»Kinder und Gräber sein
Weibersachen.«
(Gerhart Hauptmann
»Rose Bernd«.)
Als sie von England nach Paris kamen, bat sie ihn, mit ihr die Gräber
ihrer Eltern in Spanien zu besuchen. Er willigte ein. Er ging zu Helene
und gab ihr das kleine Mädchen in Obhut, bis daß sie zur Weiterreise
nach Deutschland und Österreich zurückgekehrt wären. Alphi klatschte in
die Hände, daß er nun ein Schwesterchen haben solle. Helene Tallandre
war erschüttert über die Ähnlichkeit der kleinen Noemi mit ihrer
Herzensfreundin. Kaum war Imanuel abgereist, telegraphierte sie an
Arabella Karinski. »Mache dich reisebereit, Brief folgt.« In diesem
schrieb Helene, sie müsse ihr von einem Wunder berichten. Givos Kind
gleiche ihr. Es wäre für wenige Wochen in ihre Hut gegeben. Sie möge
kommen, um es zu sehen. Sie und Tallandre würden sorgen, daß ihr Besuch
Geheimnis bleibe. Helene hatte richtig geraten. Arabella depeschierte:
»Ich komme.« An einem der nächsten Abende trat sie leise mit traurig
fragendem Lächeln ein. Sie war so seltsam geworden in ihrer reisenden,
dennoch febrilen Schönheit, der Schmerz hatte ihren großen Kinderaugen
etwas Überirdisches gegeben. Das Kindliche lag nur mehr um den Mund in
dem Lächeln, in den Händen und Bewegungen. Ihre Augen waren wissender
und auch ihre Art zu sprechen die einer sichern anmutigen Weltdame, die
immer Bescheid weiß und die gewohnt ist, von jedermann Dienste dankbar
zu empfangen. Helene küßte sie. In wortloser Rührung führte sie die
Freundin in die Kinderstube. Da saß in Alphis Gitterbettchen ein kleines
Mädchen mit strahlenden blauen Augen und fahlblondem Gelock um ein
schmales Gesichtchen mit durstigrotem Mund, der es noch blasser
erscheinen ließ. Es sah auf ohne Lächeln, ohne Furcht in ernsthafter
Aufmerksamkeit. Dies schien kein Kind zu sein, kein Engel, keine Elfe
und war doch etwas von all dem, eine Pflanze, Menschenkind genannt, aus
Seelenland kommend. Man vergaß es nicht, wenn man es einmal sah. Es war
schlank, fast gebrechlich, mager, seine Haut hatte einen leichten
bräunlichen Stich, als glühte es unter ihr. Seine Augen leuchteten in
einem fiebrigen Glanz und in ihnen war diese Fremdheit einer anderen
Welt und die Sehnsucht nach zärtlicher Wärme. Arabella kniete vor dem
Kind in tiefster Ergriffenheit. Es langte mit ernster Gebärde in ihre
Haare, die den seinen glichen, und plötzlich lachte es laut auf, wie
Kinder lachen, irdische Kinder. Es freute sich. Arabella hatte es
angesehen mit heißester Liebe. War ihm zumute, als blickte es in einen
Spiegel? Lachte es deshalb mit so holdem Laut? Sie stand auf, reichte
der Kleinen ein Perlenkettchen, das sie seit Kindheit trug, eilte aus
dem Zimmer. Schluchzen machte ihren Körper erbeben. Während sie weinend
Helenens Hand hielt, sagte sie: »Bin ich nicht kindisch! Wie reizend ist
es! Ein Engel! Hab Dank!« Sie blieb den ganzen Abend an Noemis Bettchen,
bis die Kleine schläfrig wurde und sie selbst auch die Müdigkeit der
langen Reise übermannte. Am Morgen fuhr sie zu Ceciles Grabstätte. Sie
fand sie in reichem Blumenflor. Gaston und sein Vater schmückten sie in
dankbarer Liebe. Dann ließ sie nach Konrads Grab forschen. Es dauerte
lange, bis man es in den Büchern verzeichnet fand. Sie hatte weit zu
gehen und Mühe, es zu entdecken. Nur ein Schildchen bezeichnete es.
