Doppelleben

Arabella erfuhr nichts von Konrads Tod. Und noch ahnte sie nicht, daß

sich eine willensstarke Frau um ihres Sohnes willen gegen sie

verschworen, um mit zäher Sicherheit ihr die neue süße Ruhe zu rauben.

Sie hing mit großer Zärtlichkeit an Cecile und, da Clothilde das Asyl

verlassen hatte und Anna auf einige Zeit in ihre Heimat gereist war,

nahm sie allerlei Pflichten auf sich und wurde ein brauchbarer Mensch in

den täglichen Anforderungen des Lebens. Wenn Alphi schlief, beteiligte

sie sich mit Inbrunst an den der Musik gewidmeten Stunden und las mit

Helene die wertvollen Bücher aus Ceciles Bibliothek. Givo kam ein, auch

zwei Mal des Monats, blieb den Sonntag und gab noch ein oder zwei Tage

dazu. Er sah mit Kummer, daß Ceciles Gesundheit immer gebrechlicher

wurde und beriet sich mit Dr. Blanc. Den drückte noch eine andere Sorge.

In Chaly begannen Stimmen laut zu werden, daß man im Asyl ketzerisch

lebe, niemals sei von seinen Bewohnern jemand in der Messe zu sehen. Da

machte sich Givo auf und ging mit Arabella zum Segen. Stickig war es und

finster in der Kirche, ernst, fast drohend stiegen die gotischen Pfeiler

auf, ohne Tröstung. Die Menge schien zusammengeschweißt im Gebet, wie

ein Leib waren ihre knieenden Leiber, wie Murmeln eines Einzelnen ihre

Zwiesprache mit Gott. Über all das Dunkel streckten sich die

vielfarbigen Fenster und spannen blumige Lichtgarben zu einander.

Arabella, die selten nur eine Kirche besuchte, war ergriffen. Die Orgel

begann ihr erlösendes Spiel. Sie stand neben Givo aufrecht zwischen den

Knieenden und hielt ihr Herz zu Gott hinauf inmitten der inbrünstigen

Ströme der Fugen. Dank kam über sie und Demut des Gebetes. Sie kniete

hin und ließ die Seele mitjauchzen im Gesang, der aufrauschte aus der

Menge. Givo sah, wie sie ohne sich zu besinnen niedergekniet und tief

versunken war. Wieder war er von zärtlicher Rührung übermannt und wieder

mischte sich dieser, wie so oft schon, ein Gefühl schicksalschweren

Wissens über dieses in seiner Hingebung wehrlose Wesen, das seinem

Schutze anvertraut schien und das er dennoch nicht würde bewahren können

vor der allzu großen Last der Liebe. Ja, vielleicht würde er selbst sie

beschweren! Schon war alle Freiheit verwirkt, sie konnten einander nicht

lassen. Givo war froh, als sie aus der Kirche traten. Zu dick war ihm

dort die Luft. Aber er hatte Cecile geholfen und dem Asyl. Man hatte

Arabella gesehen, wie sie in aufrichtigem Beten kniete. Ihre Andacht

sicherte, ohne daß sie selbst den Sachverhalt ahnte, den Bestand des

Asyls auf weitere Zeit. Denn nun schwiegen die bösen Zungen.

Als Vögelchen Manuel zur Bahn geleitete, hielt er sie lange im Dunkel

des Weges im Arm. Schwer nur gestand er ihr, daß er auf längere Zeit

verreise, zu seiner Mutter, in den Norden Deutschlands. Arabella nahm

erschrocken seine Hand: »Nimm mich mit zu ihr, nimm mich mit! Ich will

sie lieb haben.« Da trieb es Manuel die Tränen in die Augen.

»Nein, Kind, es geht nicht. Aber wenn ich wiederkomme, hol' ich dich zu

mir, ganz zu mir!« Vögelchen sagte kein Wort mehr. »Es geht nicht,«

sprach es immer wieder in ihr, es geht nicht! Zum ersten Male hatte er

sie verwundet, sie, die kaum geheilt war von altem Leid.

* * * * *

Zora hatte an Givo geschrieben. Er kannte die Schrift nicht. Es war der

erste Brief, den er von ihr empfing. Sie schrieb ihm, daß die Mutter

schon etwas gesprächiger sei und nun stündlich seine versprochene

Ankunft erwarte. Er möchte nur getrost kommen und nicht allzusehr

erschrecken, wenn er erführe, wer die Braut sei, die ihm erwählt worden.

