Er las ihn oft und oft diesen Brief und, wenn er den Kopf in die Hand
stützte und seine Augen feucht wurden, fuhr ihm Jeanne Cochard durchs
Haar und scherzte ihm den Kummer hinweg. Wurde er dann zärtlich, so
hielt sie seine Hände fest und in ihren Augen war ein Flehen. Sie
fürchtete sich vor Männerliebe. Es kam ein Tag, da blieb Konrad aus. Zu
Mittag wartete sie hilflos, dann noch einen weiteren Tag, schließlich
ging sie zu seiner Vermieterin. Sie erfuhr, daß er sich elend gefühlt
und fortgegangen sei, ohne seither wiedergekommen zu sein. Dann wäre ein
Bursche da gewesen und hätte etwas Wäsche für ihn abgeholt. Jeanne
fühlte, wie eine eiserne Hand ihr Herz zusammenkrampfte. Sie schüttelte
den Kopf mit dem aschblonden Haar, das Konrad so gern hatte. Sie wußte
nichts von Marguerite. Sie ging Frau Calous Rat erbitten. »Ich gebe
Ihnen Nachricht,« versprach diese. Sie schickte zu Marguerite, die
verweigerte die Auskunft, aber der Kundschafter erfuhr von der
Hausmeisterin, daß Konrad bei ihr sei und im Fieber läge. Frau Calou
hatte Mitleid mit Jeanne, sie ahnte den Sachverhalt: Konrad war krank
und glaubte Ursache zu haben sich dessen zu schämen. Er hatte sich zu
Marguerite geschleppt, der alles Menschliche menschlich war. Sie pflegte
ihn ohne viel zu fragen und sie, die ihn geschlagen, wenn sie in Zorn
geriet, war nun sanft und gut, weil er bedauernswert war und einen Makel
trug. Nun war er ihresgleichen. Was sollte nun Frau Calou Jeanne
antworten? Sie vertröstete sie. Aber wenige Tage später ging sie selbst
zu Marguerite, da hieß es, Konrad wäre im Spital. Es wäre ein böser
Fall. »Dieses schmutzige Tier,« fluchte Marguerite: »Er hat es sich auf
der Reise geholt.« Frau Calou schickte Jeanne ins Spital, aber als diese
nach Konrad fragte, führte die diensthabende Nonne sie an die Schwelle
der Totenkapelle und mit weinseliger Stimme erzählte sie. Der Arzt hatte
wenig Hoffnung auf eine baldige und völlige Genesung gegeben und als das
Fieber gestiegen, hätte der Ärmste sich des Nachts draußen im Waschraum
erhängt. Schwester Philiberte hatte Nachtdienst gehabt, da konnte eben
dergleichen geschehen. Die ängstliche Jeanne trat nicht ein in die
Kapelle, sie fragte auch nicht nach Konrads Krankheit. Eine andere Frau
kam und schob sie gleichgültig beiseite. Es war Marguerite, die einen
Kranz brachte. Jeanne ging nach Hause, wo sie der Kleine erwartete.
Währenddem sie ihm den Brei kochte, tropften die Tränen über ihre
blassen Wangen in das Gefäß. Der Junge sah es und er fürchtete sich vor
dem seltsamen Salz, das ihm die Mutter in die Speise träufelte. »Wo ist
Herr Konrad?« fragte er. Da weinte sie laut auf. Die Milch lief zischend
über.
Marguerite ging allein hinter Konrads Sarg. Custove war betrunken. Sie
hatte ihn beredet zu Hause zu bleiben. In Konrads Brieftasche hatte man
eine verblaßte Blume gefunden, eine Enzianblüte. Sie war in ein Papier
gewickelt, darauf hatte er sich angemerkt: _Quod in charitate
constitutis nullum peccatum imputetur_. Marguerite nahm es an sich. Weiß
Gott, wie man das Zettelchen noch brauchen konnte!
