Asyl Gloriot

Der erste Frühschnee lag wie ein Flor auf den alten Bäumen, die den

großen Bauernhof umstanden, den Cecile Gloriot zu einem ihren Zwecken

aufs beste entsprechenden Wohnhaus umgewandelt hatte. In der Diele

brannten schon im großen Steinkamin die wohlriechenden Holzscheite. Es

war halb zwölf Uhr. Anna Bergmann, Ceciles Stellvertreterin, eine

hellblonde Deutsche, saß vor einem Wäschekorb, der mit Nüssen angefüllt

war. Fräulein Anna erzählte selbsterdachte Märchen.

Cecile Gloriot war in die nahe Stadt gefahren, um Einkäufe zu erledigen.

Ihre Post lag auf dem Tisch bereit, der unter der Stiege, die zu den

Schlafräumen führte, an dem blumenbesetzten Fenster mit den weißen

Mullvorhängen stand. Man erwartete Tante Cecile für den Nachmittag.

Eine hellklingende Glocke rief um zwölf Uhr alle Bewohner zu Tische. Ein

Säugling und ein Zweijähriges blieben mit der Amme auf dem Zimmer. Vor

dem Essen mußte immer ein anderes Kind ein paar selbstgewählte

Dankesworte an Stelle eines Tischgebetes sagen. Heute war die Reihe an

Gil Colombe. Sie stand auf, lächelte zuerst zu Fräulein Anna hin, die

heute an der Spitze der Tafel saß, und sagte dann: »Wir freuen uns schon

auf das gute Essen und denken an alle armen Kinder, die nichts haben.«

Kathlin, die Rothaarige, stieß sie an. Nini blieb eine Weile noch stehen

und wehrte sich gegen Kathlins Einflüsterung. Aber sie blieb die

Schwächere und sprudelte noch hervor: »Und wir hoffen alle, daß Tante

Cecile auch ein gutes Mittagessen hat und recht gute Sachen aus der

Stadt mitbringt.« Nini sah stolz umher und viele Bravos beglückwünschten

sie. Gil, ihr jüngeres Schwesterchen aber, die sie abgöttisch liebte und

ihren neunjährigen Geist maßlos bewunderte, war ganz blaß vor Staunen

über Ninis Kühnheit. Die Kinder setzten alle einen Stolz darein, ein

möglichst originelles Tischgebet zu sprechen, aber Witze waren verboten.

Nun, dieser ging durch. Fräulein Anna lächelte sogar. Gaston hatte

einmal gesagt: »Komm, Herr Jesus, und sei unser Geist und segne unsere

Creme und Tante Cecile dazu.« Und Philipp, der schon galant war, hatte

gerufen: »Und lasse auch Taute Anna nicht leer ausgehen.« Helene aber

hatte gebetet. »Hab' Dank, lieber Gott, für Speis' und Trank und bescher

sie mir mein Leben lang. Und schenke Tante Anna einen Bräutigam und mir

auch einen.« Es dauerte auch nicht lange und Tante Anna hatte einen. Er

hieß Felix Blanc, war leitender Arzt des städtischen Spitals, ein junger

Gelehrter, der im Asyl Gloriot erschien, wenn einer seiner Schützlinge

erkrankte. Er hatte Anna lieben gelernt, als er sie Kathlin Drew während

einer langwierigen Krankheit aufopfernd pflegen sah. Als das Verlöbnis

geschlossen ward, meinte lächelnd die ernste Clothilde, Helenens Wunsch

habe geholfen. Doktor Blanc erfuhr überdies, daß die kleine

Wunschträgerin in Anna nach der Art kleiner Mädchen verliebt sei, und

dies sicherte Helene sein besonderes Interesse. Er fand sie blaß und

über Gebühr müde und reizbar. Bald glaubte er mit Hilfe Annas die

Ursache zu kennen. Helene war aufrichtig. Sie gestand ihr kleines Laster

und versprach Besserung. Aber sie war nun oft von Schwermut befallen,

weil Anna nicht mehr ihr gehörte. Sie sehnte sich nach einem sicheren

Besitz. Bald sollte ihre Sehnsucht Erhörung finden.

