Wieder lachte sie. »Wissen Sie das nicht? O, er hat mich oft
geschlagen, aber jetzt schon lang nicht mehr. Er ist höflich geworden,
er hat Sie zu mir gesagt, und jetzt kennt er mich nimmer. Er hat eine
andere, glaube ich. Darum bin ich gekommen. Sagen Sie mirs, ich bitte!
Hat er eine andere? Sie wissen es! Sie müssen es wissen!«
Ehe ich abwehren konnte, hatte sie meine beiden Hände gefaßt. Ich war
wie erstarrt, und so sehr ich abzulehnen und die ganze Szene zu kürzen
wünschte, war ich doch fast froh, daß sie mich gar nicht zu Worte
kommen ließ, denn ich hätte nicht gewußt, was sagen.
Sie, in Hoffnung und Jammer, war zufrieden, daß ich sie anhörte, und
bat und erzählte und klagte mit ausbrechender Leidenschaft. Ich aber
sah ihr immerzu in das tränenvolle, reife, schöne Gesicht und konnte
nichts anderes denken als: »Er hat sie geschlagen!« Ich meinte seine
Faust zu sehen, und mir graute vor ihm und vor ihr, die nach Schlägen
und Verachtung und Abweisung keinen andern Gedanken und Wunsch zu haben
schien als den Weg zu ihm und zu den alten Demütigungen zurückzufinden.
Endlich versiegte die Flut, Lotte redete langsamer, schien befangen und
der Situation bewußt zu werden, und verstummte. Zugleich ließ sie meine
Hände los.
»Er hat keine andere,« sagte ich leise, »wenigstens weiß ich nichts
davon und glaube es nicht.«
Sie schaute mich dankbar an.
»Aber helfen kann ich Ihnen nicht,« fuhr ich fort. »Ich rede nie mit
ihm über solche Sachen.«
Wir waren beide eine Weile still. Ich mußte an Marion denken, an die
schöne Marion und an jenen Abend, da ich mit ihr durch die Föhnluft
gegangen war, an ihrem Arm, und sie sich so tapfer zu ihrem Geliebten
bekannt hatte. Hatte er die auch geschlagen? Und lief auch die ihm noch
nach?
»Warum sind Sie denn zu mir gekommen?« fragte ich.
»Ich weiß nicht, ich mußte doch etwas tun. Glauben Sie nicht, daß er
noch an mich denkt? Sie sind ein guter Mensch, Sie helfen mir! Sie
könnten es doch versuchen, ihn einmal fragen, einmal von mir reden....«
»Nein, das kann ich nicht. Wenn er Sie noch liebt, wird er von selber
wieder zu Ihnen kommen. Und wenn nicht, dann -- --.«
»Was dann?«
»Dann sollten Sie ihn eben laufen lassen, er verdient es nicht, daß Sie
sich so weit demütigen.«
Da lächelte sie plötzlich.
»O, Sie! Was wissen Sie von der Liebe!«
Sie hat recht, dachte ich, aber es tat mir doch weh. Wenn schon die
Liebe nicht zu mir kommen wollte, wenn ich schon nebendraußen stand,
warum sollte ich den Vertrauten und Helfer machen bei anderen? Ich
hatte Mitleid mit der Frau, aber ich verachtete sie noch mehr. Wenn das
die Liebe war, Grausamkeit hier und Erniedrigung dort, dann ließ sich
ohne Liebe besser leben.
»Ich will nicht streiten,« sagte ich kühl. »Ich verstehe diese Art von
Liebe nicht.«
Lotte band ihren Schleier wieder um.
»Ja, ich gehe schon.«
Nun tat sie mir wieder leid, doch mochte ich die törichte Szene nicht
von vorn anfangen lassen, darum schwieg ich und öffnete ihr die Tür,
auf die sie zuschritt. Ich begleitete sie, an der neugierigen Wirtin
vorbei, bis zur Treppe; da verbeugte ich mich, und sie ging, ohne mehr
etwas zu sagen oder mich anzusehen.
Traurig sah ich ihr nach und ward den Anblick lange Zeit nicht los.
War ich wirklich ein ganz anderer Mensch als diese alle, als Marion,
als Lotte, als Muoth? War das wirklich die Liebe? Ich sah sie alle,
diese Menschen der Leidenschaft, wie von Stürmen getrieben taumeln und
ins Ungewisse wehen, den Mann von Verlangen heute, von Überdruß morgen
gepeinigt, düster liebend und brutal abbrechend, keiner Neigung sicher
und keiner Liebe froh, und die Frauen hingerissen, Beleidigung, Schläge
tragend, endlich verstoßen und doch an ihm hängend, von Eifersucht und
verschmähter Liebe entwürdigt, hundetreu. An jenem Tage geschah es seit
sehr langer Zeit zum erstenmal, daß ich weinte. Ich weinte unwillige,
zornige Tränen um diese Menschen, um meinen Freund Muoth, um das Leben
und die Liebe, und stillere, heimliche Tränen um mich selber, der ich
zwischen alle dem lebte, wie auf einem andern Sterne, der das Leben
nicht begriff, der nach Liebe verschmachtete und sie doch fürchten
mußte.
