Flucht

Der Mai, mit seinem Zustrom von Fremden, war Givo nicht lieb in Paris.

Die Stadt schien ihm da von ihrer vielfältigen Wirklichkeit zu einer

Stätte wahnvoller Lustbarkeit gewandelt. Er aber kannte die Kehrseite,

das Elend, die nachbetende Verlogenheit, die die Prostitution

verherrlichte, all die geistige Verlotterung und die Eintagsfreude des

Luxus. Die Regsamkeit der Menschen drängte ihnen nach in ihre

Zurückgezogenheit. Sie riefen die Menschen nicht zu sich, aber ihr

Helfen rief sie: wer unberaten, bedrückt, bedrängt oder begeistert war,

sehnte sich in ihre Nähe. Künstler verlangten die Weihe ihres

Verständnisses, täglich liefen Briefe und Bücher ein, Bilder wurden vor

ihnen aufgerollt, sie mußten in Ateliers klettern, uneheliche Kinder aus

der Taufe heben, Kranke besuchen, die nach ihnen riefen, Streitigkeiten

von Liebespaaren, Diskussionen über geistige Uneinigkeiten, seelische

Rechtsbrüche wurden von ihnen abgehandelt. Wiewohl es nicht unbekannt

war, daß Givo einen großen Teil seines väterlichen Erbteiles für

wohltätige und wissenschaftliche Zwecke verbraucht hatte, hielt man ihn

für genügend reich immer noch helfen zu können. Die Mannsthal-Aktien

waren sehr gestiegen. Adalbert hatte Vögelchen ein großes Vermögen

angelegt. Givo wollte nicht ärmer werden, um nicht in die Lage zu

kommen, aus diesem Gelde Nutzen zu ziehen. Und vor allem sehnte er sich

nach Abgeschlossenheit, um neue Kräfte zu sammeln. Givo wollte die

Haustüre sperren, einen Zettel hinaushängen und darauf schreiben: »Hier

wird gearbeitet, man bittet um ein wenig Ruhe.« Aber da blickten die

Freunde durch die Hecke am Gartengitter und riefen: »Ach, ihr spaziert

ja eben herum, da kommen wir nur auf fünf Minuten.« Oder Givo bringt

selbst einen Verstörten, den Arabella aufrichten soll. Sie fühlen eines

Tages, daß die Freunde ihre Feinde sind, daß ihnen der Fremde, der auf

der Straße vorbeigeht, mehr Freund ist, weil er ihnen nicht von ihrem

Leben nimmt, wie man Äpfel vom Baum bricht. Und sie fühlen auch, daß sie

ärmer werden an ihnen, weil diese mit der Gewaltsamkeit des eigenen

Wichtignehmens ihre Existenz in die ihre drängen und ihnen den eigenen

Atem rauben. Sie haben keine Einkehr mehr mit sich selbst. Der Traum ist

ihnen verscheucht, selbst aus dem Schlaf, der sie so bleiern anfällt,

daß sie sich nur leise mehr durch ihn spüren und nur selten mehr die

Frische haben, sich einander hinzugeben. Vögelchen wird blaß und müde

und eines Tages läßt sie die Koffer herbeischaffen und Givo findet alles

vorbereitet zu einer Reise.

Er wollte gern mit Arabella noch einige Tage nach Chaly, reine Luft zu

trinken. Der Arzt aber hatte Cecile auf eindringlichstes Fragen eine

schlechte Prognose gestellt; keine Hoffnung auf Genesung. Sie hatte es

geahnt, aber nun befiel es sie wie Grauen über sich selbst, beinahe

Verächtlichkeit war es für den hinsiechenden Körper. Zählte sie noch

mit, konnte sie noch auf Menschen wirken, da sie nicht mehr ganz zu den

Lebendigen gehörte? Gab es nicht etwas zu tun, das der Menschheit

nützlich sein konnte und das nur einer vollbringen mochte, der ein Leben

zu opfern hat! Sie wollte ihr Augenmerk auf nützliche Taten lenken,

deren Folgen andere zu fürchten hatten. Aber noch war ihr der Gedanke zu

neu eine Sterbende zu sein. Sie mußte allein sein mit diesem Übergang

und keiner, dem sie lieb war, sollte den Urteilsspruch des Arztes

erfahren oder erraten. So schrieb sie Givo, er möge den Besuch

verschieben. Gleichzeitig aber erhielt dieser einen Brief von Mannsthal,

er sei im Begriff zu verreisen, er wolle vermögensrechtlicher

Angelegenheiten wegen, auch um Vögelchens Freiheit zu schützen, deren

vorzeitige Großjährigkeit erwirken. Angele würde sich freuen, ihn und

Arabella während dieser Zeit bei sich zu sehen. Sie würde auch

Vermittlerin sein in einer Angelegenheit, die er gern bereinigt sähe.

