Das hatte ich nicht erwartet. Ich sollte meine Musik, um die noch
niemand wußte, vor Kennern spielen, und ich sollte mit Kranzl zusammen
geigen! Beschämt und dankbar sagte ich zu und wurde schon nach zwei
Tagen von Kranzl aufgefordert, ihm die Noten zu schicken. Und wieder
nach ein paar Tagen lud er mich ein. Der beliebte Geiger war noch jung,
ein Mann vom Virtuosenzuschnitt, sehr schmal und schlank und blaß.
»So,« sagte er gleich bei meinem Eintreten, »Sie sind also der Freund
von Muoth. Ja, da wollen wir gleich anfangen. Wenn wir aufpassen,
wird's nach zwei-, dreimal schon gehen.«
Damit setzte er mir einen Stuhl hin, legte mir die zweite Geigenstimme
vor, markierte den Takt und fing an, mit seinem leichten empfindlichen
Strich, daß ich daneben ganz zusammensank.
»Nur nit so schüchtern!« rief er mir zu, ohne das Spiel zu
unterbrechen, und wir spielten das Ganze durch.
»So, es geht ja?« sagte er. »Schad, daß Sie keine bessere Geigen haben.
Tut aber nichts. Das Allegro nehmen wir dann aber ein bissel schneller,
daß man's nit für einen Trauermarsch anschaut. Los!«
Und da spielte ich nun neben dem Virtuosen ganz zutraulich meine Noten
herunter, meine einfache Geige klang mit seiner kostbaren zusammen als
müsse es so sein, und ich war erstaunt, den apart aussehenden Herrn so
zwanglos, ja naiv zu finden. Als ich warm geworden und etwas zu Mut
gekommen war, fragte ich ihn zögernd nach seinem Urteil über meine
Komposition.
»Da müssen's ein' andern fragen, lieber Herr, ich versteh' nit viel
davon. Ein bissel sonderbar ist's schon, aber des haben die Leut ja
gern. Wann's dem Muoth gefallt, können's sich schon was einbilden, der
frißt nit alles.«
Er gab mir Ratschläge wegen des Spiels und zeigte mir einige Stellen,
denen Änderungen nottaten. Dann wurde auf morgen eine weitere Probe
verabredet und ich konnte gehen.
Es war mir ein Trost, diesen Geigenmann so einfach und bieder zu
finden. Wenn der zu Muoths Freunden gehörte, konnte ich dort zur Not
auch bestehen. Freilich war er ein fertiger Künstler und ich ein
Anfänger ohne große Aussichten. Leid tat mir nur, daß niemand sich
offen über meine Arbeit äußern wollte. Das härteste Urteil wäre mir
lieber gewesen als diese gutmütigen Sprüche, die nichts sagten.
Es war in jenen Tagen bitter kalt, man konnte es kaum erheizen. Meine
Kameraden liefen eifrig Schlittschuh, es jährte sich seit unserem
Ausflug mit Liddy. Für mich war das keine gute Zeit und ich freute mich
auf den Abend bei Muoth, ohne mir sonst viel davon zu versprechen, nur
weil ich so lang keine Freunde und keine Fröhlichkeit mehr gesehen
hatte. In der Nacht vor dem elften Januar erwachte ich an einem
ungewohnten Geräusch und einer fast erschreckenden Wärme der Luft. Ich
stand auf und ging ans Fenster, verwundert, daß es nimmer kalt war. Da
war plötzlich der Südwind gekommen, es wehte gewaltig feucht und lau,
in der Höhe schob der Sturm große schwerfällige Wolkenzüge vor sich
über den Himmel, an dem in schmalen Lücken einzelne Sterne sonderbar
groß und blendend strahlten. Die Dächer hatten schon schwarze Flecken,
und am Morgen, als ich ausging, war aller Schnee vergangen. Die Straßen
und Gesichter sahen seltsam verändert aus und über allem schwamm ein
verfrühter Hauch von Frühling.
Ich ging an jenem Tage in einem leisen fieberhaften Rausch umher, teils
wegen des Südwindes und der gärenden Luft, teils in großer Erregung und
Erwartung des Abends. Oftmals nahm ich meine Sonate vor und spielte
Stücke daraus, und warf sie wieder weg. Bald fand ich sie wahrhaft
schön und hatte meine stolze Freude an ihr, bald kam sie mir plötzlich
kleinlich, zerrissen und unklar vor. Ich hätte diese Aufregung und
Bangigkeit nicht lange ertragen. Schließlich wußte ich nimmer, ob ich
mich auf den herankommenden Abend freue oder fürchte.