An dem Tage nun, da Cecile Gloriot erwartet wurde, übte Anna mit den

Kleinen die Lieder, die Clothilde und Helene mit ihrer Hilfe gedichtet

und Cecile vertont hatte. Die kleine Gil war gerade dabei, mit ihrem

zarten Stimmchen als Nixenbaby, mit einem Schilfkranz um das Köpfchen,

ihre Ansprache an Helene, die Nixenmutter, zu halten, als man draußen

Cecile Gloriot vorfahren hörte. Gleich hatte der Mummenschanz ein Ende,

alles drängte Tante Cecile entgegen. Seltsam, sie sah selbst aus wie ein

Kind, ein zartes Mädchen, das Schutzes bedurfte, obwohl ihre Haare grau

waren. Aber hinter dieser Zartheit verbarg sich eine eiserne Tüchtigkeit

und eine unversiegbare Hilfsbereitschaft. Ihre Stimme war tief und

klangvoll, als käme sie aus einem anderen Körper. Ihr entsprachen

Haltung und Geste. Die Augen aber, die stahlgrauen, schwarzgeränderten,

waren ein Wunder von Innigkeit und sanftem tiefen Wissen für alles, was

sie sah und ahnte. Niemals ratlos, doch stets bereit Rat zu empfangen,

schien sie nichts zu bedürfen und nahm dankbar an. Sie erwarb jedermanns

Zutrauen, weil geheime Brücken von ihrem Herzen zu dem der anderen

führten. Wie Givo hatte sie nur einen Ausweg gehabt, ihr Allwissen über

die Menschen und ihre geheimsten Instinkte und seelischen Schicksale in

werktätige Liebe zu verwandeln. Das Wissen hätte sie zum Wahnsinn

getrieben, die Verachtung gewürgt, der Ekel beschmutzt, hätten sie nicht

Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe das Mitleben gelehrt. Sie wußte, daß es

nichts Verläßlicheres gab, nichts, was die vernichtenden Grausamkeiten

der Natur und Unnatur, nichts, was die Verzweiflung und den Wahn, der

hinter allem triebhaften Geschehen, hinter aller Raserei der Selbstsucht

lauerte, beschwichtigen konnte, als Demut und Liebe und der

allumfassende Blick der Erkenntnis. Aber sie wußte von all dem nichts

mehr. Die Motive ihres Wirkens hatte sie vergessen oder wollte sie auf

immer vergessen haben.

