Sie zeigte auf mich. »Da sitzt er.«

Er sah mich an und lachte. »Das hättet ihr mir auch vorher sagen

können. Übrigens, die Musik war recht schön. Nur, wenn man Hunger hat

--.«

Wir begannen zu essen, und kaum war die Suppe weg und der weiße Wein

eingeschenkt, da tat Kranzl einen Trinkspruch auf den Hausherrn und

dessen Geburtstag. Muoth erhob sich gleich nach dem Anstoßen: »Lieber

Kranzl, wenn du gedacht hast, ich würde jetzt eine Rede auf dich

halten, hast du dich getäuscht. Wir wollen überhaupt keine Reden mehr

halten, ich bitte drum. Die einzige, die vielleicht nötig ist, nehme

ich hiermit auf mich. Ich danke unserem jungen Freund für seine Sonate,

die ich famos finde. Vielleicht wird unser Kranzl einmal froh sein,

wenn er Sachen von ihm zu spielen kriegt, was er übrigens nur tun soll,

denn er hat die Sonate wirklich kapiert. Ich trinke auf den Komponisten

und auf gute Freundschaft mit ihm.«

Man stieß an, lachte, zog mich ein wenig auf, und bald kam eine von

gutem Wein erhöhte Tafelfröhlichkeit zustande, der ich mich erlöst

hingab. Ich war lange nimmer auf diese Weise vergnügt und entlastet

gewesen, eigentlich seit einem Jahre nicht mehr. Jetzt tat mir

Gelächter und Wein, Gläsergeläut, Stimmenwirrnis und der Anblick einer

schönen fröhlichen Frau verschüttete Tore zur Freude auf und ich glitt

weich hinüber in die losgebundene Heiterkeit leichter und lebhafter

Gespräche und lachender Mienen.

Früh stand man von der Tafel auf und kehrte ins Musikzimmer zurück,

wo sich das Gelage mit Wein und Zigarren in alle Ecken verteilte.

Ein stiller Herr, der wenig geredet hatte und dessen Namen ich nicht

wußte, kam zu mir und sagte mir freundliche Worte über die Sonate,

die ich ganz vergessen hatte. Dann zog mich die Schauspielerin ins

Gespräch, und zu uns setzte sich Muoth. Wir tranken abermals auf gute

Freundschaft, und plötzlich sagte er, funkelnd mit seinen düster

lachenden Augen: »Ich weiß jetzt Ihre Geschichte.« Und zu der Schönen:

»Er hat sich beim Rodeln die Knochen gebrochen, einem hübschen Mädel

zulieb.« Und wieder zu mir: »Das ist schön. Im Augenblick, wo die Liebe

am schönsten ist und noch keinen Fleck hat, kopfüber den Berg hinunter.

Das ist schon ein gesundes Bein wert.« Lachend leerte er sein Glas und

sah alsofort wieder dunkel und grübelnd aus, als er sagte: »Wie sind

Sie zum Komponieren gekommen?«

Ich erzählte, von den Knabenzeiten her, wie es mir mit der Musik

gegangen war, und erzählte vom vergangenen Sommer, von meiner Flucht in

die Berge und von dem Lied und der Sonate.

»Ja,« sagte er langsam. »Aber warum macht Ihnen das nun Freude? Man

kann einen Schmerz doch nicht aufs Papier schreiben und damit los sein.«

»Das will ich auch nicht,« meinte ich. »Ich möchte gar nichts hergeben

und los sein als die Schwäche und Unfreiheit. Ich möchte empfinden,

daß der Schmerz und die Freude aus der gleichen Quelle kommen und

Bewegungen derselben Kraft und Takte derselben Musik sind, jedes schön

und notwendig.«

»Mann,« rief er heftig, »Sie haben doch ein Bein verloren! Können Sie

denn das über der Musik vergessen?«

»Nein, warum? Anders machen kann ich es doch nimmer.«

»Und macht Sie das nicht verzweifelt?«

»Es freut mich nicht, das können Sie glauben, aber ich hoffe, zum

Verzweifeln bringt es mich nimmer.«

»Dann sind Sie glücklich. Ich gäbe zwar kein Bein her um so ein Glück.

Also so ist das mit Ihrer Musik? Sieh, Marion, das ist der Zauber der

Kunst, von dem so viel in Büchern steht.«

Zornig rief ich ihn an: »Reden Sie doch nicht so! Sie selber singen

doch auch nicht bloß um Ihre Gage, sondern haben eine Freude und einen

Trost daran! Warum verspotten Sie mich und sich selber? Ich finde das

roh.«

»Still, still!« machte Marion, »sonst wird er bös.«

Muoth sah mich an. »Ich werde nicht böse. Er hat ja ganz recht. Aber

das mit dem Bein kann nicht so schlimm sein, sonst würde Sie das

Musikmachen nicht drüber trösten. Sie sind ein zufriedener Mensch,

denen kann passieren was will und sie bleiben doch zufrieden. Aber ich

habe nicht daran geglaubt.«

Und er sprang auf, ganz zornig. »Und es ist auch nicht wahr! Sie

haben ja das Lawinenlied komponiert, das ist kein Trost und keine

Zufriedenheit, sondern Verzweiflung. Hören Sie!«

Er war plötzlich am Flügel, es wurde stiller im Zimmer. Er fing zu

spielen an, verwirrte sich, ließ dann die Einleitung weg und sang das

Lied. Er sang es jetzt anders als damals bei mir und ich konnte sehen,

daß er es seither manchmal vorgehabt habe. Auch sang er diesmal mit

voller Stimme, mit seinem hohen Bariton, den ich von der Bühne kannte

und dessen Kraft und strömende Leidenschaft die ungeklärte Härte seines

Gesangs vergessen machte.

