Als er in Paris angekommen war, fand er es zunächst erstaunlich, daß,
wiewohl die Mitternachtstunde nicht fern, viele Menschen vor kleinen
Tischen dichtgedrängt auf der Straße saßen und trotz des betäubenden
Straßenlärms sich mit lebhafter Behendigkeit gegeneinander gebärdeten.
Nach der Schwüle der unbequemen Fahrt atmete er erlöst die Luft, in der
er wie in einem flüssigen Duft die Meeresnähe zu spüren meinte. Wie ein
Genesender empfand er, der nach dem Kerker der Krankheit wieder das
Leben umfängt. Die Haft seiner Sehnsucht, die rasselnden Ketten seiner
Gedanken, die ihn so lange gekerkert hielten, das Fieber seiner Unrast
fiel von ihm ab. Am liebsten hätte er den heiligen Boden, der Ariel
trug, geküßt, knieend ihn begrüßt und schwer nur trennte er sich von den
Straßen, um den Gasthof aufzusuchen, den er in seinem Reiseführer
ausgewählt. Dahin hatte er sich auch Camills Nachricht erbeten. Nach
seiner Berechnung konnte sie schon am künftigen Tage eintreffen. Ja, es
war nicht unmöglich, daß er selbst erschien und heimlich Vögelchen
mitgeflattert kam. Es fand sich, daß die Angaben des Führers in bezug
auf Hotel Riat von der Wirklichkeit überholt waren. Man hatte da einige
Neuerungen und Verschönerungen ausgeführt, die den mäßigen Preis, der
Konrad dahin gelockt hatte, um ein Beträchtliches erhöht hatten. Man
empfing ihn mit seinem kleinen Handkoffer -- eine Kiste mit Büchern und
Manuskripten hatte er noch auf dem Bahnhof belassen -- nicht sonderlich
erfreut. Er war indes vorläufig mit allem zufrieden und tröstete sich
mit dem Gedanken, daß er, sobald Camills Botschaft eingetroffen, sich
billigeres Quartier suchen wollte. Als er nach neun Uhr erwachte, rasch
angekleidet in das Bureau hinabstieg, wo unter einem Haken für den
Türschlüssel das Brieffach der Mieter sich befand, gähnte ihm das seine
leer entgegen. Zu seiner Befriedigung erfuhr er, daß alsbald die zweite
Post eintreffen würde. Er setzte sich in die Frühstücksstube, nahm, da
er tags zuvor nicht zu Abend gegessen, ein reichliches Mahl und wartete.
Wiewohl er voll Ungeduld war die Stadt zu sehen, schien ihm doch nichts
wichtiger als Camills Brief. Aber bald erfuhr er zwiefache Enttäuschung.
Der Kellner erschien mit einem Teller, auf dem ein Papier lag. Ein
freudiger Schreck durchfuhr ihn, Camill oder gar Vögelchen waren da und
sandten ihm ein Wort. Oh weh, es war die Rechnung nur und sie war
wahrlich nicht gering. Der Kellner meinte, des Jünglings Bestürzung
gelte dieser allein und mitleidig riet er ihm, da er kein Trinkgeld
erhalten hatte, doch in Zukunft in einem der kleinen Kaffeehäuser zu
frühstücken, wo man stehend seine Tasse Kaffee tränke und nur wenig zu
bezahlen hätte. Konrad zog nun aus, beschwingt wie einer, vor dem eine
zauberhafte Welt sich auftut. Das zirkusbunte Straßenleben, das starke
Augenblicksgefühl, das hier den Menschen zu eigen und atmosphärisch sich
mitteilt, berauschte ihn, daß wie in einer Vision, wie aus einer
Versenkung, mit der Kraft des Wunders das alte Paris erstand. Es
erschien ihm nun ferner und märchenhafter denn zu Hause, als er aus
Büchern und Bildern seine Schönheit zu enträtseln sich mühte. Er
verstand sogleich, weshalb es die Künstler aller Länder in diese Stadt
zog und was hier ihre Kunst erneute und fruchtbar machte. Es war der
Kontrast vom heiß pulsenden Leben, der Geist und Sinne anfeuerte, und
jenes zauberhafte Verlorensein in einer betäubenden Vergangenheit. Das
Erlebte konnte sich in die Dämmerung des Entschwundenen retten, das
seine Denkmäler zurückgelassen, es blieb nicht Leben allein, es wurde
Bild, Idee, Traum, Sehnsucht, Ekstase. Denn niemals drang man ganz ein,
immer blieb dies Wechselspiel vom Wachsein des Blutes und den Symbolen
der Zeitenläufe, die starke Lebendigkeit und das legendäre Schweigen der
Steine rätselvoll. Alles Geschaut-Erträumte lebte sich aus in diesem
Verlorensein und erzeugte neues Leben. Genießen schien nicht Müßiggang
und Arbeit Genuß. Hier konnte man der Welt abhanden kommen und spürte
sie nirgend stärker. Als er im Luxembourggarten saß, von Studenten
umgeben, die von den nahen Hochschulen kamen, wo er von dem Geist der
Dichter, die hier geträumt hatten, sich umschwebt glaubte, vom vielen
Wandern wohlig ausruhend, den Blick auf Terrassen, Fontänen und
Kunstwerke, umzwitschert von puppenhaften Kindern, glaubte er zu träumen
und fürchtete den Augenblick des Erwachens in seiner kleinen Stube im
Elternhaus oder in einem der gewohnten Gärten der Vaterstadt. Er
betastete die Bank, er horchte auf die fremden Laute der
Vorübergehenden, er atmete die Luft, die nicht die heimatliche war und
sich köstlich einsog: nein, er irrte nicht. Und dies war nicht nur
Paris, dies war Ariels Wohnstatt. Verzückung machte sein Herz schwellen.
