Arabella und Givo erhielten die Nachricht von Helenes Verheiratung in
Hamburg, wohin sie eiligst gereist waren. Wenn Vögelchen an diese
Lebenszeit zurückdachte, sah sie bleischweren Nebel, hörte Stürme an
ihre Fenster trommeln und den Schrei der Dampfpfeifen des Hafens. Und
doch war Frühling und an der Elbe blühte es in den Gärten. Givos Mutter
lag wochenlang zwischen Leben und Tod. Er konnte sich kaum wegstehlen
von dem Krankenlager. Vögelchen war allein in der fremden Stadt und ihr
Leid mußte schweigen, weil der Geliebte mehr litt als sie selbst. Als
sie angekommen waren, hatte er sie in einem Hotel an der Alster
untergebracht. Der Zustand der Mutter erwies sich wohl bedenklich, aber
eine unmittelbare Gefahr bestand nicht mehr. Der Arzt war es zufrieden,
daß Givo gekommen war, aber er schlug vor, daß er sich vorläufig der
Mutter nicht zeige. Er wolle sie zuvor im Verein mit Zora langsam
vorbereiten. So war es Givo möglich gewesen, die ersten Tage mit
Arabella zu verbringen. Wiewohl hinter jedem freudigen Augenblick das
Bewußtsein lauerte, an der Mutter Krankheit mitschuldig zu sein, und
dunkle Ahnungen über neue Verwicklungen ihn beschatteten, führte er
Vögelchen umher zu den Stätten seiner Kindheit. Sie war bemüht ihn
aufzuheitern und es fiel ihr seltsam leicht, heiter, ja freudig zu sein.
Es war, als sprudelte noch immer ihr Blut in heißem Takt. Sie fand das
Essen köstlich, sie fühlte ihre Muskeln in neuer Kraft. Manuel sah sie
zuweilen forschend an, ohne daß sie es bemerkte. Eine Vermutung war in
ihm aufgestiegen, die ihn aufs tiefste bewegte.
Nun war es so weit, daß Givo die Mutter besuchen konnte. Sie beherrschte
wieder die Sprache, nur ab und zu machte ein Wort ihr Mühe. Sie lag zu
Bett und sah ihm mit sanfter Freude entgegen. Er mußte sich beherrschen,
um die Tränen zurückzudrängen: es ging eine Milde von der Mutter aus,
die nicht mehr von dieser Welt schien. In ihrer Rede kam etwas mühsam
von weither, als hätte er sich von neuem des gewohnten Lebens zu
besinnen. Sie verschwieg ihm ihre Sehnsucht, wie ihre Gedanken durch
Qualen ihn stündlich gesucht, wie sie in ihren welkenden Tagen jede
Stunde als eine unwiederbringliche fühlte, das Entbehren seiner Nähe als
einen Fluch, der sie vergiftete. Nichts von der gefährlichen Warnung des
Wahnsinns sagte sie ihm. Aber eben in dem Schweigen spürte er in
aufflammender Liebe ihre Peinigung. Sie sprach ihm von allerlei, von
ihrer Krankheit erwähnte sie nichts. Sie gab ihm wohl die Schuld und in
ihrem Bemühen, sie im Gespräche zu übergehen, lag die Anschuldigung am
deutlichsten. Givo beachtete nicht, daß Geisteskranke zuweilen das
wirksamste Mittel wählen ihr Ziel zu erreichen, daß auch ihrer Ruhe
nicht zu trauen ist. Dankbar ließ er die Milde auf sich wirken, er sah
der Mutter Bild wieder rein und hell, umstrahlt von der Märtyrerkrone
ihrer Duldung, die Zukunft schon gelöst in Einigkeit. Freundlichst kam
er Zora entgegen. Ihre Treue für die Kranke bewegte ihn. Die verhaltene
Glut ihres Blickes konnte er sich nicht deuten. Liebe oder Haß? Beides
vielleicht?
