Imanuel Givo

Motto:

»Es war etwas in ihm,

das ihm die Menschen zu

richten verbot und in seinem

ganzen Leben ihm zuflüsterte,

daß er nicht der Richter

der Menschen sein, nicht das

Verurteilen auf sich nehmen

wollte und darum auch unter

keiner Bedingung verurteilen

würde. Es schien sogar,

daß er alles zugab und nichts

verurteilte, wenn er auch

oftmals schwer darunter

litt. Ja schließlich konnte

ihn nichts und niemand

mehr weder in Erstaunen

setzen noch erschrecken.«

(Dostojewski »Die Brüder

Karamasoff«.)

Indessen hatten sich allmählich Frau von Twedes Gäste empfohlen.

»Seltsames Elfchen, Ihr Töchterchen,« sagte sie zu Mannsthal. »Gewiß

fühlte es sich hier nicht wohl und flatterte hinaus, als jemand einen

Spalt der Tür öffnete. Oh, bitte, entschuldigen Sie sich nicht, das Kind

ist bezaubernd.«

»Nun will ich Sie aber nicht länger stören. Ich lasse den Wagen zurück

und werde auftragen, daß man Arabella sage, ich sei bereits nach Hause

gefahren.«

»Ach, das sollten Sie nicht. Die Kleine würde sich dann nicht von mir

verabschieden können und sich unbehaglich fühlen. Warum soll ich es

diesem Einfall nicht danken länger mit Ihnen plaudern zu können? Herr

von Twede arbeitet immer des Abends. Meine intimsten Freunde kommen

meist nach den Teegästen. Givo zum Beispiel, der niemals in große

Gesellschaften geht.«

»Ich bleibe,« sagte Mannsthal mit seinem zuweilen kindlich strahlenden

Lächeln.

»Diese Kleine,« begann Angele, indem sie sich in dem kleinen Salon

bequem zurecht rückte. »Diese Kleine muß Sie entzücken und ich verstehe,

daß Sie sich selbst der Autorität entschlugen, Sie nannten sie

Vögelchen. In der Tat erinnert sie mich an diese ursprünglich wilden

Tauben, denen die Mongolen Bambusflötchen unter die Flügel binden. Ihr

Flug ist Musik geworden, aber er kann sie nicht mehr zur Höhe tragen.«

»Sie meinen, daß ich um dieser Musik willen ihren Flug gedrosselt habe?«

»Ja, und ich glaube, daß sie eines Tages die Flötchen abschütteln wird,

um zur Sonne aufzusteigen.«

»Das fürchte ich,« sagte Adalbert leise. Seit Wochen beängstigt sprach

er nun wie eine Selbstbeichte diese Worte und sie erleichterten ihn. --

»Wie klug Sie sind, Angele Tirotzky,« und wie immer, wenn er bewunderte,

war sein bewegter vieldeutiger Blick kindlich demütig.

»Wenn es wirklich die Sonne ist, brauchen Sie nichts zu fürchten. Nur

jene Pseudosonne kann gefährlich sein, die uns Frauen so oft verlockend

leuchtet. Lassen Sie Ihr Vögelchen fliegen. Oder sollten Väter

egoistischer sein als es Mütter wären?«

Es trieb ihn an, sich dieser Frau gegenüber zu offenbaren.

»Ich bin nicht nur ihr Vater,« sagte er und senkte den Blick wie ein

Knabe. Er hatte, ach wie oft sich nach Verachtung gesehnt und überall

nur Achtung erfahren. Langsam hob er das Antlitz zu der auf, die er nun

zu seiner Richterin machen wollte.

»Ich wußte es,« sagte sie leise. »Damals auf der Stiege im

Schloßhofturm! Erinnern Sie sich! Ich habe es später begriffen. Damals

erschrak ich nur, als Sie mich, die Zwölfjährige --«

»Und jetzt?« fragte er mit tiefem Ernst.

»Mich machen diese Dinge unsagbar traurig,« erwiderte sie. »Ich kann

niemals über sie scherzen, so wenig als ich lachen könnte, wenn jemandes

Gesicht von Blatternarben seltsam verzerrt ist.«

»Sie sollten strafen können,« sagte er. »Das täte wohl!«

»Was nützte es? Mein Mitleid würde den Schlag kühlen, eh' er noch

gefallen wäre.«

»Sie sind ein Engel,« sagte er.

