schlecht gehalten und geschlagen hast.«
»Laß die Lotte! Es geschah ihr recht. Es bekommt kein Weib Schläge, das
keine haben will.«
»Nun ja. Also die Oper. Ich weiß noch gar nicht, wo ich sie zuerst
einreichen soll. Es müßte eine gute Bühne sein, aber ob die das Ding
nehmen wird?«
»Sie wird schon. Ich wollte darüber mit dir sprechen. Bring sie nach
München! Angenommen wird sie wahrscheinlich, man interessiert sich für
dich, und im Notfall stehe ich dafür ein. Ich möchte sehr gern, daß
kein anderer meine Rolle vor mir singt.«
Damit war mir gedient. Ich sagte gern zu und versprach, bald für
Abschriften zu sorgen. Wir besprachen Einzelheiten und sprachen
verlegen weiter, als sei es uns todeswichtig, und doch wollten wir
nichts als die Zeit hinbringen und vor der Kluft, die sich zwischen uns
aufgetan hatte, die Augen schließen.
Muoth brach den Bann zuerst.
»Du,« sagte er, »weißt du noch, wie du mich damals zu den Imthors
mitgenommen hast? Es ist ein Jahr her.«
»Ich weiß noch,« sagte ich, »und du brauchst mich nicht zu erinnern,
du. Geh lieber!«
»Nein, Freund. Also du erinnerst dich noch. Nun, wenn du damals schon
das Mädchen lieb gehabt hast, warum hast du nicht ein Wort zu mir
gesagt? Warum hast du nicht gesagt: Laß sie in Ruh, laß sie mir! Es
wäre genug gewesen, ich hätte auch eine Andeutung verstanden.«
»Das durfte ich nicht.«
»Durftest du nicht? Warum nicht? Wer hieß dich zusehen und den Mund
halten, bis es zu spät war?«
»Ich konnte ja nicht wissen, ob sie mich lieb habe. Und auch dann --
wenn du ihr lieber bist, kann ich doch nichts machen.«
»Du bist ein Kind! Sie wäre mit dir vielleicht glücklicher geworden!
Es hat doch jeder das Recht, sich eine Frau zu erobern. Und wenn du
mir gleich anfangs ein Wort gesagt hättest, einen kleinen Wink gegeben
hättest, ich wäre weggeblieben. Nachher war's natürlich zu spät.«
Mir war diese Unterredung peinlich.
»Ich denke anders darüber,« sagte ich, »und du kannst ja zufrieden
sein, nicht? Also laß mich in Ruhe! Sag ihr einen Gruß und ich würde
Euch dann in München besuchen.«
»Zur Hochzeit magst du nicht kommen?«
»Nein, Muoth, das wäre geschmacklos. Aber -- laßt Ihr Euch kirchlich
trauen?«
»Natürlich, im Münster.«
»Das ist mir lieb. Ich habe etwas für die Gelegenheit zurecht gelegt,
ein Orgelvorspiel. Keine Sorge, es ist ganz kurz.«
»Du bist ein lieber Kerl! Hol's der Teufel, daß ich mit dir so Pech
habe!«
»Ich denke, du solltest Glück sagen, Muoth.«
»Na, wir wollen nicht streiten. Ich muß jetzt gehen, es werden noch
Sachen gekauft und weiß Gott was. Die Oper schickst du bald, nicht
wahr? Schick sie an mich, dann bring ich sie unserem Alten selber. Ja,
und eh' ich Hochzeit mache, sollten wir zwei doch noch einmal einen
Abend für uns haben. Vielleicht morgen? -- Gut, auf Wiedersehen!«
Da war ich wieder im alten Kreise und brachte die Nacht in hundertmal
gedachten Gedanken und hundertmal gekosteten Leiden hin. Am nächsten
Tage ging ich zu einem mir bekannten Organisten und bat ihn, für die
Muothsche Hochzeit mein Vorspiel zu übernehmen. Nachmittags ging ich
mit Teiser zum letztenmal meine Ouvertüre durch. Und am Abend fand ich
mich in Heinrichs Gasthof ein.
Da fand ich ein Zimmer mit einem Kaminfeuer und Kerzenlicht für uns
bereitet, einen weißgedeckten Tisch mit Blumen und Silbergeschirr, und
Muoth wartete schon auf mich.
»So, Junge,« rief er, »nun wollen wir Abschied feiern, mehr für mich
als für dich. Gertrud läßt dich grüßen, wir wollen heut ihre Gesundheit
trinken.«
Wir schenkten unsere Gläser voll und tranken schweigend aus.
»So, und jetzt wollen wir nur noch an uns selber denken. Die Jugend
will zur Neige gehen, Lieber, spürst du's nicht auch? Sie soll ja das
schönste am Leben sein. Ich hoffe, es sei ein Schwindel wie alle diese
beliebten Sprüche. Das Beste muß doch erst kommen, sonst war das Ganze
nicht recht der Mühe wert. Wenn deine Oper gespielt wird, reden wir
weiter darüber.«
Wir aßen behaglich und tranken einen schweren Rheinwein dazu, nachher
legten wir uns mit Zigarren und Champagner in den tiefen Ecksesseln
zurück und es kam mir und ihm für eine Stunde die alte Zeit herauf,
die redselige Lust am Plänebauen und Plaudern, wir blickten einander
sorglos nachdenklich in aufrichtige Augen und waren miteinander
zufrieden. Heinrich war in solchen Stunden gütiger und zarter als
sonst, er kannte die Flüchtigkeit solcher Lust genau und hielt sie,
so lange die Stimmung lebendig bleiben wollte, behutsam in schonenden
Händen fest. Leise und lächelnd sprach er von München, erzählte kleine
Bühnengeschichten und übte seine alte feine Kunst, Menschen und
Verhältnisse in kurzen klaren Worten zu zeichnen.
Als er so seinen Dirigenten, seinen Schwiegervater und andere spielend
und scharf, doch ohne Bosheit charakterisiert hatte, trank ich ihm zu
und fragte: »Nun, und was sagst du zu mir? Hast du für Leute meiner Art
auch so eine Formel?«
»O ja,« nickte er gelassen und richtete die dunklen Augen auf mich. »Du
bist in allem der Typus des Künstlers. Ein Künstler ist ja nicht, wie
die Philister meinen, ein fideler Herr, der aus lauter Übermut hie und
da Kunstwerke hinschmeißt, sondern leider meistens ein armer Tropf, der
an einem unnützen Reichtum erstickt und darum was von sich geben muß.
Es ist nichts mit der Sage vom glücklichen Künstler, das ist lauter
Philistergeschwätz. Der fidele Mozart hat sich mit Champagner aufrecht
gehalten und dafür Mangel an Brot gelitten, und warum Beethoven sich
nicht in jungen Jahren schon das Leben genommen, sondern statt dessen
diese herrlichen Sachen geschrieben hat, das weiß kein Mensch. Ein
anständiger Künstler hat im Leben unglücklich zu sein. Wenn er Hunger
hat und seinen Sack aufmacht, so sind immer bloß Perlen drin!«
»Ja, wenn man ein bißchen Freude und Wärme und Anteil am Leben begehrt,
da helfen einem ein Dutzend Opern und Trios und solche Sachen freilich
nicht viel.«
»Ich glaub's. So eine Stunde beim Wein mit einem Freund, wenn man einen
hat, und ein gutmütiges Plaudern über dies merkwürdige Leben, das ist
eigentlich das Beste, was man haben kann. Es muß schon so sein und
wir müssen froh sein, daß wir das doch haben. Wie lange schafft ein
armer Teufel an einer schönen Rakete, und die Freude dran dauert dann
keine Minute! So muß man auch Freude und Seelenruhe und gutes Gewissen
sparen, damit es hie und da zu einer hübschen Stunde reicht. Prosit,
Freund!«
Ich war mit seiner Philosophie im Grunde gar nicht einverstanden,
doch was lag daran? Mir war wohl, einen solchen Abend mit dem Freunde
zu erleben, den ich verlieren zu müssen gefürchtet hatte und der
auch so mir nicht mehr sicher war, und ich grüßte nachdenklich in
die vergangene Zeit hinüber, die noch so nahe lag und doch schon
meine Jugend umschloß, deren Leichtsinn und Harmlosigkeit mir nicht
wiederkommen konnte.
Beizeiten machten wir ein Ende und Muoth erbot sich, noch mit mir bis
zu meinem Hause zu gehen. Doch hieß ich ihn bleiben. Ich wußte, daß er
nicht gern mit mir auf der Straße ging, mein langsames Hinken störte
ihn und machte ihn verdrießlich. Er konnte keine Opfer bringen, und
solche kleine sind ja oft die schwersten.
Mein kleines Orgelstück freute mich. Es war eine Art von Präludium und
für mich eine Loslösung vom Alten, ein Dank und Glückwunsch an die
Brautleute und ein Nachhall der guten Freundschaftszeiten mit ihr und
mit ihm.
Am Tage der Hochzeit fand ich mich zeitig in der Kirche ein und sah der
Feier versteckt von der Orgel herab zu. Als der Organist mein Stücklein
spielte, sah Gertrud herauf und nickte ihrem Bräutigam zu. Ich hatte
sie diese ganze Zeit nicht mehr gesehen, sie sah im weißen Kleide noch
größer und schlanker aus und ging anmutig ernst den geschmückten
schmalen Pfad zum Altar, an der Seite des stolzen, ungebeugt
schreitenden Mannes. Es hätte weniger gut und prächtig ausgesehen, wenn
an seiner Stelle ich schiefer Krüppel diesen feierlichen Weg gegangen
wäre.
Es war schon dafür gesorgt, daß ich an die Hochzeit meiner Freunde
nicht lange denken und meine Betrachtungen und Wünsche und
Selbstquälereien nicht diesen Weg nehmen lassen konnte.
An meine Mutter hatte ich in diesen Tagen wenig gedacht. Ich wußte
zwar aus ihrem letzten Briefe, daß es um Behaglichkeit und Frieden in
ihrem Hause nicht glänzend bestellt sei, doch hatte ich weder Grund
noch Lust, mich in den Streit der beiden Damen zu mischen, sondern ließ
ihn mit einiger Schadenfreude als eine Tatsache bestehen, zu welcher
mein Urteil entbehrlich war. Seither hatte ich geschrieben, ohne
Antwort bekommen zu haben, und hatte mit dem Besorgen und Durchsehen
der Abschriften für meine Oper genug zu tun, als daß ich mir über das
Fräulein Schniebel Gedanken hätte machen können.
Da kam ein Brief von meiner Mama, der mich schon durch seinen ganz
ungewohnt großen Umfang in Erstaunen setzte. Er war eine peinliche
Anklageschrift gegen ihre Hausgenossin, aus der ich alle ihre
Vergehungen wider den Haus- und Seelenfrieden meiner guten Mutter genau
erfuhr. Es fiel ihr schwer, mir das zu schreiben, und sie tat es mit
Würde und Vorsicht, allein es war ein klares Geständnis der Täuschung,
in der sie betreffs ihrer alten Freundin und Base gelebt hatte. Meine
Mutter gab nicht nur meiner und meines seligen Vaters Abneigung gegen
Demoiselle Schniebel durchaus recht, sie war sogar jetzt bereit, das
Haus zu verkaufen, falls ich das noch wünsche, und ihren Wohnort zu
wechseln, und alles nur, um der Schniebel zu entrinnen.
»Es wäre vielleicht gut, wenn Du selber herkämest. Nämlich Lucie weiß
schon, wie ich denke und was ich plane, sie ist darin sehr spürig; aber
wir stehen zu gespannt miteinander, als daß ich ihr in der rechten
Form das Nötige sagen könnte. Meine Andeutungen, daß ich lieber wieder
allein im Hause wäre und daß sie entbehrlich sei, will sie nicht
verstehen, und offenen Streit will ich nicht haben. Ich weiß, sie würde
keifen und sich auf die Hinterbeine stellen, wenn ich sie direkt zum
Gehen auffordern wollte. Da ist es besser, Du kommst und bringst das
in Ordnung. Ich will keinen Skandal haben, und sie soll nicht zu kurz
kommen, aber es muß ihr deutlich und bestimmt gesagt werden.«
Ich wäre auch bereit gewesen, den Drachen zu erschlagen, wenn Mama es
verlangt hätte. Mit großem Vergnügen machte ich mich reisefertig und
fuhr nach Hause. Dort merkte ich freilich gleich beim Eintritt in unser
altes Haus, daß ein neuer Geist darin herrsche. Namentlich die große
behagliche Wohnstube hatte ein grämliches, unfreudiges, gedrücktes und
ärmliches Aussehen bekommen, alles sah mühsam bewacht und geschont
aus, und auf dem alten soliden Fußboden lagen sogenannte »Läufer«,
lange Trauerstreifen aus billigem und häßlichem Stoff, um die Diele zu
schonen und am Aufwaschen zu sparen. Das alte Tafelklavier, das seit
Jahren unbenutzt im Salon stand, war gleichfalls mit einer solchen
Schonhülle bekleidet, und obwohl die Mutter zu meiner Ankunft Tee und
Gebäck bereit und alles ein wenig nett gemacht hatte, roch es doch nach
altjüngferlicher Kümmerlichkeit und Naphtalin so unverwischbar, daß ich
gleich beim Empfang die Mutter anlächelte und die Nase rümpfte, was sie
sofort verstand.
