Imanuel Givo.«

Der Kellner stellte das Essen vor ihn hin. Er nahm sein schlichtes Mahl.

Dann trug er selbst den Brief in Vögelchens Haus.

Vögelchen erwartete Antwort von Konrad. Indessen kam Marguerite. Sie

hätte ein Anliegen an das Fräulein. Ob man denn auch ungestört sprechen

konnte. Arabella schloß die Tür ihres Zimmers und hieß sie Platz nehmen.

Das Mädchen sah bei weitem besser aus in ihrem einfachen Straßenkleid

als in dem grellen Schlafrock, in dem sie Vögelchen zum ersten Male

gesehen. Es bat höflichst, die Belästigung zu entschuldigen und käme

ohne Konrads Wissen. Der arme Junge sei zu stolz von dem Fräulein etwas

anzunehmen, sie aber, Marguerite, wisse, woran es ihm fehle, und sie

würde ihm gern das Nötige besorgen. Leider befinde er sich gar nicht

wohl, seit dieser Deutsche zu ihnen käme. Es sei wohl der entlassene

Diener. Sie wolle dem Fräulein durch diese Mitteilung ihre Ergebenheit

beweisen. Der Diener spreche gemeine Dinge über sie und verleite Konrad

zum Trunke. Sie hätte nun Aussicht einen kleinen Laden zu übernehmen und

würde Konrad bei sich anstellen, wenn das Fräulein ein wenig beisteuern

wollte, das würde ihn auch dem schlechten Einfluß dieses Custove

entziehen, der überdies Konrad von ihr trennen wollte, um ungestört ihn

zu Schlechtigkeiten zu verleiten, für die sie nicht zu haben wäre. Die

beiden hätten auch beschlossen das Fräulein zu entführen. Vögelchen war

es, als würge sie etwas am Halse. Sie ging zu ihrem Schrank, nahm etwas

Geld. »Das ist alles, was ich habe.« »Besten Dank,« sagte Marguerite,

ein wenig kühl. »Ich bin selbst arm,« sagte Vögelchen, das Wenige

entschuldigend. »Oh, Sie und arm; wenn man einen älteren Mann hat, der

reich ist, ist man nicht arm. Ob sie sich denn nichts für später

zurücklege -- es sei kein Verlaß auf die Männer --« Vögelchen

schauderte. Sie verstand nicht den vollen Sinn dieser Worte, aber etwas

Häßliches kroch an sie heran, das ihr Leben verunstalten wollte. »Bitte,

gehen Sie jetzt,« sagte sie. »Mein Verwandter kann mich jeden Augenblick

rufen. Ich möchte nicht, daß er sie sieht. Sagen Sie Konrad, ich hätte

ihm geraten zu einer Dame zu gehen. Ist er nicht dort gewesen?«

»Nein, er traf sie nicht an, er will nicht lästig fallen.«

»Mich aber will er überfallen und davonschleppen. Oh, gehen Sie, ich

will allein sein, will nichts mehr wissen von ihm.«

Sie setzte sich hin und weinte. Sie weinte ihr Leid um Va, um ihre

Kindheit, um Konrad und sie weinte um Givo, von dem sie sich vergessen

glaubte. Sie fürchtete sich. Sie war sehend geworden ohne wissend zu

sein. Sie litt in dumpfer Anklage. An den folgenden Tagen saß sie fast

immer bei Mannsthal. Es war besser bei ihm zu sein, da schwieg der Groll

gegen ihn. Und hier konnte keiner sie fortreißen, wenn auch Va zu

schwach war sie zu schützen. Sein Wille bannte die Bedrohung von innen

und außen. Wäre nicht Angele aus- und eingegangen mit leise

schlichtendem Walten, im Hause und an Adalberts Liegestätte verweilend,

hätte Vögelchen sich unentbehrlich gefühlt und daraus wieder Kraft

gewonnen. So aber war sie auch vor sich selbst nur ein bleicher Schatten

von dem, was sie noch in den ersten Tagen des Versailler Aufenthaltes

gewesen. Sie schlief nicht und ging wenig aus. Seitdem sie sich vor

Konrads und Camills Anschlag fürchtete und diese Furcht in sich

verschloß, aß sie auch nur notdürftig mehr. Angele fütterte sie wie ein

Hühnchen. Givos Brief kam, als ihr Angst und Sehnsucht die Kräfte zu

erschöpfen drohten. Sie las den Brief, las ihn abermals, sann vor sich

hin, drückte ihn ans Herz. Wie ein Gebet war ihr Dank. Ja, sie wollte

alles, was er wollte. Er war ja ihr Schutzgeist. Oh, daß sie zu ihm

durfte, endlich! Leise schlich sie in Adalberts Zimmer. Es war zehn Uhr

abends, er schlief. Rasch warf sie über das weißwollene Hauskleid den

Pelz, schlang einen Schal aus spanischer Spitze um ihr Haar und eilte in

die nächtlichen Straßen hinab. Konrad, der vor dem Hause gestanden war,