Als Frau Givo ermüdet den Sohn verabschiedete, ließ sie Zora zu sich
rufen.
»Er wohnt nicht im Hause?« fragte sie.
»Nein,« antwortete Zora.
»Dieses Mädchen ist bei ihm?«
Zora zuckte die Achseln, aber ein Zucken um ihren Mund bedeutete, daß
die Kranke richtig geraten habe.
»So will ich morgen ein Ende machen zwischen ihm und ihr,« sagte sie.
»Nun will ich mir Kraft zuschlafen. Gute Nacht!«
Da sagte Zora: »Kann Glück sein, wo so harte Weigerung ist? Hab' Mitleid
mit uns beiden. Ich fühle, wie das Böse in mir aufsteigt, Rache um seine
Liebe für die andere.«
Da richtete sich die Frau auf, so gut sie konnte. »Gott will es. Er
stählt mir den Willen bis in den Tod. Vertrau ihm. Willst du ihm
ungehorsam sein, dann geh aus meinen Augen! Geh!«
»Wohin?« fragte Zora tonlos. In diesem Augenblick rissen in ihrer jungen
Brust alle Fäden der Zusammengehörigkeit. Ihr heimatloser Sinn kehrte
von Suchen und Sehnen zurück und wandte sich auf immer ab vom
Gemeinwesen der Menschen.
»Du kennst deinen Weg, wenn du dich deinem eigenen Glück widersetzt. Dem
höchsten Glück, das je einer Frau zuteil werden kann! Fort in die
Glaubensschule und dann in Stellung.«
Und als Zoras Schweigen wie Unheil sich im Zimmer breitete, sagte sie
beschwörend: »Laß es reifen in ihm, erobere ihn dir. Rette ihn zu dir,
aus der Verhexung dieser Fremden.«
Die Kerze flackte auf von unsichtbarem Hauch geschreckt. Zora stierte
ins Feuer und wünschte, daß es sie und die Welt verschlänge. »Lösch
aus,« sagte Frau Givo. »Morgen muß wieder Klarheit kommen: das Licht,«
und wie im Traum schon lallte sie: »Licht.«
* * * * *
Das Licht aber drohte ihrer Lebensflamme zu verlöschen. Givo sagte: »Laß
ab, Mutter. Diese Gemeinschaft kannst du nicht trennen.« Als sie
erwidern wollte, fiel ihr Kopf zur Seite, die Zunge ward ihr schwer, die
Augen blickten stier, die Glieder wurden lahm. Zwei Tage darauf erwachte
sie aus todesähnlicher Bewußtlosigkeit. Manuel hatte lange Beratungen
mit dem Arzt und Zora. »Es wird nicht mehr lange dauern. Belügen wir
sie,« sagte das Mädchen. Ihre schwarzen Augen flackten zu bläulichem
Glanz, als sie Givo fragend anblickte. Der Arzt mahnte. »Nehmen Sie ihr
die Qual.« Die Mutter lag im Nebenzimmer und kämpfte sich ins Leben
zurück. Plötzlich schrie sie auf, dumpf wie ein geängstigtes Tier. Givo
stand auf, nahm Zora an der Hand und trat an ihr Bett. »Mutter,« rief er
leise. Und Zora lehnte den Kopf an Givos Schulter und weinte. Da
lächelte Lea Givo und wollte das Zeichen des Segnens machen. Sie war zu
schwach, aber sie verfiel in ruhigen Schlaf und, als sie erwachte, war
die drohende Gefahr vorüber.
Vögelchen hatte Manuel fröhlich erwartet. Er war voll Hoffnung von ihr
gegangen. Nun kam er nicht. Des Abends erst sandte er Botschaft, die
Mutter sei schwer erkrankt. Zwei Tage vergingen, bedrückt von der
plötzlichen Einsamkeit und der Qual, in der sie ihn wußte, um
ihretwillen vielleicht. Sie hatte ihn der Mutter genommen und jenem
Mädchen, das fühlte sie. Aber warum konnten sie nicht beide an ihm froh
werden? Wenn er aber ihr genommen würde, was dann? Zurück zu Cecile?
