Givo traf Herrn von Twede im Foyer der Großen Oper. »Angele schreibt
Ihnen nicht? Nun, sie hatte keine Zeit. Es gab allerlei zu unterhandeln,
ehe wir einander das große Schweigen besiegelten. Ja, das hat nun schon
seit Jahren zwischen uns gedämmert. Nun gab es noch geschäftliche
Abwicklungen, der Scheidung wegen.«
»Oh!«
»Keine Kondolenzen, mon cher. Ich leide nicht sehr, es ist ein wenig
peinlich, alles andere ist schon durchlitten. Auch dürfte ich nicht zehn
Jahre lang Angeles Lebensgefährte gewesen sein, wenn ich mich nicht zu
dem Grundsatz bekennen würde, daß es verboten ist allzuviel zu leiden,
um nicht andere leiden zu machen. Meine Zwillingsschwester lebt jetzt
bei mir.«
Die beiden Herren gingen noch auf und ab, als das Glockenzeichen die
Fortsetzung der Vorstellung anzeigte und das Foyer sich zu leeren
begann.
»Sagen Sie, cher Givo,« begann Herr von Twede nach einer Pause. »Wer ist
eigentlich der zukünftige Mann Angeles? Ist es eine Persönlichkeit? Ich
fürchte für sie. Ist er nicht ein Viveur?«
Givo sagte mit milder, trauriger Stimme und voll Herzlichkeit: »Fürchten
Sie nichts für Angele. Sie sucht die großen Aufgaben. Wären Sie weniger
unfehlbar gewesen, sie hätte Sie niemals verlassen.«
»Ich liebe es nicht, wenn Frauen Berufe haben,« erwiderte ablenkend Herr
von Twede, »selbst Angeles, Liebe und Heilung zu sein, hat mich immer
peinlich berührt. Ich weiß, sie hatte kein Wirkungsfeld bei mir.« Und
nach einer Pause des Nachsinnens, in die beim Öffnen einer Türe von der
Bühne her ein wehmütiges Aufschluchzen einer schmetternden Sopranstimme
klang, sagte der hochgewachsene, weißblonde Herr: »Das aber war es, was
sie mir einst geneigt machte. Wie seltsam die Wege des Lebens sind!«
»Bleiben Sie ihr gut,« wollte Givo sagen. Aber Herr von Twede kam ihm
zuvor.
»Ich werde sie nun auch verehren können wie Ihr alle, jetzt, wo ich
keine Rechte mehr habe. Rechte setzen einen immer ins Unrecht auch vor
demjenigen, von dem wir sie zu erwarten haben. Nun treten wir ein. Meine
Schwester erwartet mich. Wollen Sie ihr Guten Abend sagen?«