singen?« fragte Gertrud nach einiger Weile, und wir

standen auf, um ins Musikzimmer hinüber zu gehen. Ich setzte mich an

den Flügel, skizzierte Vorspiel und Szene, gab Erklärungen und bat

schließlich Gertrud zu beginnen. Sie tat es unfrei und vorsichtig,

mit halber Stimme. Muoth dagegen, als an ihn die Reihe kam, sang ohne

Zögern und Schonung mit voller Stimme, riß uns beide mit und brachte

uns schnell mitten hinein, so daß auch Gertrud nun sich hergab. Muoth,

der in guten Häusern die Damen sehr gemessen zu behandeln pflegte,

ward erst jetzt auf sie aufmerksam, folgte ihrem Gesang mit Teilnahme

und sprach ihr in herzlichen, nicht übertreibenden, kollegialen Worten

seine Bewunderung aus.

Von da an war alle Befangenheit verschwunden, die Musik befreundete

uns und machte uns einmütig. Und mein Werk, das immer noch in schlecht

verbundenen Stücken halbtot dalag, wuchs mir immer mehr und inniger

zusammen. Ich wußte jetzt, daß die Hauptsache daran getan und nichts

wesentliches mehr daran zu verderben war, und es schien mir gut. Ich

verbarg meine Freude nicht und dankte meinen beiden Freunden mit

Bewegung. Festlich froh gingen wir aus dem Hause, und Heinrich Muoth

führte mich zu einem improvisierten Festmahl in sein Gasthaus. Da tat

er beim Champagner, was er nie hatte tun wollen, er nannte mich Du und

blieb dabei, und ich freute mich und ließ es gelten.

»Da sind wir vergnügt und feiern«, lachte er, »und eigentlich haben

wir recht, daß wir's im voraus tun, da ist es am schönsten. Nachher

sieht es anders aus. Du läufst jetzt in den Theaterglanz hinein, Junge,

und wir wollen darauf anstoßen, daß er dich nicht kaput macht wie die

meisten.«

Noch eine Zeitlang behielt Gertrud ihre Scheu vor Muoth und ward ihm

gegenüber nur beim Singen frei und harmlos. Er war sehr zurückhaltend

und rücksichtsvoll, und allmählich sah ihn Gertrud gerne kommen und

lud ihn, gerade wie mich, jedesmal mit unbefangener Freundlichkeit zum

Wiederkommen ein. Die Stunden, in denen wir drei allein zusammen waren,

wurden selten. Die Rollen waren durchgesungen und durchbesprochen, auch

hatte bei Imthors die winterliche Geselligkeit mit den regelmäßigen

Musikabenden wieder begonnen, an denen nun auch Muoth häufig erschien,

doch ohne dabei mitzuwirken.

Manchmal meinte ich wahrzunehmen, daß Gertrud mir fremder zu werden

anfange, daß sie sich etwas von mir zurückziehe; doch strafte ich mich

für solche Gedanken stets und schämte mich meines Mißtrauens. Ich sah

Gertrud als Dame eines geselligen Hauses sehr in Anspruch genommen und

hatte oft meine Freude daran, sie inmitten der Gäste so schlank und

fürstlich und doch anmutig gehen und walten zu sehen.

Für mich vergingen die Wochen schnell. Ich saß an der Arbeit, die ich

während des Winters möglichst zu vollenden dachte, hatte Zusammenkünfte

mit Teiser, Abende bei ihm und seiner Schwester, dazu allerlei

Briefwechsel und Erlebnisse, denn es wurden da und dort meine Lieder

gesungen und in Berlin alles, was ich für Streichmusik komponiert

hatte, aufgeführt. Es kamen Anfragen und Zeitungskritiken, und

plötzlich schien auch schon jedermann zu wissen, daß ich an einer Oper

arbeite, obwohl ich selber außer Gertrud, den Teisers und Muoth niemand

ein Wort davon gesagt hatte. Nun, jetzt war es einerlei, und im Grunde

freuten mich diese Zeichen des Erfolges, es schien nun endlich und doch

früh genug ein offener Weg vor mir zu liegen.

Zu Hause bei den Eltern war ich ein ganzes Jahr nimmer gewesen. Nun

fuhr ich zu Weihnachten hin. Ich fand die Mutter liebevoll, doch in

der alten Befangenheit, die zwischen uns bestand, und die bei mir

eine Furcht vor Nichtverstandenwerden, bei ihr ein Unglaube an meinen

Künstlerberuf und ein Mißtrauen gegen die Ernsthaftigkeit meiner

Bestrebungen war. Nun sprach sie lebhaft von dem, was sie über mich

gehört und gelesen hatte, doch mehr um mir damit eine Freude zu machen

als aus Überzeugung, denn im Grunde mißtraute sie diesen scheinbaren

Erfolgen ebenso wie meiner ganzen Kunst. Sie war nicht ohne Freude an

Musik, hatte früher auch etwas gesungen, doch war immerhin ein Musikant

in ihren Augen etwas Armseliges, auch konnte sie meine Musik, von der

sie einiges gehört hatte, nicht verstehen oder billigen.

Der Vater hatte mehr Glauben. Als Kaufmann dachte er vor allem an mein

äußeres Fortkommen, und obwohl er mich stets ohne Murren reichlich

unterstützt und seit meinem Austritt aus dem Orchester sogar meinen

ganzen Unterhalt wieder bestritten hatte, sah er es doch gerne, daß ich

zu verdienen begann und Aussicht hatte, einmal vom eigenen Erwerb leben

zu können, was er auch bei vorhandenem Reichtum für die notwendige

Grundlage einer ehrenhaften Existenz ansah. Übrigens fand ich ihn im

Bett liegend, er war gerade am Tage vor meiner Ankunft gefallen und

hatte sich am Fuß verletzt.

Ich traf ihn geneigt zu leicht philosophierenden Gesprächen, kam ihm

näher als je und hatte meine Freude an seiner bewährten praktischen

Lebensweisheit. Ich konnte ihm manche meiner Leiden klagen, was ich

früher aus Scham nie getan hatte. Dabei fiel ein Ausspruch Muoths mir

ein, den ich meinem Vater wiederholte. Muoth hatte einmal gesagt,

allerdings nicht im Ernste, er halte die Jugend für die schwerste

Zeit im Leben und finde, alte Leute seien meistens viel heiterer

und zufriedener als junge. Mein Vater lachte dazu und meinte dann

nachdenklich: »Wir Alten sagen natürlich das Gegenteil. Aber dein

Freund hat doch etwas von der Wahrheit gefühlt. Ich glaube, man kann

im Leben eine ganz genaue Grenze ziehen zwischen Jugend und Alter. Die

Jugend hört auf mit dem Egoismus, das Alter beginnt mit dem Leben für

andere. Ich meine es so: junge Leute haben viel Genuß und viel Leiden

von ihrem Leben, weil sie es nur für sich allein leben. Da ist jeder

Wunsch und Einfall wichtig, da wird jede Freude ausgekostet, aber auch

jedes Leid, und mancher, der seine Wünsche nicht erfüllbar sieht,

wirft gleich das ganze Leben weg. Das ist jugendlich. Für die meisten

Menschen aber kommt eine Zeit, wo das anders wird, wo sie mehr für

andere leben, keineswegs aus Tugend, sondern ganz natürlich. Bei den

meisten bringt es die Familie. Man denkt weniger an sich selber und

seine Wünsche, wenn man Kinder hat. Andere verlieren den Egoismus an

ein Amt, an die Politik, an die Kunst oder Wissenschaft. Die Jugend

will spielen, das Alter arbeiten. Es heiratet keiner, damit er Kinder

kriege, aber wenn er Kinder kriegt, so ändern sie ihn, und schließlich

sieht er, daß alles doch nur für sie geschehen ist. Das hängt damit

zusammen, daß die Jugend zwar gern vom Tode redet, aber doch nie an ihn

denkt. Bei den Alten ist es umgekehrt. Die Jungen glauben ewig zu leben

und können darum alle Wünsche und Gedanken auf sich selber stellen. Die

Alten haben schon gemerkt, daß irgendwo ein Ende ist und daß alles, was

einer für sich allein hat und tut, am Ende in ein Loch fällt und für

nichts war. Darum braucht er eine andere Ewigkeit und den Glauben, er

arbeite nicht blos für die Würmer. Dafür sind Frau und Kind, Geschäft

und Amt und Vaterland, damit man wisse, für wen denn das tägliche

Schinden und Plagen geschehe. Und darin hat dein Freund ganz recht:

man ist zufriedener, wenn man für andere, als wenn man für sich allein

lebt. Nur sollten die Alten nicht gar so sehr ein Heldentum draus

machen, was es nicht ist. Auch werden aus den eifrigsten Jungen die

besten Alten und nicht aus denen, die schon auf Schulen wie Großväter

tun.«

Ich blieb eine Woche zu Hause und saß viel am Bett meines Vaters, der

kein geduldiger Kranker und freilich außer der kleinen Verletzung

am Fuß bei bester Kraft und Gesundheit war. Ich gestand ihm mein

Bedauern darüber, daß ich ihm nicht schon früher gerecht geworden und

nahegekommen sei, doch meinte er, das sei gegenseitig, und es werde

unsrer künftigen Freundschaft besser bekommen, als wenn wir vorzeitige

Versuche des Verstehens aneinander gemacht hätten, welche selten

gelängen. Vorsichtig und freundlich erkundigte er sich danach, wie es

mir mit den Frauen gegangen sei. Von Gertrud mochte ich nichts sagen,

meine übrige Beichte war sehr einfach.

»Tröste dich!« sagte mein Vater lächelnd. »Du hast das Zeug zu einem

recht guten Ehemann, das merken gescheite Frauen bald. Nur einer ganz

armen darfst du nicht glauben, die könnte dein Geld meinen. Und wenn du

die nicht findest, die du dir denkst und gern hättest, so ist auch noch

nicht alles verloren. Die Liebe zwischen jungen Leuten und die in einer

langen Ehe ist nicht dieselbe. In der Jugend denkt jedes an sich und

sorgt für sich. Aber wenn einmal ein Hausstand da ist, gibt es anderes

zu sorgen. Mir ist es auch so gegangen, du darfst es wohl wissen. Ich

war in deine Mama sehr verliebt, und es war eine rechte Liebesheirat.