Kaum saß ich im Stuhl, so kam der Drache herein, trabte über die
Läufer auf mich zu und ließ sich Ehre erweisen, was ich tat, ohne zu
sparen. Ich fragte eingehend nach ihrem Befinden und entschuldigte das
alte Haus, das vielleicht nicht jede Bequemlichkeit biete, an die sie
gewöhnt sei. Sehr über meine Mutter hinwegsprechend nahm sie die Rolle
der Hausfrau an sich, schaute nach dem Tee, erwiderte meine Höflichkeit
eifrigst und schien zwar geschmeichelt, noch mehr aber beängstigt
und mißtrauisch gemacht durch meine übertriebene Freundlichkeit. Sie
witterte Verrat, war aber genötigt, auf die angenehme Tonart einzugehen
und selber ihren ganzen Vorrat von etwas antiquierten Artigkeiten
auszubreiten. Unter lauter Ergebenheit und Hochachtung sahen wir die
Nacht herankommen, wünschten einander herzlich den besten Schlaf und
trennten uns wie Diplomaten der alten Schule. Doch glaube ich, der
Kobold habe trotz des Zuckerbrots in jener Nacht wenig geschlafen,
während ich befriedigt ausruhte und meine arme Mutter vielleicht nach
manchen in Ärger und Betrübnis hingebrachten Nächten zum erstenmal
wieder mit ungeschmälerten Hausfrauengefühlen im eigenen Hause
einschlief.
Beim Frühstück am andern Morgen begann dasselbe zierliche Spiel. Meine
Mutter, die abends nur still und gespannt zugehört hatte, nahm jetzt
mit Vergnügen selber Teil, und wir behandelten die Schniebel mit einer
Artigkeit und Zartheit, die sie sehr ins Enge trieb, ja traurig machte,
denn sie ahnte wohl, daß meiner Mutter diese Töne nicht vom Herzen
kämen. Beinahe hätte mir das alte Mädchen leid getan, wie sie ängstlich
wurde und sich klein zu machen strebte, alles lobte und gut hieß;
allein ich dachte an die entlassene Stubenmagd, an die unzufrieden
aussehende Köchin, die nur der Mutter zuliebe noch geblieben war, ich
dachte an das eingenähte Klavier und den ganzen trübsinnig kleinlichen
Geruch in meinem ehemals fröhlichen Vaterhaus, und blieb hart.
Nach Tische bat ich meine Mutter, sich etwas zu legen, und blieb mit
der Base allein.
»Pflegen Sie etwa nach Tisch zu schlafen?« fragte ich höflich. »Dann
möchte ich Sie nicht stören. Ich hätte etwas mit Ihnen zu reden, doch
eilt es ja nicht so sehr.«
»O bitte, ich schlafe nie am Tage. So alt bin ich ja gottlob noch
nicht. Ich stehe ganz zu Diensten.«
»Danke sehr, gnädiges Fräulein. Ich wollte Ihnen Dank sagen für die
Freundlichkeiten, die Sie meiner Mama erwiesen haben. Sie hätte es
sonst doch sehr einsam gehabt in dem leeren Haus. Nun, jetzt wird das
ja anders.«
»Wie?« rief sie aufspringend. »Was wird anders?«
»Wissen Sie es noch nicht? Mama hat sich entschlossen, endlich meinen
alten Wunsch zu erfüllen und zu mir zu ziehen. Da können wir das Haus
natürlich nicht leer stehen lassen. So wird es denn wohl bald zum
Verkauf kommen.«
Das Fräulein starrte mich fassungslos an.
»Ja, es tut mir auch leid,« fuhr ich bedauernd fort. »Nun, für Sie war
diese Zeit immerhin anstrengend. Sie haben sich des ganzen Hauses so
freundlich und sorglich angenommen, daß ich nicht genug danken kann.«
»Aber ich, was soll -- -- -- wohin soll ich -- --«
»Nun, das wird sich ja finden. Sie müssen sich eben wieder eine Wohnung
suchen, es eilt natürlich nicht so sehr. Sie werden sich selber freuen,
es wieder stiller zu haben.«
Sie war aufgestanden. Ihr Ton war noch höflich, aber bedenklich scharf.
»Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll,« rief sie erbittert. »Ihre
Mutter, Herr, hat mir versprochen, mich hier wohnen zu lassen. Es war
eine feste Abmachung; und jetzt, wo ich mich des Hauses angenommen
und Ihrer Mutter in allem geholfen habe, jetzt setzt man mich auf die
Straße!«
Sie begann zu schluchzen und wollte fortlaufen. Doch hielt ich sie an
ihrer mageren Hand zurück und setzte sie wieder in ihren Sessel.
»So schlimm ist es nicht,« sagte ich lächelnd. »Daß meine Mutter von
hier wegziehen will, ändert eben die Verhältnisse ein wenig. Übrigens
ist der Verkauf des Hauses nicht von ihr beschlossen, sondern von mir,
denn ich bin der Besitzer. Daß Sie sich beim Aussuchen einer neuen
Wohnung nicht beschränken und die Sorge dafür ihr überlassen, setzt
meine Mutter voraus. Sie haben es dann bequemer als bisher, und sind
doch noch gewissermaßen ihr Gast.«
Es kamen nun die erwarteten Einwände, der Stolz, das Weinen, das mit
Bitten abwechselnde Großtun, und am Ende merkte die Schmollende, daß
hier Nachgeben das Klügste sei. Doch zog sie sich auf dieses hin in
ihr Zimmer zurück und ließ sich auch zum Kaffee nicht sehen. Meine
Mutter meinte, wir sollten ihr diesen aufs Zimmer schicken, doch wollte
ich nach all der Höflichkeit auch meine Rache haben und ließ Fräulein
Schniebel in ihrem Trotz verharren bis zum Abend, wo sie denn still und
grämlich, doch pünktlich zur Mahlzeit erschien.
»Ich muß leider schon morgen wieder nach R. fahren,« sagte ich während
des Abendessens. »Solltest du mich aber brauchen, Mama, so kann ich ja
immer schnell herfahren.«
Ich sah dabei nicht meine Mutter, sondern ihre Cousine an, und sie
merkte, wie es gemeint sei. Mein Abschied von ihr war kurz und
meinerseits beinahe herzlich.
»Kind,« sagte meine Mutter nachher, »du hast es gut gemacht, und ich
muß dir danken. Willst du mir nicht etwas aus deiner Oper vorspielen?«
Dazu kam es nun nicht, aber es war ein Ring durchbrochen, und zwischen
der alten Frau und mir begann es zu tagen. Das war das Beste an der
Sache. Sie hatte jetzt Vertrauen zu mir, und ich freute mich darauf,
bald mit ihr ein kleines Hauswesen zu eröffnen und aus der langen
Heimatlosigkeit herauszukommen. Ich reiste befriedigt ab, hinterließ
schöne Grüße an das alte Fräulein und begann nach meiner Rückkehr schon
da und dort einzukehren, wo hübsche kleine Wohnungen zu vermieten
standen. Dabei half mir Teiser, und meistens war auch seine Schwester
mit, und beide freuten sich mit mir und hofften auf ein erfreuliches
Zusammenleben der beiden kleinen Familien.
Inzwischen war meine Oper nach München gegangen. Nach zwei Monaten,
kurz vor der Ankunft meiner Mutter, schrieb mir Muoth, sie sei
angenommen, könne aber in dieser Spielzeit nicht mehr einstudiert
werden. Doch werde sie im Beginn des nächsten Winters aufgeführt
werden. So hatte ich der Mutter eine gute Nachricht, und Teiser
veranstaltete ein Fest mit Freudentänzen, als er es hörte.
Meine Mutter weinte beim Einzug in unsere hübsche Gartenwohnung und
meinte, es sei nicht gut, im Alter noch auf fremden Boden verpflanzt zu
werden. Ich aber fand es sehr gut, und die Teisers auch, und Brigitte
half und ging meiner Mutter zur Hand, daß es eine Freude war. Das
Mädchen hatte wenig Bekannte in der Stadt und war oft, während ihr
Bruder im Theater war, einsam zu Hause gesessen, was ihr allerdings
nicht anzusehen war. Nun kam sie viel zu uns und half nicht nur beim
Einräumen und Eingewöhnen, sondern half auch mir und der Mutter den
schwierigen Weg in ein freundlich stilles Zusammenleben hinein zu
finden. Sie wußte es der alten Frau zu erklären, wenn ich Ruhe brauchte
und allein sein mußte, sie war dann zur Hand und sprang für mich ein,
und mir deutete sie manche Bedürfnisse und Wünsche meiner Mutter an,
die ich nie erraten und die Mutter mir nie mitgeteilt hätte. So gab es
bald eine kleine Heimat und einen Heimatfrieden bei uns, anders und
bescheidener als ich mir vormals mein Heim vorgestellt hatte, doch gut
und schön genug für einen, der es selber nicht weiter gebracht hatte
als ich.
Jetzt lernte meine Mutter auch meine Musik kennen. Sie hieß nicht alles
gut und schwieg zu dem meisten, aber sie sah und glaubte, daß es nicht
Zeitvertreib und Spielerei, sondern Arbeit und Ernst war, und fand
überhaupt zu ihrem Erstaunen unser Musikantenleben, das sie sich stark
seiltänzerhaft vorgestellt hatte, kaum viel weniger bürgerlich-fleißig
als das, das der selige Papa etwa geführt hatte. Von ihm konnten wir
nun auch besser reden und allmählich hörte ich tausend Geschichten von
ihm und von ihr, von den Großeltern und von meiner eignen Kinderzeit.
Die Vergangenheit und Familie ward mir lieb und interessant, ich fühlte
mich nicht mehr außerhalb des Kreises. Dagegen lernte die Mutter
mich gewähren zu lassen und Vertrauen zu mir zu haben, auch wenn ich
in Arbeitszeiten mich einschloß oder reizbar war. Sie hatte es bei
meinem Vater sehr gut gehabt, desto härter war ihre Prüfung in den
Schniebelschen Zeiten gewesen; jetzt faßte sie wieder Vertrauen und
hörte allmählich auf von ihrem Altwerden und Vereinsamen zu reden.
In all diesem Behagen und bescheidenen Glück sank das Leidgefühl und
Ungenügen unter, in dem ich lang gelebt hatte. Es sank aber nicht ins
Bodenlose, sondern ruhte tief und unverloren in meiner Seele, sah
mich in mancher Nacht fragend an und behielt sein Recht. Je ferner
das Vergangene zurückgesunken schien, desto klarer stieg mir das Bild
meiner Liebe und meines Leides herauf, blieb bei mir und war mein
stiller Mahner.
Manchmal schon hatte ich gemeint zu wissen, was Liebe sei. Schon in
Jünglingszeiten, da ich betört um die hübsche leichte Liddy schwärmte,
hatte ich Liebe zu kennen gemeint. Dann wieder als ich Gertrud zuerst
sah und fühlte, daß sie die Antwort auf meine Fragen und der Trost
für meine dunklen Wünsche sei. Dann wieder, als die Pein begann und
aus der Freundschaft und Klarheit Leidenschaft und Dunkel wurde, und
schließlich, als sie mir verloren war. Aber die Liebe blieb und war
immer bei mir, und ich wußte, daß ich niemals mehr einer Frau mit
Begierde folgen und nach dem Kuß eines Frauenmundes verlangen konnte,
seit ich Gertrud im Herzen hatte.
Ihr Vater, den ich zuweilen besuchte, schien jetzt von meinem
Verhältnis zu ihr zu wissen. Er bat sich das Präludium aus, das ich zu
ihrer Hochzeit gemacht hatte, und zeigte mir ein stilles Wohlwollen.
Er mochte fühlen, wie gern ich von ihr hörte und wie ungern ich doch
fragte, und er teilte mir viel aus ihren Briefen mit. Darin war auch
von mir häufig die Rede, namentlich von meiner Oper. Sie schrieb, daß
für die Sopranrolle eine gute Sängerin gefunden sei und wie sie sich
freue, das ihr schon so vertraute Werk endlich ganz zu hören. Sie
freute sich auch darüber, daß ich meine Mutter bei mir habe. Was sie
über Muoth schrieb, weiß ich nicht.
Mein Leben lief ruhig hin, die Ströme der Tiefe drangen nicht mehr
nach oben. Ich arbeitete an einer Messe und hatte ein Oratorium im
Kopf, für das mir der Text noch fehlte. Wenn ich genötigt war, an die
Oper zu denken, war es mir eine fremde Welt. Meine Musik ging neue
Wege, sie wurde einfacher und kühler, sie wollte trösten und nicht
erregen.
