Arabella.«

Er las ihn oft und oft diesen Brief und, wenn er den Kopf in die Hand

stützte und seine Augen feucht wurden, fuhr ihm Jeanne Cochard durchs

Haar und scherzte ihm den Kummer hinweg. Wurde er dann zärtlich, so

hielt sie seine Hände fest und in ihren Augen war ein Flehen. Sie

fürchtete sich vor Männerliebe. Es kam ein Tag, da blieb Konrad aus. Zu

Mittag wartete sie hilflos, dann noch einen weiteren Tag, schließlich

ging sie zu seiner Vermieterin. Sie erfuhr, daß er sich elend gefühlt

und fortgegangen sei, ohne seither wiedergekommen zu sein. Dann wäre ein

Bursche da gewesen und hätte etwas Wäsche für ihn abgeholt. Jeanne

fühlte, wie eine eiserne Hand ihr Herz zusammenkrampfte. Sie schüttelte

den Kopf mit dem aschblonden Haar, das Konrad so gern hatte. Sie wußte

nichts von Marguerite. Sie ging Frau Calous Rat erbitten. »Ich gebe

Ihnen Nachricht,« versprach diese. Sie schickte zu Marguerite, die

verweigerte die Auskunft, aber der Kundschafter erfuhr von der

Hausmeisterin, daß Konrad bei ihr sei und im Fieber läge. Frau Calou

hatte Mitleid mit Jeanne, sie ahnte den Sachverhalt: Konrad war krank

und glaubte Ursache zu haben sich dessen zu schämen. Er hatte sich zu

Marguerite geschleppt, der alles Menschliche menschlich war. Sie pflegte

ihn ohne viel zu fragen und sie, die ihn geschlagen, wenn sie in Zorn

geriet, war nun sanft und gut, weil er bedauernswert war und einen Makel

trug. Nun war er ihresgleichen. Was sollte nun Frau Calou Jeanne

antworten? Sie vertröstete sie. Aber wenige Tage später ging sie selbst

zu Marguerite, da hieß es, Konrad wäre im Spital. Es wäre ein böser

Fall. »Dieses schmutzige Tier,« fluchte Marguerite: »Er hat es sich auf

der Reise geholt.« Frau Calou schickte Jeanne ins Spital, aber als diese

nach Konrad fragte, führte die diensthabende Nonne sie an die Schwelle

der Totenkapelle und mit weinseliger Stimme erzählte sie. Der Arzt hatte

wenig Hoffnung auf eine baldige und völlige Genesung gegeben und als das

Fieber gestiegen, hätte der Ärmste sich des Nachts draußen im Waschraum

erhängt. Schwester Philiberte hatte Nachtdienst gehabt, da konnte eben

dergleichen geschehen. Die ängstliche Jeanne trat nicht ein in die

Kapelle, sie fragte auch nicht nach Konrads Krankheit. Eine andere Frau

kam und schob sie gleichgültig beiseite. Es war Marguerite, die einen

Kranz brachte. Jeanne ging nach Hause, wo sie der Kleine erwartete.

Währenddem sie ihm den Brei kochte, tropften die Tränen über ihre

blassen Wangen in das Gefäß. Der Junge sah es und er fürchtete sich vor

dem seltsamen Salz, das ihm die Mutter in die Speise träufelte. »Wo ist

Herr Konrad?« fragte er. Da weinte sie laut auf. Die Milch lief zischend

über.

Marguerite ging allein hinter Konrads Sarg. Custove war betrunken. Sie

hatte ihn beredet zu Hause zu bleiben. In Konrads Brieftasche hatte man

eine verblaßte Blume gefunden, eine Enzianblüte. Sie war in ein Papier

gewickelt, darauf hatte er sich angemerkt: _Quod in charitate

constitutis nullum peccatum imputetur_. Marguerite nahm es an sich. Weiß

Gott, wie man das Zettelchen noch brauchen konnte!

