Der Frühling hatte auch Celias Garten geschmückt, die Hecke ans Gitter
gedichtet und in den Beeten lichte Farben angezündet. Die Wege waren mit
Kies bestreut, Gil und Nini hatten die Paquerettes, die Gänseblümchen
aus dem seidigen Rasen gepflückt und jedes der Kleinen hatte sein Beet
bestellt. Unter der alten Linde mit der weißen Rundbank saß Arabella in
der Stille des Vormittags mit einem Buch. Nicht weit von ihr schlummerte
ihr kleiner Liebling Alphonse, warm besonnt in seinem Korbwagen. Seit
mehreren Wochen versorgte sie tagsüber das neun Monate alte Kindchen,
das seine Amme plötzlich hatte verlassen müssen. Sie selbst hatte es
entwöhnt und freute sich nun seines Gedeihens. Nichts konnte ihr lieber
sein mit Ausnahme von Givos Briefen und Besuchen als der Augenblick, wo
des Kleinen Brei, sorgsam ausgekühlt, nun löffelweise in das rundlich
geöffnete Mündchen spazierte, wobei die großen dunkelblauen Augen sich
mit zärtlich ängstlicher Frage zu ihr wandten, ob denn auch der nächste
Löffel gewiß sei. Arabella gab sich Mühe, das Kind nicht durch Küsse
während dieser heiligen Handlung zu stören. Wenn es dann satt war, mußte
sie, so hatte Felix Blanc sie belehrt, es ganz still hinlegen, damit der
kleine Magen das Genossene ungestört verarbeiten konnte. Dann aber
schlief es. Ach, so spärlich war die Zeit, wo man es unbeschadet
liebkosen konnte! Felix Blanc war sehr oft in der Säuglingsstube,
während Alphonse von Vögelchen entwöhnt wurde. Er wurde in lange
Gespräche verwickelt, denn sie war so gründlich, daß er sie neugierig
nannte, und so pedant, daß er sie nur mehr Frau Professorin ansprach.
Wenn er bei Anna sich um ein krankes Kind erkundigte, sagte diese
lächelnd: »Die Frau Professorin wird es wohl besser wissen.« Und sie sah
dabei ihren langgewachsenen Bräutigam schalkhaft lächelnd an, als wisse
sie Bescheid um sein verhohlenes Entzücken. Vögelchen fragte Anna, warum
sie nicht Hochzeit halte mit Felix Blanc, aber Anna antwortete, daß sie
immer ein Brautpaar bleiben würden wie die heilige Cecilie und der
Römerjüngling Valerian. Arabella sann und sie fragte sich, ob denn auch
sie und Givo immer Braut und Bräutigam sein würden. Seit jener Nacht
hatte sie ihn nicht mehr aufgesucht, wenn er, was seither mehrmals
geschehen war, zu Gaste kam. Aber sie begleitete ihn, wenn er abreiste,
und sie blieben dann mehrere Stunden beisammen in sanftem Gespräch und
guter Zärtlichkeit. Nachts, wenn eine unbestimmte Sehnsucht sie befiel,
sie hütete sich, dafür Givo verantwortlich zu machen, wenn sie dann in
ihrem Bette sich regte oder gar ans Fenster ging, war sie gewiß Helenes
leises Rufen zu vernehmen und dann fühlte sie sich von schlanken Armen
umschlungen und eng aneinander geschmiegt schlummerten dann beide
Mädchen ein. »Nur nicht allein sein mit seiner Sehnsucht,« sagte Helene,
die ihr kleines Laster aufgegeben hatte, seitdem Arabella bei ihr
wohnte. Während dieser Zeit waren zahlreiche Briefe Konrad Krugers an
Vögelchen eingelaufen. Celia zeigte sie Givo, der die Schrift erkannte
und entschied, daß sie Arabella nicht ausgefolgt würden. Er sandte sie
uneröffnet an Konrad zurück. Er bat ihn zu sich. Er wollte ihn fragen,
was er bei Arabella zu erreichen gedenke, er wollte ihre Ruhe ihm ans
Herz binden. Aber Konrad kam nicht. Zu dieser Zeit war er bereits nach
Chaly abgereist. Da er keine Antwort bekommen hatte, vermutete er, daß