In dieser Zeit waren die Geschwister Teiser mir viel wert. Wir sahen
uns beinahe täglich, wir lasen, musizierten, spazierten miteinander,
hatten Feste und Ausflüge gemeinsam. Nur im Sommer, da ich die rüstigen
Wandersleute nicht beschweren wollte, trennten wir uns für einige
Wochen. Die Teisers wanderten wieder im Tirol und Vorarlberg umher und
schickten kleine Schachteln mit Edelweiß; ich aber hatte die Mutter zu
ihren Verwandten in Norddeutschland gebracht, wo sie schon seit Jahren
eingeladen war, und hatte mich an die Nordsee gesetzt. Da hörte ich Tag
und Nacht das alte Lied des Meeres und ging in der herben, frischen
Seeluft meinen Gedanken und Melodien nach. Von hier aus fand ich zum
erstenmal das Herz, an Gertrud nach München zu schreiben -- nicht an
die Frau Muoth, sondern an meine Freundin Gertrud, der ich von meiner
Musik und meinen Träumen erzählte. Vielleicht freut es sie, dachte
ich, und vielleicht kann ihr auch ein Trost und ein Freundesgruß nicht
schaden. Denn wider mein eigenes Herz mußte ich meinem Freunde Muoth
mißtrauen und immer um Gertrud in einer leisen Sorge sein. Ich kannte
ihn zu gut, den eigenwilligen Melancholiker, der gewohnt war, seinen
Launen zu leben und nirgends ein Opfer zu bringen, den dunkle Triebe
hinrissen und leiteten und der in nachdenklichen Stunden seinem eigenen
Leben zusah wie einem Trauerspiel. Wenn das wirklich eine Krankheit
war, das Einsamsein und Nichtverstandenwerden, wie es der gute Herr
Lohe mir dargestellt hatte, so litt Muoth an dieser Krankheit mehr als
irgend jemand.
Doch hörte ich nichts von ihm, Briefe schrieb er nicht. Auch Gertrud
antwortete mir nur mit einem kurzen Dank und der Aufforderung, zeitig
im Herbst nach München zu kommen, wo man gleich mit dem Anfang der
Spielzeit mit dem Einstudieren meiner Oper fortfahren werde.
Anfangs September, als wir alle wieder in der Stadt und im gewohnten
Leben waren, kamen wir einen Abend in meiner Wohnung zusammen, um
meine Arbeit vom Sommer durchzusehen. Die Hauptsache war ein kleines
lyrisches Stück für zwei Geigen und Klavier. Das spielten wir.
Brigitte Teiser saß am Klavier, ich konnte über mein Blatt hinweg
ihren Kopf mit dem schweren Kranz von blonden Zöpfen sehen, deren
Ränder im Kerzenlicht golden flammten. Ihr Bruder stand neben ihr und
spielte die erste Geige. Es war eine einfache, liedartige Musik, leise
klagend und sommerabendlich verklingend, nicht froh noch traurig,
sondern in verlorener Abendstimmung schwebend wie eine verglühende
Wolke nach Sonnenuntergang. Das Stücklein gefiel den Teisers und
besonders Brigitte. Sie pflegte mir selten etwas über meine Musik zu
sagen, sondern sich in einer Art von mädchenhafter Ehrfurcht still
zu verhalten und mich nur bewundernd anzusehen, denn sie hielt mich
für einen großen Meister. Heut faßte sie sich ein Herz und gab ihr
besonderes Gefallen kund. Sie glänzte mich aus ihren hellblauen Augen
innig an und nickte, daß das Licht auf ihren blonden Zöpfen tanzte. Sie
war sehr hübsch, beinahe eine Schönheit.
Um ihr eine Freude zu machen, nahm ich ihre Klavierstimme, schrieb mit
dem Bleistift über die Noten eine Widmung »an meine Freundin Brigitte
Teiser« und gab ihr die Noten zurück.
»Das soll jetzt immer über dem kleinen Lied stehen,« sagte ich galant
und machte ein Kompliment. Sie las die Widmung langsam rotwerdend,
streckte mir die kleine, kräftige Hand hin und hatte plötzlich die
Augen voll Tränen.
»Ist's auch Ihr Ernst?« fragte sie leise.
»Es wird schon sein,« lachte ich. »Und ich finde, das Stücklein paßt
ganz gut zu Ihnen, Fräulein Brigitte.«
Ihr Blick, der noch voll Tränen war, setzte mich in Erstaunen, so ernst
und frauenhaft war er. Doch achtete ich nicht weiter darauf, Teiser
legte jetzt seine Geige weg und meine Mutter, die seine Bedürfnisse
schon kannte, schenkte den Wein in die Gläser. Das Gespräch wurde
lebhaft, wir stritten über eine neue Operette, die vor einigen Wochen
aufgeführt worden war, und der kleine Vorfall mit Brigitte fiel mir
erst spät am Abend, als die beiden Abschied nahmen und sie mir seltsam
unruhig in die Augen sah, wieder ein.
In München begann man unterdessen mein Werk einzustudieren. Da die eine
Hauptrolle bei Muoth in den besten Händen war und Gertrud auch die
Sopransängerin gelobt hatte, wurde mir das Orchester und die Chöre zur
Hauptsache. Ich ließ meine Mutter in der Obhut der Freunde und fuhr
nach München.
Am Morgen nach meiner Ankunft fuhr ich durch die schönen, breiten
Straßen nach Schwabing und zu dem still gelegenen Hause, wo Muoth
wohnte. Die Oper hatte ich völlig vergessen, ich dachte nur an ihn und
an Gertrud und wie ich sie finden würde. Der Wagen hielt an einer fast
ländlichen Nebenstraße vor einem kleinen Hause, das in herbstlichen
Bäumen stand, gelbe Ahornblätter lagen zu beiden Seiten des Weges in
Haufen gefegt. Beklommen trat ich ein, das Haus machte einen behaglich
herrschaftlichen Eindruck, ein Diener nahm mir den Mantel ab.
In dem großen Zimmer, in das ich geführt wurde, erkannte ich zwei
von den großen, alten Malereien aus dem Hause Imthor, die hierher
mitgekommen waren. An einer andern Wand hing ein neues Bildnis Muoths,
in München gemalt, und während ich es ansah, kam Gertrud herein.
Mir schlug das Herz, als ich ihr nach so langer Zeit in die Augen sah.
Sie lächelte aus einem veränderten, strenger und reifer gewordenen
Frauengesicht, doch in der alten Freundschaft, und gab mir herzlich die
Hand.
»Geht es gut?« sagte sie freundlich. »Sie sind älter geworden, aber Sie
sehen gut aus. Wir haben Sie schon lang erwartet.«
Sie fragte nach allen Freunden, nach ihrem Vater, nach meiner Mutter,
und wie sie warm wurde und die erste Scheu vergaß, sah ich sie ganz
so wie früher. Unversehens verflog meine Befangenheit und ich sprach
mit ihr als mit einer guten Freundin, erzählte vom Sommer am Meer, von
meiner Arbeit, von Teisers und schließlich sogar von dem armen Fräulein
Schniebel.
»Nun,« rief sie, »und jetzt wird Ihre Oper gespielt! Sie werden sich
freuen.«
»Ja,« sagte ich, »aber am meisten freue ich mich doch darauf, Sie
wieder einmal singen zu hören.«
Sie nickte mir zu. »Darauf freu ich mich auch. Ich singe viel, aber
fast nur für mich allein. Wir wollen alle Ihre Lieder singen, sie
liegen immer zur Hand und werden bei mir nicht staubig. Bleiben Sie zu
Tische da, mein Mann muß bald kommen und kann Sie dann nachmittags zum
Dirigenten begleiten.«
Wir gingen nun in das Musikzimmer, ich setzte mich ans Klavier und
da sang sie meine Lieder von damals, daß ich still wurde und Mühe
hatte, heiter zu bleiben. Ihre Stimme war reifer und fester geworden,
aber sie flog noch so leicht und mühelos wie sonst und ging mir mit
der Erinnerung an die besten Tage meines Lebens zum Herzen, daß ich
wie verzaubert über den Tasten saß, und leise die alten Noten spielte
und für Augenblicke mit geschlossenen Augen lauschend Jetzt und Einst
nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Gehörte sie nicht zu mir und zu
meinem Leben? Waren wir nicht einander nahe wie Geschwister und eng
Befreundete? Freilich, mit Muoth hatte sie anders gesungen!
Plaudernd saßen wir noch eine Weile, froh und ohne daß wir einander
viel zu sagen hatten, denn wir spürten, daß es zwischen uns keiner
Auseinandersetzung bedurfte. Wie es ihr gehe und wie es zwischen ihr
und ihrem Manne stehe, darüber dachte ich jetzt nicht nach, das würde
ich später selber sehen können. Jedenfalls war sie nicht von ihrer
Bahn gewichen und ihrem Wesen nicht untreu geworden, und wenn es ihr
nicht gut ging und sie zu tragen hatte, so trug sie es nobel und
unverbittert.
Nach einer Stunde kam Heinrich, der schon von meinem Hiersein gehört
hatte. Er begann sofort von der Oper zu sprechen, die jedermann
wichtiger zu sein schien als mir selber. Ich fragte, wie es ihm in
München gefalle und gehe.
»Wie überall,« sagte er ernsthaft. »Das Publikum hat mich nicht gern,
weil es spürt, daß ich mir auch aus ihm nichts mache. Ich werde selten
gleich beim ersten Auftreten freundlich aufgenommen; ich muß jedesmal
die Leute erst fassen und mitreißen. So habe ich Erfolge, ohne beliebt
zu sein. Manchmal singe ich freilich auch miserabel, das muß ich selber
sagen. Nun, deine Oper wird ein Erfolg, darauf kannst du rechnen, für
dich und mich. Heute gehen wir zum Dirigenten, morgen laden wir die
Sopransängerin, und wen du sonst haben willst, ein. Morgen früh ist
auch eine Orchesterprobe. Ich glaube, du wirst zufrieden sein.«
Bei Tische konnte ich beobachten, daß er gegen Gertrud außerordentlich
höflich war, was mir gar nicht gefiel. Und so blieb es die ganze Zeit,
solange ich in München war und die beiden täglich sah. Sie waren ein
wundervolles Paar schöner Menschen und machten Eindruck, wohin sie
kamen. Doch war es zwischen ihnen kühl, und ich dachte mir, daß nur
Gertruds Stärke und innere Überlegenheit ihn vermöge, diese Kühle so
in Höflichkeit und würdige Form zu verwandeln. Sie schien aus ihrer
Leidenschaft für den schönen Mann noch nicht lange erwacht zu sein
und noch auf die Wiederkehr der verloren gegangenen Innigkeit zu
hoffen. Jedenfalls war sie es, die auch ihn zur guten Form nötigte.
Sie war zu vornehm und gut, um selbst vor Freunden die Enttäuschte
und Unverstandene zu spielen und ihr geheimes Leiden irgend jemand
zu zeigen, wenn sie es auch mir nicht verbergen konnte. Doch hätte
sie auch von mir keinen Blick und keine Gebärde des Verstehens oder
Mitleids ertragen, wir sprachen und taten durchaus als wäre ihre Ehe
ohne Trübung.
Wie lange sich dieser Zustand würde erhalten lassen, war freilich
zweifelhaft und hing ganz von Muoth ab, dessen Unberechenbarkeit ich
hier zum erstenmal von einer Frau gebändigt sah. Mir taten beide leid,
doch war ich nicht sehr verwundert, die Dinge so zu finden. Die beiden
hatten ihre Leidenschaft gehabt und genossen, nun mochten sie entweder
Entsagung lernen und die gute Zeit in wehmütiger Erinnerung tragen,
oder den Weg zu einem neuen Glück und einer neuen Liebe finden.
Vielleicht würde ein Kind sie wieder zusammenführen, nicht mehr in
den verlassenen Paradiesgarten der Liebesglut zurück, wohl aber zu
einem neuen, guten Willen, gemeinsam zu leben und sich ineinander zu
schicken. Dazu hatte Gertrud die Kraft und die innere Heiterkeit, das
wußte ich. Ob auch Heinrich sie finden würde, darüber mochte ich mir
keine Gedanken machen. So leid sie mir taten, daß der große, schöne
Sturm ihrer ersten Glut und Freude aneinander schon vorüber war, so
freute mich doch die gute Haltung beider, die immer noch nicht nur vor
den Leuten, sondern auch voreinander ihre Schönheit und Würde bewahrt
hatten.
Die Einladung, in Muoths Hause zu wohnen, mochte ich indessen nicht
annehmen, und er ließ mir meinen Willen. Ich war täglich dort und es
tat mir wohl zu sehen, daß Gertrud mich gerne kommen sah und sich am
Plaudern und Musizieren mit mir freute, so daß ich nicht allein der
Nehmende war.
Die Aufführung der Oper sollte nun bestimmt im Dezember stattfinden.
Ich blieb zwei Wochen da, nahm an allen Orchesterproben Teil, mußte da
und dort streichen und anpassen, sah aber das Werk in guten Händen.
Es war mir wunderlich, die Sänger und Sängerinnen, die Geiger und
Flötisten, Kapellmeister und Chor mit meiner Arbeit beschäftigt zu
sehen, die mir selber fremd geworden war und ein Leben atmete, das
nicht mehr meines war.