Warum brach er nicht auf, sie zu suchen, fragte die vornehmen Hotels ab,
belauerte die Wagen, die ins Bois fuhren? Warum saß er da, dieweil schon
in seinem Gasthof ein Brief ihn zu ihr rief? Er vermied Fahrgelegenheit
aus Ersparungsrücksichten und auch, um nichts vom Straßenbilde zu
versäumen. Eilig stand er auf. Am Seineufer aber fesselten ihn die
Buchtrödler, er wühlte in Kisten, er las stehend, er gab Geld aus. Dann
befiel ihn Hunger. In einer kleinen Butike sah er die Speisekarte
ausgehängt und kulinarische Kostbarkeiten, die er nur von Festen kannte,
waren um geringes Geld ausgeschrieben. So tafelte er denn. Um so
gewisser würde der Brief eingetroffen sein, wenn er ins Hotel
zurückgekehrt war. Als er dessen Flur betrat, starrte ihm schon sein
Brieffach entgegen: es war leer. Er ging auf sein Zimmer, in dem es
dumpf nach der Seife seines Vorgängers roch, und warf sich auf das Bett.
Von draußen kam der Straßenlärm, den der nahende Abend zu verdoppeln
schien. Er fühlte sich mit einem Male verlassen in dem Getriebe der
großen, fremden, rätselhaften Stadt. Und plötzlich fiel ihm auch seine
Mission ein und legte sich lastend auf sein Gewissen. Schon war ein Tag
versäumt, es war nichts geschehen für das Brot, das ihn nährte. Wo war
Ariel?
Am nächsten Morgen suchte er ein Meldeamt, aber er fand es nicht. Auf
dem Konsulat fragte er dann nach Arabella Mannsthal, schließlich nach
Camill Custove. Die Formulare kosteten einiges Kleingeld und brachten
die Antwort: unbekannt. Er schrieb nach dem Schweizer Gasthof, ersuchte
um die Adresse des zugereisten Camill Custove. Er schrieb an Monika
Gallo, sie möge ihm Camills Aufenthalt angeben. Er wartete noch einen
Tag ab. Er bat Hedwig nachzufragen, ob daheim für ihn nicht postlagernde
Briefe eingelangt seien. Aber all dies blieb erfolglos. Zunächst bezog
er ein billiges Zimmer am linken Ufer unweit von Saint Etienne, nachdem
er Auftrag gegeben, ihm einlangende Briefe sogleich nachzusenden. Aber
seine Unruhe trieb ihn selbst immer wieder nach dem Hotel Riat zurück,
bis man ihn dort unfreundlich empfing. Indes begann er sich mit dem
Gedanken abzuquälen, Vögelchen sei unterwegs erkrankt, es sei Unheil
über sie hereingebrochen, während er, der Retter, vielleicht ganz nahe,
ohnmächtig sie suche. Stundenlang saß er in den Champs Elysees und
fragte die Wagen nach ihren Insassen ab oder er beobachtete die Leute,
die in den vornehmen Hotels aus- und eingingen. Nach einigen Tagen erst
entsann er sich seiner Bücherkiste. Er trat den Weg zum Bahnhof an. Zu
seinem Schrecken erfuhr er, daß diese mangels Nachfrage in ein
entferntes Depot geschafft worden sei. Er verbrachte einen Tag, um
wieder in ihren Besitz zu gelangen, und verausgabte in der Angst sie zu
verlieren einen beträchtlichen Finderlohn. Die Kiste enthielt das
Manuskript seines Heiligen Bernhard. Als er endlich das schon verloren
Gegebene in seinem engen Zimmerchen vor sich ausbreitete, kam ihm neuer
Lebensmut. Er sagte sich, daß er es so nicht weitertreiben könne, lieber
wollte er still auf den Zufall warten als sich müde hetzen, ihn