Cecile und Anna schritten der Diele zu. Anna berichtete über kleine

Vorfälle. »Ja, danke, nun geh aber und ruh' dich aus.«

»Nein, du wirst müder sein, Cecile.«

»Niemals, du weißt es. Sehen wir noch die Post zusammen durch.«

Ein Stoß Briefe. Cecile stand in brieflichem Verkehr mit allen

Schützlingen, die das Asyl verlassen hatten und deren Asyl die Briefe

Ceciles geblieben waren. Sie hatte überdies viele Freunde, Gelehrte,

Künstler, Arme, Kranke. »Von Givo!« rief sie nun und vor allen anderen

öffnete sie seinen Brief. »Endlich wieder einmal.« Sie las: »Liebe

Celia, so lange schwieg ich, aber Du weißt, daß ich in Gedanken Dir

nicht schweige. Wie oft entbehre ich eine Aussprache mit Dir. Jetzt war

meine Mutter da. Es war der alte Kampf auf beiden Seiten, jeder wollte

dem anderen verbergen, wie unmöglich es ist des anderen Wünsche mit den

eigenen zu vereinen. Ich soll in ihre zweite Heimat, nach Deutschland

zurück, dort nach unserer Sitte ein Mädchen unserer Sippen heiraten und

sie zur Großmutter machen. Ich hingegen wünschte, sie richtete sich in

Paris ein für mehrere Monate des Jahres. Aber sie liebt Paris nicht,

weil sie nicht durch innere Arbeit imstande ist, den vielen Tand, die

große Geste des Kleinen zu übersehen und zum Menschlichen zu gelangen,

das dort am stärksten sich zur Wirkung bietet, wo es am freiesten und

dichtesten gemengt seiner eigenen Tragik zu unterliegen droht. Daß

gerade dieser vorletzte Augenblick der Drohung mein Augenblick (und auch

der Deine, Celia) ist, das kann sie nicht, will sie nicht miterleben,

dazu ist sie zu untadelhaft, zu kühl, zu sehr von einem starken Gatten

gefestigt gewesen, um diese Niedergänge so rasch zu fassen, als er

nötig, denn ihre Strenge würde sie immer zu spät kommen lassen. Bis ihre

Einsicht sie überwunden hätte, wäre alles verloren. Sie würde mich

hemmen, weil sie zu wach ist und doch nicht überwach, hellsichtig wie Du

etwa. Aber sie ist nicht weise genug, um wach sein zu dürfen. Wie wenig

Frauen sind es auch noch außerhalb ihrer utilitaristischen Duldsamkeit!

Es gibt keine Cecile Gloriots und wenige, die ihr nur nahe kommen. Oh,

wie menschlich wertvoll ist sie aber dennoch, meine Mutter, wie klar und

rein, daß ich erschauere über diese Möglichkeit. Ich werde ihren Willen

erfüllen, wenn sie älter ist, ich bin es ihr schuldig, Kinder zu haben

und die Regeln der Väter, denen ich so viel verdanke, zu erfüllen. Aber

noch kann ich es nicht. Es ist genug geopfert schon heute, daß ich diese

vorgebaute Zukunft weiß. Ich wage nicht ein weibliches Wesen an mich zu

binden und liebte es mich noch so selbstlos, weil ich weiß, daß meine

Mutter für mich wählen wird eine in unseren Regeln Aufgewachsene, die

jung und seltsam aus Frauengemächern zu mir kommen wird. Oder ist es

Gleichgültigkeit gegen das Einzelne. So ist mir alles mit Frauen

episodenhaft und oft doch schmerzlich, um so süßer auch. Ich bringe Dir

ein Mädchen, das so recht Deines Asyls bedürftig ist. Vielleicht ist es

auch gut, daß es nicht in meiner Nähe bleibt. Auch ich könnte ihr

gefährlich sein, der Gefährdeten. Ihr Fall erinnert flüchtig an den von

Kathlin Drew, deren verwitwete Mutter von ihrem Stiefvater in Liebe

verfolgt wurde, bis sie sich ihm ergab, nur daß die Verfolgte, die

willig Verfolgte, diesmal Dein Schützling selbst, ein halbes Kind ist,

das bei Dir geborgen werden soll, um seiner selbst und des Vaters

willen. Es ist ein zartes, nicht einzuordnendes Wesen. Ich nenne es

Seelchen, weil es noch sehr triebhaft ist, und ich versprach ihr, daß Du

aus dem Seelchen eine Seele wecken würdest. In vielem wirst Du sie

wissend finden wie eine Lebenserfahrene, die in Höhen und Tiefen

geblickt, aber sie hat keinen Ausdruck dafür, nur ein ungereimtes

Einahnen und Austräumen. In ihrer Bildung ist sie der Form nach durch

geistige und reflektierende Umgebung reif, aber sie hat viele Lücken im

Lapidarsten. Du wirst gut tun sie sehr ernst zu nehmen, ihr

Verantwortungen zu geben, etwa die Aufsicht einer Angefochtenen. Sie ist

sehr stark. Zarte, engelhafte Wesen sind das zuweilen, Celia! Angele von

Twede grüßt Dich. Sie versucht den Vater über die Trennung zu trösten.

Ich fürchte, es wird ihr nur gelingen, wenn sie, wie nie bisher, Heilige

Elisabeth ist und statt Brotes sich selbst verschenkt. Du verstehst den

Fall, Celia? -- Ich bringe Dir das Kind in den allernächsten Tagen und

bin glücklich, Dich zu sehen, Du Liebe.

