Arabella erwachte spät am Morgen und als sie ans Fenster trat, erblickte
sie Konrad, der im Torbogen des gegenüberliegenden Hauses stand. Es war
ein kalter, klarer Tag. Er hatte keinen Mantel und fror. Die Krawatte,
die Vögelchen in der Rue de la Paix gekauft hatte, war ihm von
Marguerite kunstgerecht um einen Kragen aus künstlicher Leinwand
geschlungen worden. Vögelchen hatte ihn ja herbestellt, nun stand er
wohl lange schon unten. Sie rief Camill und erfuhr, daß Adalbert
ausgegangen sei und in einer Stunde wiederkehren würde. Da bat sie rasch
Konrad heraufzuholen. In einem Morgenkleidchen, selbst ein wenig
frierend, vor dem Kaminfeuer auf einem weißen Fell kauernd, empfing sie
den Gequälten, Verfehmten. Er stürzte vor sie hin und küßte ihre Füße.
Ein Zittern und Schluchzen ging durch seinen Körper. »Steh auf, ach,
steh doch auf,« sagte sie voll leisem Erbarmen und fuhr ihm mit den
kleinen, kalten Fingern durchs Haar. »Aller Qual Segen ist dieser
Augenblick,« sagte er und stand vor ihr auf und sein Lächeln war
Vergessen vieler Abgründe. Als sie zu sprechen begann und jene Frau
nannte, Marguerite, tauchte deren Bild wie aus fernem Hades auf. Er
wußte nicht mehr, daß er nachts in ihren Armen gelegen war, wie Arabella
nichts von Adalberts Liebkosungen mehr wußte. Aber sie sah Konrad in der
Ekstase, in die sie die Sehnsucht nach Givo versetzt hatte, und war gut
zu ihm. Geld nehmen wollte er nicht, doch er versprach ab und zu von ihr
ein Geschenk anzunehmen, einen warmen Mantel würde er nicht
zurückweisen, wenn er bis zum Einbruch des Frostes nichts verdient
hätte. Während er sprach, löffelte Vögelchen in ihrer Schokolade. Sie
bot ihm feines Backwerk, zartes Fleisch an. Wiewohl er nicht
gefrühstückt hatte, rührte er nichts an. Er trank nur ihren Blick,
nährte sich nur von der Speise ihrer guten Worte. War nicht alles plump,
leer und ihrer unwürdig, was er, der Erniedrigte, zu stammeln versuchte?
»Was wird nun aus Ihnen, Herr Prediger? Sie müssen jemand haben, der
Ihnen hilft,« sagte Arabella traurig. »Gehen Sie zu Frau von Twede, aber
sagen Sie nichts von mir, kein Wort, hören Sie. Aber gehen Sie zu ihr,
sie wird Ihnen Arbeit verschaffen. Nun müssen Sie gehen. Schreiben Sie
mir dann.« Und sie stand auf, reichte ihm beide Hände und nickte noch
von der Türe her. Sie eilte in ihr Zimmer zurück, um allein zu sein, so
stark übermannte sie wieder der Gedanke an dies wunderbare Wiedersehen
am Vorabend. Konrad sah ihr nach wie einem verlöschenden Stern.
Nun geschah es, daß Adalbert krank wurde, kränker als er es bisher
gewesen. Er lag matt und abgezehrt und Vögelchen saß an seinem Bett und
hielt seine trockenen Fieberhände, aus denen ein unheimliches Feuer zu
knistern schien. Er blickte auf sie wie auf das Leben, das ihm
entflattern wollte. Sie liebte ihn so sehr in diesen Tagen, sie klagte
sich an, daß die Krankheit über ihn gekommen sei, weil nicht ihm mehr
ihr Gefühl zuströmen wollte wie bisher. Sie wußte, sie konnte es nicht
wenden. Daß sie Givo wiedergesehen, war ihr wie eine Bestätigung, wie
ein Wink von Gott, ihre Liebe wandle den rechten Weg und sei erhört.
Aber konnte sie nicht kraft dieser Liebe Adalbert heilen und auch
Konrads Hilfe sein, war sie nicht doppelt so stark jetzt?
Zu dieser Zeit tauchte zum ersten Mal in Adalbert der Wunsch als Vorsatz
auf Vögelchen wegzusperren, sie irgendwie zu verklostern. Er meinte nur
so gesund werden zu können, wenn er Ruhe gewänne über sie. Sie nicht zu
sehen schien ihm qualvoll, sie neben sich zu haben ohne sie besitzen zu
können noch unerträglicher. Er wagte nicht mehr sie zu berühren. Angele
von Twede, von Arabella herbeigerufen, besuchte ihn. Sie riet ihm, ans
Meer zu reisen, auch sie würde gern für einige Zeit Paris verlassen.