gewaltsam zu erzwingen. Er begab sich auf das Konsulat, wies seine
Papiere vor und ersuchte um Zuwendung eines Schreiberpostens. Es war
kein geeigneter Posten frei, man merkte sein Ansuchen vor. Die nächsten
Tage galten dem Besuch des Louvre und der übrigen leicht zugänglichen
Museen. Dann wanderte er von Kirche zu Kirche. In der Sainte Chapelle
geriet er in ekstatische Ergriffenheit. Vor Notre Dame erlebte er
Verzückungen. Stundenlang forschte er in den Reliefs, studierte die
Martyrien, suchte sich die Gestalten des alten und neuen Testaments zu
erklären, die Giebelfelder, Balustraden und Nischen bevölkern.
Geheimnisvoll zogen ihn die Ungeheuer an, die dort, wo die breiten Türme
sich massig in die Luft erheben, grinsend auf Paris herabblicken. Die
sagenhaften Vögel mit riesenhaften Klauen angeklammert, die Teufelchen,
Drachen, Affen, Gespenster und Höllenzwerge, gepaart oder einzeln,
stierten ihn wissend an, als ständen sie gerade mit ihm in
geheimnisvollem Einverständnis, als hätten sie Jahrhunderte lang
geharrt, ihm verschwiegene Botschaft zu übermitteln, ihre Rätsel nur ihm
zu entsiegeln. Er schwelgte weiter vor St. Julien le Pauvre und glaubte
das zwölfte Jahrhundert zu erwecken, indem seine Hand den kalten Stein
berührte. In Saint Germain l'Auxerois entzückte ihn die heilige
Genovefa, die Schutzheilige von Paris, die seine Träume mit Ariel
vermengten. Sie trägt dort eine kleine Kerze, die ein Teufelchen sich
auszulöschen müht. Er meinte Vögelchens Kinderhände zu sehen und das
Licht, das flackernd ihr Antlitz bescheint. Schon war er acht Tage in
Paris und ein Drittel seines Geldes war aufgebraucht. Mehrmals hatte ihn
der Regen durchnäßt, sein Schirm war ihm in einer Brasserie gestohlen
worden. Manchmal fühlte er die ganze Stadt als ein Fremdes, das ihn mit
allen Mitteln ausstoßen wollte. Die fremde Sprache schob sich wie eine
Wand zwischen sie und ihn. Oft fürchtete er nach dem Mindesten zu
fragen, um nicht lächerlich zu scheinen. Er beneidete den Pflasterstein,
der hier zu Hause war, und seine Sehnsucht war, was immer für einen
Beruf zu bekleiden, um nur irgend zur großen Maschine dieser Stadt zu
gehören, die ihn um so mehr reizte, als sie ihn verstieß.
In der zweiten Woche begab er sich in die Nationalbibliothek und
erstickte seine Unrast in den Büchern. Sein Zimmer war ja nur ein
finsteres Loch, in ein düsteres Gemäuer gehöhlt, das ameisengleich
bewohnt war. In den schönen Sälen sparte er Licht und der Regen
verschonte ihn. Er fand sich so gut zurecht, daß er seinen Heiligen
Bernhard umzuarbeiten begann. Zwischendurch grinste ihm aus der Zukunft
das Gespenst des Hungers und der Verzweiflung entgegen. Was ihm sonst
Lebenszweck in erhöhter Form gewesen wäre, Studium, Kunstbetrachtung,
innere Bereicherung im neuen Erleben, es war ihm nun Betäubung, gelinder
Rausch, der eine Wirklichkeit vergessen ließ, die ihn Ariels beraubte.
Ihm war wie dem Verdurstenden, der die Quelle rauschen hört, verborgen,
unerreichbar. Sein Ohr trinkt den Laut, aber sein Gaumen verdorrt. Gott
ist ihm nahe, aber er geht nicht ein in ihn. Er kann der Seligkeit nicht
teilhaftig werden.
