Der Kellner stellte das Essen vor ihn hin. Er nahm sein schlichtes Mahl.
Dann trug er selbst den Brief in Vögelchens Haus.
Vögelchen erwartete Antwort von Konrad. Indessen kam Marguerite. Sie
hätte ein Anliegen an das Fräulein. Ob man denn auch ungestört sprechen
konnte. Arabella schloß die Tür ihres Zimmers und hieß sie Platz nehmen.
Das Mädchen sah bei weitem besser aus in ihrem einfachen Straßenkleid
als in dem grellen Schlafrock, in dem sie Vögelchen zum ersten Male
gesehen. Es bat höflichst, die Belästigung zu entschuldigen und käme
ohne Konrads Wissen. Der arme Junge sei zu stolz von dem Fräulein etwas
anzunehmen, sie aber, Marguerite, wisse, woran es ihm fehle, und sie
würde ihm gern das Nötige besorgen. Leider befinde er sich gar nicht
wohl, seit dieser Deutsche zu ihnen käme. Es sei wohl der entlassene
Diener. Sie wolle dem Fräulein durch diese Mitteilung ihre Ergebenheit
beweisen. Der Diener spreche gemeine Dinge über sie und verleite Konrad
zum Trunke. Sie hätte nun Aussicht einen kleinen Laden zu übernehmen und
würde Konrad bei sich anstellen, wenn das Fräulein ein wenig beisteuern
wollte, das würde ihn auch dem schlechten Einfluß dieses Custove
entziehen, der überdies Konrad von ihr trennen wollte, um ungestört ihn
zu Schlechtigkeiten zu verleiten, für die sie nicht zu haben wäre. Die
beiden hätten auch beschlossen das Fräulein zu entführen. Vögelchen war
es, als würge sie etwas am Halse. Sie ging zu ihrem Schrank, nahm etwas
Geld. »Das ist alles, was ich habe.« »Besten Dank,« sagte Marguerite,
ein wenig kühl. »Ich bin selbst arm,« sagte Vögelchen, das Wenige
entschuldigend. »Oh, Sie und arm; wenn man einen älteren Mann hat, der
reich ist, ist man nicht arm. Ob sie sich denn nichts für später
zurücklege -- es sei kein Verlaß auf die Männer --« Vögelchen
schauderte. Sie verstand nicht den vollen Sinn dieser Worte, aber etwas
Häßliches kroch an sie heran, das ihr Leben verunstalten wollte. »Bitte,
gehen Sie jetzt,« sagte sie. »Mein Verwandter kann mich jeden Augenblick
rufen. Ich möchte nicht, daß er sie sieht. Sagen Sie Konrad, ich hätte
ihm geraten zu einer Dame zu gehen. Ist er nicht dort gewesen?«
»Nein, er traf sie nicht an, er will nicht lästig fallen.«
»Mich aber will er überfallen und davonschleppen. Oh, gehen Sie, ich
will allein sein, will nichts mehr wissen von ihm.«
Sie setzte sich hin und weinte. Sie weinte ihr Leid um Va, um ihre
Kindheit, um Konrad und sie weinte um Givo, von dem sie sich vergessen
glaubte. Sie fürchtete sich. Sie war sehend geworden ohne wissend zu
sein. Sie litt in dumpfer Anklage. An den folgenden Tagen saß sie fast
immer bei Mannsthal. Es war besser bei ihm zu sein, da schwieg der Groll
gegen ihn. Und hier konnte keiner sie fortreißen, wenn auch Va zu
schwach war sie zu schützen. Sein Wille bannte die Bedrohung von innen
und außen. Wäre nicht Angele aus- und eingegangen mit leise
schlichtendem Walten, im Hause und an Adalberts Liegestätte verweilend,
hätte Vögelchen sich unentbehrlich gefühlt und daraus wieder Kraft
gewonnen. So aber war sie auch vor sich selbst nur ein bleicher Schatten
von dem, was sie noch in den ersten Tagen des Versailler Aufenthaltes
gewesen. Sie schlief nicht und ging wenig aus. Seitdem sie sich vor
Konrads und Camills Anschlag fürchtete und diese Furcht in sich
verschloß, aß sie auch nur notdürftig mehr. Angele fütterte sie wie ein
Hühnchen. Givos Brief kam, als ihr Angst und Sehnsucht die Kräfte zu
erschöpfen drohten. Sie las den Brief, las ihn abermals, sann vor sich
hin, drückte ihn ans Herz. Wie ein Gebet war ihr Dank. Ja, sie wollte
alles, was er wollte. Er war ja ihr Schutzgeist. Oh, daß sie zu ihm
durfte, endlich! Leise schlich sie in Adalberts Zimmer. Es war zehn Uhr
abends, er schlief. Rasch warf sie über das weißwollene Hauskleid den
Pelz, schlang einen Schal aus spanischer Spitze um ihr Haar und eilte in
die nächtlichen Straßen hinab. Konrad, der vor dem Hause gestanden war,
folgte ihr. Die Straße war einsam, sie hörte Schritte hinter sich, sie
fühlte im Rücken, daß sie verfolgt wurde. Sie wagte nicht sich
umzuwenden. War es einer, waren es beide, er und Custove? Konnte sie
rascher sein als ihre Feinde? Wohin fliehen? Alle Haustore waren
verschlossen. Zu ihm, zu ihm! Nun brach Licht vom Boulevard des
Invalides, nun kamen Menschen, Lokale leuchteten auf, aus denen Lärm
drang. Vielleicht war der Verfolger jetzt dicht hinter ihr. Mit letzter
Kraft rief sie einen Droschkenkutscher an. Ein Wagen hielt:
»Observatoire«, hauchte sie. Sie war geborgen!