Das dauerte aber nur ein Jahr oder zwei, dann hörte die Verliebtheit

auf und war bald bis auf den letzten Rest verbraucht, und wir standen

da und wußten nicht recht, was miteinander anfangen. Da kamen gerade

die Kinder, deine beiden älteren Geschwister, die ja früh gestorben

sind, und wir hatten für die zu sorgen. Darüber wurden unsere Ansprüche

aneinander kleiner, die Fremdheit hörte wieder auf, und auf einmal war

die Liebe wieder da, freilich nicht die alte, sondern eine ganz andere.

Und die hat seither gehalten, ohne viel Flicken zu brauchen, mehr als

dreißig Jahre. Es geht nicht allen Liebesheiraten so gut, sogar sehr

wenigen.«

Mir war nun allerdings mit diesen Anschauungen nicht gedient, doch

tat das neue, freundschaftliche Verhältnis zu meinem Vater mir wohl

und machte mir die Heimat wieder lieb, die mir in den letzten Jahren

beinahe gleichgültig geworden war. Als ich wieder abreiste, bereute ich

den Besuch nicht und beschloß, künftig in besserer Verbindung mit den

Alten zu bleiben.

Arbeit und Reisen zur Aufführung meiner Streichmusik hielten mich eine

Weile vom Besuch des Imthorschen Hauses ab. Als ich wiederkam, fand

ich Muoth, der früher nur in meiner Begleitung hingegangen war, dort

unter den meistgeladenen Gästen. Der alte Imthor trat ihm noch immer

kühl und leicht ablehnend gegenüber, Gertrud aber schien gut Freund

mit ihm geworden zu sein. Mir war das lieb, ich wußte keinen Grund

zur Eifersucht und war überzeugt, daß zwei so ungleiche Menschen wie

Muoth und Gertrud wohl einander interessieren und anziehen, nicht

aber befriedigen und lieben könnten. So sah ich es ohne Mißtrauen,

wenn er mit ihr sang und sie beide ihre schönen Stimmen vermischten.

Sie sahen gut aus, beide große, hohe, aufrechte Menschen, er dunkel

und ernst, sie hell und heiter. Neuerdings kam es mir allerdings

zuweilen vor, als habe ihre alte angeborene Heiterkeit einige Mühe,

sich zu behaupten, und sei manchmal müde und verschattet. Sie sah mich

nicht selten ernsthaft und prüfend an, mit einer Neugierde und einem

Interesse, wie bedrückte und geängstigte Menschen einander ansehen; und

wenn ich ihr dann zunickte und mit einem fröhlichen Blick antwortete,

spannte sie die Züge so langsam und angestrengt zum Lächeln, daß es mir

weh tat.

Doch machte ich solche Beobachtungen nur ganz selten, zu anderen

Zeiten sah Gertrud so heiter und strahlend aus wie je, so daß ich

jene Beobachtungen für Einbildungen hielt oder einem vorübergehenden

Unwohlsein zuschrieb. Nur einmal war ich ernstlich erschrocken. Sie

saß, während einer der Hausfreunde Beethoven spielte, im Halbdunkel

zurückgelehnt und mußte glauben, ganz unbeobachtet zu sein. Vorher,

beim hellen Licht zwischen den Gästen beim Empfang, war sie immer

klar und heiter anzusehen gewesen. Nun aber, in sich zurückgezogen

und offenbar von der Musik unberührt, ließ sie ihr Gesicht gehen und

bekam einen Ausdruck von Müdigkeit, Angst und Scheu wie ein verhetztes,

ratlos gewordenes Kind. Es dauerte mehrere Minuten, und als ich das

sah, wollte mir das Herz stillstehen. Sie litt und hatte Kummer, schon

das war schlimm, und daß sie auch vor mir die Fröhliche spielte und

auch mir alles verbarg, machte mich ängstlich. Sobald das Spiel zu Ende

war, suchte ich ihre Nähe, setzte mich zu ihr und fing ein harmloses

Gespräch an. Ich sprach davon, daß es für sie ein unruhiger Winter sei,

und daß auch ich dabei entbehre, doch sagte ich alles leichthin in

scherzendem Tone. Schließlich erinnerte ich an die Zeit im Frühjahr,

da wir die Anfänge meiner Oper miteinander gespielt und gesungen und

besprochen hatten.

Da sagte sie: »Ja, das ist eine schöne Zeit gewesen.« Mehr nicht,

aber es war doch ein Geständnis, denn sie sagte es mit ungewollter

Ernsthaftigkeit. Ich aber las daraus Hoffnung für mich und war ihr im

Herzen dankbar.

Gar gerne hätte ich ihr meine Frage vom Sommer wiederholt. Die

Veränderung in ihrem Wesen, die Befangenheit und unsichere Scheu,

die sie gerade vor mir zuweilen zeigte, glaubte ich doch bei aller

Bescheidenheit als günstige Anzeichen für mich hinnehmen zu dürfen. Es

war mir rührend zu sehen, wie ihr Mädchenstolz krank zu liegen und sich

hart zu wehren schien. Doch wagte ich nichts zu sagen, sie tat mir

leid in ihrer Unsicherheit, und mein stilles Versprechen glaubte ich

auch halten zu müssen. Ich habe nie gewußt mit Frauen umzugehen; ich

machte den umgekehrten Fehler wie Heinrich Muoth: ich ging mit Frauen

um wie mit Freunden.

Da ich auf die Dauer meine Wahrnehmungen nicht für Täuschungen halten

konnte und Gertruds veränderte Art doch nur halb verstand, hielt ich

mich zurück, ließ meine Besuche etwas seltener werden und vermied

intime Gespräche mit ihr. Ich wollte sie schonen und nicht noch scheuer

machen und ängstigen, da sie doch zu leiden und in sich uneins zu sein

schien. Sie merkte es, wie ich glaube, und sah meine Zurückhaltung

nicht ungern. Ich hoffte, es werde mit dem Ende des Winters und der

lebhaften Geselligkeit wieder eine stille, schöne Zeit für uns beide

kommen, bis dahin wollte ich warten. Oft aber tat mir das schöne

Mädchen bitter leid, und wider meinen Willen ward ich selber allmählich

unruhig und fühlte etwas Schlimmes in der Luft.

Der Februar kam, ich wünschte sehnlich das Frühjahr her und litt unklar

unter der Spannung dieses Zustandes. Auch Muoth ließ sich wenig bei

mir sehen, allerdings hatte er einen angestrengten Winter an der Oper

und war in der Wahl zwischen zwei ehrenvollen Berufungen an große

Theater, die ihm neuestens zugekommen waren. Eine Geliebte schien er

nicht mehr zu haben, wenigstens hatte ich seit seinem Bruch mit Lotte

keine Frau mehr bei ihm gesehen. Kürzlich hatten wir seinen Geburtstag

gefeiert, seither hatte ich ihn nicht gesehen.

Nun trieb mich ein Bedürfnis zu ihm, ich begann unter der Veränderung

meiner Beziehungen zu Gertrud, unter Überarbeitung und Wintermüdigkeit

zu leiden und suchte ihn auf, um wieder einmal zu plaudern. Er setzte

mir einen Sherry vor und erzählte von der Bühne, war übrigens müde und

zerstreut und merkwürdig milde. Ich hörte zu, schaute im Zimmer umher

und wollte eben fragen, ob er wieder bei Imthors gewesen sei. Da sah

ich, bei einem gleichgültigen Blick über den Tisch, ein Kuvert mit

Gertruds Handschrift liegen. Noch ehe ich darüber nachdenken konnte,

stieg schon Schrecken und Bitterkeit in mir auf. Es konnte ja eine

Einladung, eine einfache Höflichkeit sein, doch glaubte ich daran

nicht, so gern ich es getan hätte.

Es gelang mir, ruhig zu bleiben, und bald ging ich fort. Und wider

meinen Willen wußte ich schon alles. Es konnte eine Einladung, eine

Kleinigkeit, ein Zufall sein -- ich wußte aber, daß es das nicht war.

Ich sah auf einmal alles und begriff alles, was in der letzten Zeit

gewesen und geschehen war. Wohl nahm ich mir vor, zu prüfen und zu

warten, doch waren alle diese Gedanken nur Vorwände und Ausflüchte, im

Grunde saß der Pfeil und schwärte im Blut, und als ich nach Hause kam

und in meiner Stube saß, wich langsam die Betäubung einer furchtbaren

Klarheit, die mich eisig durchfloß und mir zu fühlen gab, daß nun mein

Leben zerstört und mein Glauben und Hoffen vernichtet war.

Mehrere Tage kam ich weder zu Tränen noch zu Schmerzen. Ohne zu

denken, hatte ich beschlossen, nicht weiter zu leben. Vielmehr hatte

der Lebenswille in mir sich niedergelegt und schien verschwunden. Ich

bedachte das Sterben wie ein Geschäft, das unweigerlich getan werden

muß und bei dem man sich nicht besinnt, ob es angenehm ist oder nicht.

Zu den Dingen, die ich zuvor besorgen mußte und besorgte, gehörte vor

allem ein Besuch bei Gertrud, um -- gewissermaßen der Ordnung wegen

-- die für mein Gefühl entbehrliche Bestätigung zu holen. Ich hätte

sie von Muoth haben können; aber obwohl er weniger schuldig schien als

Gertrud, brachte ich es nicht über mich zu ihm zu gehen. Ich ging zu

Gertrud, traf sie nicht, kam anderen Tages wieder und unterhielt mich

ein paar Minuten mit ihr und ihrem Vater, bis dieser uns allein ließ,

da er glaubte, wir wollten musizieren.