Gleichzeitig erhielt er einen Brief von Vögelchens Mutter. Sie forderte
ihn auf Arabella unverzüglich in die Heimat zurückzubringen,
widrigenfalls sie sein ungesetzliches Treiben zur Anzeige bringen wolle.
Ein Pariser Advokat, dem offenbar die Angelegenheit übergeben worden
war, sandte zu ihm und forderte Erklärungen über Einzelheiten seines
Lebens und zeigte sich in erstaunlicher Weise unterrichtet. Mannsthal
wies ihm die Tür, aber er war unruhig fortan. War es nicht genug, daß
ihm seine Krankheit die Freude an Vögelchen verstörte! Alles schien sich
gegen ihn zu verschwören. Er witterte Feinde im Hause, sah sich umstellt
und ausgeforscht. Um dieser Mißlichkeiten Herr zu werden, mußte er zu
Kräften kommen. Ortsveränderung war zur Gesundung geboten. Oft sandte er
auch Vögelchen unter einem Vorwand aus dem Hause. Ihr Anblick schmerzte
ihn. Er wußte, daß sie von Givo träumte und daß er ihr vielleicht ein
Glück vernichtet hatte, ehe es zur Blüte kam. Dann war er dankbar, wenn
Angele kam und die bösen Geister bannte. Und ein neues Abenteuer lockte:
durch sie die Schwester jenes Gilbert an sich zu fesseln. Er sah nur
Vorteile in einer Verbindung mit dieser sanften, vornehmen Frau, die
nicht mehr brennen wollte wie Arabella und dennoch ein Glück in der
Gemeinschaft mit dem Manne noch ersehnte. Herr von Twede war
rücksichtvoll und feinfühlig, er hatte sie niemals verletzt, aber sie
erfror neben ihm und wußte, es war Zeit sich zu entscheiden. Hier war
ein Mensch mit außerordentlichen Gaben, von dunkler Vergangenheit
belastet, von Anfechtungen verfolgt, ein Mann, den man retten konnte,
wenn man sich selbst aufs Spiel setzte. Und sie hatte gespart, jetzt
wollte sie von ihrem Reichtum geben. So waren sie denn bald einig, zu
reisen. Was aber sollte mit Vögelchen geschehen? Angele war nicht
verlegen. Sie würde Givo zu sich bitten, der wußte immer zu helfen, und
Arabella selbst würde gern seinem Rate folgen. Sie erinnerte sich eines
Heimes, von dem er ihr einmal gesprochen. Keine Sorge, Vögelchen würde
ein Nestchen finden.
Angele war Adalbert bald unentbehrlich. Ihre Nähe war Sänftigung aller
Selbstqual und sie beherrschte den Gang der äußerlichen Täglichkeiten,
denen Verwirrung drohte.
Camill, der sich als Diener immer anständig gehalten hatte, begann zu
trinken. Der französische Wein hatte es ihm angetan. Da auch sonst Paris
mehr Gelegenheit zu Ausgaben bot und alles teuer bezahlt werden mußte,
wurde ihm bald sein anständiger Gehalt zu knapp. Aber auch die
Aufbesserung, die ihm sein Herr gewährte, reichte bald nicht mehr. Da er
als Mitwisser von Mannsthals Geheimnissen nicht Sorge trug, von diesem
angezeigt zu werden, begann er allerlei Unehrlichkeiten zu begehen, die
sich schließlich zum frechen Diebstahl steigerten. Nach wie vor war er
tadellos in Pflege und Bedienung, aber Adalbert hatte jegliches
Vertrauen verloren. Er sah in dem Dieb schon den Erpresser, der
bestochen worden war, um seine Beziehung zu Arabella auszuforschen.
Eines Tages, als ihm der Zustand unerträglich geworden, bezahlte er ihm
Lohn, Verpflegung und die Reisekosten in seine Heimat und entließ ihn
ohne Aufklärung. Nun fehlte er überall. Angele sandte ihre Beschließerin
und sie brachte einige Ordnung ins Haus. Die Abreise ans Meer aber wurde
nun um so dringlicher.