Er kam dennoch, ich zog den Gehrock an, nahm meinen Geigenkasten
mit und suchte Muoths Wohnung auf. Weit in der Vorstadt in einer
unbekannten und unbegangenen Straße fand ich in der Dunkelheit mit
Mühe das Haus, es lag allein in einem großen Garten, der verfallen und
ungepflegt erschien, hinter der unverschlossenen Gartentür fiel ein
großer Hund mich an, der von einem Fenster her zurückgepfiffen wurde
und murrend mich zum Eingang begleitete. Hier empfing mich eine alte
kleine Frau mit ängstlichen Augen, nahm mir den Mantel ab und führte
mich durch einen hell erleuchteten Korridor hinein.
Der Geigenspieler Kranzl wohnte sehr nobel, und ich hatte erwartet, es
auch bei Muoth, der für reich galt, ziemlich glänzend zu finden. Nun
sah ich zwar große weite Räume, viel zu groß für einen Junggesellen,
der wenig zu Hause ist, sonst aber alles sehr einfach, oder eigentlich
nicht einfach, sondern zufällig und ungeordnet. Die Möbel waren zum
Teil alt und schienen zum Hause zu gehören, dazwischen standen neue
Sachen, wahllos gekauft und ohne Sorgfalt aufgestellt. Glänzend war nur
die Beleuchtung. Es brannte kein Gas, statt dessen eine große Menge
weißer Kerzen in einfachen, schönen Zinnleuchtern, im Hauptraume auch
eine Art Kronleuchter, ein schlichter Messingring mit vielen Kerzen
besteckt. Hier stand als Hauptstück ein sehr schöner Flügel.
In dem Zimmer, in das ich geführt wurde, standen einige Herren im
Gespräch beisammen. Ich stellte meinen Kasten ab und grüßte, einige
nickten und wandten sich wieder zueinander, ich stand fremd da. Nun
kam Kranzl, der bei ihnen war und mich nicht gleich beachtet hatte,
zu mir, gab mir die Hand, stellte mich seinen Bekannten vor und sagte:
»Das ist unser neuer Geiger. Haben's auch die Geigen mitbracht?« Dann
rief er ins Nebenzimmer hinüber: »Du, Muoth, der mit der Sonaten ist
da.«
Jetzt kam Heinrich Muoth herein, begrüßte mich sehr freundlich und
nahm mich mit ins Flügelzimmer, wo es festlich und warm aussah und
eine schöne Frau im weißen Kleid mir ein Glas Sherry einschenkte. Es
war eine Schauspielerin vom Hoftheater, übrigens sah ich zu meinem
Erstaunen sonst keinen Kollegen des Hausherrn eingeladen, auch war sie
die einzige Dame.
Als ich mein Gläschen halb in Verlegenheit, halb in unwillkürlichem
Wärmebedürfnis nach dem feuchten Nachtgang rasch ausgetrunken hatte,
schenkte sie mir wieder ein und ließ meine Abwehr nicht gelten. »Nehmen
Sie nur, es kann nichts schaden. Wir kriegen nämlich erst nach der
Musik etwas zu essen. Sie haben doch die Geige mitgebracht, und die
Sonate?«
Ich gab spröde Antwort und war befangen, wußte auch nicht, in welchem
Verhältnis sie zu Muoth stehe. Sie schien die Hausfrau zu machen und
war übrigens eine Augenweide, wie ich denn auch in der Folge meinen
neuen Freund stets nur mit exemplarisch schönen Frauen Umgang pflegen
sah.
Indessen sammelten sich alle im Musikzimmer, Muoth stellte ein
Notenpult auf, man setzte sich, und bald war ich mit Kranzl mitten in
der Musik. Ich spielte, ohne es zu fühlen, es kam mir miserabel vor,
und nur wie jagendes Wetterleuchten überflog mich zwischenein je und
je für Sekunden das Bewußtsein, daß ich hier mit Kranzl spiele, und
daß das der zag erwartete große Abend sei, und daß da eine kleine
Gesellschaft von Kennern und verwöhnten Musikern sitze, denen wir
meine Sonate vorspielten. Erst während des Rondo begann ich zu hören,
daß Kranzl herrlich spielte, doch war ich immer noch so befangen und
außerhalb der Musik, daß ich ununterbrochen an anderes dachte und
mir plötzlich einfiel, daß ich Muoth noch gar nicht zum Geburtstag
gratuliert habe.
Nun war die Sonate ausgespielt, die schöne Dame erhob sich, gab mir und
Kranzl die Hand und öffnete die Tür zu einem kleineren Zimmer, wo uns
ein gedeckter Tisch mit Blumen und Weinflaschen erwartete.
»Endlich!« rief einer von den Herren, »ich bin schier verhungert.«
Die Dame meinte: »Sie sind doch ein Scheusal. Was soll der Komponist
denken?«
»Welcher Komponist, ist er denn da?«