Nun stand sie mir allein gegenüber und ich sah sie neugierig noch

einmal an, die leicht verwandelt, doch nicht minder schön als jemals

war.

»Verzeihen Sie mir, Gertrud,« sagte ich fest, »daß ich Sie noch einmal

quälen muß. Ich habe Ihnen im Sommer einen Brief geschrieben -- kann

ich auf den jetzt Antwort haben? Ich muß verreisen, vielleicht für

lange, sonst hätte ich gewartet, bis Sie selber...«

Da sie bleich wurde und mich verwundet ansah, half ich ihr und sprach

weiter: »Nicht wahr, Sie müssen nein sagen? Ich habe es mir gedacht.

Ich möchte nur Gewißheit haben.«

Sie nickte traurig.

»Ist es Heinrich?« fragte ich.

Und sie nickte wieder, und plötzlich erschrak sie und faßte meine Hand.

»Verzeihen Sie mir! Und tun Sie ihm nichts!«

»Das habe ich nicht im Sinn, seien Sie ruhig,« sagte ich und mußte

lächeln, denn mir fiel die Marion ein und die Lotte, die auch so

ängstlich an ihm hingen, und die er geschlagen hatte. Vielleicht würde

er auch Gertrud schlagen, und ihre ganze herrliche Hoheit und ihr

ganzes vertrauensvolles Wesen zerstören.

»Gertrud,« fing ich noch einmal an, »besinnen Sie sich noch! Nicht

meinetwegen, ich weiß schon, wie es steht! Aber Muoth wird Sie nicht

glücklich machen. Adieu, Gertrud.«

Meine Kälte und Klarheit war unerschüttert geblieben. Erst jetzt, als

Gertrud mich so anredete und jenen Ton hatte, den ich von Lotte her

kannte, und als sie mich nun ganz krank ansah und sagte: »Gehen Sie

nicht so, das verdiene ich nicht von Ihnen!«, da brach mir das Herz und

ich hatte Mühe, mich zu halten.

Ich gab ihr die Hand und sagte: »Ich will Ihnen nicht wehtun. Ich will

auch Heinrich nicht schaden. Aber warten Sie noch, lassen Sie ihm noch

nicht Gewalt über sich! Er zerstört alle, die er lieb hat.«

Sie schüttelte den Kopf und ließ meine Hand los.

»Adieu!« sagte sie leise. »Ich bin ja nicht schuld. Denken Sie gut an

mich, und auch an Heinrich!«

Es war fertig. Ich ging nach Hause zurück und fuhr fort, meine

Angelegenheit wie ein Geschäft zu besorgen. Wohl würgte mich dazwischen

das Weh und blutete mir das Herz, doch sah ich wie von ferne zu und

hatte keine Gedanken dafür frei. Es war einerlei, ob es mir in den

Tagen oder Stunden, die ich übrig hatte, wohl oder übel ging. Ich

ordnete die Mengen von Notenblättern, auf denen meine halbfertige Oper

stand, und schrieb einen Brief an Teiser dazu, damit das Werk womöglich

erhalten werde. Daneben besann ich mich angestrengt darüber, wie ich

sterben sollte. Ich hätte gern meine Eltern geschont, doch fand ich

keine Todesart aus, die das ermöglicht hätte. Schließlich lag daran

auch nicht so viel; ich beschloß es mit dem Revolver zu tun. Alle

diese Fragen tauchten nur schattenhaft und unwirklich vor mir auf.

Fest stand nur die Erkenntnis, daß ich nicht mehr leben dürfe; denn

schon empfand ich ahnend hinter der eisigen Hülle meines Entschlusses

die Schrecklichkeit des Lebens, das mir geblieben wäre. Es schaute

mich aus leeren Augen scheußlich an, und war unendlich viel häßlicher

und furchtbarer als die dunkle, ziemlich gleichgültige Vorstellung des

Sterbens.

Am zweiten Tage nach Mittag war ich mit meinen Besorgungen fertig. Ich

wollte noch einen Gang durch die Stadt machen, ich mußte der Bibliothek

noch ein paar Bücher zurückbringen. Es war mir beruhigend zu wissen,

daß ich am Abend nimmer leben werde. Ich hatte die Empfindung eines

Verunglückten, der in halber Narkose liegt und der nicht den Schmerz

selbst, wohl aber eine Vorahnung grauenhafter Qualen fühlt. Nun hofft

er nur, er möge vollends in Bewußtlosigkeit versinken, ehe der geahnte

Schmerz wirklich ausbräche. So war mir zu Mute. Ich litt weniger unter

einem wirklichen Schmerz als unter der peinigenden Furcht, ich möchte

nochmals zum Bewußtsein kommen und dann den ganzen Becher ausleeren

müssen, den der gerufene Tod mir abnehmen sollte. Darum tat ich meinen

Gang in Eile, besorgte mein Geschäft und lief stracks zurück. Einen

kleinen Umweg machte ich nur, um nicht an Gertruds Hause vorübergehen

zu müssen. Denn ich ahnte, ohne es ausdenken zu können, daß vielleicht

beim Anblick des Hauses mich die unerträgliche Qual, vor der ich auf

der Flucht war, überfallen und niederwerfen möchte.

So kam ich zum Haus, in dem ich wohnte, aufatmend zurück, öffnete das

Tor und stieg unverweilt die Treppe hinan, in der Seele erleichtert.

Wenn jetzt noch das Weh hinter mir war und die Krallen nach mir

ausstreckte, wenn jetzt irgendwo in mir der entsetzliche Schmerz zu

wühlen begänne, ich hatte nur noch Schritte und Sekunden zwischen mir

und der Befreiung.

Ein Mann in Uniform kam die Treppe herab mir entgegen. Ich wich aus

und eilte, mich an ihm vorbeizudrängen, voller Furcht, ich möchte

aufgehalten werden. Da griff er an die Mütze und nannte meinen Namen.

Taumelnd sah ich ihn an. Die Anrede, der Aufenthalt, die Erfüllung

meiner Befürchtung fuhr mir durch die Glieder und es überkam mich

plötzlich eine Todesmüdigkeit, als müsse ich niedersinken und habe

keine Hoffnung, die paar Schritte noch zu tun und mein Zimmer zu

erreichen.

Indessen starrte ich den fremden Mann gepeinigt an, und da die

Erschlaffung mich übernahm, setzte ich mich auf eine Treppenstufe

nieder. Er fragte, ob ich krank sei, ich schüttelte den Kopf. Dabei

hielt er immer etwas in der Hand, was er mir anbot und was ich nicht

nehmen wollte, bis er es mir fast mit Gewalt in die Hand drückte. Ich

winkte ab und sagte: »Ich will nicht.«

Er rief nach der Wirtin, die war nicht da. Da faßte er mich unter den

Armen, um mich hinaufzubringen, und sobald ich sah, daß kein Entrinnen

war und er mich nicht allein lassen würde, fühlte ich wieder Macht über

mich, stand auf und ging voran in mein Zimmer, wohin er mir folgte. Da

er mich, wie mir schien, mit Mißtrauen betrachtete, deutete ich auf

mein lahmes Bein und tat, als schmerze es mich, und er glaubte es. Ich

suchte meinen Geldbeutel und gab ihm eine Mark, er dankte und drückte

mir endgültig das Ding in die Hand, das ich nicht hatte annehmen wollen

und das ein Telegramm war.

Erschöpft stand ich am Tische und besann mich. Nun hatte man mich doch

aufgehalten, hatte meinen Bann durchbrochen. Was lag da? Ein Telegramm.

Von wem? Einerlei, es ging mich nichts an. Es war eine Rohheit, mir

jetzt Telegramme zu bringen. Nun hatte ich alles besorgt, und im

letzten Augenblicke schickt mir noch jemand ein Telegramm. Ich sah mich

um, ein Brief lag auch auf dem Tisch.

Den Brief steckte ich in die Tasche, er focht mich nicht an. Aber das

Telegramm quälte mich, es hatte sich in meine Gedanken eingehängt und

meine Kreise gestört. Ich saß ihm gegenüber und sah es liegen, und ich

besann mich, ob ich es lesen sollte oder nicht. Natürlich war es ein

Angriff auf meine Freiheit, daran zweifelte ich nicht. Irgend jemand

wollte versuchen, mich zu stören. Man mißgönnte mir die Flucht, man

wollte, daß ich mein Leid ausfresse und durchkoste, daß kein Biß und

kein Stich und kein Krampf mir erspart werde.

Warum mir das Telegramm so zu schaffen machte, weiß ich nicht. Lange

saß ich am Tische und wagte es nicht zu öffnen, im Gefühl, es berge

eine Macht, mich wieder zurückzuziehen und mich zum Ertragen des

Unerträglichen zu zwingen, dem ich entrinnen wollte. Als ich es

endlich doch öffnete, zitterte es mir in der Hand und ich entzifferte

nur langsam, als müsse ich aus einer ungewohnten fremden Sprache

übersetzen, den Inhalt. Der hieß: »Vater sterbend. Bitte sofort kommen.

Mama.«

Allmählich begriff ich, was es bedeute. Gestern noch hatte ich an

meine Eltern gedacht und bedauert, ihnen weh tun zu müssen, doch

war es nur eine oberflächliche Erwägung gewesen. Nun erhoben sie

Widerspruch, rissen mich zurück, machten ihr Recht geltend. Sogleich

fielen mir die Gespräche ein, die ich an Weihnachten mit meinem Vater

geführt hatte. Junge Leute, hatte er gesagt, können in ihrem Egoismus

und Unabhängigkeitsgefühl dazu kommen, eines ungestillten Wunsches

wegen das Leben wegzuwerfen; wer aber sein Leben mit anderen Leben

verbunden wisse, den könnten die eigenen Begierden nicht mehr soweit

führen. Und da hing auch ich an einem solchen Bande! Mein Vater lag

sterbend, die Mutter war allein bei ihm, sie rief mich. Sein Sterben

und ihre Not griff mir im Augenblick noch nicht ans Herz, ich glaubte

schlimmere Leiden zu kennen; aber daß es nicht angehe, ihnen jetzt

noch mein eigenes Bündel hinzuwerfen, ihre Bitte nicht zu hören, ihnen

davonzulaufen, das sah ich wohl ein.