»Warte nur,« sagte Heinrich Muoth zuweilen, »jetzt bekommst du bald
die verfluchte Luft der Öffentlichkeit zu atmen. Fast möchte ich dir
wünschen, es möchte keinen Erfolg geben. Denn dann hast du die Meute
hinter dir, du wirst dann bald mit Locken und Autographen handeln
können und sehen, wie geschmackvoll und liebenswürdig die Anbetung der
Herde ist. Von deinem lahmen Bein spricht schon jetzt jedermann. So
etwas macht populär!«
Nach den notwendigsten Proben und Versuchen reiste ich wieder ab, um
erst einige Tage vor der Aufführung wieder zu kommen. Teiser fand kein
Ende mit Fragen über die Aufführung, er dachte an hundert Einzelheiten
im Orchester, die ich kaum beachtet hatte, und sah der Sache mit
größerer Aufregung und Unruhe entgegen als ich selber. Als ich ihn
einlud, samt seiner Schwester der Aufführung beizuwohnen, tat er einen
Freudensprung. Dagegen wollte meine Mutter die Winterreise und die
Aufregungen nicht teilen, und mir war es nicht unlieb. Allmählich
spürte ich die Spannung doch und brauchte abends ein Glas Rotwein, um
einschlafen zu können.
Es wurde früh Winter und unser Häuschen lag tief eingeschneit in
seinem Garten, als eines Morgens die Geschwister Teiser mich im Wagen
abholten. Die Mutter winkte vom Fenster nach, der Wagen fuhr ab und
Teiser sang aus seinem dicken Halstuche heraus ein Reiselied. Auf
der ganzen langen Eisenbahnfahrt war er wie ein Knabe, der in die
Weihnachtsferien fährt, und die hübsche Brigitte glühte in stillerem
Vergnügen mit. Ich war froh, ihre Gesellschaft zu haben, denn meine
Ruhe war nun dahin und ich ging den Ereignissen der nächsten Tage wie
ein Verurteilter entgegen.
Das merkte auch Muoth sofort, der uns am Bahnhof erwartete. »Du hast
Lampenfieber, Junge,« lachte er vergnügt. »Gott sei Dank dafür! Du bist
eben doch ein Musiker und kein Philosoph.«
Damit schien er recht zu haben, denn meine Erregung hielt bis zur
Aufführung an und ich habe in jenen Nächten nicht geschlafen. Von uns
allen war nur Muoth ruhig. Teiser brannte vor Unruhe, er kam zu jeder
Probe und fand kein Ende mit Kritisieren. Geduckt und lauernd saß er in
den Proben neben mir, schlug an heiklen Stellen den Takt laut mit der
Faust, lobte oder schüttelte den Kopf.
»Da fehlt ja eine Flöte!« rief er gleich bei der ersten Orchesterprobe
so laut, daß der Dirigent unwillig herüberschaute.
»Die haben wir streichen müssen,« sagte ich lächelnd.
»Die Flöte? Gestrichen? Ja warum denn? So eine Viecherei! Paß auf, die
verdudeln dir deine ganze Ouvertüre.«
Ich mußte lachen und ihn mit Gewalt zurückhalten, so wild ging er ins
Zeug. Aber bei seiner Lieblingsstelle in der Ouvertüre, wo Bratschen
und Celli einsetzten, lehnte er mit geschlossenen Augen zurück, drückte
meine Hand krampfhaft und flüsterte nachher beschämt: »Ja, das hat mir
fast nasse Augen gemacht. Sakrisch fein ist's.«
Die Sopranrolle hatte ich noch nicht singen hören. Nun war es mir
merkwürdig und wehmütig, sie zum erstenmal von einer fremden Stimme
zu vernehmen. Die Sängerin machte es gut und ich sagte ihr sogleich
meinen Dank, aber im Herzen dachte ich an die Nachmittage, da Gertrud
diese Worte gesungen hatte, und hatte ein Gefühl uneingestandenen
traurigen Mißbehagens, wie wenn man ein liebes Besitztum weggegeben hat
und nun zum erstenmal in fremden Händen sieht.
Gertrud sah ich in diesen Tagen wenig, sie beobachtete mein Fieber
lächelnd und ließ mich in Ruhe. Ich hatte mit den Teisers einen Besuch
bei ihr gemacht, da hatte sie Brigitte, die zu der schönen, vornehmen
Frau bewundernd aufsah, mit heiterer Zärtlichkeit aufgenommen. Seither
schwärmte das Mädchen für die schöne Frau und sang ihr Lob, in das auch
der Bruder einstimmte.
An die beiden Tage vor der Aufführung kann ich mich nicht mehr genau
erinnern, es war alles in mir durcheinander geraten. Dazu kamen andere
Aufregungen, ein Sänger wurde heiser, ein anderer war beleidigt, keine
größere Rolle zu haben, und benahm sich bei den letzten Proben sehr
übel, der Dirigent wurde immer gemessener und kälter, je mehr ich noch
zu sagen hatte. Muoth stand mir gelegentlich bei, lächelte seelenruhig
zu dem Tumult und war mir in dieser Lage mehr wert als der gute Teiser,
der wie ein Feuerteufel hin und wider fuhr und überall zu mäkeln
hatte. Brigitte sah mich ehrfurchtsvoll, doch auch mit einigem Bedauern
an, wenn wir in ruhigen Stunden gedrückt und ziemlich schweigsam im
Hotel beisammen saßen.
Nun, die Tage vergingen und es kam der Abend der Aufführung. Während
sich das Haus füllte, stand ich hinter der Bühne, ohne doch mehr
das Geringste tun oder raten zu können. Schließlich hielt ich mich
zu Muoth, der schon im Kostüm war und in einem Stübchen oder Winkel
abseits des Lärmens langsam eine halbe Flasche Champagner leerte.
»Willst du ein Glas?« fragte er teilnehmend.
»Nein,« sagte ich. »Regt dich denn das nicht auf?«
»Was? Der Spektakel draußen? Das ist immer so.«
»Ich meine den Sekt.«
»O nein, der macht mich ruhig. Ein Glas oder zwei nehme ich immer, wenn
ich etwas leisten will. Aber jetzt geh, es wird Zeit.«
Ich wurde von einem Diener in eine Loge gebracht, wo ich schon Gertrud
und beide Teisers sowie einen hohen Herrn von der Theaterleitung
antraf, der lächelnd grüßte.
Gleich darauf hörten wir das zweite Glockenzeichen. Gertrud schaute
mich freundlich an und nickte mir zu. Teiser, der hinter mir saß,
ergriff meinen Arm und kniff mich verzweifelt. Das Haus wurde dunkel
und aus der Tiefe stieg feierlich meine Ouvertüre zu mir herauf. Jetzt
wurde ich ruhiger.
Und jetzt erhob sich und erklang vor mir wohlbekannt und doch fremd
mein Werk, das meiner nimmer bedurfte und sein eigenes Leben hatte.
Lust und Mühe der vergangenen Tage, Hoffnungen und schlaflose Nächte,
Leidenschaft und Sehnsucht jener Zeit standen losgelöst und verkleidet
mir gegenüber, die Erregungen heimlicher Stunden klangen frei und
werbend in das Haus an tausend fremde Herzen. Muoth kam und hob mit
geschonter Kraft an, wuchs und gab sich her und sang mit seiner
dunklen, unwilligen Glut, und die Sängerin gab Antwort in hohen,
schwebenden, lichten Tönen. Da kam eine Stelle, die hatte ich noch
genau so im Ohr, wie ich sie von Gertrud einmal gehört hatte, und sie
war eine Huldigung für sie und ein leises Bekenntnis meiner Liebe
gewesen. Ich wandte den Blick und sah ihr in die stillen, reinen Augen,
die mich verstanden und freundlich grüßten, und in einem Augenblick
fühlte ich den ganzen Sinn meiner Jugend wie den feinen Duft einer
reifen Frucht mich berühren.
Von da an war ich ruhig und sah und hörte zu wie ein Gast. Beifall
klang herauf, die Sänger und Sängerinnen erschienen am Vorhang und
verneigten sich, Muoth wurde häufig gerufen und lächelte kühl ins
erleuchtete Haus hinab. Man drang auch in mich, daß ich mich zeigen
solle; doch war ich allzu benommen und hatte auch keine Lust, aus
meiner angenehmen Verborgenheit hervorzuhinken.
Teiser hingegen lachte wie eine Morgensonne, umarmte mich und
schüttelte auch dem hohen Herrn von der Theaterleitung unverlangt beide
Hände.
Das Bankett war bereit und hätte uns auch nach einem Mißerfolg
erwartet. Wir fuhren in Wagen hin, Gertrud mit ihrem Mann, ich mit
den Teisers. Auf der kurzen Fahrt begann Brigitte, die noch kein Wort
gesagt hatte, plötzlich zu weinen. Sie wehrte sich anfangs und wollte
widerstehen, hielt aber dann die Hände vors Gesicht und ließ die
Tränen laufen. Ich mochte nichts sagen und war verwundert, daß Teiser
gleichfalls schwieg und keine Frage an sie tat. Er legte nur den Arm um
sie und brummte wohlwollend und tröstend, wie man ein Kind beruhigt.
Als nachher das Händeschütteln und die Glückwünsche und Trinksprüche
kamen, blinzte Muoth mich sarkastisch an. Man fragte angelegentlich
nach meiner nächsten Arbeit und war enttäuscht als ich sagte, es sei
ein Oratorium. Dann stieß man auf meine nächste Oper an, die aber bis
heute nicht geschrieben ist.
Erst sehr spät in der Nacht, als wir uns losgemacht hatten und schlafen
gingen, konnte ich Teiser fragen, was seiner Schwester fehle und warum
sie geweint habe. Sie selber war längst zu Bett gegangen. Mein Freund
sah mich prüfend und etwas verwundert an, schüttelte den Kopf und
pfiff, bis ich meine Frage wiederholte.
»Du bist doch ein Huhn, ein blindes,« sagte er dann vorwurfsvoll. »Hast
du denn nie was gemerkt?«
»Nein,« sagte ich mit aufsteigender Ahnung der Wahrheit.
»Nun, ich darf es schon sagen. Das Mädel hat dich gern gehabt, schon
lang. Natürlich, sie hat mirs nie gesagt, so wenig wie dir, aber
gemerkt hab ich's und, offen gestanden, gefreut hätte mich's, wenn's
was geworden wär.«
»O weh!« sagte ich, aufrichtig traurig. »Aber was war nun das heut
abend?«
»Daß sie geheult hat? Du bist doch ein Kind! Ja meinst, wir hätten
nichts gesehen?«
»Was denn?«
»Lieber Gott! Du brauchst mir ja nichts davon zu sagen und es ist
recht, daß du's nie getan hast; aber dann hättest du auch die Frau
Muoth nicht so anschauen sollen. Jetzt wissen wir's eben.«
Ich bat ihn nicht, mein Geheimnis zu schonen, ich war seiner sicher.
Leise legte er mir seine Hand auf die Schulter.
»Ich kann mir jetzt auch allerlei denken, Freundl, was du in diesen
Jahren geschluckt und uns verschwiegen hast. Es ist mir früher auch
einmal ähnlich gegangen. Wir wollen jetzt brav zusammenhalten und
schöne Musik machen, gelt? Und schauen, daß das Mädel sich tröstet. Da,
gib mir die Hand, schön ist's gewesen! Und auf Wiedersehen daheim! Ich
fahr' mit dem Mädel morgen in der Frühe.«
Damit trennten wir uns, doch kam er nach wenigen Augenblicken noch
einmal zurückgelaufen und sagte eindringlich: »Du, bei der nächsten
Aufführung muß aber die Flöte wieder rein, gelt?«
So endete der Freudentag, und jeder von uns lag noch lange erregt in
Gedanken wach. Ich dachte an Brigitte. Die war nun alle diese Zeit in
meiner Nähe gewesen und ich hatte nichts als gute Kameradschaft mit
ihr gehabt und haben wollen, gerade wie Gertrud mit mir, und als sie
meine Liebe zu der andern erraten hatte, war es für sie dasselbe wie es
damals für mich gewesen war, als ich den Brief bei Muoth entdeckte und
den Revolver lud. Und so traurig es mich machte, mußte ich doch darüber
lächeln.
Die Tage, die ich noch in München blieb, brachte ich zumeist bei Muoths
hin. Es war kein Zusammensein mehr wie jene ersten Nachmittage, da
wir drei zuerst miteinander gespielt und gesungen hatten; aber es gab
doch im Nachglanz der Aufführung ein wortloses, gemeinsames Denken an
jene Zeit und ein gelegentliches Aufleuchten auch zwischen ihm und
Gertrud. Als ich Abschied genommen hatte, sah ich von draußen noch
eine Weile auf das stille Haus in den winterlichen Bäumen, hoffte dort
noch manchmal einzukehren und hätte gern mein bißchen Zufriedenheit
und Glück hingegeben, um den beiden drinnen von neuem und für immer
zueinander zu helfen.
Nach der Heimkehr empfing mich, wie Heinrich mir vorausgesagt hatte,
der Ruf des Erfolges mit vielen unangenehmen und zum Teil lächerlichen
Folgen. Die Geschäfte waren leicht abzuwälzen, indem ich die Oper einem
Agenten überließ. Aber es kamen auch Besuche, Zeitungsleute, Verleger,
törichte Briefe, und es dauerte einige Zeit, bis ich mich an die
kleinen Lasten eines rasch bekannt gewordenen Namens gewöhnte und mich
von der ersten Enttäuschung erholte. Die Menschen machen ihre Rechte
an einen bekannt gewordenen Namen auf merkwürdige Art geltend, da ist
kein Unterschied zwischen Wunderkind, Komponist, Dichter, Raubmörder.