Zu Heinrich Muoth ging ich lange nicht mehr. Er feierte in jener Zeit
Triumphe als Wagnersänger und begann für einen »Stern« zu gelten.
Zugleich trat auch ich bescheidentlich an die Öffentlichkeit. Es
erschienen meine Lieder im Druck und fanden freundliche Aufnahme, und
zwei meiner Sachen für Kammermusik wurden in Konzerten aufgeführt. Es
war noch eine stille, ermunternde Anerkennung unter Freunden, die
Kritik hielt sich abwartend still oder ließ mich zunächst als einen
Anfänger schonend gelten.
Ich war viel mit dem Geiger Teiser zusammen, er hatte mich gern und
lobte meine Arbeiten in kameradschaftlicher Freude, prophezeite mir
große Erfolge und war immer bereit, mit mir zu musizieren. Dennoch
fehlte mir etwas. Es zog mich zu Muoth, doch mied ich ihn immer noch.
Von Lotte hörte ich nichts mehr. Warum war ich nicht zufrieden? Ich
schalt mich selber, daß ich bei dem treuen, prächtigen Teiser nicht
mein Genügen fand. Aber auch bei ihm fehlte mir etwas. Er war mir zu
heiter, zu sonnig, zu sehr zufrieden, er schien keine Abgründe zu
kennen. Auf Muoth war er nicht gut zu sprechen. Manchmal im Theater,
wenn Muoth sang, sah er mich an und flüsterte: »Da, wie der wieder
pfuscht! Das ist schon ein ganz Verwöhnter! Mozart singt er keinen, er
weiß warum.« Ich mußte ihm recht geben, und tat es doch nicht mit dem
Herzen, ich hing an Muoth, und mochte ihn doch nicht verteidigen. Muoth
hatte etwas, was Teiser nicht hatte und nicht kannte und was mich mit
ihm verband. Das war das ewige Begehren, die Sehnsucht und Ungenüge.
Die trieben mich zu Studium und Arbeit, die ließen mich nach Menschen
greifen, die mir entglitten, gerade wie Muoth, den dieselbe Ungenüge
auf andere Weise stachelte und peinigte. Musik würde ich immer machen,
das wußte ich, aber mich verlangte danach, auch einmal aus Glück
und Überfluß und ungebrochener Freude zu schaffen, statt immer aus
Sehnsucht und Mangel des Herzens. Ach, warum wurde ich nicht durch das
glücklich, was ich zu eigen hatte, durch meine Musik? Und warum wurde
Muoth es nicht durch das, was er besaß, durch seine wilde Lebenskraft
und seine Frauen?
Teiser war glücklich, ihn quälte kein Verlangen nach Unerreichbarem.
Er hatte seine zarte, selbstlose Freude an der Kunst, von der er
nicht mehr verlangte, als sie ihm gab, und außerhalb der Kunst war er
noch genügsamer, da brauchte er nur ein paar freundliche Menschen,
gelegentlich ein gutes Glas Wein und an freien Tagen einen Ausflug
in die Landschaft, denn er war ein Wanderer und Luftfreund. Wenn an
der Lehre der Theosophen etwas war, dann mußte dieser Mann schon
nahezu ein Vollendeter sein, so gut war sein Wesen und so wenig ließ
er Leidenschaft und Unzufriedenheit in sein Herz kommen. Dennoch
wünschte ich, wenn ich es auch vielleicht mir vorsagte, nicht zu sein
wie er. Ich wollte kein andrer sein, ich wollte in meiner Haut bleiben,
die mir doch oft zu eng war. Ich begann Macht in mir zu spüren, seit
meine Arbeiten leise zu wirken anfingen, und ich war schon im Begriff,
stolz zu werden. Irgendeine Brücke zu den Menschen mußte ich finden,
ich mußte auf irgendeine Weise mit ihnen leben können, ohne stets
der Unterliegende zu sein. Gab es nun keinen andern Weg, so führte
vielleicht doch meine Musik dahin. Wenn sie mich nicht lieben wollten,
so würden sie mein Werk lieben müssen.
Solche törichte Gedanken ward ich nicht los. Und doch war ich bereit,
mich hinzugeben und zum Opfer zu bringen, wenn nur jemand mich wollte,
wenn nur jemand mich wirklich verstünde. War nicht Musik das geheime
Gesetz der Welt, gingen nicht die Erden und Sterne harmonisch im
Reigen? Und ich sollte allein bleiben und die Menschen nicht finden,
deren Wesen mit meinem rein und schön zusammenklang?
Ein Jahr war mir in der fremden Stadt vergangen. Außer mit Muoth,
Teiser und unserm Kapellmeister Rößler hatte ich zu Anfang sehr
wenig Umgang gehabt, in letzter Zeit aber war ich in eine größere
Geselligkeit hineingeraten, die mir nicht lieb und nicht leid war.
Durch die Aufführung meiner Stücke für Kammermusik war ich mit den
Musikern der Stadt auch außerhalb des Theaters bekanntgeworden, ich
trug jetzt die leichte, angenehme Bürde eines sachte ansetzenden Ruhmes
im kleinen Kreise, ich merkte, daß man mich kannte und beobachtete.