Treulichst Dein Freund

Imanuel.«

Cecile Gloriot hielt den Brief zwischen den schmalen, sehnigen Fingern

und blickte wie träumend zum Fenster hinaus. »Ruf doch Gil herein, sie

läuft draußen ohne Umhülle herum,« sagte sie ablenkend. Als Anna

zurückkam, lächelte sie wie ein Kind, das sich freut. »Givo kommt heute

oder morgen und bringt ein Mädchen, einen neuen Schützling mit. Wir

wollen für ihn das große Mansardenzimmer zurecht machen und das Haus mit

den Glashauspflanzen schmücken. Das Mädchen bekommt das Alkovenzimmer

mit Helene.« Cecile ging auf ihr Zimmer. Sie las nochmals Givos Brief.

»Seine Mutter tut unrecht,« sagte sie sich. »Er wird auch seine Frau

einmal nur als eine Episode behandeln. Er wird jede Treue verlernen und

sich an das Naschen gewöhnen, das den Charakter verdirbt und Unglück im

Leben des anderen anrichtet. Er wird niemals zur Ruhe kommen mit den

Frauen. Ich muß ihn warnen. Und mein neuer Schützling? Möge es mir

gelingen an ihm Gutes zu tun!«

Abends um halb sieben Uhr hielt Celia Andachtstunde in ihrem

Bücherzimmer. Vor den breiten Fenstern flimmerte ein leiser Schnee. Es

war ganz still im Raum. Zehn kindliche Augenpaare hafteten an Celias

Lippen. Sie begann: »Helene hat mir berichtet, daß sie mit Kathlin

Streit hatte. Ich will gar nicht untersuchen, wer recht hatte, denn es

ist fast ebenso bedrückend recht zu behalten als schuldig zu sein. Es

gelüstet uns ja oft dem anderen zu widersprechen, denn jeder Mensch ist

einzigartig und hat seine einzigartigen Gedanken, wenn er auf

rechtschaffene Art denkt und nicht seine Denkungsweise vom anderen

borgt. Oder wir wünschen etwas, das der andere nicht wünschen kann. Da

ist es uns geboten zu fragen, nicht einmal nur zu fragen: Ist mir denn

der eigene Wunsch, der eigene Widerspruch wichtig genug, daß ich den

anderen betrübe. Und wenn etwas in uns mehrmals antwortet: ich kann

nicht ablassen, so müssen wir so milde, als es uns gegeben ist, unserem

Willen nachgehen und des anderen Kränkung dabei zu lindern trachten. Ihr

Kinder glaubt manchmal euere Schwäche und Unerfahrenheit sei ein Makel,

der schwindet, wenn ein anderes noch schwächer und unerfahrener aus

einem Streit hervorgeht. Das ist ein Irrtum, denn ihr habt durch eure

Eitelkeit recht zu behalten noch eine größere Schwäche dazu bekommen.

Betrachtet eine Wage mit ihren Maßen. Sie sind nichts, wenn auch das

eine schwerer wiegt als das andere. Sie sind nur Begriffe und erst ein

Ding aus dem wirklichen Leben, dessen Schwere sie vorstellen, gibt ihnen

Sinn und Wert. Darum ist eitler Streit sinnlos. Nur wirkliche Werte

dürfen sich aneinander messen. Darüber aber steht dem Menschen oft

selbst in seiner Reife noch kein Urteil zu, ob sein Wille wertvoller ist

als der des anderen. Wißt ihr denn auch, daß ihr lieblos werdet, wenn

ihr streitet? Ihr haßt am Ende den anderen in der Blindheit, in die euch

eure Rechthaberei versetzt, und ihr liebt die übrige Welt nicht, weil

ihr über dem Streit alles vergesset und nur euren scheinbaren Vorteil

sehet. Die erzürnbare Seele nannte Plato die niedere Form der Seele, die

tierische. Wer streitet, versteht nicht mitzuleben und sich in des

anderen Leben zu versetzen. Mitleben, mitwissen aber ist das, was euch

erst zum gerechten Menschen macht. Erlebt ihr des anderen Wunsch und

Willen neben dem euren, wird der Streit gebrochen sein, eh' er beginnt.