Givo war nicht da. Möglich, daß er noch käme. Man führte sie in einen
Saal nächst der Kuppel. Im Halbdunkel saß sie, schauernd vor Angst noch
und Erwartung. Sie wartete. Es war kühl, sie hüllte sich dicht in ihren
Mantel. So schlief sie ein. Gegen Mitternacht kam Imanuel. Der
diensthabende Diener war gegangen, der ihn ablösende wußte nichts von
des jungen Fräuleins Anwesenheit. Givo setzte sich an seinen
Schreibtisch und sah die Abendpost durch. Dann ging er auf und ab, wie
er bei vorbereitender Arbeit zu tun pflegte. Auf einer dieser
Wanderungen kam er hinaus in die Halle bis zu der Bank, die von dem
Fundament eines eingebauten Fernrohres beschattet war. Da sah er die
Schlafende. Ihr Kopf war zur Schulter herabgesunken, die Wimpern
dunkelten über die bleichen Wangen, die Hände lagen hilflos still und
wehrlos gefaltet über den Knieen, die Haare hatten sich ein wenig gelöst
und quollen aus den Spitzen auf den Pelz des Mantels. Ihr Atem ging
ruhig und friedvoll wie der eines müden Kindes, das traumlos
eingeschlummert ist. So war sie denn ohne Säumen gekommen und hatte,
seiner wartend, ihre kindliche Schlafensstunde eingehalten! Er rührte
sich nicht, er atmete leiser, er stand vor ihr und mühte sich nur ganz
sacht sie zu betrachten, daß auch sein Blick nicht ihren Schlaf unsanft
berühre. Sehr müde mußte sie sein! Die Lippen waren wie im Schmerz
herabgebogen. Wie gern hätte er im Kuß ihre bange Starrheit gelöst.
Ärgerlich über eine Störung fuhr er auf. Ein Knirschen deutete an, daß
die große Kuppel aufgerollt wurde. Es war Mitternacht und die Wende, wo
man die Novemberschwärme suchte. Mit dem bestirnten Blau der Nacht
schwebte vielstimmiges Glockenläuten in den Raum. Die Kirchtürme von
Paris sandten am lautesten und klarsten den nächtlichen Arbeitern der
Sternwarte ihre tönenden Grüße. Givo kannte sie alle, dies war die
Stimme der Jacqueline Montague, der Glocke von Notre Dame, deren Tore
sein astronomischer Ahne Dupuis vor der Verwüstung der Revolution
beschützt, da war der ein wenig heisere Klang von Julien le Pauvre, der
wie der Ruf eines alten Mannes war, das helle kindliche Läuten wohl von
St. Gervais, die schallenden Rufe der Madeleine, dann ein banges,
mahnendes Klingen von weither. Er wußte, jetzt kam dieses und nun tönten
jene beiden zusammen und dann wie eine, die sich verspätet hat, lief aus
der Ferne noch wie in zärtlicher Sorge eine feine Glockenstimme daher,
die er Cecile nannte. Dann kam die Stille der Nacht, die Lichter der
Stadt funkelten wie ängstlich, die roten Laternen der kleinen
Seinedampfer erloschen, das Raunen von Paris erstarb, auch die ewig
wache Stadt schien mählich zu schlafen. Nun aber gingen Türen, eine
Zimmerglocke läutete. Hier war man wach zur Arbeit. Arabella schlug die
Augen auf. Givo trat rasch zur Seite. Sie sollte nicht erschrecken,
sollte sich nicht im wehrlosen Schlaf Blicken preisgegeben fühlen, doch
sollte sie ihn gleich bemerken, damit sie in fremder Umgebung nicht
erschrecke. Als er sich wandte, saß sie aufrecht und blickte ihn an. Er
erinnerte sich später immer wieder dieses Ausdruckes ihrer Augen. Er
schien aus Meertiefen zu kommen, der feuchte Glanz unendlich dunkelnder
Tiefe und die unbewußte gefährliche Schönheit einer rätselvollen Welt
war in ihm eingefangen wie in einem einsamen Teich, der Nixen und
vorzeitliche Tiere spiegelte.