Arabella machte sich bereit, Givo nach Quesnon zu begleiten, wo sie

mehrere Tage verbringen wollten. Da kam Helene mit Alphi und Manuel

reiste allein.

Er fand Angele verändert, mütterlich froh und gerundet, verjüngt und

gereift zugleich. Sie war unablässig bemüht um das Kind. Es war

schwächlich und sie hatte deshalb mit Adalbert beschlossen im Süden sich

anzusiedeln. Bevor sie aber Nordfrankreich verließen, wollte Mannsthal

gern Arabellas Zukunft gesichert sehen und das quälende Bewußtsein der

Vergangenheit völlig überwinden. Er, Givo, wäre wohl großzügig genug, um

Mannsthal nicht das Recht zu schmälern, Vögelchen zu beschützen, solange

kein anderer diese Rolle dauernd übernahm. Es bedrücke ihn, daß Givo

Arabella bislang nicht zur Frau begehrt, obwohl er ihre Seelenreinheit

erkannt habe. Mannsthal habe geschwiegen, weil seine Lage Vögelchen

gegenüber eine außergewöhnliche sei und er selbst scheinbar deren

Anspruch auf Rechtmäßigkeit verwirkt habe. Sie aber, die Freundin und

Frau, der es gelungen, den Dämon aus Adalberts Leben zu bannen, sie bäte

Givo flehentlich gerade um dieser Umstände willen, nicht zu zwangloser

und unsicherer Beziehung die Sachlage auszunützen. Sie kenne seine losen

Verbindungen mit Frauen, als des Mädchens Stiefmutter bäte sie um

Bescheid. Givo ward in den Grundfesten seines Wesens erschüttert, als er

die Freundin solchermaßen sanft und eindringlich sprechen hörte. Die

Einstellung war falsch. Niemand wollte wie er Vögelchens glückliche

Geborgenheit. Aber Angele hatte recht, das durfte er nicht, wie er es

bisher stillschweigend getan, jenes Mannes Unrecht nützen. Während

Angele gesprochen, wußte er es mit einem Male, er handelte schlecht an

Vögelchen. Er dachte ja nicht daran sie zu verlassen und ihre Liebe war

groß genug sich in außergewöhnliche Verhältnisse zu fügen. Seiner

Glaubenslehre war die freie eheliche Verbindung gemäß, nicht zwanglose

Leichtfertigkeit lenkte ihn und Scheu sich für alle Zukunft zu

entscheiden. Aber er sah sich gehemmt Frauen gegenüber frei zu handeln

und was aussah wie Libertinage, war in Wahrheit Zwang. Was ihn

erschütterte, war, daß er sich greller bewußt ward, daß seine Mutter,

indem sie seine Lehre, die mit überzeugtem Handeln so enge zusammenhing,

schützen wollte, ihn zu zweifelhaften Kompromissen verurteilte. Seine

Männlichkeit, seine Ehrlichkeit sträubte sich gegen gebundene Hände.

Wohin er sah, es war nicht Freiheit mehr um ihn. Wie aber sollte er

wirken ohne sie? Er verabschiedete sich von Angele, es drängte ihn mit

seiner Mutter zu sprechen. Nach Paris zurückgekehrt suchte er sie gleich

auf. Er fand sie lesend, Zora übte im Nebenzimmer eine schwierige

Sonate. Jenseits der Seine waren Türme und Dächer in das Rot der

untergehenden Sonne getaucht, der Fluß, dessen Lauf man von den Fenstern

aus verfolgen konnte, hatte etwas feierlich Hinschwebendes.

»Ich möchte mit dir sprechen, Mutter.« Frau Givo erbleichte. Sie fühlte

das Außerordentliche des Augenblickes.

»Was wünschest du?« fragte sie.

