Indessen huschte Helene zu ihrer neuen Zimmergenossin. »Oh, ich weckte
Sie,« rief sie, als Arabella sich aufrichtete.
»Nein, ich schlief nicht.«
»Ich habe mich schon so sehr auf dich gefreut,« sagte das liebliche
Mädchen. »Ich darf doch du sagen, wir sagen hier alle einander du. Am
liebsten hätte ich mich leise davon gemacht, als wir zu spielen
begannen. Wie schön du aussiehst in dem weißen Gewand!«
»Und du hast so schöne blauschwarze Haare,« sagte Arabella und
streichelte Helene. Die beiden Mädchen schritten zaghaft aufeinander zu
wie zwei Täubchen, die aneinander Gefallen finden und sich leise mit
ihren Schwingen berühren wollen.
»Du duftest,« sagte Helene und öffnete ihre feinen Nüstern. »Hast du
gebadet? Du mußt eine ganz feine fremdartige Seife haben. Darf ich dir
nun auspacken helfen, damit deine Sachen nicht gedrückt bleiben über
Nacht? Oder bist du zu müde?«
»Nein, ich bin schon ausgeruht, Helene; nicht wahr, du bist Helene?«
»Daß du dir meinen Namen gemerkt hast!« sagte Helene erfreut. Sie kniete
vor Vögelchens Koffer und reichte ihr die Sachen hin. »Oh, so schöne
Kleider hast du und die Wäsche, wie fein! Mama hat auch so schöne
Wäsche. Wirst du das alles tragen, werde ich dich in all dem sehen und
dir immer helfen dürfen?«
»Mein großer Koffer kommt noch,« sagte Vögelchen ein wenig traurig. Sie
dachte an die vielen schönen kostbaren Sachen einer kleinen Weltdame,
die sie nun nutzlos besaß, und auf einmal stand Va vor ihr, der sie so
fürstlich beschenkt hatte. Sie fühlte wieder seine Zärtlichkeit,
verdrängte Bilder stiegen in ihr auf und trieben ihr heiße Röte in die
Wangen. Und der Abschied! Va hatte gescherzt und alles nur als vorläufig
betrachtet. Er haßte Sentimentalitäten. Von jeher hatte er Leidgefühle
zurückgedrängt und die erstarrten Tränen hatten in seinen Leidenschaften
Erlösung gesucht. Er würde ihr vorläufig nicht schreiben, denn das
allein bedeutete Trennung, wenn sie von einander ganz frei wären, eine
Zeitlang. Und die Trennung wäre ja nun einmal unter gemeinsamem
Einverständnis beschlossen. Wie war das nur möglich gewesen! Dann hatte
er sie geküßt unter Scherzen und liebevoller Peinigung, bis sie sich ihm
lachend entwunden, weil Givos Wagen eben vorfuhr. Angele von Twede war
auch gekommen. Und es war Vögelchen, als wäre die schöne Frau eine Fee,
die alles mildern und schmerzlos machen konnte. Man blieb heiter bis zur
Abfahrt.
»Denkst du an zu Hause?« fragte Helene in Vögelchens Sinnen. »Hier ist
es sehr schön bei Tante Celia. Du mußt nicht bange sein. Ach, wenn man
doch nur ganz brav sein könnte, um es ihr zu danken. Sie ist so gut!
Aber ich -- -- ich kann mich nicht beherrschen -- -- Vielleicht werde
ich jetzt anders, weil du hier bist.«
Vögelchen freute sich der neuen Freundschaft. Sie packten aus und
ordneten ein. Dann entkleidete und wusch sich Helene. Arabella half ihr.
Sie küßten sich. Auf der Stiege erschollen Stimmen.
»Nun geht Herr Givo auf sein Zimmer.«
Vögelchen steckte den Kopf zur Türe hinaus und sah, wie eine der Mägde
Givo die Treppe zur Turmzimmertüre hinaufleuchtete. »Gute Nacht!« rief
sie durch den Spalt.
»Gute Nacht, mein gutes Kind,« rief er von seiner Türschwelle zu ihr
hinab.
Helene lag schon in ihrem Bette. »Ich kam mit Großpapa,« sagte sie,
ihres Einzuges in Asyl Gloriot gedenkend. »Großpapa ist tot.«
»Und deine Eltern?« fragte Vögelchen.
»Mama hat geheiratet, aber der Mann ist fort. Papa kannte ich nicht. Als
Großmama starb, kam ich hierher. Mama ist jetzt Schauspielerin. Morgen
zeig' ich dir ihr Bild. Nun gute Nacht, schlaf wohl und sei glücklich
hier. Ich werde dich lieb haben.« Vögelchen setzte sich an Helenes Bett,
ließ die weichen, blauschwarzen Ringeln durch ihre Fingerchen gleiten,
nahm das blasse Gesichtchen zwischen ihre Hände und küßte es.
