* * * * *
Auf einem kleinen Dampfer fährt Givo die Seine entlang. Er blickt in das
schäumende Kielwasser, er beobachtet die Fahrgäste, aber nichts kann
seine Ungeduld bezwingen. Und so ergeht es täglich, seitdem er mit
Arabella draußen in St. Cloud wohnt. Eilig geht er dann ans Land und ist
bald an der Pforte, über der Weinlaub hängt. Frieden umfängt ihn, sobald
er eintritt. Er ist meist müde von der Arbeit, die er nun emsig ihrem
Ende zudrängt, weil jetzt Neues so reichlich aus ihm quellen will. Es
ist, als wäre der Antrieb seiner Kräfte jene warme Erdenglut, die
täglich aus einem geliebten Frauenleib in ihn einströmt. Er sieht so
viel jetzt, was geschehen muß, was gesagt und gewirkt sein will, und er
sieht es neu, er, der immer ein Schauender war. Noch beben in ihm die
Räder der Arbeit, wenn er Arabella begrüßt, die mit kindlicher Scheu ihm
entgegentritt, als teilte sie mit ihm nicht Tisch und Bett. Aber sie ist
für ihn wie ein Engel der Verkündigung, der aus seiner lichten Welt der
Inbrunst fromm eintritt in seinen heißen Arbeitstag und ihm ein neues
Heil weist. Geschmückt ist der Tisch, festlich winken die Bücher und das
Bett ist der fromme Altar ihrer Vereinigung. Über ihrem Lager sind blaue
Nebel göttlicher Unendlichkeit, umschwebt ist es von berauschenden
Tönen, über deren Wellen kein Schiff gelangt aus Tagland. Seine Kissen
haben Engel geschlichtet aus Lämmerwolken, seine Decken sind aus
Sonnenfäden gewirkt und sie wärmen die Liebenden, die nur ein Leib sind
auf ihrem heiligen Lager. Manchmal ist ein leises Lachen in der Luft wie
von unsichtbaren Amoretten, die Stimmchen der Kinder, die sie ihm
schenken möchte, und dann, ach, ein Seufzen des Kampfes, den er mit
seinen Sinnen ringt, um ihren zarten Leib nicht mit der ersehnten Bürde
zu beschweren. Denn weit ab und nur wie das Auffunkeln eines wachen
bösen Blickes leuchtet ein Auge und nimmt ihm den Traum Vater zu werden
aus dem Herzen. Doch Glückes genug! Er hält nicht ein Weib mehr, die
Liebe selbst, wie sie durch Ewigkeiten schwingt, pocht mit lebendigem
Herzen an dem seinen und er fühlt, er hat ihr Wahrsein gebraucht, ihr
frauliches Dasein, daß auch seine Arbeit ausströme als eine große
Wirklichkeit der Liebe.
Als ein Vergangenes liegt das Lebendigste seines Lebens, sein Kampf mit
dem Dunkel, unter dieser Liebe eingesargt. Schatten sind die Genossen im
Laster geworden, die er zuweilen suchte, weil auch er eindringen wollte
in die Tiefe, Schemen die Dirnen, Nebelgebilde die lichtscheuen Stätten.
Sein Fuß strauchelt nicht mehr über diese Erinnerungen. Licht ist um ihn
und seine Lust hat sich verklärt.
Arabella hat einen Garten und Glashäuser, ihre Pflanzen zu schützen. Was
will sie nur mit ihren Blumen? Sie fährt sie zur Stadt, aufgetürmt auf
starkem Wagen. Der hält vor den Häusern der Siechen. Sie trägt sie
hinauf über die weißen Stiegen der Spitäler und mischt ihren Duft in den
des Äther und der Essenzen der Reinigung. Sie tritt in die Krankenzimmer
und stellt sie auf die Tische. Da richten sich die Blicke steil auf in
den Betten. Es wird lichter im Raum. Ging da eine Elfe vorbei und ließ
Linderung zurück? Sie kommt auf ihren Gängen auch in das Zimmer, darin
Konrad gelegen, bevor er hinausschlich, die Erdenhülle abzuschütteln.