* * * * *

Und wie die Schwester es erfuhr:

In Heiligenstadt bei Wien, unweit der Villenstraße, die heute den Namen

Springsiedelweg führt, stand im Glanz der Abendsonne stadtwärts blickend

ein einsamer Spaziergänger. Immer wieder ergötzte sich sein Schauen an

der feinen Silhouette des Stephansturmes, der goldig umnebelt über die

Häuser der Wiener Stadtbezirke ragte. Der Mann lüftete den Hut, ließ das

graugemengte Haar frei, weitete sein Samtjackett, als wollte er hier auf

der Höhe mit allen Poren Luft schöpfen. Dann wandte er sich und wie

unter ein Joch sich zu beugen, das er plötzlich stärker zu verspüren

schien, schritt er geduckt, ein frühzeitig Alternder, gegen den

Beethovengang, wo einst gleich ihm ein sonderbarer Junggeselle gewandelt

war, unsterbliche Harmonien im Klang des Baches erlauschend. Als er so

hinschritt, vernahm er das Säuseln der fallenden Blätter und gedachte

des entschwundenen Sommers. Es war ihm, als hätte er in Verbannung

gelebt, wiewohl er ihn im eigenen Heim verbracht hatte. Ein Landhaus an

einem See tauchte in seinem Erinnern auf, ein feines Blondwesen ging

dort elfengleich über die Wege, dann wieder sah er Flammen, nächtliche

Kahnfahrt, einen rollenden Berg, dem, unheilbringend, eine Circe

entstieg. Seine Sommerheimat lag verwüstet. Immer wieder brach die Wunde

auf, wenn er sie eben schon verharrscht glaubte, und ärgerlich über die

eigene Weichlichkeit, machte er nun kehrt und stieg in das Dorf hinab.

An dem Hause kam er vorbei, in dem einst sein Vater Meister Grillparzer

besuchte, nebenan hörte er im Heurigengarten das halb wehmütige, halb

lustige Gefiedel des »Schrammelquartetts«, Fiaker und »Zeiserlwagen«

standen die Straße entlang. Die Wiener Melodien schmolzen ihm die

Bitternis in der Brust und es blieb ihm nur eine lächelnde Traurigkeit,

als er sein Gartentor an der Probusgasse erreichte. Wie er nun dem alten

Haus entgegenschritt, trat aus der rotverhangenen Weinlaube eine junge

Frau in die Abendsonne heraus. Ihr Haar schimmerte rötlich, sie hielt

den Florentiner Hut in der Hand, ein kleiner Junge stand hinter ihr.

»Verzeihen Sie, daß ich störe. Sie sind ja wohl Herr Doktor Urbacher?

Ich bin Hedwig Torn, die Malerin.«

»Sie sind die Torn,« sagte er, sich verbeugend, »die den Prater so schön

malt? Und der da hier, ist das auch ein eigenes Werk?« Er deutete auf

den Jungen, der wie verzaubert im fremden Garten stand.

»Er kann wohl hier bleiben, indes ich Sie um eine Auskunft ersuche?«

fragte sie.

»Gewiß, gnädige Frau, darf ich Sie ins Haus bitten? Er fürchtet sich

doch nicht, Bube?« Hedwig schritt voran. »Eine hübsche Frau und wie

bescheiden sie sich gibt trotz dieses Könnens! Was mag sie wollen,«

dachte Urbacher und öffnete die Türe zum Flur.

»Wie schön er es hat,« dachte hier wieder Hedwig, als sie die Diele

durchschritten, in der angedunkelte Bilder über alten Truhen hingen.

Eine Uhr aus der Maria-Theresien-Zeit mit bemaltem Zifferblatt tickte

laut in der Stille. Er öffnet eine Türe, dann aber, wohl einer kleinen

Eitelkeit gehorchend, führte er sie weiter in den Gartensaal und nun

hätte Hedwig fast vergessen, welch trauriger Anlaß sie hergeführt. Hier

waren die Wände des großen Raumes über und über bedeckt mit den

herrlichen Miniaturen der Urbacherschen Sammlung, aus Vitrinen lugten

ihre besonderen Kostbarkeiten. Sie erblickte alte Möbel, seltene Bücher;

durch die Bogenfenster grüßten die bunten Herbstbäume: zu viel für das

Auge der Malerin, um sogleich ihrer Frage sich zu besinnen.

»Ich stehe zu Ihren Diensten,« hatte Urbacher gesagt. Sie ließ sich in

den grünen Ripsfauteuil nieder und, indem sie zur Entschuldigung

vorbrachte, daß all dies Schöne sie geradezu verwirre, suchte sie nach

Worten.