»Das hat dieser Mann, wie er sagt, rein zum Vergnügen geschrieben,

er weiß nichts von Verzweiflung und ist mit seinem Los unendlich

zufrieden!« rief er und zeigte auf mich, und ich hatte Tränen der Scham

und des Zorns in den Augen, sah alles in Schleiern wanken und stand

auf, um ein Ende zu machen und fortzugehen.

Da hielt mich eine feine, doch kräftige Hand, und drückte mich in den

Sessel zurück, und strich mir leise und zärtlich über das Haar, daß

mich feine heiße Wellen bespülten, daß ich die Augen schloß und die

Tränen verbiß. Aufschauend sah ich alsdann Heinrich Muoth vor mir

stehen, die andern schienen meine Bewegung und die ganze Szene nicht

beachtet zu haben, sie tranken Wein und lachten durcheinander.

»Sie Kind!« sagte Muoth leise. »Wenn man solche Lieder geschrieben

hat, ist man doch über so etwas hinaus. Aber es tut mir leid. Da hat

man einen Menschen gern, und kaum ist man mit ihm zusammen, so fängt

man Händel mit ihm an.«

»Es ist gut,« sagte ich befangen. »Aber ich möchte jetzt heimgehen, das

Schönste von heute haben wir doch gehabt.«

»Gut, ich will Sie nicht nötigen. Wir andern betrinken uns jetzt noch,

denke ich. Dann seien Sie so gut und nehmen Sie die Marion mit heim,

gelt? Sie wohnt am innern Graben, das ist für Sie kein Umweg.«

Die schöne Frau sah ihn einen Augenblick prüfend an. »Ja, wollen Sie?«

sagte sie dann zu mir, und ich stand auf. Wir nahmen nur von Muoth

Abschied, im Vorzimmer half uns ein Lohndiener in die Mäntel, dann

erschien verschlafen auch die kleine Alte und leuchtete mit einer

großen Laterne durch den Garten zur Pforte. Der Wind ging immer noch

weich und laulich, trieb lange schwarze Wolkenzüge dahin und wühlte in

kahlen Baumkronen.

Ich wagte nicht, der Marion den Arm zu geben, sie aber hängte ungefragt

bei mir ein, sog die Nachtluft mit zurückgeworfenem Kopfe ein und sah

dann aus solcher Höhe fragend und vertraulich auf mich herab. Mir war,

ich fühle immer noch ihre leichte Hand auf meinen Haaren, sie ging

langsam und schien mich führen zu wollen.

»Dort stehen Droschken,« sagte ich, denn es war mir peinlich, daß sie

sich meinem lahmen Schritt anbequemen sollte, und ich litt darunter,

neben der warmen, kraftvoll schlanken Frau einher zu hinken.

»Nein,« meinte sie, »wir wollen noch eine Straße weit gehen.« Und

sie gab sich Mühe, recht langsam zu gehen, und wenn es nur auf mein

Verlangen angekommen wäre, ich hätte sie noch enger an mich gezogen.

So aber zerriß mich Qual und Zorn, ich machte ihren Arm aus meinem

los, und als sie mich erstaunt ansah, sagte ich: »Es geht nicht gut

so, ich muß allein gehen, verzeihen Sie.« Und sie ging sorgsam und

mitleidig neben mir, und mir fehlte nichts als ein aufrechter Gang und

das Bewußtsein der körperlichen Sicherheit, so hätte ich von allem,

was ich tat und sagte, das Gegenteil gesagt und getan. Ich wurde still

und schroff, es war nicht anders zu machen, sonst hätte ich wieder

Tränen in die Augen bekommen und mich danach gesehnt, ihre Hand auf

meinem Kopf zu fühlen. Am liebsten wäre ich in die nächste Seitengasse

entflohen. Ich wollte nicht, daß sie langsam ging, daß sie mich

schonte, daß sie Mitleid mit mir hatte.

»Sind Sie ihm böse?« fing sie schließlich an.

»Nein. Es war dumm von mir. Ich kannte ihn ja noch kaum.«

»Er tut mir leid, wenn er so ist. Er hat Tage, wo man ihn fürchten muß.«

»Sie auch?«

»Ich am meisten. Dabei tut er niemand weher als sich selber. Er haßt

sich manchmal.«

»Ach, er macht sich interessant!«

»Was sagen Sie?« rief sie erschrocken.

»Daß er ein Komödiant ist. Was braucht er sich und andere zu

verhöhnen? Was braucht er die Erlebnisse und Geheimnisse eines Fremden

hervorzuziehen und lächerlich zu machen, das Lästermaul!«

Mein Zorn von vorher kehrte mir im Reden wieder, ich war gewillt den

Mann zu beschimpfen und herabzuziehen, der mir weh getan hatte und den

ich leider beneidete. Auch war meine Achtung vor der Dame gesunken,

da sie ihn in Schutz nahm und sich offen vor mir zu ihm bekannte.

War es nicht schon schlimm, daß sie es auf sich genommen hatte, bei

diesem weinfrohen Junggesellenabend die einzige Frau zu sein? In diesen

Dingen war ich wenig Freiheit gewöhnt, und da ich mich schämte, nach

dieser schönen Frau trotzdem Sehnsucht zu haben, fing ich in meiner

Hitze lieber Streit an als daß ich länger ihr Mitleid spürte. Mochte

sie mich roh finden und mir davonlaufen, es war mir besser als daß sie

bei mir blieb und freundlich war.

Sie legte mir aber die Hand auf den Arm. »Halt,« rief sie warm, daß

ihre Stimme mir trotz allem ins Herz ging, »reden Sie nicht weiter! Was

tun Sie denn? Sie sind durch zwei Worte von Muoth verletzt, weil Sie

nicht geschickt oder mutig genug waren sie zu parieren, und jetzt, wo

Sie fort sind, fallen Sie vor mir mit häßlichen Worten über ihn her!