* * * * *
Und wie die Schwester es erfuhr:
In Heiligenstadt bei Wien, unweit der Villenstraße, die heute den Namen
Springsiedelweg führt, stand im Glanz der Abendsonne stadtwärts blickend
ein einsamer Spaziergänger. Immer wieder ergötzte sich sein Schauen an
der feinen Silhouette des Stephansturmes, der goldig umnebelt über die
Häuser der Wiener Stadtbezirke ragte. Der Mann lüftete den Hut, ließ das
graugemengte Haar frei, weitete sein Samtjackett, als wollte er hier auf
der Höhe mit allen Poren Luft schöpfen. Dann wandte er sich und wie
unter ein Joch sich zu beugen, das er plötzlich stärker zu verspüren
schien, schritt er geduckt, ein frühzeitig Alternder, gegen den
Beethovengang, wo einst gleich ihm ein sonderbarer Junggeselle gewandelt
war, unsterbliche Harmonien im Klang des Baches erlauschend. Als er so
hinschritt, vernahm er das Säuseln der fallenden Blätter und gedachte
des entschwundenen Sommers. Es war ihm, als hätte er in Verbannung
gelebt, wiewohl er ihn im eigenen Heim verbracht hatte. Ein Landhaus an
einem See tauchte in seinem Erinnern auf, ein feines Blondwesen ging
dort elfengleich über die Wege, dann wieder sah er Flammen, nächtliche
Kahnfahrt, einen rollenden Berg, dem, unheilbringend, eine Circe
entstieg. Seine Sommerheimat lag verwüstet. Immer wieder brach die Wunde
auf, wenn er sie eben schon verharrscht glaubte, und ärgerlich über die
eigene Weichlichkeit, machte er nun kehrt und stieg in das Dorf hinab.
An dem Hause kam er vorbei, in dem einst sein Vater Meister Grillparzer
besuchte, nebenan hörte er im Heurigengarten das halb wehmütige, halb
lustige Gefiedel des »Schrammelquartetts«, Fiaker und »Zeiserlwagen«
standen die Straße entlang. Die Wiener Melodien schmolzen ihm die
Bitternis in der Brust und es blieb ihm nur eine lächelnde Traurigkeit,
als er sein Gartentor an der Probusgasse erreichte. Wie er nun dem alten
Haus entgegenschritt, trat aus der rotverhangenen Weinlaube eine junge
Frau in die Abendsonne heraus. Ihr Haar schimmerte rötlich, sie hielt
den Florentiner Hut in der Hand, ein kleiner Junge stand hinter ihr.
»Verzeihen Sie, daß ich störe. Sie sind ja wohl Herr Doktor Urbacher?
Ich bin Hedwig Torn, die Malerin.«
»Sie sind die Torn,« sagte er, sich verbeugend, »die den Prater so schön
malt? Und der da hier, ist das auch ein eigenes Werk?« Er deutete auf
den Jungen, der wie verzaubert im fremden Garten stand.
»Er kann wohl hier bleiben, indes ich Sie um eine Auskunft ersuche?«
fragte sie.
»Gewiß, gnädige Frau, darf ich Sie ins Haus bitten? Er fürchtet sich
doch nicht, Bube?« Hedwig schritt voran. »Eine hübsche Frau und wie
bescheiden sie sich gibt trotz dieses Könnens! Was mag sie wollen,«
dachte Urbacher und öffnete die Türe zum Flur.
»Wie schön er es hat,« dachte hier wieder Hedwig, als sie die Diele
durchschritten, in der angedunkelte Bilder über alten Truhen hingen.
Eine Uhr aus der Maria-Theresien-Zeit mit bemaltem Zifferblatt tickte
laut in der Stille. Er öffnet eine Türe, dann aber, wohl einer kleinen
Eitelkeit gehorchend, führte er sie weiter in den Gartensaal und nun
hätte Hedwig fast vergessen, welch trauriger Anlaß sie hergeführt. Hier
waren die Wände des großen Raumes über und über bedeckt mit den
herrlichen Miniaturen der Urbacherschen Sammlung, aus Vitrinen lugten
ihre besonderen Kostbarkeiten. Sie erblickte alte Möbel, seltene Bücher;
durch die Bogenfenster grüßten die bunten Herbstbäume: zu viel für das
Auge der Malerin, um sogleich ihrer Frage sich zu besinnen.
»Ich stehe zu Ihren Diensten,« hatte Urbacher gesagt. Sie ließ sich in
den grünen Ripsfauteuil nieder und, indem sie zur Entschuldigung
vorbrachte, daß all dies Schöne sie geradezu verwirre, suchte sie nach
Worten.
