Wenn ich, von außen her, über mein Leben weg schaue, sieht es nicht
besonders glücklich aus. Doch darf ich es noch weniger unglücklich
heißen, trotz aller Irrtümer. Es ist am Ende auch ganz töricht, so nach
Glück und Unglück zu fragen, denn mir scheint, die unglücklichsten
Tage meines Lebens gäbe ich schwerer hin als alle heiteren. Wenn es in
einem Menschenleben darauf ankommt, das Unabwendbare mit Bewußtsein
hinzunehmen, das Gute und Üble recht auszukosten und sich neben dem
äußeren ein inneres, eigentlicheres, nicht zufälliges Schicksal zu
erobern, so war mein Leben nicht arm und nicht schlecht. Ist das äußere
Schicksal über mich hingegangen wie über alle, unabwendbar und von
Göttern verhängt, so ist mein inneres Geschick doch mein eigenes Werk
gewesen, dessen Süße oder Bitterkeit mir zukommt und für das ich die
Verantwortung allein auf mich zu nehmen denke.
Manchmal in früheren Jahren habe ich gewünscht, ein Dichter zu sein.
Wäre ich einer, so widerstünde ich der Lockung nicht, meinem Leben bis
in die zarten Schatten der Kinderzeit und bis zu den lieben, zärtlich
gehüteten Quellen meiner frühesten Erinnerungen nachzugehen. So aber
ist mir dieser Besitz allzu lieb und heilig, als daß ich ihn mir etwa
selber verderben möchte. Von meiner Kindheit ist nur zu sagen, daß sie
schön und heiter war; man ließ mir die Freiheit, meine Neigungen und
Gaben selber zu entdecken, mir meine innigsten Freuden und Schmerzen
selber zu schaffen und die Zukunft nicht als eine fremde Macht von
oben, sondern als die Hoffnung und den Erwerb meiner eigenen Kräfte
anzusehen. So ging ich unberührt durch die Schulen, als ein unbeliebter
und wenig begabter, doch ruhiger Schüler, den man am Ende gewähren
ließ, da er keine starken Einflüsse zu dulden schien.
Etwa von meinem sechsten oder siebenten Jahr an begriff ich, daß von
allen unsichtbaren Mächten die Musik mich am stärksten zu fassen und
zu regieren bestimmt sei. Von da an hatte ich meine eigene Welt, meine
Zuflucht und meinen Himmel, den mir niemand nehmen oder schmälern
konnte und den ich mit niemand zu teilen begehrte. Ich war Musiker,
obwohl ich vor meinem zwölften Jahre kein Instrument spielen lernte
und nicht daran dachte, später mein Brot mit Musikmachen verdienen zu
wollen.
Dabei ist es seither geblieben, ohne daß etwas Wesentliches sich
geändert hat, und darum erscheint mir beim Rückblick mein Leben nicht
bunt und vielgestaltig, sondern von Anfang an auf einen Grundton
gestimmt und auf einen einzigen Stern gestellt. Mochte es sonst wohl
oder übel gehen, mein innerstes Leben blieb unverändert. Ich mochte
lange Zeiten auf fremden Wassern treiben, kein Notenheft und kein
Instrument anrühren, eine Melodie lag mir doch zu jeder Stunde im Blut
und auf den Lippen, ein Takt und Rhythmus im Atemholen und Leben. So
begierig ich auf manchen anderen Wegen nach Erlösung, nach Vergessen
und Befreiung suchte, so sehr ich nach Gott, nach Erkenntnis und
Frieden dürstete, gefunden habe ich das alles immer nur in der Musik.
Es brauchte nicht Beethoven oder Bach zu sein: -- daß überhaupt Musik
in der Welt ist, daß ein Mensch zuzeiten bis ins Herz von Takten
bewegt und von Harmonien durchflutet werden kann, das hat für mich
immer wieder einen tiefen Trost und eine Rechtfertigung alles Lebens
bedeutet. O Musik! Eine Melodie fällt dir ein, du singst sie ohne
Stimme, nur innerlich, durchtränkst dein Wesen mit ihr, sie nimmt von
allen deinen Kräften und Bewegungen Besitz -- und für die Augenblicke,
die sie in dir lebt, löscht sie alles Zufällige, Böse, Rohe, Traurige
in dir aus, läßt die Welt mitklingen, macht das Schwere leicht und das
Starre beflügelt! Das alles kann die Melodie eines Volksliedes tun!
Und erst die Harmonie! Schon jeder wohllautende Zusammenklang rein
gestimmter Töne, etwa in einem Geläut, sättigt das Gemüt mit Anmut
und Genuß, und steigert sich mit jedem hinzuklingenden Ton, und kann
zuweilen das Herz entzünden und vor Wonne zittern machen, wie keine
andere Wollust es vermag.
Von allen Vorstellungen reiner Seligkeit, die sich Völker und
Dichter erträumt haben, schien mir immer die höchste und innigste
jene vom Erlauschen der Sphärenharmonie. Daran haben meine tiefsten
und goldensten Träume gestreift -- einen Herzschlag lang den Bau
des Weltalls und die Gesamtheit alles Lebens in ihrer geheimen,
eingeborenen Harmonie tönen zu hören. Ach, und wie kann denn das Leben
so wirr und verstimmt und verlogen sein, wie kann nur Lüge, Bosheit,
Neid und Haß unter Menschen sein, da doch jedes kleinste Lied und jede
bescheidenste Musik so deutlich predigt, daß Reinheit, Harmonie und
brüderliches Spiel klargestimmter Töne den Himmel öffnet! Und wie mag
ich selber schelten und zürnen, da ich selber, mit allem guten Willen,
aus meinem Leben kein Lied und keine reine Musik habe machen können!
Im Innersten spüre ich wohl den unabweislichen Mahner, das dürstende
Verlangen nach einem reinen, wohlgefälligen, in sich seligen Tönen und
Verklingen; meine Tage aber sind voll Zufall und Mißklang, und wohin
ich mich wende und wo ich poche, es tönt mir nirgends lauter und klar
zurück.
Nichts mehr davon, ich will erzählen. Wenn ich mich nun besinne, für
wen ich diese Blätter beschreibe, wer eigentlich so viel Macht über
mich hat, daß er Bekenntnisse von mir fordern und meine Einsamkeit
durchbrechen kann, so muß ich einen lieben Frauennamen sagen, der mir
nicht nur ein großes Stück Erleben und Schicksal umfaßt, sondern wohl
auch als Stern und hohes Sinnbild über allem stehen mag.
* * * * *
Erst während der letzten Schuljahre, als alle meine Kameraden von
ihren künftigen Berufen zu reden begannen, fing auch ich an hierüber
nachzudenken. Die Musik zu meinem Beruf und Erwerb zu machen, lag
mir eigentlich fern; doch konnte ich mir keinen andern Beruf denken,
der mir Freude gemacht hätte. Ich hatte gegen den Handel oder andre
Gewerbe, die mein Vater mir vorschlug, keinen Widerwillen, sie waren
mir nur gleichgültig. Aber da meine Kameraden so stolz auf die von
ihnen gewählten Berufe taten, vielleicht auch eine Stimme in mir dafür
eintrat, schien es mir doch gut und richtig, das zu meinem Beruf zu
machen, was ohnehin meine Gedanken ausfüllte und mir allein rechte
Freude machte. Es kam mir zustatten, daß ich seit meinem zwölften Jahr
das Violinspielen begonnen und unter einem guten Lehrer etwas Rechtes
gelernt hatte. So sehr nun mein Vater sich wehrte und davor bangte,
seinen einzigen Sohn die ungewisse Laufbahn eines Künstlers einschlagen
zu sehen, gerade an seinem Widerstand wuchs mein Wille, und der Lehrer,
der mich gern hatte, trat für meinen Wunsch nach Kräften ein. Am Ende
gab mein Vater nach, es wurde mir nur zur Prüfung meiner Ausdauer und
in der Hoffnung auf eine Sinnesänderung noch ein Schuljahr zudiktiert,
das ich mit leidlicher Geduld absaß und währenddessen ich meines
Begehrens nur sicherer wurde.
Während dieses letzten Schuljahres verliebte ich mich zum erstenmal,
in ein hübsches junges Fräulein unsrer Bekanntschaft. Ohne sie viel
zu sehen und auch ohne dies stark zu begehren, genoß und durchlitt
ich die süßen Bewegungen der ersten Liebe wie in einem Traume. Und in
dieser Zeit, da ich den ganzen Tag ebensosehr an meine Musik wie an
meine Liebe dachte und nachts vor herrlicher Erregung nicht schlafen
konnte, hielt ich zum erstenmal mit Bewußtsein Melodien fest, die mir
einfielen, zwei kleine Lieder, und versuchte sie aufzuschreiben. Das
erfüllte mich mit einem schamhaften, doch durchdringenden Vergnügen,
über dem ich meine spielerische Liebesnot fast ganz vergaß. Inzwischen
hörte ich, daß meine Geliebte Singstunden nehme, und war sehr begierig,
sie einmal singen zu hören. Nach Monaten ward mein Wunsch erfüllt, bei
einer Abendgesellschaft im Haus meiner Eltern. Das hübsche Mädchen ward
aufgefordert zu singen, wehrte sich heftig und mußte am Ende doch, und
ich wartete darauf mit einer ungeheuren Spannung. Ein Herr begleitete
an unsrem kleinen schmalen Klavierchen, er spielte ein paar Takte und
sie begann. Ach, sie sang schlecht, traurig schlecht, und noch während
sie sang, verwandelte sich meine Bestürzung und Qual zu Mitleid und
dann zu Humor, und künftig war ich dieser Verliebtheit ledig.