Von allem Ruhm ist das der süßeste, der noch nicht auf große Erfolge
blickt, noch keinen Neid erregen kann, noch nicht absondert. Man
geht umher mit dem Gefühl, da und dort betrachtet, genannt, gelobt
zu werden, man begegnet freundlichen Gesichtern, sieht Anerkannte
wohlwollend nicken und Jüngere mit Achtung grüßen, und immer trägt man
das heimliche Gefühl, daß das Beste noch komme, wie es ja aller Jugend
geht, bis sie sieht, das Beste liegt schon dahinten. Beeinträchtigt
wurde mein Wohlgefühl am meisten dadurch, daß ich immer etwas Mitleid
in der Anerkennung fühlte. Oft kam es mir sogar vor, man schone mich
und sei so freundlich, weil ich eben ein armer Kerl und Krüppel sei,
dem man gern etwas Tröstliches gönne.
Nach einem Konzert, in dem ein Geigenduo von mir gespielt worden war,
machte ich die Bekanntschaft des reichen Fabrikanten Imthor, der für
einen eifrigen Musikfreund und Gönner junger Talente galt. Es war ein
ziemlich kleiner, ruhiger Mann mit grau werdenden Haaren, dem man weder
seinen Reichtum noch sein inniges Verhältnis zur Kunst ansah. Aus dem,
was er mir sagte, konnte ich aber wohl merken, wie viel er von Musik
verstand; er lobte nicht in den Tag hinein, sondern gab einen ruhigen,
sachverständigen Beifall, der mehr wert war. Er erzählte mir, was ich
von andrer Seite längst wußte, daß in seinem Hause manchen Abend Musik
gemacht werde, alte und neue. Er lud mich ein, und sagte zum Schluß:
»Ihre Lieder liegen auch bei uns, wir haben sie gern. Auch meine
Tochter wird sich freuen.«
Noch ehe ich dazu kam, ihm einen Besuch zu machen, erhielt ich eine
Einladung. Herr Imthor bat um die Erlaubnis, mein Trio in Es-Dur in
seinem Hause aufführen zu lassen. Ein Geiger und Cellist, tüchtige
Dilettanten, stünden zur Verfügung, und die erste Geige sei mir
vorbehalten, falls ich Lust hätte, mitzuspielen. Ich wußte, daß Imthor
die Berufsmusiker, die bei ihm spielten, stets sehr gut honoriere.
Das hätte ich ungern angenommen, und doch wußte ich nicht, wie die
Einladung gemeint sei. Schließlich nahm ich doch an, die beiden
Mitspieler fanden sich bei mir ein und holten ihre Stimmen, wir hatten
einige Proben. Inzwischen machte ich meinen Besuch bei Imthor, traf
aber niemand an. So kam der bestimmte Abend.
Imthor war Witwer, er wohnte in einem der alten, einfach stattlichen
Bürgerhäuser, einem der wenigen, die noch mitten in der großgewordenen
Stadt ihre alten Gärten unverkürzt um sich hatten. Vom Garten sah ich
wenig, als ich abends kam, nur eine kurze Allee von hohen Platanen,
deren Stämme im Laternenlicht die hellen Flecken zeigten, und
dazwischen ein paar alte, dunkelgewordene Steinbilder. Hinter den
großen Bäumen lag bescheiden das alte, breit und nieder gebaute Haus,
in dem von der Eingangstür weg durch die Korridore, Treppen und alle
Räume hindurch die Wände dicht voll alter Bilder hingen, Mengen von
Familienbildnissen und schwarzgewordenen Landschaften, altmodische
Veduten und Tierstücke. Ich kam gleichzeitig mit andern Gästen an, wir
wurden von einer Hausdame empfangen und eingeführt.
Die Gesellschaft war nicht gar groß, doch drängte sie sich in den
mäßigen Räumen etwas eng, bis die Türen zum Musikraum geöffnet wurden.
Hier war es weit und alles sah neu aus, der Flügel, die Notenschränke,
die Lampen, die Stühle, nur die Bilder an den Wänden waren auch hier
alle alt.
Meine Mitspieler waren schon da, wir stellten unsre Pulte auf, schauten
nach den Lichtern und begannen zu stimmen. Da ging zuhinterst im
Saal eine Türe und es kam durch den erst halb erleuchteten Raum eine
hellgekleidete Dame geschritten. Die beiden Herren begrüßten sie mit
Auszeichnung, ich sah, daß es die Tochter Imthors sei. Sie sah mich
einen Augenblick fragend an, dann bot sie mir, ehe ich noch vorgestellt
war, die Hand und sagte: »Ich kenne Sie schon, Sie sind Herr Kuhn?
Willkommen!«
Das schöne Mädchen hatte mir gleich bei ihrem Eintritt Eindruck
gemacht, nun klang ihre Stimme so hell und gut, daß ich die dargebotene
Hand herzhaft drückte und dem Fräulein vergnügt in die Augen sah, die
mich lieb und freundschaftlich begrüßten.