Ich sollte gehen und Sie allein lassen.«

»Bitte. Ich habe nur gesagt, was ich meine.«

»Lügen Sie doch nicht! Sie sind seiner Einladung gefolgt, Sie haben

bei ihm musiziert, Sie haben gesehen wie er Ihre Musik liebt, und

haben sich darüber gefreut und daran aufgerichtet, und jetzt, wo Sie

ärgerlich sind und ein Wort von ihm nicht ertragen können, fangen Sie

zu schimpfen an. Das dürfen Sie nicht, und ich will es dem Wein zu gut

halten.«

Mir schien, sie merkte plötzlich wie es mit mir stand und daß nicht der

Wein mich plagte; sie änderte ihren Ton, ohne daß ich den mindesten

Versuch einer Rechtfertigung gemacht hatte. Ich war wehrlos.

»Sie kennen Muoth noch nicht,« fuhr sie fort. »Haben Sie ihn denn nicht

singen hören? So ist er, gewalttätig und grausam, aber am meisten gegen

sich selber. Er ist ein armer, stürmender Mensch, der lauter Kräfte

und keine Ziele hat. In jedem Augenblick möchte er die ganze Welt

austrinken und was er hat und was er tut, ist immer nur ein Tropfen. Er

trinkt und ist nie betrunken, er hat Frauen und ist nie glücklich, er

singt so herrlich und will doch kein Künstler sein. Er hat jemand lieb

und tut ihm weh, er stellt sich als verachte er alle Zufriedenen, aber

es ist Haß gegen ihn selber, weil er nicht zufrieden sein kann. So ist

er. Und Ihnen hat er Freundlichkeit gezeigt, so gut er es eben kann.«

Ich schwieg hartnäckig.

»Sie brauchen ihn vielleicht nicht,« fing sie nochmals an, »Sie haben

andere Freunde. Aber wenn wir jemand sehen, der leidet und im Leiden

ungebärdig ist, so sollen wir ihn schonen und ihm etwas zu gut halten.«

Ja, dachte ich, das sollte man, und allmählich, wie das Gehen in der

Nacht mich kühlte, lag zwar die eigene Wunde noch offen und rief nach

Hilfe, aber mehr und mehr mußte ich den Worten der Marion und meinen

Dummheiten von heut abend nachdenken, mich als einen traurigen Hund

erkennen und in der Stille Abbitte tun. Es ergriff mich, da der Weinmut

verflogen war, eine unangenehme Rührung, mit der ich abwehrend kämpfte,

ohne mehr viel zu der schönen Frau zu sagen, die nun selber erregt und

ungewissen Herzens neben mir durch die halbdunkeln Straßen lief, wo da

und dort in der toten, schwarzen Fläche plötzlich ein Laternenspiegel

aus dem nassen Boden aufblickte. Ich dachte daran, daß ich meine Geige

bei Muoth hatte liegen lassen; und zwischenein erwachte ich wieder

zum Erstaunen und Schrecken über alles. Da war diesen Abend so vieles

anders geworden. Dieser Heinrich Muoth, und der Violinist Kranzl, und

wieder die herrliche Marion, die Königinnen spielte, die waren alle

von ihren Sockeln herabgestiegen. An ihrem olympischen Tische saßen

nicht Götter und Selige, sondern arme Menschen, der eine klein und

komisch, der andere bedrückt und eitel, Muoth elend und fieberhaft in

törichter Selbstquälerei, die hohe Frau klein und arm als Geliebte

eines stürmenden Genießers ohne Heiterkeit, dabei still und gütig

und des Leidens kundig. Ich selber schien mir verändert, war nicht

mehr ein einfacher Mensch, sondern war allen verwandt, hatte an jedem

brüderliche und an jedem feindliche Züge gesehen, konnte hier nicht

lieben und dort nicht verabscheuen, sondern schämte mich meines wenigen

Verstehens und spürte zum erstenmal in meiner leichten Jugend so

deutlich, daß man durchs Leben und durch die Menschen nicht so einfach

gehen könne, da mit Haß und da mit Liebe, da mit Verehrung und dort

mit Verachtung, sondern daß alles durcheinander und beieinander wohne,

kaum getrennt und in Augenblicken kaum unterscheidbar. Ich sah die Frau

an, die an meiner Seite ging und nun auch ganz still geworden war, als

fände sie im Herzen nun doch auch manches anders beschaffen, als sie es

gemeint und gesagt hatte.

Am Ende kamen wir vor ihr Haus, sie streckte mir die Hand her, die ich

leise nahm und küßte. »Schlafen Sie gut!« sagte sie freundlich, aber

ohne Lächeln.

Das tat ich auch, ich kam nach Hause und ins Bett, ich weiß nicht wie,

und schlief sofort und schlief noch ein ungewohntes Stück in den

Morgen hinein. Dann stand ich auf wie das Männlein aus der Schachtel,

machte meine Turnübung, wusch mich und griff nach den Kleidern; und

erst wie ich am Stuhl den Gehrock hängen sah und meinen Geigenkasten

vermißte, fiel mir gestern wieder ein. Ich war indes ausgeschlafen und

anderen Sinnes als in der Nacht, und konnte an die Gedanken der Nacht

nicht anknüpfen; es blieb mir nur die Erinnerung an sonderbar kleine,

nur nach innen wirksame Erlebnisse, und ein Erstaunen darüber, daß ich

nun doch unverwandelt und derselbe wie immer dastand.