Ich war ein geduldiger und nicht gerade unfleißiger, aber kein guter
Schüler, und im letzten Jahr gab ich mir vollends wenig Mühe mehr.
Daran war nicht Trägheit und auch nicht meine Verliebtheit schuld,
sondern ein Zustand jünglinghafter Träumerei und Gleichgültigkeit,
eine Dumpfheit der Sinne und des Kopfes, die nur zuweilen plötzlich
und heftig unterbrochen ward, wenn eine von den wunderbaren Stunden
verfrühter schöpferischer Lust mich wie in Äther hüllte. Dann fühlte
ich mich von einer überklaren, kristallnen Luft umgeben, in der kein
Träumen und Vegetieren möglich war, wo alle Sinne sich geschärft
und wachsam auf die Lauer legten. Was in diesen Stunden entstand,
war wenig, vielleicht zehn Melodien und einige Anfänge harmonischer
Gestaltungen; aber die Luft dieser Stunden vergaß ich nimmer, diese
überklare fast kalte Luft und diese gespannte Zusammenfassung der
Gedanken, um einer Melodie die rechte, einzige, nicht mehr zufällige
Bewegung und Lösung zu geben. Zufrieden war ich mit diesen kleinen
Leistungen nicht und hielt sie nie für etwas Gültiges und Gutes, aber
das wurde mir klar, daß in meinem Leben nichts so begehrenswert und
wichtig sein werde wie die Wiederkehr solcher Stunden der Klarheit und
des Schaffens.
Daneben kannte ich auch Tage des Schwärmens, wo ich auf der Geige
phantasierte und den Rausch flüchtiger Einfälle und farbiger Stimmungen
genoß. Nur wußte ich bald, daß das kein Schaffen war, sondern ein
Spielen und Schwelgen, vor dem ich mich zu hüten habe. Ich merkte,
daß es ein andres Ding ist seinen Träumen nachzugehen und berauschte
Stunden auszukosten, als unerbittlich und klar mit den Geheimnissen
der Form wie mit Feinden zu ringen. Und ich merkte schon damals
etwas davon, daß ein rechtes Schaffen einsam macht und etwas von uns
verlangt, was wir dem Behagen des Lebens abbrechen müssen.
Endlich war ich frei, hatte die Schule hinter mir, den Eltern Lebewohl
gesagt und ein neues Leben als Schüler des Konservatoriums in der
Hauptstadt begonnen. Ich tat dies mit großen Erwartungen und war
überzeugt gewesen, ich würde in der Musikschule ein guter Schüler sein.
Zu meinem peinlichen Erstaunen kam es aber anders. Ich hatte Mühe dem
Unterricht überall zu folgen, fand in Klavierunterricht, den ich jetzt
nehmen mußte, nur eine große Plage und sah bald mein ganzes Studium wie
einen unersteiglichen Berg vor mir liegen. Wohl war ich nicht gesonnen
nachzugeben, doch war ich enttäuscht und befangen. Ich sah jetzt, daß
ich bei aller Bescheidenheit mich doch für eine Art von Genie gehalten
und die Mühen und Schwierigkeiten des Weges zur Kunst bedenklich
unterschätzt hatte. Dazu ward mir das Komponieren gründlich entleidet,
da ich jetzt bei der geringsten Aufgabe nur Berge von Schwierigkeiten
und Regeln sah, meinem Gefühl durchaus mißtrauen lernte und nicht
mehr wußte, ob überhaupt ein Funke von eigener Kraft in mir sei. So
beschied ich mich, wurde klein und traurig, ich tat meine Arbeit wenig
anders als ich die in einem Kontor oder in einer andern Schule getan
hätte, fleißig und freudlos. Klagen durfte ich nicht, am wenigsten in
meinen Briefen nach Hause, sondern ging den begonnenen Weg in stiller
Enttäuschung weiter und nahm mir vor, wenigstens ein ordentlicher
Geiger zu werden. Ich übte und übte, steckte Grobheiten und Spott der
Lehrer ein, sah manche andere, denen ich es nicht zugetraut hätte,
leicht vorwärtskommen und Lob ernten, und steckte meine Ziele immer
niedriger. Denn auch mit dem Geigen stand und ging es nicht so, daß
ich darauf hätte stolz sein können und etwa an ein Virtuosentum denken
dürfen. Es sah ganz so aus, als könne aus mir bei gutem Fleiß zur Not
ein brauchbarer Handwerker werden, der in irgendeinem kleinen Orchester
seine bescheidene Geige ohne Schande und ohne Ehre spielt und dafür
sein Brot bekommt.
So war diese Zeit, die ich so sehr ersehnt und von der ich mir alles
versprochen hatte, die einzige in meinem Leben, in der ich vom Geist
der Musik verlassen freudlose Wege ging und Tage ohne Klang und Takt
dahinlebte. Wo ich Genuß, Erhebung, Glanz und Schönheit gesucht hatte,
fand ich nur Forderungen, Regeln, Pflichten, Schwierigkeiten und
Gefahren. Fiel mir etwas Musikalisches ein, so war es entweder banal
und hundertmal dagewesen, oder es stand sichtlich mit allen Gesetzen
der Kunst in Widerspruch und konnte also nichts wert sein. Da packte
ich alle großen Gedanken und Hoffnungen ein. Ich war einer von den
Tausenden, die mit jugendlicher Frechheit zur Kunst gekommen sind und
deren Kraft versagt, wenn es Ernst werden soll.
Dieser Zustand dauerte wohl etwa drei Jahre. Ich war nun über zwanzig
Jahre alt, hatte offenbar meinen Beruf verfehlt und ging den begonnenen
Weg nur aus Scham und Pflichtgefühl weiter. Ich wußte nichts mehr von
Musik, nur noch von Fingerübungen, schweren Aufgaben, Widersprüchen in
der Harmonielehre, drückenden Klavierlektionen bei einem spöttischen
Lehrer, der in allen meinen Bemühungen nur eine Zeitvergeudung sah.
Wäre das alte Ideal nicht doch noch heimlich in mir lebendig gewesen,
so hätte ich es in diesen Jahren recht gut haben können. Ich war frei
und hatte Freunde, war ein hübscher und blühender junger Mensch, ein
Sohn wohlhabender Eltern. Für Augenblicke genoß ich alles das, es gab
vergnügte Tage, Liebeleien, Zechereien, Ferienfahrten. Aber es war mir
nicht möglich mich dabei zu trösten, meine Pflicht in Kürze abzutun und
vor allem meiner jungen Tage froh zu werden. Ohne daß ich davon wußte,
blickte mein Heimweh doch noch in allen unbewachten Stunden nach dem
untergegangenen Stern der Künstlerschaft aus, es war mir unmöglich die
Enttäuschung zu vergessen und zu betäuben. Nur einmal gelang es mir
gründlich.
Es war der törichtste Tag meiner törichten Jugend. Ich lief damals
einer Schülerin des berühmten Gesanglehrers H. nach. Ihr schien es
ähnlich zu gehen wie mir, sie war mit großen Hoffnungen gekommen, hatte
strenge Lehrer gefunden, war die Arbeit nicht gewohnt und glaubte
schließlich sogar ihre Stimme zu verlieren. Sie legte sich auf die
leichte Seite, flirtete mit uns Kollegen und wußte uns alle toll zu
machen, wozu freilich nicht gar viel gehörte. Sie hatte die feurige,
lebhaft farbige Schönheit, die bald verblüht.
Diese schöne Liddy nahm mich mit ihrer naiven Koketterie immer wieder
gefangen, wenn ich sie sah. Ich war nie lange Zeit in sie verliebt,
ich vergaß sie oft völlig, aber wenn ich bei ihr war, schlug jedesmal
die Verliebtheit wieder über mir zusammen. Sie spielte mit mir wie mit
andern, reizte uns, genoß ihre Macht und war selber dabei nur mit der
neugierigen Sinnlichkeit ihrer Jugend beteiligt. Sie war sehr schön,
aber nur wenn sie sprach und in Bewegung war, wenn sie mit ihrer warmen
tiefen Stimme lachte, wenn sie tanzte oder sich an der Eifersucht ihrer
Liebhaber ergötzte. So oft ich von einer Gesellschaft heimkam, in der
ich sie gesehen hatte, lachte ich mich selber aus und bewies mir, daß
ein Mensch von meiner Art unmöglich diese gefällige Lebenskünstlerin
im Ernst lieben könne. Manchmal aber gelang es ihr wieder, mich durch
eine Geste, durch ein geflüstertes warmes Wort so zu erregen, daß ich
die halbe Nacht heiß und wild in der Nähe ihrer Wohnung unterwegs blieb.
Ich hatte damals eine kurze Periode der Wildheit und eines halb
erzwungenen Übermutes. Nach Tagen der Niedergeschlagenheit und
dumpfen Stille forderte meine Jugend stürmisch Bewegung und Rausch,
und ich ging dann mit einigen gleichaltrigen Kameraden Lustbarkeiten
und Streichen nach. Wir galten für lebenslustige, ausgelassene, ja
gefährliche Tumultuanten, was bei mir nicht zutraf, und genossen
bei Liddy und ihrem kleinen Kreise einen zweifelhaften, doch süßen
Heldenruhm. Wie viel von diesem Treiben echte Jugendlust und wieviel
gewollte Betäubung war, kann ich heute nimmer entscheiden, da ich jenen
Zuständen und aller äußerlichen Jugendlichkeit längst völlig entwachsen
bin. Wenn ein Zuviel dabei war, so habe ich es gebüßt.