»Es handelt sich um eine Adresse. Mein Bruder, ein Student, ist nach
Paris gefahren, eines jungen Mädchens wegen, das Sie kennen. Nun habe
ich seit Wochen keine Nachricht von ihm. Alle Briefe kommen zurück. Ich
bin voll Sorge. Ich möchte diesem Fräulein Mannsthal schreiben, sie weiß
vielleicht, wo er sich aufhält, was vor sich geht -- --«
»Seltsam,« dachte Urbacher. »Nun kommt eine Fremde und spricht ihren
siebenfach versiegelten Namen. Die Schwester jenes Menschen ist sie?!«
»Ja, ich habe von Ihrem Bruder gehört. Mein Freund Mannsthal hat mich
vor einem Jahr etwa gebeten Schritte einzuleiten, um den jungen Mann,
der ihm lästig war, in seine Heimat zurückbefördern zu lassen. Ich
wollte mich an Ihren Vater wenden, erfuhr aber, daß der junge Mann schon
großjährig sei. Ich hatte auch wenig Lust mich einzumengen. Kurze Zeit
nachher verheiratete sich Herr Mannsthal und seine Tochter kam in ein
Pensionat. Seither habe ich keine Nachrichten.«
»Mein Bruder hat sich lächerlich aufgeführt. Weiß Gott, wie ihm sein
Dämon mitgespielt hat. Er ist von jeher ein unglücklicher Mensch
gewesen. Es ist mir sehr peinlich -- --«
»Ungewöhnliche Verhältnisse,« beschwichtigte Urbacher. »Das hat ihn wohl
auch verwirrt. Leider kann ich Ihnen mit der gewünschten Adresse nicht
dienen. Ich kenne sie nicht.« Seine Züge verkrampften sich, als er dies
sagte. Es wurde still im Raum, Musik schwirrte herein, aus einem der
Heurigengärten ins Zimmer getragen. Hedwig stand auf, bedrückt und von
böser Ahnung befallen. Sie sah nun zum ersten Mal in Urbachers Gesicht
-- die Umgebung hatte sie bislang davon abgelenkt und mit dem feinen
Instinkt der leiderfahrenen Frau erriet sie, daß auch er irgendwie
verstrickt war in diese »ungewöhnlichen Verhältnisse«.
Er fühlte Wärme aus diesem Blick und er brauchte sie an diesem Abend.
Rasch legte er seine Hand auf Hedwigs Arm und sagte: »Bleiben Sie.« Dann
schritt er zu einem kleinen Kästchen, entnahm ihm eine Dose, deren
Deckel ein auf Elfenbein gemaltes Bildnis trug, und hielt es vor sie
hin.
»Dies ist Arabella,« sagte er. »Können Sie ihn nun verstehen, den
Bruder?« Seine Hand zitterte. Er hatte etwas getan, das ihn selbst
überraschte und wie Verrat schien. »Das ist sie,« sagte er und atmete
schwer. »Ein schönes Kind, ein armes Kind,« sagte Hedwig ergriffen.
Er gewann die Frau lieb, die dies sagte, er gewann wieder die reife,
verstehende Frau lieb, und mit einem Male stand das Ungeheuerliche, das
Unnatürliche mit beschämendem Schmerz vor seiner Seele, daß er um ein
Kind sich in Qualen verzehrt hatte, sich weichlich ihnen hingegeben
hatte. Wie ein Engel, der ihn aus Trübnis erweckte, erschien ihm Hedwig.
Das Gefühl, das ihn plötzlich zu ihr hinzog, machte ihn wieder zum
Manne, der sich des Weibes besinnt. Leise faltete er die mit Schildpatt
gefütterte Dose auseinander, eine blonde Flechte lag darin. Unendlich
fern schien ihm die, der sie angehörte, ein Traum, ein Wahn!
»Ich will nach Paris an einen Bekannten schreiben, daß er sich
erkundige,« sagte er und räumte die Dose weg. »Wohin darf ich Ihnen dann
Antwort senden?« Sie nannte die Adresse.
»Was mag ihm zugestoßen sein?« entfuhr es ihr.
