Als Imanuel nach der ersten einsamen Nacht in Alvemünde in das Haus an
der Alster zurückgekehrt war, empfingen ihn Zoras Geigenklänge. Lauschte
man ihrem Spiel, so war es, als hätte man sie niemals sprechen gehört,
oder als wäre Zora die Spielende und Zora die Sprechende nicht dieselbe.
Sonst herb und spöttisch, schmolz ihr, hielt sie die Geige im Arm, das
Eis in der Brust und je verschlossener sie war in Rede und Tun, desto
beredter wurde die Stimme der Geige. Givo war übernächtig und zerquält,
dies Spiel war Linderung. Als er später in das Krankenzimmer trat, sah
er Zora eifrig um die Mutter bemüht. Sie oblag mit größter
Gewissenhaftigkeit ihrer Pflege. Immer wieder, wenn Manuel diese
Sorgfalt beobachtete, sagte er sich: »Sie ist besser als ich, sie will
ihr das Leben erhalten, währenddem ich --« Aber seltsam, nun empfand er
auch selbst nicht mehr den quälenden Wunsch, die verruchte Ungeduld, vom
Kummerzwang befreit zu sein, seitdem ihm das liebste Ziel der Freiheit
entflattert war. Es gehörte zu seinen Eigenheiten und mochte wie Untreue
scheinen, daß er nicht dringlich war, nicht hielt und rief, was ihm sein
Gott nicht freiwillig schenkte. Er war einer, der sich selbst Besitz
nicht anmaßt und doch zuweilen anmaßend erscheint, weil er um nichts
sich bemüht. Er gönnte anderen, was er besaß, trug er doch nicht die
Last der Schuld, allein zu besitzen. Er war von der Art jenes Mönches,
dem römische Gassenbuben ein Geldstück in seinen Bettelsack schmuggeln
und den selbst solch kleine Bürde zur Erde drückte. So verwarf er den
Wunsch, Arabella einzuholen, sie zu rufen. Er war im Grunde seiner Seele
ihrer gewiß und in Entbehrungen nicht weichlich. Er lebte in seinen
Träumen und in der Ekstase, in die ihn seine Liebe zur Menschheit
versetzte. Vögelchen verstärkte den Traum und Rauschzustand seiner
Seele. War sie ihm fern, siedete unter diesem das Begehren nach ihrer
Nähe wie heiliges Feuer, das ihn bis in seine Lebenswurzeln sengte und
ihn wie einen Märtyrer zum Opfer antrieb. Mochte das Leben seinen Weg
ziehen, sie begegneten einander eines Tages, dessen war er gewiß. Man
sieht zuweilen Menschen mit seltsamem Ausdruck der Augen, mit einem
zweiten Blick sozusagen, der nur notdürftig die Umwelt anfaßt, als wäre
seine Glut in eine eigenste Welt nach innen gerichtet. Ihr Handeln ist
ruhig und sicher, weil es nichts fordert für sich selbst. Das Leben
Givos war solcher Art. Zu viel leiden macht die anderen leiden, sagte
auch er sich. Als Zora wieder versuchte, sich ihm zu nähern, wehrte er
sich nicht. Als sie von ihm ein Kind trug, machte er die Scheinhochzeit
zur Wahrheit. Daß Vögelchen davongeflattert war, galt ihm als ein
Zeichen, das sie, die Unbewußte, selbst erhalten. Zwischen ihm und ihr
sollten fortan keine irdischen Bande sein.
Nun aber ging eine seltsame Veränderung mit Zora vor. Ihre Sorgfalt für
die Kranke ließ plötzlich nach. Sie war meist ungeduldig, sprach von
Reisen und schürte Givos Unlust an der langen Absperrung. Imanuel sah es
mit leisem Grauen. Er erriet sie: nun, da sie ihr Ziel erreicht, zu dem
ihr die Kranke unentbehrlich schien, war auch die Bemühung erlahmt, ihr
Leben zu verlängern. Der aufreibende Pflegedienst war also nichts
gewesen als Eigennutz. Als er eines Abends nach Hause kam, empfing ihn
die alte Minka mit kreideweißem Gesicht. Die Mutter war gestorben. Sie
hatte wie gewöhnlich nachmittags die schmerzstillenden Tropfen genommen,
war eingeschlummert und nicht wieder erwacht. Frau Zora hatte ihr die
Augen zugedrückt. Givo sah das bleiche Gesicht, es lag wie Erstaunen
darin, eine Frage, als wäre der Geist noch rege in dem stummen Leib!