Ich wollte arbeiten, aber meine Geige war nicht da. So ging ich

aus, anfangs noch unentschlossen, dann entschieden in der gestrigen

Richtung, und kam an Muoths Wohnung. Schon vom Gartentor aus hörte ich

ihn singen, der Hund fiel mich an und ward von der alten Frau, die

schnell herauskam, mit Mühe zurückgeführt. Mich ließ sie eintreten, ich

sagte ihr, ich wolle nur meine Geige holen und den Herrn nicht stören.

Im Vorzimmer stand mein Geigenkasten und die Geige lag darin, auch die

Noten waren dazugelegt. Das mußte Muoth getan haben, er hatte an mich

gedacht. Nebenan sang er laut, ich hörte ihn weich wie auf Filzsohlen

hin und wieder gehen, zuweilen Töne am Flügel anschlagend. Seine Stimme

klang frisch und hell, beherrschter als ich sie oft auf der Bühne

gehört hatte, er sang eine mir unbekannte Rolle, wiederholte häufig und

ging rasch im Zimmer auf und ab.

Ich hatte meine Sachen an mich genommen und wollte gehen. Ich war ruhig

und fühlte mich von der Erinnerung an gestern kaum berührt. Doch war

ich neugierig, ihn zu sehen, ob auch er sich verändert habe, und trat

näher, und ohne es ganz zu wollen, hatte ich auf einmal den Türgriff in

der Hand, und hatte darauf gedrückt, und stand in der offenen Türe.

Muoth drehte sich im Singen um. Er war im Hemde, in einem sehr langen

weißen feinen Hemd, und sah frisch aus, als habe er eben gebadet. Ich

erschrak nun, zu spät, daß ich ihn so überrascht habe. Er schien jedoch

weder verwundert, daß ich ohne Klopfen eingetreten war, noch schien er

zu wissen, daß er keine Kleider anhatte. Als wäre alles wie es sein

müsse, bot er mir die Hand und fragte: »Haben Sie schon gefrühstückt?«

Dann, da ich ja gesagt hatte, nahm er am Flügel Platz.

»Die Rolle soll ich singen! Da hören Sie die Arie! Das ist ein Gemüse!

Wird in der königlichen Hofoper aufgeführt, mit Büttner und der Duelli!

Aber das interessiert Sie nicht, und mich eigentlich auch nicht. Wie

geht's denn? Haben Sie ausgeruht? Sie haben kaput ausgesehen, als Sie

gestern gingen. Und bös waren Sie mir auch. Nun ja. Wir wollen die

Dummheiten nicht gleich wieder anfangen.«

Und gleich darauf, ohne daß ich etwas dazwischen sagen konnte: »Wissen

Sie, der Kranzl ist ein Langweiler. Er will Ihre Sonate nicht spielen.«

»Er hat sie doch gestern gespielt.«

»Im Konzert, meine ich. Ich wollte sie ihm aufhängen, aber er mag

nicht. Es wäre gut gewesen, wenn sie nächsten Winter in so eine Matinee

gekommen wäre. Der Kranzl ist nicht so dumm, wissen Sie, aber faul. Er

spielt immerzu diese polakischen Musiken von insky und owsky, was Neues

lernt er nicht gern.«

»Ich glaube nicht,« fing ich nun an, »daß die Sonate in ein Konzert

paßt, das habe ich mir auch nie eingebildet. Sie ist technisch noch gar

nicht sauber.«

»Das ist doch Wurst! Ihr mit Eurem Künstlergewissen! Wir sind doch

keine Schulmeister, und es werden ohne Zweifel schlechtere Sachen

gespielt, gerade von Kranzl. Aber ich weiß was anderes. Das Lied müssen

Sie mir geben, und machen Sie doch bald noch mehr! Ich gehe im Frühjahr

hier weg, ich habe gekündigt, und mache lange Ferien. In der Zeit

möchte ich ein paar Konzerte geben, aber was Neues, nicht mit Schubert

und Wolf und Löwe und dem, was man alle Abend hört, sondern neue und

unbekannte Sachen, ein paar wenigstens, solche wie das Lawinenlied. Was

meinen Sie?«

Für mich war die Aussicht, meine Lieder von Muoth öffentlich gesungen

zu sehen, ein Tor in die Zukunft, durch dessen Spalt ich lauter

Herrlichkeiten sah. Eben deswegen wollte ich vorsichtig sein und weder

Muoths Freundlichkeit mißbrauchen noch mich ihm allzusehr verpflichten.

Es schien mir, er wolle mich gar zu gewaltsam an sich ziehen, blenden

und vielleicht irgendwie vergewaltigen. Darum ging ich kaum darauf ein.

»Ich will sehen,« sagte ich. »Sie sind sehr gütig mit mir, das sehe

ich, aber ich kann nichts versprechen. Ich bin am Ende meiner Studien

und muß jetzt an gute Zeugnisse denken. Ob ich einmal als Komponist

auftreten kann, ist ungewiß, einstweilen bin ich Geiger und muß sehen,

wie ich beizeiten zu einer Stellung komme.«

»Ach ja, das alles können Sie ja tun. Darum kann Ihnen doch einmal

wieder ein solches Lied einfallen, das Sie mir dann geben, nicht?«

»Ja, das wohl. Ich weiß freilich nicht, warum Sie sich meiner so

annehmen.«

»Haben Sie Angst vor mir? Mir gefällt einfach Ihre Musik, ich möchte

Sachen von Ihnen singen und verspreche mir davon etwas, es ist reiner

Eigennutz.«

»Wohl, aber warum reden Sie so mit mir, so wie gestern meine ich?«

»Ach, sind Sie noch beleidigt? Was habe ich denn eigentlich gesagt?

