Wie ein sinneraubender Taumel war die Fahrt von Meer zu Meer. Sie
erwachte erst aus dumpfer Verzweiflung, als Mannsthal und dann Karinski,
die an die Bahn gekommen waren, sie umarmten. Zwei Tage war sie rastlos
unterwegs gewesen. Schmeichelnd umgab sie nun die süße südliche Wärme.
Jetzt erst fühlte sie, wie oft sie gedarbt hatte nach der warmen,
kosenden Luft, in der sie geboren war. Nach kurzer Wagenfahrt durch
festliche Straßen trat aus dem Dunkel eines tropischen Villengartens
Angele mit dem blassen Knaben Gilbert. Sie küßten einander. Es war keine
Scheu mehr zwischen ihnen. Schlaftrunken sah Arabella die kleine Olga,
die nach ihr lugte, dann folgte sie Angele in das Zimmer, das man ihr
bereitet hatte, und verfiel totmüde in tiefen Schlaf. Als sie erwachte,
war Mitternacht nahe. Sie tastete sich hinunter in das Speisezimmer, die
Türe zur Terrasse stand offen. Es war nichts zu sehen als das Glimmen
einer Zigarre. Der einsame Raucher draußen wandte sich, es war Karinski.
»Nun, war ich nicht klug? Die anderen sind endlich zu Bett gegangen. Ich
wußte, daß das Vögelchen bald ausgeschlafen hat.« Er zog sie auf seine
Kniee und küßte sie wie vor Jahren. Ihm war sie das Kind geblieben, das
Porzellankindchen, wie er sie genannt. Und Arabella lachte wieder, es
ging so viel warmer, kindlicher Frohsinn von ihm aus. Wochen schienen
vergangen, seitdem sie nicht mehr gelacht. Alles war hier weich und
sorglos. Wie eine Geisterburg stand fern im nördlichen Sturm die
Sternwarte. Weh ihr, sie sah den Verlassenen dort.
Es sei eine Depesche von ihrem Freund eingetroffen, ob sie angekommen
wäre, Angele hätte gleich beruhigend geantwortet, sagte Karinski, doch
er fragte nichts. Als sie lange schwieg, sagte er: »Wir haben beide viel
gelitten, seit Tresano. Nun soll es besser werden.« Ach, Arabella wußte
nicht, ob es besser werden konnte. Karinski aber begann ihr zu erzählen,
wie er Tanja verloren und nun die Kinder untergebracht hatte. Olga wolle
er hier lassen, um weiter zu reisen. Da sagte Vögelchen traurig: »Nein,
laß sie nicht hier.« Er nahm ihre Hand, er erriet sie. »Das ist wohl
vorbei bei ihm,« sagte er. »Du mußt ihm verzeihen,« bat Karinski. »Es
fehlt ihm sonst nichts zu seinem Glück als das deine. Die Frau hat Ruhe
in sein Leben gebracht. Auch du wirst Ruhe haben, wart' es ab.«
»Ich werde niemals Ruhe haben,« sagte Arabella. »Ihr nennt mich
Vögelchen. Ich werde immer wandern, von Süd zu Nord, von Nord zu Süd,
immer!«
»Hier ist gut sein eine Weile,« sagte er. »Willst du dann mit mir
wandern?«
»Wenn er mich ruft, muß ich zu ihm. Solange bin ich frei. Wie gern will
ich da mit dir sein.« Sie sprachen die ganze Nacht. Als sie in ihr
Zimmer zurückging, beim Morgengrauen auf eine Weile sich hinzulegen,
suchte sie, aus Halbschlummer erwachend, den Geliebten neben sich. Dies
war die Stunde, da er sie, bevor der Tag ihn zu der Kranken rief, noch
einmal in seine Arme schloß. Erinnerung überkam sie so stark, daß sie
vor ihrer Flucht zu tiefst erschrak. Sie hatte nicht bedacht, daß ihr
Handeln Givo zu anderer Besinnung bringen konnte, als möglichst bald dem
zwiespältigen Zustand zu ihren Gunsten ein Ende zu bereiten. Aber auch
dies hatte sie nicht bewußt erwogen. Sie war der Unerträglichkeit
entlaufen. Wie so oft schon hatte sie besinnungslos und wahrhaftig
gehandelt, einem inneren Ruf folgend. Aber nun litt sie herbes Leid um
ihn und seine Not. Sie faßte ihre Tat nicht mehr. Sie setzte sich hin,
ihm zu schreiben. Zwei Stunden lang stammelte sie Worte der Reue, der
Liebe. »Mußte nicht ich dich der Freiheit wiedergeben, daß du wählen
konntest? Die anderen hatten dich nicht lieb genug, sie dir zu geben.
Ich ertrug es nicht, das mit der anderen in meiner Abgeschiedenheit.
Nicht Neid war es, aber es war so unheimlich, weil es doch geschehen war
gegen deinen Willen, wie deine Mutter wollte. Und mein Stolz tat weh, so
weh! Ich fühlte die andere bei dir, wenn ich in deinen Armen war. So
ging ich plötzlich weg und hab es nicht auf mich genommen zu warten.
Hättest du mich freiwillig gehen lassen? Es wäre noch trauriger gewesen,
wenn du mich nicht gehalten hättest. Ich bin treulos und doch bleibt
mein Herz auf immer bei dir, wie es bei Gott bleibt, Manuel. Leb wohl
und wähle, ruf mich. Ich komme, sobald du rufst. Dein