»Ich freu' mich auf das Trio,« sagte sie lächelnd, als habe sie mich so
erwartet, wie ich nun war, und sei befriedigt.
»Ich auch,« sagte ich, ohne zu wissen, was ich sage, und sah sie
wieder an, und sie nickte. Dann ging sie weiter und aus dem Saal, und
ich sah ihr nach. Bald darauf kam sie wieder, an der Hand ihres Vaters,
und hinter ihnen die Gesellschaft. Wir drei saßen schon an den Pulten
und waren bereit. Die Leute nahmen Platz, einige Bekannte nickten mir
zu, der Hausherr gab mir die Hand, und als alle saßen, erloschen die
elektrischen Lichter und brannten nur die hohen Kerzen über unsern
Noten weiter.
Ich hatte meine Musik beinahe vergessen. Ich suchte hinten im Saal das
Fräulein Gertrud, das an ein Büchergestell gelehnt in der Dämmerung
saß. Ihr dunkelblondes Haar sah beinahe schwarz aus, ihre Augen sah ich
nicht. Nun zählte ich leise den Takt, und nickte, und wir stimmten mit
breitem Strich das Andante an.
Jetzt während des Spielens ward mir wohl und innig, ich wiegte mich im
Takte mit und schwebte frei im Zusammenklang der Tonströme, die mir
alle völlig neu und wie in diesem Augenblick erfunden vorkamen. Meine
Gedanken an die Musik und meine Gedanken an Gertrud Imthor flossen
rein und ohne Störung zusammen, ich zog meinen Geigenbogen und gab mit
den Augen meine Anweisungen, schön und stetig floß die Musik dahin
und nahm mich mit, einen goldenen Weg zu Gertrud hin, die ich nicht
mehr sehen konnte, und jetzt auch gar nicht mehr zu sehen begehrte.
Ich gab ihr meine Musik und meinen Atem, meine Gedanken und meinen
Herzschlag hin, wie sich ein Morgenwanderer dem lichten Blau und
klaren Wiesenglanz der Frühe hingibt, ungefragt und ohne sich selbst
zu verlieren. Zugleich mit dem Wohlgefühl und wachsenden Schwall der
Töne trug und erhob mich ein verwundertes Glück darüber, daß ich nun
so plötzlich wisse, was Liebe sei. Es war kein neues Gefühl, nur eine
Klärung und Entschleierung uralter Ahnungen, Rückkehr in ein altes
Vaterland.
Der erste Satz war zu Ende; ich gönnte nur eine Minute Pause. Leise
klang das Stimmen der Saiten in mildem Durcheinander, über gespannte
und zunickende Gesichter hinweg konnte ich einen Augenblick den
dunkelblonden Kopf sehen, die zarte, helle Stirn und den hellroten
strengen Mund, dann klopfte ich sacht auf mein Pult und wir strichen
den zweiten Satz, der sich wohl hören lassen darf. Die Spieler wurden
warm, die ansteigende Sehnsucht des Liedes hob unruhige Schwingen,
kreiste in unbefriedigten Flügen empor, suchte und verlor sich in
klagender Bangigkeit. Tief und warm übernahm das Cello die Melodie,
hob sie stark und dringlich heraus, trug sie verklingend in die neue,
dunklere Tonart hinüber und löste sie verzweifelnd im halb zornigen
Basse auf.
Dieser zweite Satz war meine Beichte, ein Bekenntnis meiner Sehnsucht
und meines Unbefriedigtseins. Der dritte sollte die Erlösung und
Erfüllung sein. Ich wußte aber seit diesem Abend, daß er nichts
war, und ich spielte ihn sorglos hin als eine Sache, die hinter mir
lag. Denn ich meinte jetzt genau zu wissen, wie die Befreiung hätte
klingen sollen, wie aus dem stürmenden Stimmenbrausen der Glanz und
Friede brechen müsse, Licht aus schwerem Gewölk. Das alles war in
meinem dritten Satze nicht, er war nur ein linderndes Auflösen der
angewachsenen Dissonanzen und ein Versuch, die alte Grundmelodie ein
wenig zu läutern und zu steigern. Von dem, was in mir selber jetzt
glänzte und sang, war kein Ton und kein Strahl darin, und ich wunderte
mich, daß niemand es merkte.
Mein Trio war aus. Ich nickte den Spielern zu und legte meine Violine
weg. Die Lichter flammten wieder auf, die Gesellschaft kam in
Bewegung, manche kamen mit den gewohnten Artigkeiten, Lobsprüchen und
Kritiken zu mir, um sich als Kenner auszuweisen. Den Hauptmangel der
Arbeit warf keiner mir vor.
Man verteilte sich in mehrere Zimmer, es gab Thee, Wein und Gebäck,
im Herrenzimmer wurde geraucht. Eine Stunde verging und noch eine. Da
geschah es endlich, von mir kaum mehr erwartet, daß Gertrud bei mir
stand und mir die Hand gab.
»Hat es Ihnen gefallen?« fragte ich.