Nein, nicht arm und verwaist ins Asyl, nach St. Cloud, wo sie mit Givo
glücklich gewesen. Sie würde Va besuchen und dann reisen, bis sie ein
Ziel fand, irgendein Ziel. Welches? Nein, nein, sie würde bleiben, wo er
war. Konnte es denn sein, daß er sie von sich ließ, daß er nicht ein
Leben fand, in dem auch sie war? Allem wollte sie zustimmen, was nicht
Trennung hieß. Und vielleicht, vielleicht gab er ihr ein Kind! Wer
konnte ihr verbieten ein Kind zu haben? Dann würde sie die Einsamkeit
schon leichter tragen. Und als sie darüber sann, war es ihr, als sei ihr
der Wunsch erhört. Sie legte die Hände auf ihren Schoß und erlebte die
Verkündigung. Wie im Traum lag sie und war gefeit vor Schmerz. Spät
abends kam Givo, bleich, seine Augen brannten. So hatte sie ihn nie
gesehen, ihn, den Ruhigen, den immer Befestigten. Er kniete vor ihr hin
und legte den Kopf in ihren Schoß. Lange lag er so und schien Ruhe zu
schöpfen und nachzusinnen.
Da fragte sie leise, wie aus einem Traum: »Hörst du unseres Kindes
Herzchen schlagen?«
Er schüttelte den Kopf. Tränen gebadet hob er sein Gesicht zu ihr auf.
»Es wurde in der Nacht, als der Tod die Mutter anfiel,« sagte er. »Darum
darf es nicht sein, du mußt es ungeschehen machen mit deinem Willen. Es
ist mir Schweres geschehen. Ich habe meine Hand in die einer anderen
gelegt um der Mutter Leben und Ruhe willen. Kannst du mir verzeihen?
Kannst du mir vertrauen, trotz allem?« Sie lag starr. Gigantische Kräfte
hätten ihr jetzt die Zunge nicht gelöst. Wille und Wort waren in einen
tiefen Schacht gefallen, der hieß Verzweiflung. Nach einer Stunde erst,
in der sie beide regungslos gelegen, hauchte sie: »Ich vertraue dir. Ich
lebe ja nur durch dich. Tu, was du mußt. Nur töte mich nicht, töte mich
nicht.« Er hatte sie umfangen, während sie aus den Tiefen des Schmerzes
zu ihm sprach und in unendlicher Liebe nahm er sie zueigen. Dumpf
heulten die Dampfpfeifen im Hafen. Nordwind peitschte die Wolken.
Angstvoll war das Flattern der Sturmvögel und Möven.