»Ich bin nur eine Frau.«

»Ja,« erwiderte er voll Andacht, »denn es gibt auch rächende Engel. Die

Frau aber in ihrer Vollendung kennt nur Linderung und Verzeihen. Aber an

sie zu glauben, ich hielt es für verwegener als das Wunder zu erhoffen.«

»Und dennoch täte Strafen wohler denn Verzeihen?« fragte sie

schmerzlich.

»Verzeihen bedeutet Vertrauen,« sagte er. »Die Strafe bejaht die Schuld,

indem sie bestraft, das Verzeihen macht sie unwirklich. Der Verzeihende

allein ist es, von dessen Herzensreinheit wir Strafe wünschten, vom

Strafenden ist uns selbst Verzeihen bitter.«

»Sie sollten Givo kennen, Imanuel Givo.« Sie sah auf die Uhr.

»Vielleicht kommt er noch heute! Er ist der Apostel eines wunderbaren

Heiles. Es heißt schauende und wirkende Demut. Er hat eine heimliche

Gemeinde, seine Lehre ist eine zugleich neue und uralte Religion. Er hat

sie weitergegeben und nun erfüllt sie sich stündlich. Wer in ihr ist,

lebt in Seligkeit und nichts stört seine Weihe. Und nichts, nichts

vermag ihn zur Überhebung zu verleiten und zum strafenden Urteil. Denn

in ihm ist nichts, was sich mit anderen mißt und andere wägt, weil er

einzigartig ist und der andere wieder ein anderer und eigener.«

»So gibt es denn Einklang von Wissen und Tun?« fragte Mannsthal.

»Es gibt diese Wahrheit und diese Liebe,« erwiderte Angele. »Liebe

allein kann heilen und wie oft hat Lieblosigkeit das Laster verschuldet.

Wenn ich einen auf Abwegen sehe, frage ich mich: ist er denn auch genug

geliebt worden?«

Und sie begann wieder von Givo zu erzählen. Er sei Spanier und stamme

von Mystikern ab. Das Leben, das jahrhundertelang in seiner Familie

geübt worden, war in ihm als Jüngling zur Ekstase aufgeblüht. An seinem

Wort hätten andere sich entzündet. Als er die Menschen kennen lernte in

der Klarheit der Ernüchterung, in die ihn die Großstädte versetzten,

hätte Mitleid seinen Abscheu vor den menschlichen Lastern besiegt. Er

wollte lieber selbst schuldig werden, um nicht erhöht zu sein über die

Schuldigen. Nun sei wohl die Heiligkeit seines Feuers erloschen, sie sei

nur ein unterirdisches Leuchten mehr, aber seine Seele wärme jeden, der

ihm nahe. Er lebe wie ein Einsiedler und dennoch in Fühlung mit den

Menschen aller Welten. Seine Lebensflucht seien die Sterne. Er wäre

Astronom. In der Atmosphäre bade er sich rein. Sein Wissen knüpfte sich

an uralte Wissenschaften. Dabei sei er klar und einfältig wie ein Kind

in den menschlichen Dingen und im Menschlichsten wissend und rein

zugleich. Sein Handeln folge seinem Instinkt, so sei er denn zuweilen

erstaunlich.

Als Givo eintrat, mit leichtem freudigen Gang auf Angele zueilend, deren

Hände er küßte, dann ein wenig erschrocken vor dem Fremden sich

verneigend, erkannte Mannsthal blitzartig Vögelchens schwarzen Ritter.

Sie war ja nicht müde geworden, ihn auf das genaueste zu beschreiben.

Seine Handlungsweise paßte auch völlig zu dem, was Frau von Twede

erzählte. Das übrige besorgte einer jener merkwürdigen Instinkte, den

oft Frauen besitzen, wenn ihre Sinne durch Eifersucht geschärft sind.

Aber ehe Mannsthal an eine bevorstehende Begegnung Givos mit Vögelchen

dachte, rascher also als ein Gefühl der Abwehr ihn befallen mochte,

bezauberte ihn dieser Jüngling im Mannesalter, dieser Mann mit der

knabenhaften Feurigkeit einer fanatischen Seele. Und er erkannte seine

Lehre. Sie war ein Kampf gegen die geistigen Gifte, die verborgenen, die

bekannten und die unentdeckten, deren Wirkungen kaum als

Folgeerscheinungen von geheimnisvollen Vergiftungen gekennzeichnet

waren. Auch der Wahn war ein Gift und wie vielfältig war er! Auch die

Lieblosigkeit war vielleicht nur eines jener Toxine, die Ermüdung

erzeugt und jene Nervenverfassung, die das Leben und das Lebendige

herabsetzt, statt es zu erhöhen. Kraftlosigkeit, die neben sich für

andere nicht mehr das Auskommen findet. Givo sah eine Welt von Menschen,

die es zu lieben und zu heilen galt ohne Strenge, ohne Drohung, ohne

Versprechen, Liebe durch Liebe, Weisheit durch Liebe, Segen durch Liebe.

