Vögelchen hatte nun von Konrads Anwesenheit und seiner traurigen
Verfassung erfahren und ihm durch den Diener Geld gesandt. Sie lief
Geschäfte ab, um für ihn einzukaufen. Sie besorgte feine Krawatten,
nicht ahnend, daß er längst nicht mehr den Kragen dazu besaß, und
Leckerbissen, zu denen es ihm an Brot fehlte. All dies versteckte sie
wie ein Kind, das sich eines Geheimnisses freut. Schließlich forderte
sie von Camill Konrads Adresse. Indes ereignete sich folgendes: Der
Salon der Karikaturisten veranstaltete seine Ausstellung. Mannsthal, der
unter Künstlern und Händlern bekannt war, bekam eine Einladung zur
Eröffnung. Dort sah er Angele von Twede wieder und ein Attache der xten
Gesandtschaft stellte ihn der Frau des ausländischen Kollegen vor.
Angele begrüßte Adalbert Mannsthal freudigst. Als er aber nach Gilbert
von Tirotzky, ihrem Bruder, fragte, von dem er seit Jahren nichts mehr
gehört hatte, breitete sich ein Schatten über die Lichtheit ihres
Antlitzes. Warum sollte sie es seinem ehemaligen Kameraden
verheimlichen? Er sei in der Bedrängnis einer der Familie unerklärlichen
Erpressungsaffäre freiwillig aus dem Leben geschieden: Mannsthal erbebte
in seinen Festen, als er es erfuhr. Er wurde bleich und fand kaum die
Sprache, seine Bestürzung zu äußern. Er wußte, wer einst der Verführer
Gilberts gewesen, und ahnte, welcher Art die Erpressung gewesen sein
mochte, die ihn schließlich zum selbstgewählten Tode trieb. Diese
königliche Frau, die mich mit ihrer Huld beglückt, sagte er sich, sie
weiß nicht, daß sie mit dem Mörder ihres Bruders spricht. »Mama ist
daran gestorben, bald nachdem wir Ihnen in Homburg begegnet waren,«
sagte Frau von Twede. »Ihr Herzleiden verschlechterte sich rapid. Papa
war nicht mehr, Gilbert tot, ich selbst in der Ferne. Herr von Twede war
damals in Konstantinopel stationiert. Seit zwei Jahren leben wir hier.«
Und um die Schatten der Vergangenheit zu bannen, neigte sie sich zu
einem Bildchen herab. »Ach, sehen Sie doch, wie köstlich,« und dann nach
einer Weile »und Sie? Sie waren verheiratet oder sind es noch?«
Mannsthal schüttelte den Kopf. »Ich habe eine Stieftochter. Sie lebt bei
mir. Darf ich sie Ihnen bringen?« Er sah diese lichte Frau und wie eine
Rettung schien sie ihm in seiner Not um Arabella. »Wie lieb wäre das von
Ihnen. Ein junges Mädchen aus der Heimat. Das wird so sein, als sähe man
sich selbst wieder.« »Nein, erwarten Sie das nicht -- oder« in
Mannsthals Auge blitzte es plötzlich auf, »oder erschrecken Sie nicht.
Sie gleicht jenem Kinderbilde, das Gilbert von Ihnen besaß, dieser
Miniatur, die er bei sich trug.« Es war merkwürdig zu sehen, wie ein
verräterisches Rot in seine Wangen stieg und unter ihrer Gelblichkeit
sich entflammte. »Ein Mann allein mit einem jungen Mädchen in Paris.
Bringen Sie mir das Töchterchen.«
»Wann dürfen wir kommen?«
»Heute, wollen Sie? Zum Tee. Man soll niemals den Wink des Zufalls
unbeachtet lassen. Ich habe immer Gäste zur Teestunde. Ah, Baron, da
sind Sie ja wieder! Dank, daß Sie mir Mannsthal brachten! Nun auf
Wiedersehen heute nachmittags.«
Während Adalbert mit dem Baron noch einmal die Säle durchschritt, erfuhr
er, daß Herr von Twede, ein ehrgeiziger Diplomat, wenig Sinn für anderes
habe als seine Karriere, daß Angeles Ruf tadellos sei. Ihre
Leidenschaften gälten der Malerei und der Musik. Sie hätte ein einziges
Kind am Tropenfieber verloren, einen Knaben Gilbert, nach dem Bruder
benannt.
Gilbert! Konnte er, durfte er zu ihr gehen, da er sich an seinem
Untergang schuldig fühlte? Aber gerade das verstärkte die Anziehung, die
ihre Lichtgestalt ihm einflößte. Er holte Arabella ein, die im Bois
spazieren ging. Er hatte es vorgezogen, sie nicht zur Besichtigung der
Karikaturen mitzunehmen. »Eine Dame lädt dich ein. Oh, sie ist so schön,
eine Königin! Sie wird dich lieb haben. Wir wollen heute nachmittags zu
ihr. Es werden auch andere Leute dort sein.«
»Gern, aber ich habe dann zu tun --«
»Ein Geheimnis?«
»Ja,« aber sie lächelte so unbefangen, daß er nicht mißtraute.