Denn ihr Kathlin werdet ebenso Helene sein, als Kathlin und Helene --

Kathlin so gut wie Helene. Lernet einander verstehen, dann werdet ihr im

Frieden leben. Und die Menschheit wird Frieden haben, wenn sie sich

versteht.« Noch herrschte Stille. Da schritten Kathlin und Helene

zaghaft anfangs, dann stürmisch einander entgegen und umarmten sich.

Jetzt sollte ein wenig Musik gemacht werden. Gaston wollte Clothilde zum

Gesang begleiten. Als sie eben begonnen hatten, hörte Ceciles feines Ohr

einen Wagen heranrollen. Sie ging zur Diele herab und erwartete dort

allein Givo und seinen Schützling. Oben begann das Spiel. Musik war es,

die Vögelchen empfing, als der Wagen durch den leicht verschneiten

Garten ihrem neuen Heim entgegenrollte.

* * * * *

Süß ist das Leben

Um des strenggekehrten

geistigen Blickes willen,

Der gleichzeitig umfängt die

Erde von allen Seiten

Die kristallenen Öden der

Pole, der Vorzeit,

Des Urgebirges, der Zahlen

Gesetze.

(Ottokar Brezina.)

Nach dem Abendessen nahm Arabella die Aufforderung, sich zurückzuziehen,

um ungehindert auszuruhen, gern an. Sie fand ihr Zimmer hart an der

Stiege, die zu dem breiten, altertümlichen Turm führte, und durch diese

ein wenig überwölbt. In dieser Wölbung stand ein großes Bett mit hellen

Mullgardinen, ein ähnliches an der gegenüberliegenden Wand. Ein

geblumter Teppich erhöhte die Wohnlichkeit. In einer Nische erblickte

sie einen weißen, runden Kachelofen, in dem ein leises Feuer

verknisterte, neben diesem einen Waschtisch und zu ihrem Gebrauch

bereitet ein breites Badebecken. Neben dem Ofen einen Armstuhl, über dem

ein großes Tuch zum Abtrocknen hing. Wie wohl tat diese Sorgfalt! Ihr

Koffer stand vor dem Kasten, der für sie bestimmt schien. Sie entnahm

ihm sogleich eines ihrer weichen, mantelartigen Gewänder, in denen sie

einer kleinen Griechin glich, und streckte sich nach dem Bad auf das

Bettchen hin, nur um eine Weile so zu verharren. Durch die breiten,

kleinen Fenster sah eine stille, bestirnte Nacht, die über eine sanfte,

stadtferne Landschaft gewandelt war. Durch diese Landschaft war sie mit

Givo gefahren, neben ihm im ländlichen Gefährt mit hohem Sitz und ein

und dieselbe Decke hatte sie vor der Kälte geschützt. Viele Stunden

waren sie gefahren, denn Givo liebte Wagenreisen über Land und hatte nur

eine kurze Strecke die Eisenbahn benutzen wollen. Arabella war es

gewesen, als führe sie durch den Äther der Unendlichkeit.