Und diese Liebe selbst? Sie war nicht Nachahmung eines erhabenen

Lebenswandels, der entrückt war, nicht Liebe um eines Liebenden willen,

Christi Nachfolge nur um des Himmelreiches Lohn, sie war die Einsicht,

das Handeln des Menschen, der sich seiner begibt im Erkennen und sich

genießt in diesem Sichbegeben. Um keines Dankes willen im Himmel oder

auf Erden, um keiner Tugend, keiner Unsterblichkeit willen, um keines

Glaubens willen waltete diese Liebe. Sie war die Weisheit und die

Weisheit um alles Menschliche war ihr Glauben. Sie war die Ruhe und das

Ruhen in allem Lebendigen war ihr Leben. Sie war das Leben, und das Sein

ihr Paradies in allen Zeiten. Für sie war nicht Anfang und Ende, sie

hörte nimmer auf, ihr Anbeginn tauchte in der Zeiten Urnebel und

reichte, soweit Raum war. Sie war der Glauben der Liebe und der Glauben

der ewigen Weisheit war ihre Ewigkeit. Ihr Ewigsein war ihre Ruhe. Und

sie war zu Hause, im Kelch der Blüten, der sich auftut für Biene und

Rosenkäfer, in der Wolke, die als Regen den Durst der Felder labt, sie

nistete wartend um die Wiege des Säuglings und hütete der Kinder

Entfaltung, sie war im Schoß des Weibes und in der zeugenden Kraft des

Mannes, sie beugte sich über das Lager des Fiebernden und saß bei dem

Ratlosen, sie zündete die Lampe an in des Verlassenen Haus und

beschwichtigte den Verfolgten und barg den Verstoßenen. Sie forschte in

den Laboratorien und sang ihre Kunde in unsterblichen Melodien. Und oft

tat sie nichts als stillehalten. Sie schwieg dem Zornigen, sie erwiderte

nicht dem Bösen, sie strafte nicht den Verleumder und höhnte nicht den

Höhnenden. Und zuweilen tat sie mehr noch, sie machte den Zorn, das

Böse, die Verleumdung, den Hohn zunichte im Vergessen. Sie versenkte

sie, streute ihren Samen auf und ließ frische Blumen erblühen. Und wenn

sie mit ihrem eigenen Blute die Erde des Vergessens düngte, so war es

der Seele Acker, der Blumen Trieb und die hießen Verstehen, Vergeben,

Verwinden, und andere wieder hießen: Verschenken, Verwandeln, Vergolden

und Vertrauen. Im täglichen Leben tat Givo für eine häßliche alte Frau

dasselbe, was er für die junge Arabella getan. Er war der Freund seiner

Nachbarn, unter denen er stille hauste und fast ungekannt war bis zu dem

Augenblick, wo sie seiner bedurften. In seiner Wissenschaft ging er

seine Wege und was den anderen frommen konnte auf den Entdeckungsfahrten

seines Forschens warf er ab, verschenkte es, ohne ein Quentchen nur des

Ruhmes zu erheischen. Was er in seinem Fach erstrebte, war ein Spiel

fast. Er suchte Fäden von den mittelalterlichen Gelehrten in die

Forschungen der Neuzeit zu spinnen. Sein Werk war eine Andachtübung, ein

Dank für verschollene Arbeit. Dazwischen arbeitete er »exakt«, aber nur

nebstbei, doch dies zwang, seine Werke ernst zu nehmen, und zu der Zeit,

als Mannsthal ihn kennen lernte, wurden sie bereits als eine Art

preziöser Kostbarkeit geschätzt. Angele von Twede meinte, daß er sich

dies scheinbar müßige Treiben erlauben dürfe, weil sein Leben von Mensch

zu Mensch werktätig war wie kaum ein anderes. Mannsthal fieberte, Givo

näher kennen zu lernen. Er selbst hatte ja, verborgener vielleicht als

dieser junge Prophet, Menschen hingebend geholfen, das Äußerste oft

gewagt nicht um Dank und ohne Pflicht. Das Pflichtgefühl der anderen, er

besaß es nicht. Sein Gefühl für die Menschen war brennende Neugier und

Wissen um Ungeahntes. Dies allein verpflichtete ihn zuweilen, daß er

Verborgenes wußte, weil er mitschuldig wurde an Unglück und Schuld, wenn

er nicht warnte, riet und half. Aber dies hinwieder hatte ihn

hartgesotten Verfehlungen gegenüber und den leichteren Leiden. Oft war

er Menschen wie ein Engel erschienen und es quälte ihn, daß er nicht zu