Ahnunglos streift ihr Kleid das Bett an, in dem er gestrandet. Da liegen
Menschen umher nach Gottes Ebenbild geformt und sind ein elendes Stück
Fleisch, schlotternd in Weh und ihr Blick sucht ein Endchen
Himmelsbläue, ausgespart zwischen Mauern. Sieh, da blüht ein Busch
Vervenen auf dem Tisch und speist ihr Auge. In einem Saale sind Kinder
gebettet, fiebrig glimmen die Augen durch den Schlitz der Lider, die
zuckende Hand hält den farblosen Wurstel, der vom reichen Kind abfiel
fürs Spital. Hier kann Arabella nicht enteilen. Die Schwester müht sich
einem schwarzlockigen Püppchen mit dünnem Hälslein den Verband zu
wechseln am bresthaften Bein, während seine Augen in hilfloser Klage
sein Weh künden. Bittend tritt Vögelchen näher und die Schwester läßt
ihr willig den Dienst. Die Kleine blickt in zärtlichem Bangen auf zu dem
Engel, der zu ihm niederrauscht, Chrysam auf seine Wunde zu legen. Wie
Flügel bauscht sich die Seide ihres Kleides und die mageren Händchen
greifen nach den Perlen an des Engels Hals. Löffel auf Löffel füttert
die Lichte ihm zu. Der Verband ist angelegt. Nun kommt die Mahlzeit und
es weiß nicht mehr, daß ihm die Suppe vergällt ist durch Schmerz in den
armen kleinen Eingeweiden. Leise bettet Vögelchen es zurück in die
Kissen, wischt den Schweiß ihm mit ihrem feinen Tüchlein von der Stirn
und hält sein Händchen, bis es entschlummert ist. Nun tritt sie zu den
anderen, reicht ihnen Backwerk und Spielzeug. Abends beten sie für
Arabella.
Aber Givo bittet Arabella eindringlich nicht mehr in die Spitäler zu
gehen. Tiefer sei dann das Dunkel, wenn sie den Kranken entschwunden,
und er fürchte, sie könne selbst erkranken. Nun sandte sie Bücher, las
emsig, um die rechte Auswahl zu treffen, und manchmal schrieb sie
Tröstungen an den Blattrand. Zu dieser Zeit dichtete Givo Psalmen und
Hymnen. Arabella findet die Verse in ihre Tage gestreut und sie singen
in ihr durch die Stunden ihrer häuslichen Andachten. Da ist eines »Passi
flora«, genannt nach jener Blume, die Spanier fanden, seine Vorfahren
als sie in Amerika landeten.
Du rotgetupfter Nektarienkranz,
Wie gleichst Du dem blutigen Dornenglanz:
Fünf Staubgefäd dem Wundenmal
Fruchtknoten dem Kelch, der Griffel dem Pfahl,
Die Narben den Nägeln, drei an Zahl,
Das Blatt der Lanze geschärfter Qual.
Du ranktest Dich auf in liebender Glut,
Du Engel der Blumen, aus Gottes Blut.
Immer wieder liehen ihm die gläubigen Sagen seiner Vorväter Gleichnisse.
Vom Paradiesvogel erzählte er ihr:
Von einem Vogel sprach mir auch die Ahne,
Den sie in Neu-Guinea fliegen sahen:
Von Düften lebt er, leuchtend in der Nacht,
Fliegt unaufhörlich in des Himmels Wonne,
Borgt seine Strahlen vom Geschmeid der Sonne,
Aufschwung und Licht, das ob dem Dunkel wacht.
Er hatte ein Leid, aber er nahm es hervor, nur wenn er allein war,
abseits dem Hause, das seine Geliebte hielt wie einen lebendigen Balsam.