»Beunruhigen Sie sich nicht. Allen Anschein nach ist das ein sonderbarer
Kauz, Ihr Bruder. Weiß Gott, was für Grillen er eben fängt. Ich freue
mich, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben. Hoffentlich kann ich Ihnen
bald Nachricht geben.«
»Ich bin Ihnen von Herzen dankbar. Und diese Dame, ihre Mutter, sollte
ich nicht zu ihr, vielleicht weiß sie etwas von ihm? Er war mit ihr in
Verbindung,« sagte Hedwig.
Urbacher biß die Lippen zusammen, eine Frage zu unterdrücken. Es tat ihm
weh, daß dieser Mensch, der gleich ihm dieses Kind vergötterte, Verrat
trieb. Und dennoch focht ihn Neugier an zu erfahren, was jener
erkundschaftet hatte. Mannsthal hatte ihm geschrieben, ehe er sich
verheiratet hatte. »Verzeih mir, um Arabella,« schrieb er. »Jetzt bin
ich selbst nur mehr ihr ferner Schutzgeist, soweit ich selbst dieses
nicht verscherzt habe. Sie hat einen Beschützer gefunden, der besser ist
als wir, einer, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und
seinen Willen aufnimmt.« Das war alles, was er wußte. »Laß es begraben
sein,« sagte er sich immer wieder.
»Der Bub,« rief nun Hedwig erschrocken und sprang auf.
»Ja, was die Mutter betrifft,« sagte Urbacher, sich ihrer Frage
besinnend, die ohne Antwort verklungen war, »da bin ich nun noch weniger
unterrichtet. Aber mir will scheinen, als ob man sie nicht zu oft
erinnern sollte an ihre Tochter. Wunden brauchen oft Jahre, um zu
vernarben, und ein Wort kann mühseliges Heilen ungeschehen machen. Auch
diese Frau wurde verwirrt in diesen -- Verhältnissen. Lassen wir ihr das
späte Glück, das über diesem Grabe blüht. Ich sah sie jüngst vergnügt
mit Mann und Kind auf dem Kahlenberg. Gibt es einem Hoffnung, daß man
auch wieder sorglos werde.«
Er geleitete Hedwig hinaus. Der Garten lag erloschen. Herbst feuchtelte
aus den Büschen. Der Bub kam ihr entgegengelaufen und klammerte sich an
sie.
»Der braucht Sie! Beneidenswert, ein Kind zu haben,« sagte er. »Ein
Muttersöhnchen, was? Versteckt sich gar!«
»Er hat nur mich,« sagte Hedwig. Sie sprach ihr tiefstes Leid aus, den
ängstlichen Kleinen zu rechtfertigen.
»So, so,« sagte Urbacher. Seine Stimme war ganz weich, als wollte sie
ein Frauenherz streicheln. »Ich bringe Sie zum Stellwagen, zum
Rauschinger hinüber. Wird Ihnen ein wenig die Seele herausrumpeln, das
alte Gefährt. Lassen Sie sich's nicht verdrießen und kommen Sie wieder.«
Aber wenige Tage später klomm er selbst in Hernals die schmale Stiege
empor zu dem Photographen-Atelier, das Hedwig als Werkstatt diente. Sein
Pariser Kunstfreund hatte ihm geantwortet, er werde sogleich die
gewünschte Nachforschung einleiten. Das genügte als Vorwand die Frau
aufzusuchen, die nun seine Gedanken beschäftigte. Maler gingen bei ihm
ein und aus, er hätte einen oder den anderen nach der Kollegin fragen
können. Aber schon hielt ihn die Scheu zurück, die ein ernstes Gefühl
ankündigt. Der ehemalige Nervenforscher wußte über sich und andere
Bescheid und gleich stellte er sich an den Pranger, als er sich dabei
ertappte, der Einschichtigkeit dieser Frau nachspüren zu wollen.
»Da sind sie alle gleich sprungbereit, die Herren Böcke, ich natürlich
mit inbegriffen,« sagte er zu sich. »Aber immerhin ist das noch besser
als Kindern nachzulaufen, die sich nicht wehren, weil sie unsere
Niedertracht nicht kennen.« Er läutete. Es wurde nicht gleich geöffnet.
Er hörte erregte Stimmen und wollte schon wieder gehen, als die
Nachbarin, die Hedwigs Türe mit ihrer Neugier bewachte, sich einmengte.