Ich weiß es rein nimmer. Jedenfalls wollte ich Sie nicht schlecht

behandeln, wie ich es scheints getan habe. Sie können sich ja wehren!

Es redet und ist jeder, wie er ist und sein muß, und man muß einander

gelten lassen.«

»Das meine ich auch, aber Sie tun das Gegenteil, Sie reizen mich und

lassen nichts gelten, was ich sage. Sie ziehen das, woran ich selber

ungern denke und was mein Geheimnis ist, hervor und werfen es mir hin,

wie einen Vorwurf. Sie spotten sogar über mein steifes Bein!«

Heinrich Muoth sagte langsam: »Ja, ja, ja. Die Leute sind eben

verschieden. Den einen macht es wild, wenn man Wahrheiten sagt, und der

andere kann keine Phrasen vertragen. Sie hat es geärgert, daß ich Sie

nicht wie einen Intendanten behandle, und mich hat es geärgert, daß Sie

sich vor mir versteckten und mir die Sprüche über den Trost der Kunst

anhängen wollten.«

»Das war gemeint wie ich es sagte; ich bin nur nicht gewohnt über diese

Sachen zu reden. Und über das andere *will* ich eben nicht reden. Wie

es in mir aussieht und ob ich traurig bin oder verzweifelt, und wie

mein Bein mir vorkommt und meine Krüppelschaft, das will ich für mich

behalten und mir von niemand herausdrohen und herausspotten lassen.«

Er stand auf.

»Ich habe ja noch gar nichts an, ich will das schnell besorgen. Sie

sind ein anständiger Mensch, das bin ich leider nicht. Wir wollen

darüber nimmer so viel reden. Haben Sie denn gar nichts davon gemerkt,

daß ich Sie gern habe? Warten Sie ein wenig, setzen Sie sich ans

Klavier, bis ich angezogen bin. Singen Sie nicht? -- Nicht? Nun, es

dauert nur sechs Minuten.«

Wirklich kam er sehr bald angekleidet aus dem Nebenzimmer zurück.

»Jetzt gehen wir in die Stadt und essen miteinander,« sagte er

behaglich. Er fragte nicht, ob es mir auch passe, er sagte: »Wir

gehen,« und wir gingen. Denn so empfindlich seine Art mich ärgerte, sie

imponierte mir doch, er war der Stärkere. Daneben zeigte er im Gespräch

und Benehmen eine launenhafte Kindlichkeit, die oft entzückend war und

ganz mit ihm versöhnte.

Von da an sah ich Muoth oft, er sandte mir häufig Billette für die

Oper, bat mich manchmal bei ihm zu geigen, und wenn mir nicht alles an

ihm gefiel, so ließ er sich doch auch von mir nicht wenig gefallen.

Es entstand eine Freundschaft, damals meine einzige, und ich begann

mich beinahe auf die Zeit zu fürchten, wo er nicht mehr da sein würde.

Er hatte wirklich gekündigt und ließ sich, trotz einiger Bemühungen

und Zugeständnisse, nicht halten. Zuweilen deutete er an, er werde im

Herbst vielleicht einen Ruf an eine große Bühne haben, doch blieb das

vorläufig unbesprochen. Inzwischen kam der Frühling heran.

Eines Tages fand ich mich zum letzten Herrenabend bei Muoth ein, wir

stießen auf Wiedersehen und Zukunft an, es war diesmal keine Frau

dabei. Muoth begleitete uns in der Morgenfrühe an die Gartenpforte,

winkte uns nach und kehrte fröstelnd im Morgennebel in seine schon halb

ausgeräumte Wohnung zurück, von dem springenden und bellenden Hunde

begleitet. Mir aber schien ein Stück Leben und Erfahrung nun abgetan;

ich glaubte Muoth genug zu kennen, um sicher zu sein, daß er uns alle

bald vergessen werde, und erst jetzt fühlte ich ganz klar und unbeirrt,

daß ich den dunklen, launischen, herrischen Mann doch richtig lieb

hatte.

Indessen kam auch für mich der Abschied. Ich tat meine letzten Gänge

nach Orten und Menschen, die ich in gutem Gedächtnis zu behalten

gesonnen war, ich ging auch noch einmal auf den Höhenweg hinauf und

schaute den Hang hinunter, den ich ohnehin nicht vergessen hätte.

Und ich reiste ab, nach Hause, einer unbekannten und wahrscheinlich

langweiligen Zukunft entgegen. Eine Stellung hatte ich nicht,

selbständig Konzerte geben konnte ich nicht, in der Heimat erwarteten

mich nur, zu meinem Schrecken, einige Schüler, denen ich Violinstunden

geben sollte. Wohl erwarteten mich auch die Eltern, und sie waren reich

genug, daß ich ohne Sorgen sein konnte, auch fein und gütig genug, daß

sie mich nicht drängten und fragten, was nun aus mir werden solle. Aber

daß ich es hier nicht lange aushalten würde, wußte ich von Anfang an.

Von den zehn Monaten, in denen ich nun zu Hause saß, drei Schülern

Stunden gab und trotz allem gar nicht unglücklich war, weiß ich nichts

zu erzählen. Es lebten auch hier Menschen, es geschah auch hier täglich

irgend etwas, aber mein Verhältnis zu alle dem bestand nur in einer

freundlich höflichen Gleichgültigkeit. Nichts ging mir ans Herz, nichts

nahm mich mit. Dagegen lebte ich in aller Stille, entrückte seltsame

Stunden der Musik, wo mein ganzes Leben erstarrt und mir entfremdet

schien und nur ein Hunger nach Musik übrig blieb, der mich während

der Violinstunden oft unerträglich peinigte und gewiß zu einem bösen

Lehrer machte. Nachher aber, wenn meine Pflicht getan war, oder ich

mit List und Lüge mich um meine Stunden gedrückt hatte, sank ich tief

in herrlich unwirkliche Träume, baute nachtwandlerisch an kühnen

Tongebäuden, trieb freche Türme in die Lüfte, wölbte tiefschattende

Kuppeln und ließ spielende Ornamente leicht und genußvoll wie

Seifenblasen steigen.