An einem Wintertage, da kein Unterricht war, zogen wir miteinander
vor die Stadt hinaus, acht oder zehn junge Leute, darunter Liddy mit
drei Freundinnen. Wir hatten Rodelschlitten mit, deren Benützung
damals noch für ein Kindervergnügen galt, und suchten in der
bergigen Umgebung der Stadt die Straßen und Wiesenhänge nach guten
Schlittenbahnen ab. Ich erinnere mich des Tages genau, es war mäßig
kalt, zuweilen kam die Sonne für Viertelstunden hervor, die kräftige
Luft roch herrlich nach Schnee. Die Mädchen standen mit ihren farbigen
Kleidern und Tüchern prächtig im weißen Grunde, die herbe Luft war
berauschend und die heftige Bewegung in dieser Frische eine Lust. Unsre
kleine Gesellschaft war in fröhlichster Laune, Ulknamen und Hänseleien
flogen hin und wider, wurden durch Schneeballen beantwortet und führten
zu kleinen Kriegen, bis wir alle heiß und voll Schnee dastanden und
eine Weile veratmen mußten, ehe wir von neuem begannen. Es wurde eine
große Schneeburg gebaut, belagert und erstürmt, dazwischen fuhren wir
da und dort einmal einen kleinen Wiesenabhang auf unseren Schlitten
hinunter.
Um Mittag, als wir alle von dem Gestürme grimmig hungrig geworden
waren, suchten und fanden wir ein Dorf und ein gutes Wirtshaus, ließen
sieden und braten, bemächtigten uns des Klavieres, sangen, schrien,
bestellten Wein und Grog. Das Essen kam und wurde festlich begangen,
der gute Wein floß reichlich, danach begehrten die Mädchen Kaffee,
während wir die Liköre versuchten. Es war ein Geschrei und Festlärm
in der kleinen Stube, daß uns allen die Köpfe rauchten. Ich war immer
in Liddys Nähe, die mich heute in gnädiger Laune durch besondre Gunst
auszeichnete. Sie blühte in dieser Luft voll Lustbarkeit und Rausch
gar prächtig auf, ließ ihre hübschen Augen blitzen und duldete manche
halb kühn, halb ängstlich gewagte Zärtlichkeit. Ein Pfänderspiel wurde
begonnen, wobei die Pfänder am Klavier durch Nachahmung irgendeines
unsrer Lehrer eingelöst werden mußten, manche aber auch durch Küsse,
deren Zahl und Beschaffenheit genau beobachtet wurde.
Als wir glühend und lärmend das Haus verließen und den Heimweg
antraten, war es noch früh am Nachmittag, doch begann es schon ein
wenig zu dämmern. Wieder tollten wir wie ausgelassene Kinder durch
den Schnee, ohne Eile durch den leis herankommenden Abend nach der
Stadt zurückkehrend. Es gelang mir, an Liddys Seite zu bleiben, zu
deren Ritter ich mich nun aufwarf, nicht ohne Widerspruch der andern.
Ich zog sie streckenweise auf meinem Schlitten und schützte sie nach
Kräften vor den immer wieder versuchten Angriffen mit Schneeballen.
Schließlich ließ man uns gewähren, jedes der Mädchen fand seinen
Genossen, und nur zwei ledig gebliebene Herrlein zogen neckend und
kriegslustig nebenher. Ich war nie so erregt und toll verliebt
gewesen wie in jenen Stunden, Liddy hatte meinen Arm genommen und
duldete es, daß ich sie im Gehen leise an mich zog. Dabei plauderte
sie bald geschwätzig in den Abend hinein, bald schwieg sie glücklich
und, wie mir schien, verheißungsvoll an meiner Seite. Ich brannte
und war entschlossen, diese Gelegenheit nach Kräften zu benützen,
zumindest aber diesen traulich zärtlichen Zustand so lange als möglich
festzuhalten. Es hatte auch niemand etwas dagegen, als ich kurz vor
der Stadt noch einen Umweg vorschlug und in einen schönen Höhenweg
einbog, der steil über dem Tale im Halbkreis hinlief, reich an weiten
Aussichten auf das Flußtal und die Stadt, die schon mit blitzenden
Laternenreihen und tausend roten Lichtern aus der Tiefe glänzte.
Liddy hing noch immer an meinem Arm und ließ mich reden, nahm meine
glühenden Überschwänglichkeiten lachend hin und schien doch selber tief
erregt zu sein. Als ich sie aber mit leiser Gewalt an mich zog und
küssen wollte, machte sie sich los und sprang beiseite.
»Schauen Sie«, rief sie aufatmend, »die Wiese da hinunter müssen wir
schlitteln! Oder haben Sie Angst, Sie Held?«
Ich schaute hinunter und war erstaunt, denn der Abhang war so jäh, daß
mir wirklich einen Augenblick vor dieser frechen Fahrt graute.
»Das geht nicht«, sagte ich leichthin, »es ist schon viel zu dunkel.«
Sofort fiel sie mit Spott und Entrüstung über mich her, nannte mich
einen Hasenfuß und verschwor sich, den Hang allein hinab zu fahren,
wenn ich zu feig sei mitzukommen.
»Umwerfen werden wir natürlich«, meinte sie lachend, »aber das ist ja
doch das Lustigste bei der ganzen Fahrerei.«
Da sie mich so reizte, kam mir ein Einfall.
»Liddy«, sagte ich leise, »wir fahren. Wenn wir umwerfen, dürfen Sie
mich mit Schnee einreiben, aber wenn wir glatt hinunterkommen, will ich
auch meinen Lohn haben.«
Sie lachte nur und setzte sich auf den Schlitten. Ich sah ihr in die
Augen, die glühten warm und lustig, da nahm ich ganz vorn Platz, hieß
sie sich an mich klammern und fuhr ab. Ich spürte wie sie mich umfaßte,
ihre Hände auf meiner Brust kreuzend, und ich wollte ihr noch etwas
zurufen, konnte aber nicht mehr. Die Steile war so jäh, daß ich das
Gefühl hatte in die leere Luft zu stürzen. Sofort suchte ich mit beiden
Sohlen den Boden, um anzuhalten oder doch umzuwerfen, denn plötzlich
war mir eine Todesangst um Liddy ins Herz gefahren. Es war jedoch zu
spät. Der Schlitten sauste unaufhaltsam bergab, ich fühlte nur einen
kalten beißenden Schwall aufgewühlten Schneestaubes im Gesicht, dann
hörte ich Liddy angstvoll schreien, dann nichts mehr. Ein ungeheurer
Hieb wie von einem Schmiedehammer traf meinen Kopf, irgendwo tat es mir
schneidend weh. Das letzte Gefühl, das ich hatte, war das der Kälte.
Mit dieser kurzen flotten Schlittenfahrt habe ich meine Jugendlust und
Torheit gebüßt. Nachher war mit vielem andrem auch meine Liebe zu Liddy
ganz verflogen.
Dem Tumult und ängstlichen Getriebe, das auf den Unfall folgte, war ich
enthoben. Für die andern war es eine peinliche Stunde. Sie hörten Liddy
schreien, lachten und neckten von oben herab in die Dunkelheit hinein,
erkannten endlich, daß etwas Böses geschehen sei, stiegen mühsam herab
und brauchten eine Weile, bis sie aus dem Rausch und Übermut heraus
zur Überlegung kamen. Liddy war bleich und halb ohnmächtig, jedoch
durchaus unverletzt, nur ihre Handschuhe waren zerrissen und ihre
feinen weißen Hände etwas zerschunden und blutig. Mich trugen sie für
tot hinweg. Den Apfel- oder Birnbaum, an dem der Schlitten und meine
Knochen zerschellt waren, habe ich später vergeblich wieder zu finden
versucht.
Man dachte, ich sei einer Gehirnerschütterung erlegen, doch stand es
nicht so schlimm. Kopf und Gehirn waren zwar mitgenommen und es dauerte
sehr lange, bis ich im Spital wieder zur Besinnung kam, aber die Wunde
heilte und das Gehirn ruhte sich aus. Dagegen wollte das mehrfach
gebrochene linke Bein nicht wieder ganz in Ordnung kommen. Ich bin
seither ein Krüppel, der nur hinken, nicht mehr schreiten oder gar
laufen und tanzen kann. Damit war meiner Jugend unversehens ein Weg
in stillere Lande gewiesen, den ich nicht ohne Scham und Widerstreben
einschlug. Aber ich schlug ihn doch ein, und manchmal scheint es
mir, als möchte ich jene abendliche Schlittenfahrt und ihre Folgen
keineswegs in meinem Leben missen.
Freilich denke ich dabei weniger an das zerbrochene Bein als an die
andern Folgen jenes Unfalls, die weit freundlicher und freudiger
waren. War es das Unglück selbst mit seinem Schrecken und Blick in
das Dunkel oder war es das lange Liegen und monatelange Stillsein und
Besinnen, die Kur tat mir gut.
Der Beginn jener langen Liegezeit, etwa die erste Woche, ist ganz aus
meiner Erinnerung verschwunden. Ich war viel bewußtlos und auch nach
dem endgültigen Erwachen geschwächt und gleichgültig. Meine Mutter
war gekommen und saß alle Tage getreulich im Spital an meinem Bett.