Givo hatte zu ihr gesprochen all die Stunden mit der ihr märchenhaften

Stimme, sie angesehen mit dem Blick, in dem sie ruhte wie in göttlichem

Schutz, er hatte zuweilen leise ihre Hand in die seine gelegt und

süßeste Geborgenheit war von ihrer guten Wärme ausgeströmt. Und er hatte

zu ihr geredet nicht wie zu einem Kind, nein, wie zu einem verstehenden,

ahnenden Wesen, das er in das Wesentlichste seiner Weltanschauung

einweihen wollte. Seine Welt war das unendliche Gebiet der Erforschungen

über Eindrücke und unbewußte Erfahrungen, die durch die Art der

menschlichen Empfänglichkeiten möglich sind, zu deren Vervollkommnung

Instrumente erdacht werden. Was der Mensch durch das begriff, was wir

Ahnungen nennen, war ihm ein Teil des göttlichen Lichtes. Ein Ding an

sich, ein Unabhängiges unserer Erkennbarkeit, einen Gott mit langem Bart

im Sinne des gedrillten Glaubens, der zwischen sich und dem Himmel einen

leeren Raum voraussetzt, sah er nicht. Ihm war Gott das Licht, jener

wissende oder nur ahnende Strahl, jenes sich selbst vergessende

Aufstreben zu einem Höheren, zu einer Fortsetzung unseres Selbst, in der

wir uns überwinden und durch die wir verbunden sind mit dem Höheren der

anderen. Die Seele war ihm hierzu die vorbereitende Stätte, wo Mittel

geborgen waren, das Leben über seine tierischen Forderungen zu begreifen

und zu bereichern, diesen ein Gegengewicht zu schaffen, aus dessen

Wirksamkeit der Wert und die Vollkommenheit des Menschen zu beurteilen

sei. Im genialen und produktiven Menschen sah er die Vorbedingungen zu

dieser Vollkommenheit mitgeboren, oft aber im Werk erstarrt, im Kinde

jedoch oder Kindgebliebenen in Ahnungen und Nebelbilder der Gedanken und

Gefühle gegründet. Diese konnten die ganze Welt umspannen in ihrer

Einfalt vor dem Unmöglichen und mählich von der Ferne zurückkehrend das

Naheliegende begreifen. Kinder und Künstler sah er diesen Weg von der

Imagination zum Nahen am langsamsten zurücklegen. Er wollte in der

Schauung der märchenhaften Zusammenhänge in der Natur einen Ersatz

geboten sehen für den selbstischen schwächlichen Traum dieser

Lebenskinder. Die reale Welt war ein Wunder, wenn man sie mit dem Blick

der Schauenden sah, sie entthronte den Traum und machte ungeheure

Sphären frei zur Wanderschaft. Der Astronom weiß um die Unermeßlichkeit.

