Als sie in München abstiegen, Arabella und der Graf, hieß es, daß abends
Bal pare sei in ihrem Hotel. Sie speiste mit Karinski zeitig abends, ehe
der Trubel begann. Die Vorbereitungen des Festes fesselten sie.
Musikinstrumente wurden vorbeigetragen, Blumen in bunten Buschen,
Sektflaschen in Körben, verfrühte Masken schon stahlen sich vorbei,
lugten in den noch leeren Saal, in dessen Parkett die Kronleuchter sich
müßig spiegelten.
»Willst du dabei sein?« fragte sie der Graf. Sie schlug in die Hände vor
Freude.
»Deine Toilette?«
»Ach, ich habe allerlei,« sagte sie und sprang auf. Die Jungfer mußte
rasch nach einer Maske fahnden, eine ganz kleine schwarze nur, ordnete
Karinski an. Er half ihr unter ihren Abendkleidern wählen. Mit ihrem
Wirbelhaar im schwarzen glitzernden Kleide sah sie wie ein blondes
Teufelchen aus. Er begleitete sie in das bunte Wimmeln des Saales. Sie
trennten sich lachend. Bald erblickte sie ihn fröhlich am Arme zweier
Dominos. Vögelchen fühlte sich wohl hinter der Maske. Sie mischte sich
ins Getriebe, fing Gespräche auf, blieb stehen und lachte mit den
anderen, wenn es etwas zu lachen gab. Mehrmals näherten sich Herren, ihr
die zögernde Ansprache zu erleichtern, flüsterten Koseworte. Die Frauen
musterten ihren Schmuck, ihr Kleid, das der deutschen Mode noch fremd
war. Wort und Blicke glitten von ihr ab. Manche der Anspielungen waren
ihr neu und drollig, vieles völlig unverständlich, das aus den
Gesprächen sie streifte. Sie empfand nicht Lockung sich an eines fremden
Mannes Arm zu hängen, da war kein Gesicht, das ihr eine innere Welt
verriet. Auch die Männer schienen Masken zu tragen. Als sie schon
mehrmals den Saal durchschritten, sah sie an einer Säule gelehnt einen
vornehm aussehenden Herrn stehen. Wie einsam versprengt, unbeteiligt wie
sie selbst, in stillem, beschaulichem Ernst, ließ er das Treiben an sich
vorüberziehen. Glitt ihm eine Maske näher heran, sagte er ihr lächelnd
ein dankbares, aber abweisendes Wort, ohne ihr zu folgen. Es schien, als
erwarte er eine Frau oder zöge es aus irgendeinem Grunde vor allein zu
sein. Vögelchen blieb unweit von ihm stehen und forschte in seinem
ebenmäßigen, noch immer knabenhaften Gesicht. Sie hatte ihn gleich
erkannt, es war Franz von Normayr. Ein wenig gealtert schien er, die
Haut von Seereisen gebräunt, noch heller stach der Blick, noch klarer
schien die Stirne und etwas, das wie Unfehlbarkeit wirkte, schmückte
noch immer die Haltung.
»Sie läßt dich warten,« sagte Arabella mit einem leisen Beben in der
Stimme, als sie eine Weile neben ihm gestanden, während sein Blick
lächelnd zu ihr herabgekommen war.
»Sie ließ mich warten,« antwortete er. »Aber nun ist sie ja gekommen.«
»Es waren so viele, die dich mitführen wollten.«
»Ich wartete auf dich.«
»Kennst du mich denn? Wie heiße ich?«
»Vögelchen,« sagte er.
»Das ist doch kein Name,« sagte sie erschauernd.
»Eben deshalb heißt du so, kleine Unbekannte. Es gibt Namen, die wie ein
Bild sind unter Schleiern und Masken. Vielleicht ähnelst du auch einer,
die man so nannte.«
»Ach geh, solch ein Name! War die denn wirklich?« Er schwieg. »Dein
Vögelchen ist wohl nur eine Ente. Nenn mich lieber Salome Maria. Den
Namen las ich einmal auf einem alten Friedhof in Salzburg.«
»Aber du bist doch lebendig. Laß fühlen, ob du lebendig bist oder eine
Elfe.« Er legte mit kundigem Griff seinen Arm um ihre Taille und zog sie
mit sanfter Kraft in eine der Nischen.
»Du gleichst einem jungen Seemann,« sagte sie. »Dein Blick sieht auf das
Meer.«
»Liebst du das Meer?« fragte er.
»Ich habe einmal auf einem Leuchtturm gehaust.«
»Wie interessant,« sagte er mit leichtem Spott. »Da warst du wohl
verzaubert wie Rapunzel. Dabei siehst du so aus, als ob du in Palästen
gewohnt hättest. Oder warst du des Leuchtturmwächters Töchterchen in
einem anderen Leben?«
»Ja, in einem anderen Leben.«
»Erzähle mir von diesem Leben. Wo hast du denn da noch gehaust und
genächtigt, als Schwalbe oder Kolibri?«
»Ich erinnere mich zunächst, in einem Kloster geschlafen zu haben.
Mondschein kam zum Bogenfenster herein und die Spinnweben aus den alten
Mauern waren die Gitter. Mir gegenüber über den Hof saßen im Saal Nonnen
über Spitzenarbeiten gebeugt, Tag und Nacht. Es waren Mäuse im Zimmer.
Kennst du den Dichter Malpasse?«
»Ja, ich kenne seine Novellen. Hatte der sich etwa in eine Maus
verwandelt?«
»Nein, er fiel mir nur eben ein. Oh, wie schlecht euer Champagner ist,«
sagte sie französisch.
»Bist du Französin?«
»Nein, mein Mann ist Spanier und ich bin ein wenig von überall.«
»Salome Maria Überall,« sagte er.
»Und du, wie heißt du, laß mich raten und warte -- Gottfried? Nein,
Franz. Das wird es sein.«
»Du bist hellsichtig,« sagte er. »Also dein Mann ist Spanier. Liebst du
ihn?«
»Ja, ich liebe ihn.«
»Und doch bist du hier?«
»Ja, mein Gott, er läßt mich allein und ich liebe die Männer so sehr.
Ich liebe es, ihnen ganz nahe zu sein, ganz nahe.«
»Nun war es, als hättest du zum ersten Male mit deiner eigenen Stimme
gesprochen.«
»Erschreckt dich das?«
»Du bist so seltsam. Es ist eine Traurigkeit in deiner Glut.« Er nahm
ihre Hand und spielte mit ihren Fingern, er preßte sie zwischen den
seinen, die sehnig und kühl waren. »Und bist du immer so -- -- frei?
Nicht nur im Karneval?«
»Ich bin immer so frei. Mein Leben ist ein Fest der Liebe.«
»Wie viele Männer haben dich schon besessen?«
»Das zählst du kaum!?«
»Das zähl' ich kaum?«