* * * * *
Zu dieser Zeit erfuhren sie Ceciles Tod. Zum ersten Male griff die
schwarze Hand in Arabellas Nähe, zum ersten Male konnte sie erfassen,
was es heißt: ein Mensch ist ausgelöscht, der dir lieb war, und ein
Stück deiner eigenen Seele ist mit ihm gewandert. Und während Givo nur
Trauer empfand, quälte sie sich über Ceciles Geständnis. War es möglich
zu töten? Seltsam, sie mußte an jene Begegnung vor Manuels Tür im
Observatoire denken, an den triumphierenden Blick jenes Mädchens. Sie
fragte sich, ob sie selbst würde ein Leben vernichten können, das ihren
heiligsten Besitz bedrohte. Und daß der Geliebte dann für Cecile
geschmachtet hatte! All das quälte, bis Givo ihr bewies, daß Cecile
einen frommen Trug, nicht einen Mord begangen hatte. Das Leben war ihr
beschattet von allen Seiten und Givos Sonne hellte es nicht; die trug ja
selbst den Flor der Trauer. Nein, kein Kind in dieses Leben setzen, das
sie nicht zu enträtseln vermochte. Nie hätte sie es beschützen können in
der Wildnis, die sich vor ihr auftat. Sie war so sehr versonnen, daß sie
ihrer täglichen Bedürfnisse kaum achtete. Givo war oft Tag und Nacht an
das Krankenlager der Mutter gebunden. Er konnte nicht acht haben auf
sie. Vögelchens wandernder Sinn blieb nicht haften am eigenen Schmerz,
er verirrte sich in alle Labyrinthe menschlichen Leidens. Manchmal
stieß sie die Kinderstirne wund an den nächtlichen Toren der
Unwiederbringlichkeiten und trug aus dieser Zeit unauslöschbare Narben
in ihr Leben mit. Der Schmerz tötete das keimende Leben in ihr und, als
sie dessen bewußt war, beweinte sie es. Zu zart war ihr Körper, den
Unbilden der Seele zu trotzen. Wie ein Schifflein, das von leichtem
Segel beflügelt auf dem Schrecken des Meeres tanzt, ward er vom Sturm
ergriffen und seine Ladung über Bord geschleudert. Ein Krönlein lag am
Meeresgrund. Zuweilen schimmerte es zu ihr auf und sie sandte ihm die
Perlen der Tränen, es zu schmücken. Aber das Meer trank sie auf in
dumpfer Unersättlichkeit.
Frau Givo lag gelähmt. Man ging auf Zehenspitzen, es war gesorgt, daß
keine Tür ins Schloß falle. Ein Erschrecken konnte sie töten. Man hatte
ihr gesagt, die Heirat sei vorbereitet, und eines Tages trat Zora vor
sie in festlichem Kleid. »Heute wird es sein.« Givo kam herzu. Der
Mutter Hand wollte nach seiner Stirne tasten. »Der Wagen ist schon
vorgefahren,« drängte Zora. Sie verließen die Kranke. Zora ergriff ein
Weinkrampf, als sie die Stiegen abwärts schritten. Der Schleier fiel
über ihre Tränen. Der Arzt blieb bei Frau Givo zurück, während Zora und
Manuel, die Zeit hinzubringen, eine Rundfahrt durch die Stadt machten.
An dem Krankenbett war dann ein Mahl gerichtet, dem nur der Arzt
zugezogen war. Die alte Minka weinte verstohlen. Sie allein unter den
Dienstboten ahnte das Verschwiegene. Ihre Herrin lag mit einem Lächeln,
das wie Eisglanz über dem gelblichen, halb gelähmten Gesicht funkelte.
Bald schlummerte sie wieder ein. Givo küßte Zoras Hand. »Hab Dank für
dies traurige Spiel,« sagte er. Ihre Mundwinkel bogen sich nach abwärts,
sie senkte die Lider über den Fluch ihres Blickes. Er stürzte davon, dem
Ersticken nahe, Betrug würgte ihn tödlich. Seine Seele schrie nach
Unbeflecktheit, aber wohin er auch blickte, war Schuld.
