Rößler nickte kurz. »Freut mich. Was wünschen Sie?«

»Nun,« rief Muoth, »das ist der Geiger.«

Der Kapellmeister sah mich erstaunt an, wandte sich wieder zu dem

Sänger und meinte grob: »Davon haben Sie mir nichts gesagt, daß der

Herr lahm ist. Ich muß Leute mit geraden Gliedern haben.«

Mir stieg das Blut ins Gesicht, aber Muoth blieb ruhig. Er lachte nur.

»Soll er denn tanzen, Rößler? Ich meinte, er solle geigen. Wenn er das

nicht kann, so müssen wir ihn wieder schicken. Aber das wollen wir doch

zuerst probieren.«

»Also meinetwegen, Leute. Herr Kuhn, kommen Sie morgen früh zu mir, so

nach neune! Hier in die Wohnung. Sind Sie bös, wegen dem Fuß? Ja, das

hätt' mir der Muoth auch vorher sagen können. Na, wir werden sehen. Auf

Wiederschauen.«

Im Weggehen machte ich Muoth Vorwürfe deswegen. Er zuckte die Achseln

und meinte, wenn er gleich anfangs von meinem Gebrechen gesprochen

hätte, würde der Kapellmeister schwerlich zugestimmt haben; nun aber

sei ich einmal da und, wenn Rößler halbwegs mit mir zufrieden sei,

werde ich ihn bald von besseren Seiten kennen lernen.

»Aber wie haben Sie mich überhaupt empfehlen können,« fragte ich, »Sie

wissen ja gar nicht, ob ich was kann.«

»Ja, das ist Ihre Sache. Ich dachte mir, es werde schon gehen, und es

wird auch. Sie sind ein so bescheidenes Kaninchen, daß Sie es nie zu

etwas bringen würden, wenn man Ihnen nicht zuzeiten einen Stoß gäbe.

Das war einer, nun taumeln Sie weiter! Angst brauchen Sie nicht zu

haben. Ihr Vorgänger hat nicht viel getaugt.«

Wir brachten den Abend in seiner Wohnung zu. Auch hier hatte er einige

Zimmer weit draußen gemietet, in Gärten und Stille, und sein gewaltiger

Hund sprang ihm entgegen, und kaum saßen wir und wurden warm, so ging

die Glocke und es kam eine sehr schöne, hoch gewachsene Dame und

leistete uns Gesellschaft. Es war dieselbe Atmosphäre wie damals, und

seine Geliebte war wieder eine tadelfreie, fürstliche Figur. Er schien

die schönen Frauen mit großer Selbstverständlichkeit zu verbrauchen,

und ich sah diese neue mit Teilnahme und mit der Befangenheit an,

die ich in der Nähe von liebefähigen Frauen stets empfand und die

wohl nicht ohne Neid war, da ich mit meinem lahmen Beine immer noch

hoffnungslos und ungeliebt einherging.

Wie früher ward auch diesmal bei Muoth gut und viel getrunken, er

tyrannisierte uns mit seiner gewalttätigen, heimlich schwülen

Lustigkeit, und riß uns doch hin. Er sang wundervoll, und er sang auch

ein Lied von mir, und wir drei befreundeten uns, wurden warm und kamen

uns nahe, sahen einander in unverhüllte Augen und blieben beisammen,

solange die Wärme in uns brannte. Die große Frau, die Lotte hieß, zog

mich mit sanfter Freundlichkeit an. Es war nun nicht mehr das erstemal,

daß eine schöne und liebende Frau mir mit Mitleid und merkwürdigem

Vertrauen entgegenkam, und es tat mir auch diesmal so wohl wie weh,

doch kannte ich diese Melodie nun schon ein wenig und nahm sie nicht zu

ernsthaft. Es ist mir noch manchmal begegnet, daß eine verliebte Frau

mich besonderer Freundschaft würdigte. Sie hielten mich alle wie der

Liebe so der Eifersucht für unfähig, dazu kam das leidige Mitleid, und

so vertrauten sie mir in halb mütterlicher Freundschaft.

Leider hatte ich in solchen Verhältnissen noch keine Übung und konnte

einem Liebesglück noch nicht aus der Nähe zusehen, ohne ein wenig an

mich selber zu denken, und daß ich eigentlich auch gerne einmal so

etwas erlebt hätte. Das beschnitt mir die Freude einigermaßen, doch

war es ein guter Abend bei der hingegebenen schönen Frau und dem

dunkelglühenden, kraftvollen und schroffen Manne, der mich lieb hatte

und für mich sorgte und mir doch seine Liebe nicht anders zeigen konnte

als er sie den Frauen zeigte, gewalttätig und launisch.

