Vögelchen stand auf und schüttelte den Blick des Mädchens ab, der die
ganze Zeit über sie umfaßt hielt. Es roch nach schlechtem Parfüm und
Abfällen aller Art. »Armer Konrad,« dachte sie, und dann wieder, »um
meinetwillen«. »Bitte, geben Sie ihm diesen Brief und die Pakete,« sagte
sie. Marguerite griff nach den Sachen. Sie, die Konrad schlug, war gegen
dieses junge Mädchen schüchtern und linkisch. Sie wußte als Pariserin
sehr gut, daß ihr Schlafrock schlechter Sorte war und ihre Schminke
billig, an Arabella aber alles aus ersten Quellen. Das machte sie
unsicher und neidisch. Und wenn sie auch Konrad nicht liebte, er war ihr
Knecht und sollte es bleiben. Diese fremde Puppe würde sehen, wer die
Stärkere war.
Als Vögelchen gegangen war, öffnete sie die Pakete. Sie verzehrte, da
sie eben sehr hungrig war, den größten Teil der Leckerbissen und als
Ernest zurückkam, um zu melden, daß Konrad einen Weg für Cuvier gemacht,
schenkte sie ihm eine der teueren Krawatten. Spät abends kam Konrad aus
dem Gasthaus herüber, in dem er eine Stelle als Aushilfekellner erhalten
hatte, weil dort deutsche Studenten verkehrten. Marguerite hatte sich zu
Bette gelegt und brummte, als sie geweckt wurde. Dann erinnerte sie sich
des Besuches und wurde freundlich. »Sieh doch, mein Kleiner, wer
dagewesen ist und was man dir mitgebracht hat.« Sie richtete sich im
Bett auf und sah ihn bei der Kerze lesen. Er sah alt aus und übermüdet,
aber die Erregung und Freude veredelten sein Gesicht. Seine Gestalt war
männlicher geworden. Nein, er war so übel nicht, der kleine Abbe. Sie
dachte nicht daran ihn preiszugeben. Mit ihm konnte man sich auch sehen
lassen, wenn bessere Zeiten kamen.
»Nun, hast du ihn wieder, deinen kleinen Schatz,« sagte sie. »Und wem
verdankst du es? Deiner Marguerite! Komm her und zeig, daß du ein guter
Junge bist.«
»Gleich, gleich,« sagte er. »Ich bin bald wieder hier. Ich muß noch zu
Cuvier hinüber.«
Er lief, den kommenden Morgen frei zu bitten, um an Vögelchens Tür auf
ihren Ruf warten zu können. An einem Sonntag, ob er denn bei Sinnen
wäre, unmöglich! Dann träte er aus dem Dienst. Den morgigen Vormittag
müßte er frei haben. Der Wirt wurde ärgerlich. Er warf ihm den Lohn für
drei Arbeitstage hin. Er war entlassen. Befreit, lief er zurück zu
Marguerite. Sie schmollte wie eine Verliebte. Oh, wie er sich freute,
wie begnadet er war! Wo war Vögelchen gesessen? Dieses Papier mit ihrer
kindischen Schrift, wie heilig war es ihm! Und der künftige Morgen! Er
umarmte die gefügige Marguerite mit der Glut seiner unbändigen Freude.
Vögelchen war froh gewesen, den Wagen, der sie gebracht, vorzufinden.
Der führte sie ja so weit sie nur wollte. Wie häßlich es in diesem
Hause, in dieser Straße war! Wie ihr das Elend in alle Glieder kroch!
Adalbert war ihr so weit, so unerreichbar unter Fremden. Hatte sie denn
niemanden, zu dem sie flüchten konnte? Wo war jener Jüngling aus der
Sainte Chapelle? In seinem Blick nur hätte sie Zuflucht gefunden. War
das Unrecht gegen Adalbert, der so unermeßlich gut zu ihr war, dürfte
sie eines andern Zuflucht begehren? Sie dachte an Norton. Plötzlich
tauchte seine junge Hünenhaftigkeit vor ihr auf. Sie litt so sehr, wenn
sie sich seiner erinnerte, und doch, warum kam er nicht wieder? Konrad
war ihr nachgereist. Nun lebte er mit diesem Mädchen. Er hatte dort
nicht einmal einen Tisch mit seinen Büchern. Wie karg das Leben sein
konnte! Es wurde dunkel. Sie lehnte sich in den Wagen zurück, sie wollte
nichts sehen von den Straßen. Jetzt blinzelten die in der Seine sich
spiegelnden Lichtkugeln zu ihr auf. War das die Brücke, an der der
Helfer zu ihr getreten? Er dachte, sie sei eine, die sich ins Wasser
stürzen wollte. Oh nein, damals nicht. Aber heute? Sie war so traurig.
Diese fremde Frau, zu der sie nun fuhr, streichelte ihre Hand, aber sie
ließ sie nicht ein in ihr Herz. Vielleicht wollte sie nur Va für sich
haben, wußte nicht, daß er schon eine Frau hatte. Frau und Kind!
Arabella sagte es sich zum ersten Male, wie eine Fremde es gesagt hätte,
nicht freudig mehr, sondern erschrocken. Vielleicht war das Sünde?
Konnte es Sünde sein, da sie in seiner Umarmung sich heilig fühlte und
erhoben? Oh, nur wieder ihn fühlen, wieder zermalmt sein unter seiner
Kraft wie in den ersten Nächten, alles geben, alles erleiden. Durfte sie
es noch? Blickte nicht jenes Jünglings Auge wissend in ihr Leben? Durfte
sie noch in Feuer hinschmelzen, rief nicht er sie zu anderem Dienst? Und
Adalbert hielt sie ja nicht wie früher. Er war wieder Va und sprach nun
mit dieser engelgleichen Frau, die er eine Königin genannt hatte. Ach,
ein Nest, eine Zuflucht ihrer frierenden Seele!