folgte ihr. Die Straße war einsam, sie hörte Schritte hinter sich, sie

fühlte im Rücken, daß sie verfolgt wurde. Sie wagte nicht sich

umzuwenden. War es einer, waren es beide, er und Custove? Konnte sie

rascher sein als ihre Feinde? Wohin fliehen? Alle Haustore waren

verschlossen. Zu ihm, zu ihm! Nun brach Licht vom Boulevard des

Invalides, nun kamen Menschen, Lokale leuchteten auf, aus denen Lärm

drang. Vielleicht war der Verfolger jetzt dicht hinter ihr. Mit letzter

Kraft rief sie einen Droschkenkutscher an. Ein Wagen hielt:

»Observatoire«, hauchte sie. Sie war geborgen!

Givo war nicht da. Möglich, daß er noch käme. Man führte sie in einen

Saal nächst der Kuppel. Im Halbdunkel saß sie, schauernd vor Angst noch

und Erwartung. Sie wartete. Es war kühl, sie hüllte sich dicht in ihren

Mantel. So schlief sie ein. Gegen Mitternacht kam Imanuel. Der

diensthabende Diener war gegangen, der ihn ablösende wußte nichts von

des jungen Fräuleins Anwesenheit. Givo setzte sich an seinen

Schreibtisch und sah die Abendpost durch. Dann ging er auf und ab, wie

er bei vorbereitender Arbeit zu tun pflegte. Auf einer dieser

Wanderungen kam er hinaus in die Halle bis zu der Bank, die von dem

Fundament eines eingebauten Fernrohres beschattet war. Da sah er die

Schlafende. Ihr Kopf war zur Schulter herabgesunken, die Wimpern

dunkelten über die bleichen Wangen, die Hände lagen hilflos still und

wehrlos gefaltet über den Knieen, die Haare hatten sich ein wenig gelöst

und quollen aus den Spitzen auf den Pelz des Mantels. Ihr Atem ging

ruhig und friedvoll wie der eines müden Kindes, das traumlos

eingeschlummert ist. So war sie denn ohne Säumen gekommen und hatte,

seiner wartend, ihre kindliche Schlafensstunde eingehalten! Er rührte

sich nicht, er atmete leiser, er stand vor ihr und mühte sich nur ganz

sacht sie zu betrachten, daß auch sein Blick nicht ihren Schlaf unsanft

berühre. Sehr müde mußte sie sein! Die Lippen waren wie im Schmerz

herabgebogen. Wie gern hätte er im Kuß ihre bange Starrheit gelöst.

Ärgerlich über eine Störung fuhr er auf. Ein Knirschen deutete an, daß

die große Kuppel aufgerollt wurde. Es war Mitternacht und die Wende, wo

man die Novemberschwärme suchte. Mit dem bestirnten Blau der Nacht

schwebte vielstimmiges Glockenläuten in den Raum. Die Kirchtürme von

Paris sandten am lautesten und klarsten den nächtlichen Arbeitern der

Sternwarte ihre tönenden Grüße. Givo kannte sie alle, dies war die

Stimme der Jacqueline Montague, der Glocke von Notre Dame, deren Tore

sein astronomischer Ahne Dupuis vor der Verwüstung der Revolution

beschützt, da war der ein wenig heisere Klang von Julien le Pauvre, der

wie der Ruf eines alten Mannes war, das helle kindliche Läuten wohl von

St. Gervais, die schallenden Rufe der Madeleine, dann ein banges,

mahnendes Klingen von weither. Er wußte, jetzt kam dieses und nun tönten

jene beiden zusammen und dann wie eine, die sich verspätet hat, lief aus

der Ferne noch wie in zärtlicher Sorge eine feine Glockenstimme daher,

die er Cecile nannte. Dann kam die Stille der Nacht, die Lichter der

Stadt funkelten wie ängstlich, die roten Laternen der kleinen

Seinedampfer erloschen, das Raunen von Paris erstarb, auch die ewig

wache Stadt schien mählich zu schlafen. Nun aber gingen Türen, eine

Zimmerglocke läutete. Hier war man wach zur Arbeit. Arabella schlug die

Augen auf. Givo trat rasch zur Seite. Sie sollte nicht erschrecken,

sollte sich nicht im wehrlosen Schlaf Blicken preisgegeben fühlen, doch

sollte sie ihn gleich bemerken, damit sie in fremder Umgebung nicht

erschrecke. Als er sich wandte, saß sie aufrecht und blickte ihn an. Er

erinnerte sich später immer wieder dieses Ausdruckes ihrer Augen. Er

schien aus Meertiefen zu kommen, der feuchte Glanz unendlich dunkelnder

Tiefe und die unbewußte gefährliche Schönheit einer rätselvollen Welt

war in ihm eingefangen wie in einem einsamen Teich, der Nixen und

vorzeitliche Tiere spiegelte.

»Haben Sie Hunger?« fragte er und lächelte ihr zu. Er wollte sie

freundlich in die Wirklichkeit zurückrufen.

»Ich habe geschlafen,« sagte sie. »Ich bin ein wenig müde gewesen all

die Zeit, das war wohl der Grund. Ich lief so sehr, man verfolgte mich«

-- nun war die Furcht wieder da, aber ebenso rasch schwand sie. Lächelnd

streckte sie ihm die Hand entgegen, die er mit beiden Händen ergriff.

»Hier verfolgt Sie niemand, Seelchen,« sagte er.

»Wie schön es hier ist, welch schöne bestirnte Decke. Oh, ich habe die

Sterne so lieb. Man wird so arm in der Stadt. Auf dem Lande da haben

auch die ganz armen Leute die schönen Dinge.«

»Cecile Gloriot hat einen großen Garten und dort werden Sie geborgen

sein. Niemand wird Sie verfolgen. Kein häßlicher Brief darf dort zu

Ihnen.«

»Und Sie, werden Sie mir schreiben?«

»Ich werde Ihnen schreiben und werde Sie besuchen.«

»Sie schrieben so lange nicht.«

»Ja, das ist nun vorbei. Von nun an werde ich häufig schreiben und, wenn

dann einmal eine Pause eintritt, werden Sie wissen, er denkt doch an

mich, der Herr Sterngucker. Wollen Sie einmal durch das große Fernrohr

sehen? Es ist nur neun Meter lang und reicht bis in den Himmel.«

Er führte sie im Gebäude umher, erklärte ihr Apparate und Pläne.

Plötzlich hielt er inne. »Nun haben Sie mir meine erste Frage noch immer

nicht beantwortet. Haben Sie Hunger?«

Sie nickte.

»Kommen Sie. Ein wenig Zwieback ist vorhanden, einige Krumen für ein

Vögelchen.«

»Wissen Sie, wer auch sehr, sehr gut ist?« sagte sie. »Urbacher und

Karinski.« Und sie erzählte ihm von den beiden, während sie mit ihren

länglichen schmalen Zähnen am Zwieback knabberte. »Glauben Sie, daß Va

mich zu Ihrer Freundin fahren läßt? Ach nein! Und was wird dann aus

mir?« Sie berichtete ihm all das, was Marguerite ihr gesagt. Von Konrad

mußte sie ausführlich erzählen. Givo schrieb, während sie von ihm

sprach, auf einen kleinen Block einige Worte nieder. Als er genug wußte

und Arabella sich blaß gesprochen hatte, sagte er: »Ach, das Seelchen

ist schon müde. Ich bringe es nach Hause.« Sie gingen in die Stadt

hinaus. Die Straßenlaternen waren verloschen, leer glänzte der Asphalt

wie ein grüner See. Schwerpolternd kamen ab und zu die breiten

Gemüsewagen angefahren, die zu den Hallen rollten; ein scharfer Duft von

Kräutern mengte sich plötzlich in die Nachtluft. Vor den Cafes standen

umgestürzt die Sessel an den Marmortischen, manchmal umschlich sie eine

müde Gestalt und stocherte mit einer Gabel nach Tabakresten. An den

geschlossenen Kiosken lehnten Dirnen in leisem Gespräch und duckten sich

in ihren Schatten, wenn der Schutzmann vorüberkam. Aus einer Nebengasse

schrillten plötzlich Pfiffe, eine Gestalt lief quer über den Damm, dann

ward es wieder still und sie hörten ihr eigenes Schreiten. Er wollte in

einem Wagen sie rascher zur Ruhe bringen, vielleicht auch erwartete man

sie. Es kam keiner. Ihr war es um so lieber. Wäre der Weg nur länger

noch gewesen! Es ward nun ausgemacht, daß er mit Mannsthal sprechen

würde, nachdem Angele von Twede ihn vorbereitet, und daß er dann selbst

sie zu Cecile Gloriot bringen würde, die er lange nicht gesehen. Als sie

bei ihrem Haustor angelangt waren und er schon die übliche Aufforderung

an den Portier zur Öffnung des Tores hatte ergehen lassen, ergriff

Vögelchen seine Hand, zog ihn heftig näher und rascher, als er es wehren

konnte, drückte sie einen heißen Kuß auf seinen Mund. Dann verschwand

sie mit leuchtendem Blick, ihn noch einmal umfassend, in der Dunkelheit

des Flures.

Vögelchen · 第 28 / 74 题