Givo kniete hin und nahm die kühle, vergilbte Hand. Wie hatten sie beide
gelitten, ehe sie wieder zu einander gefunden, wie glücklich war er, daß
er gerade in den letzten Wochen ihr zurückgekehrt war in Gehorsam und
Liebe. Von dem Tage, da sein Bund mit Zora Wahrheit geworden, war die
alte Eintracht wiedergekehrt. Sie mußte doch vordem etwas in seinem
Wesen gelegen sein, das ihrer Seele den Weg verschlossen hatte zu der
seinen. Wie seltsam auch, am Abend des vergangenen Tages hatte sie ihn
lange zärtlich sorgenvoll betrachtet und dann wie aus einer großen
Stille heraus leise gefragt: »Wie ist es diesem Mädchen ergangen? Möge
auch sie glücklich sein!« Er hatte zum Dank ihre Hand ergriffen, so wie
er nun die Hand der Toten hielt. Frühe Kindheiterinnerungen kamen ihm.
Der Mutter Leben blätterte sich ihm auf. Er weinte nicht. Dem Schauenden
ist der Tod ein Fest der Verschmelzung, vor dem er in Ehrfurcht
verharrt. Als er aufstand, sah er unter dem Nachtkästchen eine kleine
Phiole liegen. Er hob sie auf. Sie war leer. Er klingelte der alten
Minka. »Ruf mir die junge Frau,« sagte er.
»Herr Manuel, sie ist ausgegangen.«
»Unmöglich, sieh nach.«
»Gewiß, Herr Manuel, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.
Vielleicht wollte sie ausschauen nach Ihnen.«
»Dies ist das Fläschchen, in dem der Mutter Tropfen enthalten waren?«
fragte er.
»Ja gewiß, Herr Manuel.«
»Dies Fläschchen wurde heute morgens erst aus der Pharmacie geholt, ist
es so?«
»Ja, ja, Herr Manuel.«
»Die Mutter hat also zwei Mal daraus genommen, zehn Tropfen. Du sagtest,
sie hätte, bevor es geschah --«
»Jawohl, Herr Manuel,« die alte Minka begann von neuem zu weinen in der
Erinnerung an Frau Leas letzte irdische Verrichtung.
»Wer hat ihr die Tropfen gegeben?«
»Die junge Frau, wie immer --«
»Die Flasche lag auf der Erde und war leer. Ihr habt sie wohl
umgestoßen. Nun danke, Minka.« Die Alte ging. Er beugte sich zur Erde
und suchte die Stelle, wo das Fläschchen gelegen war, tastete den Boden
ab, ob er feucht wäre von vergossener Flüssigkeit. Bleich erhob er sich.
Zora stand hinter ihm. Sie hielt Blumen in der Hand. Sie legte sie auf
die Decke hin. Sie fand kein Wort des Trostes.
»Laß doch, später,« sagte er und schob die Blumen beiseite. Dann ging er
ans Fenster und blieb regungslos. »Wenn sie mir folgt,« sprach sein
Herz, »wenn sie kommt, wenn sie ihren Kopf an meine Schulter lehnt, wie
sie zu tun pflegt --« Aber er hörte, wie Zora das Zimmer verließ.
Später, als er sich quälte, um seinen Verdacht zu besiegen, sagte er
sich, daß wohl Mißtrauen aus seinem Blick geglommen war und ihre
Annäherung verscheuchte.
Er sprach das Sterbegebet, sprach vor der kleinen Gemeinde die Worte:
»Herr des Seraphs und des Wurms, Herr des Lebens und des Todes, ich bin
in deiner Hand. Wenn du mich abrufst, ist mein Glück dein Wille, denn du
bist die Liebe und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in dir und du
in ihm. Du Licht und Heil, ich fürchte mich nicht, denn meine Seele ist
bei dir.« Als er so sprach, da war Zora bleicher als das Bahrtuch.
Dennoch, sie trug sein Kind und er wandte sich ihr zu und bannte mit dem
äußeren Willen die Dämonen des Verdachtes.
Seine Stelle im Observatoire war besetzt, so ging er mit Zora nach
England, wo eine Zusammenkunft der Schauenden einberufen war. Givo
gründete dort die weltliche Seelsorge. Er ging dabei von dem Standpunkt
aus, daß der kirchliche Priester in seinem abgeschlossenen Lebenswandel
nicht Einblick gewinnen könne in die mannigfaltigen Verwicklungen des
Lebens, daß er ein Schauender nur des Himmels und ein Wegschauender der
Erde sei. Aber um der Menschen Seele zu versorgen, müsse man ein
Schauender des Lebens sein. Er rief die Priester in den lichten Tag
hinaus, zu forschen nach den Quellen der Schuld, die ihnen gebeichtet
werden, wenn sie erst schal geworden und unwiderruflich trotz der Sühne.
Er wies die Bedrängten an eine neue Art von Helfenden, an die weltlichen
Seelsorger, die auf dem ganzen Erdenrund ihre ratende, warnende,
tröstende und verzeihende, heilende Tätigkeit entwickeln sollten.