Der eine will sein Bild haben, der andere seine Handschrift, der
dritte bettelt um Geld, jeder junge Kollege schickt seine Arbeiten
ein, schmeichelt gewaltig und bittet um ein Urteil, und antwortet man
nicht oder sagt man seine Meinung, so wird derselbe Verehrer plötzlich
bitter, grob und rachsüchtig. Die Zeitschriften wollen das Bild des
Mannes abdrucken, die Zeitungen erzählen von seinem Leben, seiner
Herkunft, seinem Aussehen. Schulkameraden bringen sich in Erinnerung
und entfernte Verwandte wollen schon vor Jahren gesagt haben, daß ihr
Vetter noch einmal berühmt werde.
Unter den Briefen dieser Art, die mich in Verlegenheit und Bedrängnis
brachten, war auch einer von Fräulein Schniebel, der uns belustigte,
und einer von jemand, an den ich lange nimmer gedacht hatte. Es war die
hübsche Liddy, die mir schrieb, jedoch ohne unserer Schlittenfahrt zu
erwähnen, sondern ganz im Tone einer alten treuen Freundin. Sie hatte
einen Musiklehrer in ihrer Heimat geheiratet und gab mir ihre Adresse,
damit ich recht bald alle meine Kompositionen mit einer hübschen
Widmung an sie schicken könne. Sie legte ihr Bildnis bei, das jedoch
die wohlbekannten Züge gealtert und vergröbert zeigte, und ich gab ihr
möglichst freundlich Antwort.
Doch gehören diese kleinen Dinge zum Untergesunkenen, das keine Spuren
läßt. Auch die guten und herrlichen Früchte meines Erfolges, die
Bekanntschaft mit edlen und feinen Menschen, die die Musik im Herzen
und nicht nur im Munde haben, gehören nicht zu meinem eigentlichen
Leben, das nach wie vor in der Stille blieb und sich seither wenig mehr
verändert hat. Es bleibt mir nur übrig zu erzählen, welche Wendung das
Schicksal meiner nächsten Freunde genommen hat.
Der alte Herr Imthor sah nicht mehr so viel Gesellschaft wie früher,
als Gertrud dagewesen war. Aber es gab in seinem Hause zwischen
den vielen Bildern alle drei Wochen einen Abend mit auserwählter
Kammermusik, den ich regelmäßig besuchte. Ich brachte zuweilen
auch Teiser dahin mit. Doch hielt Imthor darauf, daß ich ihn auch
sonst besuche. So kam ich manchmal früh am Abend, das war seine
Lieblingsstunde, zu ihm in sein einfaches Schreibzimmer, wo ein Bild
von Gertrud hing, und da es allmählich zwischen dem alten Herrn und mir
zu einem äußerlich kühlen, doch haltbaren Verständnis und Redebedürfnis
gekommen war, kam unser Gespräch nicht selten auf das, was uns beide
im Herzen am meisten beschäftigte. Ich mußte von München erzählen
und verschwieg nicht, welchen Eindruck ich vom Verhältnis der Gatten
bekommen hatte. Er nickte dazu.
»Es kann wohl noch alles gut werden«, sagte er seufzend, »aber wir
können nichts dazu tun. Ich freue mich auf den Sommer, da habe ich das
Kind zwei Monate für mich. In München besuche ich sie selten und nicht
gerne, sie hält sich auch so tapfer, daß ich sie nicht stören und weich
machen darf.«
Gertruds Briefe brachten nichts Neues. Als sie aber in der Zeit um
Ostern zu Besuch beim Alten war und auch uns in unserem Häuschen
besuchte, sah sie mager und gespannt aus, und so sehr sie mit uns
freundlich war und sich zu verstecken suchte, sahen wir doch oft in
ihren ernst gewordenen Augen eine ungewohnte Hoffnungslosigkeit stehen.
Ich mußte ihr meine neue Musik spielen, aber als ich sie bat uns etwas
zu singen, schüttelte sie den Kopf und sah mich abwehrend an.
»Ein andermal wieder«, sagte sie unsicher.
Wir sahen alle, daß es ihr nicht gut ging, und ihr Vater gestand mir
nachher, er habe ihr vorgeschlagen, ganz bei ihm zu bleiben, doch habe
sie es nicht angenommen.
»Sie liebt ihn«, sagte ich.
Er zuckte die Achseln und sah mich bekümmert an. »Ach, ich weiß nicht.
Wer will sich in dem Elend noch auskennen! Aber sie hat gesagt, es sei
seinetwegen, daß sie bei ihm bleibe, er sei so zerstört und unglücklich
und brauche sie mehr als er selber wisse. Ihr sage er nichts, aber es
stehe ihm im Gesicht geschrieben.«
Dann senkte der Alte die Stimme und sagte ganz leise und beschämt: »Sie
meint, er trinke.«
»Ein wenig hat er das immer getan«, sagte ich tröstend, »aber ich
habe ihn nie betrunken gesehen. Er hält auf sich. Er ist ein nervöser
Mensch, der sich nicht in der Zucht hat, aber an seinem Wesen selber
vielleicht mehr leidet als er andre leiden macht.«
Wie furchtbar die beiden schönen, herrlichen Menschen in der Stille
litten, wußten wir alle nicht. Ich glaube nicht, daß sie jemals
aufgehört haben einander zu lieben. Aber im Grunde ihres Wesens
gehörten sie nicht zusammen, sie fanden sich nur in Erregung und im
Glanz gesteigerter Stunden. Das heiter ernste Hinnehmen des Lebens,
das beruhigte Atmen in der Klarheit des eigenen Wesens hatte Muoth nie
gekannt, und Gertrud konnte sein Stürmen und Brüten, sein Fallen und
Wiederaufstehen, seinen ewigen Durst nach Selbstvergessen und Rausch
nur dulden und bemitleiden, nicht ändern und nicht mitleben. So liebten
sie einander und kamen doch nie ganz zusammen, und während er seine
stille Hoffnung betrogen sah, durch Gertrud zu Frieden und Genügen
zu kommen, mußte sie sehen und leiden, daß ihr Wille und ihr Opfer
vergebens war, und daß auch sie ihn nicht trösten und vor sich selbst
retten konnte. So war ihnen beiden der geheime Traum und sehnlichste
Wunsch zerstört, sie konnten nur mit Opfern und Schonung beisammen
bleiben, und es war tapfer, daß sie es taten.
Ich sah Heinrich erst im Sommer wieder, als er Gertrud zu ihrem Vater
brachte. Da war er mit ihr und mit mir zart und behutsam, wie ich
ihn nie gesehen hatte, und ich merkte wohl, wie er sie zu verlieren
fürchtete, und ich fühlte auch, daß er den Verlust nicht ertragen
würde. Sie aber war müde und verlangte nichts als Ruhe und stille Tage,
um sich wiederzufinden und wieder Kraft und Gleichmut zu gewinnen.
Wir brachten einen lauen Abend bei uns im Garten zu. Da saß Gertrud
zwischen meiner Mutter und Brigitte, deren Hand sie hielt, Heinrich
ging leise zwischen den Rosen hin und wider und ich spielte mit Teiser
auf der Terrasse eine Geigensonate. Wie da Gertrud stille ruhte und
den Frieden der Stunde atmete, und wie Brigitte verehrend sich an
die schöne leidende Frau schmiegte, und wie Muoth geneigt mit leisen
Schritten draußen im Schatten ging und horchte, das ist mir als ein
unverlierbares Bild in der Seele geblieben. Nachher sagte Heinrich
leise scherzend, aber mit traurigen Augen zu mir: »Wie da die drei
Frauen beieinander sitzen! Und glücklich sieht von allen dreien nur
deine Mutter aus. Wir wollen sehen, daß wir auch so alt werden.«
Dann reisten wir auseinander, Muoth allein nach Bayreuth, Gertrud
mit ihrem Vater in die Berge, die Teisers nach Steiermark und ich
mit meiner Mutter wieder an die Nordsee. Da ging ich oft am Strande
und hörte dem Meere zu und dachte nicht anders als ich es vor Jahren
in der ersten Jugend getan hatte, mit Verwunderung und Grauen an die
traurig närrischen Wirrnisse des Lebens, daß Liebe vergebens sein kann,
und daß Menschen, die es gut miteinander meinen, doch einer am andern
vorbei ihr Schicksal leben, jeder sein eigenes, unbegreifliches, und
wie jeder den andern helfen und nahe sein möchte und nicht kann, wie in
sinnlosen trüben Angstträumen. Und ich dachte oft auch wieder an Muoths
Worte über Jugend und Alter und war neugierig, ob auch mir einmal das
Leben einfach und klar werden würde. Meine Mutter lächelte dazu, wenn
ich im Gespräch daran rührte, und sah wirklich zufrieden aus. Und sie
erinnerte mich zu meiner Beschämung an meinen Freund Teiser, der noch
nicht alt war und doch alt genug, um seinen Teil erfahren zu haben, und
der als ein Kind mit einer Mozartmelodie auf den Lippen unbeschwert
dahin lebte. Es lag nicht am Alter, das sah ich wohl, und vielleicht
war unser Leid und Nichtwissen doch nur jene Krankheit, von der mir
einst Herr Lohe gesprochen hatte. Oder war auch dieser Weise eben ein
Kind wie Teiser?
Allein so oder so, mein Denken und Brüten änderte nichts. Wenn mir
Musik die Seele bewegte, dann verstand ich ohne Worte doch alles,
fühlte in der Tiefe alles Lebens reine Harmonien und glaubte zu wissen,
daß ein Sinn und schönes Gesetz in allem Geschehen verborgen sei. Wenn
es auch eine Täuschung war, ich lebte doch darin und war darin beglückt.
Vielleicht wäre es besser gewesen, Gertrud hätte sich für den Sommer
nicht von ihrem Mann getrennt. Sie begann zwar sich zu erholen und sah
wirklich im Herbst, als ich sie nach der Reise wiedersah, gesünder
und widerstandsfähiger aus. Aber die Hoffnungen, die wir auf diese
Kräftigung bauten, waren Täuschungen.
Gertrud hatte es nun einige Monate bei ihrem Vater gut gehabt, sie
hatte ihrem Bedürfnis nach Ruhe nachgeben können und sich diesem
stillen Zustand ohne tägliche Kämpfe aufatmend überlassen, wie sich ein
Ermüdeter dem Schlaf überläßt, sobald man ihn liegen läßt. Es zeigte
sich aber jetzt, daß sie tiefer erschöpft war als wir geglaubt und als
sie selber gewußt hatte. Denn jetzt, wo Muoth sie bald wieder abholen
sollte, verfiel sie in mutlose Angst, verlor den Schlaf und bat ihren
Vater flehentlich, sie noch einige Zeit bei sich zu behalten.
Natürlich war Imthor zwar etwas erschreckt, da er hatte glauben
müssen, sie freue sich darauf mit neuer Kraft und neuem Willen zu
Muoth zurückzukehren; doch widersprach er nicht und legte ihr sogar
vorsichtig den Gedanken an eine vorläufige längere Trennung als
Einleitung zu einer späteren Scheidung nahe. Allein dagegen wehrte sie
sich mit großer Erregung.
»Ich liebe ihn doch!« rief sie heftig, »und will ihm niemals untreu
werden. Es ist nur so schwer, mit ihm zu leben! Ich will nur noch ein
wenig Ruhe haben, ein paar Monate vielleicht, bis ich wieder besseren
Mut habe.«
Der alte Imthor suchte sie zu beruhigen und hatte selber gar nichts
dagegen, sein Kind noch eine Weile behalten zu dürfen. Er schrieb an
Muoth, Gertrud sei noch leidend und wünsche noch einige Zeit zu Hause
zu bleiben. Leider nahm dieser die Nachricht nicht leicht. In ihm war
während der Trennungszeit die Sehnsucht nach seiner Frau überstark
geworden, er hatte sich auf sie gefreut und war voll guter Vorsätze,
sie wieder ganz zu gewinnen und zu eigen zu bekommen.
Nun traf ihn Imthors Brief als eine schwere Enttäuschung. Er
schrieb sogleich leidenschaftlich zurück, voll Argwohn gegen den
Schwiegervater. Er glaubte, dieser habe gegen ihn gearbeitet, da er die
Trennung der Ehe wünsche, und verlangte eine sofortige Zusammenkunft
mit Gertrud, auf deren Wiedergewinnung er sicher hoffte. Der Alte
kam mit dem Briefe zu mir und wir überlegten lange, was zu tun sei.
Es schien uns beiden richtig, daß eine Zusammenkunft der Gatten im
Augenblick vermieden werde, da Gertrud offenbar jetzt keine Stürme
ertragen konnte. Imthor war voll Besorgnis und bat mich, selber zu
Muoth zu reisen und ihm zuzureden, er möge Gertrud für eine Weile in
Ruhe lassen. Ich weiß jetzt, daß ich das hätte tun sollen. Damals hatte
ich Bedenken und hielt es für gefährlich, meinen Freund wissen zu
lassen, daß ich der Vertraute seines Schwiegervaters und mit Dingen
seines Lebens bekannt sei, in die er mich nicht selber hatte einweihen
wollen. Ich weigerte mich denn und es blieb bei einem Brief des Alten,
der natürlich nichts besserte.