Am Abend stand ich reisefertig auf dem Bahnhof, tat willenlos und

doch gewissenhaft das Notwendige, nahm die Karte, strich Geld ein,

das mir zurückgegeben wurde, stellte mich am Perron auf und stieg in

einen Wagen. Da setzte ich mich in die Ecke, einer langen Nachtreise

gewärtig. Ein junger Mensch stieg ein, sah sich um, grüßte und setzte

sich mir gegenüber. Er fragte etwas, ich sah ihn nur an, nichts denkend

und wünschend als daß er mich allein lassen möge. Er hustete und stand

auf, nahm seine Tasche aus gelbem Leder und suchte einen anderen Platz.

Der Zug fuhr durch die Nacht, blind in blödsinnigem Eifer, genau so

dumpf und gewissenhaft wie ich, als ob etwas zu versäumen oder etwas zu

retten wäre. Nach Stunden, als ich in die Tasche griff, fiel mir der

Brief in die Hand. Auch der ist noch da, dachte ich, und machte ihn auf.

Da schrieb mein Verleger über Konzerte und Honorare, und teilte mir

mit, es stehe gut und gehe vorwärts, ein großer Kritiker in München

habe über mich geschrieben, er gratuliere dazu. Dabei lag der

Ausschnitt aus einer Zeitschrift, ein Artikel mit meinem Namen als

Titel, und ein langes Getöne vom Stand der heutigen Musik und von

Wagner und von Brahms, und dann eine Kritik meiner Streichmusik, und

meiner Lieder, und ein reichliches Lob und Glückauf; und während ich

die kleinen schwarzen Buchstaben las, ward mir allmählich klar, daß das

mir gelte, daß da die Welt und der Ruhm mir die Hand herüberstrecke. Da

mußte ich einen Augenblick lachen.

Aber der Brief und der Artikel hatte mir die Binde vor den Augen

gelockert, und unvermutet sah ich in die Welt zurück und sah mich nicht

ausgelöscht und zurückgesunken, sondern mitten darin und dazugehörend.

Ich mußte leben, ich mußte es mir gefallen lassen. Wie war das möglich?

Ach, nun stieg alles herauf, was seit fünf Tagen war und was ich nur

dumpf gefühlt, und dem ich zu entgehen gedacht hatte, und es war alles

ekelhaft, bitter und schmählich. Es war alles ein Todesurteil, und ich

hatte es nicht vollzogen, ich mußte es unvollzogen lassen.

Ich hörte den Zug knattern, ich öffnete das Fenster und sah dunkle

Gegenden geduckt dahinstreichen, traurige kahle Bäume mit schwarzem

Geäst, und Höfe unter großen Dächern, und ferne Hügel. Das alles schien

ungern zu existieren, schien Leid und Widerwillen zu atmen. Man konnte

es schön finden, mir aber kam es nur traurig vor. Das Lied fiel mir

ein: »Hat das Gott gewollt?«

So sehr ich versuchte, die Bäume und Felder und Dächer draußen zu

betrachten, so eifrig ich auf den Takt der Räder horchte, so heftig

ich mich in Gedanken an alles klammerte, was irgend fern war und woran

sich ohne Verzweiflung denken ließ, es war nicht lange möglich. Auch

an den Vater konnte ich kaum denken, er sank hinab und mit Bäumen

und Nachtgelände zusammen in Vergessenheit, und wider meinen Willen

und mein Bemühen kehrten meine Gedanken dahin zurück, wo sie nicht

sein durften. Da lag ein Garten mit alten Bäumen, und darin ein

Haus, am Eingang Palmen und an allen Wänden alte, dunkle Gemälde,

und ich trat ein und stieg die Treppe hinan, an allen alten Bildern

vorüber, und niemand sah mich, ich ging als ein Schatten hindurch.

Da war eine schlanke Dame, die wandte mir den Rücken zu, ein Haupt

mit dunkelblondem Haar. Ich sah sie beide, sie und ihn, die sich

umschlungen hielten, und ich sah meinen Freund Heinrich Muoth lächeln,

so schwermütig und grausam, wie er es manchmal tat, als wisse er schon,

daß er auch diese Blonde mißbrauchen und mißhandeln werde, und als sei

dagegen nichts zu machen. Es war töricht und hatte keinen Sinn, daß

diesem Armen und Verderber die schönsten Frauen zufielen, und daß bei

mir alle Liebe und alles Wohlmeinen vergeblich blieb. Es war töricht

und hatte keinen Sinn, aber es war so.

Aus einer Art von Schlaf oder Bewußtlosigkeit erwachend, sah ich vor

dem Fenster Morgengrau und fahle Himmelshelle. Ich streckte erstarrte

Glieder, fühlte Nüchternheit und Bangen und sah nun die Dinge trüb und

verdrossen vor mir liegen. Zunächst war jetzt an den Vater und an die

Mutter zu denken.

Es war noch grau und morgenfrüh, da sah ich die Brücken und Häuser der

Heimatstadt sich nähern. Im Gestank und Geschrei des Bahnhofs befiel

mich Müdigkeit und Widerwillen so stark, daß ich kaum aussteigen

mochte; dann nahm ich mein leichtes Gepäck und stieg in den nächsten

Wagen, der fuhr über glatten Asphalt, und hernach über leichtgefrorene

Erde und über dröhnendes Pflaster und hielt vor dem breiten Tor unsres

Hauses, das ich nie geschlossen gesehen hatte.

Jetzt aber war es geschlossen, und als ich, verwirrt und erschrocken,

die Glocke zog, kam niemand und keine Antwort. Ich blickte am Hause

hinauf und war wie in einem unangenehmen, närrischen Traum, wo alles

verschlossen ist und man über Dächer steigen muß. Der Kutscher schaute

verwundert zu und wartete. Ich ging beklommen zu der andern Türe,

die ich nur selten und seit Jahren nie mehr durchschritten hatte.

Die war offen, und dahinter war meines Vaters Kontor, und als ich

eintrat, saßen da in grauen Röcken wie immer, still und staubig, die

Bureauherren, die standen bei meinem Eintritt auf und grüßten, denn ich

war der Erbe. Der Buchhalter Klemm, der nicht anders aussah als vor

zwanzig Jahren, machte seinen Bückling und sah mich traurig fragend an.

»Warum ist vorn geschlossen?« fragte ich.

»Es ist niemand da.«

»Wo ist denn mein Vater?«

»Im Spital, und die Gnädige auch.«

»Lebt er noch?«

»Er hat heut' morgen noch gelebt, man wartet aber -- --«

»Ja. Was ist es denn?«

»Wie? Ach so, es ist immer noch der Fuß. Er war falsch behandelt,

sagen wir alle. Auf einmal kamen Schmerzen, der Herr hat

schrecklich geschrieen. Da wurde er ins Spital gebracht. Jetzt

ist es Blutvergiftung. Um zwei Uhr dreißig haben wir Ihnen gestern

depeschiert.«

»Ja, danke. Nun lassen Sie mir schnell ein Butterbrot und ein Glas Wein

bringen, und einen Wagen, bitte.«

Man lief und flüsterte, und es wurde wieder still, dann gab mir jemand

einen Teller und ein Glas, ich aß Brot und trank Wein, ich stieg in

einen Wagen, ein Pferd schnob, und bald stand ich an der Spitalpforte,

wo Schwestern mit weißen Hauben und Wärter mit blaugestreiften

Leinenanzügen durch den Korridor liefen. Man nahm mich an der Hand und

zog mich in ein Zimmer, aufschauend sah ich meine Mutter in Tränen

nicken und in einem eisernen, niedern Bett meinen Vater liegen,

verändert und klein, und sein kurzer, grauer Bart stand sonderbar in

die Luft.

Er lebte noch, er machte die Augen auf und erkannte mich trotz des

Fiebers.

»Immer noch Musik machen?« sagte er leise, und Stimme und Blick

war ebenso gütig wie spöttisch. Er blinkte mir zu mit einer müden,

ironischen Weisheit, die nichts mehr zu sagen hat, und mir war, er

schaue mir ins Herz und sehe und wisse alles.

»Vater,« sagte ich. Aber er lächelte nur, blickte noch einmal halb

spöttisch, doch mit schon zerstreutem Blick, und schloß die Augen

wieder.

»Wie siehst du aus!« sagte die Mutter, als sie mich umarmte. »Hat es

dich so mitgenommen?«

Ich konnte nichts sagen, gleich darauf kam ein junger Arzt, und bald

hinter ihm ein alter, der Sterbende bekam Morphium und tat die klugen

Augen, die jetzt so überlegen und allwissend schauen konnten, nicht

mehr auf. Wir saßen bei ihm und sahen ihn liegen, und sahen ihn

ruhigwerden und sein Gesicht verändern, und warteten auf sein Ende.

Er lebte noch manche Stunde dahin und starb am späten Nachmittag. Ich

empfand nichts mehr, als dumpfes Leid und tiefe Müdigkeit, saß mit

heißen, trockenen Augen und schlief gegen Abend am Totenbette sitzend

ein.

Daß das Leben schwer zu leben ist, hatte ich auch früher schon zuzeiten

dunkel empfunden. Nun hatte ich neue Ursache zu grübeln. Bis heute ist

mir das Gefühl des Widerspruchs nie mehr verloren gegangen, das in

jener Erkenntnis wurzelt. Denn mein Leben ist arm und mühsam gewesen,

und scheint doch andern, und manchmal mir selber, reich und herrlich.

Mir erscheint das Menschenleben wie eine tiefe, traurige Nacht, die

nicht zu ertragen wäre, wenn nicht da und dort Blitze flammten, deren

plötzliche Helle so tröstlich und wunderbar ist, daß ihre Sekunden die

Jahre des Dunkels auslöschen und rechtfertigen können.