Als wir mit dem letzten Becher vor dem Abschied anstießen, nickte er

mir zu und sagte: »Eigentlich sollte ich Ihnen jetzt Brüderschaft

anbieten, gelt? Ich täte es auch gern. Aber wir wollen es lassen, es

geht auch so. Früher, wissen Sie, hab ich jedem, der mir gefiel, gleich

du gesagt, aber das tut nicht gut, am wenigsten unter Kollegen. Ich

habe noch mit allen Händel gekriegt.«

Diesmal hatte ich nicht das bittersüße Glück, die Geliebte meines

Freundes nach Hause begleiten zu dürfen, sie blieb da, und es war mir

lieber so. Die Reise, der Besuch beim Kapellmeister, die Spannung auf

morgen, der neue Verkehr mit Muoth, alles hatte mir gut getan. Ich sah

erst jetzt, wie vergessen und verblödet und menschenfremd ich während

des langen, einsam verwarteten Jahres geworden war, und fühlte mich mit

Behagen und wohliger Spannung endlich wieder erregt und tätig unter

Menschen, der Welt wieder angehörig.

Zeitig am nächsten Morgen fand ich mich beim Kapellmeister Rößler

ein. Ich fand ihn im Schlafrock und unfrisiert, doch hieß er mich

willkommen und forderte mich, freundlicher als gestern, zum Spielen

auf, indem er mir geschriebene Noten vorlegte und sich ans Klavier

setzte. Ich spielte möglichst tapfer, doch machte mir das Lesen der

schlecht geschriebenen Noten einige Mühe. Als wir fertig waren, legte

er schweigend ein anderes Blatt auf, das ich ohne Begleitung spielen

sollte, und dann ein drittes.

»Es ist gut«, sagte er. »An das Notenlesen müssen Sie sich noch mehr

gewöhnen, sie sind nicht immer wie gestochen. Kommen Sie heut abend ins

Theater, ich mache Platz, dann können Sie ihre Stimme neben dem anderen

spielen, der den Platz einstweilen zur Not versah. Es wird ein wenig

eng hergehen. Sehen Sie sich die Noten vorher gut an, Probe ist heut

keine. Ich gebe Ihnen einen Zettel mit, damit gehen Sie nach elf Uhr

ins Theater und holen sich die Noten.«

Ich wußte noch nicht recht, wo ich dran sei, sah aber, daß dieser Mann

das Fragen nicht liebe, und ging. Im Theater wollte niemand von den

Noten wissen und mich hören, ich war an das Getriebe dort noch nicht

gewöhnt und kam aus der Fassung. Dann sandte ich einen Eilboten an

Muoth, er kam, und sogleich ging alles prächtig. Und am Abend spielte

ich zum erstenmal im Theater, wo ich mich vom Kapellmeister scharf

beobachtet sah. Andern Tages erhielt ich die Anstellung.

So wunderlich ist der Mensch, daß ich mitten im neuen Leben und

erfüllten Wünschen manchmal merkwürdig von einem flüchtigen, nur leise

und unter Schleiern empfundenen Heimweh nach Einsamkeit, ja Langeweile

und Leere der Tage befallen wurde. Dann erschien mir die vergangene

Zeit in der Heimatstadt, deren trister Ereignislosigkeit ich so dankbar

entronnen war, wie etwas Ersehnenswertes, namentlich aber dachte ich an

die Wochen im Gebirge vor zwei Jahren mit wahrem Heimweh. Ich glaubte

zu fühlen, daß ich nicht zu Wohlergehen und Glück bestimmt sei, sondern

zu Schwäche und Unterliegen im Leben, und daß ohne diese Schatten und

Opfer mir der Quell des Schaffens trüber und ärmer fließen müsse.

Wirklich war zunächst von stillen Stunden und von schöpferischer Arbeit

keine Rede. Und während es mir wohl ging und ich ein reiches Leben

führte, meinte ich in der Tiefe immer den verschütteten Born leise

rauschen und klagen zu hören.

Das Geigen im Orchester machte mir Freude, ich saß viel über Partituren

und tastete mit Verlangen vorwärts in diese Welt hinein. Langsam lernte

ich, was ich nur theoretisch und aus der Ferne gekannt hatte, die Art

und Farbe und Bedeutung der einzelnen Instrumente von unten herauf

verstehen, sah und studierte daneben die Bühnenmusik und hoffte immer

ernsthafter auf die Zeit, wo ich mich an eine eigene Oper würde wagen

dürfen.