Vielmehr kam Muoth, ohne sich anzumelden, selber hergereist und
erschreckte uns alle durch die kaum gezügelte Leidenschaft seiner Liebe
und seines Argwohns. Gertrud, die von dem kurzen Briefwechsel nichts
wußte, war von dem Besuch des noch nicht Erwarteten und von seiner
fast zornigen Erregung völlig überrascht und benommen. Es gab einen
peinlichen Auftritt, von dem ich wenig erfahren konnte. Ich weiß nur:
Muoth drang in Gertrud, sie möge mit ihm nach München zurückkehren.
Sie erklärte sich bereit zu folgen, wenn es nicht anders sein könne,
bat aber, sie noch länger bei ihrem Vater zu lassen, sie sei müde und
brauche noch Ruhe. Nun warf er ihr vor, sie wolle sich ihm entziehen
und sei vom Vater aufgestiftet, wurde bei ihren sanften Erklärungen
noch mißtrauischer und war in seinem Anfall von Zorn und Bitterkeit so
töricht, ihr kurzerhand die Rückkehr zu ihm zu befehlen. Darauf empörte
sich ihr Stolz, sie blieb ruhig, weigerte sich aber, ihn weiter
anzuhören und erklärte nun auf alle Fälle hier zu bleiben. Auf diese
Szene war am nächsten Morgen eine Art von Versöhnung gefolgt und Muoth
hatte, beschämt und reuig, nun alle ihre Wünsche gebilligt. Dann war er
wieder abgereist, ohne bei mir vorgesprochen zu haben.
Als ich das hörte, erschrak ich und sah das Übel kommen, das ich von
Anfang an gefürchtet hatte. Auf den häßlichen und törichten Auftritt
hin, dachte ich mir, mochte es nun lange dauern, bis sie die Heiterkeit
und den Mut zur Rückkehr wiederfinden würde. Und er war inzwischen in
Gefahr, zu verwildern und ihr trotz aller Sehnsucht noch fremder zu
werden. Er würde, allein in dem Hause, in dem er eine Weile glücklich
gewesen war, es nicht lange aushalten, er würde verzweifeln, trinken,
vielleicht wieder andere Frauen nehmen, die ihm ohnehin nachliefen.
Indessen blieb es still, er schrieb an Gertrud und bat nochmals
um Verzeihung, sie gab ihm Antwort und mahnte voll Mitleid und
Freundlichkeit zur Geduld. Ich sah sie um diese Zeit wenig. Zuweilen
machte ich den Versuch, sie zum Singen zu bewegen, sie schüttelte aber
stets den Kopf. Doch traf ich sie mehrmals am Flügel.
Es war mir merkwürdig und unheimlich, die schöne stolze Frau, die ich
immer voll Kraft und Heiterkeit und innerer Ruhe gesehen hatte, nun
scheu und im Kern ihres Empfindens erschüttert zu finden. Manchmal kam
sie zu meiner Mutter, fragte freundlich nach unsrem Ergehen, saß neben
der alten Frau eine kleine Weile auf dem grauen Divan und versuchte zu
plaudern, und ich hörte mit brechendem Herzen zu und sah, wie sie Mühe
hatte, ein Lächeln aufzubringen. Der Schein wurde aufrecht erhalten,
als wisse weder ich noch irgend jemand von ihrem Leid oder als hielten
wir es nur für Nervosität und äußere Schwäche. So vermochte ich kaum
ihr in die Augen zu blicken, in denen der uneingestandene Jammer, von
dem ich nichts wissen sollte, so deutlich geschrieben stand. Und wir
sprachen und lebten und gingen aneinander vorbei, als wäre alles wie
immer, und schämten uns doch vor einander und wichen einander aus! und
mitten in dieser traurigen Wirrnis des Fühlens packte mich hie und da
mit plötzlicher Fieberglut die Vorstellung, daß ihr Herz ihrem Manne
nicht mehr gehöre und frei sei, und daß es nun an mir sei, sie nicht
abermals verloren gehen zu lassen, sondern sie für mich zu gewinnen
und vor allem Sturm und Leide an meinem Herzen zu bergen. Dann schloß
ich mich ein, spielte die heiße werbende Musik meiner Oper, die ich
plötzlich wieder liebte und verstand, lag glühende Nächte verlangend
und dürstend und litt alle lächelnd überwundene Qual der Jugend und
unerfüllbaren Begehrens noch einmal und nicht minder schwer als damals,
da ich zuerst für sie gebrannt und ihr jenen einzigen, unvergessenen
Kuß gegeben hatte. Der loderte mir wieder auf den Lippen und sengte die
Ruhe und Entsagung von Jahren in Stunden zu Asche.
Nur in Gertruds Gegenwart sank die Flamme in sich zusammen. Selbst
wenn ich töricht und unedel genug gewesen wäre, meinem Verlangen zu
folgen und ohne Rücksicht auf ihren Mann, der mein Freund war, um ihr
Herz zu werben, ich hätte unter den Blicken dieser leidenden, zarten,
eigensinnig in ihren Schmerz verbissenen Frau mich schämen müssen, ihr
anders als mit Mitleid und vorsichtiger Schonung entgegen zu kommen.
Auch wurde sie, je mehr sie litt und vielleicht an Hoffnung verlor,
desto stolzer und unnahbarer. Sie trug ihre hohe Gestalt und den
feinen, dunkelblonden Kopf so steil und nobel wie nie und erlaubte
keinem von uns durch die leiseste Geberde ihr nahe zu treten und
tragen zu helfen.
Diese langen schweigsamen Wochen sind vielleicht die schwersten in
meinem Leben gewesen. Hier Gertrud, mir nahe und doch unerreichbar, und
kein Weg zu ihr, die allein bleiben wollte; dort Brigitte, von deren
Liebe zu mir ich wußte und mit der nach längerem Vermeiden langsam
wieder ein erträglicher Umgang sich anspann; und zwischen uns allen
meine alte Mutter, die uns leiden sah und alles ahnte und sich nichts
zu sagen getraute, da ich selber hartnäckig schwieg und es nicht über
mich vermochte, ein Wort von meinem Zustande zu sagen. Das schlimmste
war aber dieses tödliche Zusehenmüssen, die hilflose Überzeugung, daß
meine nächsten Freunde sich zugrunde richteten, ohne daß ich nur merken
lassen durfte, ich wisse darum.
Am schwersten schien Gertruds Vater zu leiden. Seit ich ihn vor Jahren
als einen klugen, strammen, stillheiteren alten Herrn hatte kennen
lernen, war er älter geworden, anders geworden, sprach leiser und
unruhiger, machte keine Scherze mehr und sah sorgenvoll und elend aus.
Ich ging eines Tages im November zu ihm, mehr um Neues zu hören und
selber Hoffnung zu schöpfen, als ihm tröstliche Gesellschaft zu leisten.
Er empfing mich in seiner Schreibstube, gab mir eine von seinen
kostbaren Zigarren und begann die Unterhaltung in einem höflich
leichten Ton, der ihm Mühe machte und den er bald fallen ließ. Mit
betrübtem Lächeln sah er mich an und sagte: »Sie wollen fragen, wie
es geht? Schlecht, lieber Herr, schlecht. Das Kind hat wohl mehr
getragen als wir wissen, sonst fände sie sich besser zurecht. Ich bin
entschieden für eine Scheidung, aber sie will nichts davon hören. Sie
liebt ihn, wenigstens sagt sie es, und hat doch Furcht vor ihm! Das ist
nicht gut. Sie ist krank, das Kind, sie macht die Augen zu, will nichts
mehr sehen und meint, es müsse schon besser werden, wenn man nur warte
und sie in Ruhe lasse. Das ist ja nervös, natürlich, aber sie scheint
doch tiefer krank zu sein. Denken Sie, sie fürchtet manchmal sogar,
ihr Mann möchte sie mißhandeln, wenn sie wieder zu ihm ginge! Und doch
meint sie ihn zu lieben.«
Er schien sie nicht zu verstehen und sah den Dingen hilflos zu. Mir war
ihr Leiden wohl begreiflich, als ein Kampf zwischen Liebe und Stolz.
Sie fürchtete nicht, von ihm geschlagen zu werden; sie fürchtete,
ihn nicht mehr achten zu können, und in ihrem ängstlichen Warten
hoffte sie wieder Kraft zu finden. Sie hatte ihn beherrscht und im
Bann gehalten, sich dabei aber so erschöpft, daß sie ihrer Kraft dazu
nicht mehr traute; das war ihre Krankheit. Nun sehnte sie sich nach
ihm und fürchtete doch ihn ganz zu verlieren, wenn ein neuer Versuch
des Zusammenlebens nicht gelänge. Ich sah nun deutlich, wie unnütz und
verblendet meine frechen Liebesphantasien gewesen waren; Gertrud liebte
ihren Mann und würde nie mit einem andern gehen.
Der alte Imthor vermied es, über Muoth zu sprechen, da er mich ihm
befreundet wußte. Aber er haßte ihn und konnte nicht begreifen, wie
er Gertrud habe betören können, er dachte an ihn wie an einen bösen
Zauberer, der Unschuldige einfängt und nimmer hergibt. Nun, die
Leidenschaft ist immer ein Rätsel und unerklärbar, und leider ist es
gewiß, daß das Leben seine schönsten Kinder nicht schont und daß häufig
die herrlichsten Menschen gerade das lieben müssen, was sie zugrunde
richtet.
In dieser Trübe traf mich ein kurzer Brief von Muoth wie eine Erlösung.
Er schrieb: »Lieber Kuhn! Deine Oper wird ja jetzt überall gespielt,
vielleicht besser als hier. Es wäre trotzdem hübsch, wenn Du wieder
einmal kämest, zum Beispiel nächste Woche, wo ich Deine Rolle zweimal
singe. Du weißt, meine Frau ist krank und ich bin allein hier. Du
würdest also ungeniert bei mir wohnen. Bring aber niemand mit! Herzlich
Dein Muoth.«
Er schrieb so selten Briefe und so gar nie unnötige, daß ich sofort
entschlossen war zu reisen. Er mußte mich nötig haben. Einen Augenblick
hatte ich den Gedanken, es Gertrud mitzuteilen. Vielleicht war das die
rechte Gelegenheit den Bann zu brechen, vielleicht würde sie mir einen
Brief oder ein gutes Wort für ihn mitgeben, vielleicht ihn herbitten,
vielleicht sogar selber mitkommen. Es war nur ein Einfall, und ich
führte ihn nicht aus. Ich besuchte nur ihren Vater vor der Abreise.
Es war ein schlechter, nasser und stürmischer Spätherbst, von München
aus sah man zuweilen für eine Stunde die nahen Berge im jungen Schnee
liegen, die Stadt war trüb und verregnet. Ich fuhr sogleich nach Muoths
Hause. Da war alles wie vor einem Jahre, derselbe Diener, dieselben
Räume, dieselbe Stellung der Möbel, nur sah alles unbewohnt und leer
aus, auch fehlten die Blumen, für welche Gertrud sonst gesorgt hatte.
Muoth war nicht da, der Diener führte mich in mein Zimmer und half
mir auspacken; ich kleidete mich um und ging, da der Hausherr noch
ausblieb, in das Musikzimmer hinab, wo ich hinter den Doppelfenstern
die Bäume brausen hörte und Zeit hatte, an Vergangenes zu denken. Je
länger ich saß und die Bilder anschaute und in Büchern herumblätterte,
desto trauriger ward mir ums Herz, als sei diesem Hause nicht mehr
zu helfen. Unwillig setzte ich mich an den Flügel, um die nutzlosen
Gedanken los zu werden, und ich spielte mein Hochzeitspräludium, als
könne ich damit das gewesene Gute zurückrufen.
Endlich hörte ich rasche, schwere Tritte nebenan und Heinrich Muoth kam
herein. Er bot mir die Hand und sah mich ermüdet an.
»Verzeih,« sagte er, »ich hatte im Theater zu tun. Du weißt ja, ich
singe heut abend. Wir wollen jetzt essen, nicht?«
Er ging voran und ich fand ihn verändert, er war zerstreut und
gleichgültig, sprach nur vom Theater und schien kein andres Gespräch
zu wünschen. Erst nach Tische, als wir schweigsam und beinahe verlegen
in den gelben Rohrsesseln einander gegenüber saßen, fing er unerwartet
an: »Das ist schön von dir, daß du gekommen bist! Ich will mich auch
heut abend extra anstrengen.«
»Danke,« sagte ich. »Du siehst nicht gut aus.«
»Meinst du? Nun, wir wollen schon vergnügt sein. Ich bin ja
Strohwitwer, weißt du.«
»Ja.«
Er blickte zur Seite.
»Du weißt nichts von Gertrud?«
»Nichts besonderes. Sie ist eben immer noch nervös und schläft nicht
gut --«
»Ja, lassen wir's! Sie ist ja bei euch in guten Händen.«
Er stand auf und ging durchs Zimmer. Es schien, als ob er noch etwas
sagen wolle, er sah mich prüfend und, wie es mir vorkam, mißtrauisch an.
Dann lachte er und ließ es ungesagt.
»Die Lotte ist auch wieder aufgetaucht,« begann er von neuem.