»Es handelt sich um eine Adresse. Mein Bruder, ein Student, ist nach

Paris gefahren, eines jungen Mädchens wegen, das Sie kennen. Nun habe

ich seit Wochen keine Nachricht von ihm. Alle Briefe kommen zurück. Ich

bin voll Sorge. Ich möchte diesem Fräulein Mannsthal schreiben, sie weiß

vielleicht, wo er sich aufhält, was vor sich geht -- --«

»Seltsam,« dachte Urbacher. »Nun kommt eine Fremde und spricht ihren

siebenfach versiegelten Namen. Die Schwester jenes Menschen ist sie?!«

»Ja, ich habe von Ihrem Bruder gehört. Mein Freund Mannsthal hat mich

vor einem Jahr etwa gebeten Schritte einzuleiten, um den jungen Mann,

der ihm lästig war, in seine Heimat zurückbefördern zu lassen. Ich

wollte mich an Ihren Vater wenden, erfuhr aber, daß der junge Mann schon

großjährig sei. Ich hatte auch wenig Lust mich einzumengen. Kurze Zeit

nachher verheiratete sich Herr Mannsthal und seine Tochter kam in ein

Pensionat. Seither habe ich keine Nachrichten.«

»Mein Bruder hat sich lächerlich aufgeführt. Weiß Gott, wie ihm sein

Dämon mitgespielt hat. Er ist von jeher ein unglücklicher Mensch

gewesen. Es ist mir sehr peinlich -- --«

»Ungewöhnliche Verhältnisse,« beschwichtigte Urbacher. »Das hat ihn wohl

auch verwirrt. Leider kann ich Ihnen mit der gewünschten Adresse nicht

dienen. Ich kenne sie nicht.« Seine Züge verkrampften sich, als er dies

sagte. Es wurde still im Raum, Musik schwirrte herein, aus einem der

Heurigengärten ins Zimmer getragen. Hedwig stand auf, bedrückt und von

böser Ahnung befallen. Sie sah nun zum ersten Mal in Urbachers Gesicht

-- die Umgebung hatte sie bislang davon abgelenkt und mit dem feinen

Instinkt der leiderfahrenen Frau erriet sie, daß auch er irgendwie

verstrickt war in diese »ungewöhnlichen Verhältnisse«.

Er fühlte Wärme aus diesem Blick und er brauchte sie an diesem Abend.

Rasch legte er seine Hand auf Hedwigs Arm und sagte: »Bleiben Sie.« Dann

schritt er zu einem kleinen Kästchen, entnahm ihm eine Dose, deren

Deckel ein auf Elfenbein gemaltes Bildnis trug, und hielt es vor sie

hin.

»Dies ist Arabella,« sagte er. »Können Sie ihn nun verstehen, den

Bruder?« Seine Hand zitterte. Er hatte etwas getan, das ihn selbst

überraschte und wie Verrat schien. »Das ist sie,« sagte er und atmete

schwer. »Ein schönes Kind, ein armes Kind,« sagte Hedwig ergriffen.

Er gewann die Frau lieb, die dies sagte, er gewann wieder die reife,

verstehende Frau lieb, und mit einem Male stand das Ungeheuerliche, das

Unnatürliche mit beschämendem Schmerz vor seiner Seele, daß er um ein

Kind sich in Qualen verzehrt hatte, sich weichlich ihnen hingegeben

hatte. Wie ein Engel, der ihn aus Trübnis erweckte, erschien ihm Hedwig.

Das Gefühl, das ihn plötzlich zu ihr hinzog, machte ihn wieder zum

Manne, der sich des Weibes besinnt. Leise faltete er die mit Schildpatt

gefütterte Dose auseinander, eine blonde Flechte lag darin. Unendlich

fern schien ihm die, der sie angehörte, ein Traum, ein Wahn!

»Ich will nach Paris an einen Bekannten schreiben, daß er sich

erkundige,« sagte er und räumte die Dose weg. »Wohin darf ich Ihnen dann

Antwort senden?« Sie nannte die Adresse.

»Was mag ihm zugestoßen sein?« entfuhr es ihr.