Während ich in einer Betäubung und Fremdheit herumging, die meine

früheren Bekannten vertrieb und meinen Eltern Sorge machte, ging

noch weit heftiger und reicher als vor einem Jahr in den Bergen

der verschüttete Born in mir wieder auf; die Früchte verträumter,

verarbeiteter, scheinbar verlorener Jahre, unsichtbar gereift, fielen

still und sachte, eine um die andere, und hatten Duft und Glanz und

umgaben mich mit einem fast schmerzlichen Reichtum, den ich nur zögernd

und mit Mißtrauen an mich nahm. Es begann mit einem Liede, dem folgte

eine Geigenphantasie, der folgte ein Streichquartett, und als in

wenigen Monaten noch einige Lieder und manche Entwürfe zu symphonischen

Sachen dazugekommen waren, empfand ich das alles nur als einen Anfang

und Versuch, und im Herzen dachte ich an eine große Symphonie, in

den frechsten Stunden auch schon an eine Oper! Zwischenein schrieb

ich von Zeit zu Zeit demütige Briefe an Kapellmeister und Theater,

legte die Empfehlungen meiner Lehrer bei und brachte mich bescheiden

für die nächste bessere Geigerstelle in Erinnerung, die frei werde.

Es kamen dann kurze höfliche Antworten, die mit »sehr geehrter Herr«

begannen, manchmal auch keine, aber eine Anstellung kam nicht. Dann

war ich einen Tag oder zwei klein und kroch zusammen, gab sorgfältigen

Unterricht und schrieb neue demütige Briefe. Allein gleich darauf fiel

mir wieder ein, daß ich noch einen Kopf voll Musik aufzuschreiben

habe, und kaum hatte ich wieder begonnen, so sanken die Briefe und die

Theater und Orchester, die Kapellmeister und sehr geehrten Herren auf

Nichtmehrsehen hinab und ich fand mich allein, vollauf beschäftigt und

begnügt.

Nun, das sind Erinnerungen, die man nicht erzählen kann, wie die

meisten. Was ein Mensch für sich ist und erlebt, wie er wird und wächst

und krankt und stirbt, das alles ist unerzählbar. Das Leben arbeitender

Menschen ist langweilig, interessant sind die Lebensführungen und

Schicksale der Taugenichtse. So reich mir jene Zeit im Gedächtnis

liegt, ich kann nichts über sie sagen, denn ich stand außerhalb des

menschlichen und geselligen Lebens. Nur einmal kam ich für Augenblicke

wieder einem Menschen nahe, den ich nicht vergessen darf. Das war der

Präzeptor Lohe.

Ich ging einmal, schon im Spätherbst, spazieren. Es war im Süden der

Stadt ein bescheidenes Villenviertel entstanden, wo keine reichen

Leute wohnten, sondern kleine Sparer und Rentenverzehrer kleine

wohlfeile Häuslein mit einfachen Gärten bewohnten. Ein geschickter

junger Baumeister hatte hier viel Hübsches gebaut, was ich mir nun auch

einmal ansehen wollte.

Es war ein warmer Nachmittag, da und dort wurden späte Nußbäume

geleert, die Gärten und kleinen neuen Häuser lagen fröhlich in der

Sonne. Die hübschen einfachen Bauten gefielen mir, ich beschaute sie

mit dem oberflächlich behaglichen Interesse, das junge Leute für so

etwas haben, welchen der Gedanke an Haus und Heim und Familie, Rast und

Feierabend noch im Weiten liegt. Die friedliche Gartenstraße machte

einen lieben, behaglichen Eindruck, ich spazierte langsam dahin, und im

Gehen verfiel ich darauf, die Namen der Hausbesitzer auf den kleinen

blanken Messingschildchen an den Gartentoren zu lesen.

Auf einem dieser Schildchen stand »Konrad Lohe«, und im Lesen wollte

der Name mir bekannt vorkommen. Ich blieb stehen und besann mich,

und es fiel mir ein, daß einer meiner Lehrer in der Lateinschule so

geheißen hatte. Und für Sekunden stieg die alte Zeit herauf, sah

mich verwundert an und wälzte auf flüchtiger Welle einen Schwarm

von Gesichtern herauf, von Lehrern und Kameraden, Spitznamen und

Geschichten. Und während ich stand und auf das Messingtäfelein sah

und lächelte, erhob sich hinterm nächsten Johannisbeerstrauch, wo er

gebückt gearbeitet hatte, ein Mann, trat dicht heran und sah mir ins

Gesicht.

»Wollen Sie zu mir?« fragte er, und es war Lohe, der Präzeptor Lohe,

den wir Lohengrin geheißen hatten.

»Eigentlich nicht,« sagte ich und zog den Hut. »Ich wußte nicht, daß

Sie hier wohnen. Ich bin einmal Ihr Schüler gewesen.«

Er blickte schärfer, sah an mir hinab bis zum Stock, besann sich und

nannte dann meinen Namen. Er hatte mich nicht am Gesicht erkannt,

sondern am steifen Bein, da er natürlich von meinem Unfall wußte. Nun

ließ er mich eintreten.

Er war in Hemdärmeln und hatte eine grüne Gartenschürze vorgebunden,

er schien gar nicht älter geworden und sah prächtig blühend aus. Wir

schritten in dem kleinen sauberen Garten hin und her, dann führte er

mich an eine offene Veranda, wo wir uns setzten.