Das Dunkel, die trostlose Finsternis, das ist der schreckliche

Kreislauf des täglichen Lebens. Wozu steht man am Morgen auf,

ißt, trinkt, legt sich abermals wieder hin? Das Kind, der Wilde,

der gesunde, junge Mensch, das Tier leidet unter diesem Kreislauf

gleichgültiger Dinge und Tätigkeiten nicht. Wer nicht am Denken

leidet, den freut das Aufstehen am Morgen, und das Essen und Trinken,

der findet Genüge darin und will es nicht anders. Wem aber diese

Selbstverständlichkeit verloren ging, der sucht im Lauf der Tage

begierig und wachsam nach den Augenblicken wahren Lebens, deren

Aufblitzen beglückt und das Gefühl der Zeit samt allen Gedanken

an Sinn und Ziel des Ganzen auslöscht. Man kann diese Augenblicke

die schöpferischen nennen, weil es scheint, daß sie das Gefühl der

Vereinigung mit dem Schöpfer bringen, weil man in ihnen alles, auch

das sonst Zufällige, als gewollt empfindet. Es ist dasselbe, was

die Mystiker die Vereinigung mit Gott nennen. Vielleicht ist es das

überhelle Licht dieser Augenblicke, das alle übrigen so finster

erscheinen läßt, vielleicht kommt es von der befreiten, zauberhaften

Leichtigkeit und Schwebewonne jener Augenblicke, daß das übrige Leben

so schwer und klebend und niederziehend empfunden wird. Ich weiß es

nicht, ich habe es im Denken und Philosophieren nicht weit gebracht.

Doch weiß ich: wenn es eine Seligkeit gibt und ein Paradies, so muß

es eine ungestörte Dauer solcher Augenblicke sein; und wenn man diese

Seligkeit durch Leid und Läuterung im Schmerz erlangen kann, so ist

kein Leid und Schmerz so groß, daß man sie fliehen sollte.

Einige Tage nach dem Begräbnis meines Vaters -- ich ging noch in

Betäubung und geistiger Erschlaffung umher -- geriet ich auf einem

ziellosen Spaziergang in eine vorstädtische Gartenstraße. Die kleinen,

hübschen Häuser weckten eine halbklare Erinnerung in mir, der ich

grübelnd nachging, bis ich Garten und Haus meines alten Lehrers

erkannte, der mich vor einigen Jahren zum Glauben der Theosophen hatte

bekehren wollen. Ich ging hinein, der Mann kam mir entgegen, erkannte

mich und führte mich freundlich in sein Zimmer, wo um Bücher und

Blumentöpfe ein leichter behaglicher Duft von Tabakrauch wehte.

»Wie geht es Ihnen?« fragte Herr Lohe. »Ach, Sie haben ja Ihren Vater

verloren! Sie sehen auch bekümmert aus. Ist es Ihnen so nahe gegangen?«

»Nein,« sagte ich. »Der Tod meines Vaters hätte mir weher getan,

wenn ich ihm noch fremd gewesen wäre. Ich habe mich aber bei meinem

letzten Besuch mit ihm befreundet und bin das peinliche Schuldgefühl

losgeworden, das man gegen gute Eltern hat, solange man mehr Liebe von

ihnen nimmt, als man geben kann.«

»Das freut mich.«

»Wie steht es denn mit Ihrer Theosophie? Ich würde gern etwas von Ihnen

hören, weil es mir schlecht geht.«

»Wo fehlt es Ihnen denn?«

»An allem. Ich kann nicht leben und nicht sterben. Ich finde das Ganze

falsch und dumm.«

Herr Lohe verzog sein gutes, zufriedenes Gärtnergesicht schmerzlich.

Ich muß gestehen, eben dieses gute, etwas feistliche Gesicht hatte mich

verstimmt, auch erwartete ich keineswegs von ihm und seiner Weisheit

irgend einen Trost. Ich wollte ihn nur reden hören, seine Weisheit

als machtlos erweisen und ihn für sein Glücklichsein und seinen

optimistischen Glauben strafen. Ich war nicht freundlich gewillt, nicht

gegen ihn und gegen niemand.

Aber der Mann war durchaus nicht so selbstgefällig und in sein Dogma

verschanzt, wie ich gedacht hatte. Er sah mir liebreich ins Gesicht,

mit aufrichtigem Kummer, und schüttelte melancholisch den blonden Kopf.

»Sie sind krank, lieber Herr,« sagte er entschieden. »Vielleicht ist es

nur körperlich, dann ist bald geholfen. Dann müssen Sie aufs Land, hart

arbeiten und kein Fleisch essen. Aber ich glaube, es sitzt anderswo.

Sie sind gemütskrank.«

»Glauben Sie?«

»Ja. Sie haben eine Krankheit, die leider Mode ist und der man jeden

Tag bei intelligenteren Menschen begegnet. Die Ärzte wissen natürlich

nichts davon. Es ist mit moral insanity verwandt und könnte auch

Individualismus oder eingebildete Einsamkeit genannt werden. Die

modernen Bücher sind voll davon. Es hat sich bei Ihnen die Einbildung

eingeschlichen, Sie seien vereinsamt, kein Mensch gehe Sie etwas an und

kein Mensch verstehe Sie. Ist es nicht so?«

»Ungefähr, ja,« gab ich verwundert zu.

»Sehen Sie. Für den, der die Krankheit einmal hat, genügen ein

paar Enttäuschungen, um ihn glauben zu machen, es gebe zwischen

ihm und andern Menschen überhaupt keine Beziehungen, höchstens

Mißverständnisse, und es wandle eigentlich jeder Mensch in absoluter

Einsamkeit, könne sich den andern nie recht verständlich machen und

nichts mit ihnen teilen und gemeinsam haben. Es kommt auch vor, daß

solche Kranke hochmütig werden und alle andern Gesunden, die einander

noch verstehen und lieben können, für Heerdenvieh halten. Wenn diese

Krankheit allgemein würde, müßte die Menschheit aussterben. Aber sie

ist nur in Mitteleuropa und nur in den höheren Ständen zu treffen.

Bei jungen Leuten ist sie heilbar, sie gehört sogar schon zu den

unumgänglichen Entwicklungskrankheiten der Jugend.«

Sein leicht ironisch klingender Dozententon ärgerte mich ein wenig. Da

er mich nicht lächeln und keine Miene zu meiner Verteidigung machen

sah, kehrte der kummervoll gütige Ausdruck in seinem Gesicht wieder.

»Verzeihen Sie,« sagte er freundlich. »Sie haben die Krankheit

selber, nicht die beliebte Karikatur davon. Aber es gibt wirklich ein

Heilmittel. Es ist Einbildung, daß es keine Brücke zwischen Ich und

Du gäbe, daß jeder einsam und unverstanden einhergehe. Im Gegenteil,

das, was die Menschen gemeinsam haben, ist viel mehr und wichtiger,

als was jeder einzelne für sich hat und wodurch er sich von andern

unterscheidet.«

»Das ist möglich,« sagte ich. »Aber was soll es mir nützen, das zu

wissen? Ich bin kein Philosoph, und mein Leiden besteht nicht darin,

daß ich die Wahrheit nicht finden kann. Ich möchte kein Weiser und

Denker werden, sondern einfach ein wenig zufriedener und leichter leben

können.«

»Nun, versuchen Sie es! Sie sollen keine Bücher studieren und keine

Theorien treiben. Aber an einen Arzt müssen Sie glauben, solange Sie

krank sind. Wollen Sie das tun?«

»Probieren will ich es gerne.«

»Gut. Wenn Sie nun körperlich krank wären und der Arzt würde Ihnen

raten, Bäder zu nehmen oder Medizin zu trinken oder ans Meer zu gehen,

so würden Sie vielleicht nicht begreifen, warum das oder das Mittel

helfen soll, aber Sie würden es einmal probieren und folgen. Machen

Sie es nun ebenso mit dem, was ich Ihnen rate! Lernen Sie einmal eine

Zeitlang mehr an andere, als an sich selber denken! Es ist der einzige

Weg zur Heilung.«

»Wie soll ich das aber machen? Es denkt doch jeder zuerst an sich

selber.«

»Das müssen Sie überwinden. Sie müssen zu einer gewissen

Gleichgültigkeit gegen Ihr eigenes Wohlsein kommen. Sie müssen denken

lernen: was liegt an mir! Dazu hilft nur ein Mittel: Sie müssen irgend

jemand so lieben lernen, daß sein Wohl Ihnen wichtiger ist, als Ihr

eigenes. Ich meine aber nicht, daß Sie sich verlieben sollen! Das wäre

das Gegenteil!«

»Ich verstehe. Aber bei wem soll ich das denn probieren?«

»Fangen Sie in der Nähe an, bei Freunden, bei Ihren Verwandten. Da ist

Ihre Mutter. Sie hat viel verloren, sie ist jetzt einsam und braucht

Trost. Sorgen Sie für sie, halten Sie zu ihr und versuchen Sie, ihr

etwas wert zu sein!«

»Wir verstehen einander nicht recht, meine Mutter und ich. Es wird

schwer gehen.«

»Ja, wenn Ihr guter Wille nicht weiter reicht, wird es freilich nicht

gehen! Das alte Lied vom Unverstandensein! Sie sollen nicht immer daran

denken, daß der oder der Sie nicht ganz versteht, Ihnen vielleicht

nicht ganz gerecht wird! Sie sollen selbst erst einmal versuchen,

andere zu verstehen, andern Freude zu machen, andern gerecht zu werden!