»Ich will dich auch lieb haben, Helene.« Dann löschte sie das Licht und
legte sich zur Ruhe. Bald schlief Helene fest und tief, wie Kinder
schlafen. Vögelchen aber lag im Traum.
In einem Muschelwagen fuhr sie durch die Länder -- Wiesen und Meere --
und am Ende der Welt erglänzte ein Licht, es kam näher. Da stand Givo
vor ihr. »Ich bin König des Morgenlands,« sagte er. »Willst du ein Stern
sein an meinem Himmel, der die Welten durchleuchtet? Mein Himmel ist der
Mantel, der mich umhüllt, er ist mit Augen bestirnt und durchwirkt von
Mondstrahlen. Dein Stern soll an meinem Herzen liegen und so hell
erstrahlen, daß die Menschen es weithin sehen in ihrer Finsternis.
Später, wenn unsere Arbeit getan ist, wirst du meine Braut sein. Jetzt
wollen wir es einander geloben, Braut und Bräutigam zu sein. Niemand
soll es erfahren, weil du nur ein Vögelchen bist, nur ein fliegender
Stern im Äther, der nun an meiner Brust wohnt. Vor dem lieben Gott aber
sollst du meine Frau sein, Arabella.« Vögelchen richtete sich auf. Aus
dem Fensterrahmen blickten zwei bleiche Vierecke sie an. In milchigem
Glanz lag draußen die Nacht. Sie starrte hinaus und mählich erlosch das
bleiche Licht und die Fenster waren nur mehr zwei schwarze Löcher
Finsternis. Wenn es nicht wahr wäre, wenn er wieder ginge, wenn er ins
Ausland reiste, wie er oft zu tun pflegte und sie allein zurückließe!
Nein, sie war nicht allein, sie war unter freundlich klugen Menschen.
Und sie konnte ja zu Va zurückkehren! Ob Angele von Twede immer bei ihm
bleiben würde? Ob die nun seine Frau war, wie sie selbst es gewesen?
Hatte man sie deshalb hierher gebracht? Hier waren alle Verlassenen und
Cecile Gloriot ihre Mutter. Aber sie war ja ohne Mutter aufgewachsen und
hatte nicht Sehnsucht nach einer Mutter. Va hatte ihr alle Menschen
genommen, die sie liebten: die alte Amme, Urbacher, Konrad. Würde Va
selbst nun nicht mehr schützend zu ihr stehen und ihr gehören? Hatte er
sie verlassen, brachte Givo sie zu den verlassenen Kindern, weil sie
selbst auch eines war? Die schwarzen Löcher Finsternis starrten sie an
wie erloschene Augen, wie ihre eigene Angst blickten sie ihr entgegen.
Da fiel ihr ein, wie Givo ihr die Qual genommen, sündig zu sein, wie
sein Blick sie heilte und beruhigte, sein Wort sie rettete. Er würde ihr
auch diese Furcht nehmen, die aus der Finsternis starrte. Mit einem Satz
war sie aus dem Bett gesprungen. Helene schlief. Schon war sie draußen
auf dem kalten Flur, huschte die Stiegen hinauf zur Türe, hinter der sie
Givo hatte verschwinden sehen. Ach, durfte sie ihn wecken, ihn
erschrecken? Sie stand, horchte und ihre Hand lag auf der Klinke und
drückte. Da stand sie auch schon im Zimmer. Es war ganz finster, sie
wagte nicht weiterzugeben, aus Furcht an ein Möbel zu stoßen, ihn
unsanft zu wecken. Sein Atem war nicht hörbar, der Raum war groß. Im
Kamin war noch ein verlöschender Schein der Glut. Nun sah sie die
Fenster, sie gewöhnte sich an die Finsternis. Sachte schlich sie
vorwärts. Da regte er sich im Schlafe, ganz leise seufzte er und wandte
sich. Stille. Vögelchen hatte ihr Leid vergessen. Sie war bei ihm. Ihre
Beseligung strömte ihm zu, schwebte um ihn wie warmer Flügelschlag. Er
fühlte ihre Nähe, sein Auge, kundig im Finstern zu forschen, erblickte
sie.
»Bist du's, Kind?« fragte er.