»Warten S', ich läut', es ist der ihrige drin,« und ehe der Erschrockene
es verhindern konnte, versetzte sie die alte Ziehglocke in stürmische
Bewegung.
Im selben Augenblick öffnete sich die Tür und ein junger Mensch mit
zorngerötetem Gesicht stürmte an Urbacher vorbei. Peinlich berührt stand
der da und schon sagte er sich: »Da hast du wieder einmal Pech, du
unverbesserlicher Narr« -- als Hedwig zum Vorschein kam. Er erkannte sie
kaum wieder. Sie war in diesem Augenblick geradezu -- schön. Auch ihr
Antlitz war gerötet, in ihren Augen schimmerte noch eine Träne, aber sie
lächelten Urbacher zu. Obwohl ihr Mund noch wie in Spott und
Geringschätzung sich kräuselte.
»Ach Gott, Sie haben geläutet,« rief sie -- sie bemerkte die Nachbarin,
schlug ihr die Türe vor der Nase zu und geleitete den Gast in das
Atelier, das ihr und dem eben abwesenden Buben auch als Wohnstatt
diente. »Nun werden Sie eine schöne Meinung von mir haben,« sagte sie
noch mit erregter Stimme. »Dieser junge Mensch der eben an Ihnen
vorbeigestürmt ist, hat mich beleidigt und ich habe ihm die Türe
gewiesen.«
»Da muß ich Unglücksmensch Ihnen gerade in den Weg laufen.«
»Nein, nein, Sie kamen eben recht. Ihr Sturmläuten hat mich
aufgerüttelt, noch schnell das letzte, das entscheidende Wort zu sagen.
Wenn wir noch lange herumgeredet hätten, wäre am Ende wieder eine
Versöhnung zustande gekommen. Wissen Sie, was er gesagt hat, dieser
Mensch? Er könne nicht mit mir ausgehen, ich sei ihm zu simpel
gekleidet. Und da, da,« sie hieb mit ihrer kleinen Faust auf den Tisch,
»da hat er mir Geld hergelegt, einen Hunderter. Der ist ihm aber rasch
an den Kopf geflogen. Andere Künstlerinnen nehmen auch von ihren
Geliebten Geld an, hat er gesagt, der unverschämte Grünschnabel.« Sie
besann sich, wurde feuerrot und trat ans Fenster, Urbacher den Rücken
kehrend. »Sie werden sich was Schönes denken, Herr Doktor,« sagte sie
leise. »Der Bruder ein Landstreicher und die Schwester -- -- Aber wissen
S' (sie begann in der Erregung im Dialekt zu sprechen), man ist doch
noch jung und man kann nicht all'weil allein sein. Der da ist der
Hausherrnsohn vom Fünfer-Haus. So ganz aus der Art g'schlagen ist er,
malt auch ein bissel und war lieb zum Buben. Da bin ich halt mit ihm
gangen. Und wegen der paar Busseln wird er jetzt frech und legt mir ein'
Hunderter hin. >Angabe<, hat er gesagt und hat dabei g'lacht, daß ich
ihm eine hätt' geben können, daß ihm die Zähne« -- sie mußte selbst über
ihren neuerlichen Zornausbruch lachen und unterbrach sich -- »um seine
Zahnderln wär' schade g'wesen, aber sonst ist kein Schad' um ihn. Bin
froh, daß alles aus ist, hat mir schon lang nicht gepaßt.«
Urbacher dachte: »Zum Fressen ist sie, wenn sie zornig ist.« Er ging die
Wände entlang, die Bilder betrachtend: »Ihr einschichtigen Frauen habt
es ja noch schlechter als wir,« sagte er. »Warum kauft ihr der Tölpel
nicht die Bilder ab statt ihr Geld anzubieten,« dachte er. »Hören Sie,
Frau Meisterin, dieses Bild aus Grinzing müssen Sie mir überlassen. Das
ist ein feines Stück,« rief er aus.
»Beschämen Sie mich nicht, Herr Doktor, das ist schon eine alte Arbeit.