»Beunruhigen Sie sich nicht. Allen Anschein nach ist das ein sonderbarer

Kauz, Ihr Bruder. Weiß Gott, was für Grillen er eben fängt. Ich freue

mich, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben. Hoffentlich kann ich Ihnen

bald Nachricht geben.«

»Ich bin Ihnen von Herzen dankbar. Und diese Dame, ihre Mutter, sollte

ich nicht zu ihr, vielleicht weiß sie etwas von ihm? Er war mit ihr in

Verbindung,« sagte Hedwig.

Urbacher biß die Lippen zusammen, eine Frage zu unterdrücken. Es tat ihm

weh, daß dieser Mensch, der gleich ihm dieses Kind vergötterte, Verrat

trieb. Und dennoch focht ihn Neugier an zu erfahren, was jener

erkundschaftet hatte. Mannsthal hatte ihm geschrieben, ehe er sich

verheiratet hatte. »Verzeih mir, um Arabella,« schrieb er. »Jetzt bin

ich selbst nur mehr ihr ferner Schutzgeist, soweit ich selbst dieses

nicht verscherzt habe. Sie hat einen Beschützer gefunden, der besser ist

als wir, einer, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und

seinen Willen aufnimmt.« Das war alles, was er wußte. »Laß es begraben

sein,« sagte er sich immer wieder.

»Der Bub,« rief nun Hedwig erschrocken und sprang auf.

»Ja, was die Mutter betrifft,« sagte Urbacher, sich ihrer Frage

besinnend, die ohne Antwort verklungen war, »da bin ich nun noch weniger

unterrichtet. Aber mir will scheinen, als ob man sie nicht zu oft

erinnern sollte an ihre Tochter. Wunden brauchen oft Jahre, um zu

vernarben, und ein Wort kann mühseliges Heilen ungeschehen machen. Auch

diese Frau wurde verwirrt in diesen -- Verhältnissen. Lassen wir ihr das

späte Glück, das über diesem Grabe blüht. Ich sah sie jüngst vergnügt

mit Mann und Kind auf dem Kahlenberg. Gibt es einem Hoffnung, daß man

auch wieder sorglos werde.«

Er geleitete Hedwig hinaus. Der Garten lag erloschen. Herbst feuchtelte

aus den Büschen. Der Bub kam ihr entgegengelaufen und klammerte sich an

sie.

»Der braucht Sie! Beneidenswert, ein Kind zu haben,« sagte er. »Ein

Muttersöhnchen, was? Versteckt sich gar!«

»Er hat nur mich,« sagte Hedwig. Sie sprach ihr tiefstes Leid aus, den

ängstlichen Kleinen zu rechtfertigen.

»So, so,« sagte Urbacher. Seine Stimme war ganz weich, als wollte sie

ein Frauenherz streicheln. »Ich bringe Sie zum Stellwagen, zum

Rauschinger hinüber. Wird Ihnen ein wenig die Seele herausrumpeln, das

alte Gefährt. Lassen Sie sich's nicht verdrießen und kommen Sie wieder.«

Aber wenige Tage später klomm er selbst in Hernals die schmale Stiege

empor zu dem Photographen-Atelier, das Hedwig als Werkstatt diente. Sein

Pariser Kunstfreund hatte ihm geantwortet, er werde sogleich die

gewünschte Nachforschung einleiten. Das genügte als Vorwand die Frau

aufzusuchen, die nun seine Gedanken beschäftigte. Maler gingen bei ihm

ein und aus, er hätte einen oder den anderen nach der Kollegin fragen

können. Aber schon hielt ihn die Scheu zurück, die ein ernstes Gefühl

ankündigt. Der ehemalige Nervenforscher wußte über sich und andere

Bescheid und gleich stellte er sich an den Pranger, als er sich dabei

ertappte, der Einschichtigkeit dieser Frau nachspüren zu wollen.

»Da sind sie alle gleich sprungbereit, die Herren Böcke, ich natürlich

mit inbegriffen,« sagte er zu sich. »Aber immerhin ist das noch besser

als Kindern nachzulaufen, die sich nicht wehren, weil sie unsere

Niedertracht nicht kennen.« Er läutete. Es wurde nicht gleich geöffnet.

Er hörte erregte Stimmen und wollte schon wieder gehen, als die

Nachbarin, die Hedwigs Türe mit ihrer Neugier bewachte, sich einmengte.

»Warten S', ich läut', es ist der ihrige drin,« und ehe der Erschrockene

es verhindern konnte, versetzte sie die alte Ziehglocke in stürmische

Bewegung.