Frau Givo wollte nicht so rasch aus einem Dasein gehen, in dem sie nun
endlich ihren heißesten Wunsch erfüllt sah. Zähe Kräfte hielten sie am
Leben und schmiedeten Zora und Manuel an ihr Krankenzimmer. Gäste wurden
nicht vorgelassen, einige Glückwünsche fingiert. Die Kranke hatte
aufgetragen, daß das untere Geschoß des Hauses für Zora und den Sohn
eingerichtet würde, und es traf sich günstig, daß der Raum, in dem
Imanuel die kostbare Sammlung alter astronomischer Instrumente
aufbewahrte, zu diesem Zwecke geräumt werden sollte. Er träumte von
einem Uraniaborg, einer Sternwarte am Meer, wie sie sein geistiger Ahne
Tycho de Brahe besessen, einer Insel Gwenna, auf die er nachts zu Liebe
und Arbeit entfliehen wollte, vom Zwang und Trug an der Mutter
Krankenbett. Es fand sich bald ein turmartiges Gebäude mit drei riesigen
Räumen, die er sogleich für seine Zwecke umgestalten ließ. Das eine
diente zur Aufstellung der Sammlung, die anderen als Schlaf- und
Arbeitsräume. Er scheute keine Kosten, um rasch das Gemäuer wohnlich zu
machen. Eine Fischersfrau wurde zur Bedienung gedungen. Als Arabella
nach öden Wartetagen in dem Hotel, das sie kaum verlassen hatte, von
Givos Plan erfuhr, war sie glückselig. Endlich würde sie wieder mit ihm
vereint sein, sein Leben erhellen und seine Arbeit teilen. Sogleich sah
sie sich als sein Famulus, der Knabengewänder trug, um in der einsamen
Behausung unbehelligt zu sein. Glücklich, sie wieder ermutigt zu sehen,
duldete er freudig ihre romantischen Einfälle und war selbst darin
nachgiebig, als sie nach Besichtigung des Turmes erklärte, daselbst auch
dann wohnen zu wollen, wenn er gezwungen sein würde bei der Mutter zu
bleiben. Das Befinden Frau Givos verschlechterte sich indes nicht und
Manuel konnte unter dem Vorwand, auf seiner Sternwarte zu arbeiten, die
Nächte unbehelligt außer Hause verbringen. Die ersten Wochen verflogen
unter emsigem Auspacken, Ordnen und Reinigen der alten Geräte und der
vielen astronomischen Bücher und Schriften. Givo wollte den Turm
allmählich zu einem historischen Museum der Sternkunde ausbauen. Mit dem
ihr eigenen Eifer vertiefte sich Vögelchen in das Studium der alten
Bücher, legte Kataloge an und gefiel sich in ihrer Verkleidung.
Stundenlang blickte sie aufs Meer, das hinter dem Fjord sich weit
öffnete, und erdachte sich Wunder. Sie ging meist nur abends aus. In
weiten Mantel gehüllt, den Lockenkopf unter einer Samtkappe verborgen,
kam sie Manuel entgegen, dem die kurze Bahnfahrt endlos dünkte. Er
brachte allerlei Leckerbissen mit, die sie für das schlechte Essen, das
die Fischersfrau bereitete, entschädigen sollte. Bis Mitternacht
arbeiteten sie, verbrachten dann Stunden heiligster Liebeseinigkeit und,
während Arabella in den späten Morgen schlief, verließ Givo sie fast bei
Tagesanbruch. Dieses Leben, so sehr es sie auch beglücken mochte,
untergrub ihre Gesundheit. Dann kamen Abende, wo sie vergeblich Manuel
entgegenging. Die Fischersleute in der Umgebung begannen neugierig zu
werden und blickten ihr nach. Stürme durchbrausten den Turm und
durchheulten die Nächte, die sie schlaflos verbrachte, wenn der Geliebte
ihr fern war. Kam dann Givo, schien ein ihr verborgenes Leben noch an
ihm zu haften. Aus der Ferne hörte sie ein Mädchenlachen wie hinter der
Tür im Observatoire und ein häßliches Gefühl ließ ihr das Zutrauen
erkalten. Hielt ihn die andere dort auch oder allein der Mutter
Krankheit? Zu lange schon dauerte diese Wartezeit, die sie so viele
Stunden von ihm trennte, in der er ihr unzugänglich war wie ein Fremder.