Aber wie lieb von Ihnen, daß Sie selbst gekommen sind! Haben Sie am Ende
schon Nachricht? Sie haben mich letzthin so beruhigt. Aber nun ist mir
auf einmal wieder bange.«
»Ich habe von meinem Bekannten die Zusicherung bekommen, daß er sich
sogleich aufmacht, in der Wohnung, die Ihr Bruder zuletzt bewohnt hat,
nachzufragen. Das wollte ich Ihnen vorläufig melden.«
»Danke, danke! Wenn nur nichts passiert ist.«
»Wo ist der Junge?« fragte Urbacher, der sich fast fürchtete, mit ihr
allein zu bleiben. »Nun will ich aber gehen. Ich komme wieder, wenn ich
Nachricht habe. Dann sprechen wir auch von dem Bild. Schreiben Sie aber
gleich darunter >Angekauft<. Oder läßt sich's gleich machen? Dreihundert
Gulden biet' ich dafür.«
»200 ist schon zu gut bezahlt, Herr Doktor, und gar für die Umgebung, in
die es kommt. Da sollte man mit der Ehre vorlieb nehmen.« Nun setzte er
sich auf ihr Drängen wieder hin.
»Sie sollten sich nicht aufregen, Frau Meisterin; sehen Sie, das
Äderchen, das Ihnen da angeschwollen ist.« Er nannte einen lateinischen
Namen. »Schonen sollen Sie sich. Sie haben gewiß schon viel mitgemacht!«
»Das erraten Sie?«
»Ja, wenn mir das nicht geblieben wäre von meiner Nervendoktorei!« sagte
er.
»Warum haben Sie es aufgegeben, das Doktern?«
»Es hat mich aufgegeben. Ich war zu neugierig, wissen Sie. Ich bin jedem
Fall nachgegangen bis in seine tiefsten Ursprünge und darüber bin ich
ins Philosophieren geraten.« Er wunderte sich, daß er ihr so schlicht
erklären konnte, was einst so viel Verwirrungen in ihm angerichtet
hatte.
»Und die Miniaturen?«
»Die waren die Erholung, die Betäubung, der gefeite Boden sozusagen, wo
nicht gekämpft wurde. Denn da drinnen,« er zeigte auf seinen Kopf, »sah
es aus wie auf einem Schlachtfeld.«
»Auf dem schließlich ein Sieg erfochten wurde?«
»Der steht noch aus,« sagte er. »Ich brauchte halt Hilfe.« Er lächelte
ungeschickt. Das rührte sie.
»So, so, nun da stell' ich mir vor, daß sich jemand finden könnte.«
»Glauben Sie?«
»Ja.« Sie sagte es mit den Augen.
Und als er dann die böse Nachricht erhielt, ging er zu ihr. Er hörte sie
mit dem Buben lachen. Da hatte er nicht das Herz es ihr zu sagen.
Weggehen wollte er auch nicht. Er trat ein und log, er wüßte noch
nichts, wäre nur wegen des Bildes gekommen, sie möchte es selbst hängen,
draußen in seinem Haus. Sie fuhren zu ihm, im Fiaker, in dem er gekommen
war. Der Bub saß auf dem kleinen Klappbänkchen. Da hatte sich ihm ein
Traum verwirklicht, dessen Erfüllung er erst mit der Firmung erwartete,
auf einem Klappbänkchen im Fiaker zu sitzen. Bei der »Linie«, die jetzt
schon tief im Weichbild der Stadt ist, mußte der Wagen stehen bleiben,
vom Zollbeamten angerufen. Hedwig verschloß ihr Bangen um Konrad und war
fröhlich mit dem Buben. Bei einem Heurigen beschlossen sie den Abend.
Wochenlang schob er es auf, von Begegnung zu Begegnung, ihr die
Todesnachricht zu sagen. Eines Abends schlug er ihr vor mit dem Buben zu
ihm zu ziehen, das Haus ihm zu leiten. Als sein Entschluß gefestigt war,
nicht länger ihr die traurige Wahrheit vorzuenthalten, schwoll seine
Zuneigung zu unaufhaltsamem Begehren. Er nahm sie zu eigen. Längst hatte
auch sie ihn liebgewonnen, den sanften Spötter. Er würde dem Kleinen ein
Vater sein, das fühlte sie, obwohl er oft selbst wie ein Kind war, das
sie schützend sich in ihren Schutz begeben. Am Morgen ihrer Vereinigung
sagte er ihr, daß der Bruder tot sei. Nun hatte sie ein Heim, darin ihr
Schmerz sich mählich auflösen konnte in ein stilles Glück.