Denn diese wäre ja fest entschlossen niemals zu heiraten, da sie einzig

ihrer Geige Treue geschworen. Und er, Givo, der Heilige, werde doch

nicht ein Zigeunermädchen aus Hispaniens Fluren ehelichen, das nichts

Schöneres sich erträumte als sich heimatlos durch die Welt zu geigen. Er

sollte der Mutter nicht trotzen, die von ihr erwählte Braut würde ihm

Treue bewahren, indem sie sich weigere seine Frau zu werden. So hätte er

denn weniger zu fürchten, als wenn die Zukunft ihm eine Willfährige

entgegenführte. Nur eilig kommen möge er, denn sie wolle die Tante nicht

verlassen, ehe er nicht eingetroffen sei, und jeder Tag, den sie später

eintrete in die Glaubensschule, bedeutete Aufschub ihrer späteren

Freiheit. Er möge ihr beistehen, schon in einem halben Jahre die Schule

verlassen zu dürfen, um bei einem berühmten Geiger in die Lehre zu

treten. Als Givo in Hamburg ankam, war Zora des Morgens heimlich

abgereist. Sie hatte der Tante einen Brief hinterlassen, in dem es hieß,

es dränge sie nicht eine Stunde mehr zu zögern, da ja nun Manuel sie

entbehrlich machen würde. Geheimnisvoller Ruf wäre an sie ergangen ohne

Abschied in ihr Kloster zu eilen.

»Wie fromm sie ist,« sagte Frau Givo, die aufrecht saß, aber noch immer

nicht das Bett verließ. »Ich bedaure es aber, daß du sie nicht gesehen

hast. Sie ist schön geworden: eine Jungfrau.« Sie betonte das Wort.

Weder sie noch Manuel erwähnten Vögelchens Namen. Die Mutter schwieg und

verlangte nichts und er ließ sein letztes Briefwort bestehen, daß er

nicht lassen würde von Arabella. Zwei Monate blieben sie beisammen ohne

Vorwurf und Zank, aber das Schweigen lag oft schwer zwischen ihnen und

hemmte die alte Vertrautheit. Als Givo abgereist war, verfiel Frau Lea

wieder in tiefes Brüten. Sie versuchte zu gehen, sie hatte es beinahe

verlernt. Sie schien um vieles gealtert, als sie nach viermonatiger

Weltflucht wieder auf die stille Straße trat, ihren Wagen bestieg, um

ihre Glaubenswerke zu üben.

* * * * *

Eine ganz kleine Türe hatte sich in Vögelchens Herzen geöffnet und ließ

Angst ein. Sie war manchmal fest verschlossen, wie von guten Geistern

gehütet, dann wieder sprang sie auf. Über ihrer Einfriedung stand: es

geht nicht. Da war eine große düstere Frau, die ging aus und ein und

sagte: »Er gehört mir, mir allein.« Fremde Frauen mit wehenden Federn am

Hute nickten ihr aus Karossen, in denen sie mit dem Herzensfreund saßen

und riefen: »Sieh, Kleine, wer mein Ritter ist!«

Givo blieb lang aus. Als er wiederkam, schloß sich die kleine Tür und

die guten Geister hielten vor ihr Wache.

Arabella schrieb an Adalbert: »Lieber Va, ich wohne von nun ab bei

Imanuel Givo. Er hat ein kleines Haus in St. Cloud gemietet. Willst Du

mir erlauben die Möbel meiner Zimmer, die wohl noch im Magazin

eingestellt sind, dahin schaffen zu lassen? Du wirst Dich nicht wundern,

daß ich nicht Givos Namen haben werde. Er sagte mir, daß dies vielleicht

erst in einer späteren Zeit möglich sein könnte. Ich glaube zu ahnen

weshalb und Du wirst es wohl ebenso deuten können. Seine Mutter will

mich nicht als seine Frau. Wir wollen jetzt ganz still für uns leben.

Später besuchen wir Dich einmal. Frau Angele möchte doch auch an mich

schreiben, falls sie Rat braucht, wenn das Kind geboren ist. Ich habe

Alphi Tallandre gepflegt und weiß Bescheid um die Kleinen. Der Abschied

wird mir schwer von ihm. Er ist so niedlich und fängt schon an zu

plaudern. Aber Manuel erlaubt, daß Helene und der Kleine uns im Frühling

besuchen. Ich habe Cecile Gloriot viel zu danken und ich hoffe, sie

weiß, wie ich sie liebe. Aber wie kann ich gut sein und bei ihr bleiben,

um ihr zu helfen, wenn ich mit Givo leben will, und das muß ich von

ganzem Herzen. Hab auch Du Dank für Gutes und Böses.

Vögelchen · 第 47 / 74 题