Givo aber lebte nun kaum mehr ein eigenes Leben. Er wußte längst, daß er
den Tod der Mutter ersehnte, immer dringlicher. Nichts anderes mehr
konnte ihn befreien von der Lüge und auch der Tod nicht, der die
Gequälte erlösen sollte, wenn er zu kommen zögerte. Denn er fühlte, wie
die Kraft seiner Seele sich spaltete an der Ungeheuerlichkeit, daß er,
dem der rechte Weg bewußt war wie kaum einem jungen und warmfühlenden
Menschen, nun belastet war mit Schuld. Schwer trug er es, Arabella
unbeschützt zu wissen, ehelos ihm angetraut, schwer drückte ihn ihre
Klage um das Kind, das sie sich erhofft, qualvoll war ihm sein Wunsch
nach der Mutter Tod, peinigend Zoras ihn suchende Nähe. Denn neben
Arabella schien ihm Zora noch schwereres Los zu tragen. Ihr Opfer war
größer noch, weil es nicht bedankt war durch seine Liebe. Verwaister war
sie und zur Unglückseligkeit bestimmt, weil sich ihr junges Blut in
Hoffnunglosigkeit vergiftete. Nun wußte er es, sie liebte ihn. Da wollte
er ihr Gutes erweisen und schlug ihr in Gegenwart der Mutter vor, ihr
Geigenspiel wieder aufzunehmen, vorerst auf eine Woche zu verreisen, um
sich an guter Musik zu erfrischen. Sie nickte nur freudlos. Auch hier
hatte der zehrende Brand ihrer unerfüllten Liebessehnsucht gewütet. Seit
jener Scheinhochzeit fühlte sie sich nicht mehr jungfräulich gehemmt.
Heiß sengten sie die Blicke fremder Männer. Ihr Blut siedete. Sie wußte,
ihre Zeit war gekommen, unaufhaltsam drängte es sie zum Manne. Wenn sie
sich wegwarf -- und das würde sein -- konnte täglich, plötzlich aus
einer Stunde brechen, warum nicht an ihn, an Manuel, warum nicht besser
an ihn! Dann würde sie gehen und nie wiederkehren! Wäre das nicht
Erlösung auch für ihn? Einmal hatte sie eifersüchtiger Verdacht
hinausgetrieben auf sein Riff, das zu besuchen er ihr untersagt hatte.
Sie hatte der Fischersfrau aufgepaßt und erfahren, es sei nur ein Junge
im Turm, der die Instrumente putze. Dies gab ihr Mut ein Letztes für
sich zu erhoffen. Aber ein dumpfes Mißtrauen beschlich dennoch die
Nächte, die er auf der Warte verbrachte. Wenn er ihr Erleichterung
schaffen wolle, bat sie, so möge er ihr einige von seinen Arbeitsnächten
opfern, damit sie sorgloser schlafe. Zu ängstlich wache sie über der
Kranken Schlummer. Seine Stirne verfinsterte sich, aber er schlug ihr
die Bitte nicht ab. So blieb er denn zuweilen nachts in der Stadt. Und
einmal spät abends, als er über ein Buch geneigt in seinem Zimmer saß,
rauschte der Vorhang auf, der seine Türe von der Zoras noch dichter
abschloß; als er sich wandte, stand das Mädchen im Nachtkleid an der
Schwelle. Wie ein Mantel umwallte sie das schwarze Haar. Die Nacht
selbst schien zu ihm gekommen und blickte ihm düster, rätselvoll
verlangend ins Gesicht. Und mit seltsam ferner Stimme lispelte Zora:
»Ich will bei dir sein, eine letzte Nacht.« Er blickte sie an
erschrocken und wie verwundet.
»Kind, warum, warum? Warum es uns so schwer machen?«
»Ich habe Sehnsucht,« sagte sie klagend. Er war ergriffen, daß sie
gekommen war, ihm verlangend ihr Leid zu sagen, sie, die Verschlossene,
deren Stolz er mit seiner Kälte so oft geknechtet haben mochte. Er nahm
sie in seine Arme wie ein fieberkrankes Kind. Da fühlte er die
Köstlichkeit ihrer reifen unberührten Jugend. Aber er trug kein
Verlangen nach ihr. Des Morgens bat sie, »laß mich bei dir, nimm mich
auf die Warte, nur eine Weile, dann gehe ich fort.«
»Du kannst nicht gehen,« sagte er traurig, »du gingest denn in dein
Unglück, heiß wie du bist, mein armes Kind.«
»Nenn mich nicht arm nach dieser Nacht,« flüsterte sie. Sie war nicht
stolz mehr, sie wußte flehentlich zu bitten, wenn er des Abends wegging.