Wenn ich sie ansah und ein paar Worte mit ihr sprach, schien sie
freundlich und fast heiter, obwohl sie, wie ich später erfuhr, Angst um
mich hatte, und zwar nicht um mein Leben, sondern um meinen Verstand.
Zuweilen plauderten wir in dem stillen, hellen Krankenzimmerchen
lange miteinander. Doch war unser Verhältnis nie sehr innig gewesen;
ich hatte stets mehr zum Vater gehalten. Nun war sie vom Mitleid und
ich von Dankbarkeit erweicht und zur Versöhnung gestimmt, wir waren
aber beide allzulange an ein gegenseitiges Zuwarten und lässiges
Geltenlassen gewöhnt, als daß nun die erwachende Herzlichkeit den Weg
in unsre Worte hätte finden mögen. Wir sahen einander zufrieden an und
ließen die Dinge unbesprochen. Sie war wieder meine Mutter, da sie
mich krank liegen hatte und pflegen konnte; und ich sah sie wieder mit
Knabengefühlen an und vergaß einstweilen alles andere. Später freilich
kehrte das alte Verhältnis wieder und wir vermieden es von diesem
Krankenlager viel zu reden, da es uns beide verlegen machte.
Allmählich begann ich meine Lage zu übersehen, und da ich die
Fieberzeit überwunden hatte und ruhig schien, machte der Arzt nicht
länger ein Geheimnis daraus, daß mir wohl für immer ein Andenken an
diesen Sturz bleiben werde. Ich sah meine Jugend, die ich noch kaum mit
einigem Bewußtsein genossen hatte, empfindlich beschnitten und verarmt
und hatte alle Zeit, mich mit dieser Sache abzufinden, denn das Liegen
dauerte noch wohl ein Vierteljahr.
Ich suchte denn auch eifrig in Gedanken meine Lage zu fassen und mir
ein Bild der Zukunft zu machen, doch kam ich damit nicht weit. Viel
Denken war noch nichts für mich, ich ermüdete immer bald und sank
in ein ausruhendes Hinträumen, womit mich die Natur vor Angst und
Verzweiflung bewahrte und mir die Ruhe zur Heilung erzwang. Immerhin
plagte mich mein Unglück manche Stunde und halbe Nacht, ohne daß ich
einen nennenswerten Trost hätte erdenken können.
Da war es in einer Nacht, daß ich nach wenigen Stunden leichten
Schlummers erwachte. Mir schien, ich habe etwas Gutes geträumt, und
ich strebte mich dessen wieder zu erinnern, doch vergebens. Es war
mir merkwürdig wohl und frei zumute, als habe ich alles Unangenehme
überwunden und hinter mir. Und wie ich lag und sann und leise Ströme
der Genesung und Erlösung um mich fühlte, trat mir eine Melodie auf die
Lippen, fast lautlos, die summte ich weiter und hörte nimmer auf, und
unversehens schaute mich wie ein enthüllter Stern die Musik wieder an,
der ich so lange fremd gewesen war, und mein Herz schlug ihren Takt,
und mein ganzes Wesen blühte auf und atmete neue reine Lüfte. Es kam
mir nicht zum Bewußtsein, es war nur da und durchdrang mich still, als
sängen leise Chöre von fern zu mir herein.
In diesem innig frischen Gefühl schlief ich wieder ein. Am Morgen war
ich froh und unbedrückt wie lang nicht mehr. Die Mutter merkte es und
fragte, was mich freue. Da besann ich mich, und nach einer Weile sagte
ich ihr, ich habe so lang nimmer an meine Geige gedacht, die sei mir
nun wieder eingefallen und ich freue mich auf sie.
»Du wirst aber noch lang nicht wieder spielen dürfen«, sagte sie etwas
ängstlich.
»Das schadet nichts, und wenn ich auch gar nimmer spielen könnte.«
Sie verstand mich nicht und ich konnte es ihr nicht erklären. Aber
sie merkte, daß es mir besser gehe und daß kein Feind hinter dieser
grundlosen Fröhlichkeit laure. Nach einigen Tagen fing sie vorsichtig
wieder davon an.
»Du, wie ist das nun eigentlich mit deiner Musik? Wir haben fast
geglaubt, sie sei dir verleidet, und der Vater hat mit deinen Lehrern
gesprochen. Wir wollen dir ja nicht dreinreden, am wenigsten jetzt
-- -- aber wir meinen, wenn du dich getäuscht hättest und es lieber
aufgeben möchtest, so solltest du es tun und nicht aus Trotz oder Scham
dabeibleiben. Was meinst du?«
Da fiel mir diese ganze Zeit der Entfremdung und Enttäuschung wieder
ein. Ich versuchte der Mutter zu erzählen, wie es mir gegangen war, und
sie schien es zu begreifen. Nun aber, meinte ich, sei ich meiner Sache
wieder sicherer geworden und jedenfalls wolle ich nicht so davonlaufen,
sondern erst zu Ende studieren. Dabei blieb es einstweilen. Im Grunde
meiner Seele, wohin die Frau nicht blicken konnte, war lauter Musik. Ob
es nun mit dem Geigen glückte oder nicht, ich hörte wieder die Welt wie
ein gutes Kunstwerk klingen und wußte, es sei außerhalb der Musik kein
Heil für mich. Erlaubte mein Zustand das Geigen nimmer, so mußte ich
darauf verzichten, vielleicht mußte ich einen andern Beruf suchen und
etwa Kaufmann werden; aber das alles war nicht allzu wichtig, ich würde
als Kaufmann oder was sonst nicht weniger Musik empfinden und in Musik
leben und atmen. Ich würde wieder komponieren! Es war nicht, wie ich
meiner Mutter gesagt hatte, das Geigen, worauf ich mich freute, sondern
es war das Musikmachen, das Schaffen, nach dem mir die Hände zitterten.
Schon fühlte ich zu manchen Zeiten wieder die lauteren Schwingungen
klarer Lüfte, die gespannte Kühle der Gedanken, wie früher in meinen
besten Stunden, und fühlte auch, daß daneben ein lahmes Bein und andre
Übel von geringer Bedeutung seien.
Von da an war ich Sieger, und so oft auch seither meine Wünsche ins
Land der Gesundheit und Jugendlust hinüberliefen, und so oft ich mit
Bitterkeit und zorniger Scham mein Krüppeltum haßte und verfluchte, es
ging mir dieses Leid doch nimmer so leicht über die Kraft; es war etwas
da, zu trösten und zu verklären.
Ab und zu kam mein Vater hergereist, die Mutter und mich zu besuchen,
und eines Tages, da es mir längst erträglich ging, nahm er sie wieder
mit sich nach Hause. Die ersten Tage fühlte ich mich etwas vereinsamt,
schämte mich auch, daß ich mit der Mutter zu wenig herzlich gesprochen
hatte und zu wenig auf ihre Gedanken und Sorgen eingegangen war. Doch
füllte mich jenes andere Gefühl zu sehr aus, als daß diese Gedanken
über wohlgemeinte Spielereien und Rührungen hinaus geraten wären.
Nun kam unerwartet jemand mich zu besuchen, der sich während der
Anwesenheit meiner Mutter nicht herbeigewagt hatte. Das war Liddy. Ich
war sehr erstaunt sie zu sehen. Es fiel mir im ersten Augenblick gar
nicht ein, wie nah ich ihr vor kurzem gestanden und wie sehr ich in sie
verliebt gewesen war. Sie kam in großer Verlegenheit, die sie schlecht
verbarg, hatte sich vor meiner Mutter und sogar vor dem Gericht
gefürchtet, da sie sich an meinem Unglück schuldig wußte, und begriff
nur langsam, daß die Sache nicht so schlimm war und sie im Grunde gar
nichts angehe. Nun atmete sie auf, doch war eine leise Enttäuschung
nicht zu verkennen. Das Mädchen hatte, bei allem bösen Gewissen, doch
im Grund ihres guten Weiberherzens sich an der ganzen Geschichte, an so
viel ergreifendem und rührendem Unglück, innigst erlabt. Sie brauchte
sogar mehrmals das Wort »tragisch«, worüber ich kaum das Lachen
verhalten konnte. Überhaupt war sie nicht darauf gefaßt gewesen, mich
so munter und so wenig in Respekt vor meinem Unglück zu finden. Sie
hatte im Sinn gehabt, mich um Verzeihung zu bitten, deren Gewährung
mir als Verliebtem eine gewaltige Genugtuung schaffen müsse, und sich
auf Grund dieser rührenden Szene meines Herzens von neuem siegreich zu
bemächtigen.
Nun war es dem törichten Kinde zwar keine kleine Erleichterung, mich
so vergnügt und sich selbst aller Schuld und Anklage ledig zu finden.
Sie wurde aber dieser Erleichterung nicht froh, sondern je mehr ihr
Gewissen sich beruhigte und ihre mitgebrachte Angst verflog, desto
stiller und kühler sah ich sie werden. Es beleidigte sie nachträglich
doch nicht wenig, daß ich ihren Anteil an der Sache so gering anschlug,
ja vergessen zu haben schien, daß ich die Rührung und Abbitte im Keim
unterdrückt und sie um die ganze schöne Szene gebracht hatte. Daß ich
vollends gar nicht mehr in sie verliebt war, merkte sie trotz meiner
großen Höflichkeit sehr wohl, und das war das Schlimmste. Mochte ich
Arme und Beine verloren haben, ich war doch immer ein Anbeter gewesen,
den sie zwar nicht geliebt und nie beglückt, an dessen Schmachten sie
aber, je elender er war, desto größere Genugtuung gefunden hätte.