»Ja, es war schön,« sagte sie nickend. Ich sah aber, daß sie mehr
wußte. Darum sagte ich: »Sie meinen den zweiten Satz. Das andere ist ja
nichts.«
Da schaute sie mir wieder neugierig in die Augen, mit einer gütigen
Klugheit wie eine reife Frau und sagte ganz fein: »Sie wissen es also
selber. Der erste Satz, nicht wahr, ist gute Musik. Der zweite wird
groß und weit und verlangt vom dritten zu viel. Man hat es Ihnen auch
beim Spielen angesehen, wo Sie wirklich drin waren und wo nicht.«
Mir war es lieb, zu hören, daß ihre klaren guten Augen mich betrachtet
hatten, ohne daß ich es wußte. Und ich dachte schon an diesem ersten
Abend unserer Bekanntschaft, es müßte gut und selig sein, ein
ganzes Leben unter dem Blick dieser schönen und aufrichtigen Augen
hinzubringen, und es müßte dann unmöglich sein, jemals Schlechtes zu
tun oder zu denken. Und von jenem Abend an wußte ich, daß irgendwo
meinem Verlangen nach Einheit und zartester Harmonie Stillung zu finden
wäre, und daß jemand auf der Erde lebe, auf dessen Blick und Stimme
jeder Puls und jeder Atemzug in mir rein und innig Antwort gab.
Auch sie spürte unverweilt in mir den freundschaftlich reinen
Widerklang ihres Wesens und hatte von der ersten Stunde an das ruhige
Vertrauen, sich mir eröffnen und unverstellt zeigen zu können und
weder Mißverständnis noch Vertrauensbruch fürchten zu müssen. Sie
war mir sogleich nah befreundet, wie es in solcher Schnelle und
Selbstverständlichkeit nur jungen und wenig verdorbenen Menschen
möglich ist. Bis dahin war ich zwar schon je und je verliebt gewesen,
doch stets -- und namentlich seit meiner Entstellung -- mit einem
scheuen, begehrlichen und unsicheren Gefühl. Nun war statt der
Verliebtheit die Liebe gekommen und mir schien, es sei ein feiner
grauer Schleier von meinen Augen gefallen und die Welt liege für mich
im ursprünglich göttlichen Lichte da, wie sie vor Kindern, und wie sie
vor den Augen unsrer Paradiesträume liegt.
Gertrud war damals kaum über zwanzig Jahre alt, schlank und gesund wie
ein junger feiner Baum, und war aus dem Kram und Schwindel des üblichen
Jungmädchentums unberührt hervorgegangen, ihrem eigenen noblen Wesen
folgend wie eine sicher schreitende Melodie. Mir war im Herzen wohl,
daß ich ein solches Geschöpf in der unvollkommenen Welt lebendig wußte,
und ich konnte nicht daran denken, sie etwa einzufangen und für mich
allein wegzunehmen. Ich war froh, an ihrer schönen Jugend ein wenig
teilhaben zu dürfen und mich von Anfang an unter ihren guten Freunden
zu wissen.
In der Nacht nach diesem Abend schlief ich lange nicht ein. Es plagte
mich aber kein Fieber und keine Unruhe, sondern ich wachte und suchte
den Schlaf nicht, weil ich meinen Frühling gekommen und mein Herz
nach langen, sehnlichen Irrfahrten und Winterzeiten auf dem rechten
Wege wußte. In meine Stube floß blasser Nachtschimmer; alle Ziele des
Lebens und der Kunst lagen klar und nahe, wie föhnhelle Höhen, ich
spürte den oft so ganz verlorenen Klang und geheimen Takt meines
Lebens lückenlos, bis in die sagenhaften Kinderjahre zurück. Und wenn
ich diese traumhafte Klarheit und gedrängte Fülle des Gefühls halten
und verdichten und mit Namen nennen wollte, so nannte ich den Namen
Gertrud. Mit ihm schlief ich ein, schon gegen den Morgen, und stand
beim Tagen frisch und erquickt wieder auf, wie nach einem langen,
langen Schlaf.
Da fielen die mißmutigen Gedanken der letzten Zeit, und auch die
hochmütigen, mir ein und ich sah, woran es mir gefehlt hatte. Heute
quälte und verstimmte und ärgerte mich nichts mehr, ich hatte wieder
die große Harmonie im Ohr und träumte wieder meinen Jugendtraum vom
Zusammenklang der Sphären. Ich tat wieder meine Schritte und Gedanken
und Atemzüge nach einer geheimen Melodie, das Leben hatte wieder einen
Sinn und die Ferne war morgengolden. Niemand bemerkte die Veränderung,
es stand mir keiner nah genug. Nur Teiser, das Kind, stieß mich bei
der Probe im Theater lustig an und sagte: »Sie haben gut geschlafen
heut nacht, gelt?« Ich besann mich, womit ich ihn erfreuen könnte, und
fragte in der nächsten Pause: »Teiser, wo gehen Sie diesen Sommer hin?«
Da lachte er verschämt und wurde rot wie eine Braut, die man nach dem
Hochzeitstage fragt, und meinte: »Lieber Gott, bis dahin ist's noch
lang! Aber schauen Sie, da drin hab ich schon die Karten.« Er schlug
auf seine Brusttasche. »Diesmal gehts vom Bodensee aus: Rheintal,
Fürstentum Liechtenstein, Chur, Albula, Oberengadin, Maloja, Bergell,
Comersee. Den Rückweg weiß ich noch nicht.«
Er hob die Geige wieder und blitzte mich noch schnell mit List und
Wonne aus seinen graublauen Kinderaugen an, die nie etwas vom Schmutz
und vom Leid der Welt gesehen zu haben schienen. Und ich fühlte
mich ihm verbrüdert, und wie er sich auf seine große, wochenlange
Fußwanderung freute, auf die Freiheit und den sorglosen Umgang mit
Sonne, Luft und Erde, so freute ich mich von neuem auf alle Wege meines
Lebens, die wie in einer jungen nagelneuen Sonne vor mir lagen und die
ich aufrecht mit hellen Augen und reinem Herzen zu gehen gesonnen war.
