»Lieber Kon, da Du nun wieder auf möglichen Wegen gehst, muß ich Dich
doch recht fest an den Ohren nehmen. Sag', Junge, hast Du ein Recht,
Dein Leben den Schweinen zum Fraße hinzuwerfen, Du, der Du die Lehren
des heiligen Augustin predigst, daß jeder den Gott in sich trägt, jeder
ein Teilchen Gott ist? Nun, Gott wird sich bedanken für Dein Teilchen,
wenn Du es ihm nun nicht reinwäscht und rein erhältst. Du weißt, Kon,
ich hab' geschwiegen, solange Du bedrängt warst, hab' nur geraten,
ohnmächtig aus der Ferne, nicht gescholten. Wie hätte ich Dir denn eine
Stütze sein können, wenn ich sie Dir unter dem Arme weggezogen hätte, um
Dich damit zu schlagen? Aber sieh Dich vor, Kon, Du weißt selbst nicht,
wie tief der Abgrund war, an dessen Ufern Du einhergingst. Ich weiß es,
Kon, denn im Elend durchmißt man alle Tiefen der anderen. Auch Du wirst
später schaudernd an diesen Abgrund denken. Enttäusche die Menschen
nicht, die Dir geholfen haben, erwarte nicht das Unmögliche, daß sie Dir
endlos helfen. Die Wohltätigkeit, sei sie noch so persönlich gemeint,
ist demütigend und erkaltet, wenn sie sich blamiert. Sie hat nicht die
Ausdauer einer freundschaftlichen Hilfe, sie ist wie der Zahnarzt, der
keine Geduld hat, wenn in seinem Wartezimmer sich die Patienten drängen.
Nütz' Deine Zeit, Koni.
Ich streu mir heißblühenden Mohn in meinen Werktagsacker. Ein Wind
verweht ihn. Ich wein' ihm nicht nach. Der Kleine hat den Scharlach
gehabt. Ich wollte es Dir nicht schreiben, damit Du nicht eine Sorge
dazu hast. Selma hat es erfahren. Da ist sie eines Abends gekommen. Und
nun ist es, als wäre sie täglich bei mir, obwohl ich ihr das Versprechen
abgenommen habe nicht wieder zu kommen. Es brächte ihr Gewissenskämpfe.
Grüße Deine Freundin Jeanne. Sag' ihr, Arbeit und ein Kind helfen den
Traum »Mann« ersetzen, nicht seine Wirklichkeit. Ich helfe mir mit
Episoden, das aber sag' ihr nicht. Ihnen ist nicht jede Frau gewachsen.
Die Eltern sind gesund. Denk auch an sie, Kon. Käme doch über uns alle
Licht und Segen. Der meine ist bei Dir. Mach' keine Sorgen mehr Deiner
treuen