sagen vermochte, wie sehr er heimlich bedankt war auf seine Weise und

nichts geopfert hatte. Ihm, der jede zarte Regung des Wunschgefühles,

die Einschätzung des anderen völlig erriet, ward zum Kinderspiel ein

Leben zu krönen. Aber letzten Endes war seine Güte Können, Abfall seines

Überflusses, Virtuosität und nicht Wille zum Guten. Sie war Reichtum,

Mut, Waghalsigkeit, Experiment, Spiel. Givo aber? Er wußte um alle

Laster, aber keines schien um ihn zu wissen. Er hatte sie gesucht, um

ihre Geheimnisse zu erkennen, hatte ihr Leid, ihre Reue auf sich

genommen um wenig Freude und um der Wollust willen, den Elenden näher zu

sein. Die Gefahr war an ihn herangeschlichen in diesen Leiden zu

versinken. Sein Sieg, seine Beschlossenheit hatte etwas Weihevolles.

Vielleicht war er alt, wiewohl er ein Jüngling schien, war Mensch

gewesen, da andere noch Kinder sind, vielleicht lag jene Zeit, in der

die Seele durch feurige Tiefen geht und abstürzt aus frevelhaften Höhen,

weit zurück, getrennt durch ein Leben, das schon Ewigkeit war? Einer

seiner Vorfahren hatte als Knabe im Tempel gepredigt.

Angele sah die Wirkung, die Givo auf Mannsthal ausübte. Sie verstummte,

sie wollte kein Wort und Gegenwort der beiden mit dem eigenen

durchkreuzen. Ihre Seele hielt Wache und hütete den Faden, der von dem

einen zum anderen sich spann. Aber Givo, das sah sie, wiewohl er in

Mannsthal vielleicht wie in keinem anderen einen Ebenbürtigen im

Menschlichen spürte, Givo blieb in seiner Welt und zögerte ihm die Gabe

seiner Inbrunst zu reichen.

Adalbert hatte ihn nach der Stätte seiner Arbeit gefragt. Givo

berichtete, daß er zu Gaste sei bald da, bald dort. Später gedenke er in

einer eigenen Sternwarte zu arbeiten und seßhafter zu werden seiner

Mutter zuliebe. Aber noch wisse er den Platz nicht. Angele meinte

lächelnd, er warte ein Zeichen ab, ein Meteor.

»Wo soll der Tempel stehen?« sagte er lächelnd, den Scherz aufnehmend.

»Eine schöne Legende aus dem Palästinischen fällt mir ein.«

»Erzählen Sie,« bat Frau von Twede.

In diesem Augenblick öffnete der Diener leise die Tür und ebenso leise

trat Arabella ein. Der Saal war groß, sie durchschritt ihn, der dicke

Teppich verschlang das Geräusch ihres Schrittes, sie blieb an der Türe

des kleinen Zimmers stehen. Da drinnen sprach einer, da erzählte einer.

Wessen war diese Stimme, oh diese Stimme! Er sah sie nicht, sie horchte

atemlos. »Der Tempelplatz war einst eine Dreschtenne, die zwei Brüdern

gehörte. Es war der eine verheiratet, der andere lebte allein. Als die

Ernte vorüber war und sie geteilt hatten, legte sich ein jeder zu seinem

Kornhaufen, um das Gedroschene zu behüten. Da erwachte einst nachts der

Verheiratete, sann über seine Ernte und sagte sich: »Ich bin reich, habe

Frau und Kinder und hoch ist mein Korn. Er aber, der Bruder, ist einsam,

es betreut ihn keiner, einsamem Alter geht er entgegen. Warum soll ich

glücklicher sein als er? Ich will ihn erfreuen, will ihm von meiner

Ernte geben. Leise stand er auf und schleppte emsig einen Teil seines

Kornes zum Haufen des Schlafenden. Die Arbeit hatte ihn müde gemacht und

nun störte nichts mehr seinen Schlummer. Indes erwachte der andere. War

nicht ein Flüstern in dem Stoppelfeld, nicht ein Rieseln im goldenen

Korn? Wie reich war sein Haufen und er bedurfte so wenig, indes der

Bruder Weib und Kind besaß. Böte er ihm Geschenke an, wies der ihn wohl

ab, so stand er auf und trug einen Teil seines Kornes hinüber zum

schlafenden Bruder. Des Morgens hatte ein jeder gleich viel Getreide,

keiner wußte, wie ihm geschehen, und sie fragten einander nicht. Gott

aber erwählte die Dreschtenne zur Stätte des Tempels.«

Givo wandte sich zur Türe. Es raschelte wie damals ein seidiges Gewand.