Im selben Augenblick öffnete sich die Tür und ein junger Mensch mit

zorngerötetem Gesicht stürmte an Urbacher vorbei. Peinlich berührt stand

der da und schon sagte er sich: »Da hast du wieder einmal Pech, du

unverbesserlicher Narr« -- als Hedwig zum Vorschein kam. Er erkannte sie

kaum wieder. Sie war in diesem Augenblick geradezu -- schön. Auch ihr

Antlitz war gerötet, in ihren Augen schimmerte noch eine Träne, aber sie

lächelten Urbacher zu. Obwohl ihr Mund noch wie in Spott und

Geringschätzung sich kräuselte.

»Ach Gott, Sie haben geläutet,« rief sie -- sie bemerkte die Nachbarin,

schlug ihr die Türe vor der Nase zu und geleitete den Gast in das

Atelier, das ihr und dem eben abwesenden Buben auch als Wohnstatt

diente. »Nun werden Sie eine schöne Meinung von mir haben,« sagte sie

noch mit erregter Stimme. »Dieser junge Mensch der eben an Ihnen

vorbeigestürmt ist, hat mich beleidigt und ich habe ihm die Türe

gewiesen.«

»Da muß ich Unglücksmensch Ihnen gerade in den Weg laufen.«

»Nein, nein, Sie kamen eben recht. Ihr Sturmläuten hat mich

aufgerüttelt, noch schnell das letzte, das entscheidende Wort zu sagen.

Wenn wir noch lange herumgeredet hätten, wäre am Ende wieder eine

Versöhnung zustande gekommen. Wissen Sie, was er gesagt hat, dieser

Mensch? Er könne nicht mit mir ausgehen, ich sei ihm zu simpel

gekleidet. Und da, da,« sie hieb mit ihrer kleinen Faust auf den Tisch,

»da hat er mir Geld hergelegt, einen Hunderter. Der ist ihm aber rasch

an den Kopf geflogen. Andere Künstlerinnen nehmen auch von ihren

Geliebten Geld an, hat er gesagt, der unverschämte Grünschnabel.« Sie

besann sich, wurde feuerrot und trat ans Fenster, Urbacher den Rücken

kehrend. »Sie werden sich was Schönes denken, Herr Doktor,« sagte sie

leise. »Der Bruder ein Landstreicher und die Schwester -- -- Aber wissen

S' (sie begann in der Erregung im Dialekt zu sprechen), man ist doch

noch jung und man kann nicht all'weil allein sein. Der da ist der

Hausherrnsohn vom Fünfer-Haus. So ganz aus der Art g'schlagen ist er,

malt auch ein bissel und war lieb zum Buben. Da bin ich halt mit ihm

gangen. Und wegen der paar Busseln wird er jetzt frech und legt mir ein'

Hunderter hin. >Angabe<, hat er gesagt und hat dabei g'lacht, daß ich

ihm eine hätt' geben können, daß ihm die Zähne« -- sie mußte selbst über

ihren neuerlichen Zornausbruch lachen und unterbrach sich -- »um seine

Zahnderln wär' schade g'wesen, aber sonst ist kein Schad' um ihn. Bin

froh, daß alles aus ist, hat mir schon lang nicht gepaßt.«

Urbacher dachte: »Zum Fressen ist sie, wenn sie zornig ist.« Er ging die

Wände entlang, die Bilder betrachtend: »Ihr einschichtigen Frauen habt

es ja noch schlechter als wir,« sagte er. »Warum kauft ihr der Tölpel

nicht die Bilder ab statt ihr Geld anzubieten,« dachte er. »Hören Sie,

Frau Meisterin, dieses Bild aus Grinzing müssen Sie mir überlassen. Das

ist ein feines Stück,« rief er aus.

»Beschämen Sie mich nicht, Herr Doktor, das ist schon eine alte Arbeit.