Das Leid war es um der Mutter Wahn. Er sah sie dort in ihrem kalten
Haus, unbeweglich erstarrt in ihrem Trotz, fern seinem blühenden Leben.
Wie sollte er Arabella Vorbereiten, daß er für Wochen, Monate nun wieder
dort mit der Mutter leben, sie aber nur besuchen würde wie ein
Bekannter. Eine Zeit des Jahres gehörte der Mutter ganz, die seiner
Freiheit willen all die übrigen Monde opfervoll in Einsamkeit lebte. Er
lud Freunde ein, daß Arabella nicht allzu einsam würde ohne ihn. Da war
nun auch Frederic Tallandre von seiner Afrikareise heimgekehrt und
freute sich, daß Alphi ihn mit seinem dritten Mütterchen, Helene,
besuchen würde. Er war scheu gegen Frauen, der junge Gelehrte, er war es
immer gewesen und bereute es, eine Ausnahme gemacht zu haben mit der
eignen, indem er sich verheiratete. Er hatte seine Frau wie gegen seinen
Willen geliebt und nun war fast Groll in ihm gegen die lebendigen
Frauen, die sie überlebten. Er war ein wenig wunderlich, aber kindlich
gut und einfältig zuweilen. Da war Hettwer, ein junger Aristokrat, der
Givo schwärmerisch liebte und dessen Freundin dienen wollte wie ein
Page. Aber Vögelchen fühlte seine Gebrechlichkeit, auf die wohl er
selbst sich stützte, die anderen aber niemals Halt geben konnte. Dennoch
erregte Mitleid ihr eine leise Zärtlichkeit. Sie hätte ihn erwärmen
mögen an ihrem Herzen. Ihre Bewunderung aber galt Frau Calou, die
zuweilen an Abenden kam, um zu beraten, und mehreren jungen feurigen
Menschen, die in Givos Lehre vom wissenden Licht ihre Daseinsform
erkannten. Aber da waren auch mehrere, deren Weltauffassung sich nur
scheinbar mit der Givos deckte. Sie erhoben den Geist zu ihrem rettenden
Gott. Freilich, er sah alles, befehligte alles, aber er thronte oft über
dem Dunkel als ein Dünkel und, wiewohl Arabella sein Licht sah, fühlte
sie sich diesem Gottesgeist fremd, der sich nur vom eigenen Feuer nährte
und selbstsüchtig sich selbst verzehrte. Sie sprach wenig und erhorchte
sich viel. Ihr war manches fremd, mit dessen Wissen andere heranwachsen,
und von vielem hatte sie Ahnungen, durch die sie das Gehörte auf eigene
Art fortspinnen und ausbauen konnte. Eines Abends, nachdem Hettwer und
die Schauspielerin Larousse gegangen waren, blieb sie lange traurig. Die
Larousse hatte von einem Mädchen gesprochen, das gegen die Behauptung
ihres Verlobten ihre Jungfräulichkeit durch einen Arzt hatte nachweisen
lassen. Vögelchen war still und nachdenklich, dann als sie allein waren,
in Scheu und Scham in sich gekehrt, als Givo sie liebkoste. Eine leise
Frage hatte ihm ihre Traurigkeit verständlich gemacht. Es war ihr
unbekannt gewesen, daß es solche Jungfräulichkeit gab. Ihre Seele litt
Heimweh nach Kindheit, der sie sich entgleiten fühlte. Mit einem Male
wußte sie, daß sie Givo reicher hätte beschenken können. Sie fühlte, daß
sie ihrem ersten Freunde nachtwandlerisch vergeben, was sie wachend noch
nicht besessen, es verloren, ehe sie darum gewußt. Sie wunderte sich,
daß Manuel Va nicht strenge abwies. Aber Manuel Givo wußte zu sehr um
die Schuld, die jeder einzelne um die des anderen trägt. Er genoß
Vögelchens Liebesreife, die Mannsthal gefördert hatte, und er lebte ohne
gesetzliche Trauung und dies war ihm eben möglich, weil schon ein
anderer es getan hatte. Wer ohne Sünden ist unter euch, der werfe den
ersten Stein ... Sie aber war ihm schuldlos, wie Tier und Blume, und wo
ihre Seele aufwachte, ward Schönheit und Güte. In ihrer Bewußtheit war
nichts sündig, so lange sie mit ihm lebte. Und um die leise Trauer zu
heilen, ließ er tagsdarauf die folgenden Verse auf ihrem Tisch zurück:
Mir ist Dein Leib ein lichtes Himmelstor,
Durch das ich ströme in mein Paradies,
Und wenn kein Engel mich aus seinen Hallen wies
Ist's, weil Du selbst bist Metathron im Chor.