»Ja, ich hätte Sie nimmer gekannt,« sagte er aufrichtig. »Hoffentlich

haben Sie mich in guter Erinnerung von früher her.«

»Nicht ganz,« sagte ich lächelnd. »Sie haben mich einmal für etwas

bestraft, was ich nicht getan hatte, und haben meine Beteuerungen für

Lügen erklärt. Es war in der vierten Klasse.«

Bekümmert schaute er auf. »Das dürfen Sie mir nimmer übel nehmen, es

tut mir auch leid. Lehrern passiert es beim besten Willen immer wieder,

daß etwas nicht stimmt, und eine Ungerechtigkeit ist bald angerichtet.

Ich weiß schlimmere Fälle. Zum Teil deswegen bin ich denn auch

gegangen.«

»So, sind Sie nimmer im Amt?«

»Schon lang nicht mehr. Ich wurde krank, und als ich wieder geheilt

war, hatten sich meine Ansichten so sehr geändert, daß ich den Abschied

nahm. Ich hatte mir Mühe gegeben, ein guter Lehrer zu sein, aber ich

war keiner, dazu muß man geboren sein. So gab ich es auf, und seither

ist mir wohl.«

Das konnte man ihm ansehen. Ich fragte weiter, doch wollte er nun meine

Geschichte hören, die bald erzählt war. Daß ich Musiker geworden sei,

gefiel ihm nicht ganz, dagegen hatte er für mein Pech ein freundliches

und zartes Mitleid, das mir nicht wehtat. Vorsichtig suchte er zu

erforschen, wie es mir gelinge mich zu trösten und war von meinen

halb ausweichenden Antworten nicht befriedigt. Unter geheimnisvollen

Gebärden gab er zögernd und doch ungeduldig mit schüchternen

Umschweifen kund, er wisse einen Trost, eine vollkommene Weisheit, die

jedem ernstlich Suchenden offen stehe.

»Ich weiß schon,« sagte ich, »Sie meinen die Bibel.«

Herr Lohe lächelte schlau. »Die Bibel ist gut, sie ist ein Weg zum

Wissen. Aber sie ist nicht das Wissen selbst.«

»Und wo ist das, das Wissen selbst?«

»Das werden Sie leicht finden, wenn Sie wollen. Ich gebe Ihnen etwas

zum Lesen mit, das gibt Ihnen die Elemente. Haben Sie schon von der

Lehre vom Karma gehört?«

»Vom Karma? Nein, was ist das?«

»Das werden Sie sehen, warten Sie!« Er lief weg und blieb eine Weile

aus, während ich erstaunt in ungewisser Erwartung saß und in den Garten

hinunter sah, wo Zwergobstbäume in tadellosen Reihen standen. Bald kam

Lohe wieder gelaufen. Strahlend sah er mich an und streckte mir ein

Büchlein entgegen, das trug inmitten einer geheimnisvollen Linienkunst

die Aufschrift: »Theosophischer Katechismus für Anfänger«.

»Nehmen Sie das mit!« bat er. »Sie können es behalten, und wenn Sie

weiter studieren wollen, kann ich Ihnen noch mehr leihen. Das hier ist

nur zur Einführung. Ich verdanke dieser Lehre alles. Ich bin durch sie

gesund geworden an Leib und Seele, und hoffe es wird auch Ihnen so

gehen.«

Ich nahm das kleine Buch hin und steckte es ein. Der Mann begleitete

mich durch den Garten zur Straße hinab, nahm freundlich Abschied

und bat mich bald wieder zu kommen. Ich sah ihm ins Gesicht, das

war gut und froh, und mir schien, es könne nicht schaden den Weg zu

solchem Glück einmal zu versuchen. So ging ich heim, das Büchlein

in der Tasche, neugierig auf die ersten Schritte dieses Pfades zur

Glückseligkeit.

Doch beschritt ich ihn erst nach einigen Tagen. Bei der Heimkehr

zogen die Noten mich wieder heftig an sich, ich stürzte mich darein

und schwamm in Musik, schrieb und spielte, bis der Sturm für diesmal

verrauscht war und ich ernüchtert ins Tagesleben zurückkehrte. Da

empfand ich alsbald das Bedürfnis, die neue Lehre zu studieren, und

setzte mich hinter das kleine Buch, das ich bald erschöpfen zu können

glaubte.

Es ging aber nicht so leicht. Das kleine Büchlein schwoll mir unter den

Händen und zeigte sich am Ende unüberwindlich. Es begann mit einer

hübschen und anziehenden Einleitung über die vielen Wege zur Weisheit,

deren jeder seine Geltung habe, und über die theosophische Brüderschaft

derer, die in Freiheit nach Wissen und innerer Vollkommenheit

streben wollen, denen jeder Glaube heilig und jeder Pfad zum Lichte

willkommen ist. Alsdann kam eine Kosmogonie, die ich nicht verstand,

eine Einteilung der Welt in verschiedene »Ebenen« und der Geschichte

in merkwürdige, mir unbekannte Zeitalter, wobei auch das versunkene

Land Atlantis eine Rolle spielte. Ich ließ dieses einstweilen auf

sich beruhen und machte mich an die anderen Kapitel, wo die Lehre

von der Wiedergeburt dargestellt war, die ich besser verstand. Doch

wurde mir nicht recht klar, ob das alles eine Mythologie und poetische

Fabel, oder wörtliche Wahrheit zu sein begehre. Es schien das letztere

der Fall zu sein, was mir nicht eingehen wollte. Nun kam die Lehre

vom Karma. Sie zeigte sich mir als eine religiöse Verehrung des

Kausalitätsgesetzes, die mir nicht übel gefiel. Und so ging es weiter.