Mein vertrauter Umgang mit Muoth, der eine der ersten und ehrenvollsten

Stellen an der Oper einnahm, brachte mir das Ganze rasch näher und

nützte mir viel. Bei meinesgleichen aber, bei den Kollegen vom

Orchester, schadete mir das sehr, es kam nicht zu dem freundschaftlich

offenen Verhältnis, zu dem ich gewillt war. Nur unser erster Geiger,

ein Steiermärker namens Teiser, kam mir entgegen und wurde mein Freund.

Er war wohl zehn Jahre älter als ich, ein schlichter offener Mann

mit einem feinen, zarten, leicht errötenden Gesicht und erstaunlich

musikalisch, namentlich von einem unglaublich zarten und scharfen

Gehör. Er war einer von denen, die in ihrer Kunst Genüge finden,

ohne selber eine Rolle spielen zu wollen. Er war kein Virtuos und hat

auch nie komponiert, er spielte zufrieden seine Geige und hatte seine

Herzensfreude daran, das Handwerk im Grunde zu kennen. Jede Ouvertüre

kannte er wie kaum ein Dirigent durch und durch, und wo eine Finesse

und Glanzstelle kam, wo der Einsatz eines Instrumentes schön und

originell hervorleuchtete, da strahlte er und genoß es wie niemand im

ganzen Hause. Er spielte fast alle Instrumente, so daß ich täglich von

ihm lernen und ihn fragen konnte.

Monatelang sprachen wir kein Wort miteinander als vom Handwerk, aber

ich hatte ihn lieb und er sah, daß ich mit Ernst dabei war, etwas zu

lernen, so entstand ein unberedetes Einvernehmen, dem nicht viel mehr

zur Freundschaft fehlte. Da erzählte ich ihm schließlich von meiner

Violinsonate und bat ihn, sie einmal mit mir zu spielen. Er sagte

freundlich zu und kam am bestimmten Tag in meine Wohnung. Da hatte ich,

um ihm eine Freude zu machen, einen Wein aus seiner Heimat besorgt, von

dem tranken wir ein Glas, dann legte ich die Noten auf und wir fingen

an. Er spielte vorzüglich vom Blatt, aber plötzlich hörte er auf und

ließ den Bogen sinken.

»Sie, Kuhn,« sagte er, »das ist ja eine verdammt schöne Musik. Die

spiel' ich nicht so herunter, die wird zuerst studiert. Ich nehme sie

mit heim. Darf ich?«

Ja, und als er wiederkam, spielten wir die Sonate durch, zweimal, und

als das fertig war, schlug er mir auf die Schulter und rief: »Sie

Duckmäuser, Sie! Da tun Sie immer wie ein kleiner Bub, und heimlich

machen Sie solche Sachen! Ich will ja nicht viel sagen, ich bin kein

Professor, aber sakrisch schön ist's!«

Das war das erstemal, daß jemand meine Arbeit lobte, zu dem ich

wirklich Vertrauen hatte. Ich zeigte ihm alles, auch die Lieder, die

gerade im Druck waren und bald darauf erschienen. Aber daß ich so kühn

war, an eine Oper zu denken, wagte ich ihm doch nicht zu sagen.

In dieser guten Zeit erschreckte mich ein kleines Erlebnis, das ich

nimmer vergessen konnte. Bei Muoth, zu dem ich häufig kam, hatte ich

die schöne Lotte seit einiger Zeit nicht mehr angetroffen, mir aber

keine Gedanken darüber gemacht, denn in seine Liebesgeschichten mochte

ich mich nicht mischen, sie am liebsten gar nicht kennen. Darum hatte

ich nie nach ihr gefragt, und er sprach mit mir ohnehin nie von diesen

Sachen.

Nun saß ich eines Nachmittags in meiner Stube und studierte eine

Partitur. Am Fenster lag meine schwarze Katze im Sonnenschein und

schlief, es war im ganzen Hause still. Da ging draußen die Türe, jemand

kam herein, ward von der Wirtin begrüßt und aufgehalten, machte sich

los und kam auf meine Türe zu, an der auch sofort gepocht wurde. Ich

ging hin und machte auf, da kam eine große, elegante Frauensperson mit

verschleiertem Gesicht herein und schloß die Türe hinter sich. Sie

tat ein paar Schritte ins Zimmer, holte tief Atem und nahm endlich

den Schleier ab. Ich erkannte Lotte. Sie sah erregt aus und ich ahnte

gleich, warum sie gekommen sei. Auf meine Bitte setzte sie sich, sie

hatte mir die Hand gegeben, aber noch kein Wort gesagt. Da sie meine

Befangenheit merkte, schien sie erleichtert, als habe sie gefürchtet,

ich möchte sie gleich wieder fortschicken.

»Ist es wegen Heinrich Muoth?« fragte ich endlich.

Gertrud · 第 9 / 13 题