seine Briefe nicht bis zu Vögelchen gelangt waren. Er hatte in sie sein
Bestes ausgeströmt, sie hätten nicht nur Vergebung erlangt, sondern
Vögelchens warme Teilnahme erweckt. So entschloß er sich, von Tallandre
Urlaub zu erbitten und ein Äußerstes einzusetzen, um Arabella auf sich
aufmerksam zu machen. Er betrog seine Wohltäter, aber er beruhigte sich
damit, daß er ja auch jener Frau und Mutter über Vögelchens Verbleiben
Rechenschaft schuldig sei. Wie ein Flug ins Freie nach dunkler
Umkerkerung erschien ihm die Reise in den strahlenden Frühsommer, die
ihn in Vögelchens Nähe führen sollte. Die geliebten Chalets der Pariser
erschienen ihm rührend bescheiden wie kindische Baukastenspielerei gegen
die Landhäuser zu Hause, von denen jedes eine kleine Welt für sich war.
Wie wenig ausgenützt war dort der Grund, sorglos nur dem Lustwandeln
geweiht, während hier jeder Bahndamm genutzt zur Anpflanzung, zur
Kaninchenzucht jeder Bretterverschlag, jedes Haus umrankt war von
Obstbäumen und Rebe. Er erinnerte sich der Spaziergänge mit dem Vater an
den Geländen der Stadt, wo schon einsame Landschaft sich aufschloß,
wußte von einem Abend längs der Mauer des kaiserlichen Tiergartens, wo
sie zwischen dunkelndem Kieferwald Wiesen entdeckt hatten und häuserfern
einen von Pappeln umstandenen Teich: vorzeitliche Haine. Das Wiesel war
ihnen über den Weg geflirrt. Wie ein Erlebnis brachten sie das mit zur
Stadt, er und der Vater. Er und der Vater! Einen Augenblick starrte er
hinaus auf die fremde Landschaft. Dann quoll etwas Heißes in sein Auge,
kollerte hastig, als hätte es Eile zu verschwinden die Wange herab.
Lautlos perlte es nun durch seine vom Schreiben gekrümmten Finger,
rieselte über und unter ihnen hervor. Da ... eine fremde Hand tastete
sich zu ihm hin, legte sich begütigend auf sein Knie. Er sah sie tief
erschrocken. Eine Frauenhand war es im grauen, ehemals wohl teuren
Handschuh, der jetzt schmutzig und geflickt war. Nun kam er zu sich. Nun
würgte er es hinab, was als Knollen von Schande und Leid um
Unwiederbringliches in seinem schluchzenden Halse saß. »Es ist nichts,
es ist nichts,« sagte er und schob die Hand leise weg. Durch die Finger
der seinen, die ihn verbergen sollte, sah er die Frau ihm gegenüber. Sie
war nicht hübsch, verlebt die Haut, grob die noch jungen Züge, aber der
Blick ihrer großen, runden Augen war treuherzig wie der eines Hundes,
der bittend und teilnahmevoll auf seinen Herrn gerichtet ist. »Lachen
Sie doch lieber, lachen Sie den großen Menschen aus, der weint wie ein
Schuljunge,« sagte er. »Ich weiß selbst nicht, wie das gekommen ist, ich
dachte an meine Heimat.«
»Nostalgie,« sagte sie mit tiefer Stimme und sie dehnte das e wie die
Schauspieler der _Comédie française_. »Nun, ich lache nicht, es gibt so
wenige Männer mit Gefühl.« Sie wäre Schmierenschauspielerin, erzählte
sie, und eben auf dem Wege zu einer neuen Anstellung. Einmal, da hatte
sie sichere Aussichten gehabt in Paris ein gutes Rollenfach an einem
zweiten Theater zu bekommen. Der Kontrakt war unterschrieben. Da war ein
Mann in ihr Leben gekommen, ein Abenteurer, der riß sie mit nach
Brasilien. Oh dort, eine Hölle war es gewesen! Dann -- als sie
zurückkam, hatte sie sich mit schlechter Provinz begnügen müssen. Aber
sie genoß Ansehen unter ihren Kollegen, denn den Kontrakt besaß sie
noch. Sie zog ihn hervor und zeigte ihn.