Arabella blieb stehen und betete auf ihre Weise. Draußen vor den Toren
des Friedhofes bestellte sie im Laden eines Steinmetz ein kleines
Grabmal aus Porphyr. »_Quod in charitate constitutis nullum peccatum
imputetur._« Dies sollte in Konrads Stein gemeißelt sein.
Sie stand zu sehr unter dem Eindruck, den das Kind auf sie gemacht
hatte, um die Stadt wiederzufinden. Einen Augenblick dachte sie daran,
die Sainte Chapelle zu besuchen, aber sie schämte sich dieser
Wallfahrtsgelüste. Die Bilder der Straßen flogen an ihr vorbei und taten
ihr nicht wohl. Die Menschen waren ihr fremd geworden und sie empfand
fast Unlust, in die Läden zu gehen und die schmeichlerischen Laute der
Verkäufer zu hören. Zu Mittag war sie wieder bei der kleinen Noemi. Ein
Wagen wartete vor dem Tor und nach dem Essen nahm Helene Alphi an der
Hand, sie selbst das kleine Mädchen auf den Arm und trug es behutsam
hinab ins Freie. Es war ein schöner Vorfrühlingstag. Sie fuhren ins
Bois, hielten dann vor einem Spielzeugladen und Arabella kaufte ein. Wie
glücklich war sie mit den Kindern. Einen Augenblick kam es wie ein
Rausch über sie. Nimm die Kleine und entflieh! Gehört sie denn nicht dir
vor Gott? Aber sie biß die Lippen zusammen und reichte sie abends
Helene, die sie ins Bettchen zurücklegte. Noemi hielt die Püppchen in
der Hand, die sie sich gewählt hatte, und sah mit ihrer ernsten
Aufmerksamkeit bald auf Arabella, bald auf das Spielzeug. Noch hatte sie
das Perlenkettchen um den Hals und seltsam, es wollte sich nicht von ihm
trennen, hielt es fest und verzerrte schmerzvoll das Gesichtchen, als
man es ihm nehmen wollte. Arabella hatte es als einen Talisman getragen
seit ihrem fünften Jahr. Es war, sie ahnte es dunkel, ein Geschenk ihrer
Mutter. Aber wie froh war sie, daß es die kleinen Händchen hielten wie
ihr eigen.
Als sie die Kleine verließ, wollte Tallandre sie zurückhalten. Ob nicht
das Wohl des Freundes über alle Bedenken ginge, Givo sei am Ende seiner
Kräfte, sie zu ersehnen. Sie möge seine Rückkehr abwarten. Da verhärtete
sich ihr Herz. »Nein, nein, nein,« rief sie und wies auf die Türe,
hinter der das Kind schlummerte. »Da dies hat er mir geraubt, auch ich
hätte ein Kind von ihm, auch ich,« und sie barg schluchzend ihr Antlitz.
»Warum ist er mir nicht gefolgt nach seiner Mutter Tod, warum hat er
mich verlassen und nicht diese Frau? Aber er hatte mir ja nichts
geraubt, nein, er hatte mich ja gerettet aus den Armen meines Verführers
und so eine, die darf man wieder hinausstoßen -- in anderer Männer Arme,
von Bett zu Bett.« -- Tallandre war erschüttert, in seiner
Ungeschicklichkeit wußte er nichts zu sagen als: »Aber waren denn Sie es
nicht, die ihm davonlief?«
Arabella war erschrocken über die eigene Heftigkeit. Die Anklage gegen
den Geliebten, die sie selbst sich verschwiegen, hatte sie nun laut vor
einem anderen ausgestoßen. Tallandres Bemerkung brachte sie völlig zu
sich. Sie hob den Kopf, sah seine Bestürzung und unter Tränen lächelnd
sagte sie, ihn mit du anredend: »Mein armer, lieber Fifi, das verstehst
du nicht.« Und als eben Helene eintrat, umarmte sie die Freundin,
drückte Tallandre die Hand und eilte davon.