Heute, wenn ich dahin zurückdenke, liegt es alles schon ferngeworden
und weit auf der Morgenseite, aber etwas vom damaligen Licht ist noch
jetzt auf meinen Wegen, wennschon es nimmer so jung und lachend glänzt,
und heut wie damals ist es mein Trost und tut es mir in bedrückten
Stunden wohl und nimmt den Staub von meiner Seele, wenn ich mir den
Namen Gertrud vorsage und an sie denke, wie sie damals mir im Musiksaal
ihres Alten entgegenkam, leicht wie ein Vogel und zutraulich wie ein
Freund.
Nun ging ich auch wieder zu Muoth, den ich seit jener peinlichen
Beichte der schönen Lotte möglichst vermieden hatte. Er hatte es
bemerkt und war, wie ich wußte, zu stolz und auch zu gleichgültig,
sich um mich zu bemühen. So waren wir seit Monaten nicht mehr allein
beisammen gewesen. Jetzt, da ich voll neuen Vertrauens zum Leben und
voll guter Absichten war, schien es mir vor allem notwendig, mich dem
vernachlässigten Freund wieder zu nähern. Den Anlaß dazu gab mir ein
neues Lied, das ich gesetzt hatte; ich beschloß, es ihm zu widmen. Es
war dem Lawinenlied ähnlich, das er gern hatte, und der Text hieß:
Ich habe meine Kerzen ausgelöscht;
Zum offenen Fenster strömt die Nacht herein,
Umarmt mich sanft und läßt mich ihren Freund
Und ihren Bruder sein.
Wir beide sind am selben Heimweh krank;
Wir senden ahnungsvolle Träume aus
Und reden flüsternd von der alten Zeit
In unsres Vaters Haus.
Ich machte eine saubere Abschrift und schrieb darüber: »Meinem Freunde
Heinrich Muoth gewidmet.«
Damit ging ich zu ihm, zu einer Zeit, wo ich ihn sicher zu Hause wußte.
Richtig klang mir sein Singen entgegen, er schritt in den stattlichen
Zimmern seiner Wohnung auf und ab und übte. Er empfing mich gelassen.
»Schau, der Herr Kuhn! Ich dachte schon, Sie kämen gar nimmer.«
»Doch,« sagte ich, »da bin ich. Wie gehts?«
»Immer gleich. Nett, daß Sie sich wieder einmal zu mir wagen.«
»Ja, ich war in der letzten Zeit untreu....«
»Sogar sehr deutlich. Ich weiß auch warum.«
»Das glaube ich kaum.«
»Ich weiß es. Die Lotte ist einmal bei Ihnen gewesen, nicht?«
»Ja, ich wollte nicht davon reden.«
»Ist auch nicht nötig. Also da sind Sie wieder.«
»Und habe etwas mitgebracht.«
Ich gab ihm die Noten.
»O, ein neues Lied! Das ist recht, ich hatte schon Angst für Sie, Sie
möchten in der langweiligen Streichmusik stecken bleiben. Und da steht
ja eine Widmung! Für mich? Ist es Ihr Ernst?«
Ich wunderte mich, daß es ihn so zu freuen schien, ich hatte eher einen
Scherz über die Dedikation erwartet.
»Gewiß freut mich das,« sagte er aufrichtig. »Es freut mich immer, wenn
anständige Menschen mich gelten lassen, und bei Ihnen besonders. Ich
hatte Sie im Stillen schon auf die Totenliste gesetzt.«
»Führen Sie solche Listen?«
»O ja, wenn man so viele Freunde hat, oder gehabt hat, wie ich... Es
gäbe einen schönen Katalog. Die moralischen habe ich immer am höchsten
geschätzt, und g'rade die kneifen mir alle aus. Unter Lumpen findet
man jeden Tag Freunde, aber unter Idealisten und Normalbürgern hält es
schwer, wenn man anrüchig ist. Sie sind zurzeit beinah der einzige. Und
wie es geht -- was man am schwersten haben kann, hat man am liebsten.