Welcher Künstler könnte sie in seinem Hirne mächtiger gebären? Vögelchen

begriff nun wie in einem Zauber und dennoch zum ersten Male zauberlos,

daß sie unendlich weit sich aus dem Ich, das in die Umwelt gebannt ist,

entfernen konnte, daß alle Fernen in ihr waren, alles Licht, alle

Gottheit und ihre vielfältige Einheit und ganz dunkel ahnte sie schon

das Ichlose, das ihr früher schon gedämmert war, da sie sich als ein

Fünkchen auf Wanderschaft empfunden hatte. Sie sah sich geweiht Givo zu

verstehen. Sie war gespeist vom Lichte seines Lebenssternes, sie fühlte

sich selbst als Stern, erkoren von dem seinen. Und sie fühlte sich

erlöst von jenem Schwanken der Wagschalen, wenn Tier und Mensch sich

messen, um Gleichmaß bebend. Denn er lehrte sie, daß das Weltall und der

Mensch selbst Vorgängen im Einzelnsten unterworfen sind, zwischen denen

ewige Beziehungen und ewige Folgen bestehen. Vom gleichen Lichtgesetz

sei der Mensch und sein Geist und seine Mutter, die Natur, gespeist. So

lehrte er sie die Versöhnung von Körper und Geist und setzte die Seele

als Vermittlerin ein, so zeigte er ihr auf, daß das Ich ein Gemenge von

Vorgängen ist, die sich im Austausch mit den Vorgängen jener Umgebung

befinden. So verstand sie auch Karinskis Wort, daß jeder Mensch an der

Schuld des anderen und jeder andere an der eigenen Schuld mitschuldig

sei. Sie begriff den Sitz seiner Güte, seiner verzeihenden

Hilfsbereitschaft, da er die Verwicklungen erkannte, in die der Mensch

mit seiner Umwelt geraten konnte, oftmals geraten mußte, wenn seine

beste Einsicht der Schauung der Zusammenhänge versagte oder schwächer

war als die Einwirkung des Außen auf die körperliche Schwäche und

Lustbereitschaft. Denn das Licht allein schien ihm die Kraft, die

unbewußte Kraft oft den bösen Folgen des Übels zu widerstehen. Dies

Licht bedingt die Seele, die Seele selbst war von seinem Urstoff

geschaffen. Sie erfaßte ahnend, was er von den Sternen wollte, daß er

hart an der Himmelstüre der Unendlichkeit seiner Wissensarbeit einen

Sitz errichtet hatte, um der Erde Wesen in dem Gesetz des Alls zu

begreifen. Daß er in den Werken der Astrologen forschte (so sehr er auch

das Horoskopieren als bösen Nebenverdienst wissenschaftlicher

Quacksalber verwarf), daß er den Sehnsuchtkulten der letzten Dinge, den

Mythen der Religionen nachhing, geschah in seiner Liebe zu einer neuen

lichtvollen Gerechtigkeit, in seinem Trieb, das Dunkle zu entwirren und

den Zauber der Wirklichkeit aufzurichten in der Legende.

Er erzählte ihr von erleuchteten Menschen und, während er sprach, drang

ihre Gnade auf sie ein. Christus brachte ihr die große Tröstung der

Liebe, Heilige kamen und ließen sie ihrer Einkehr teilhaftig werden,

Gelehrte schenkten ihr die Früchte ihres Forschens, edle Menschen

beglückten sie mit Zuversicht. Sie erlebte, als er sprach, wieder den

Aufgang ihrer Gefühle über ihre Körperlichkeit wie in den Kinderjahren,

wo ihr war, als flöge sie ins Weite, wie dann in den Nächten, da sie in

den Schauern der Liebeslust sich hingegeben fühlte einer Unendlichkeit.

Und alle Trostlosigkeit und Unwiederbringlichkeit, alle Anklage war

gefallen. Sie richtete nun nicht mehr und sie wurde nicht gerichtet.

Nicht ob ihrer Hingabe an Va, ob ihres Spieles mit jenem Jüngling, nicht

um ihrer sinnlichen Träume, die nun mit ihrer Liebe zu Givo verschmolzen

waren! Und als er schwieg und sie im Blick zu sich zog in all seiner

Liebe, sagte sie leise, ganz leise: »Mir ist so wunderbar. Hab' Dank.«

Und von diesem Augenblick an sagte sie du zu ihm wie im Gebet zu Gott.

Mit vollem Vertrauen war sie auch in Celias Asyl getreten wie an der

Hand eines Engels und sie verlebte da den ersten Abend der Ruhe und des

furchtlosen Vertrauens in das Leben, das nicht mehr wie eine unheimliche

und verführerische Drohung sich auftat. Aber die Nacht rief sie zurück

in ihr früheres Leben, ihr Traumzustand griff wirr in das Chaos von

Vergangenheit und Zukunft.

Als Arabella auf ihr Zimmer gegangen war, saß Givo mit Celia beim Tee im

Bücherzimmer, einem Raum edler Wohnlichkeit, während die Kinder mit Anna

im Saal mit Gesellschaftspielen sich unterhielten.

»Und du willst auch an ihr wieder vorübergehen, obwohl du jetzt schon

schmerzlich dein Entgleiten vorausfühlst, auch an diesem Mädchen, das

dir teuerer ist als dir andere waren?« sagte Celia mit schmerzlichem

Vorwurf.

»Gerade sie darf ich nicht halten,« sagte Givo, »weil so seltsam und

unentwirrbar fein die Fäden ihres Wesens sind.«

»Du mußt sie stärker machen,« erwiderte Celia.