Tun Sie das, und fangen Sie bei Ihrer Mutter an! -- Sehen Sie, Sie

müssen sich vorsagen: Das Leben freut mich doch nicht, so oder so,

warum soll ich's also nicht einmal auf diese Art versuchen! Sie haben

die Liebe zum eigenen Leben verloren, so schonen Sie es nicht, legen

Sie sich eine Last auf, verzichten Sie auf das bißchen Bequemlichkeit!«

»Ich werde es versuchen. Sie haben recht, es ist ja einerlei, was ich

tue; warum soll ich nicht das tun, was Sie raten?«

Was mich an seinen Worten ergriff und in Erstaunen setzte, war ihre

Übereinstimmung mit dem, was mein Vater mir beim letzten Zusammensein

als Lebensweisheit dargetan hatte: Leben für andere, sich selber nicht

so ernst nehmen! Die Lehre widersprach meinem Gefühl unmittelbar, sie

schmeckte auch ein wenig nach Katechismus und Konfirmandenunterricht,

an welche ich, wie jeder gesunde junge Mensch, mit Abscheu und

Verachtung dachte. Aber schließlich handelte es sich ja nicht um

Meinungen und Weltanschauungen, sondern um einen ganz praktischen

Versuch, das schwere Leben erträglich zu machen. Ich wollte ihn machen.

Verwundert sah ich dem Manne in die Augen, den ich nie recht ernst

genommen hatte und jetzt als Ratgeber, ja als Arzt gelten ließ. Aber er

schien wirklich etwas von jener Liebe zu haben, die er mir empfahl. Er

schien mein Leiden zu teilen und mir ehrlich Gutes zu wünschen. Ohnehin

hatte mein Gefühl mir schon gesagt, daß ich eine gewaltsame Kur nötig

habe, um wieder leben und atmen zu können wie andere. Ich hatte an eine

lange Bergeinsamkeit oder an ein wildes Arbeiten gedacht, nun wollte

ich aber lieber meinem Ratgeber folgen, da meine Erfahrung und Weisheit

doch am Ende war.

Als ich meiner Mutter eröffnete, ich gedenke, sie nicht allein zu

lassen, sondern hoffe, sie werde zu mir ziehen und mein Leben teilen,

da schüttelte sie traurig den Kopf.

»Was denkst du!« wehrte sie ab. »Das geht nicht so einfach. Ich habe

meine alten Gewohnheiten und kann nimmer neu anfangen, und du brauchst

Freiheit und darfst dich nicht mit mir beladen.«

»Wir können es ja einmal versuchen,« schlug ich vor. »Vielleicht geht

es leichter, als du meinst.«

Fürs Erste hatte ich genug zu tun, um vom Grübeln und Verzweifeln

abgehalten zu sein. Da stand ein Haus und war ein ausgedehntes Geschäft

mit Guthaben und mit Schulden, da waren Bücher und Rechnungen, war Geld

ausgeliehen und Geld aufgenommen, und es war die Frage, was aus dem

allen werden solle. Ich war natürlich von Anfang an entschlossen, alles

zu verkaufen, doch ging das nicht so rasch, auch hing die Mutter an dem

alten Hause, und das Testament meines Vaters wollte auch erfüllt sein,

mit allerlei Haken und Schwierigkeiten. Der Buchhalter und ein Notar

mußten helfen, die Tage und Wochen gingen mit Besprechungen hin, mit

Briefwechseln um Geld und Schulden, mit Plänen und Enttäuschungen. Ich

kannte mich bald in allen diesen Rechnungen und amtlichen Formularen

nicht mehr aus, gab dem Notar noch einen Rechtsanwalt bei und überließ

ihnen die Entwirrung.

Darüber kam meine Mutter nicht selten zu kurz. Ich gab mir Mühe, ihr

diese Zeit leichter zu machen, ich hielt ihr alle Geschäfte vom Halse,

ich las ihr vor und fuhr mit ihr spazieren. Zuweilen fiel es mir

schwer, nicht auszureißen und alles liegen zu lassen, doch hielt das

Schamgefühl und eine gewisse Neugierde, wie es gehen werde, mich zurück.

Meine Mutter dachte an nichts als an den Verstorbenen, doch zeigte

sich ihre Trauer in lauter kleinen, frauenhaften, mir fremden und oft

kleinlich scheinenden Zügen. Anfangs mußte ich bei Tische an des Vaters

Platz sitzen, dann fand sie, ich passe doch nicht dahin, und der Platz

mußte leer bleiben. Manchmal konnte ich ihr nicht genug vom Vater

sprechen, dann wieder ward sie still und sah mich leidend an, sobald

ich ihn nur nannte. Am meisten fehlte mir die Musik. Ich hätte viel

darum gegeben, einmal eine Stunde geigen zu können, aber das durfte ich

erst nach vielen Wochen wieder, und auch dann seufzte sie und fühlte

einen Verstoß darin. Auf meine unfrohen Bemühungen, ihr mein Wesen und

Leben näher zu bringen und ihre Freundschaft zu gewinnen, ging sie

nicht ein.

Da litt ich oft und wollte es aufgeben, doch bezwang ich mich immer

wieder und gewöhnte mich an diese Tage ohne Resonanz. Mein eigenes

Leben lag brach und tot, nur selten klang das Gewesene dunkel herüber,

wenn ich im Traum die Stimme Gertruds hörte oder in einer leeren Stunde

mir ungewollt Melodien aus meiner Oper einfielen. Als ich nach R.

reiste, um meine Wohnung dort aufzugeben und meine Sachen einzupacken,

schien alles dortige mir um Jahre entfernt. Ich besuchte nur Teiser,

der mir treulich beistand. Nach Gertrud wagte ich nicht zu fragen.

Gegen das zurückhaltend resignierte Benehmen meiner Mutter, das

mich auf die Dauer allzusehr bedrückte, mußte ich allmählich einen

regelrechten, versteckten Kampf beginnen. Bat ich sie offen, mir zu

sagen, was sie wünsche und worin sie etwa mit mir unzufrieden sei, so

streichelte sie traurig lächelnd meine Hand und sagte: »Laß nur, Kind!

Ich bin eben eine alte Frau.« So begann ich denn auf eigene Faust zu

forschen, wobei ich auch Fragen an den Buchhalter und die Dienstboten

nicht verschmähte.

Da fand sich denn allerlei. Die Hauptsache war die: meine Mutter hatte

in der Stadt eine einzige nahe Verwandte und Freundin, eine Cousine,

die ein altes Fräulein war und wenig Umgang pflegte, mit meiner Mutter

aber sehr enge Freundschaft unterhielt. Dieses Fräulein Schwiebel hatte

schon meinen Vater gar nicht geliebt, gegen mich aber einen richtigen

Widerwillen, so daß sie neuerdings nicht mehr ins Haus kam. Meine

Mutter hatte ihr früher versprochen, sie zu sich zu nehmen, falls

sie den Vater überlebe, und diese Hoffnung schien ihr mein Dableiben

zu vereiteln. Als ich das allmählich erkundet hatte, machte ich denn

der alten Dame einen Besuch und gab mir Mühe, mich ihr angenehm zu

machen. Das Spiel mit Wunderlichkeiten und kleinen Intriguen war mir

neu und machte mir beinahe Vergnügen. Es gelang mir, das Fräulein

wieder in unser Haus zu bringen, und ich merkte, daß die Mutter mir

dafür dankbar war. Allerdings taten sich die beiden nun zusammen,

den von mir gewünschten Verkauf des alten Hauses zu hintertreiben,

was ihnen wirklich gelang. Nun ging das Streben des Fräuleins dahin,

meine Stelle im Hause einzunehmen und zu dem längst ersehnten warmen

Altensitz zu gelangen, den ich ihr noch versperrte. Es wäre Raum genug

für sie und mich gewesen, allein sie wollte keinen Hausherrn neben sich

und weigerte sich, zu uns zu ziehen. Dagegen kam sie fleißig gelaufen,

machte sich der Freundin in manchen kleinen Dingen unentbehrlich,

behandelte mich diplomatisch wie eine gefährliche Großmacht und

bemächtigte sich der Stellung einer Ratgeberin im Haushalt, die ich ihr

nicht streitig machen konnte.

Meine arme Mutter ergriff weder ihre noch meine Partei. Sie war müde

und litt tief unter der Veränderung ihres Lebens. Wie sehr der Vater

ihr fehlte, merkte ich erst allmählich. Einmal traf ich sie beim Gang

durch ein Zimmer, in dem ich sie nicht vermuten konnte, an einem

Kleiderschrank beschäftigt. Sie erschrak über mein Dazukommen und

ich ging rasch weiter, doch sah ich wohl, daß sie die Kleider des

Verstorbenen musterte, und nachher hatte sie rote Augen.

Als der Sommer kam, begann ein neuer Kampf. Ich wollte durchaus

mit meiner Mutter verreisen, wir konnten beide eine Erholung wohl

brauchen, ich hoffte dabei, sie zu ermuntern und mehr Einfluß auf sie

zu gewinnen. Sie zeigte wenig Lust zum Reisen, widersprach mir jedoch

kaum; desto eifriger trat Fräulein Schwiebel dafür ein, daß die Mutter

dableibe und ich allein reise. Doch wollte ich hierin keineswegs

nachgeben, ich versprach mir von der Reise viel. Es begann mir in dem

alten Hause mit der armen, unruhig gewordenen und leidenden Mutter

unheimlich zu werden; draußen hoffte ich der Mutter besser helfen und

meine eigenen Gedanken und Launen besser beherrschen zu können.

So setzte ich es durch, daß wir gegen Ende des Juni abreisten. Wir

fuhren in kleinen Tagreisen, sahen Konstanz und Zürich und fuhren

über den Brünig dem Berner Oberland entgegen. Meine Mutter hielt sich

still und müde, ließ die Reise über sich ergehen und sah unglücklich

aus. In Interlaken begann sie zu klagen, sie schlafe nicht mehr, doch

beredete ich sie, noch mit nach Grindelwald zu gehen, wo ich für sie

und mich auf Ruhe hoffte. Auf dieser törichten, unendlichen, freudlosen

Reise sah ich die Unmöglichkeit, dem eigenen Elend zu entrinnen

und davonzulaufen, wohl ein. Da lagen die schönen, grünen Seen und

spiegelten alte, prächtige Städte, da stiegen die Berge weiß und blau

und strahlten blaugrüne Gletscher im Sonnenlicht. Wir beide aber gingen

still und unerfreut an allem vorbei, schämten uns vor allem, waren von

allem nur bedrückt und ermüdet. Wir machten unsere Spaziergänge, sahen

an den Bergen empor, atmeten die leichte, süße Luft und hörten die

Kuhglocken auf den Matten läuten, und wir sagten: »Das ist schön!« und

wagten nicht, uns dabei in die Augen zu sehen.