»Die Lotte?«
»Ja, die damals bei dir war und mich verklagt hat. Sie ist hier und
verheiratet, und es scheint, sie interessiert sich noch für mich. Sie
war da und hat einen richtigen Besuch gemacht.«
Er sah mich wieder listig an und lachte, als er mich erschrecken sah.
»Hast du sie empfangen?« fragte ich zögernd.
»Ah, du traust es mir zu! Nein, Werter, ich habe sie fortschicken
lassen. Aber verzeih, ich rede dummes Zeug. Ich bin so verdammt müde,
und abends muß ich singen. Wenn du erlaubst, lege ich mich drüben für
eine Stunde hin und schlafe.«
»Gut, Heinrich, ruh dich aus, ich fahre ein wenig in die Stadt. Willst
du mir einen Wagen kommen lassen?«
Ich mochte nicht wieder stumm in diesem Hause sitzen und dem Wind in
den Bäumen zuhören. Ich fuhr in die Stadt, ohne Ziel, und geriet in die
alte Pinakothek. Dort schaute ich eine halbe Stunde lang bei dem trüben
grauen Licht die alten Bilder an, dann wurde geschlossen und ich wußte
nichts Besseres, als in einem Café die Zeitungen zu lesen und durch die
hohen Scheiben auf die verregnete Straße zu schauen. Ich nahm mir vor,
um jeden Preis diese Kühle zu durchbrechen und aufrichtig mit Heinrich
zu reden.
Aber als ich zurückkehrte, fand ich ihn lächelnd und wohlgelaunt.
»Es hat nur am Schlaf gefehlt,« sagte er munter. »Jetzt bin ich wieder
ganz frisch. Du mußt mir etwas spielen, gelt? Das Präludium, wenn du so
gut sein willst.«
Erfreut und erstaunt, ihn so rasch verändert zu sehen, tat ich ihm den
Willen, und nach dem Spielen plauderte er wie früher, mit Ironie und
leiser Skepsis, ließ seine Laune farbig spielen und gewann mein Herz
wieder ganz. Die erste Zeit unserer Freundschaft fiel mir ein, und als
wir abends das Haus verließen, schaute ich mich unwillkürlich um und
fragte: »Du hast keine Hunde mehr?«
»Nein. -- Gertrud mochte sie nicht.«
Wir fuhren nun schweigend ins Theater. Ich begrüßte den Kapellmeister
und ließ mir einen Platz anweisen. Wieder hörte ich die wohlbekannte
Musik, doch war alles anders als das letztemal. Ich saß allein in
meiner Loge, Gertrud war fort, und der da unten spielte und sang,
war auch ein anderer. Er sang mit Leidenschaft und Gewalt, das
Publikum schien ihn in dieser Rolle zu lieben und ging von Anfang an
lebhaft mit. Mir aber schien sein Feuer übertrieben und seine Stimme
gesteigert, beinahe roh. In der ersten Pause ging ich hinab und suchte
ihn auf. Da saß er wieder in seiner Kammer und trank Champagner, und
bei den paar Worten, die wir wechselten, waren seine Augen unstet,
wie die eines Angetrunkenen. Ich suchte nachher, während Muoth sich
umkleidete, den Kapellmeister auf.
»Sagen Sie,« bat ich ihn, »ist Muoth krank? Mir scheint, er hat sich
mit Champagner aufrecht gehalten. Sie wissen, er ist mein Freund.«
Der Mann sah mich zweifelnd an.
»Ob er krank ist, weiß ich nicht. Aber daß er sich kaput macht, ist ja
klar. Er ist manchmal fast betrunken auf die Bühne gekommen, und wenn
er einmal nicht trinkt, spielt er schlecht und singt miserabel. Er hat
schon früher immer vor dem Auftreten ein Glas Sekt genommen, aber jetzt
tut er's nicht unter einer ganzen Flasche. Wenn Sie ihm raten wollen --
-- es wird aber wenig zu machen sein. Der Muoth macht sich mit Gewalt
kaput.«
Muoth holte mich ab und wir nahmen im nächsten Wirtshaus ein
Abendessen. Er war wieder, wie am Mittag, abgespannt und unzugänglich,
trank ohne Maß von dem dunklen Rotwein, da er sonst nicht schlafen
könne, und sah aus, als wolle er um jeden Preis vergessen, daß es auf
der Welt noch andere Dinge als seine Müdigkeit und sein Schlafbedürfnis
gäbe.
Unterwegs im Wagen erwachte er für einen Augenblick, lachte mich an und
rief: »Junge, wenn ich nimmer da bin, kannst du deine Oper einsalzen,
die Rolle kann außer mir niemand singen.«
Andern Tages stand er spät auf und war dann müde und erschlafft, mit
unsicheren Augen und grauem Gesicht. Nach seinem Frühstück nahm ich ihn
vor und redete in ihn ein.
»Du bringst dich um,« sagte ich betrübt und unmutig. »Du machst dich
mit Champagner frisch und mußt es nachher natürlich büßen. Ich kann mir
denken, warum du es tust, und ich würde nichts dagegen sagen, wenn du
nicht eine Frau hättest. Der bist du schuldig, daß du dich außen und
innen sauber und tapfer hältst.«
»So?« lächelte er schwach und scheinbar durch meinen Eifer belustigt.
»Und was ist denn sie mir schuldig? Hält sie sich denn tapfer?
Sie sitzt beim Papa und läßt mich allein. Warum soll ich mich
zusammennehmen, wenn sie es nicht tut? Die Leute wissen ja schon, daß
es nichts mehr zwischen uns ist, und du weißt es auch. Nebenher soll
ich auch noch singen und den Leuten den Hanswurst machen, das geht
nicht aus dem Leeren und aus dem Ekel heraus, den ich an allem habe, an
der Kunst am meisten.«
»Du mußt trotzdem anders anfangen, Muoth! Wenn du noch glücklich dabei
wärst! Aber es geht dir ja miserabel. Wenn dir das Singen zu viel wird,
so nimm Urlaub, den kriegst du sofort; du hast ja auch das Geld, um
das du singst, gar nicht nötig. Geh in die Berge, oder ans Meer, oder
irgendwohin, und werde wieder gesund! Und laß doch das dumme Trinken!
Es ist nicht bloß dumm, es ist feig, das weißt du wohl.«
Er lächelte nur. »Gut,« sagte er kühl. »So geh doch du einmal und tanz
einen Walzer! Es würde dir gut tun, glaub mir! Denk doch nicht immer an
dein dummes Bein, das ist nur Einbildung!«
»Laß doch,« rief ich ungehalten. »Du weißt genau, daß das etwas anderes
ist. Ich würde sehr gern tanzen, wenn ich könnte, aber ich kann nicht.
Du aber könntest recht gut dich zusammennehmen und gescheiter sein. Das
Trinken mußt Du unbedingt lassen!«
»Unbedingt! Lieber Kuhn, ich möchte fast lachen. Ich kann so wenig
anders werden und das Trinken lassen als du tanzen kannst. Ich muß
bei dem bleiben, was mich noch notdürftig bei Leben und Laune erhält,
verstehst du? Trinker pflegen bekehrt zu werden, wenn sie bei der
Heilsarmee oder irgendwo etwas finden, was sie noch besser und
dauernder befriedigt. Es hat für mich so etwas gegeben, das sind die
Frauen gewesen. Mit andern Frauen kann ich mich nimmer einlassen, seit
die meine mein war und mich verlassen hat, also -- --«
»Sie hat dich nicht verlassen! Sie kommt wieder. Sie ist nur krank.«
»Das meinst du, und das meint sie selber, ich weiß. Aber sie kommt
nicht zurück. Wenn ein Schiff versinken soll, pflegen vorher die Ratten
es zu verlassen. Sie wissen wahrscheinlich auch nicht, daß das Schiff
kaput geht. Sie fühlen sich nur von einem unangenehmen Schauder berührt
und laufen fort, gewiß mit der guten Absicht, bald wiederzukommen.«
»Ach rede nicht so! Du bist schon oft am Leben verzweifelt und es ist
doch wieder gegangen.«
»Richtig. Es ist gegangen, weil ich einen Trost oder eine Betäubung
fand. Einmal war es eine Frau, einmal ein lieber Freund -- ja, du
hast mir den Dienst auch schon getan! -- ein andermal die Musik oder
das Klatschen im Theater. Nun, und jetzt freuen eben diese Sachen mich
nimmer, und darum trinke ich. Ich könnte nicht singen ohne ein paar
Gläser vorher, aber ich kann auch nicht denken und reden und leben
und mich erträglich fühlen -- ohne ein paar Gläser vorher. Und jetzt
kurz -- das Predigen mußt du lassen, so gut es dir steht. Es war schon
einmal so, vor zwölf Jahren ungefähr. Da hat mir auch einer gepredigt
und nicht nachgelassen, es war wegen eines Mädels, und zufällig war's
mein bester Freund -- --«
»Und dann?«
»Dann hat er mich genötigt, ihn hinauszuwerfen, und dann hatte ich
lange keinen Freund mehr, eigentlich bis du dann kamst.«
»Das ist deutlich.«
»Gelt?« sagte er milde. »Du hast nun die Wahl. Aber ich will dir sagen,
es wäre nicht schön, wenn du mir jetzt auch drausliefest. Ich habe dich
gern, du, und ich habe mir ausgedacht, daß du auch eine Freude haben
sollst.«
»So. Was denn?«
»Sieh, du hast ja meine Frau gern -- oder wenigstens gern gehabt, und
ich hab sie auch gern, sogar sehr. Nun wollen wir heut abend ein Fest
geben, nur für dich und mich, zu ihren Ehren. Nämlich, es ist ein Grund
dazu vorhanden. Ich habe sie malen lassen, sie mußte im Frühjahr immer
zu dem Maler hingehen, ich war oft dabei. Dann reiste sie fort, das
Bild war fast fertig. Der Maler wollte sie noch einmal sitzen haben,
aber jetzt habe ich das Warten satt bekommen und das Bild bestellt, wie
es halt ist. Das ist vor einer Woche gewesen, und jetzt ist ein Rahmen
drum und das Bild ist gestern ins Haus gekommen. Ich hätte dir's gleich
gezeigt, aber es ist besser, daß das festlich geschieht. Freilich, ohne
einigen Champagner wird es nicht gut gehen, wie soll ich sonst vergnügt
werden! Ist dir's recht?«
Ich fühlte hinter seinem Scherzen Rührung, ja Tränen verborgen und
stimmte munter ein, obwohl mir nicht so zumute war. Unser Fest zu Ehren
der Frau, die ihm so ganz verloren schien, wie sie es mir wirklich war,
wurde vorbereitet.
»Kannst du dich noch an ihre Blumen erinnern?« fragte er mich. »Ich
verstehe von Blumen nichts und weiß nicht, wie sie heißen. Sie hatte
immer solche weiß und gelbe, und auch rote. Weißt du nimmer?«
»Ja, einige weiß ich noch. Warum?«
»Du mußt sie kaufen. Laß einen Wagen kommen, ich muß ohnehin auch in
die Stadt. Wir wollen es so machen, wie wenn sie da wäre.«
So fiel ihm noch manches ein, woran ich sah, wie tief und unablässig
er an Gertrud gedacht hatte. Es tat mir wohl und weh, es zu merken.
Ihretwegen hielt er keine Hunde mehr und lebte einsam, der sonst nie
lang ohne Frauen hatte sein können. Er hatte ihr Bild bestellt, er
hieß mich ihre Blumen kaufen! Das war als nehme er eine Maske ab und
ich sähe hinter den harten selbstsüchtigen Zügen ein Kindergesicht
versteckt.
»Aber,« wandte ich noch ein, »wir sollten das Bild doch lieber jetzt
ansehen oder am Nachmittag. Bilder muß man doch bei Tageslicht sehen.«
»Ach was, du kannst es ja morgen noch lang genug anschauen. Es ist ja
hoffentlich eine gute Malerei, aber im Grund ist uns das doch ganz
einerlei, wir wollen doch bloß sie sehen.«
Nach Tische fuhren wir in die Stadt und kauften ein, vor allem die
Blumen, einen großen Strauß Chrysanthemen, einen Korb Rosen und ein
paar Büsche weißen Flieder. Dabei fiel es ihm ein, auch eine große
Sendung Blumen an Gertrud nach R. schicken zu lassen.
»Es ist doch etwas Schönes um Blumen,« sagte er nachdenklich. »Ich
begreife, daß Gertrud sie gern hat. Sie gefallen mir auch, nur kann ich
keine Sorgfalt für so etwas aufbringen. Wenn keine Frau danach sah, war
es bei mir immer unordentlich und nicht recht behaglich.«
Am Abend fand ich im Musikzimmer das neue Bild aufgestellt und mit
einem Seidentuche verhängt. Wir hatten festlich getafelt und Muoth
begehrte nun zuerst das Hochzeitspräludium zu hören. Nachdem ich es
gespielt hatte, enthüllte er das Bild, und wir standen eine Weile
schweigend davor. Gertrud war in einem hellen sommerlichen Kleide
gemalt, in ganzer Figur, und blickte uns aus den klaren Augen
vertraulich an, und es dauerte eine Zeit, ehe wir einander ansehen und
die Hände geben konnten. Muoth schenkte zwei Gläser voll Rheinwein,
nickte dem Bilde zu, und wir tranken auf sie, an die wir beide dachten.