»Haben Sie Hunger?« fragte er und lächelte ihr zu. Er wollte sie
freundlich in die Wirklichkeit zurückrufen.
»Ich habe geschlafen,« sagte sie. »Ich bin ein wenig müde gewesen all
die Zeit, das war wohl der Grund. Ich lief so sehr, man verfolgte mich«
-- nun war die Furcht wieder da, aber ebenso rasch schwand sie. Lächelnd
streckte sie ihm die Hand entgegen, die er mit beiden Händen ergriff.
»Hier verfolgt Sie niemand, Seelchen,« sagte er.
»Wie schön es hier ist, welch schöne bestirnte Decke. Oh, ich habe die
Sterne so lieb. Man wird so arm in der Stadt. Auf dem Lande da haben
auch die ganz armen Leute die schönen Dinge.«
»Cecile Gloriot hat einen großen Garten und dort werden Sie geborgen
sein. Niemand wird Sie verfolgen. Kein häßlicher Brief darf dort zu
Ihnen.«
»Und Sie, werden Sie mir schreiben?«
»Ich werde Ihnen schreiben und werde Sie besuchen.«
»Sie schrieben so lange nicht.«
»Ja, das ist nun vorbei. Von nun an werde ich häufig schreiben und, wenn
dann einmal eine Pause eintritt, werden Sie wissen, er denkt doch an
mich, der Herr Sterngucker. Wollen Sie einmal durch das große Fernrohr
sehen? Es ist nur neun Meter lang und reicht bis in den Himmel.«
Er führte sie im Gebäude umher, erklärte ihr Apparate und Pläne.
Plötzlich hielt er inne. »Nun haben Sie mir meine erste Frage noch immer
nicht beantwortet. Haben Sie Hunger?«
Sie nickte.
»Kommen Sie. Ein wenig Zwieback ist vorhanden, einige Krumen für ein
Vögelchen.«
»Wissen Sie, wer auch sehr, sehr gut ist?« sagte sie. »Urbacher und
Karinski.« Und sie erzählte ihm von den beiden, während sie mit ihren
länglichen schmalen Zähnen am Zwieback knabberte. »Glauben Sie, daß Va
mich zu Ihrer Freundin fahren läßt? Ach nein! Und was wird dann aus
mir?« Sie berichtete ihm all das, was Marguerite ihr gesagt. Von Konrad
mußte sie ausführlich erzählen. Givo schrieb, während sie von ihm
sprach, auf einen kleinen Block einige Worte nieder. Als er genug wußte
und Arabella sich blaß gesprochen hatte, sagte er: »Ach, das Seelchen
ist schon müde. Ich bringe es nach Hause.« Sie gingen in die Stadt
hinaus. Die Straßenlaternen waren verloschen, leer glänzte der Asphalt
wie ein grüner See. Schwerpolternd kamen ab und zu die breiten
Gemüsewagen angefahren, die zu den Hallen rollten; ein scharfer Duft von
Kräutern mengte sich plötzlich in die Nachtluft. Vor den Cafes standen
umgestürzt die Sessel an den Marmortischen, manchmal umschlich sie eine
müde Gestalt und stocherte mit einer Gabel nach Tabakresten. An den
geschlossenen Kiosken lehnten Dirnen in leisem Gespräch und duckten sich
in ihren Schatten, wenn der Schutzmann vorüberkam. Aus einer Nebengasse
schrillten plötzlich Pfiffe, eine Gestalt lief quer über den Damm, dann
ward es wieder still und sie hörten ihr eigenes Schreiten. Er wollte in
einem Wagen sie rascher zur Ruhe bringen, vielleicht auch erwartete man
sie. Es kam keiner. Ihr war es um so lieber. Wäre der Weg nur länger
noch gewesen! Es ward nun ausgemacht, daß er mit Mannsthal sprechen
würde, nachdem Angele von Twede ihn vorbereitet, und daß er dann selbst
sie zu Cecile Gloriot bringen würde, die er lange nicht gesehen. Als sie
bei ihrem Haustor angelangt waren und er schon die übliche Aufforderung
an den Portier zur Öffnung des Tores hatte ergehen lassen, ergriff
Vögelchen seine Hand, zog ihn heftig näher und rascher, als er es wehren
konnte, drückte sie einen heißen Kuß auf seinen Mund. Dann verschwand
sie mit leuchtendem Blick, ihn noch einmal umfassend, in der Dunkelheit
des Flures.