Aeonin bist Du, doch im Dienen groß,
Sieh, Deine Schwingen ruhen mir im Arm.
Noch sind sie Dir von weitem Fluge warm,
Gebenedeit ist Göttin mir Dein Schoß.
Wie konnte sie einhergehen, anderen Frauen gleich, da ihr Herz in
Seligkeit, von den Kräften seiner Anbetung getragen, sie aufhob, daß ihr
Fuß kaum die Erde streifte.
* * * * *
Nun kam der Tag, wo Givo ihr sagen mußte, daß er nun mit der Mutter
wohnen würde. Mutter, konnte sie es begreifen, war ihr nicht ein leeres
Wort, was andere als unantastbares Gut empfanden und ihm so viel noch
bedeutete! Als er es ihr sagte, verstand sie vor allem das eine, daß er
schon lange der Mutter Beschützer war, an des toten Vaters statt und sie
nicht verlassen durfte um der Pflicht willen, die er schon früh
getragen. Daß sie Vögelchen ausgeschlossen haben wollte aus diesem
Lebenskreis, das faßte sie nicht und es war ihr so fremd und
unentwirrbar, daß sie daran in ihrem Denken wie an einen Felsen stieß,
den sie umgehen, aber nicht übersteigen konnte. Und Givo wußte, nur ihre
Ergebenheit würde es überwinden. Er war ihrer so sicher, er glaubte den
kindlichen Geist plötzlich erwachender Auflehnung in ihr schon völlig in
Liebe gelöst. Gewiß wäre es das Klügste gewesen, wenn er Arabella
veranlaßt hätte, einige Wochen bei Cecile zu verbringen, aber er
fürchtete ihr Mißtrauen, daß ihr das Heim wieder genommen sei, indem er
freiwillig eine Trennung herbeiführte, während er, wenn sie in St. Cloud
blieb, sie täglich besuchen konnte. Frau Givo war nun angekommen. Sie
ging auf einen Stock gestützt und hatte allerlei Eigentümlichkeiten
angenommen, die sie alt und wunderlich machten. Sie schien nicht mehr
die vornehme, herb verborgene Frau. Es war, als ob eine Angst sie jage,
und ihre Unruhe teilte sich anderen mit. Zu Givos Erstaunen stieg hinter
ihr Zora aus dem Zug. Er erschrak fast über die Schönheit des jungen
Mädchens und seine Mutter bemerkte es mit einem Lächeln, das in ihr
edles Antlitz einen bösen Zug zeichnete.
»Was sagst du nun zu diesem Kind, ich habe es mitgebracht, daß du es auf
den rechten Weg bringst.«
»Ich bin ausgerissen,« sagte Zora.
Als sie im Wagen saßen, erfuhr er, daß Zora, die sich in der
Glaubensschule als störendes Element erwiesen, mit Zustimmung der Tante
einige Wochen Ferien erwirkt hatte. Givo war es recht, daß Zora
mitgekommen war, so konnte er denn in St. Cloud unter dem Vorwand wohnen
bleiben, den beiden Frauen genügend Platz in seiner Stadtwohnung zu
belassen. Eine seltsame Scheu hielt ihn zurück, Arabella von Zora zu
sprechen, auch von der Mutter erzählte er nicht und dieser niemals von
Arabella. Er lebte während dieser Wochen zwei vor einander verborgene
Leben. Er stand zwischen zwei Notwendigkeiten und, daß er sie nicht
vereinen konnte, ließ ihn selbst oft minutenlang außerhalb, als einen,
der sich selbst sieht und abwartet. Aber er fühlte, daß diese
Zwiespältigkeit nicht andauern konnte, sie war zu sehr seinem Wesen
fremd und verächtlich.