Nun war es damit nichts, wie sie sehr deutlich merkte, und ich sah
auf ihrem hübschen Gesicht die Wärme und Teilnahme der mitleidigen
Krankenbesucherin mehr und mehr erlöschen und erkühlen. Schließlich
ging sie nach einem phrasenhaften Abschied und kam nie wieder, obwohl
sie es heilig versprochen hatte.
So peinlich es mir war und so sehr es mir wider das Selbstgefühl ging,
meine frühere Verliebtheit so ins Kleine und Lächerliche gefallen zu
sehen, so tat der Besuch mir doch wohl. Ich war sehr verwundert, das
schöne begehrte Fräulein zum erstenmal ohne Leidenschaft und Brille
zu sehen und wahrzunehmen, daß ich sie gar nicht gekannt habe. Hätte
man mir die Puppe gezeigt, die ich als Dreijähriger umarmt und geliebt
hatte, so hätte mich die Entfremdung und Änderung des Gefühls nicht
mehr verwundern können als hier, wo ich ein vor Wochen noch heiß
begehrtes Mädchen als eine völlig Fremde vor mir sah.
Von den Kameraden, die auf jenem Sonntagsausflug im Winter dabei
gewesen waren, besuchten zwei mich einigemal, doch fanden wir wenig
miteinander zu reden und ich bemerkte ihr Aufatmen wohl, als es mir
besser ging und ich sie bat, mir keine Opfer mehr zu bringen. Später
trafen wir einander nicht mehr. Es war merkwürdig und machte mir einen
wehmütig sonderbaren Eindruck: alles fiel von mir ab, ward fremd und
ging mir verloren, was in diesen Jünglingsjahren zu meinem Leben gehört
hatte. Ich sah plötzlich, wie falsch und traurig ich diese ganze Zeit
gelebt hatte, da nun Liebe, Freunde, Gewohnheiten und Freuden dieser
Jahre von mir abfielen wie schlechte Kleider, sich ohne Schmerz von mir
trennten, so daß es nur zu verwundern blieb, wie ich es bei ihnen so
lang habe aushalten können oder sie bei mir.
Dagegen überraschte mich ein andrer Besuch, an den ich nie gedacht
hätte. Es kam eines Tages mein Klavierlehrer, der strenge und
spöttische Herr. Er behielt den Stock in der Hand und die Handschuhe
an den Händen, sprach in seinem gewohnten herben, fast bissigen Ton,
nannte jene böse Schlittenfahrt eine »Weiberkutschiererei« und schien
mir, dem Ton seiner Worte nach, das erlebte Pech durchaus zu gönnen.
Trotzdem war es merkwürdig, daß er sich eingefunden hatte, und es
zeigte sich denn auch, obwohl er den Ton nicht änderte, daß er nicht
in böser Absicht gekommen war, sondern um mir zu sagen, er halte mich
trotz meiner Schwerfälligkeit für einen leidlichen Schüler, sein
Kollege, der Violinlehrer, sei derselben Meinung, und sie hofften also,
ich komme bald gesund wieder und mache ihnen Freude. Obwohl diese
Rede, die fast wie eine Abbitte für frühere rüde Behandlung aussah,
durchaus im selben bitter scharfen Tone wie alles Frühere vorgetragen
ward, klang sie mir doch wie eine Liebeserklärung. Ich streckte dem
unbeliebten Lehrer dankbar die Hand hin, und um ihm Vertrauen zu
zeigen, versuchte ich ihm klarzumachen, wie es mir diese Jahre her
gegangen sei und wie jetzt mein altes Herzensverhältnis zur Musik
wieder aufzuleben beginne.
Der Professor schüttelte den Kopf und pfiff vor Hohn, als er fragte:
»Aha, Sie wollen Komponist werden?«
»Womöglich«, sagte ich bedrückt.
»Ja, da wünsche ich Glück. Ich hatte gedacht, Sie würden jetzt
vielleicht mit neuem Eifer ans Üben gehen, aber als Komponist haben Sie
das freilich nicht nötig.«
»O, so ist es nicht gemeint.«
»Ja wie denn? Wissen Sie, wenn ein Musikschüler faul ist und nicht
recht arbeiten mag, dann legt er sich immer aufs Komponieren. Das kann
jeder, und ein Genie ist ja bekanntlich auch jeder.«
»So meine ich's wirklich nicht. Soll ich denn Klavierspieler werden?«
»Nein, lieber Herr, dazu würde es Ihnen doch nicht reichen. Aber
anständig geigen lernen könnten Sie schon noch.«
»Nun, das will ich auch.«
»Hoffentlich ist's Ihnen Ernst. Möchte mich nicht länger aufhalten.
Gute Besserung, Herr, und auf Wiedersehen!«
Damit ging er davon und ließ mich erstaunt zurück. Ich hatte an die
Rückkehr zu den Studien noch wenig gedacht. Nun fürchtete ich doch,
es möchte wieder schwer und mißlich gehen und am Ende alles wieder
werden wie es vorher gewesen war. Doch hielten solche Gedanken nicht
lange Stand, und es zeigte sich auch, daß der Besuch des mürrischen
Professors wirklich gut gemeint und ein Zeichen redlichen Wohlwollens
war.
Nach meiner Genesung sollte ich eine Erholungsreise machen, doch zog
ich vor, damit bis zu den großen Ferien zu warten und lieber jetzt
gleich wieder ins Zeug zu gehen. Da empfand ich zum erstenmal, wie
erstaunlich eine Ruhezeit, namentlich eine unfreiwillige, wirken
kann. Ich begann meine Stunden und Übungen mit Mißtrauen, aber alles
ging besser als zuvor. Allerdings sah ich jetzt auch deutlich, daß
nie ein Virtuose aus mir werden würde; doch tat diese Erkenntnis mir
bei meinem jetzigen Zustande nicht weh. Im übrigen ging es gut, und
namentlich hatte sich in der langen Pause das unheimliche Gestrüpp der
Musiktheorie, der Harmonie- und Kompositionslehre in einen durchaus
zugänglichen, heiteren Garten verwandelt. Ich fühlte, daß die Einfälle
und Versuche meiner guten Stunden nicht mehr außerhalb aller Regeln
und Gesetze lagen, daß innerhalb des strengen Schülergehorsams ein
schmaler, doch deutlich erkennbarer Weg zur Freiheit führe. Wohl gab
es noch Stunden und Tage und Nächte, da alles wie ein Stachelzaun vor
mir lag und ich mit wundem Gehirn mich an Widersprüchen und Lücken
abquälte; aber die Verzweiflung kam nicht wieder, und der schmale Pfad
wurde deutlicher und gangbarer vor meinen Augen.
Am Schlusse des Semesters sagte mir zu meiner Überraschung unser
Theorielehrer bei der Verabschiedung vor den Ferien: »Sie sind der
einzige Schüler dies Jahr, der wirklich etwas von Musik zu verstehen
scheint. Wenn Sie einmal etwas komponiert haben, würde ich's gerne
ansehen.«
Mit diesem tröstlichen Wort im Ohr reiste ich in die Ferien ab. Ich
war längere Zeit nicht mehr zu Hause gewesen, nun trat während der
Bahnfahrt die Heimat wieder vor mein Herz, verlangte meine Liebe und
rief die Flut halbverlorener Erinnerungen an Kinderzeiten und erste
Jünglingsjahre herauf. Am Bahnhof der Heimatstadt empfing mich der
Vater und wir fuhren in einer Droschke nach Hause. Doch trieb es mich
gleich am andern Morgen hinaus, einen Gang durch die alten Straßen
zu tun. Da umfing mich zum erstenmal die Trauer um meine verlorene
aufrechte Jugend. Es war mir eine Qual, mit meinem gekrümmten und
steifen Bein am Stock durch diese Gassen zu hinken, wo jede Ecke an
Knabenspiele und untergegangene Freuden erinnerte. Ich kam schwermütig
nach Hause zurück, und wen ich sah und wessen Stimme ich hörte und
woran ich dachte, alles mahnte mich bitter an früher und an mein
Krüppeltum. Dabei litt ich darunter, daß meine Mutter offenbar mit
meiner Berufswahl weniger als je einverstanden war, obgleich sie das
nicht deutlich sagte. Einen Musiker, der schlankbeinig als Virtuos oder
schneidiger Dirigent sich zeigen konnte, hätte sie etwa noch gelten
lassen; wie aber ein Halblahmer mit mäßigen Zeugnissen und scheuem
Wesen als Geiger sich weiterbringen wolle, war ihr unverständlich.
In diesen Gedanken wurde sie von einer alten Freundin und entfernten
Verwandten unterstützt, der mein Vater einmal das Haus verboten hatte,
was sie ihm mit bitterem Haß vergalt, ohne freilich wegzubleiben,
denn sie kam während der Kontorstunden des Vaters häufig zu meiner
Mutter. Sie mochte mich, mit dem sie seit meinen Knabenjahren kaum
ein Wort gewechselt hatte, nicht leiden und sah in meiner Berufswahl
ein bedauerliches Zeichen von Entartung, in meinem Unglück aber eine
offensichtliche Strafe und Mahnung der Vorsehung.
Um mir eine Freude zu machen, hatte mein Vater es vorbereitet, daß
ich zum Solospielen in einem Konzert des städtischen Musikvereins
aufgefordert wurde. Aber ich konnte nicht, ich lehnte ab und zog
mich tagelang in meine kleine Stube zurück, in der ich schon als
Knabe gewohnt hatte. Besonders quälte mich das ewige Gefragtwerden
und Redestehenmüssen, so daß ich gar nimmer ausging. Dabei ertappte
ich mich dabei, daß ich aus dem Fenster dem Leben der Straße, den
Schulkindern und vor allem den jungen Mädchen mit unglücklichem Neide
nachsah.