Konrad stieg mit ihr aus an der Station, wo sie beide den Zug zu
wechseln hatten. Er wollte mit ihr warten und dann weiterfahren. Nun,
sie hätte auch keine Eile. Ob sie nicht das kleine Städtchen besehen
wollten? Das Gepäck konnte an der Bahn bleiben oder in die »Sonne«
geschafft werden, den kleinen Gasthof, in dem es so gemütlich sei. Sie
hatte da schon einmal übernachtet. Konrads Neugier lehnte nicht ab.
»Nun, und erzählen Sie weiter,« bat er, nachdem er dem Lohndiener die
Koffer übergeben. »Wie war das auf dem schrecklichen Schiff, mit dem Sie
abfuhren?«
Sie sprachen die halbe Nacht und dann geschah etwas, das böse Folgen
nach sich zog. Am Morgen trennten sie sich herzlich ohne Versprechen
einander wiederzusehen, denn er fuhr südwärts, sie ostwärts und sie
sollte ein halbes Jahr in ihrer neuen Anstellung verbleiben. Ihre Züge
verwischten sich in seiner Erinnerung, bald vergaß er ihren Namen, aber
die Keime einer Krankheit, von der sie ergriffen zu sein vielleicht
selbst nicht gewußt, blieben in ihm und verheerten sein Leben.
Noch wußte er nichts von dem Gift, das in ihm seine unheimliche
Tätigkeit entfaltete, er fuhr in Ariels Nähe und das verlöschte die
Erinnerung an diese zufällige Nacht.
In Chaly wußte er bald Näheres über Asyl Gloriot, daß es kein Kloster
sei, daß niemals ein Geistlicher dorthin gelange. Man sei zwar fromm
dort und wohltätig, aber auf seine Art. Das Haus liege inmitten von
Feldern, weithin sei jeder sichtbar, der sich ihm nähere zu Wagen oder
zu Fuß. Nachts lagen zwei Bernhardshunde zur Wache. Konrad kaufte sich
eine schwarze Brille und eine Botanisierbüchse. Er gab sich den Anschein
Heuschrecken zu fangen und näherte sich den Feldern, die Asyl Gloriot
umfriedeten. Er kam an das Gitter, sah die Kinder, Anna, Helene mit dem
Schützling Vögelchens. Vögelchen war auf ihrem Zimmer. Sie fühlte sich
jetzt manchmal, obwohl sie aufblühte, matt und schwindelig. Felix Blanc
wunderte sich, daß sie noch nicht, wie selbst Helene, die jünger war,
zur Jungfrau gereift war. Das war wohl die Ursache ihrer Kopfschmerzen,
die noch ohne weitere Begleiterscheinungen allmonatlich bei ihr
auftraten. Ruhe allein half ihr. Konrad hatte vergeblich über das Gitter
gelugt. Ein zweites Mal kam er auf dem Wagen des Wäschers angefahren.
Den hatte er auf der Landstraße angesprochen und ihn, neugierig wie er
war, nach seinem Fahrziel gefragt. Asyl Gloriot war die Antwort. Ob er
ihn nicht aufsitzen lassen möchte um einen Franc für Hin- und Rückfahrt.