»Nun vorher also. Sei um fünf Uhr bereit.«
»Wer ist sie?« Adalbert erzählte.
Um halb fünf traten sie in Frau von Twedes Salon. Vögelchen erschrak
zuerst ein wenig über die vielen Leute, die alle fremdländisch und so
sicher waren. Aus ihrer Mitte aber schien ein lichter Strahl sie zu
bescheinen, eine Stimme voll Güte und Feinheit brach sich oft Stille
durch das wirre Geplauder. Angele von Twede hatte die sanfte Schwermut
und die volle Tiefe deutscher Musik in ihrer Kehle. Arabella reichte ihr
errötend die Hand und fühlte unter einem Freudeschauer den Hauch eines
leisen Kusses auf ihrer Stirne. Angele hielt ihre Hand, während sie mit
den anderen sprach. Eine Balkandame, eine Musikerin, setzte sich an den
Flügel und spielte Wagner, der eben in Paris bekannt wurde. Vögelchen
wurde traurig. Diese Musik griff in ihr Innerstes. Sie fühlte sich
plötzlich verlassen. Adalbert war ihr hier wie ein Fremder. Zum ersten
Male fühlte sie, daß ihre eigentliche Gemeinschaft ein Geheimnis war,
etwas, das verborgen sein mußte, weil es nicht selbstverständlich war.
Oder spürte ihr seltsamer Instinkt, daß der Geliebte hier einer andern
Frau gehörte? Frau von Twede sprach nur für ihn. Arabella sah es, aber
Frau von Twede hielt ihre Hand wie eine Freundin. Sie konnte ihr nicht
böse sein. Sie liebte sie. Und plötzlich streichelte sie selbst diese
Hand. Dann trat Herr von Twede ein. Seine Frau ward stiller in seiner
Gegenwart und schien in leiser Schwermut der Musik zu lauschen. Um
Adalbert hatte sich eine Gruppe gebildet. Er war brillant im Gespräch.
Aus allen Zeiten und Erdteilen, aus allen Welten der Arbeit und der
Kunst, allem Wissen des Menschlichen und Menschlichsten flocht er seine
Rede, seine Antworten, Beispiele und Anekdoten. Er selbst entzündete
sich an seiner Rede. Einzelne Worte blitzten auf wie Solitärs in
kostbarer Fassung, schon fühlte er den unzerreißbaren Kontakt mit seinen
Zuhörern, er sah und hörte selbst, was er sagte, und seine Sätze und
Wortbilder veredelten sich in seiner Gewalt: sein Gespräch war ein
Kunstwerk. Angele schien nur Musik zu hören: sie hörte nur Mannsthal.
Als Herr von Twede sich zurückgezogen hatte, wandten die beiden sich
wieder einander zu. Die Musik war verstummt. Vögelchen saß wie
eingeduckt unter den vielen fremden Menschen, deren Sprache sie nicht zu
kennen schien. Warum blieb sie hier, hatte sie nicht Wichtiges zu tun?
Leise stahl sie sich hinaus. Sie ließ sich ihren Mantel umlegen und gab
dem Diener Auftrag zu bestellen, sie würde wieder kommen. In ihren
Taschen hatte sie zwei Pakete verborgen. Sie hieß einen Wagen holen,
nannte Konrads Adresse und fuhr ab. Kutscher wundern sich ganz selten
nur. Sie kennen alle Stadien des Lebens. Sie führen die Schwangere auf
die Gebärklinik, den Säugling zur Taufe, den Trauernden hinter dem Sarge
zum Friedhof, den Deserteur zur Bahn, sie gewähren Liebenden Obdach und
geben ahnungslos Selbstmördern ein letztes Asyl, sie führen die Dirne
zum Palast des Fürsten und die Dame, der ein Lakai den Pelzmantel um die
Schultern legt, zu der Mansarde des Studenten. So führte denn der
Kutscher Vögelchen zur schmutzigen Behausung jener Marguerite
Aupin, deren Zuhälter Konrad Kruger, stud. theol., Sohn des
Landesschulinspektors und Hofrats Engelbert Kruger war. Sie ließ den
Wagen warten und stieg die zwei Treppen hoch. Auf den Gängen standen die
Frauen im Gespräch. Die Wasserleitung stellte den Brunnen dar, der Gang
den ländlichen Dorfplatz, an dem die Mägde, den Krug auf dem Kopfe,
plaudernd verweilen. Einige kümmerlich blühende Blumenstöcke am Fenster
ersetzten die Landschaft. Wie dürftig er wohnt, dachte mitleidig
Arabella, als sie die unordentlichen Gestalten sah und den fast
unverständlichen Argot ihrer Rede vernahm, die, als sie vorüberkam,
verstummte und hinter ihr wie zischelndes Kielwasser wieder
zusammenfloß. Sie fürchtete sich vor diesen schmutzigen Frauen und
bewunderte Konrads Mut, der wohl täglich an ihnen vorüberging. So
tastete sie sich, ohne nach ihm zu fragen, die ausgehöhlten Stufen
hinauf, bis sie an einer Türe jenen Namen fand: Aupin. Ja, hier wohnte
er. Hinter der Türe fand eine laute Unterredung statt. Mann und Frau
wechselten die Rede. Nicht Konrads Stimme war es. Auf Vögelchens Klopfen
öffnete jemand und schloß gleich wieder, von einer kreischenden
Zurechtweisung ermahnt. Im Spalt der Türe hatte Arabella eine
Frauensperson in mangelhafter Bekleidung und einen Mann gesehen, einen
Arbeiter mit braunen Samethosen, die an den Schuhen zugebunden waren.