»Damit ich sie doch dann zerreißen muß?«

»Lehrst du nicht selbst, der Zukunft unbesorgt zu sein?«

»Nicht meine Zukunft fürchte ich, nicht mein Leiden oder Unterliegen,

sondern das ihre.«

»Du vergißt, wie selbstlos Frauen in ihrem Glück sind.«

»Und wie undankbar oft, denn ihr Genuß ist nicht der Genuß selbst, es

ist das Lieben und höret nimmer auf.«

»Das macht uns ja so stark in der Liebe, daß wir doppelt gebunden sind,

an sie selbst und an ihren Gegenstand. Und gerade unsere Ausdauer läßt

sie Kränkungen und Zurücksetzungen überleben.«

»Aber es wird dann oft Haß aus ihr: eine andere Form der Liebe. Haß für

den, der sie leichthin genoß, und wenn nicht Verbitterung, Liebe den

Leidenden der Mehrheit.«

»Vergiß nicht, daß dieses Mädchen sehr jung ist. Deine Mutter mag

anderer Meinung werden, du selbst zu eigenem Wählenmüssen reifen. Und

wird es, wie du voraussiehst, mußt du sie lassen, so liegt noch das

Leben vor ihr verklärt durch dich. Sie ist ja so jung, so köstlich

jung.«

»Eine Frau ist so alt, Celia, als sie zu lieben und zu wissen begann um

die Liebe. Deshalb bist du so jung, Celia, weil du an Jahren schon

Mutter hättest sein können, als du erst wissend wardst.«

»Jung mit grauen Haaren,« sagte Celia. »Um so stärker erleben wir die

Liebe, wenn sie spät kommt. Aber wie immer wir sie erfahren, sie muß uns

willkommen sein. Wir dürfen nicht wägen und wehren. Auch du nicht, Givo,

wenn du auch deinen vorgeschriebenen Weg hast, deinen Weg der wissenden

Hilfe. Muß er sich denn nicht behaupten gegen alle Proben, dein Weg der

Liebe, auch gegen die Liebe? Und sieh, dies Mädchen ist Wachs unter

deinen Händen. Ihr Blick hing an dir wie an einem einzigen Heil. Wir

Frauen erkennen dergleichen. Da gibt es keine Verstellung. Du kannst aus

ihr vielleicht die beste Frau erwecken. Deine Liebe könnte die Seele,

die du mir anvertraust, im guten Feuer stählen und groß machen. Im Glück

könnte sie reifen, an deiner Sonne köstlich werden. Nur im Glück, Givo,

nicht in entsagender Sehnsucht. Die macht milde zuweilen, manchmal böse

auch, aber immer schwächt sie und wirft uns aus den Reihen der

Lebendigen.« Celias Stimme erhob sich zu heißer Klage. »Wehe der Frau,

der am Verlorenen ihr Herz hinblutet, wehe der Lebendig-Begrabenen, die

unfruchtbar liebt!«

Givo erschrak. Er nahm Celias Hand. »Unfruchtbar, Liebe?« fragte er

leise besorgt. »Gibt es denn unfruchtbare Liebe? Verwandelt sie sich

nicht bei den wahrhaftigen Seelen in tausendfältiges Lieben?«

»Ja,« sagte Celia und drückte seine Hand, wie in einem Versprechen. »Der

Mehrheit, wie du vorhin sagtest. Aber diese Verwandlung ist eine

leidvolle Maske, die wir schließlich für unser wahres Gesicht halten

müssen. Verschon' dies Kind, wenn dein Herz ihm warm ist. Und sei

gewarnt, Imanuel, daß deine Fügsamkeit sich nicht in Selbstsucht wandle,

deine Freiheit zu behalten.«

Es klopfte leise. Anna fragte, ob Felix Blanc eintreten dürfe. Er wäre

so erfreut gewesen von Givos Anwesenheit zu erfahren, als er eben, von

einem Kranken kommend, seiner Braut Guten Abend sagen wollte. Blanc war

längst Mitglied des »Sozialen Dienstes« und ein Freund Givos. Es war

Zeit, die Kinder zur Ruhe zu schicken. Cecile, Givo, Anna und Felix

saßen noch lange beisammen.

Vögelchen · 第 30 / 74 题