Geht es Ihnen nicht auch so? Mir ist immer nur an Freunden gelegen,
statt dessen laufen mir bloß Weiber zu.«
»Daran sind Sie zum Teil selber schuld, Herr Muoth.«
»Warum denn?«
»Sie behandeln alle Leute gern so wie Sie die Weiber behandeln. Bei
Freunden geht das nicht, darum laufen sie Ihnen draus. Sie sind ein
Egoist.«
»Gott sei Dank, bin ich das. Übrigens Sie nicht minder. Als die
furchtbare Lotte Ihnen ihr Leid klagte, da haben Sie ihr keineswegs
geholfen. Sie haben auch nicht den Anlaß benützt, mich zu bekehren,
wofür ich dankbar bin. Sie haben vor der Affäre ein Grausen gespürt und
sind weggeblieben.«
»Nun, da bin ich wieder. Sie haben recht, ich hätte mich der Lotte
annehmen sollen. Aber ich verstehe mich auf diese Sachen nicht. Sie hat
mich selber ausgelacht und mir gesagt, von der Liebe verstünde ich gar
nichts.«
»Nun, dann halten Sie sich brav an die Freundschaft! Es ist auch ein
schönes Feld. Und jetzt sitzen Sie her und spielen Sie die Begleitung,
wir wollen das Lied einmal studieren. Ach, wissen Sie noch, Ihr erstes
damals? Sie sind ja allmählich ein berühmter Herr, scheint mir.«
»Es geht an, neben Ihnen jedenfalls komme ich nie auf.«
»Dummes Zeug. Sie sind ein Komponist, ein Schöpfer, ein kleiner
Herrgott. Was geht Sie der Ruhm an? Unsereiner muß pressieren, wenn
er zu etwas kommen will. Wir Sänger und Seiltänzer haben es wie die
Weiber, wir müssen das Fell zu Markt bringen solang es schön glatt
ist. Ruhm, soviel es geben will, und Geld und Weiber und Champagner!
Photographien in den Zeitschriften, Lorbeerkränze! Denn siehe,
wenn ich heute den Ekel kriege, oder es braucht bloß eine kleine
Lungenentzündung zu sein, so bin ich morgen erledigt, und mit dem Ruhm
und Lorbeer und dem ganzen Betrieb hat es gepfiffen.«
»Nun, Sie können es abwarten.«
»Ach, wissen Sie, im Grund bin ich verdammt neugierig auf das
Altwerden. Es ist ein Schwindel mit der Jugend, ein richtiger Zeitungs-
und Lesebuchschwindel! Die schönste Zeit des Lebens! Hat sich was, alte
Leute machen mir immer einen viel zufriedenern Eindruck. Die Jugend ist
die schwerste Zeit im Leben. Zum Beispiel Selbstmorde kommen in höheren
Jahren fast gar nie vor.«
Ich begann zu spielen und er wandte sich zu dem Lied, faßte rasch die
Melodie und gab mir an einer Stelle, wo sie bedeutungsvoll von Moll in
Dur zurücklenkte, einen anerkennenden Stoß mit dem Ellbogen.
Abends fand ich zu Hause, wie ich gefürchtet hatte, ein Kuvert
von Herrn Imthor, das ein paar freundliche Worte und ein mehr als
anständiges Honorar enthielt. Ich sandte das Geld zurück und schrieb
dazu, ich sei wohlhabend genug, auch zöge ich es vor, in seinem Hause
als Freund verkehren zu dürfen. Als ich ihn wieder sah, lud er mich
ein, bald wieder zu kommen und sagte: »Ich dachte mir schon, daß es
so gehen werde. Gertrud meinte, ich dürfe Ihnen nichts schicken, aber
versuchen wollte ich's doch.«
Von da an war ich im Hause Imthor ein sehr häufiger Gast. Ich übernahm
bei vielen Hauskonzerten die erste Geige, ich brachte alle neue Musik,
eigene und fremde, dorthin, und die meisten meiner kleineren Arbeiten
wurden nun zuerst dort aufgeführt.
An einem Nachmittag im Frühling fand ich Gertrud allein mit einer
Freundin zu Hause. Es regnete und ich war auf der Vortreppe
ausgeglitten, nun wollte sie mich nicht wieder fortlassen. Wir sprachen
von Musik und es geschah fast ungewollt, daß ich zu erzählen anfing und
namentlich von der Graubündener Zeit sprach, in der ich meine ersten
Lieder komponiert hatte. Dann ward ich verlegen und wußte nicht, ob es
richtig gewesen sei, vor diesem Mädchen zu beichten. Da sagte Gertrud
beinah zaghaft: »Ich muß Ihnen etwas bekennen, was Sie mir nicht übel
nehmen dürfen. Ich habe zwei von Ihren Liedern für mich umgeschrieben
und gelernt.«
»Ja, singen Sie denn?« rief ich überrascht. Zugleich fiel mir
komischerweise das Erlebnis mit meiner allerersten Jugendliebe ein, wie
ich sie so schlecht hatte singen hören.