Zora hatte begonnen bei dem berühmten Geigenkünstler Mabese Stunden zu
nehmen und Frau Givo sah sich vor einem neuen Konflikt. Die Rückkehr in
die Glaubensschule schien ihr auch aus anderen Gründen nicht ratsam. Sie
fürchtete, Zora könne sich dort durch ihre Heftigkeit neuerdings
unmöglich machen und vor allen Mitgliedern der Gemeinschaft befleckt
sein. Dann aber würde eine Ehe mit dem Sohn ausgeschlossen sein. Ihr
Talent könnte immerhin die Möglichkeit bieten sie teilweise von der
Schule zu befreien. Der Name Uhari war einer der besten unter den
Schauenden. Aber gerade deshalb sollte Zora ihn nicht gefährden. Die
Bitternis um Manuel hatte sie schlau gemacht und nachgiebig, wenn es
galt, dem Ziele näher zu kommen. Sie hoffte schließlich, den Sohn für
Zora zu gewinnen. Und Zora war ja hilflos ohne sie, denn Zora liebte das
Wohlleben und den Luxus, obwohl ihr Vater Enthaltsamkeit gepredigt
hatte, und sie gab ihr darin nach, gewöhnte sie an das Teuerste, nur um
sie ganz in der Hand zu haben. Den tieferen Sinn der Lehre beachtete
Frau Givo nicht mehr. Ihr galt einzig, ihren Willen, der ihr zum Wahn
geworden war, durchzusetzen. Sie rechnete und berechnete. Mochte Manuel
die Nächte mit dem fremden Mädchen verbringen, mochte er es verzehren in
Liebe, um so rascher würde er frei werden für Zora. Sie täuschte sich:
Manuels Leben mit Arabella war die edelste Erfüllung dessen, was seine
Lehre unter Geschlechtsgemeinschaft versteht, es war ihm jenes
Untrennbare, das keines äußeren Bandes bedarf, die erdenhafte
Verschmelzung, aus der die göttliche Flamme schlug, das Licht über
seinem Wandel, das nichts Irdisches zerstören, nichts Himmlisches
verdunkeln konnte. Mochte sein Gehen und Stehen von ihr getrennt sein,
ihr Einssein blieb unlöslich.
Aber zu dieser Zeit geschah es, daß Arabella zu Givo in die Sternwarte
kam, was lange nicht geschehen war, um ihm Ceciles Ankunft zu melden,
die ihres Leidens wegen zu ihrem Pariser Arzt gekommen war. »Es ist eine
Dame bei Herrn Givo,« sagte der Diener mit verschwiegenem Lächeln.