Er sah Arabella. Sie hatte beide Hände wie eine Blinde, die sich einen

Weg tastet, vorgestreckt. Er lächelte, er kam ihr entgegen.

»Sie sind es, Sie sind hier,« sagte sie wie in Verzückung. Er reichte

ihr die Hand.

»Wir sind einander in der Sainte Chapelle begegnet,« erklärte er

lächelnd, doch ohne Erstaunen.

»Ach,« sagte Frau von Twede. »So kennen Sie einander?«

»Ich heiße Givo,« sagte er. »Und Sie?«

»Arabella.« Sie fuhr sich über die Stirn, einen Schleier abzustreifen,

der ihr die Wirklichkeit zu decken schien. Sie ging auf Angele zu.

»Verzeihen Sie mir, aber eine Sorge rief mich fort. Verzeih auch du, Va!

Daß ich Sie hier finde!?«

»So muß Jairis Töchterchen ausgesehen haben, als der Herr sie erweckte,«

sagte Frau von Twede lächelnd.

»Ist es Ihre Tochter, Herr Mannsthal?« fragte Givo.

Angele nickte wortlos.

»Nun aber müssen wir gehen, Vögelchen,« mahnte Mannsthal.

Frau von Twede hatte das junge Mädchen an sich gezogen.

»Sie gleichen einander,« sagte Givo, die beiden Frauen betrachtend.

»Komm, komm, Kind,« drängte Mannsthal.

Vögelchen, an Angele gelehnt, wandte sich zu Givo.

»Ich habe Ihnen immer noch gedankt all die Tage.«

»Ich hätte fragen sollen, ob Ihnen auch bald wohl geworden ist. Das habe

ich versäumt, um nicht dreist zu scheinen. Ich freue mich, Ihnen zu

begegnen. Sie sind sehr zart, nicht wahr? Oder sind Sie noch so jung?

Ein Kind vielleicht?«

»Das davonläuft,« sagte Mannsthal.

»Trag mir das nicht nach,« bat Vögelchen. Sie sah unverwandt Givo an,

seine matte Stirn, seine glatten, glänzenden Haare, seine Augen unter

den langen Wimpern, die Nase mit den feinen Flügeln, die zarte Gestalt,

die sehnigen Hände. Auch er blickte sie an, nahm sie mit seinem Blick an

sich, freute sich ihrer Haare, die wie ein blonder Schatten waren, ihrer

großen, runden, blauen Augen mit dem feinen Bogen darüber, ihrer Nase,

die immer leis zu wittern schien, ihres zuckenden, durstigen Mundes,

ihres ein wenig kantigen Kinnes, des sehr schmalen Halses, durch dessen

Haut man die blauen Äderchen sah, ihres Busens, der eben erst der eines

Mädchens zu werden begann, ihrer braungebrannten Kinderhände.

Es war Givos Treue und Untreue zugleich, sich ganz dem Augenblick

hinzugeben. In diesen Minuten war er so sehr Vögelchen zugeneigt, so

tief erfreut über ihre kindliche Aufgeschlossenheit, daß er selbst wie

ein Kind, das eben ein Geschenk erhält, nichts anderes sah als diesen

Menschen. Die ihm so flüchtig begegneten und seine Liebe erfuhren,

behielten ihn immer dankbar in ihren Herzen. Andere aber, die in seinem

Umkreise blieben, waren enttäuscht, ein anderes Mal ihn dann nicht

minder freundlich, aber dennoch anderem hingegeben zu finden, das sie

selbst ausschaltete in den Schatten seiner Liebe. Als Vögelchen zum

Abschied seinen Handkuß fühlte, glaubte sie das Paradies gewonnen zu

haben. Sie ging in andächtiger Gehobenheit an Mannsthals Arm. Nachts

schlief sie sanft und selig ein. Sie fühlte kaum die Liebkosungen

Adalberts und erwiderte sie nur leis in einem Zustand von Entrücktheit,

in den er sie um so leichter versetzen konnte, wenn sie freudig erregt

war. Aber ein zweites Selbst war in ihrem Schlummer verborgen, das ihm

verschlossen war.

Vögelchen · 第 26 / 74 题