Sie erschauerte und kam näher. »War dir bange?« fragte er. »Warum kommst
du? Willst du mir die Hand geben und dann wieder in dein Zimmer gehen?«
»Ich fürchtete mich und ich fürchtete auch, du würdest des Morgens
zeitig fortfahren ohne mich zu sehen.«
»Das konntest du glauben, Vögelchen?«
»Ich fürchte mich nicht mehr, selbst wenn alles wahr wäre.«
»Was wahr wäre?«
»Daß ich nun eine Verlassene bin.«
»Nein, sieh, das dachte ich nicht, daß du dich als eine Verlassene
fühlen könntest, weil es hier Kinder gibt, die einmal verlassen waren.
Du aber bist es nicht.«
»Doch, ich glaube, Va hat mich verlassen. Er ist ja nicht mein Vater, er
nimmt eine andere Frau und ich habe keine Wohnung mehr bei ihm.«
Sollte er sie vertrösten? Würde denn Mannsthal nicht mehr nach ihr
verlangen? Er wußte es nicht. Er konnte nichts versprechen. »Und ich,
Vögelchen?« sagte er.
»Du?« rief sie in tiefem Gefühl. »Wie darf ich denn das, wie darf ich
mich zu dir zählen? Wie darf ich denn dir gehören?«
Givo wußte, in diesem Augenblick schmiedete sich Arabellas Schicksal.
Nahm er sie in sein Leben auf, so blieb sie heil an Körper und Seele,
aber am Ende ihrer Gemeinschaft stand ein Schmerz, der war so groß wie
ihr Glück, und er wußte nicht, ob sie es bestünde. Schob er sie aber
leise begütigend in die Ungewißheit einer zerspalteten Zukunft, würde
sie dann ihre erwachende Seele behaupten gegen Verführung und
Anfechtung? Würde Cecile, so groß und rein ihr bildender Wille war, die
leidenschaftliche Naturgewalt, die in diesem kindhaften Weibe lebte,
meistern können, bis sie selbst sie zu besiegen Kraft fand oder um so
wilder sie entfesselte? Nein. Cecile selbst hatte es ihm gesagt:
Verschone das Kind. Nur im Glück wird seine Seele reifen.
»Fühlst du denn nicht, daß ich dich lieb habe?« sagte er. »Du, die den
Flug der Wolken, den Ruf der Vögel, die Stimme der Ewigkeiten begreift?
Und wehrte ich mich dich zu lieben, ich betröge mich. Ich muß dich
halten, Kind. Es muß wohl so sein. Und nun will ich es auch so. Ich
komme wieder, bald komme ich wieder. Ich komme immer wieder zu dir.«
Sie hielt seine Hand, sie drückte sie, unfähig zu erwidern.
»Aber nun geh, Kind, du frierst, geh, bitte. Du sollst nicht hier sein
zur Nacht.«
Vögelchen beugte sich zu ihm, sie umschlang seinen Hals. Sie suchte
seine Lippen. Wie ein Hauch aus Wunder gewoben streifte ihr Atem seine
Wange. Nun küßte sie ihn. Mit Worten konnte sie nicht Antwort sagen. Wie
lange hatte er nicht einen jungen Mund an dem seinen gefühlt! Er hatte
es selbst nicht gewußt, seit Wochen schon, seitdem er ihrer in
Zärtlichkeit gedachte, hatte er keine andere Frau in seinen Armen
gehalten. Ganz absichtlos war es unterblieben. Nun fühlte er es, nun
reifte die grausame süße Frucht seiner Enthaltsamkeit. Nun war er ihr
Beschützer nicht mehr. Und ihr Kuß, der bis in die Wurzeln seiner Sinne
brannte, es war nicht der Kuß eines Kindes. Er flehte: »Geh, geh!« Es
war, als hörte sie nicht, als schliefe sie, als wären ihre Küsse die
einer Träumenden. Ihre wundersam zarten Formen, wie sie sich
anzuschmiegen verstand, wie sie zu vergehen schien! Sie war ganz Körper
und doch war ihre Zärtlichkeit körperlos, ganz Seele, und doch schien
ihre Umarmung die einer seelenlosen Nachtelfe, des Weibes, das nicht
Name hat und Zeit. Ihm war, er müsse sie zerreißen, sie vernichten in
seinem aufglühenden Feuer. Da ermannte er sich, trug sie in seinen
Armen, oh, wie sie, die Kundige, jetzt seine begehrende Kraft erkannte!
Aber willenlos war sie seinem Willen untertan, auch dem entsagenden. Und
sein Überwille trug sie vor die Türe, sachte die Stufen hinab. Mit einem
Kuß, tief in ihre Lippen gesenkt, dem ersten und letzten dieser Nacht,
ließ er sie vor ihrem Zimmer aus seinen Armen gleiten.