Aber wie lieb von Ihnen, daß Sie selbst gekommen sind! Haben Sie am Ende

schon Nachricht? Sie haben mich letzthin so beruhigt. Aber nun ist mir

auf einmal wieder bange.«

»Ich habe von meinem Bekannten die Zusicherung bekommen, daß er sich

sogleich aufmacht, in der Wohnung, die Ihr Bruder zuletzt bewohnt hat,

nachzufragen. Das wollte ich Ihnen vorläufig melden.«

»Danke, danke! Wenn nur nichts passiert ist.«

»Wo ist der Junge?« fragte Urbacher, der sich fast fürchtete, mit ihr

allein zu bleiben. »Nun will ich aber gehen. Ich komme wieder, wenn ich

Nachricht habe. Dann sprechen wir auch von dem Bild. Schreiben Sie aber

gleich darunter >Angekauft<. Oder läßt sich's gleich machen? Dreihundert

Gulden biet' ich dafür.«

»200 ist schon zu gut bezahlt, Herr Doktor, und gar für die Umgebung, in

die es kommt. Da sollte man mit der Ehre vorlieb nehmen.« Nun setzte er

sich auf ihr Drängen wieder hin.

»Sie sollten sich nicht aufregen, Frau Meisterin; sehen Sie, das

Äderchen, das Ihnen da angeschwollen ist.« Er nannte einen lateinischen

Namen. »Schonen sollen Sie sich. Sie haben gewiß schon viel mitgemacht!«

»Das erraten Sie?«

»Ja, wenn mir das nicht geblieben wäre von meiner Nervendoktorei!« sagte

er.

»Warum haben Sie es aufgegeben, das Doktern?«

»Es hat mich aufgegeben. Ich war zu neugierig, wissen Sie. Ich bin jedem

Fall nachgegangen bis in seine tiefsten Ursprünge und darüber bin ich

ins Philosophieren geraten.« Er wunderte sich, daß er ihr so schlicht

erklären konnte, was einst so viel Verwirrungen in ihm angerichtet

hatte.

»Und die Miniaturen?«

»Die waren die Erholung, die Betäubung, der gefeite Boden sozusagen, wo

nicht gekämpft wurde. Denn da drinnen,« er zeigte auf seinen Kopf, »sah

es aus wie auf einem Schlachtfeld.«

»Auf dem schließlich ein Sieg erfochten wurde?«

»Der steht noch aus,« sagte er. »Ich brauchte halt Hilfe.« Er lächelte

ungeschickt. Das rührte sie.

»So, so, nun da stell' ich mir vor, daß sich jemand finden könnte.«

»Glauben Sie?«

»Ja.« Sie sagte es mit den Augen.

Und als er dann die böse Nachricht erhielt, ging er zu ihr. Er hörte sie

mit dem Buben lachen. Da hatte er nicht das Herz es ihr zu sagen.

Weggehen wollte er auch nicht. Er trat ein und log, er wüßte noch

nichts, wäre nur wegen des Bildes gekommen, sie möchte es selbst hängen,

draußen in seinem Haus. Sie fuhren zu ihm, im Fiaker, in dem er gekommen

war. Der Bub saß auf dem kleinen Klappbänkchen. Da hatte sich ihm ein

Traum verwirklicht, dessen Erfüllung er erst mit der Firmung erwartete,

auf einem Klappbänkchen im Fiaker zu sitzen. Bei der »Linie«, die jetzt

schon tief im Weichbild der Stadt ist, mußte der Wagen stehen bleiben,

vom Zollbeamten angerufen. Hedwig verschloß ihr Bangen um Konrad und war

fröhlich mit dem Buben. Bei einem Heurigen beschlossen sie den Abend.

Wochenlang schob er es auf, von Begegnung zu Begegnung, ihr die

Todesnachricht zu sagen. Eines Abends schlug er ihr vor mit dem Buben zu

ihm zu ziehen, das Haus ihm zu leiten. Als sein Entschluß gefestigt war,

nicht länger ihr die traurige Wahrheit vorzuenthalten, schwoll seine

Zuneigung zu unaufhaltsamem Begehren. Er nahm sie zu eigen. Längst hatte

auch sie ihn liebgewonnen, den sanften Spötter. Er würde dem Kleinen ein

Vater sein, das fühlte sie, obwohl er oft selbst wie ein Kind war, das

sie schützend sich in ihren Schutz begeben. Am Morgen ihrer Vereinigung

sagte er ihr, daß der Bruder tot sei. Nun hatte sie ein Heim, darin ihr

Schmerz sich mählich auflösen konnte in ein stilles Glück.

Vögelchen · 第 46 / 74 题