Eine Woche hielten wir es in Grindelwald aus. Da sagte meine Mutter

eines Morgens: »Du, es hat keinen Zweck, wir wollen umkehren. Ich

möchte gern wieder einmal eine Nacht schlafen können. Und wenn ich

krank werden und sterben soll, will ich's zu Hause tun.«

Da packte ich schweigend unsere Koffer ein, gab ihr im Stillen recht

und fuhr mit ihr, schneller als wir hergekommen waren, den ganzen Weg

zurück. Doch hatte ich nicht das Gefühl, in eine Heimat zurückzukehren,

sondern in ein Gefängnis, und auch die Mutter zeigte nur eine leise

Befriedigung.

Und am Abend des Heimkehrtages sagte ich zu ihr: »Was meinst du dazu,

wenn ich allein verreise? Ich würde wieder nach R. fahren. Sieh, ich

bliebe gern bei dir, wenn ich irgend einen Nutzen darin sähe. Aber wir

sind beide krank und freudlos und stecken einander nur immer wieder an.

Nimm du deine Freundin ins Haus, die kann dich besser trösten als ich.«

Nach ihrer Gewohnheit nahm sie meine Hand und streichelte sie leise.

Sie nickte dazu und sah mich mit Lächeln an, und das Lächeln sagte

deutlich: »Ja, geh nur!«

Mit allen meinen Bemühungen und guten Vorsätzen hatte ich nichts

erreicht, als sie und mich ein paar Monate lang zu quälen und sie mir

noch viel mehr zu entfremden. Es hatte, trotz des Zusammenlebens, jedes

von uns sein Bündel allein getragen und nicht mit dem andern geteilt,

und jedes war nur tiefer in sein Leid und seine Krankheit versunken.

Meine Versuche waren fruchtlos geblieben und ich konnte nichts Besseres

tun als gehen und dem Fräulein Schniebel das Feld räumen.

Das tat ich denn auch in Bälde, und da ich keinen anderen Ort wußte,

ging ich nach R. zurück. Bei der Abreise kam mir zum Bewußtsein,

daß ich nun keine Heimat mehr habe. Die Stadt, in der ich geboren

war und die Kinderjahre gelebt und meinen Vater begraben hatte,

ging mich nichts mehr an, hatte nichts von mir zu fordern und mir

nichts zu geben, als Erinnerungen. Ich sagte es dem Herrn Lohe beim

Abschiednehmen nicht, aber sein Rezept hatte nicht geholfen.

Zufällig stand in R. meine alte Wohnung noch leer. Es war mir wie

ein Zeichen, daß es nutzlos sei, den Zusammenhang mit dem Gewesenen

abbrechen und sich vor dem eigenen Schicksal flüchten zu wollen. Ich

lebte wieder in demselben Hause und Zimmer, in derselben Stadt, packte

meine Geige und meine Arbeit wieder aus und fand alles wie es gewesen

war, nur daß Muoth nach München gegangen und Gertrud seine Braut

geworden war.

Ich nahm die Stücke meiner Oper in die Hände, als wären es die Trümmer

meines früheren Lebens, aus denen ich nun noch etwas zu machen

versuchen wollte. Doch regte sich die Musik nur langsam wieder in

meiner erstarrten Seele und erwachte erst, als der Dichter aller meiner

Texte mir ein neues Lied schickte. Es kam in einer Zeit, da ich am

Abend nicht selten die alte Unruhe in mir spürte und mit Scham und

tausend Irrlichtern im Herzen um den Garten des Imthorschen Hauses

strich, und es hieß:

Der Föhn schreit jede Nacht,

Sein feuchter Flügel flattert schwer,

Brachvögel taumeln durch die Luft;

Nun schläft nichts mehr,

Nun ist das ganze Land erwacht.

Der Frühling ruft.

In diesen Nächten schlaf ich nicht.

Mein Herz wird jung,

Aus blauen Tiefen der Erinnerung

Steigt meiner Jugend heißes Glück,

Schaut mir so nahe ins Gesicht,

Erschrickt, und flieht zurück.

Bleib still, bleib still, mein Herz!

Ob auch im Blute eng und schwer

Die Leidenschaft sich rührt

Und dich die alten Wege führt --

Nicht jugendwärts

Gehn deine Wege mehr.

Diese Verse gingen mir ins Herz und erweckten Klang und Leben wieder.

Aufgelöst und schmerzlich glühend floß mir die lang verhaltene und

betrogene Pein in Takte und Töne, von dem Liede weg fand ich den

verlorenen Faden der Oper wieder und wühlte mich nach so langer Öde

wieder tief in den fiebernden Rausch hinströmenden Ergusses bis zu der

freien Höhe des Gefühls, wo Schmerz und Wonne nicht mehr voneinander

unterschieden sind und alle Glut und Kraft der Seele sich ungeteilt in

einer einzigen steilen Flamme empordrängt.

Am Tage, an dem ich das neue Lied aufgeschrieben und Teiser gezeigt

hatte, ging ich abends durch eine Kastanienallee heimwärts, ganz von

heraufschwellender Kraft zu neuer Arbeit erfüllt. Noch sahen mich die

vergangenen Monate wie aus Maskenaugen in ihrer trostlosen Leere an.

Nun schlug mein Herz begehrlich rasch und wollte nicht mehr begreifen,

warum es seinem Leide habe entrinnen wollen. Gertruds Bild erhob sich

klar und herrlich aus dem Staube und ich sah ihm wieder unerschrocken

in die hellen Augen und öffnete mein Herz allen Schmerzen weit.

Ach, es war besser um sie zu leiden und den Stachel tiefer in die

Wunde zu drücken, als fern von ihr und fern von meinem wahren Leben

gespensterhafte Zeiten hinzudämmern! Zwischen den dunklen vollen

Wipfeln der breiten Kastanien hing schwarzblau der Himmel und war

voll von Sternen, die schwebten alle ernst und golden und strahlten

unbekümmert in die Weiten. So taten die Sterne, und die Bäume trugen

ihre Knospen und Blüten und Narben frei zur Schau, und mochte es ihnen

Lust oder Weh bedeuten, sie gaben sich dem großen Lebenswillen hin.

Die Eintagsfliegen schwärmten taumelnd dem Tod entgegen, jedes Leben

hatte seinen Glanz und seine Schönheit und ich schaute einen Augenblick

hinein und verstand es und hieß es gut, und hieß auch mein Leben und

meine Leiden gut.

Im Laufe des Herbstes wurde meine Oper fertig. In dieser Zeit begegnete

mir in einem Konzert Herr Imthor. Er begrüßte mich herzlich und etwas

verwundert, da er nichts von meinem Aufenthalt in der Stadt wußte. Er

hatte nur gehört, mein Vater sei gestorben und ich lebe seither in

meiner Heimat.

»Und wie geht es Fräulein Gertrud?« fragte ich möglichst ruhig.

»O, Sie sollten selber kommen und danach sehen. Anfang November soll

ihre Hochzeit sein, da rechnen wir ohnehin bestimmt auf Sie.«

»Danke, Herr Imthor. Und was hören Sie von Muoth?«

»Er ist wohl. Sie wissen, ich bin mit der Heirat nicht recht

einverstanden. Ich hätte Sie schon lang gerne einmal über Herrn Muoth

befragt. Soweit ich ihn kenne, darf ich nicht über ihn klagen. Aber ich

hörte so mancherlei über ihn: er soll ja viel mit Frauen zu tun gehabt

haben. Können Sie mir darüber etwas sagen?«

»Nein, Herr Imthor. Es hätte ja auch keinen Zweck. Ihre Tochter wird

auf Gerüchte hin sich schwerlich anders entschließen. Herr Muoth ist

mein Freund und ich gönne es ihm, wenn er sein Glück findet.«

»Ja, ja. Sieht man Sie bald wieder einmal bei uns?«

»Ich denke wohl. Auf Wiedersehen, Herr Imthor.«

Es war noch nicht lange her, da hätte ich alles getan, um die

Verbindung der beiden zu hindern, nicht aus Neid oder Hoffnung, Gertrud

könnte sich doch noch mir selber zuneigen, sondern weil ich überzeugt

war und vorauszufühlen meinte, daß es den beiden nicht gut gehen werde,

weil ich an Muoths selbstquälerische Art von Melancholie, an seine

Reizbarkeit und Gertruds Zartheit dachte und weil mir Marion und Lotte

noch so wohl im Gedächtnis waren.

Jetzt dachte ich anders. Eine Erschütterung meines ganzen Lebens, ein

halbes Jahr innerer Einsamkeit und das bewußte Abschiednehmen von

der Jugend hatten mich verändert. Ich war jetzt der Meinung, es sei

töricht und gefährlich, seine Hand nach anderer Menschen Schicksal

auszustrecken, auch hatte ich keine Ursache meine Hand für geschickt

und mich für einen Helfer und Menschenkenner zu halten, nachdem meine

Versuche in dieser Richtung alle mißglückt waren und mich bitter

beschämt hatten. Auch jetzt noch zweifle ich stark an der Fähigkeit

des Menschen, sein Leben und das von anderen irgend bewußt zu bilden

und zu formen. Man kann Geld erwerben, auch Ehren und Orden, aber

Glück oder Unglück erwirbt man nicht, nicht für sich und nicht für

andere. Man kann nur hinnehmen, was kommt, und man kann es freilich

auf gar verschiedene Weisen hinnehmen. Was mich anging, so wollte ich

keine gewaltsamen Versuche mehr machen, mein Leben auf die Sonnenseite

hinüber zu spielen, sondern das mir Bestimmte annehmen und nach

Vermögen tragen und zum Guten wenden.

