»Da war einer, dem vertraute ich. Ein Kind war ich damals, weißt du, und
er war mir wie ein Engel, der mich durch alles Irren führen sollte. Aber
da mißfiel ihm meine Dummheit. Sie »schickte« sich nicht. Ich hatte
nicht gelernt mich zu verstellen. Er überließ mich meiner Dummheit mit
Haut und Haar.«
»Und dann?«
»Dann nahm ich den Vater zum Mann, meinen Stiefvater.«
»Du scherzest jetzt.«
»Er war ein guter Lehrmeister. Warte, wie ging es weiter? Dann kam ein
junger Lord. Das war nur Spiel für ein paar Nachmittage. Später --«
»Später?«
»Später -- ach, sieh dies arme Ding dort! Wie ärmlich ist ihr Domino,
wie schlecht ihre Schminke! Sie sind mir so leid diese Mädchen. In Paris
kannte ich eine Dirne. Ein Freund von mir war ihr Zuhälter. Der Arme hat
sich erhängt, einer bösen Krankheit wegen. Ich erfuhr es lange nicht.
Was ich dich fragen wollte! Wie geht es deiner Schwester?«
Sein Gesicht war bleich, seine Augen glühten in Leidenschaft. Ihre
Stimme sprach zu ihm aus dunkel funkelnder Welt. Log sie? War sie es?
Nein, das war nur Spuk seiner Phantasie. Warum ergriff ihn dann ihr
seltsames Sprechen? »Meine Schwester laß beiseite,« sagte er. »Du willst
dir den Anschein geben, mich zu kennen. Wozu? Ist es nicht schöner, sich
aus fremdem Leben zu begegnen?«
»Dich schaudert, daß ich deine Schwester kenne, weil mein Freund
Zuhälter war und ich die Männer so sehr liebe. Aber sieh, ich habe auch
für die Frauen ein Herz. Diese Dirne dort, wie dauert sie mich. Sie tut
es um Geld, sie muß es tun. Während ich mir wähle, was mich freut. In
Nizza, da ging ich einmal an einem Fenster vorbei, es war hart an dem
Laden eines Antiquitätenhändlers, alte Bilder hingen da, hölzerne
Heilige, Kupferkessel. Das Fenster hatte rote Scheiben und dahinter saß
in rosigem Schein, wie ein Page gekleidet mit langen, blonden Locken,
eine Dirne. Ich ging gern dort vorüber. Sie tat mir leid, immer mußte
sie sitzen und warten und dann --? Ich wäre gern zu ihr gegangen und
hätte sie abgelöst für einen Abend.«
»Aus Mitleid nur?«
»Ja, aus Mitleid. Denn damals schlief ich wieder bei meinem Vater. Er
stahl sich nachts leise zu mir, daß seine Frau ihn nicht höre, die
hütete ihres Kindes Schlaf.« Das log sie.
»Du freust dich deiner Sünden?«
»Sprich das Wort nicht aus, es hat einen falschen Klang. Ist es denn
Sünde, wenn man beglückt?«
»Es hätte dir richtig geklungen, wenn dich jener erste Mann nicht, wie
sagtest du doch -- deiner Dummheit überlassen hätte. Daran wurdest du
klug und --«
»Warum hältst du inne?«
»Eine Erinnerung kam mir. Komm mit mir, willst du?« sagte er plötzlich
wild ausbrechend. Sie sprach nicht mehr, sie schmiegte sich an ihn,
saugte seinen Blick in ihr Auge.
»Erwarte mich,« lispelte sie und ging, noch immer nach ihm
zurückstarrend. In ihr Zimmer drang ihr noch Festlärm nach. Es war spät
in der Nacht. Der Graf war schon zur Ruhe gegangen. Sie nahm leise den
Pelz. Nun lief sie zu dem, der im Vestibule ihrer harrte.
»Du zauberst?« sagte er. »Wohin bist du verschwunden? Schon fürchtete
ich, nach deinem Schuh suchen zu müssen, dich wiederzufinden.« Er legte
den Arm um sie, rief nach einem Wagen. Er fuhr sie zu seiner Wohnung am
englischen Garten.
»Jetzt darf ich dich sehen,« bat er in der ersten Umarmung.
»Nein, laß, morgen früh. Mach dunkel jetzt!« befahl sie. »Rasch, ich
verbrenne.«
Als er des Morgens erwachte, erkannte er sie im Dämmerlicht. Sie schlug
die Augen auf und lächelte. Er sah fern den Strand, ihr Kindergesicht
mit den klaren Augen, die zu ihm aufstrahlten, er hörte ihr Geplauder.
Todernst sah er sie nun an. Es schien ihr, als feuchtete sich sein Auge.
Er wollte sprechen, aber sie scherzte nur. Einen Augenblick dachte sie:
Es war eine gute Nacht. Konnte es nicht so bleiben, ein neues Leben
beginnen? Sie würden Kinder haben, ernste Seemannskinder. Und auch er
dachte es. Aber die Wirklichkeit sah aus einem silbernen Rahmen unter
einem schwarzen Spitzenhäubchen mit strengen Augen zu ihnen herüber. Die
Mütter! Die Mütter, sie kreuzten den Weg der Mutterlosen.
»Einen hübschen Ausblick hat deine Wohnung,« sagte Vögelchen und warf
die Decke zurück. »Nun aber heißt es, rasch Toilette machen. Mein Graf
wird schon unruhig sein. Ich werde dich nicht wiedersehen. Wir reisen
bald.«
Er war sprachlos, zerschmettert. Feuchten Auges küßte sie ihn und kehrte
zu Karinski zurück.