Albert Langen, Munich

Wenn ich, von außen her, über mein Leben weg schaue, sieht es nicht

besonders glücklich aus. Doch darf ich es noch weniger unglücklich

heißen, trotz aller Irrtümer. Es ist am Ende auch ganz töricht, so nach

Glück und Unglück zu fragen, denn mir scheint, die unglücklichsten

Tage meines Lebens gäbe ich schwerer hin als alle heiteren. Wenn es in

einem Menschenleben darauf ankommt, das Unabwendbare mit Bewußtsein

hinzunehmen, das Gute und Üble recht auszukosten und sich neben dem

äußeren ein inneres, eigentlicheres, nicht zufälliges Schicksal zu

erobern, so war mein Leben nicht arm und nicht schlecht. Ist das äußere

Schicksal über mich hingegangen wie über alle, unabwendbar und von

Göttern verhängt, so ist mein inneres Geschick doch mein eigenes Werk

gewesen, dessen Süße oder Bitterkeit mir zukommt und für das ich die

Verantwortung allein auf mich zu nehmen denke.

Manchmal in früheren Jahren habe ich gewünscht, ein Dichter zu sein.

Wäre ich einer, so widerstünde ich der Lockung nicht, meinem Leben bis

in die zarten Schatten der Kinderzeit und bis zu den lieben, zärtlich

gehüteten Quellen meiner frühesten Erinnerungen nachzugehen. So aber

ist mir dieser Besitz allzu lieb und heilig, als daß ich ihn mir etwa

selber verderben möchte. Von meiner Kindheit ist nur zu sagen, daß sie

schön und heiter war; man ließ mir die Freiheit, meine Neigungen und

Gaben selber zu entdecken, mir meine innigsten Freuden und Schmerzen

selber zu schaffen und die Zukunft nicht als eine fremde Macht von

oben, sondern als die Hoffnung und den Erwerb meiner eigenen Kräfte

anzusehen. So ging ich unberührt durch die Schulen, als ein unbeliebter

und wenig begabter, doch ruhiger Schüler, den man am Ende gewähren

ließ, da er keine starken Einflüsse zu dulden schien.

Etwa von meinem sechsten oder siebenten Jahr an begriff ich, daß von

allen unsichtbaren Mächten die Musik mich am stärksten zu fassen und

zu regieren bestimmt sei. Von da an hatte ich meine eigene Welt, meine

Zuflucht und meinen Himmel, den mir niemand nehmen oder schmälern

konnte und den ich mit niemand zu teilen begehrte. Ich war Musiker,

obwohl ich vor meinem zwölften Jahre kein Instrument spielen lernte

und nicht daran dachte, später mein Brot mit Musikmachen verdienen zu

wollen.

Dabei ist es seither geblieben, ohne daß etwas Wesentliches sich

geändert hat, und darum erscheint mir beim Rückblick mein Leben nicht

bunt und vielgestaltig, sondern von Anfang an auf einen Grundton

gestimmt und auf einen einzigen Stern gestellt. Mochte es sonst wohl

oder übel gehen, mein innerstes Leben blieb unverändert. Ich mochte

lange Zeiten auf fremden Wassern treiben, kein Notenheft und kein

Instrument anrühren, eine Melodie lag mir doch zu jeder Stunde im Blut

und auf den Lippen, ein Takt und Rhythmus im Atemholen und Leben. So

begierig ich auf manchen anderen Wegen nach Erlösung, nach Vergessen

und Befreiung suchte, so sehr ich nach Gott, nach Erkenntnis und

Frieden dürstete, gefunden habe ich das alles immer nur in der Musik.

Es brauchte nicht Beethoven oder Bach zu sein: -- daß überhaupt Musik

in der Welt ist, daß ein Mensch zuzeiten bis ins Herz von Takten

bewegt und von Harmonien durchflutet werden kann, das hat für mich

immer wieder einen tiefen Trost und eine Rechtfertigung alles Lebens

bedeutet. O Musik! Eine Melodie fällt dir ein, du singst sie ohne

Stimme, nur innerlich, durchtränkst dein Wesen mit ihr, sie nimmt von

allen deinen Kräften und Bewegungen Besitz -- und für die Augenblicke,

die sie in dir lebt, löscht sie alles Zufällige, Böse, Rohe, Traurige

in dir aus, läßt die Welt mitklingen, macht das Schwere leicht und das

Starre beflügelt! Das alles kann die Melodie eines Volksliedes tun!

Und erst die Harmonie! Schon jeder wohllautende Zusammenklang rein

gestimmter Töne, etwa in einem Geläut, sättigt das Gemüt mit Anmut

und Genuß, und steigert sich mit jedem hinzuklingenden Ton, und kann

zuweilen das Herz entzünden und vor Wonne zittern machen, wie keine

andere Wollust es vermag.

Von allen Vorstellungen reiner Seligkeit, die sich Völker und

Dichter erträumt haben, schien mir immer die höchste und innigste

jene vom Erlauschen der Sphärenharmonie. Daran haben meine tiefsten

und goldensten Träume gestreift -- einen Herzschlag lang den Bau

des Weltalls und die Gesamtheit alles Lebens in ihrer geheimen,

eingeborenen Harmonie tönen zu hören. Ach, und wie kann denn das Leben

so wirr und verstimmt und verlogen sein, wie kann nur Lüge, Bosheit,

Neid und Haß unter Menschen sein, da doch jedes kleinste Lied und jede

bescheidenste Musik so deutlich predigt, daß Reinheit, Harmonie und

brüderliches Spiel klargestimmter Töne den Himmel öffnet! Und wie mag

ich selber schelten und zürnen, da ich selber, mit allem guten Willen,

aus meinem Leben kein Lied und keine reine Musik habe machen können!

Im Innersten spüre ich wohl den unabweislichen Mahner, das dürstende

Verlangen nach einem reinen, wohlgefälligen, in sich seligen Tönen und

Verklingen; meine Tage aber sind voll Zufall und Mißklang, und wohin

ich mich wende und wo ich poche, es tönt mir nirgends lauter und klar

zurück.

Nichts mehr davon, ich will erzählen. Wenn ich mich nun besinne, für

wen ich diese Blätter beschreibe, wer eigentlich so viel Macht über

mich hat, daß er Bekenntnisse von mir fordern und meine Einsamkeit

durchbrechen kann, so muß ich einen lieben Frauennamen sagen, der mir

nicht nur ein großes Stück Erleben und Schicksal umfaßt, sondern wohl

auch als Stern und hohes Sinnbild über allem stehen mag.

* * * * *

Erst während der letzten Schuljahre, als alle meine Kameraden von

ihren künftigen Berufen zu reden begannen, fing auch ich an hierüber

nachzudenken. Die Musik zu meinem Beruf und Erwerb zu machen, lag

mir eigentlich fern; doch konnte ich mir keinen andern Beruf denken,

der mir Freude gemacht hätte. Ich hatte gegen den Handel oder andre

Gewerbe, die mein Vater mir vorschlug, keinen Widerwillen, sie waren

mir nur gleichgültig. Aber da meine Kameraden so stolz auf die von

ihnen gewählten Berufe taten, vielleicht auch eine Stimme in mir dafür

eintrat, schien es mir doch gut und richtig, das zu meinem Beruf zu

machen, was ohnehin meine Gedanken ausfüllte und mir allein rechte

Freude machte. Es kam mir zustatten, daß ich seit meinem zwölften Jahr

das Violinspielen begonnen und unter einem guten Lehrer etwas Rechtes

gelernt hatte. So sehr nun mein Vater sich wehrte und davor bangte,

seinen einzigen Sohn die ungewisse Laufbahn eines Künstlers einschlagen

zu sehen, gerade an seinem Widerstand wuchs mein Wille, und der Lehrer,

der mich gern hatte, trat für meinen Wunsch nach Kräften ein. Am Ende

gab mein Vater nach, es wurde mir nur zur Prüfung meiner Ausdauer und

in der Hoffnung auf eine Sinnesänderung noch ein Schuljahr zudiktiert,

das ich mit leidlicher Geduld absaß und währenddessen ich meines

Begehrens nur sicherer wurde.

Während dieses letzten Schuljahres verliebte ich mich zum erstenmal,

in ein hübsches junges Fräulein unsrer Bekanntschaft. Ohne sie viel

zu sehen und auch ohne dies stark zu begehren, genoß und durchlitt

ich die süßen Bewegungen der ersten Liebe wie in einem Traume. Und in

dieser Zeit, da ich den ganzen Tag ebensosehr an meine Musik wie an

meine Liebe dachte und nachts vor herrlicher Erregung nicht schlafen

konnte, hielt ich zum erstenmal mit Bewußtsein Melodien fest, die mir

einfielen, zwei kleine Lieder, und versuchte sie aufzuschreiben. Das

erfüllte mich mit einem schamhaften, doch durchdringenden Vergnügen,

über dem ich meine spielerische Liebesnot fast ganz vergaß. Inzwischen

hörte ich, daß meine Geliebte Singstunden nehme, und war sehr begierig,

sie einmal singen zu hören. Nach Monaten ward mein Wunsch erfüllt, bei

einer Abendgesellschaft im Haus meiner Eltern. Das hübsche Mädchen ward

aufgefordert zu singen, wehrte sich heftig und mußte am Ende doch, und

ich wartete darauf mit einer ungeheuren Spannung. Ein Herr begleitete

an unsrem kleinen schmalen Klavierchen, er spielte ein paar Takte und

sie begann. Ach, sie sang schlecht, traurig schlecht, und noch während

sie sang, verwandelte sich meine Bestürzung und Qual zu Mitleid und

dann zu Humor, und künftig war ich dieser Verliebtheit ledig.