Arabella hörte Zoras Lachen. Sie wartete eine Weile, aber es war irgend
peinlich wie lauschend an der Türe zu stehen, während bittere Gedanken
kamen, die sie nicht bannen konnte: Wer ist sie? Sie ist jung und
lustig. Es duftet hier nach Parfüm. Warum sprach er nicht von ihr? Kann
ich nicht immer eintreten zu ihm? Ist es nicht häßlich, wenn ich nicht
sorglos ihn begrüße? Niemals war ihr Mißtrauen gekommen und, überdachte
sie es, so gönnte sie ihn anderen Frauen. Aber nun stand sie und etwas
machte ihr angst und kalt. Sie wußte es gleich, sie liebte nicht die da
drinnen und gleich verurteilte sie es, einer Fremden, von der sie nichts
wußte, übel zu wollen. Weil es sich aber nicht begründen ließ, weil sie
nicht Beweise hatte für ihr abweisendes Gefühl, lag wohl ein Grund vor,
ein geheimer Sinn, dem sie Glauben schenkte. Plötzlich ging die Tür auf
und Givo trat heraus. Er wurde -- er selbst spürte es mit Schrecken --
bleich. War es Vögelchens Gefühl, das sich ihm mitteilte, war es der
ganze Zusammenhang, der Umstand, daß er nie über Zora gesprochen, die
zufällig gekommen war, mit einer Bestellung seiner Mutter, ebenso
zufällig wie Arabella? Aber Givo sah sich plötzlich umstellt, verfolgt
in seiner Arbeitzelle oder er täuschte sich unbewußt dies vor, um nicht
sein wirkliches Gefühl der Scham über sein doppeltes Leben zu empfinden,
da er, der immer gerade Wege ging und für alles Tun einstand, vor diesem
Wesen, das ihm vertraute, scheinbar ein Geheimnis hatte. Er wußte, dies
war nichts als der flüchtige Besuch eines Mädchens, mit dem er in
heiterem und zugleich feindlichem Einverständnis stand, aber er sah es,
wie Arabella es sehen mochte, als eine heimliche Zusammenkunft und
vielleicht nur eine von vielen. Sie wollte sprechen, aber die Scheu, die
sie zuweilen empfand, war so groß, daß sie kein Wort hervorbrachte. »Ich
kann jetzt nicht mit dir gehen, es ist jemand bei mir. Willst du mich
irgendwo erwarten? Wir können dann eine Weile zusammen bleiben.«
»Eine Weile?« fragte sie. »Und jetzt?«
»Jetzt ist ein Mädchen da, das mir meine Mutter mit einem Brief
geschickt hat. Ich kann es nicht rasch fortschicken, ohne es zu
kränken.«
Vögelchen wollte ihn bitten: schicke _sie_ fort, _sie_, nicht mich. Aber
sie brachte es nicht über die starren Lippen. Sie nickte nur und ging
die Stiegen hinab. Die Kniee zitterten ihr. »Wo sehe ich dich?« rief er
ihr nach.
»Cecile ist hier,« sagte sie von unten mit mühsamer Stimme. Dann ging
sie. Er blieb stehen, seine Füße waren bleischwer. Hinter ihm stand
Zora. »War sie das?« fragte sie und ihre mandelförmigen Augen
leuchteten.
»Wer denn? Ach, ihr Frauen, ihr Neugierigen,« sagte er. Als Zora
gegangen war, stand unten an der Tür Arabella. Sie hatte den Schleier
über ihr Antlitz gesenkt, aber Zora wußte: das ist sie. Und Zora schritt
sorglos weiter, hob ein wenig trotzig den Kopf, als sie an ihr
vorüberkam, und Arabella schien es, als kräusle ein Lächeln ihren Mund.
Ein kleiner Funken knisterte zwischen ihnen: Feindschaft.
Als Manuel nach St. Cloud kam, fand es sich, daß Arabella mit Cecile zur
Bahn gefahren war. Er hatte zwar eine Verabredung mit seiner Mutter,
aber nun hatte ihn Unruhe und Sehnsucht befallen, sie an sein Herz zu
drücken. War es möglich, daß sie etwa, ohne ein Wort zu hinterlassen,
weggefahren war? Welcher Teufel hatte ihn gejagt, nicht das, was ihm das
Wertvollere und das Natürlichere war, zu tun? Er quälte sich. Warum
hatte er sie, nicht Zora weggeschickt!
Vögelchen kam spät nach Hause. »Allein bist du den einsamen Weg
gegangen?« sagte er und nahm sie in die Arme wie eine Mutter ihr Kind.
Er war so froh, daß sie zurückgekommen war. Da weinte sie, weinte all
ihre unausgesprochene Angst um jenes Leben, in dem er war abseits von
ihr, in einer fremden Welt, die ihr feind war.