Witwe Leroux kramte in Konrads Kasten. Ei, was für vornehme Sachen
dieser Hungerleider hatte! Diese Krawatte würde für Charles sein, wenn
er des Sonntags aus der Fabrik kam, und diese Kragen für Gaston.
Vermißte er sie, mochte er sie eben beim Umzug vergessen haben. Sie
besorgte ihm die Wäsche, ein oder das andere Hemd konnte da immerhin
auch verloren gehen. Sonntag erschienen Gaston und Charles, ihre Söhne.
Sie waren beide Maschinenschlosser. Nach kurzer Beratung klopften sie
bei Konrad an. Sie stellten sich vor, verschwiegen ihre Vorzüge nicht,
Charles war Kunstfahrer auf dem Rade, Gaston verdiente als Clown
zuweilen ein paar Francs über seinen Fabrikslohn. Sie luden Konrad
umständlich ein, den Nachmittag mit ihnen zu verbringen. Er hätte sicher
Paris nicht von der heiteren Seite gesehen. Niemand würde ihn besser zu
führen verstehen als die Brüder Leroux. Die Mutter kam hinzu und hörte
mit geheuchelter Entrüstung die Vorschläge ihrer Sprößlinge. »Aber nein,
welch ein Einfall, der Herr ist doch zukünftiger Priester,« rief sie
aus. »Und was macht das,« fiel ihr Gaston in die Rede. »Was, Charles, du
erinnerst dich doch an Abbe Griot, welch guter Kamerad!« »Nun ja, aber
treibt es nicht zu bunt,« sagte die Witwe mit Würde. Konrad war nicht
gerade abgeneigt die Einladung anzunehmen. Seine psychologischen
Beobachtungen, seine Kritiken über Lebensführung hatten hier noch keine
Bereicherung erfahren. Noch waren ihm die Sitten, die Sprache in all
ihren zarten und rohen Feinheiten nicht vertraut genug. Er willigte ein
die Brüder zu begleiten. Er wolle nur den Zuschauer abgeben, sie sollten
für ihn ihre Gewohnheiten in keiner Weise ändern. »Es gibt Sonntage und
Sonntage,« sagte Charles, und sie zogen aus. »Wissen Sie, bei uns
unternimmt man nichts ohne die kleinen Frauen,« erklärte Gaston und
sogleich, als hätte ein Zauberstab sie aus der Erde geholt, traten aus
dem gegenüberliegenden Haustor zwei geschminkte Mädchen, die dort schon
auf den Auszug der Brüder gewartet hatten. »Seid vernünftig, Kinder,«
ermahnte Charles, »der Herr, der uns die Ehre gibt, mitzuhalten, ist
beinahe Priester. Dies, Herr Kruger (Krüschee sprach er es aus), sind
Germaine und Marguerite, unsere Nachbarinnen, beide in einer
Posamenteriefabrik beschäftigt, wenn sie nicht eben daran verhindert
sind.« Sogleich bekam Charles einen Schlag für seine allzu ausführliche
Vorstellung. Marguerite, die einen sanften Augenaufschlag hatte, der
ihre geschminkten Wangen komisch erscheinen ließ, hielt sich sogleich an
den »Herrn Abbe« und erzählte ihm, sie habe ihn schon mehrmals in der
Gasse gesehen und bedauert, daß er von ihr keine Notiz genommen. Gaston
schlug vor, daß man tanzen gehe. Man nahm den Weg nach den äußeren
Boulevards. Nach verschiedenen Beratungen, von denen Konrad wenig
verstand, landete man in einem rauchigen, trotz Tageslicht stark
beleuchteten Saal, den eine niedere, in Logen eingeteilte Galerie umgab.
Germaine und Marguerite hatten sogleich eine ausfindig gemacht, die noch
unbesetzt war. Der Kellner kam und sie bestellten Wein und Backwerk. »Da
ist es doch hübsch,« sagten die Vier im Chorus und begannen gleich das
Gelage. »Sind Sie mit unserer Wahl zufrieden, Herr Abbe?« In diesem
Augenblick setzte die Musik ein. Germaine packte Gaston und gleich
verschwanden sie im rauchigen, denn noch grellfarbigen Gewühle der
tanzenden Paare. Die Frauen schienen, so vermerkte Konrad, hier der
angreifende Teil. Sie waren alle ausnahmelos aus irgend einem Grunde
begeistert. Die einen trugen Bebekostüme aus hellfarbigem Atlas, die
anderen große Federhüte und Ballerinenröckchen, elegant stachen die
Mädchen in einfach geschnittenen Straßenkleidern ab. Sie sahen aus wie
Damen der guten Gesellschaft, die sich herabgelassen haben, das Fest zu
ehren. Dazwischen tummelten sich die Germaines und Marguerites, die
sonntäglich aufgeputzt waren. Als die Musik, ein entsetzliches
Geknirsche und Gekreische, innehielt, kam das tanzende Paar zurück.