Ich war ein geduldiger und nicht gerade unfleißiger, aber kein guter

Schüler, und im letzten Jahr gab ich mir vollends wenig Mühe mehr.

Daran war nicht Trägheit und auch nicht meine Verliebtheit schuld,

sondern ein Zustand jünglinghafter Träumerei und Gleichgültigkeit,

eine Dumpfheit der Sinne und des Kopfes, die nur zuweilen plötzlich

und heftig unterbrochen ward, wenn eine von den wunderbaren Stunden

verfrühter schöpferischer Lust mich wie in Äther hüllte. Dann fühlte

ich mich von einer überklaren, kristallnen Luft umgeben, in der kein

Träumen und Vegetieren möglich war, wo alle Sinne sich geschärft

und wachsam auf die Lauer legten. Was in diesen Stunden entstand,

war wenig, vielleicht zehn Melodien und einige Anfänge harmonischer

Gestaltungen; aber die Luft dieser Stunden vergaß ich nimmer, diese

überklare fast kalte Luft und diese gespannte Zusammenfassung der

Gedanken, um einer Melodie die rechte, einzige, nicht mehr zufällige

Bewegung und Lösung zu geben. Zufrieden war ich mit diesen kleinen

Leistungen nicht und hielt sie nie für etwas Gültiges und Gutes, aber

das wurde mir klar, daß in meinem Leben nichts so begehrenswert und

wichtig sein werde wie die Wiederkehr solcher Stunden der Klarheit und

des Schaffens.

Daneben kannte ich auch Tage des Schwärmens, wo ich auf der Geige

phantasierte und den Rausch flüchtiger Einfälle und farbiger Stimmungen

genoß. Nur wußte ich bald, daß das kein Schaffen war, sondern ein

Spielen und Schwelgen, vor dem ich mich zu hüten habe. Ich merkte,

daß es ein andres Ding ist seinen Träumen nachzugehen und berauschte

Stunden auszukosten, als unerbittlich und klar mit den Geheimnissen

der Form wie mit Feinden zu ringen. Und ich merkte schon damals

etwas davon, daß ein rechtes Schaffen einsam macht und etwas von uns

verlangt, was wir dem Behagen des Lebens abbrechen müssen.

Endlich war ich frei, hatte die Schule hinter mir, den Eltern Lebewohl

gesagt und ein neues Leben als Schüler des Konservatoriums in der

Hauptstadt begonnen. Ich tat dies mit großen Erwartungen und war

überzeugt gewesen, ich würde in der Musikschule ein guter Schüler sein.

Zu meinem peinlichen Erstaunen kam es aber anders. Ich hatte Mühe dem

Unterricht überall zu folgen, fand in Klavierunterricht, den ich jetzt

nehmen mußte, nur eine große Plage und sah bald mein ganzes Studium wie

einen unersteiglichen Berg vor mir liegen. Wohl war ich nicht gesonnen

nachzugeben, doch war ich enttäuscht und befangen. Ich sah jetzt, daß

ich bei aller Bescheidenheit mich doch für eine Art von Genie gehalten

und die Mühen und Schwierigkeiten des Weges zur Kunst bedenklich

unterschätzt hatte. Dazu ward mir das Komponieren gründlich entleidet,

da ich jetzt bei der geringsten Aufgabe nur Berge von Schwierigkeiten

und Regeln sah, meinem Gefühl durchaus mißtrauen lernte und nicht

mehr wußte, ob überhaupt ein Funke von eigener Kraft in mir sei. So

beschied ich mich, wurde klein und traurig, ich tat meine Arbeit wenig

anders als ich die in einem Kontor oder in einer andern Schule getan

hätte, fleißig und freudlos. Klagen durfte ich nicht, am wenigsten in

meinen Briefen nach Hause, sondern ging den begonnenen Weg in stiller

Enttäuschung weiter und nahm mir vor, wenigstens ein ordentlicher

Geiger zu werden. Ich übte und übte, steckte Grobheiten und Spott der

Lehrer ein, sah manche andere, denen ich es nicht zugetraut hätte,

leicht vorwärtskommen und Lob ernten, und steckte meine Ziele immer

niedriger. Denn auch mit dem Geigen stand und ging es nicht so, daß

ich darauf hätte stolz sein können und etwa an ein Virtuosentum denken

dürfen. Es sah ganz so aus, als könne aus mir bei gutem Fleiß zur Not

ein brauchbarer Handwerker werden, der in irgendeinem kleinen Orchester

seine bescheidene Geige ohne Schande und ohne Ehre spielt und dafür

sein Brot bekommt.

So war diese Zeit, die ich so sehr ersehnt und von der ich mir alles

versprochen hatte, die einzige in meinem Leben, in der ich vom Geist

der Musik verlassen freudlose Wege ging und Tage ohne Klang und Takt

dahinlebte. Wo ich Genuß, Erhebung, Glanz und Schönheit gesucht hatte,

fand ich nur Forderungen, Regeln, Pflichten, Schwierigkeiten und

Gefahren. Fiel mir etwas Musikalisches ein, so war es entweder banal

und hundertmal dagewesen, oder es stand sichtlich mit allen Gesetzen

der Kunst in Widerspruch und konnte also nichts wert sein. Da packte

ich alle großen Gedanken und Hoffnungen ein. Ich war einer von den

Tausenden, die mit jugendlicher Frechheit zur Kunst gekommen sind und

deren Kraft versagt, wenn es Ernst werden soll.

Dieser Zustand dauerte wohl etwa drei Jahre. Ich war nun über zwanzig

Jahre alt, hatte offenbar meinen Beruf verfehlt und ging den begonnenen

Weg nur aus Scham und Pflichtgefühl weiter. Ich wußte nichts mehr von

Musik, nur noch von Fingerübungen, schweren Aufgaben, Widersprüchen in

der Harmonielehre, drückenden Klavierlektionen bei einem spöttischen

Lehrer, der in allen meinen Bemühungen nur eine Zeitvergeudung sah.

Wäre das alte Ideal nicht doch noch heimlich in mir lebendig gewesen,

so hätte ich es in diesen Jahren recht gut haben können. Ich war frei

und hatte Freunde, war ein hübscher und blühender junger Mensch, ein

Sohn wohlhabender Eltern. Für Augenblicke genoß ich alles das, es gab

vergnügte Tage, Liebeleien, Zechereien, Ferienfahrten. Aber es war mir

nicht möglich mich dabei zu trösten, meine Pflicht in Kürze abzutun und

vor allem meiner jungen Tage froh zu werden. Ohne daß ich davon wußte,

blickte mein Heimweh doch noch in allen unbewachten Stunden nach dem

untergegangenen Stern der Künstlerschaft aus, es war mir unmöglich die

Enttäuschung zu vergessen und zu betäuben. Nur einmal gelang es mir

gründlich.

Es war der törichtste Tag meiner törichten Jugend. Ich lief damals

einer Schülerin des berühmten Gesanglehrers H. nach. Ihr schien es

ähnlich zu gehen wie mir, sie war mit großen Hoffnungen gekommen, hatte

strenge Lehrer gefunden, war die Arbeit nicht gewohnt und glaubte

schließlich sogar ihre Stimme zu verlieren. Sie legte sich auf die

leichte Seite, flirtete mit uns Kollegen und wußte uns alle toll zu

machen, wozu freilich nicht gar viel gehörte. Sie hatte die feurige,

lebhaft farbige Schönheit, die bald verblüht.

Diese schöne Liddy nahm mich mit ihrer naiven Koketterie immer wieder

gefangen, wenn ich sie sah. Ich war nie lange Zeit in sie verliebt,

ich vergaß sie oft völlig, aber wenn ich bei ihr war, schlug jedesmal

die Verliebtheit wieder über mir zusammen. Sie spielte mit mir wie mit

andern, reizte uns, genoß ihre Macht und war selber dabei nur mit der

neugierigen Sinnlichkeit ihrer Jugend beteiligt. Sie war sehr schön,

aber nur wenn sie sprach und in Bewegung war, wenn sie mit ihrer warmen

tiefen Stimme lachte, wenn sie tanzte oder sich an der Eifersucht ihrer

Liebhaber ergötzte. So oft ich von einer Gesellschaft heimkam, in der

ich sie gesehen hatte, lachte ich mich selber aus und bewies mir, daß

ein Mensch von meiner Art unmöglich diese gefällige Lebenskünstlerin

im Ernst lieben könne. Manchmal aber gelang es ihr wieder, mich durch

eine Geste, durch ein geflüstertes warmes Wort so zu erregen, daß ich

die halbe Nacht heiß und wild in der Nähe ihrer Wohnung unterwegs blieb.

Ich hatte damals eine kurze Periode der Wildheit und eines halb

erzwungenen Übermutes. Nach Tagen der Niedergeschlagenheit und

dumpfen Stille forderte meine Jugend stürmisch Bewegung und Rausch,

und ich ging dann mit einigen gleichaltrigen Kameraden Lustbarkeiten

und Streichen nach. Wir galten für lebenslustige, ausgelassene, ja

gefährliche Tumultuanten, was bei mir nicht zutraf, und genossen

bei Liddy und ihrem kleinen Kreise einen zweifelhaften, doch süßen

Heldenruhm. Wie viel von diesem Treiben echte Jugendlust und wieviel

gewollte Betäubung war, kann ich heute nimmer entscheiden, da ich jenen

Zuständen und aller äußerlichen Jugendlichkeit längst völlig entwachsen

bin. Wenn ein Zuviel dabei war, so habe ich es gebüßt.