Gern; wenn er mit ihm zurückfahren wolle, müsse er auf dem Bock sitzen
bleiben, bis er die Wäsche abgeliefert. Das war ihm gerade recht. Vom
Bock aus sah er besser über die Hecke. Clothilde erschien. Sie hieß den
Wäscher den Korb vor die Türe hinsetzen, rief die Kinder herzu, jedes
nahm seine Sachen in Empfang und brachte ein Säckchen mit. Da erschien
Vögelchen an einem der Fenster, Alphonse auf dem Arm, der zärtlich sein
Köpfchen an ihre Schulter schmiegte. Sie sah rosig aus, hold in ihrem
mütterlichen Glück, umrahmt vom Fensterbogen, ein heiliges Bild. Sie
rief: »Helene, vergiß nicht meinen Zettel, ich füttere Alphi eben.« Dann
verschwand sie. Der Wäscher kam, sprang auf den Bock, zählte das Geld,
das er erhalten, rückte die Körbe zurecht und wandte den Wagen. Sie
fuhren ab. Konrads Blick rüttelte an dem dunkeln Viereck des Fensters.
»Noch einmal komm, Jungfrau Maria,« stöhnte sein Herz. Der Wagen
holperte über eine Biegung der Straße. Das Haus verschwand hinter
Bäumen.
Bald darauf ging er zu dem Wäscher, dessen Häuschen ihm nun bekannt war.
Er legte Geld auf den Tisch und bat ihn, einen Brief in die Wäsche zu
spendeln, die mit A. M. gemärkt sei, eine feine Wäsche müsse es sein.
Der Wäscher schlug es ab. Er könne die Kundschaft verlieren. Die Frau
kam neugierig herzu, die Sache interessierte sie. Konrad sagte, dies sei
das Geheimnis einer unglücklichen Mutter, der man das Kind geraubt habe.
Er bat ihm diesen kleinen Dienst zu erweisen. Niemand würde es erfahren,
diejenige, für die der Auftrag bestimmt sei, erwarte dies Schreiben. Er
legte noch einen Franc hin, aber schon ehe er dies getan, ward schon die
Frau seine Fürsprecherin. Der Mann sah neue Schwierigkeiten. Es wären
zwei A. M. da. Er wisse so gut wie sie selbst, meinte die Frau, daß A.
M. mit dem roten Kreuze Fräulein Anna sei. Sie suchte in den
Wäschestößen, die schon wieder bereit lagen in das Asyl gebracht zu
werden, und zog eine duftige Morgenjacke hervor, die eben noch
überplättet werden sollte. »Da geben Sie Ihren Zettel, ich weiß schon
Bescheid. Sie meinen die Zarte, die immer das schwere Kind schleppt,
seit dem Herbst ist sie hier. Sagte ich Dir nicht kürzlich, daß Fräulein
Gloriot doch noch ein Kindermädchen aufnehmen sollte. Unsere Louise wäre
gerade recht.« Sie steckte geschickt das Briefchen unter die Fälbchen.
Konrad bedankte sich und ging.
In dem Briefchen stand:
»Ariel, mein Ariel, oh, daß Du diesen Gruß erhieltest, einen von den
vielen, die ich Dir sandte aus dunkler Zeit. Mir ward Hilfe, noch weiß
ich nicht, wer es begann. Ich bin wieder ein geistig arbeitender Mensch
mit reiner Wäsche, alles andere ist gleichgültig, wenn ich noch Deinen
Segen dazu habe. Ich habe Dich mit dem Kinde gesehen, Maria, und seither
ist Ruhe in mir. Ich wandere durch die Felder und lobsinge zu Deinem
Preise. Ariel, der Du ein Kindlein liebst, ist es nicht Zeit, daß Du
Deiner Mutter gedenkest, die mich zu Dir sandte? Sie härmt sich um Dich
seit Jahren, ohnmächtig war sie Dich Deinem Versucher zu entreißen. Ich
aber will Dich zu ihr geleiten. Vertrau Dich meiner Liebe. Komm mit mir
in die Heimat, in Dein Mutterland. Ruh aus bei Deiner Mutter von Kampf
und Krampf, gib von Deiner Sonne ihr, die Dich gebar, der Du das Licht
schuldest, das Ormuzd in sie strömte um Deinetwillen. Ich erwarte Deinen
Wink und führe Dich ihr zu.