Nach einer Weile wurde wieder geöffnet. Der Mann fragte nach Vögelchens
Begehr mit der Höflichkeit und dem Anstand des Parisers. »Kruger?
Kruger!« Er rief den Namen aus der Küche ins Zimmer zurück. »Hm,
Marguerite, ist das dein --? Eine kleine Dame sucht ihn. Vielleicht eine
Prinzessin aus seinem Lande. Treten Sie ein, Madame.« Drinnen rief die
Stimme nun höflich: »Gleich, Fräulein, ich komme gleich.« Marguerite
erschien in einem rosa Schlafrock. »Er ist nicht zu Hause. Mein Gott,
wie wird er sich kränken, der arme Junge. Geh, Ernest, sieh mal vors
Haus oder zu Cuvier hinüber, dort hilft er zuweilen aus. Er scheut keine
Arbeit, wissen Sie, um sich ehrlich durchzubringen. Setzen Sie sich,
Fräulein.« Sie rief es aus dem Zimmer, in das sie zurückgeeilt war, um
das Bett zurecht zu machen. Ernest war verduftet.
»Wollen Sie nun eintreten, Sie müssen die Unordnung entschuldigen. Wenn
man nicht vorbereitet ist, nicht wahr?«
»Wo ist Konrads Zimmer?« fragte Vögelchen.
»Hier oder draußen, er hält sich überall auf. Ich nehme es nicht so
genau.«
Sie schlafen zusammen, dachte Arabella und besah sich Marguerite. Sie
mißfiel ihr. Alle Frauen in Paris mißfielen ihr. Die dicke Schminke, mit
der sie bedeckt waren, ekelte sie. Marguerite war zart, sie hatte große
Augen, die klug leuchteten, aber sie waren dunkel untermalt und die
grellen Wangen ließen sie derb und roh scheinen. Aber gleichzeitig
empfand Vögelchen Mitleid mit ihr wie mit einem Tiere. In Marguerites
Blick, der forschend und furchtsam zugleich zu Arabellas Vornehmheit
aufsah, lag etwas hündisch Zerbrochenes, etwas, das plötzlich selbst
hineinsah in den eigenen Abgrund und um Vergebung bettelte.
Arabella hatte sich gesetzt, ganz vorsichtig an den Rand des Stuhles,
als fürchte sie sich zu beschmutzen und sah nun selbst ein wenig hilflos
zu der fremden Frau hinüber. »Ich habe ihm etwas mitgebracht.« Sie zog
die Pakete hervor. »Bitte, geben Sie ihm das. Ich kann nicht lange
warten. Haben Sie vielleicht ein Stückchen Papier. Danke, einen
Bleistift hab' ich selbst.« Sie nahm den goldenen Stift, den sie an
einer kostbaren Chatelaine trug. Auf das ein bischen fette Papier
schrieb sie in einer Marguerite unverständlichen Sprache.
»Mein armer Herr Prediger, wie schlecht ist es Ihnen bekommen mir
nachzureisen! Wie können Sie leben in dieser häßlichen Wirtschaft! Ich
habe Ihnen Krawatten und Leckerbissen gebracht. Schade, daß ich Sie
nicht angetroffen habe. Soll ich Va sagen, daß er Ihnen helfen soll? Nun
muß ich wieder zu den Menschen zurück, denen ich eben davonlief. Wir
waren zu Besuch. Dort ist eine schöne Frau, die ich küssen möchte, so
ein Engel ist sie. Ihnen muß geholfen werden! Kommen Sie morgen früh vor
unser Haus. Ich werde durch Camill Nachricht schicken. In Eile