Ich sah bald gar wohl ein, daß diese ganze Lehre nur für den ein Trost

und ein Schatz sein könne, der sie möglichst wörtlich und tatsächlich

hinnehme und innig glaube. Wem sie, wie mir, ein zum Teil schönes, zum

Teil krauses Sinnbild, der Versuch einer mythologischen Welterklärung

war, der konnte zwar von ihr lernen und ihr Achtung gönnen, nicht aber

Leben und Kraft von ihr haben. Man konnte vielleicht Theosoph sein mit

Geist und Würde, aber jener endgültige Trost winkte nur denen, die

es ohne viel Geist in einfältigem Glauben waren. Das war einstweilen

nichts für mich.

Doch ging ich noch mehrmals zu dem Präzeptor hin, der vor zwölf Jahren

mich und sich mit dem Griechischen geplagt hatte und nun auf so andere

Weise, und doch ebenso erfolglos, mein Lehrer und Führer zu sein

strebte. Freunde wurden wir nicht, aber ich kam gerne zu ihm, er war

einige Zeit hindurch der einzige Mensch, mit dem ich über wichtige

Fragen meines Lebens redete. Dabei machte ich zwar die Erfahrung, daß

dieses Reden keinen Wert hat und im besten Fall zu gescheiten Sprüchen

führt; doch war mir dieser gläubige Mann, den Kirche und Wissenschaft

kühl gelassen hatten und der nun in der späteren Hälfte des Lebens im

naiven Glauben an eine merkwürdig ausgeklügelte Lehre den Frieden und

die Herrlichkeit der Religion erlebte, rührend und beinahe ehrwürdig.

Mir ist, bei allem Bemühen, dieser Weg bis heute unzugänglich

geblieben, und ich habe zu frommen und in irgend einem Glauben

befestigten und befriedigten Menschen eine bewundernde Hinneigung, die

sie mir nicht erwidern können.

Während der kurzen Zeit meiner Besuche bei dem frommen Theosophen

und Obstzüchter erhielt ich eines Tags eine kleine Geldanweisung,

deren Herkunft mir dunkel war. Abgesandt war sie von einem bekannten

norddeutschen Konzertagenten, mit dem ich jedoch niemals zu tun gehabt

hatte. Auf meine Frage ward mir die Antwort, der Betrag sei im Auftrag

des Herrn Heinrich Muoth angewiesen und stelle mein Honorar dafür vor,

daß Muoth in sechs Konzerten ein von mir komponiertes Lied gesungen

habe.

Nun schrieb ich an Muoth, dankte ihm und bat um Bericht. Vor allem

hätte ich gern gewußt, wie mein Lied in den Konzerten aufgenommen

worden war. Von Muoths Konzertreise hatte ich wohl gehört und ein- oder

zweimal Zeitungsnotizen gelesen, von meinem Lied war aber da nicht die

Rede gewesen. Ich berichtete in meinem Brief mit der Ausführlichkeit

des Einsamen von meinem Leben und von meiner Arbeit, legte auch eines

der neuen Lieder bei. Dann wartete ich zwei, drei, vier Wochen auf

Antwort, und dann, da sie ausblieb, vergaß ich die ganze Sache wieder.

Immer noch schrieb ich fast alle Tage an meiner Musik, die mir wie im

Traume quoll. In den Pausen aber war ich schlaff und unzufrieden, das

Stundengeben fiel mir furchtbar schwer, ich fühlte, daß ich es nimmer

lang aushalten werde.

Es war mir daher wie die Erlösung aus einem Bann, als endlich doch ein

Brief von Muoth kam. Er schrieb:

Lieber Herr Kuhn! Ich bin kein Briefschreiber, darum ließ ich Ihren

Brief liegen, auf den ich nichts Rechtes zu antworten wußte. Jetzt

aber kann ich mit wirklichen Vorschlägen kommen. Ich bin jetzt am

Opernhaus hier in R. angestellt und es wäre schön, wenn Sie auch

kämen. Sie könnten fürs erste als zweiter Geiger bei uns unterkommen,

der Kapellmeister ist ein vernünftiger und freier Mann, wenn auch ein

Grobian. Wahrscheinlich findet sich auch Gelegenheit, bald etwas von

Ihnen hier zu spielen, wir haben gute Kammermusik. Wegen der Lieder

wäre auch einiges zu sagen, unter anderem ist ein Verleger da, der sie

haben will. Aber das Schreiben ist so langweilig, kommen Sie selber!

Aber schnell, und telegraphieren Sie wegen der Stelle, es hat Eile.

Ihr Muoth.

Da war ich plötzlich aus meiner Einsiedelei und Nutzlosigkeit gerissen

und trieb wieder im Strom des Lebens, hatte Hoffnungen und Sorgen,

bangte und freute mich. Es gab nichts, was mich hielt, und meine Eltern

waren froh, mich auf die Bahn kommen und einen ersten entschiedenen

Schritt ins Leben tun zu sehen. Ich telegraphierte unverweilt, und drei

Tage später war ich schon in R. und bei Muoth.

Ich war in einem Hotel abgestiegen, hatte ihn besuchen wollen und nicht

gefunden. Nun kam er in den Gasthof und stand unvermutet vor mir. Er

gab mir die Hand, fragte nach nichts und erzählte nichts und teilte

meine Erregung nicht im mindesten. Er war gewohnt, sich treiben zu

lassen und immer nur den gegenwärtigen Augenblick ernst zu nehmen und

auszuleben. Er ließ mir kaum Zeit, mich umzukleiden, und brachte mich

zum Kapellmeister Rößler.

»Das ist Herr Kuhn,« sagte er.

Gertrud · 第 8 / 13 题