Wie durfte ich denn hoffen, dachte ich, je wieder einem Mädchen Liebe
zeigen zu können! Ich würde immer nebendraußen stehen, wie beim Tanzen,
und zusehen müssen und den Mädchen nicht für voll gelten, und wenn
je eine freundlich mit mir wäre, so würde es Mitleid sein! Ach, das
Bemitleidetwerden hatte ich schon satt bis zum Ekel.
Unter diesen Umständen konnte meines Bleibens daheim nicht sein. Auch
die Eltern litten unter meiner reizbaren Schwermut nicht wenig und
redeten kaum dagegen, als ich mir die Erlaubnis erbat, gleich jetzt die
längst geplante Reise anzutreten, die der Vater mir versprochen hatte.
Es hat auch später noch mein Gebrechen mir zu schaffen gemacht und mir
Wünsche und Hoffnungen zerstört, an denen mein Herz hing; aber so heiß
und quälend habe ich meine Schwäche und Verunstaltung wohl nie mehr
empfunden wie damals, wo der Anblick jedes gesunden jungen Mannes und
jeder hübschen Frauengestalt mich demütigte und mir wehtat. Wie ich
mich langsam an den Stock und das Hinken gewöhnt hatte, bis es mich
kaum mehr störte, so mußte ich mich mit den Jahren daran gewöhnen,
meines Schadens ohne Bitterkeit bewußt zu bleiben und ihn mit Ergebung
oder Humor zu tragen.
Zum Glück konnte ich allein reisen und bedurfte keiner besonderen
Wartung mehr; jede Begleitung wäre mir zuwider gewesen und hätte meine
innere Heilung gestört. Mir ward schon leichter, als ich im Zuge saß
und niemand mehr mich auffällig und mitleidig betrachtete. Ich fuhr
ohne Pausen Tag und Nacht, in einem wahren Fluchtgefühl, und atmete
tief auf, als ich am zweiten Abend durch trübe Fenster spitze hohe
Berge erblickte. Mit dem Dunkelwerden erreichte ich die letzte Station,
ging müde und froh durch dunkle Gassen eines Graubündner Städtchens dem
ersten Gasthause zu und schlief nach einem Becher tiefroten Weines mir
in zehn Stunden die Reisemüdigkeit und schon auch einen guten Teil der
mitgebrachten Bedrängnis vom Halse.
Am Morgen stieg ich in die kleine Bergbahn, die durch enge Täler an
weißen schäumenden Bächen hin bergeinwärts führte, und dann an einem
kleinen einsamen Bahnhöflein in einen Wagen, und um Mittag war ich
droben in einem der höchstgelegenen Dörfer des Landes.
Im einzigen kleinen Gasthaus des stillen armen Dorfes wohnte ich nun,
zeitweise als einziger Gast, bis in den Herbst hinein. Ich hatte im
Sinn gehabt, hier eine kleine Weile auszuruhen und dann weiter durch
die Schweiz zu reisen, ein Stück Welt und Fremde zu sehen. Es ging aber
in jener Höhe ein Wind und wehte eine Luft voll herber Klarheit und
Größe, die ich nimmer verlassen mochte. Die eine Seite des Hochtales
war mit Tannenwald bewachsen, fast bis zur Höhe, die andere Lehne
war felsig kahl. Hier brachte ich meine Tage zu, im sonnenbraunen
Gestein oder an einem der kraftvollen wilden Bäche, deren Lied bei
Nacht durchs ganze Dorf tönte. In den ersten Tagen genoß ich die
Einsamkeit wie einen kühlen Heiltrank, niemand sah mir nach, niemand
zeigte mir Neugierde oder Mitleid, ich war frei und allein wie ein
Vogel in der Höhe und vergaß bald meinen Schmerz und mein kränkliches
Neidgefühl. Zuweilen tat es mir leid, daß ich nicht weit in die Berge
gehen, unbekannte Täler und Alpen besuchen, gefährliche Wege steigen
konnte. Doch war mir im Grunde herrlich wohl, nach den Erlebnissen und
Erregungen der vergangenen Monate umfing mich die Stille der Einsamkeit
wie eine sichere Burg, ich fand die gestörte Seelenruhe wieder und
lernte mich in meine körperliche Schwäche wenn nicht mit Heiterkeit, so
doch mit Resignation finden.
Die Wochen dort oben sind beinahe die schönsten in meinem Leben
gewesen. Ich atmete die reine helle Luft, trank das eisige Wasser
der Bäche, sah an den steilen Hängen die Ziegenherden grasen, von
schwarzhaarigen, träumerisch stillen Hirten bewacht, hörte zuweilen
Stürme durchs Tal gehen, sah Nebeln und Gewölk aus ungewohnter Nähe
ins Gesicht. In Steinspalten beobachtete ich die kleine, zarte,
farbenkräftige Blumenwelt und die vielen herrlichen Moose, und
an klaren Tagen stieg ich gern eine Stunde bergan, bis ich über
die jenseitige Höhe hinweg die fernen rein gezeichneten Spitzen
hoher Berge mit blauen Schatten und selig leuchtenden, silbernen
Schneefeldern sehen konnte. An einer Stelle des Fußpfades, wo von einer
armen kleinen Quelle her ihn ein dünnes Wassergerinsel feucht erhielt,
fand ich an jedem hellen Tag einen Schwarm von Hunderten kleiner blauer
Schmetterlinge trinkend sitzen, die kaum vor meinen Schritten auswichen
und mich, wenn ich sie aufstörte, mit einem winzigen, seidenzarten
Flügelgesumme umtaumelten. Seit ich sie kannte, ging ich diesen Weg
nur an sonnigen Tagen, und jedesmal war die dichte blaue Schar da, und
jedesmal war es ein Feiertag.
Besinne ich mich genauer, so war allerdings jene Zeit nicht ganz
so vollkommen blau und sonnig und feiertäglich, wie sie mir im
Gedächtnis steht. Es gab nicht nur Nebeltage und Regentage, sogar
Schnee und Kälte, es gab auch in mir Unwetter und böse Tage. Ich war
das Alleinsein nicht gewohnt, und als das erste Ausruhen und Schwelgen
vorüber war, sah mich zuweilen das Leid, dem ich entronnen, plötzlich
wieder aus schrecklicher Nähe an. Manchen kalten Abend saß ich in
meiner winzigen Stube, die Reisedecke auf den Knien, müde und wehrlos
törichten Gedanken hingegeben. Alles was das junge Blut begehrt und
hofft, Feste und tanzende Fröhlichkeit, Frauenliebe und Abenteuer,
Triumph der Kraft und der Liebe, das lag drüben am andern Ufer, für
immer von mir abgetrennt und für immer unerreichbar. Sogar jene trotzig
ausgelassene Zeit einer halb erzwungenen Lustigkeit, deren Ende mein
Sturz im Schlitten gewesen war, erschien in meiner Erinnerung dann
schön und paradiesisch gefärbt als ein verlorenes Land der Freude,
deren Nachhall mir nur noch von ferne her mit verklingendem bacchischem
Taumel herüberklang. Und wenn zuweilen nachts die Stürme gingen, wenn
das kalte stetige Geräusch der stürzenden Gewässer vom leidenschaftlich
wehklagenden Rauschen des zerwühlten Tannenwaldes übertönt wurde
oder im Dachgebälk des gebrechlichen Hauses die tausend unerklärten
Geräusche der schlaflosen Sommernacht laut wurden, dann lag ich in
hoffnungslosen heißen Träumen von Leben und Liebessturm, wütend und
Gott lästernd, und kam mir als ein ärmlicher Dichter und Träumer vor,
dessen schönster Traum doch nur ein dünnes Seifenblasenschillern ist,
während tausend andere rings in der Welt, ihrer Jugendkräfte froh,
jubelnde Hände nach allen Kronen des Lebens ausstreckten.
Wie ich jedoch die heilige Schönheit der Berge und alles, was meine
Sinne täglich genossen, nur durch einen Schleier zu mir herblicken
und nur aus einer seltsamen Ferne zu mir reden fühlte, so trat auch
zwischen mich und jenes oft so wild ausbrechende Leid ein Schleier
und eine leise Fremdheit, und bald war es so weit, daß ich beides,
den Glanz der Tage und den Jammer der Nächte, wie Stimmen von außen
vernahm, denen ich mit unverletztem Herzen zuhören konnte. Ich sah
und fühlte mich selbst als einen Himmel mit ziehendem Gewölk, als
ein Feld voll kämpfender Scharen, und ob es Lust und Genuß oder Leid
und Schwermut war, es tönte beides klarer und verständlicher, löste
sich aus meiner Seele und trat mich von außen an, in Harmonien und
Tonreihen, die ich wie im Schlafe vernahm und die ohne mein Wollen von
mir Besitz ergriffen.
Es war in einer Abendstille bei der Heimkehr aus den Felsen, als ich
das alles zum erstenmal deutlich empfand, und als ich daran grübelte
und mir selber ein Rätsel war, fiel es mir unversehens ein, was das
alles bedeute, und daß es die Wiederkehr jener fremden, entrückten
Stunden sei, die ich in frühern Jahren ahnungsweise vorgekostet hatte.