An einem Wintertage, da kein Unterricht war, zogen wir miteinander

vor die Stadt hinaus, acht oder zehn junge Leute, darunter Liddy mit

drei Freundinnen. Wir hatten Rodelschlitten mit, deren Benützung

damals noch für ein Kindervergnügen galt, und suchten in der

bergigen Umgebung der Stadt die Straßen und Wiesenhänge nach guten

Schlittenbahnen ab. Ich erinnere mich des Tages genau, es war mäßig

kalt, zuweilen kam die Sonne für Viertelstunden hervor, die kräftige

Luft roch herrlich nach Schnee. Die Mädchen standen mit ihren farbigen

Kleidern und Tüchern prächtig im weißen Grunde, die herbe Luft war

berauschend und die heftige Bewegung in dieser Frische eine Lust. Unsre

kleine Gesellschaft war in fröhlichster Laune, Ulknamen und Hänseleien

flogen hin und wider, wurden durch Schneeballen beantwortet und führten

zu kleinen Kriegen, bis wir alle heiß und voll Schnee dastanden und

eine Weile veratmen mußten, ehe wir von neuem begannen. Es wurde eine

große Schneeburg gebaut, belagert und erstürmt, dazwischen fuhren wir

da und dort einmal einen kleinen Wiesenabhang auf unseren Schlitten

hinunter.

Um Mittag, als wir alle von dem Gestürme grimmig hungrig geworden

waren, suchten und fanden wir ein Dorf und ein gutes Wirtshaus, ließen

sieden und braten, bemächtigten uns des Klavieres, sangen, schrien,

bestellten Wein und Grog. Das Essen kam und wurde festlich begangen,

der gute Wein floß reichlich, danach begehrten die Mädchen Kaffee,

während wir die Liköre versuchten. Es war ein Geschrei und Festlärm

in der kleinen Stube, daß uns allen die Köpfe rauchten. Ich war immer

in Liddys Nähe, die mich heute in gnädiger Laune durch besondre Gunst

auszeichnete. Sie blühte in dieser Luft voll Lustbarkeit und Rausch

gar prächtig auf, ließ ihre hübschen Augen blitzen und duldete manche

halb kühn, halb ängstlich gewagte Zärtlichkeit. Ein Pfänderspiel wurde

begonnen, wobei die Pfänder am Klavier durch Nachahmung irgendeines

unsrer Lehrer eingelöst werden mußten, manche aber auch durch Küsse,

deren Zahl und Beschaffenheit genau beobachtet wurde.

Als wir glühend und lärmend das Haus verließen und den Heimweg

antraten, war es noch früh am Nachmittag, doch begann es schon ein

wenig zu dämmern. Wieder tollten wir wie ausgelassene Kinder durch

den Schnee, ohne Eile durch den leis herankommenden Abend nach der

Stadt zurückkehrend. Es gelang mir, an Liddys Seite zu bleiben, zu

deren Ritter ich mich nun aufwarf, nicht ohne Widerspruch der andern.

Ich zog sie streckenweise auf meinem Schlitten und schützte sie nach

Kräften vor den immer wieder versuchten Angriffen mit Schneeballen.

Schließlich ließ man uns gewähren, jedes der Mädchen fand seinen

Genossen, und nur zwei ledig gebliebene Herrlein zogen neckend und

kriegslustig nebenher. Ich war nie so erregt und toll verliebt

gewesen wie in jenen Stunden, Liddy hatte meinen Arm genommen und

duldete es, daß ich sie im Gehen leise an mich zog. Dabei plauderte

sie bald geschwätzig in den Abend hinein, bald schwieg sie glücklich

und, wie mir schien, verheißungsvoll an meiner Seite. Ich brannte

und war entschlossen, diese Gelegenheit nach Kräften zu benützen,

zumindest aber diesen traulich zärtlichen Zustand so lange als möglich

festzuhalten. Es hatte auch niemand etwas dagegen, als ich kurz vor

der Stadt noch einen Umweg vorschlug und in einen schönen Höhenweg

einbog, der steil über dem Tale im Halbkreis hinlief, reich an weiten

Aussichten auf das Flußtal und die Stadt, die schon mit blitzenden

Laternenreihen und tausend roten Lichtern aus der Tiefe glänzte.

Liddy hing noch immer an meinem Arm und ließ mich reden, nahm meine

glühenden Überschwänglichkeiten lachend hin und schien doch selber tief

erregt zu sein. Als ich sie aber mit leiser Gewalt an mich zog und

küssen wollte, machte sie sich los und sprang beiseite.

»Schauen Sie«, rief sie aufatmend, »die Wiese da hinunter müssen wir

schlitteln! Oder haben Sie Angst, Sie Held?«

Ich schaute hinunter und war erstaunt, denn der Abhang war so jäh, daß

mir wirklich einen Augenblick vor dieser frechen Fahrt graute.

»Das geht nicht«, sagte ich leichthin, »es ist schon viel zu dunkel.«

Sofort fiel sie mit Spott und Entrüstung über mich her, nannte mich

einen Hasenfuß und verschwor sich, den Hang allein hinab zu fahren,

wenn ich zu feig sei mitzukommen.

»Umwerfen werden wir natürlich«, meinte sie lachend, »aber das ist ja

doch das Lustigste bei der ganzen Fahrerei.«

Da sie mich so reizte, kam mir ein Einfall.

»Liddy«, sagte ich leise, »wir fahren. Wenn wir umwerfen, dürfen Sie

mich mit Schnee einreiben, aber wenn wir glatt hinunterkommen, will ich

auch meinen Lohn haben.«

Sie lachte nur und setzte sich auf den Schlitten. Ich sah ihr in die

Augen, die glühten warm und lustig, da nahm ich ganz vorn Platz, hieß

sie sich an mich klammern und fuhr ab. Ich spürte wie sie mich umfaßte,

ihre Hände auf meiner Brust kreuzend, und ich wollte ihr noch etwas

zurufen, konnte aber nicht mehr. Die Steile war so jäh, daß ich das

Gefühl hatte in die leere Luft zu stürzen. Sofort suchte ich mit beiden

Sohlen den Boden, um anzuhalten oder doch umzuwerfen, denn plötzlich

war mir eine Todesangst um Liddy ins Herz gefahren. Es war jedoch zu

spät. Der Schlitten sauste unaufhaltsam bergab, ich fühlte nur einen

kalten beißenden Schwall aufgewühlten Schneestaubes im Gesicht, dann

hörte ich Liddy angstvoll schreien, dann nichts mehr. Ein ungeheurer

Hieb wie von einem Schmiedehammer traf meinen Kopf, irgendwo tat es mir

schneidend weh. Das letzte Gefühl, das ich hatte, war das der Kälte.

Mit dieser kurzen flotten Schlittenfahrt habe ich meine Jugendlust und

Torheit gebüßt. Nachher war mit vielem andrem auch meine Liebe zu Liddy

ganz verflogen.

Dem Tumult und ängstlichen Getriebe, das auf den Unfall folgte, war ich

enthoben. Für die andern war es eine peinliche Stunde. Sie hörten Liddy

schreien, lachten und neckten von oben herab in die Dunkelheit hinein,

erkannten endlich, daß etwas Böses geschehen sei, stiegen mühsam herab

und brauchten eine Weile, bis sie aus dem Rausch und Übermut heraus

zur Überlegung kamen. Liddy war bleich und halb ohnmächtig, jedoch

durchaus unverletzt, nur ihre Handschuhe waren zerrissen und ihre

feinen weißen Hände etwas zerschunden und blutig. Mich trugen sie für

tot hinweg. Den Apfel- oder Birnbaum, an dem der Schlitten und meine

Knochen zerschellt waren, habe ich später vergeblich wieder zu finden

versucht.

Man dachte, ich sei einer Gehirnerschütterung erlegen, doch stand es

nicht so schlimm. Kopf und Gehirn waren zwar mitgenommen und es dauerte

sehr lange, bis ich im Spital wieder zur Besinnung kam, aber die Wunde

heilte und das Gehirn ruhte sich aus. Dagegen wollte das mehrfach

gebrochene linke Bein nicht wieder ganz in Ordnung kommen. Ich bin

seither ein Krüppel, der nur hinken, nicht mehr schreiten oder gar

laufen und tanzen kann. Damit war meiner Jugend unversehens ein Weg

in stillere Lande gewiesen, den ich nicht ohne Scham und Widerstreben

einschlug. Aber ich schlug ihn doch ein, und manchmal scheint es

mir, als möchte ich jene abendliche Schlittenfahrt und ihre Folgen

keineswegs in meinem Leben missen.

Freilich denke ich dabei weniger an das zerbrochene Bein als an die

andern Folgen jenes Unfalls, die weit freundlicher und freudiger

waren. War es das Unglück selbst mit seinem Schrecken und Blick in

das Dunkel oder war es das lange Liegen und monatelange Stillsein und

Besinnen, die Kur tat mir gut.

Der Beginn jener langen Liegezeit, etwa die erste Woche, ist ganz aus

meiner Erinnerung verschwunden. Ich war viel bewußtlos und auch nach

dem endgültigen Erwachen geschwächt und gleichgültig. Meine Mutter

war gekommen und saß alle Tage getreulich im Spital an meinem Bett.

Wenn ich sie ansah und ein paar Worte mit ihr sprach, schien sie

freundlich und fast heiter, obwohl sie, wie ich später erfuhr, Angst um

mich hatte, und zwar nicht um mein Leben, sondern um meinen Verstand.

Zuweilen plauderten wir in dem stillen, hellen Krankenzimmerchen

lange miteinander. Doch war unser Verhältnis nie sehr innig gewesen;

ich hatte stets mehr zum Vater gehalten. Nun war sie vom Mitleid und

ich von Dankbarkeit erweicht und zur Versöhnung gestimmt, wir waren

aber beide allzulange an ein gegenseitiges Zuwarten und lässiges

Geltenlassen gewöhnt, als daß nun die erwachende Herzlichkeit den Weg

in unsre Worte hätte finden mögen. Wir sahen einander zufrieden an und

ließen die Dinge unbesprochen. Sie war wieder meine Mutter, da sie

mich krank liegen hatte und pflegen konnte; und ich sah sie wieder mit

Knabengefühlen an und vergaß einstweilen alles andere. Später freilich

kehrte das alte Verhältnis wieder und wir vermieden es von diesem

Krankenlager viel zu reden, da es uns beide verlegen machte.

Allmählich begann ich meine Lage zu übersehen, und da ich die

Fieberzeit überwunden hatte und ruhig schien, machte der Arzt nicht

länger ein Geheimnis daraus, daß mir wohl für immer ein Andenken an

diesen Sturz bleiben werde. Ich sah meine Jugend, die ich noch kaum mit

einigem Bewußtsein genossen hatte, empfindlich beschnitten und verarmt

und hatte alle Zeit, mich mit dieser Sache abzufinden, denn das Liegen

dauerte noch wohl ein Vierteljahr.

Ich suchte denn auch eifrig in Gedanken meine Lage zu fassen und mir

ein Bild der Zukunft zu machen, doch kam ich damit nicht weit. Viel

Denken war noch nichts für mich, ich ermüdete immer bald und sank

in ein ausruhendes Hinträumen, womit mich die Natur vor Angst und

Verzweiflung bewahrte und mir die Ruhe zur Heilung erzwang. Immerhin

plagte mich mein Unglück manche Stunde und halbe Nacht, ohne daß ich

einen nennenswerten Trost hätte erdenken können.

Da war es in einer Nacht, daß ich nach wenigen Stunden leichten

Schlummers erwachte. Mir schien, ich habe etwas Gutes geträumt, und

ich strebte mich dessen wieder zu erinnern, doch vergebens. Es war

mir merkwürdig wohl und frei zumute, als habe ich alles Unangenehme

überwunden und hinter mir. Und wie ich lag und sann und leise Ströme

der Genesung und Erlösung um mich fühlte, trat mir eine Melodie auf die

Lippen, fast lautlos, die summte ich weiter und hörte nimmer auf, und

unversehens schaute mich wie ein enthüllter Stern die Musik wieder an,

der ich so lange fremd gewesen war, und mein Herz schlug ihren Takt,

und mein ganzes Wesen blühte auf und atmete neue reine Lüfte. Es kam

mir nicht zum Bewußtsein, es war nur da und durchdrang mich still, als

sängen leise Chöre von fern zu mir herein.

In diesem innig frischen Gefühl schlief ich wieder ein. Am Morgen war

ich froh und unbedrückt wie lang nicht mehr. Die Mutter merkte es und

fragte, was mich freue. Da besann ich mich, und nach einer Weile sagte

ich ihr, ich habe so lang nimmer an meine Geige gedacht, die sei mir

nun wieder eingefallen und ich freue mich auf sie.

»Du wirst aber noch lang nicht wieder spielen dürfen«, sagte sie etwas

ängstlich.

»Das schadet nichts, und wenn ich auch gar nimmer spielen könnte.«

Sie verstand mich nicht und ich konnte es ihr nicht erklären. Aber

sie merkte, daß es mir besser gehe und daß kein Feind hinter dieser

grundlosen Fröhlichkeit laure. Nach einigen Tagen fing sie vorsichtig

wieder davon an.

»Du, wie ist das nun eigentlich mit deiner Musik? Wir haben fast

geglaubt, sie sei dir verleidet, und der Vater hat mit deinen Lehrern

gesprochen. Wir wollen dir ja nicht dreinreden, am wenigsten jetzt

-- -- aber wir meinen, wenn du dich getäuscht hättest und es lieber

aufgeben möchtest, so solltest du es tun und nicht aus Trotz oder Scham

dabeibleiben. Was meinst du?«

Da fiel mir diese ganze Zeit der Entfremdung und Enttäuschung wieder

ein. Ich versuchte der Mutter zu erzählen, wie es mir gegangen war, und

sie schien es zu begreifen. Nun aber, meinte ich, sei ich meiner Sache

wieder sicherer geworden und jedenfalls wolle ich nicht so davonlaufen,

sondern erst zu Ende studieren. Dabei blieb es einstweilen. Im Grunde

meiner Seele, wohin die Frau nicht blicken konnte, war lauter Musik. Ob

es nun mit dem Geigen glückte oder nicht, ich hörte wieder die Welt wie

ein gutes Kunstwerk klingen und wußte, es sei außerhalb der Musik kein

Heil für mich. Erlaubte mein Zustand das Geigen nimmer, so mußte ich

darauf verzichten, vielleicht mußte ich einen andern Beruf suchen und

etwa Kaufmann werden; aber das alles war nicht allzu wichtig, ich würde

als Kaufmann oder was sonst nicht weniger Musik empfinden und in Musik

leben und atmen. Ich würde wieder komponieren! Es war nicht, wie ich

meiner Mutter gesagt hatte, das Geigen, worauf ich mich freute, sondern

es war das Musikmachen, das Schaffen, nach dem mir die Hände zitterten.

Schon fühlte ich zu manchen Zeiten wieder die lauteren Schwingungen

klarer Lüfte, die gespannte Kühle der Gedanken, wie früher in meinen

besten Stunden, und fühlte auch, daß daneben ein lahmes Bein und andre

Übel von geringer Bedeutung seien.

Von da an war ich Sieger, und so oft auch seither meine Wünsche ins

Land der Gesundheit und Jugendlust hinüberliefen, und so oft ich mit

Bitterkeit und zorniger Scham mein Krüppeltum haßte und verfluchte, es

ging mir dieses Leid doch nimmer so leicht über die Kraft; es war etwas

da, zu trösten und zu verklären.

Ab und zu kam mein Vater hergereist, die Mutter und mich zu besuchen,

und eines Tages, da es mir längst erträglich ging, nahm er sie wieder

mit sich nach Hause. Die ersten Tage fühlte ich mich etwas vereinsamt,

schämte mich auch, daß ich mit der Mutter zu wenig herzlich gesprochen

hatte und zu wenig auf ihre Gedanken und Sorgen eingegangen war. Doch

füllte mich jenes andere Gefühl zu sehr aus, als daß diese Gedanken

über wohlgemeinte Spielereien und Rührungen hinaus geraten wären.

Nun kam unerwartet jemand mich zu besuchen, der sich während der

Anwesenheit meiner Mutter nicht herbeigewagt hatte. Das war Liddy. Ich

war sehr erstaunt sie zu sehen. Es fiel mir im ersten Augenblick gar

nicht ein, wie nah ich ihr vor kurzem gestanden und wie sehr ich in sie

verliebt gewesen war. Sie kam in großer Verlegenheit, die sie schlecht

verbarg, hatte sich vor meiner Mutter und sogar vor dem Gericht

gefürchtet, da sie sich an meinem Unglück schuldig wußte, und begriff

nur langsam, daß die Sache nicht so schlimm war und sie im Grunde gar

nichts angehe. Nun atmete sie auf, doch war eine leise Enttäuschung

nicht zu verkennen. Das Mädchen hatte, bei allem bösen Gewissen, doch

im Grund ihres guten Weiberherzens sich an der ganzen Geschichte, an so

viel ergreifendem und rührendem Unglück, innigst erlabt. Sie brauchte

sogar mehrmals das Wort »tragisch«, worüber ich kaum das Lachen

verhalten konnte. Überhaupt war sie nicht darauf gefaßt gewesen, mich

so munter und so wenig in Respekt vor meinem Unglück zu finden. Sie

hatte im Sinn gehabt, mich um Verzeihung zu bitten, deren Gewährung

mir als Verliebtem eine gewaltige Genugtuung schaffen müsse, und sich

auf Grund dieser rührenden Szene meines Herzens von neuem siegreich zu

bemächtigen.

Nun war es dem törichten Kinde zwar keine kleine Erleichterung, mich

so vergnügt und sich selbst aller Schuld und Anklage ledig zu finden.

Sie wurde aber dieser Erleichterung nicht froh, sondern je mehr ihr

Gewissen sich beruhigte und ihre mitgebrachte Angst verflog, desto

stiller und kühler sah ich sie werden. Es beleidigte sie nachträglich

doch nicht wenig, daß ich ihren Anteil an der Sache so gering anschlug,

ja vergessen zu haben schien, daß ich die Rührung und Abbitte im Keim

unterdrückt und sie um die ganze schöne Szene gebracht hatte. Daß ich

vollends gar nicht mehr in sie verliebt war, merkte sie trotz meiner

großen Höflichkeit sehr wohl, und das war das Schlimmste. Mochte ich

Arme und Beine verloren haben, ich war doch immer ein Anbeter gewesen,

den sie zwar nicht geliebt und nie beglückt, an dessen Schmachten sie

aber, je elender er war, desto größere Genugtuung gefunden hätte.

Nun war es damit nichts, wie sie sehr deutlich merkte, und ich sah

auf ihrem hübschen Gesicht die Wärme und Teilnahme der mitleidigen

Krankenbesucherin mehr und mehr erlöschen und erkühlen. Schließlich

ging sie nach einem phrasenhaften Abschied und kam nie wieder, obwohl

sie es heilig versprochen hatte.

So peinlich es mir war und so sehr es mir wider das Selbstgefühl ging,

meine frühere Verliebtheit so ins Kleine und Lächerliche gefallen zu

sehen, so tat der Besuch mir doch wohl. Ich war sehr verwundert, das

schöne begehrte Fräulein zum erstenmal ohne Leidenschaft und Brille

zu sehen und wahrzunehmen, daß ich sie gar nicht gekannt habe. Hätte

man mir die Puppe gezeigt, die ich als Dreijähriger umarmt und geliebt

hatte, so hätte mich die Entfremdung und Änderung des Gefühls nicht

mehr verwundern können als hier, wo ich ein vor Wochen noch heiß

begehrtes Mädchen als eine völlig Fremde vor mir sah.

Von den Kameraden, die auf jenem Sonntagsausflug im Winter dabei

gewesen waren, besuchten zwei mich einigemal, doch fanden wir wenig

miteinander zu reden und ich bemerkte ihr Aufatmen wohl, als es mir

besser ging und ich sie bat, mir keine Opfer mehr zu bringen. Später

trafen wir einander nicht mehr. Es war merkwürdig und machte mir einen

wehmütig sonderbaren Eindruck: alles fiel von mir ab, ward fremd und

ging mir verloren, was in diesen Jünglingsjahren zu meinem Leben gehört

hatte. Ich sah plötzlich, wie falsch und traurig ich diese ganze Zeit

gelebt hatte, da nun Liebe, Freunde, Gewohnheiten und Freuden dieser

Jahre von mir abfielen wie schlechte Kleider, sich ohne Schmerz von mir

trennten, so daß es nur zu verwundern blieb, wie ich es bei ihnen so

lang habe aushalten können oder sie bei mir.

Dagegen überraschte mich ein andrer Besuch, an den ich nie gedacht

hätte. Es kam eines Tages mein Klavierlehrer, der strenge und

spöttische Herr. Er behielt den Stock in der Hand und die Handschuhe

an den Händen, sprach in seinem gewohnten herben, fast bissigen Ton,

nannte jene böse Schlittenfahrt eine »Weiberkutschiererei« und schien

mir, dem Ton seiner Worte nach, das erlebte Pech durchaus zu gönnen.

Trotzdem war es merkwürdig, daß er sich eingefunden hatte, und es

zeigte sich denn auch, obwohl er den Ton nicht änderte, daß er nicht

in böser Absicht gekommen war, sondern um mir zu sagen, er halte mich

trotz meiner Schwerfälligkeit für einen leidlichen Schüler, sein

Kollege, der Violinlehrer, sei derselben Meinung, und sie hofften also,

ich komme bald gesund wieder und mache ihnen Freude. Obwohl diese

Rede, die fast wie eine Abbitte für frühere rüde Behandlung aussah,

durchaus im selben bitter scharfen Tone wie alles Frühere vorgetragen

ward, klang sie mir doch wie eine Liebeserklärung. Ich streckte dem

unbeliebten Lehrer dankbar die Hand hin, und um ihm Vertrauen zu

zeigen, versuchte ich ihm klarzumachen, wie es mir diese Jahre her

gegangen sei und wie jetzt mein altes Herzensverhältnis zur Musik

wieder aufzuleben beginne.

Der Professor schüttelte den Kopf und pfiff vor Hohn, als er fragte:

»Aha, Sie wollen Komponist werden?«

»Womöglich«, sagte ich bedrückt.

»Ja, da wünsche ich Glück. Ich hatte gedacht, Sie würden jetzt

vielleicht mit neuem Eifer ans Üben gehen, aber als Komponist haben Sie

das freilich nicht nötig.«

»O, so ist es nicht gemeint.«

»Ja wie denn? Wissen Sie, wenn ein Musikschüler faul ist und nicht

recht arbeiten mag, dann legt er sich immer aufs Komponieren. Das kann

jeder, und ein Genie ist ja bekanntlich auch jeder.«

»So meine ich's wirklich nicht. Soll ich denn Klavierspieler werden?«

»Nein, lieber Herr, dazu würde es Ihnen doch nicht reichen. Aber

anständig geigen lernen könnten Sie schon noch.«

»Nun, das will ich auch.«

»Hoffentlich ist's Ihnen Ernst. Möchte mich nicht länger aufhalten.

Gute Besserung, Herr, und auf Wiedersehen!«

Damit ging er davon und ließ mich erstaunt zurück. Ich hatte an die

Rückkehr zu den Studien noch wenig gedacht. Nun fürchtete ich doch,

es möchte wieder schwer und mißlich gehen und am Ende alles wieder

werden wie es vorher gewesen war. Doch hielten solche Gedanken nicht

lange Stand, und es zeigte sich auch, daß der Besuch des mürrischen

Professors wirklich gut gemeint und ein Zeichen redlichen Wohlwollens

war.

Nach meiner Genesung sollte ich eine Erholungsreise machen, doch zog

ich vor, damit bis zu den großen Ferien zu warten und lieber jetzt

gleich wieder ins Zeug zu gehen. Da empfand ich zum erstenmal, wie

erstaunlich eine Ruhezeit, namentlich eine unfreiwillige, wirken

kann. Ich begann meine Stunden und Übungen mit Mißtrauen, aber alles

ging besser als zuvor. Allerdings sah ich jetzt auch deutlich, daß

nie ein Virtuose aus mir werden würde; doch tat diese Erkenntnis mir

bei meinem jetzigen Zustande nicht weh. Im übrigen ging es gut, und

namentlich hatte sich in der langen Pause das unheimliche Gestrüpp der

Musiktheorie, der Harmonie- und Kompositionslehre in einen durchaus

zugänglichen, heiteren Garten verwandelt. Ich fühlte, daß die Einfälle

und Versuche meiner guten Stunden nicht mehr außerhalb aller Regeln

und Gesetze lagen, daß innerhalb des strengen Schülergehorsams ein

schmaler, doch deutlich erkennbarer Weg zur Freiheit führe. Wohl gab

es noch Stunden und Tage und Nächte, da alles wie ein Stachelzaun vor

mir lag und ich mit wundem Gehirn mich an Widersprüchen und Lücken

abquälte; aber die Verzweiflung kam nicht wieder, und der schmale Pfad

wurde deutlicher und gangbarer vor meinen Augen.

Am Schlusse des Semesters sagte mir zu meiner Überraschung unser

Theorielehrer bei der Verabschiedung vor den Ferien: »Sie sind der

einzige Schüler dies Jahr, der wirklich etwas von Musik zu verstehen

scheint. Wenn Sie einmal etwas komponiert haben, würde ich's gerne

ansehen.«

Mit diesem tröstlichen Wort im Ohr reiste ich in die Ferien ab. Ich

war längere Zeit nicht mehr zu Hause gewesen, nun trat während der

Bahnfahrt die Heimat wieder vor mein Herz, verlangte meine Liebe und

rief die Flut halbverlorener Erinnerungen an Kinderzeiten und erste

Jünglingsjahre herauf. Am Bahnhof der Heimatstadt empfing mich der

Vater und wir fuhren in einer Droschke nach Hause. Doch trieb es mich

gleich am andern Morgen hinaus, einen Gang durch die alten Straßen

zu tun. Da umfing mich zum erstenmal die Trauer um meine verlorene

aufrechte Jugend. Es war mir eine Qual, mit meinem gekrümmten und

steifen Bein am Stock durch diese Gassen zu hinken, wo jede Ecke an

Knabenspiele und untergegangene Freuden erinnerte. Ich kam schwermütig

nach Hause zurück, und wen ich sah und wessen Stimme ich hörte und

woran ich dachte, alles mahnte mich bitter an früher und an mein

Krüppeltum. Dabei litt ich darunter, daß meine Mutter offenbar mit

meiner Berufswahl weniger als je einverstanden war, obgleich sie das

nicht deutlich sagte. Einen Musiker, der schlankbeinig als Virtuos oder

schneidiger Dirigent sich zeigen konnte, hätte sie etwa noch gelten

lassen; wie aber ein Halblahmer mit mäßigen Zeugnissen und scheuem

Wesen als Geiger sich weiterbringen wolle, war ihr unverständlich.

In diesen Gedanken wurde sie von einer alten Freundin und entfernten

Verwandten unterstützt, der mein Vater einmal das Haus verboten hatte,

was sie ihm mit bitterem Haß vergalt, ohne freilich wegzubleiben,

denn sie kam während der Kontorstunden des Vaters häufig zu meiner

Mutter. Sie mochte mich, mit dem sie seit meinen Knabenjahren kaum

ein Wort gewechselt hatte, nicht leiden und sah in meiner Berufswahl

ein bedauerliches Zeichen von Entartung, in meinem Unglück aber eine

offensichtliche Strafe und Mahnung der Vorsehung.

Um mir eine Freude zu machen, hatte mein Vater es vorbereitet, daß

ich zum Solospielen in einem Konzert des städtischen Musikvereins

aufgefordert wurde. Aber ich konnte nicht, ich lehnte ab und zog

mich tagelang in meine kleine Stube zurück, in der ich schon als

Knabe gewohnt hatte. Besonders quälte mich das ewige Gefragtwerden

und Redestehenmüssen, so daß ich gar nimmer ausging. Dabei ertappte

ich mich dabei, daß ich aus dem Fenster dem Leben der Straße, den

Schulkindern und vor allem den jungen Mädchen mit unglücklichem Neide

nachsah.

Wie durfte ich denn hoffen, dachte ich, je wieder einem Mädchen Liebe

zeigen zu können! Ich würde immer nebendraußen stehen, wie beim Tanzen,

und zusehen müssen und den Mädchen nicht für voll gelten, und wenn

je eine freundlich mit mir wäre, so würde es Mitleid sein! Ach, das

Bemitleidetwerden hatte ich schon satt bis zum Ekel.

Unter diesen Umständen konnte meines Bleibens daheim nicht sein. Auch

die Eltern litten unter meiner reizbaren Schwermut nicht wenig und

redeten kaum dagegen, als ich mir die Erlaubnis erbat, gleich jetzt die

längst geplante Reise anzutreten, die der Vater mir versprochen hatte.

Es hat auch später noch mein Gebrechen mir zu schaffen gemacht und mir

Wünsche und Hoffnungen zerstört, an denen mein Herz hing; aber so heiß

und quälend habe ich meine Schwäche und Verunstaltung wohl nie mehr

empfunden wie damals, wo der Anblick jedes gesunden jungen Mannes und

jeder hübschen Frauengestalt mich demütigte und mir wehtat. Wie ich

mich langsam an den Stock und das Hinken gewöhnt hatte, bis es mich

kaum mehr störte, so mußte ich mich mit den Jahren daran gewöhnen,

meines Schadens ohne Bitterkeit bewußt zu bleiben und ihn mit Ergebung

oder Humor zu tragen.

Zum Glück konnte ich allein reisen und bedurfte keiner besonderen

Wartung mehr; jede Begleitung wäre mir zuwider gewesen und hätte meine

innere Heilung gestört. Mir ward schon leichter, als ich im Zuge saß

und niemand mehr mich auffällig und mitleidig betrachtete. Ich fuhr

ohne Pausen Tag und Nacht, in einem wahren Fluchtgefühl, und atmete

tief auf, als ich am zweiten Abend durch trübe Fenster spitze hohe

Berge erblickte. Mit dem Dunkelwerden erreichte ich die letzte Station,

ging müde und froh durch dunkle Gassen eines Graubündner Städtchens dem

ersten Gasthause zu und schlief nach einem Becher tiefroten Weines mir

in zehn Stunden die Reisemüdigkeit und schon auch einen guten Teil der

mitgebrachten Bedrängnis vom Halse.

Am Morgen stieg ich in die kleine Bergbahn, die durch enge Täler an

weißen schäumenden Bächen hin bergeinwärts führte, und dann an einem

kleinen einsamen Bahnhöflein in einen Wagen, und um Mittag war ich

droben in einem der höchstgelegenen Dörfer des Landes.

Im einzigen kleinen Gasthaus des stillen armen Dorfes wohnte ich nun,

zeitweise als einziger Gast, bis in den Herbst hinein. Ich hatte im

Sinn gehabt, hier eine kleine Weile auszuruhen und dann weiter durch

die Schweiz zu reisen, ein Stück Welt und Fremde zu sehen. Es ging aber

in jener Höhe ein Wind und wehte eine Luft voll herber Klarheit und

Größe, die ich nimmer verlassen mochte. Die eine Seite des Hochtales

war mit Tannenwald bewachsen, fast bis zur Höhe, die andere Lehne

war felsig kahl. Hier brachte ich meine Tage zu, im sonnenbraunen

Gestein oder an einem der kraftvollen wilden Bäche, deren Lied bei

Nacht durchs ganze Dorf tönte. In den ersten Tagen genoß ich die

Einsamkeit wie einen kühlen Heiltrank, niemand sah mir nach, niemand

zeigte mir Neugierde oder Mitleid, ich war frei und allein wie ein

Vogel in der Höhe und vergaß bald meinen Schmerz und mein kränkliches

Neidgefühl. Zuweilen tat es mir leid, daß ich nicht weit in die Berge

gehen, unbekannte Täler und Alpen besuchen, gefährliche Wege steigen

konnte. Doch war mir im Grunde herrlich wohl, nach den Erlebnissen und

Erregungen der vergangenen Monate umfing mich die Stille der Einsamkeit

wie eine sichere Burg, ich fand die gestörte Seelenruhe wieder und

lernte mich in meine körperliche Schwäche wenn nicht mit Heiterkeit, so

doch mit Resignation finden.

Die Wochen dort oben sind beinahe die schönsten in meinem Leben

gewesen. Ich atmete die reine helle Luft, trank das eisige Wasser

der Bäche, sah an den steilen Hängen die Ziegenherden grasen, von

schwarzhaarigen, träumerisch stillen Hirten bewacht, hörte zuweilen

Stürme durchs Tal gehen, sah Nebeln und Gewölk aus ungewohnter Nähe

ins Gesicht. In Steinspalten beobachtete ich die kleine, zarte,

farbenkräftige Blumenwelt und die vielen herrlichen Moose, und

an klaren Tagen stieg ich gern eine Stunde bergan, bis ich über

die jenseitige Höhe hinweg die fernen rein gezeichneten Spitzen

hoher Berge mit blauen Schatten und selig leuchtenden, silbernen

Schneefeldern sehen konnte. An einer Stelle des Fußpfades, wo von einer

armen kleinen Quelle her ihn ein dünnes Wassergerinsel feucht erhielt,

fand ich an jedem hellen Tag einen Schwarm von Hunderten kleiner blauer

Schmetterlinge trinkend sitzen, die kaum vor meinen Schritten auswichen

und mich, wenn ich sie aufstörte, mit einem winzigen, seidenzarten

Flügelgesumme umtaumelten. Seit ich sie kannte, ging ich diesen Weg

nur an sonnigen Tagen, und jedesmal war die dichte blaue Schar da, und

jedesmal war es ein Feiertag.

Besinne ich mich genauer, so war allerdings jene Zeit nicht ganz

so vollkommen blau und sonnig und feiertäglich, wie sie mir im

Gedächtnis steht. Es gab nicht nur Nebeltage und Regentage, sogar

Schnee und Kälte, es gab auch in mir Unwetter und böse Tage. Ich war

das Alleinsein nicht gewohnt, und als das erste Ausruhen und Schwelgen

vorüber war, sah mich zuweilen das Leid, dem ich entronnen, plötzlich

wieder aus schrecklicher Nähe an. Manchen kalten Abend saß ich in

meiner winzigen Stube, die Reisedecke auf den Knien, müde und wehrlos

törichten Gedanken hingegeben. Alles was das junge Blut begehrt und

hofft, Feste und tanzende Fröhlichkeit, Frauenliebe und Abenteuer,

Triumph der Kraft und der Liebe, das lag drüben am andern Ufer, für

immer von mir abgetrennt und für immer unerreichbar. Sogar jene trotzig

ausgelassene Zeit einer halb erzwungenen Lustigkeit, deren Ende mein

Sturz im Schlitten gewesen war, erschien in meiner Erinnerung dann

schön und paradiesisch gefärbt als ein verlorenes Land der Freude,

deren Nachhall mir nur noch von ferne her mit verklingendem bacchischem

Taumel herüberklang. Und wenn zuweilen nachts die Stürme gingen, wenn

das kalte stetige Geräusch der stürzenden Gewässer vom leidenschaftlich

wehklagenden Rauschen des zerwühlten Tannenwaldes übertönt wurde

oder im Dachgebälk des gebrechlichen Hauses die tausend unerklärten

Geräusche der schlaflosen Sommernacht laut wurden, dann lag ich in

hoffnungslosen heißen Träumen von Leben und Liebessturm, wütend und

Gott lästernd, und kam mir als ein ärmlicher Dichter und Träumer vor,

dessen schönster Traum doch nur ein dünnes Seifenblasenschillern ist,

während tausend andere rings in der Welt, ihrer Jugendkräfte froh,

jubelnde Hände nach allen Kronen des Lebens ausstreckten.

Wie ich jedoch die heilige Schönheit der Berge und alles, was meine

Sinne täglich genossen, nur durch einen Schleier zu mir herblicken

und nur aus einer seltsamen Ferne zu mir reden fühlte, so trat auch

zwischen mich und jenes oft so wild ausbrechende Leid ein Schleier

und eine leise Fremdheit, und bald war es so weit, daß ich beides,

den Glanz der Tage und den Jammer der Nächte, wie Stimmen von außen

vernahm, denen ich mit unverletztem Herzen zuhören konnte. Ich sah

und fühlte mich selbst als einen Himmel mit ziehendem Gewölk, als

ein Feld voll kämpfender Scharen, und ob es Lust und Genuß oder Leid

und Schwermut war, es tönte beides klarer und verständlicher, löste

sich aus meiner Seele und trat mich von außen an, in Harmonien und

Tonreihen, die ich wie im Schlafe vernahm und die ohne mein Wollen von

mir Besitz ergriffen.

Es war in einer Abendstille bei der Heimkehr aus den Felsen, als ich

das alles zum erstenmal deutlich empfand, und als ich daran grübelte

und mir selber ein Rätsel war, fiel es mir unversehens ein, was das

alles bedeute, und daß es die Wiederkehr jener fremden, entrückten

Stunden sei, die ich in frühern Jahren ahnungsweise vorgekostet hatte.

Und mit dieser Erinnerung kam jene herrliche Klarheit wieder, die fast

gläserne Helligkeit und Durchsichtigkeit der Gefühle, deren jedes ohne

Maske dastand und deren keines mehr Schmerz oder Glück hieß, sondern

nur Kraft und Klang und Strom bedeutete. Aus dem Treiben, Schillern und

Kämpfen meiner gesteigerten Empfindungen war Musik geworden.

Nun sah ich an meinen hellen Tagen die Sonne und den Wald, die braunen

Felsen und die fernen silbernen Berge mit doppeltem Gefühl von Glück

und Schönheit und Empfängnis, und ich fühlte in den dunklen Stunden

mein krankes Herz mit doppelter Glut sich dehnen und empören, und ich

unterschied nicht mehr Genuß und Weh, sondern eines war dem andern

gleich, und beides tat weh, und beides war köstlich. Und während es mir

innen wohl oder weh erging, stand meine Kraft doch in Ruhe darüber,

schaute zu und erkannte das Helle und Dunkle als geschwisterlich

zusammengehörend, das Leid und den Frieden als Takte und Kräfte und

Teile derselben großen Musik.

Ich konnte diese Musik nicht aufschreiben, sie war mir selber noch

fremd und ihre Grenzen mir unbekannt. Aber ich konnte sie hören, ich

konnte die Welt in mir als Vollkommenheit empfinden. Und etwas konnte

ich auch festhalten, einen kleinen Teil und Widerklang, verkleinert und

übersetzt. Daran dachte ich und sog ich nun tagelang und fand, daß es

mit zwei Geigen auszudrücken war, und fing, wie ein junger Vogel das

Fliegen wagt, in aller Unschuld an meine erste Sonate aufzuschreiben.

Als ich den ersten Satz eines Morgens in meiner Kammer auf der

Geige spielte, fühlte ich wohl die Schwäche und Unfertigkeit und

Unsicherheit, aber es lief mir doch jeder Takt wie ein Schauer übers

Herz. Ich wußte nicht, ob diese Musik gut war; ich wußte aber, daß es

meine eigene Musik war, in mir erlebt und geboren und nirgends vorher

gehört.

Unten in der Gaststube saß, unbeweglich und weiß wie ein Eiszapfen,

jahraus, jahrein der Vater des Wirts, ein Mann von mehr als achtzig

Jahren, der nie ein Wort sprach und nur aus ruhigen Augen sorgsam um

sich blickte. Es war ein Geheimnis, ob der feierlich Schweigende im

Besitz übermenschlicher Weisheit und Seelenstille sei oder ob die

Geisteskräfte ihn verlassen hatten. Zu diesem Greise stieg ich an jenem

Morgen hinab, meine Geige unter dem Arm, denn ich hatte bemerkt, daß

er meinem Spiel und jeder Musik immer mit Aufmerksamkeit zuhörte. Da

ich ihn allein fand, stellte ich mich vor ihm auf, stimmte die Violine

und spielte ihm meinen ersten Satz vor. Der uralte Mann hielt seine

stillen Augen, deren Weißes gelblich und deren Lidränder rot waren,

auf mich gerichtet und hörte zu, und wenn ich an jene Musik denke, so

sehe ich auch den Alten wieder und sein regungslos steinernes Gesicht,

aus dem die ruhigen Augen mich betrachten. Als ich fertig war, nickte

ich ihm zu, er blinzelte listig und schien alles zu begreifen, seine

gelblichen Augen erwiderten meinen Blick, dann wandte er sie ab, ließ

den Kopf ein wenig sinken und erlosch wieder zu seiner alten Starre.

Früh begann der Herbst in jener Höhe und als ich eines Morgens

abreiste, lag dicker Nebel und fiel in staubzarten Tropfen sprühend

ein kalter Regen. Ich nahm aber die Sonne der guten Tage und außer der

dankbaren Erinnerung auch einen frohen Mut für meine nächsten Wege mit.

Während meines letzten Semesters am Konservatorium lernte ich den

Sänger Muoth kennen, der in der Stadt einen gewissen ehrenvollen Ruf

besaß. Er war vor vier Jahren mit seinen Studien fertig und sogleich

an der Hofoper angestellt worden, wo er zwar einstweilen noch mit

mittleren Rollen auftrat und neben beliebten älteren Kollegen nicht

recht zu Glanze kam, aber bei vielen für einen zukünftigen Stern galt,

den der nächste Schritt zum Ruhm führen müsse. Mir war er von der

Bühne her aus einigen Rollen bekannt und hatte mir immer einen starken

Eindruck gemacht, wennschon keinen reinen.

Unsere Bekanntschaft entstand so. Ich hatte nach meiner Rückkehr zur

Schule jenem Lehrer, der mir so freundliche Teilnahme gezeigt hatte,

meine Violinsonate und zwei von mir komponierte Lieder gebracht. Er

versprach, die Arbeiten durchzusehen und mir seine Meinung darüber zu

sagen. Nun dauerte es lange, bis er es tat, und ich konnte ihm eine

gewisse Verlegenheit anmerken, so oft ich ihm inzwischen begegnete.

Endlich rief er mich eines Tages zu sich und gab mir meine Noten zurück.

»Da sind Ihre Arbeiten wieder«, sagte er etwas befangen. »Hoffentlich

haben Sie sich nicht gar zu große Hoffnungen gemacht! Es ist etwas

daran, ohne Zweifel, und es kann etwas aus Ihnen werden. Aber offen

gesagt, ich hatte Sie schon für reifer und ruhiger gehalten, überhaupt

Ihrer Natur nicht so viel Leidenschaft zugetraut. Ich hatte etwas

Stilleres und Gefälligeres erwartet, was technisch sicherer wäre und

was sich technisch beurteilen ließe. Nun ist aber Ihre Arbeit technisch

mißglückt, so daß ich wenig dazu sagen kann, und ist dafür ein kecker

Versuch, den ich nicht bewerten kann, aber als Ihr Lehrer nicht loben

möchte. Sie haben weniger und mehr gegeben, als ich erwartet hatte, und

mich damit in Verlegenheit gebracht. Ich bin zu sehr Schulmeister, um

die Stilsünden übersehen zu können, und ob sie durch die Originalität

aufgewogen werden, mag ich erst recht nicht entscheiden. Ich will also

warten, bis ich wieder etwas von Ihnen sehe, und wünsche Glück dazu.

Weiterkomponieren werden Sie ja doch, soviel habe ich gemerkt.«

Damit war ich abgezogen und hatte nicht gewußt, was mit dem Bescheid

anfangen, der keiner war. Mir hatte es geschienen, man müsse einer

Arbeit ohne weiteres ansehen, ob sie aus Spielerei und zum Zeitvertreib

oder ob sie aus Bedürfnis und aus dem Herzen entstanden sei. Ich legte

die Noten weg und nahm mir vor, das alles einstweilen zu vergessen, um

in diesen letzten Lernmonaten recht fleißig zu sein.

Da war ich einmal von einer Familie eingeladen, wo viel Musik getrieben

wurde und wo ich, als bei Bekannten meiner Eltern, ein- oder zweimal

im Jahr meinen Besuch zu machen pflegte. Es war ein Gesellschaftsabend

wie alle, nur daß ein paar Berühmtheiten von der Oper dabei waren, die

ich vom Sehen alle kannte. Auch der Sänger Muoth war da, der mich von

allen am meisten interessierte, und ich sah ihn zum erstenmal so nahe.

Er war groß und schön, ein imponierender dunkler Mann mit sichern und

vielleicht schon etwas verwöhnten Manieren, man sah ihm an, daß er den

Frauen gefiel. Doch sah er, von den Gebärden abgesehen, weder stolz

noch vergnügt aus, sondern hatte in Blick und Mienen viel Suchendes und

Unbefriedigtes. Als ich ihm vorgestellt wurde, grüßte er mit einem

kurzen steifen Kompliment, ohne mit mir zu sprechen. Nach einer Weile

kam er aber plötzlich zu mir her und sagte: »Heißen Sie nicht Kuhn?

-- Dann kenne ich Sie schon ein wenig. Der Professor S. hat mir Ihre

Arbeiten gezeigt. Sie dürfen es ihm nicht übel nehmen, er ist nicht

indiskret. Aber ich kam gerade dazu, und weil ein Lied dabei war, sah

ich mirs mit seiner Erlaubnis an.«

Ich war erstaunt und verlegen. »Warum sprechen Sie davon?« fragte ich.

»Es hat dem Professor nicht gefallen, glaube ich.«

»Tut Ihnen das weh? Nun, mir hat das Lied sehr gefallen; ich könnte es

singen, wenn ich nur die Begleitung hätte. Die möchte ich mir von Ihnen

erbitten.«

»Es hat Ihnen gefallen? Ja, kann man es denn singen?«

»Das kann man schon, freilich nicht in jedem Konzert. Ich möchte es

aber gern für mich haben, für den Hausbrauch.«

»Ich will es Ihnen abschreiben. Aber warum wollen Sie es haben?«

»Weil es mich interessiert. Es ist ja wirklich Musik, das Lied, das

wissen Sie doch selber!«

Er sah mich an und mich plagte seine Art, Leute anzusehen. Er blickte

mir ganz gerade ins Gesicht, völlig unbekümmert studierend, und seine

Augen waren voll Neugierde.

»Sie sind jünger als ich gedacht hätte. Sie müssen doch schon viel

Schmerz erfahren haben.«

»Ja,« sagte ich, »aber ich kann nicht davon sprechen.«

»Das sollen Sie auch nicht, ich will Sie doch nicht ausfragen.«

Sein Blick verwirrte mich, auch war er eine Art von Berühmtheit und

ich noch ein Schüler, so daß ich mich nur schwach und schüchtern

zur Wehr setzen konnte, obgleich mir seine Art zu fragen gar nicht

gefiel. Hochmütig war er nicht, aber irgendwie verletzte er mir das

Schamgefühl, ohne daß ich mehr als leise abwehren konnte, denn es kam

doch auch kein rechter Widerwille in mir auf. Ich hatte das Gefühl, er

sei unglücklich und habe eine ungewollt gewaltsame Art die Menschen

anzufassen, als wolle er ihnen etwas entreißen, was ihn trösten könne.

Sein dunkel forschendes Auge war so frech wie traurig, und sein Gesicht

viel älter als er sein konnte.

Bald darauf, während mir seine Anrede noch die Gedanken beschäftigte,

sah ich ihn höflich und lustig mit einer Tochter des Hauses plaudern,

die ihm entzückt zuhörte und ihn wie ein Meerwunder anschaute.

Ich lebte seit meinem Ungeschick so einsam, daß diese Begegnung mir

noch tagelang nachklang und mich störte. Ich war meiner selbst nicht

sicher genug, um den überlegenen Mann nicht zu fürchten, und doch zu

einsam und bedürftig, um nicht von seiner Annäherung geschmeichelt zu

sein. Schließlich dachte ich, er habe mich und seine Laune von jenem

Abend vergessen. Da erschien er zu meiner Verwirrung in meiner Wohnung.

Das war an einem Dezemberabend, schon bei voller Dunkelheit. Der Sänger

klopfte an und trat herein, als sei nichts Merkwürdiges an seinem

Besuch, und sprang sogleich, ohne alle Einleitungen und Höflichkeiten,

mitten in das Gespräch. Ich mußte ihm das Lied geben, und da er mein

Mietklavier im Zimmer sah, wollte er es sogleich singen. Ich mußte

hinsitzen und begleiten, und so hörte ich zum erstenmal mein Lied

richtig gesungen. Es war traurig und ergriff mich wider meinen Willen,

denn er sang es nicht sängermäßig, sondern leise und wie für sich

allein. Der Text, den ich im vorigen Jahr in einer Zeitschrift gelesen

und mir abgeschrieben hatte, hieß so:

Daß bei jedem Föhn

Vom Berg die Lawine rollt

Mit Sausen und Todesgetön,

Hat das Gott gewollt?

Daß ich ohne Gruß

Durch der Menschen Land

Fremd wandern muß,

Kommt das von Gottes Hand?

Sieht Er in Herzensnot

Und Qual mich schweben?

Ach, Gott ist tot!

-- Und ich soll leben?

Wie ich's ihn singen hörte, begriff ich, daß das Lied ihm gefallen

hatte.

Wir waren eine kleine Weile still, dann fragte ich ihn, ob er mir nicht

Fehler sagen und Korrekturen vorschlagen könne.

Muoth sah mich mit seinem dunklen, starren Blick an und schüttelte den

Kopf.

»Da ist nichts zu korrigieren,« sagte er. »Ich weiß nicht, ob die

Komposition gut ist, ich verstehe davon gar nichts. Es ist Erlebnis

und Herz in dem Lied, und weil ich selber nicht dichte und nicht

komponiere, freut es mich, wenn ich einmal etwas finde, das mir wie

eigen vorkommt und das ich mir selber vorsingen mag.«

»Der Text ist aber nicht von mir,« warf ich ein.

»Nicht? Nun, einerlei, der Text ist auch Nebensache. Sie müssen ihn

doch erlebt haben, sonst hätten Sie das nicht komponiert.«

Ich bot ihm nun die Abschrift an, die ich schon seit Tagen bereit

hatte. Er nahm die Blätter an sich, rollte sie ein und zwängte sie in

die Manteltasche.

»Kommen Sie auch einmal zu mir, wenn Sie mögen,« sagte er und gab mir

die Hand. »Sie leben einsam, das will ich Ihnen nicht verderben. Aber

hie und da sieht man doch gern einem anständigen Menschen ins Gesicht.«

Da er fortging, blieb sein letztes Wort und Lächeln bei mir zurück, es

klang mit dem Lied zusammen, das er gesungen hatte, und mit allem was

ich bis jetzt von dem Mann wußte. Und je länger ich das alles bei mir

trug und betrachtete, desto deutlicher wurde es, und am Ende verstand

ich diesen Menschen. Ich verstand warum er zu mir gekommen war, warum

mein Lied ihm gefiel, warum er so fast unbescheiden in mich drang und

mir halb scheu, halb frech erschienen war. Er litt, er trug einen

schweren Schmerz, und er war von Einsamkeit ausgehungert wie ein Wolf.

Dieser Leidende hatte es mit dem Stolz und dem Alleinsein versucht

und es nicht ausgehalten, er lag auf der Lauer nach Menschen, nach

einem guten Blick und einem Hauch von Verständnis, und war bereit sich

wegzuwerfen dafür. So dachte ich es mir damals.

Mein Gefühl gegen Heinrich Muoth war nicht klar. Ich spürte wohl sein

Verlangen und seine Not, doch hatte ich Furcht vor ihm als einem

überlegenen und grausamen Menschen, der mich verbrauchen und liegen

lassen könnte. Ich war zu jung und hatte zu wenig Menschliches erlebt,

um das zu verstehen und zu billigen, wie er sich gleichsam nackt hingab

und kaum die Scham des Schmerzes zu kennen schien. Doch sah ich auch,

daß hier ein glühender und inniger Mensch litt und verlassen war. Es

fielen mir ungesucht die Gerüchte ein, die ich über Muoth gehört hatte,

undeutliches ängstliches Schülergerede, dessen eigentlicher Inhalt

mir verloren gegangen war, dessen Farbe und Ton aber mein Gedächtnis

wohl bewahrt hatte. Man erzählte von ihm tolle Frauengeschichten und

Abenteuer, und ohne daß mir das einzelne erinnerlich gewesen wäre,

glaubte ich doch noch irgend etwas Blutiges zu wissen, als sei er in

die Geschichte eines Mordes oder Selbstmordes verwickelt gewesen.

Als ich bald darauf meine Scheu bezwang und einen Kameraden darüber

fragte, zeigte sich die Sache harmloser als sie mir erschienen war.

Muoth hatte, wie es hieß, ein Liebesverhältnis mit einer jungen

Dame aus der guten Gesellschaft unterhalten, und diese hatte sich

allerdings vor zwei Jahren das Leben genommen, doch ohne daß man

von einer Verwicklung des Sängers in diese Geschichte mehr als in

vorsichtigen Andeutungen zu reden wagen durfte. Vermutlich hatte meine

eigene Phantasie, durch die Begegnung mit dem eigenartigen und mir

leise unheimlichen Menschen erregt, jenen Duft von Schrecken um ihn

geschaffen. Doch mußte er immerhin mit jener Liebe Böses erlebt haben.

Ich hatte nicht den Mut, zu ihm zu gehen. Wohl konnte ich mir

nicht verbergen, daß Heinrich Muoth ein leidender und vielleicht

verzweifelnder Mensch sei, der nach mir griffe und begehre, und

manchmal schien mir, ich müsse dem Ruf folgen und wäre ein Schelm,

wenn ich es nicht täte. Dennoch ging ich nicht hin, ein anderes Gefühl

hinderte mich. Was Muoth bei mir suchte, konnte ich ihm nicht geben,

ich war ein ganz anderer Mensch als er, und wenn ich auch in mancher

Hinsicht einsam und nicht recht verstanden unter den Leuten stand, wenn

ich auch vielleicht anders war als jedermann, durch Schicksal und

durch Veranlagung von den meisten getrennt, so wollte ich doch davon

kein Aufhebens machen. Mochte der Sänger ein dämonischer Mensch sein,

ich war keiner, und mich hielt ein inneres Bedürfnis vom Auffallenden

und Besonderen ab. Ich hatte eine Abneigung und einen Widerwillen gegen

Muoths heftige Gebärde, er war ein Mann der Bühne und der Abenteuer,

schien mir, und vielleicht dazu bestimmt, ein tragisches und weithin

sichtbares Schicksal zu leben. Ich hingegen wollte in der Stille

bleiben, mir standen Gebärden und kühne Worte nicht an, ich war zur

Resignation bestimmt. So rätselte ich hin und wieder, im Bedürfnis nach

Beruhigung. Es hatte ein Mensch an meine Türe geklopft, der mir leid

tat und den ich vielleicht gerechterweise über mich stellen mußte, aber

ich wollte Ruhe haben und ihn nicht einlassen. Eifrig warf ich mich auf

die Arbeit und ward die plagende Vorstellung nicht los, es stehe hinter

mir einer, der nach mir greife.

Da ich nicht kam, nahm Muoth die Sache wieder selber in die Hand.

Ich erhielt ein Brieflein von ihm, das war in großen stolzen Zügen

geschrieben und lautete:

»Lieber Herr! Am elften Januar pflege ich mit einigen Freunden meinen

Geburtstag zu feiern. Darf ich Sie dazu einladen? Schön wäre es, wenn

wir bei diesem Anlaß Ihre Violinsonate hören könnten. Was meinen Sie

dazu? Haben Sie einen Kollegen, mit dem Sie sie spielen können, oder

soll ich Ihnen jemand schicken? Stefan Kranzl wäre bereit. Sie würden

eine Freude machen Ihrem

Gertrud · 第 6 / 13 题