Er mußte ihr Drängen vertrösten auf kommende Nächte.
Aber Vögelchen, die wenig wußte, fühlte, erahnte viel. Es war ihr
Gewißheit, bevor Givo sprach, daß eine Frau ihr die Nächte stahl. »Laß
ein Ende kommen, dann reisen wir,« bat er. Sie sah ihn stumm an. Sie
verstand dieses fremde Mädchen, sie, die ihm selbst so gut war, und sie
verstand seine Nachgiebigkeit, aber seltsam, er wurde ihr ferner,
fremder in dem Wissen, daß sie ihn nicht allein besaß. Sie war nun scheu
in ihrer Hingabe, als wäre noch der Blick eines Dritten in ihm, und sie
fürchtete sich, sein Mitleid könne Freude werden an der anderen. Dann
wieder schämte sie sich, ihm Freude zu mißgönnen. Ehe ihr offenbar war,
was geschehen, hatte sie, wenn Givo klagte, er fürchte im nordischen
Winter für ihre Gesundheit, den Plan erwogen, zu Helene zu fahren. Nun
aber hieß dies, der anderen das Feld zu räumen. Sie blieb, aber sie
verachtete sich darob und sie wußte, daß sie selbst ihr teuerstes
inneres Gut opfern würde, wenn sich diese Selbstverachtung zum Äußersten
steigern würde.
Da kam ein Brief von Adalbert und Angele, dem einige Zeilen von
Karinskis Hand beigefügt waren. Man war zusammen in Nizza, in dem
unvergleichlich schönen Villenbesitz Mannsthals. Der Kleine erstarke in
der südlichen Luft, es sei auch Olga, Karinskis reizendes Töchterchen,
da, denn Gräfin Tanja sei vor einem halben Jahre gestorben und der Graf
habe seine Töchter in Schweizer Pensionaten untergebracht. Ob denn
Vögelchen nicht friere im garstigen Norden, hier sei ihr ein warmer
Empfang bereitet. Gab es das, irgendwo Wärme, Menschen, die sie liebten,
die sie nachts nicht allein ließen, gab es Blumen, tropisches Blühen,
Frauen in schönen Kleidern und weltmännische Kavaliere, die von früh bis
abends ihre Damen umsorgen, gab es Bäder, reinliches Essen,
Sorglosigkeit? Wer aber würde Manuels Instrumente putzen, seine
Schriften in Ordnung halten? Nun, jene andere doch! Befreite sie ihn
nicht von dem Zwiespalt, wenn sie ging? Nicht die Mutter war es, die sie
trennte, die Gelähmte, die ihr Bett nicht mehr verließ. Der Freund hätte
sie ja selbst im Hause halten können, ohne daß die Kranke es jemals
hätte erfahren müssen. War Givo nicht dort Herr des Hauses? Nein, jenes
Mädchen war es, die sie fern hielt, und sie fühlte den bösen Zauber, der
zwischen diesen beiden Welten spann. Es kam der Tag, wo sie es nicht
mehr ertrug, ihn in der Nähe der anderen zu wissen, wo sie unter seinen
Liebkosungen litt und seine zärtlichen Worte nur mit Bitternis genoß.
Der Bissen, den sie aß, war ihr vergällt, sie schämte sich der
Verkleidung. Ihre erschütterten Nerven brachen ihr die sanfte Geduld.
Eines Abends fand Givo die Warte verödet. Er rief nach dem geliebten
Wesen. Seine Stimme hallte erschrocken zurück vom alten Gemäuer.
Irgendwo klirrte ein Instrument wie leises Wimmern. Vögelchen war
fortgeflogen.