Und mit dieser Erinnerung kam jene herrliche Klarheit wieder, die fast
gläserne Helligkeit und Durchsichtigkeit der Gefühle, deren jedes ohne
Maske dastand und deren keines mehr Schmerz oder Glück hieß, sondern
nur Kraft und Klang und Strom bedeutete. Aus dem Treiben, Schillern und
Kämpfen meiner gesteigerten Empfindungen war Musik geworden.
Nun sah ich an meinen hellen Tagen die Sonne und den Wald, die braunen
Felsen und die fernen silbernen Berge mit doppeltem Gefühl von Glück
und Schönheit und Empfängnis, und ich fühlte in den dunklen Stunden
mein krankes Herz mit doppelter Glut sich dehnen und empören, und ich
unterschied nicht mehr Genuß und Weh, sondern eines war dem andern
gleich, und beides tat weh, und beides war köstlich. Und während es mir
innen wohl oder weh erging, stand meine Kraft doch in Ruhe darüber,
schaute zu und erkannte das Helle und Dunkle als geschwisterlich
zusammengehörend, das Leid und den Frieden als Takte und Kräfte und
Teile derselben großen Musik.
Ich konnte diese Musik nicht aufschreiben, sie war mir selber noch
fremd und ihre Grenzen mir unbekannt. Aber ich konnte sie hören, ich
konnte die Welt in mir als Vollkommenheit empfinden. Und etwas konnte
ich auch festhalten, einen kleinen Teil und Widerklang, verkleinert und
übersetzt. Daran dachte ich und sog ich nun tagelang und fand, daß es
mit zwei Geigen auszudrücken war, und fing, wie ein junger Vogel das
Fliegen wagt, in aller Unschuld an meine erste Sonate aufzuschreiben.
Als ich den ersten Satz eines Morgens in meiner Kammer auf der
Geige spielte, fühlte ich wohl die Schwäche und Unfertigkeit und
Unsicherheit, aber es lief mir doch jeder Takt wie ein Schauer übers
Herz. Ich wußte nicht, ob diese Musik gut war; ich wußte aber, daß es
meine eigene Musik war, in mir erlebt und geboren und nirgends vorher
gehört.
Unten in der Gaststube saß, unbeweglich und weiß wie ein Eiszapfen,
jahraus, jahrein der Vater des Wirts, ein Mann von mehr als achtzig
Jahren, der nie ein Wort sprach und nur aus ruhigen Augen sorgsam um
sich blickte. Es war ein Geheimnis, ob der feierlich Schweigende im
Besitz übermenschlicher Weisheit und Seelenstille sei oder ob die
Geisteskräfte ihn verlassen hatten. Zu diesem Greise stieg ich an jenem
Morgen hinab, meine Geige unter dem Arm, denn ich hatte bemerkt, daß
er meinem Spiel und jeder Musik immer mit Aufmerksamkeit zuhörte. Da
ich ihn allein fand, stellte ich mich vor ihm auf, stimmte die Violine
und spielte ihm meinen ersten Satz vor. Der uralte Mann hielt seine
stillen Augen, deren Weißes gelblich und deren Lidränder rot waren,
auf mich gerichtet und hörte zu, und wenn ich an jene Musik denke, so
sehe ich auch den Alten wieder und sein regungslos steinernes Gesicht,
aus dem die ruhigen Augen mich betrachten. Als ich fertig war, nickte
ich ihm zu, er blinzelte listig und schien alles zu begreifen, seine
gelblichen Augen erwiderten meinen Blick, dann wandte er sie ab, ließ
den Kopf ein wenig sinken und erlosch wieder zu seiner alten Starre.
Früh begann der Herbst in jener Höhe und als ich eines Morgens
abreiste, lag dicker Nebel und fiel in staubzarten Tropfen sprühend
ein kalter Regen. Ich nahm aber die Sonne der guten Tage und außer der
dankbaren Erinnerung auch einen frohen Mut für meine nächsten Wege mit.
Während meines letzten Semesters am Konservatorium lernte ich den
Sänger Muoth kennen, der in der Stadt einen gewissen ehrenvollen Ruf
besaß. Er war vor vier Jahren mit seinen Studien fertig und sogleich
an der Hofoper angestellt worden, wo er zwar einstweilen noch mit
mittleren Rollen auftrat und neben beliebten älteren Kollegen nicht
recht zu Glanze kam, aber bei vielen für einen zukünftigen Stern galt,
den der nächste Schritt zum Ruhm führen müsse. Mir war er von der
Bühne her aus einigen Rollen bekannt und hatte mir immer einen starken
Eindruck gemacht, wennschon keinen reinen.
Unsere Bekanntschaft entstand so. Ich hatte nach meiner Rückkehr zur
Schule jenem Lehrer, der mir so freundliche Teilnahme gezeigt hatte,
meine Violinsonate und zwei von mir komponierte Lieder gebracht. Er
versprach, die Arbeiten durchzusehen und mir seine Meinung darüber zu
sagen. Nun dauerte es lange, bis er es tat, und ich konnte ihm eine
gewisse Verlegenheit anmerken, so oft ich ihm inzwischen begegnete.
Endlich rief er mich eines Tages zu sich und gab mir meine Noten zurück.
»Da sind Ihre Arbeiten wieder«, sagte er etwas befangen. »Hoffentlich
haben Sie sich nicht gar zu große Hoffnungen gemacht! Es ist etwas
daran, ohne Zweifel, und es kann etwas aus Ihnen werden. Aber offen
gesagt, ich hatte Sie schon für reifer und ruhiger gehalten, überhaupt
Ihrer Natur nicht so viel Leidenschaft zugetraut. Ich hatte etwas
Stilleres und Gefälligeres erwartet, was technisch sicherer wäre und
was sich technisch beurteilen ließe. Nun ist aber Ihre Arbeit technisch
mißglückt, so daß ich wenig dazu sagen kann, und ist dafür ein kecker
Versuch, den ich nicht bewerten kann, aber als Ihr Lehrer nicht loben
möchte. Sie haben weniger und mehr gegeben, als ich erwartet hatte, und
mich damit in Verlegenheit gebracht. Ich bin zu sehr Schulmeister, um
die Stilsünden übersehen zu können, und ob sie durch die Originalität
aufgewogen werden, mag ich erst recht nicht entscheiden. Ich will also
warten, bis ich wieder etwas von Ihnen sehe, und wünsche Glück dazu.
Weiterkomponieren werden Sie ja doch, soviel habe ich gemerkt.«
Damit war ich abgezogen und hatte nicht gewußt, was mit dem Bescheid
anfangen, der keiner war. Mir hatte es geschienen, man müsse einer
Arbeit ohne weiteres ansehen, ob sie aus Spielerei und zum Zeitvertreib
oder ob sie aus Bedürfnis und aus dem Herzen entstanden sei. Ich legte
die Noten weg und nahm mir vor, das alles einstweilen zu vergessen, um
in diesen letzten Lernmonaten recht fleißig zu sein.
Da war ich einmal von einer Familie eingeladen, wo viel Musik getrieben
wurde und wo ich, als bei Bekannten meiner Eltern, ein- oder zweimal
im Jahr meinen Besuch zu machen pflegte. Es war ein Gesellschaftsabend
wie alle, nur daß ein paar Berühmtheiten von der Oper dabei waren, die
ich vom Sehen alle kannte. Auch der Sänger Muoth war da, der mich von
allen am meisten interessierte, und ich sah ihn zum erstenmal so nahe.
Er war groß und schön, ein imponierender dunkler Mann mit sichern und
vielleicht schon etwas verwöhnten Manieren, man sah ihm an, daß er den
Frauen gefiel. Doch sah er, von den Gebärden abgesehen, weder stolz
noch vergnügt aus, sondern hatte in Blick und Mienen viel Suchendes und
Unbefriedigtes. Als ich ihm vorgestellt wurde, grüßte er mit einem
kurzen steifen Kompliment, ohne mit mir zu sprechen. Nach einer Weile
kam er aber plötzlich zu mir her und sagte: »Heißen Sie nicht Kuhn?
-- Dann kenne ich Sie schon ein wenig. Der Professor S. hat mir Ihre
Arbeiten gezeigt. Sie dürfen es ihm nicht übel nehmen, er ist nicht
indiskret. Aber ich kam gerade dazu, und weil ein Lied dabei war, sah
ich mirs mit seiner Erlaubnis an.«
Ich war erstaunt und verlegen. »Warum sprechen Sie davon?« fragte ich.
»Es hat dem Professor nicht gefallen, glaube ich.«
»Tut Ihnen das weh? Nun, mir hat das Lied sehr gefallen; ich könnte es
singen, wenn ich nur die Begleitung hätte. Die möchte ich mir von Ihnen
erbitten.«
»Es hat Ihnen gefallen? Ja, kann man es denn singen?«
»Das kann man schon, freilich nicht in jedem Konzert. Ich möchte es
aber gern für mich haben, für den Hausbrauch.«
»Ich will es Ihnen abschreiben. Aber warum wollen Sie es haben?«
»Weil es mich interessiert. Es ist ja wirklich Musik, das Lied, das
wissen Sie doch selber!«
Er sah mich an und mich plagte seine Art, Leute anzusehen. Er blickte
mir ganz gerade ins Gesicht, völlig unbekümmert studierend, und seine
Augen waren voll Neugierde.
»Sie sind jünger als ich gedacht hätte. Sie müssen doch schon viel
Schmerz erfahren haben.«
»Ja,« sagte ich, »aber ich kann nicht davon sprechen.«
»Das sollen Sie auch nicht, ich will Sie doch nicht ausfragen.«
Sein Blick verwirrte mich, auch war er eine Art von Berühmtheit und
ich noch ein Schüler, so daß ich mich nur schwach und schüchtern
zur Wehr setzen konnte, obgleich mir seine Art zu fragen gar nicht
gefiel. Hochmütig war er nicht, aber irgendwie verletzte er mir das
Schamgefühl, ohne daß ich mehr als leise abwehren konnte, denn es kam
doch auch kein rechter Widerwille in mir auf. Ich hatte das Gefühl, er
sei unglücklich und habe eine ungewollt gewaltsame Art die Menschen
anzufassen, als wolle er ihnen etwas entreißen, was ihn trösten könne.
Sein dunkel forschendes Auge war so frech wie traurig, und sein Gesicht
viel älter als er sein konnte.
Bald darauf, während mir seine Anrede noch die Gedanken beschäftigte,
sah ich ihn höflich und lustig mit einer Tochter des Hauses plaudern,
die ihm entzückt zuhörte und ihn wie ein Meerwunder anschaute.
Ich lebte seit meinem Ungeschick so einsam, daß diese Begegnung mir
noch tagelang nachklang und mich störte. Ich war meiner selbst nicht
sicher genug, um den überlegenen Mann nicht zu fürchten, und doch zu
einsam und bedürftig, um nicht von seiner Annäherung geschmeichelt zu
sein. Schließlich dachte ich, er habe mich und seine Laune von jenem
Abend vergessen. Da erschien er zu meiner Verwirrung in meiner Wohnung.
Das war an einem Dezemberabend, schon bei voller Dunkelheit. Der Sänger
klopfte an und trat herein, als sei nichts Merkwürdiges an seinem
Besuch, und sprang sogleich, ohne alle Einleitungen und Höflichkeiten,
mitten in das Gespräch. Ich mußte ihm das Lied geben, und da er mein
Mietklavier im Zimmer sah, wollte er es sogleich singen. Ich mußte
hinsitzen und begleiten, und so hörte ich zum erstenmal mein Lied
richtig gesungen. Es war traurig und ergriff mich wider meinen Willen,
denn er sang es nicht sängermäßig, sondern leise und wie für sich
allein. Der Text, den ich im vorigen Jahr in einer Zeitschrift gelesen
und mir abgeschrieben hatte, hieß so:
Daß bei jedem Föhn
Vom Berg die Lawine rollt
Mit Sausen und Todesgetön,
Hat das Gott gewollt?
Daß ich ohne Gruß
Durch der Menschen Land
Fremd wandern muß,
Kommt das von Gottes Hand?
Sieht Er in Herzensnot
Und Qual mich schweben?
Ach, Gott ist tot!
-- Und ich soll leben?
Wie ich's ihn singen hörte, begriff ich, daß das Lied ihm gefallen
hatte.
Wir waren eine kleine Weile still, dann fragte ich ihn, ob er mir nicht
Fehler sagen und Korrekturen vorschlagen könne.
Muoth sah mich mit seinem dunklen, starren Blick an und schüttelte den
Kopf.
»Da ist nichts zu korrigieren,« sagte er. »Ich weiß nicht, ob die
Komposition gut ist, ich verstehe davon gar nichts. Es ist Erlebnis
und Herz in dem Lied, und weil ich selber nicht dichte und nicht
komponiere, freut es mich, wenn ich einmal etwas finde, das mir wie
eigen vorkommt und das ich mir selber vorsingen mag.«
»Der Text ist aber nicht von mir,« warf ich ein.
»Nicht? Nun, einerlei, der Text ist auch Nebensache. Sie müssen ihn
doch erlebt haben, sonst hätten Sie das nicht komponiert.«
Ich bot ihm nun die Abschrift an, die ich schon seit Tagen bereit
hatte. Er nahm die Blätter an sich, rollte sie ein und zwängte sie in
die Manteltasche.
»Kommen Sie auch einmal zu mir, wenn Sie mögen,« sagte er und gab mir
die Hand. »Sie leben einsam, das will ich Ihnen nicht verderben. Aber
hie und da sieht man doch gern einem anständigen Menschen ins Gesicht.«
Da er fortging, blieb sein letztes Wort und Lächeln bei mir zurück, es
klang mit dem Lied zusammen, das er gesungen hatte, und mit allem was
ich bis jetzt von dem Mann wußte. Und je länger ich das alles bei mir
trug und betrachtete, desto deutlicher wurde es, und am Ende verstand
ich diesen Menschen. Ich verstand warum er zu mir gekommen war, warum
mein Lied ihm gefiel, warum er so fast unbescheiden in mich drang und
mir halb scheu, halb frech erschienen war. Er litt, er trug einen
schweren Schmerz, und er war von Einsamkeit ausgehungert wie ein Wolf.
Dieser Leidende hatte es mit dem Stolz und dem Alleinsein versucht
und es nicht ausgehalten, er lag auf der Lauer nach Menschen, nach
einem guten Blick und einem Hauch von Verständnis, und war bereit sich
wegzuwerfen dafür. So dachte ich es mir damals.
Mein Gefühl gegen Heinrich Muoth war nicht klar. Ich spürte wohl sein
Verlangen und seine Not, doch hatte ich Furcht vor ihm als einem
überlegenen und grausamen Menschen, der mich verbrauchen und liegen
lassen könnte. Ich war zu jung und hatte zu wenig Menschliches erlebt,
um das zu verstehen und zu billigen, wie er sich gleichsam nackt hingab
und kaum die Scham des Schmerzes zu kennen schien. Doch sah ich auch,
daß hier ein glühender und inniger Mensch litt und verlassen war. Es
fielen mir ungesucht die Gerüchte ein, die ich über Muoth gehört hatte,
undeutliches ängstliches Schülergerede, dessen eigentlicher Inhalt
mir verloren gegangen war, dessen Farbe und Ton aber mein Gedächtnis
wohl bewahrt hatte. Man erzählte von ihm tolle Frauengeschichten und
Abenteuer, und ohne daß mir das einzelne erinnerlich gewesen wäre,
glaubte ich doch noch irgend etwas Blutiges zu wissen, als sei er in
die Geschichte eines Mordes oder Selbstmordes verwickelt gewesen.
Als ich bald darauf meine Scheu bezwang und einen Kameraden darüber
fragte, zeigte sich die Sache harmloser als sie mir erschienen war.
Muoth hatte, wie es hieß, ein Liebesverhältnis mit einer jungen
Dame aus der guten Gesellschaft unterhalten, und diese hatte sich
allerdings vor zwei Jahren das Leben genommen, doch ohne daß man
von einer Verwicklung des Sängers in diese Geschichte mehr als in
vorsichtigen Andeutungen zu reden wagen durfte. Vermutlich hatte meine
eigene Phantasie, durch die Begegnung mit dem eigenartigen und mir
leise unheimlichen Menschen erregt, jenen Duft von Schrecken um ihn
geschaffen. Doch mußte er immerhin mit jener Liebe Böses erlebt haben.
Ich hatte nicht den Mut, zu ihm zu gehen. Wohl konnte ich mir
nicht verbergen, daß Heinrich Muoth ein leidender und vielleicht
verzweifelnder Mensch sei, der nach mir griffe und begehre, und
manchmal schien mir, ich müsse dem Ruf folgen und wäre ein Schelm,
wenn ich es nicht täte. Dennoch ging ich nicht hin, ein anderes Gefühl
hinderte mich. Was Muoth bei mir suchte, konnte ich ihm nicht geben,
ich war ein ganz anderer Mensch als er, und wenn ich auch in mancher
Hinsicht einsam und nicht recht verstanden unter den Leuten stand, wenn
ich auch vielleicht anders war als jedermann, durch Schicksal und
durch Veranlagung von den meisten getrennt, so wollte ich doch davon
kein Aufhebens machen. Mochte der Sänger ein dämonischer Mensch sein,
ich war keiner, und mich hielt ein inneres Bedürfnis vom Auffallenden
und Besonderen ab. Ich hatte eine Abneigung und einen Widerwillen gegen
Muoths heftige Gebärde, er war ein Mann der Bühne und der Abenteuer,
schien mir, und vielleicht dazu bestimmt, ein tragisches und weithin
sichtbares Schicksal zu leben. Ich hingegen wollte in der Stille
bleiben, mir standen Gebärden und kühne Worte nicht an, ich war zur
Resignation bestimmt. So rätselte ich hin und wieder, im Bedürfnis nach
Beruhigung. Es hatte ein Mensch an meine Türe geklopft, der mir leid
tat und den ich vielleicht gerechterweise über mich stellen mußte, aber
ich wollte Ruhe haben und ihn nicht einlassen. Eifrig warf ich mich auf
die Arbeit und ward die plagende Vorstellung nicht los, es stehe hinter
mir einer, der nach mir greife.
Da ich nicht kam, nahm Muoth die Sache wieder selber in die Hand.
Ich erhielt ein Brieflein von ihm, das war in großen stolzen Zügen
geschrieben und lautete:
»Lieber Herr! Am elften Januar pflege ich mit einigen Freunden meinen
Geburtstag zu feiern. Darf ich Sie dazu einladen? Schön wäre es, wenn
wir bei diesem Anlaß Ihre Violinsonate hören könnten. Was meinen Sie
dazu? Haben Sie einen Kollegen, mit dem Sie sie spielen können, oder
soll ich Ihnen jemand schicken? Stefan Kranzl wäre bereit. Sie würden
eine Freude machen Ihrem