Er half Settlements einrichten, Arbeitererholungsheime, die sich
allmählich zu Volksuniversitäten ausbilden sollten. Er arbeitete im
Sinne Elihu Burrits am Entstehen der Friedensbewegung. Oft aber sehnte
er sich zurück nach der nächtlichen Stille seiner Sternwarten. Er war
nun niemals allein. Zora erwartete das Kind. Durfte er sie da auf
unbegrenzte Zeit verlassen? Er war neuerdings gebunden und seine Pläne
waren es mit ihm. Seine Gedanken an Arabella und seine freudige Ungeduld
um das Kind begegneten sich in seinem Herzen. Zuweilen erschrak er, daß
er von einer anderen als von der Geliebten ein Kind haben sollte, die
vor Gott seine Frau war. Aber ihm war, dieses wäre in Liebe um sie
gezeugt. War er denn nicht ganz erfüllt von ihr!
Zora hatte nun erreicht, was ihr äußerlich zu erreichen möglich war,
aber was galt ihr nun die Fessel, die Imanuel an sie schmiedete, da sie
erkannte, daß ihr spröder Unmut, der immer wieder bei ihr die Oberhand
gewann, sein Herz ihr abkehrte, so sehr er es auch verbarg. Wie oft
schrie sie es ihm, dem Stillen, Freundlichen ins Gesicht: »Sag doch, daß
du mich hassest, so sag es doch!« Givo konnte den Zeitpunkt nicht
erwarten, bis das Kind sich aus dieser Hülle begeben würde, die ihm
vergiftet schien von dunklen Leidenschaften. Er, der für alle Menschen
ein Heilmittel zu finden meinte, er versagte kläglich an Zoras
Bitterkeit. Sie wollte Liebe, Leidenschaft. Er konnte sie ihr nicht
geben, er besaß sie nicht mehr.
Als seine Kräfte zu versagen drohten und er die hohe Welt seiner eigenen
Lebensinsel aufs äußerste bedrängt sah, als er schon verzagte Arabella
erhoffen zu dürfen, ward ihm ein Mädchen geboren und oh Wunder, es glich
der Geliebten. Zora erkrankte an der Geburt und war lange unfähig sich
des Kindes anzunehmen. Ja, sie selbst wollte, daß man es aus dem Hause
entferne. Ihr war, als könne es in ihrer Nähe Schaden nehmen. Ihr Wesen
verdüsterte sich zunehmend. Sie wußte, das Kind glich nicht ihr, nicht
Givo, sondern jener anderen, an die auch sie oft und oft gedacht hatte,
weil sie ihr Manuels Herz neidete. Sie hatte in eifernder Qual ihr Bild
immer wieder wachgerufen, jenen flüchtigen Augenblick, da sie
verächtlich an ihr vorübergeschritten war, daß sie wohl auch damals von
ihrem Antlitz besessen war, als sie es empfangen hatte. Und er, dachte
er denn jemals an sie, Zora? Nein, das fühlte sie zu jeder Stunde, der
Himmel, zu dem er aufsah, war bestrahlt von der einen, anderen. Zora
konnte es körperlich spüren, wenn er mit seiner Sehnsucht bei dieser
weilte.
Da das Kind seinen Sinn nicht gewendet, da sie vielmehr glaubte, ihr
entstellter Körper entfremde ihn, hatte es ihr gefallen mit ihrer
Mutterschaft Spott zu treiben. Mit einem Male war wieder der Ehrgeiz der
Künstlerin ihn ihr erwacht. Sie wollte nur bald sich der engeren
Gemeinschaft mit dem Kinde entledigen. Als ihr zugemutet wurde, es
selbst zu nähren, lachte sie verächtlich. »Mit Galle statt mit Milch!«
In einem englischen Dorf vor der erwarteten Zeit gebar sie das Mädchen.
Daß es Arabella glich, schien Trug zuerst, Wunsch dem einen, Befürchtung
dem anderen, aber als das Kind einige Monate zählte, war eine
Ähnlichkeit nicht zu verkennen.
Zora hatte, als sie sich wieder wohler fühlte, zu geigen begonnen, doch
es war das alte Spiel nicht, und Givo schien es bedeutsam, daß es
zerrissen klang, gequält, niemals sehnsüchtig hingegeben mehr. Er fühlte
die Schuld, die er an seiner Frau innerer Verwüstung trug. Seit jener
unselige Verdacht in ihm aufgestiegen, hatte er sie nicht mehr berührt,
kaum daß seine Lippen ihre Stirne streiften. War dieser Bann des Blutes
nicht Zeuge, daß mehr als Verdacht ihn hemmte! Ein Wissen mußte tief
unten in der Welt der Instinkte sein Blut gewarnt haben. Aber er
beklagte ihre Verlassenheit an seiner Seite, ihre Freudlosigkeit an dem
Kinde, wie ein Fernstehender sah er alles und dieser war milde und
freundlich zu Zora Uhari.