Leer war ihr Kopf und Herz, als sie in den Straßen irrte. Sie lechzte
nach Betäubung, nach Brand, der ihr Erinnerung ausmerzte für Stunden,
für einen Tag, für eine Nacht. Sie erinnerte sich blitzartig Malpasses
und seines funkelnden Begehrens im Blick. Jahre waren vergangen seit
jenen beiden flüchtigen Begegnungen in Louvais und Nizza, seit jener
Aufforderung, sich bei ihm zu melden. Aber war sie nicht seither schöner
geworden? Sie hatte kürzlich in den Zeitungen gelesen, er sei erkrankt.
Aber dies war ja ein Grund mehr, ihn aufzusuchen. Der Portier des Hotels
fand die Adresse im Anzeiger. Sie ließ sich zu ihm fahren und schon
läutete sie an der Türe. Der Diener Francois, der nämliche, der Malpasse
in Louvais begleitet hatte, öffnete mit düsterem Antlitz.
»Der Herr empfängt nicht.«
»Sagen Sie ihm, jene Dame, die er vor Jahren am Bahnhof zu Louvais --
Sie waren mit ihm damals --«
»Ist es dringend?«
Die Gräfin nickte. Francois kam zurück. »Monsieur erinnert sich nicht,
aber er hat gefragt, ob Madame schön seien --« Francois verbeugte sich,
es zu bekräftigen, indem er die Tür öffnete. Malpasse kam ihr entgegen.
Er schien ihr jünger als damals, so schlank war er, er hatte die Gestalt
eines Jünglings. Sein Blick war noch sengender geworden, ein ängstliches
Licht flackte darin.
»Soll ich heucheln, Madame, ich erinnere mich nicht mehr. Um so
freundlicher von Ihnen, da Sie vielleicht auch erfahren haben, daß ich
mich elend fühle -- --. Ich habe mich allen Bekannten verleugnen lassen.
Oh bitte, nehmen Sie hier Platz -- aber zuweilen sehne ich mich aus dem
Kerker meiner Krankheit wieder zu jenem Unbekannten, jenem fremden
Leben, das uns auf der Straße streift. Frauen, deren Antlitz dann
plötzlich im Tag auftaucht, Frauen, die wir vielleicht vor Jahren sahen
--«
»Am Boulevard des Anglais zum Beispiel.«
»Sind wir einander dort begegnet? Lassen Sie es vergessen sein. Bleiben
Sie die Unbekannte, die schöne Unbekannte dieser Stunde --«
»Auch ich bin nicht zu dem Berühmten gekommen, nur zu jenem Fremden, von
dem ich hörte, daß er leidend sei, eine plötzliche Eingebung hat mich zu
Ihnen getrieben.«
»Das ist gut so -- und sollte mich dennoch Neugierde antreiben,
antworten Sie mir nicht. Wenn Sie Ihr Taschentuch ziehen, verbergen Sie
Ihr Monogramm. Ich will nicht einmal die Anfangsbuchstaben Ihres Namens
wissen, will nicht wissen, ob eine Krone sie ziert und wie viel Zacken
sie trägt. Ich will Sie nur sehen -- -- Sie sind schön. Ihre Augen
strahlen so seltsam --«
»Von Tränen!«
»Von Tränen, oh, diese kostbaren Karfunkel. Wir sollten Sie aufsparen
für die Stunden unseres höchsten Glückes.«
»Nicht für die, da wir ihm nachweinen?« --
»Man kann nie wissen, ob nicht ein Größerer noch kommt, dem wir dann
noch heißere Tränen weihen müßten. Mögen sie uns nie versiegen, diese
posthumen Glückstränen. Madame, ich gestehe Ihnen, meine Augen waren
feucht, ehe Sie kamen. Nun werden sie es sein, nachdem Sie gegangen
sind.«
»Sie werden eine neue Geschichte schreiben und die Tinte wird die Tränen
aufsaugen -- --«
»Sie verachten die Dichter?«
»Ich liebe die Künstler nicht. Sind sie nicht der Abfallstoff der Kunst?
Ein verbrannter Rest --«
»Ja, ein trauriger Stoff sind sie und einer der traurigsten steht vor
Ihnen.«