Gertrud lächelte vergnügt und nickte: »O ja, ich singe, wenn auch nur
für mich und ein paar Freunde. Ich will Ihnen die Lieder singen, wenn
Sie begleiten wollen.«
Wir gingen zum Flügel und sie gab mir die Noten, zierlich von ihrer
feinen Frauenhand umgeschrieben. Leise begann ich mit der Begleitung,
um sie recht gut zu hören. Und sie sang das Lied, und dann das
zweite, und ich saß und horchte und hörte meine Musik verwandelt
und verzaubert. Sie sang mit einer hohen, vogelleichten, köstlich
schwebenden Stimme, und es war das Schönste, was ich in meinem Leben
gehört habe. In mich aber drang die Stimme, wie der Südsturm in ein
beschneites Tal, und jeder Ton zog eine Hülle von meinem Herzen, und
während ich selig war und zu schweben meinte, mußte ich kämpfen und
mich hart machen, denn die Tränen standen mir in den Augen und wollten
mir die Noten verlöschen.
Wohl hatte ich gemeint zu wissen, was Liebe sei, und war mir damit
weise vorgekommen, hatte getröstet aus neuen Augen in die Welt
geschaut und einen näheren und tieferen Anteil an allem Leben
gefühlt. Nun war es anders, nun war es nicht mehr Klarheit, Trost und
Heiterkeit, sondern Sturm und Flamme, nun warf mein Herz sich jauchzend
und zitternd weg, wollte nichts mehr vom Leben wissen und nur in seiner
Flamme verbrennen. Wenn jetzt mich einer gefragt hätte, was denn die
Liebe sei, da hätte ich es wohl zu wissen geglaubt und hätte es sagen
können, und es hätte dunkel und lodernd geklungen.
Indessen schwang sich hoch darüber Gertruds leichte, selige Stimme,
schien mir heiter zuzurufen und nur meine Freude zu wollen, und flog
doch in fernen Höhen mir davon, unerreichbar und fast fremd. Ach, ich
wußte nun, wie es stand. Sie mochte singen, sie mochte freundlich
sein, sie mochte es gut mit mir meinen, das alles war nicht, was ich
begehrte. Wenn sie nicht ganz und für immer mir zu eigen wurde, mir
allein, dann war mein Leben vergebens und alles Gute und Zarte und
Eigenste in mir hatte keinen Sinn.
Nun fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter, erschrak und wandte
mich um, und sah in ihr Gesicht. Die hellen Augen waren ernst und nur
langsam, da ich sie anstarrte, fing sie an zart zu lächeln und zu
erröten.
Ich konnte nur Danke sagen. Sie wußte nicht, was mit mir war, sie
fühlte nur und verstand, daß ich ergriffen war, und fand schonend einen
Weg zur vorigen Heiterkeit und Freiheit des Plauderns zurück. Dann ging
ich bald.
Ich ging nicht nach Hause, und ich wußte nicht, ob es noch regnete. Ich
ging an meinem Stock durch die Straßen, doch war es kein Gehen und die
Straßen waren keine Straßen, ich fuhr auf Sturmwolken durch flatternde,
brausende Himmel, ich redete mit dem Sturm und war selbst der Sturm,
und ich hörte aus unendlicher Ferne herüber etwas Betörendes klingen,
das war eine helle, hohe, vogelleicht schwebende Frauenstimme, und sie
schien ganz rein von menschlichen Gedanken und Stürmen, und schien doch
im Kern alle wilde Süßigkeit der Leidenschaft zu haben.
Den Abend saß ich ohne Licht in meinem Zimmer. Als ich es nicht mehr
aushielt, es war schon spät, ging ich zu Muoth hinaus, fand aber seine
Fenster dunkel und kehrte wieder um. Lange lief ich in der Nacht umher
und fand mich endlich müde, aus Träumen erwachend, vor dem Imthor'schen
Garten. Da rauschten die alten Bäume feierlich um das verborgene Haus,
von dem kein Ton und Strahl herüber drang, und zwischen den Wolken
kamen und verschwanden hier und dort schwachglänzende Sterne.
Ich wartete einige Tage, ehe ich wieder zu Gertrud zu gehen wagte. In
dieser Zeit kam ein Schreiben von jenem Dichter, dessen Lieder ich
komponiert hatte. Seit zwei Jahren waren wir in einer losen Verbindung,
es kamen je und je merkwürdige Briefe von ihm, ich schickte ihm meine
Arbeiten und er mir seine Gedichte. Nun schrieb er:
»Werter Herr! Sie haben länger nichts von mir gehört. Ich war fleißig.
Seit ich Ihre Musik habe und verstehe, hat mir immer ein Text für Sie
vorgeschwebt, wollte aber nicht heraus. Jetzt ist er da, so gut wie
fertig, und es ist ein Operntext, und Sie müssen ihn komponieren. --
Sie können kein sehr glücklicher Mensch sein, das steht in Ihrer Musik.
Von mir will ich nicht reden; aber da ist ein Text für Sie. Da uns doch
sonst nichts Erfreuliches blüht, wollen wir den Leuten ein paar hübsche
Sachen vorspielen, bei denen den Dickhäutern für Augenblicke klar wird,
daß das Leben nicht bloß eine Oberfläche hat. Denn da wir doch mit
uns selber nichts Rechtes anzufangen wissen, plagt es uns, die unnütze
Kraft andere spüren zu lassen.