»Ich will nun dieses Mädchen zu meiner Frau machen.« Die Frau mit dem

wachsgelben Gesicht sah starr auf den Mund, der das Gefürchtete

ausgesprochen, sie blieb still, aber es war nur der Augenblick,

währenddessen die Keule ausholt, ihren wuchtigsten Schlag zu tun. Sie

sagte langsam mit unendlichem Hohn:

»Die Geliebte ihres Vaters?!«

Wie stand es mit der Lüge, konnte er nicht Entsetzen über Verleumdung

heucheln? Der Schlag brannte. Erst als seine Betäubung schwand, konnte

er erwidern: »Wer hat dir diese Ungeheuerlichkeit hinterbracht?« Nun

wurde Frau Givo gesprächig. Gleich, als sie angekommen waren, hätte sich

eine Person gemeldet, die geschickt worden sei, ihn, Givo, nach der

Adresse des Fräuleins Mannsthal zu fragen. Es handelte sich um die

Übermittlung einer Todesnachricht. Sie sei dann mit diesem Mädchen ins

Gespräch gekommen und habe so die sauberen Dinge erfahren, die dieses

von dem Kammerdiener Mannsthals und von jenem Toten wußte. Sie habe auch

von diesem ein Andenken mitgebracht mit dem Ersuchen, es dieser

Mannsthal zukommen zu lassen. Frau Givo holte aus einer Lade ein Kuvert

hervor, in dem ein Zettel lag. Manuel las:

_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur._

Ein himmelblauer Enzian war aus dem Zettelchen gefallen. Er war nicht

vergilbt und wie ein unschuldvolles Auge aus einer reinen, fernen

Bergwelt sah er in die Schwüle dieser Stunde. Givo sagte: »Von diesem

Unglücklichen ist es, dessen Tod ihr verheimlicht wurde.« Er las die

Worte laut. »Verstehst du das? Er hatte es wohl aus meiner Schrift,

gegen die er polemisierte. Verstehst du es, Mutter?«

»Und wenn ich es verstünde, ich will es hier nicht bestehen lassen. Um

der Sünde willen, die an ihr begangen wurde und die sie selbst, wie es

heißt, nicht von sich wies. Ich sage nein und nicht um der Liebe willen,

in der sie leben mag, sagte ich jemals ja. Sie ist und bleibt eine

Fremde.« Und kraftvoll, daß im Nebenzimmer das Geigenspiel zerbrach,

sprach sie: »Wisse es, Manuel: Nur über meine Leiche geht dein Weg in

diese Ehe.« Da packte Givo ein heiliger Zorn.

»Das ist Lästerung!« rief er und er, der Sanfte, warf den Stuhl, den

seine Hände umklammert hielten, zu Boden. Er nahm seinen Hut und eilte

hinweg.

Einige Tage später verließ er mit Arabella Paris. Der Mutter schrieb er,

daß er sie wiedersehen würde, wenn sie, von ihrem Wahn geheilt, die

entsetzliche Weigerung einstellen würde. Er wollte nicht zum Verbrecher

werden an der Ehrfurcht, die er ihr zolle, und nicht zum unglückseligen

Schurken an einem Wesen, das er liebe wie seinen Glauben. Angele bat er

Mannsthal zu vermitteln, daß es über seine Kraft ginge, Arabella zurzeit

seinen Namen zu geben. Es gäbe Verwicklungen, die jenseits der üblichen

Lebenswege sich nicht in gewaltsamer Entwirrung lösten. Er könne nur

wiederholen, daß sie ihm teurer sei als sein Leben und ihrer Liebe so

sicher wie der eigenen.

Vögelchen erfuhr nichts von den Verhandlungen. Sie war glücklich nun des

Geliebten Nähe, losgelöst von allen Beziehungen, zu genießen. Sorglos

hingegeben fragte sie nicht nach Gesetzen und Verträgen.

Es kommt eine Zeit, in der die Freunde nichts hören von Manuel und

Arabella. Sie wohnen im Garten des Glückes und der hat seine Tore

geschlossen und läßt niemanden ein. Sie hausen hinter Mauern, über die

bunte Blumen sich chaotisch ranken und hinter ihnen im Paradies der

Landschaft sprießen sie selbst ineinander, durchweben, durchranken,

durchsonnen sich. Einmal nachts ist ihre Umarmung so vollkommen, daß sie

der Frucht dieser Stunde gewiß sind. Da kommt am folgenden Tag eine

Depesche von Zora, die der Mutter lebensgefährliche Erkrankung meldet

und schleunige Abreise empfiehlt. Auf ihr Blühen fällt Frost. Sie raffen

sich schwer auf und ziehen gegen Norden. Er will gern Arabella zu Cecile

schicken für diese düstere Zeit, die aber ist krank. So muß er sie

mitführen in das Fremdland, das seiner Mutter Krankenlager umgibt. Ein

Schlaganfall hat in der Stunde ihrer innigsten Vereinigung das Leben Lea

Givos bedroht. Es war, als hätten Tod und Zeugung hier geheimnisvollen

Zusammenhang.

Vögelchen · 第 49 / 74 题