Während dieser Zeit hatte Givo Arabella ein einziges Mal gesehen, der
Besuch seiner Mutter hatte ihn verhindert zu Angele zu kommen. Dies eine
Mal hatte er sie in der Nähe des Observatoire getroffen. Er zweifelte,
daß dies ein Zufall gewesen. Er war nicht allein und hatte sie nur
flüchtig gesprochen. Sie möge doch ihr Versprechen erfüllen und die
Sternwarte besuchen, er würde ihr bald schreiben. Aber er hatte bisher
nicht geschrieben. Vögelchen wartete. Sie fragte in Bangen jede Stunde
ab nach einer Botschaft. Ihm gegenüber war sie nicht das Kind, das
blindlings seinem Triebe folgt. Sie erinnerte ihn nicht an seinen Brief,
sie erschien nicht unaufgefordert, sie wartete. Durch Frau von Twede
fühlte er sich an sein Versprechen gemahnt und sogleich empfand er Lust
ihr zu schreiben. Er sah sie mit einem Mal hilflos allein, wie damals am
Pont Neuf, Sehnsucht, sie zu beschützen, erfüllte ihn, Reue, daß er den
Trost seines Briefes ihr vorenthalten. Er ging umher und hatte Vögelchen
mit sich. Er wußte, wo er es bergen würde. Sie war die erste Heimatlose
nicht, für die er Asyl Gloriot wählte. Immer war er von Wehmut und Liebe
erfüllt, wenn er einen neuen Schützling der kleinen Anstalt empfahl, bei
deren Gründung und Erhaltung er mittätig gewesen war. Das Asyl war dazu
bestimmt, Kinder aus unglücklichen Lebensverhältnissen aufzunehmen. Da
eine bestimmte Summe beim Eintritt bezahlt werden mußte, war die Anstalt
nur den besitzenden Klassen zugänglich. Sie war auch in der Aufnahme der
Zöglinge beschränkt, damit der Charakter eines Heimes gewahrt bliebe. Es
wurden Kinder ohne Unterschied des Alters, auf jede Dauer und mit der
Erlaubnis, immer wieder in das Asyl zurückkehren zu dürfen, aufgenommen.
Givo, der die Erziehungsresultate des Asyls kannte, zögerte niemals, es
zu empfehlen. Von anderen Pensionaten war es, abgesehen von den
andersartigen Aufnahmebedingungen, durch den ihn leitenden Geist
unterschieden. Wer das Asyl kennen wollte, mußte allerdings Cecile
Gloriot kennen. Givo gedachte ihrer nie ohne Erhebung. Und dennoch, ihm
ward weh ums Herz. Ausgestoßene, bedrohte Kinder waren es, die man ihr
sandte, die sie durch ihre Mütterlichkeit errettete und erwärmte. Sollte
auch dieses teure Mädchen den Stempel der Unglücklichen und Heimatlosen
tragen? Fast hätte sie es überstanden, fast wäre sie heil und stark ins
wache Leben getreten, sie war ja beinahe erwachsen, da lauerte der Dämon
auf dem letzten Ende ihres kindlichen Weges und drohte sie zu
überfallen. Denn mehr wußte Givo nicht, als daß Mannsthal nicht
väterlich für sie empfand und daß die Mutter sie ihm vor Jahren
überlassen hatte, so daß sie jetzt Vögelchen nur eine peinliche Fremde
war. Nach kurzer Überlegung verstand er Angele. Sie und er sollten sich
in die Arbeit teilen. Sie wollte den Mann, er sollte das Mädchen in
seine Obhut nehmen. Wie aber sollte er es dem Mädchen sagen, dem zarten?
War es nur Vorwand, wenn er ihr schrieb, daß er litte, sie im wirren,
betörenden Paris so schlecht behütet zu finden, daß er sie gern bei
einer mütterlichen Freundin wissen wollte? Nein, er fühlte wahrhaftig
Besorgnis und eine Zärtlichkeit des Gedankens für sie, die er bisher nur
bei den Begegnungen empfunden hatte. Gerne hätte er sie lebendig bei
sich gehabt und warm in die Arme geschlossen, an seiner Brust geborgen.
Zugleich aber fühlte er sich unwürdig vor ihr und seiner dunklen Wege
bewußt. Er war in den Straßen umhergegangen, nun trat er in ein
Restaurant; ließ sich Schreibzeug geben und begann seinen Brief, dessen
Buchstaben an alte Schriftzeichen erinnerten:
»Arabella, liebe Kleine, ich darf so sagen, darf Mademoiselle weglassen.
Seele zu Seele sagt nicht Name und Würden. Wollen Sie in mein
Sternenheim kommen, nein, das meine ist es nicht allein, ich teile es
mit vielen Wißbegierigen und es ist großer Geister Stätte gewesen.
Wollen Sie nun kommen? Oder sind Sie durch Monsieur Mannsthals
Unpäßlichkeit ganz an ihn gefesselt? Sie sollten ihm raten ans Meer zu
gehen. Die Wellen und Winde bringen große Botschaft, darin des Einzelnen
Wehe ertrinkt. Er wird dort Gesundheit finden. Sie selbst aber sollten
bei Frauen sein und unter gleichaltrigen Jungfrauen und unter Kindern.
Ich wüßte sie gern geborgen bei meiner Freundin Cecile Gloriot, einer
ausgezeichneten, liebreichen Frau, die Ihnen Ruhe und Freude geben wird.
Ich werde Frau von Twede bitten bei Herrn Mannsthal Fürsprecherin dieses
Planes zu sein. Was meinen Sie dazu, Seelchen? Ach ja, ein Seelchen sind
Sie, aber unter Cecile Gloriots Sonne werden Sie Seele werden. Kommen
Sie oder schreiben Sie mir Antwort. Ich bin Ihr treuer Diener