Dann nahm er das Bild sorglich in die Arme und trug es hinaus.
Ich bat ihn, etwas zu singen, doch wollte er nicht.
»Weißt du noch,« sagte er lächelnd, »wie wir damals vor meiner Hochzeit
einen Abend beieinander saßen? Jetzt bin ich ja wieder Junggesell und
wir wollen noch einmal versuchen, mit den Gläsern zu läuten und ein
bißchen vergnügt zu sein. Dein Teiser sollte dabei sein, der versteht
sich auf die Fröhlichkeit besser als ich und du. Du mußt ihn schön
grüßen, wenn du wieder heimkommst. Er kann mich ja nicht leiden, aber
trotzdem -- --.«
Mit der vorsichtigen, gehaltenen Heiterkeit, mit der er immer seine
guten Stunden gekostet hatte, begann er zu plaudern und mich an
Vergangenes zu erinnern, und ich war erstaunt, wie alles, auch Kleines
und Zufälliges, was ich bei ihm längst vergessen glaubte, unverloren
in seiner Erinnerung lebte. Auch den allerersten Abend, den ich bei
ihm und Marion mit Kranzl und den andern zugebracht hatte, und unsern
damaligen Streit hatte er nicht vergessen. Nur von Gertrud sprach
er nicht; die Zeit, seit der sie zwischen uns getreten war, ließ er
unberührt, und mir war es lieb.
Ich freute mich über diese unerwartet schönen Stunden, ließ ihn auch
dem guten Wein reichlich zusprechen, ohne ihn zu mahnen. Ich wußte, wie
selten solche Stimmungen bei ihm waren, wie er sie selber hütete und
hegte, wenn sie einmal kamen, und sie kamen freilich nie ohne Wein. Ich
wußte auch, daß das nicht lange dauern konnte, daß er morgen wieder
verdrossen und unzugänglich sein werde; dennoch kam auch in mir eine
herzliche Wärme und beinahe fröhliche Stimmung auf, indessen ich seinen
gescheiten, nachdenklichen, wenn auch widerspruchsvollen Betrachtungen
zuhörte. Dabei warf er mir zuweilen einen seiner schönen Blicke zu,
die er nur in solchen Stunden hatte und die wie die Blicke eines eben
Erwachenden mitten aus einem Traum zu kommen schienen.
Einmal, als er schwieg und sann, begann ich ihm zu erzählen, was mein
Theosoph mir über die Krankheit des Einsamseins gesagt hatte.
»So?« sagte er gutmütig. »Und du hast es natürlich geglaubt? Du hättest
überhaupt Theolog werden sollen.«
»Warum? Es kann doch was daran sein.«
»Natürlich. Die gescheiten Herren weisen immer von Zeit zu Zeit nach,
daß alles nur Einbildung sei. Weißt du, ich habe früher oft solche
Bücher gelesen, und ich kann dir sagen, es ist nichts damit, absolut
nichts. Alles, was diese Philosophen schreiben, ist nur eine Spielerei,
vielleicht trösten sie sich selber damit. Der eine erfindet den
Individualismus, weil er seine Zeitgenossen nicht leiden mag, und der
andere den Sozialismus, weil er es allein nicht aushält. Es kann ja
sein, daß unser Einsamkeitsgefühl eine Krankheit ist. Nur wird damit
nichts anders. Das Nachtwandeln ist auch eine Krankheit, deswegen
steht so ein Kerl doch tatsächlich in der Dachrinne, und wenn man ihn
anschreit, bricht er das Genick.«
»Nun, das ist doch etwas anderes.«
»Meinetwegen, ich will nicht recht haben. Ich meine nur, mit der
Weisheit kommt man zu nichts. Es gibt nur zwei Weisheiten, alles
zwischen drin ist Geschwätz.«
»Was für zwei Weisheiten meinst du?«
»Nun, entweder ist die Welt schlecht und lumpig, wie es die Buddhisten
und Christen sagen. Dann muß man sich kasteien, auf alles verzichten,
und ich glaube, man kann dabei ganz zufrieden werden. Asketen haben
kein so schweres Leben, wie man meint. Oder aber ist die Welt und das
Leben gut und recht, dann kann man nur eben mitmachen und nachher
ruhig sterben, weil es dann fertig ist..«
»Und an was glaubst du selber?«
»Das muß man niemand fragen. Die meisten Leute glauben beides, je
nachdem das Wetter ist und sie gesund sind und Geld im Sack haben oder
nicht. Und die, die wirklich glauben, leben nicht danach. So ist es bei
mir auch. Ich glaube nämlich wie Buddha, daß das Leben nichts wert ist.
Aber ich lebe doch, wie es meinen Sinnen wohl tut und wie wenn die die
Hauptsache wären. Wenn es nur vergnüglicher wäre!«
Es war noch nicht spät, als wir ein Ende machten. Als wir durch das
Nebenzimmer gingen, wo nur eine einsame elektrische Lampe glühte,
hielt Muoth mich am Arm zurück, entzündete alle Lichter und nahm den
Vorhang von Gertruds Bild, das da lehnte. Wir blickten noch einmal
in das liebe, klare Gesicht, dann deckte er das Tuch darüber und
löschte. Er begleitete mich in mein Zimmer und legte mir noch ein paar
Zeitschriften auf den Tisch, falls ich lesen wolle. Dann gab er mir die
Hand und sagte leise: »Gute Nacht, Lieber!«
Ich ging zu Bett und lag noch eine halbe Stunde wach, in Gedanken an
ihn. Es hatte mich gerührt und beschämt zu hören, wie treulich er
sich aller kleinen Erlebnisse unserer Freundschaft erinnerte. Er, dem
es schwer fiel Freundschaft zu zeigen, hing an denen, die er liebte,
inniger als ich gedacht hatte.
Danach schlief ich ein und träumte durcheinander von Muoth, von meiner
Oper und vom Herrn Lohe. Als ich erwachte, war es noch Nacht. Ich war
an einem Schrecken erwacht, der nichts mit meinen Träumen zu tun hatte,
sah mattgrau das bleiche Viereck des Fensters dämmern und fühlte eine
quälende Beklemmung, richtete mich im Bette auf und versuchte vollends
wach und klar zu werden.
Da geschahen rasche, kräftige Schläge an meine Tür, ich sprang auf und
öffnete, es war kalt und ich hatte noch kein Licht gemacht. Draußen
stand der Diener, nur notdürftig angekleidet, und starrte mich aus
erschreckten, dummen Augen ängstlich an.
»Kommen Sie!« flüsterte er keuchend. »Kommen Sie! Es ist ein Unglück
geschehen.«
Ich zog nur einen Schlafrock an, der eben da hing, und folgte dem
jungen Manne die Treppe hinab. Er öffnete eine Türe, trat zurück
und ließ mich eintreten. Da stand auf einem kleinen Rohrtische
ein Leuchter, in dem drei dicke Kerzen brannten, und daneben ein
zerwühltes Bett, und darin sah ich, auf dem Gesichte liegend, meinen
Freund Muoth.
»Wir müssen ihn umdrehen,« sagte ich leise.
Der Diener traute sich nicht recht heran.
»Der Arzt muß gleich kommen,« sagte er stotternd.
Aber ich zwang ihn anzufassen und wir wendeten den Liegenden um, und
ich sah meinem Freunde in das Gesicht, das war weiß und verzogen, und
sein Hemd war voll Blut, und als wir ihn legten und wieder zudeckten,
zuckte sein Mund ganz leicht, und die Augen hatten keinen Blick mehr.
Der Diener fing jetzt eifrig an zu erzählen, aber ich wollte
nichts wissen. Als der Arzt kam, war Muoth schon tot. In der Frühe
telegraphierte ich an Imthor, dann kehrte ich in das stille Haus
zurück, saß am Bett des Toten, hörte den Wind draußen in den Bäumen
gehen und wußte erst jetzt genau, wie lieb ich diesen armen Menschen
gehabt hatte. Bedauern konnte ich ihn nicht, sein Sterben war leichter
gewesen als sein Leben.
Am Abend stand ich am Bahnhof und sah den alten Imthor aus dem Zuge
steigen, und hinter ihm eine hohe, schwarz gekleidete Frau, und führte
sie hinaus zu dem Toten, der nun angekleidet und aufgebahrt lag,
zwischen den Blumen von gestern. Da bückte sich Gertrud und küßte ihn
auf den blassen Mund.
Als wir an seinem Grabe standen, sah ich eine hübsche, große Frau mit
verweintem Gesicht, die Rosen in den Händen hatte und allein stand,
und als ich neugierig hinschaute, war es Lotte. Sie nickte mir zu,
und ich lächelte. Gertrud aber hatte nicht geweint, sie schaute aus
einem bleichen schmalen Gesicht überwach und streng vor sich in den
leisen Regen, der im Wind versprühte, und hielt sich gerade wie ein
junger Baum, als stünde sie auf unerschütterten Wurzeln. Es war aber
nur Notwehr, und zwei Tage später, als sie zu Hause Muoths Blumen
auspackte, die unterdessen angekommen waren, brach sie zusammen und
blieb eine lange Zeit für uns alle unsichtbar.
Auch in mir kam die Betrübnis erst spät zu ihrem Recht. Und wie es
immer geht, es fielen mir unzählige Gelegenheiten ein, bei denen ich
meinem toten Freunde Unrecht getan hatte. Nun, das Schlimmste hatte er
sich selber angetan, und nicht erst mit seinem Tode. Ich dachte viel
über diese Dinge nach und konnte nicht finden, daß in diesem Schicksal
etwas unklar und unbegreiflich wäre, doch war alles darin grausam und
höhnisch. Es war mit meinem eigenen Leben nicht anders, und mit dem
Leben Gertruds und Vieler. Das Schicksal war nicht gut, das Leben war
launisch und grausam, es gab in der Natur keine Güte und Vernunft.
Aber es gibt Güte und Vernunft in uns, in uns Menschen, mit denen der
Zufall spielt, und wir können stärker sein als die Natur und als das
Schicksal, sei es auch nur für Stunden. Und wir können einander nahe
sein, wenn es not tut, und einander in verstehende Augen sehen, und
können einander lieben und einander zum Trost leben.
Und manchmal, wenn die finstere Tiefe schweigt, können wir noch mehr.
Da können wir für Augenblicke Götter sein, befehlende Hände ausstrecken
und Dinge schaffen, die vordem nicht waren und die, wenn sie geschaffen
sind, ohne uns weiter leben. Wir können aus Tönen und aus Worten und
aus andern gebrechlichen wertlosen Dingen Spielwerke erbauen, Weisen
und Lieder voll Sinn und Trost und Güte, schöner und unvergänglicher
als die grellen Spiele des Zufalls und Schicksals. Wir können Gott im
Herzen tragen, und zu Zeiten, wenn wir seiner innig voll sind, kann
er aus unsern Augen und aus unsern Worten schauen und auch zu andern
reden, die ihn nicht kennen oder kennen wollen. Wir können unser Herz
dem Leben nicht entziehen, aber wir können es so bilden und lehren,
daß es dem Zufall überlegen ist und auch dem Schmerzlichen ungebrochen
zuschauen kann.
So habe ich in den Jahren, seit Heinrich Muoth begraben ist, ihn mir
tausendmal wieder lebendig gemacht und klüger und liebreicher mit ihm
reden können als je im Leben. Und ich sah, als die Zeit da war, meine
alte Mutter sich legen und sterben, und sah auch die schöne, lustige
Brigitte Teiser sterben, die nach Jahren des Wartens und Verheilens
einen Musiker geheiratet und das erste Kindbett nicht überlebt hat.
Gertrud hat ihren Schmerz überwunden, der sie damals überfiel, da
unsre Blumen als Gruß und Werbung eines Toten zu ihr kamen. Ich rede
nicht oft mit ihr darüber, obwohl ich sie jeden Tag sehe. Aber ich
glaube, sie blickt in ihren Frühling wie in ein fernes, in ehemaligen
Reisetagen gesehenes Tal zurück und nicht wie in einen verlorenen
Garten Eden. Sie hat ihre Kraft und Heiterkeit wiedergefunden, sie
singt auch wieder. Doch hat sie seit dem kalten Kuß auf des Toten
Lippen keinen Mann wieder geküßt. Einmal, zweimal im Gang der Jahre, da
ihr Wesen gesundet war und in der alten herben Blüte duftete, gingen
meine Gedanken den alten verbotenen Weg ihr nach und dachten: warum
nicht? Heimlich wußte ich aber die Antwort schon, und daß an meinem und
ihrem Leben nichts mehr zu korrigieren war. Sie ist mein Freund, und
wenn ich nach unruhig einsamen Zeiten aus meiner Stille hervortrete und
ein Lied oder eine Sonate habe, gehört es zuerst uns beiden. Muoth hat
recht gehabt, man ist beim Altwerden zufriedener als in der Jugendzeit,
die ich darum nicht schmähen will, denn sie klingt mir dennoch in allen
Träumen wie ein herrliches Lied herüber, und klingt heute reiner und
lauterer gestimmt, als da sie noch Wirklichkeit gewesen ist.
Ende.
Druck von Hesse & Becker in Leipzig
Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik Niefern bei Pforzheim
Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig