Hedwig.«

Er schämte sich, er schämte sich so sehr und das trieb ihn an, seine

Eigenart besonders auszuspielen, damit man nur ja nicht merke, wie

übervoll der Liebe er war, der Dankbarkeit und Reue. Gerade deshalb

wollte er hart und streng erscheinen. Der Kreis der zu Rettenden bei

Frau Calou wurde ihm bald lieb und vertraut und er wollte gern ihr

Prediger werden, ihr Tröster. Heimlich hielt er sich für einen

Nachkommen der Therapeuten, die sich Heilande genannt hatten und

Seelenärzte gewesen waren. Jeanne Mercier war die erste, die er sich für

seine Wirksamkeit auserkoren. Es war ja ein ganz banaler Fall, eine

verlassene Geliebte, aber er spürte, da war ein ganzer Mensch. Jeanne

hatte nicht von der Pariser Einrichtung Gebrauch gemacht ihr Kind auf

die Drehlade des Findelhauses zu legen und frei wieder ihres Weges zu

gehen. Warum? Aus Trotz, aus Liebe zu dem Manne, aus Mutterliebe? Nein,

sie trotzte nicht, sie dachte nur nicht daran, sich dem Verführer mit

seinem Kind im Arm in den Weg zu stellen. War er nicht unschuldig wie

sie an dem Werk der Natur, das aus einem Vergnügen lebenslängliche

Pflichten und einen Weg ins Ewige folgert? Sie dachte an den Mann mit

Wehmut und mit dem leisen Schauer des Wunders, daß er ihren Leib

fruchtbar gemacht, und sie hatte das Kind auf sich genommen, weil es

hilflos war und sie sich scheute, nun allein zu bleiben. Sie gehörte

nicht zu den Leichtblütigen und fürchtete fortan den Mann. Darum behielt

sie das Kind und leistete Übermenschliches, um es zu behalten. Nein, sie

wollte nicht eine Ausgestoßene sein in der Heimat der Liebe, ein

Schatten nur der Mutter, zu der sie erwählt worden war. Sie wollte sich

mit dieser Gnade bekleiden wie mit dem einzigen Festkleid, das ihr das

Leben verliehen. Und Konrad fühlte sich zu ihr hingezogen um Hedwigs

willen und weil er sah, daß sie das Kind nicht behielt, um den Mann an

sich zu zwingen oder eine Märtyrerin zu scheinen wie andere. Sie tat das

Natürliche ihrer Bestimmung, obgleich es unnatürlich schien der

Gesellschaft zu trotzen, die Ehelichkeit fordert und kein Erbarmen hat

mit Gesetzesstörern. So war ihr Konrad mit Ehrfurcht genaht und hatte

der schüchternen jungen Frau eine Sicherheit zurückgegeben, die ihr

Stärke und Lebensfreude bedeutete. Der anderen Genossen Schicksal war

ihm fremder als das Jeannes. Er scheute jede Frage, um selbst ungefragt

zu bleiben. Es kam der Sonntag, an dem er seinen Vortrag halten sollte.

Er nannte ihn »Vai, das Vermischen«. Er, der vor wenigen Wochen bald

Zuhälter, bald Messerputzer in einem Dirnenwirtshaus gewesen, weihte die

Tischgenossen ein in die Lehren der persischen Religion. Er sprach ihnen

von Ormuzd, dem Licht, dem Gott der Verklärung und von Ahriman, dem Gott

der Weltlichkeit und Dunkelheiten. Er wies ihnen das Wesentliche des

persischen Glaubens, Vai, die Vermischung, die Versöhnung des Dunklen im

Triebleben und der geistig erkennenden Welt. Aber er ließ es sich nicht

genügen, schlicht aus der eigenen Herzensnot zu sprechen, die auch jene

seiner Genossen gewesen sein mochte, der Kampf um das Licht des

Erkennens. Ihm saß das Polemisieren zu sehr im Fleische, als daß er

nicht jede Gelegenheit wahrgenommen hätte, um möglichst vielen Menschen

eben das zu sagen, was gerade seine geistige Streitbarkeit reizte. Er

hatte in der Bibliotheque ein Büchlein über Amalrich von Bena

aufgestöbert, der um 1200 n. Chr. Lehrer zu Paris gewesen, und darin ein

Wort gefunden, das ihn erschütterte.

_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur_ (den in der

Liebe Verharrenden werden keine Sünden zugezählt). Der über jenen

Lichtsucher Amalrich schrieb, Konrad fühlte das erschauernd, mußte einer

von den großen Erkennern sein. Eine geheime Lehre der Liebe, die ihre

Wege in die verworrenste Vergangenheit hat, leuchtete wie unterirdisch

heiliges Gold unter dem Kristall der Worte und berauschte wie

Himmelstrank. Konrad fühlte, wie ihm die kalte Betrachtung benommen war,

wie seine eigene Heilgabe schal wurde und wirkungslos. Noch war sein

Besinnen ganz in Gärung und Wachstum, sein geistiger Organismus

verlangte selbsthafte Entwicklung. Hier gab es für ihn nur ein Hinknien

und Sichselbstaufgeben oder Rettung im Widerspruche, den Fehdehandschuh,

die eigene Kraft zu versuchen. Den warf er diesem Dichtergelehrten hin,

der Givo war. Ja, Givo, seinem unbekannten Wohltäter.

Unter den »Geretteten« war auch ein junger Mathematiker, der im

Observatoire arbeitete. Tagsdarauf erzählte er dort von dem Vortrag, der

außerordentlich gewesen wäre, wenn er nicht mit einem läppisch frechen

Angriff auf Imanuel Givos Lehre geschlossen hätte. Givo erfuhr davon.

Gerade unter den Geretteten wünschte er sich Freunde. Sie ahnten dort

nichts von seiner Hilfe an ihrem Lebensunterhalt. Warum wütete dieser

Jüngling gegen ihn? Wenige Tage später erhielt er die Anfrage, ob er die

unter anderem an Student Kruger gewährte Unterstützung, die in der

folgenden Woche ablaufe, fortzusetzen gedenke. Er gewährte sie für zwei

weitere Monate. Der Gefährdete und der Widersacher, sie waren ihm nicht

ein und derselbe. Bald darauf erhielt Konrad einen Brief von Givo, in

dem dieser ihn Bruder nannte und ihn an die Worte Thomas von Kempens

erinnerte: daß es ein groß Ding um die Liebe sei, weil sie allein alles

Ungleiche mit gleichem Mut dulde. Konrad empfand Abscheu vor sich

selbst. Die Umkehrungen seines Wesens folterten ihn. War es nicht Hohn,

daß er, der lügenhafte Lästerer, über »Vai, die Vermischung« sprach, daß

er die Klärung des göttlichen Lichtes pries, da er selbst allen Dämonen

verfallen war? War es nicht würdiger und wahrer und ihm gemäßer,

Messerputzer zu sein oder Zuhälter? Er blieb zwei Tage fern dem

Mittagstisch der Frau Calou. In diesen Stunden des Selbstkampfes

beschwor er Vögelchens Bild und setzte sich hin, ihr zu schreiben,

wiewohl es ihm verboten war sich abermals ihr zu nähern. Er wünschte sie

in die Heimat zurück, denn er selbst begann sich nach ihr zu sehnen,

nicht nach dem Vaterhaus, aber nach den heimischen Lauten, der

vertrauten Landschaft. Und vor allem nach etwas Ehrbarkeit sehnte er

sich. Aber gerade dieser Sehnsucht schämte er sich. Als er sich

Vögelchen nun gegenüber befand, indem er ihr schrieb, hatte er

vergessen, daß sie an jenem Abend vor ihm geflohen war. Auch ahnte er

nicht, daß sie von seinem und Camills Plan gewußt. Er sah Ariel wie

vordem und wunderte sich, daß er nun nicht wußte, wo Ariels weltlicher

Wohnsitz war. Wenn er zu Marguerite ginge und seine Liebessehnsucht so

recht eindringlich ihr schilderte, vielleicht würde sie wieder wie

damals sich aufmachen, Vögelchens Aufenthalt auszuspähen. Er war drei

Wochen lang nicht bei Marguerite gewesen, da er die Sonntage mit Jeanne

und ihrem Kleinen verbracht hatte, aber er war gewiß freundlich

aufgenommen zu werden, denn Marguerite schätzte das Seltene und

Ungewisse. Zu seiner Überraschung fand er das Zimmer der benachbarten

Wohnung dem der Aupin angeschlossen und in diesem ihm fremden Raum saß

Camill Custove in mangelhafter Bekleidung mit Marguerite vor Büchern und

Heften. Er war im Begriff das Mädchen im Deutschen zu unterrichten. »Ich

wandere aus,« sagte Marguerite. »Dein Freund nimmt mich mit nach

Österreich. Er sagt, ich würde dort als Gouvernante in feinen Familien

mein Glück machen.«

»Du willst junge Mädchen erziehen?« fragte Konrad und lächelte

schmerzlich. Camill wollte sich diskret zurückziehen, aber Konrad wehrte

ab. »Ich wollte nur fragen, ob ihr --« Nun brachte er es nicht heraus,

Vögelchens Namen zu nennen, hier vor Marguerite, der Dirne und

zukünftigen Erzieherin und ihrem neuesten Liebhaber, dem Trunkenbold und

Diebsgesellen Custove. »Was wolltest du fragen, mein Sohn? A propos,

dein Liebchen sitzt im Kloster, Asyl Gloriot heißt die Klause, im

Departement X, nahe von Chaly. Willst du sie nicht holen gehen und mit

uns nach Hause fahren? Der Finderlohn wird dir über die ersten Sorgen

hinweghelfen. Die Fahrt schieß ich dir vor.«

Konrad wehrte mit wortloser Geste dem Redeschwall. Nun rückte Marguerite

nahe an ihn heran, legte den Arm um seine Schulter, kniff ihn ermunternd

in den Arm und sagte: »Wer weiß, wie sie dort schmachtet, die Ärmste!

Ach, solch ein Täubchen! Sie war voll Zärtlichkeit für dich. Sieh, Geld

hat sie mir noch, ehe man sie fortbrachte, aus ihrer armen kleinen

Sparbüchse für dich gegeben. Ich bin selbst arm, hatte sie gesagt. Mir

sind die Tränen gekommen. Am liebsten hätte ich ihr statt das Geschenk

zu nehmen selbst etwas geschenkt.« Konrad drückte gutgläubig Marguerites

gepolstertes Händchen. Aber er stand auf, reichte wie widerwillig dem

Custove die Hand, nickte dem Mädchen traurig zu und ging wie unter der

Last seines aufquellenden Schmerzes gebückt und geduckt die Stiegen

herunter. Dieselben Stufen hatten Ariels Füßchen berührt, das

feinbeschuhte, um ihm Hilfe zu bringen. Mutig war sie zu ihm in seine

zweifelhafte Behausung gekommen. Und er sollte nun nicht die Möglichkeit

finden nach ihrem Ergehen zu fragen? Feige, nein feige war er nie

gewesen. Sein Gewissen gebot ihm den Weg, so war das Verbot seiner

Retter nichtig. Und wenn sie fort wollte, fort mit ihm, zurück in seine

Heimat, zur unbekannten Mutter? Er lief nach Hause, nahm seine Arbeit

vor, schrieb bis zum Morgengrauen und brachte vorzeitig den letzten Teil

der Abschrift fertig. Nun entschloß sich M. Tallandre, da der Kopist

sich so fleißig und pünktlich erwiesen hatte, ihm die Übersetzung der

Arbeit zu übergeben. Wenn er sie nun abwies, bekam sie ein anderer und

ein Bruch mit den Rettern war möglich. Das reichliche Honorar hingegen

würde ihm die Schritte, die er für Vögelchen unternehmen wollte,

ermöglichen. Indessen bekam er wohl auch Antwort auf seine Briefe. Ein

übriges an Fleiß gewährte ihm vielleicht einen Urlaub vor Abschluß der

umfangreichen Arbeit. War es nicht Vögelchen, um deretwillen er

Tallandre so prompt bedient hatte, war es nicht Ariel, sein Schutzgeist,

der ihm diesen reichlichen Verdienst verschafft hatte? So ging er denn

mit neuen Kräften wieder zu Frau Calou und vergaß auch die beschämende

Polemik über seiner neuen Arbeit.

Vögelchen · 第 33 / 74 题