Ist nun auch das Leben von solchen Meditationen unabhängig und geht

über sie hinweg, so hinterlassen ehrlich gemeinte Entschlüsse und

Gedanken doch einen Frieden in der Seele, und helfen das Unabänderliche

tragen. Wenigstens nahm mich, wie es mir nachträglich scheinen

will, seit meiner Ergebung und seit meiner Erkenntnis von der

Gleichgültigkeit meines persönlichen Ergehens das Leben in sanftere

Hände.

Daß das, was man mit allem Wollen und Mühen nicht erreichen kann,

manchmal unerwartet von selber kommt, erfuhr ich bald darauf an meiner

Mutter. Ich schrieb ihr jeden Monat und war seit einiger Zeit ohne

Antwort von ihr geblieben. Wäre es ihr schlecht gegangen, so hätte ich

es erfahren, darum dachte ich wenig an sie und schrieb meine Briefe

weiter, kurze Berichte über mein Ergehen, denen ich jedesmal auch

freundliche Grüße an Fräulein Schniebel beifügte.

Diese Grüße nun wurden neuerdings nicht mehr ausgerichtet. Den

beiden Frauen war es allzuwohl ergangen und sie hatten die Erfüllung

ihrer Wünsche nicht ertragen. Namentlich war dem Fräulein die gute

Zeit in die Krone gestiegen. Sie war sofort nach meinem Abgang mit

Triumph an der Stätte ihres Sieges eingezogen und hatte ihre Wohnung

in unserem Hause aufgeschlagen. Da hauste sie nun bei ihrer alten

Freundin und Cousine und empfand es als ein durch lange dürftige Jahre

wohlverdientes Glück, als Mitherrin in einem stattlichen Hauswesen

sich wärmen und brüsten zu dürfen. Nicht daß sie kostbare Gewohnheiten

angenommen und sich auf das Geuden gelegt hätte -- dazu war sie

allzulange in gedrückten Verhältnissen und halber Armut gewesen. Sie

trug weder feinere Kleider, noch schlief sie auf anderem Linnen;

vielmehr begann sie das Hausen und Sparen nun erst recht, da es sich

lohnte und etwas zum Sparen da war. Aber worauf sie nicht verzichten

wollte, das war Macht und Einfluß. Die beiden Mägde mußten ihr nicht

minder gehorchen als meiner Mutter, auch gegen Dienstleute, Handwerker,

Briefträger wußte sie herrschaftlich aufzutreten. Und allmählich, da

ja Leidenschaften nicht durch Erfüllungen zu löschen sind, dehnte sie

ihre Herrschlust auch auf Dinge aus, in denen meine Mutter weniger

bereitwillig nachgeben konnte. Sie wollte die Besuche, die meine Mutter

bekam, ebenso auf sich selbst bezogen wissen und nicht leiden, daß

jene einen empfing, ohne sie dabei zu haben. Sie wollte die Briefe,

namentlich die von mir, nicht auszugsweise mitgeteilt erhalten, sondern

selber lesen. Und schließlich entdeckte sie, daß im Hause meiner Mutter

manches gar nicht so gehalten und besorgt und regiert wurde, wie sie

es richtig fand. Vor allem schien ihr die Bewachung der Dienstboten

nicht streng genug. War eine Magd des Abends außer Hause, unterhielt

sich eine andere zu lange mit dem Briefträger, bat die Köchin um

einen freien Sonntag, so rügte sie die Nachgiebigkeit meiner Mutter

aufs Strengste und hielt ihr lange Reden über die richtige Führung

eines Hauswesens. Ferner tat es ihr bitter weh, zu sehen, wie oft und

gröblich die Regeln der Sparsamkeit verletzt wurden. Da wurden schon

wieder Kohlen ins Haus geführt, da standen zu viele Eier auf der

Abrechnung der Köchin! Sie trat mit Ernst und Eifer dagegen auf, und

hier nahm die Veruneinigung der Freundinnen ihren Anfang.

Nämlich das Bisherige hatte meine Mutter sich gerne gefallen lassen,

wenn sie auch nicht mit allem einverstanden und in manchen Dingen

von der Freundin, deren Verhältnis zu ihr sie sich anders mochte

gedacht haben, enttäuscht war. Jetzt dagegen, wo alte und ehrwürdig

gewordene Gewohnheiten des Hauses in Gefahr kamen, wo ihre tägliche

Bequemlichkeit und der Hausfriede zu leiden begann, konnte sie

ihre Einwendungen nicht zurückhalten und machte sich wehrhaft,

worin sie freilich der Freundin es nicht gleichtun konnte. Es gab

Auseinandersetzungen und kleine freundschaftliche Zankereien, und als

die Köchin den Dienst aufsagte und von meiner Mutter nur mit Mühe und

vielen Versprechungen, ja fast Abbitten gehalten werden konnte, begann

die Machtfrage im Hause zu einem wirklichen Kriege zu führen.

Das Fräulein Schniebel, stolz auf ihre Kenntnisse, ihre Erfahrungen,

ihre Sparsamkeit und wirtschaftlichen Tugenden, konnte nicht einsehen,

daß man ihr für alle diese Qualitäten keinen Dank wisse und fühlte

sich so sehr im guten Recht, daß sie mit einer Kritik der bisherigen

Wirtschaftsführung, einem Tadel für die Hausfrauenkunst meiner Mutter

und einer mitleidigen Verachtung für die Gebräuche und Eigenheiten

des ganzen Hauses nicht mehr hinterm Berge hielt. Nun berief sich die

Hausfrau auf meinen Vater, unter dessen Leitung und nach dessen Art es

so viele Jahre lang im Hause gut gegangen war. Er hatte Kleinlichkeit

und ängstliche Sparsamkeit nicht geduldet, er hatte den Dienstboten

Freiheit und Rechte gegönnt, er hatte Mägdegezänk und Verdrossenheit

gehaßt. Als aber meine Mutter sich auf ihn berief, an dem sie früher

wohl auch gelegentlich zu kritisieren gehabt hatte, der aber seit

seinem Tode ihr zum Heiligen geworden war, da konnte Fräulein Schniebel

nicht schweigen und erinnerte spitzig daran, wie sie schon längst ihre

Meinung über den Seligen gehabt und geäußert habe, und meinte, es sei

jetzt wohl an der Zeit, in dem Schlendrian einzuhalten und Vernunft

walten zu lassen. Sie habe ja aus Schonung für ihre Freundin nicht an

das Andenken des Verewigten rühren wollen; da diese aber selber sich

auf ihn beziehe, müsse sie gestehen, daß allerdings der alte Herr an

manchen Übelständen im Hause schuld sei, daß sie aber nicht einsehe,

warum das nun, da sie freie Hand hätten, weiter so bleiben solle.

Das war für meine Mutter ein Schlag ins Gesicht, den sie der Kusine

nicht vergaß. Früher war es ihr ein Bedürfnis und ein Genuß gewesen,

hie und da im Gespräch mit dieser Vertrauten etwa zu klagen und ihrem

Hausherrn einiges am Zeug zu flicken; jetzt aber ertrug sie nicht

den mindesten Schatten auf seinem verklärten Bilde und begann die

beginnende Revolution im Hause nicht nur als störend, sondern vor allem

als eine Versündigung an dem Seligen zu empfinden.

So war es gegangen, ohne daß ich davon erfuhr. Als jetzt zum erstenmal

ein Brief meiner Mutter diesen Unfrieden im Vogelkäfig andeutete, wenn

auch noch schonend und vorsichtig, machte die Sache mich lachen. Ich

ließ in meinem nächsten Schreiben die Grüße an die Jungfer weg, ging

aber nicht auf die Andeutungen ein und dachte, die Frauen möchten

besser ohne mich fertig werden. Auch kam anderes dazwischen, das mich

weit mehr beschäftigte.

Es war Oktober geworden und der Gedanke an Gertruds bevorstehende

Hochzeit ließ mich nicht mehr los. Ich hatte ihr Haus nicht wieder

besucht und sie selber nicht wieder gesehen. Nach der Hochzeit,

wenn sie fort wäre, dachte ich den Verkehr mit ihrem Vater wieder

aufzunehmen. Auch hoffte ich, es werde sich zwischen ihr und mir

mit der Zeit wieder ein gutes, vertrauliches Verhältnis herstellen,

wir waren einander schon zu nahe gewesen, um einfach das Gewesene

ausstreichen zu können. Nur jetzt hatte ich noch nicht den Mut zu einer

Begegnung, welcher sie, wie ich sie kannte, nicht ausgewichen wäre.

Da pochte es eines Tages auf eine wohlbekannte Art an meiner Türe.

Ahnungsvoll und verwirrt sprang ich auf und öffnete, und da stand

Heinrich Muoth und streckte mir die Hand entgegen.

»Muoth!« rief ich und hielt die Hand fest, und ich konnte nicht in

seine Augen sehen, ohne daß alles in mir aufwachte und wehe tat. Ich

sah wieder den Brief auf seinem Tische liegen, den Brief mit Gertruds

Handschrift, und sah mich wieder von ihr Abschied nehmen und den Tod

wählen. Da stand er nun und blickte mich forschend an. Er sah etwas

gemagert aus, doch schön und stolz wie je.

»Ich hatte dich nicht erwartet,« sagte ich leise.

»So? Daß du zu Gertrud nicht mehr gekommen bist, weiß ich schon.

Meinetwegen -- lassen wir das alles unbesprochen! Ich bin da um zu

sehen, wie du lebst und was deine Arbeit macht. Was ist denn mit der

Oper!«

»Die ist fertig. Aber zuerst: Wie geht es Gertrud?«

»Gut. Wir haben ja bald Hochzeit.«

»Ich weiß.«

»Ja. Besuchst du sie nicht bald einmal?«

»Später, doch. Ich will sehen, ob sie es auch gut bei dir hat.«

»Hm...«

Gertrud · 第 12 / 13 题