Germaine warf sich erschöpft auf einen Stuhl und man stürzte rasch
einige Gläser hinunter. Gleich begann wieder die Kapelle ihr Gefiedel.
Germaine sprang auf, zerrte wieder Gaston mit sich und nun brach auch
Charles auf, winkte einem roten Domino und walzte mit ihm in das Chaos
hinein. Marguerite rückte nun Konrad ganz nahe. Sie hatte die Ellbogen
auf den Tisch aufgestützt und blinzelte zu ihm auf. »Du tanzt wohl
nicht, kleiner Abbe,« sagte sie und lehnte ihr Knie gegen das seine.
»Nun, man ist auch ganz gut hier, nicht wahr? Später werden wir
herumgehen. Man kann sich auch zurückziehen. Mußt nicht so schüchtern
sein, Herr Abbe. Bei uns ist das nicht üblich.« Konrad, der Einsame,
fühlte die Wärme eines menschlichen Körpers neben dem seinen. Daß die da
unten walzten, daß sie sich aneinander warfen, sich preßten und zerrten,
das hatte wohl die Natur so vorgesehen. Und er fühlte merklich, daß sie
auch in ihm ein Wörtchen zugunsten des benachbarten menschlichen Körpers
sprach. Er erwiderte zunächst alles, was sie tat, mit tiefem Ernst
allerdings. Er sagte sich, daß er zwar, beteiligte er sich nun gegen
seine Gewohnheit am Treiben der anderen, seine Beobachtungen nicht
objektiv bereichern würde, aber er versuchte sich zu überzeugen, daß ein
wahrer Kritiker eigener Erlebnisse bedurfte. Marguerite hatte Mühe, dem
schwermütig agierenden Abbe gegenüber ernst zu bleiben, aber sie hatte
sich eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit angeeignet. Sie verfiel denn
alsbald auch in tiefe Melancholie. Konrad war nun überzeugt von der
Notwendigkeit eines engeren Anschlusses an Marguerite. »Gehen wir
herum,« sagte sie und stützte sich schwer auf ihren Begleiter. »Kellner,
die Rechnung.« Konrad erschrak. Sie bemerkte es. »Zahlen Sie
einstweilen, wir können sonst nicht die Loge verlassen.« »Und die
Anderen?« »Ich hoffe, die werden uns nicht stören,« sagte Marguerite und
blinzelte. Der Kellner überreichte die Rechnung. Konrad nahm sie und mit
schweren Händen das Geld aus seiner Brieftasche. Er sah nicht, wie der
Bursche dem Mädchen etwas hinschob, den Gewinnanteil für den neuen Gast.
Marguerite liebte dies Lokal, nicht überall war man so large. Sie verlor
sich sogleich mit ihrem Kavalier in den Seitengängen. Es gab da
neuerdings Logen mit Vorhängen. Vor einem verdunkelten Saal wurde Entree
abverlangt. Dort ließen sich Nackttänzerinnen sehen. Marguerite nahm
zwei Karten. Konrad bezahlte. In dem übelduftenden Zimmer war solch ein
Gedränge, daß man wenig nur von den Tänzerinnen erblicken konnte, die
überdies nicht viel mehr sehen ließen als manche der kostümierten Frauen
des großen Tanzsaales. Aber das Gedränge gestattete den Paaren allerlei
Freiheiten. Bald sah Marguerite den Augenblick gekommen, Konrad in eine
der verhängten Logen zu ziehen, wofür neuerdings bezahlt werden mußte.
Champagner zweifelhafter Sorte stand bereit. Marguerite hatte bald
Gelegenheit, ihren Abbe etwas lächerlich zu finden. Aber sie war trotz
aller Routine im Geldverdienen ein leidlich gutes Mädchen. Sie entließ
Konrad ähnlich wie jene venezianische Courtisane Rousseau, die ihm
sagte: »_Zanetto lascia le donne e studia la matematica._« Konrad war
froh, daß Marguerite sich bald unter dem Vorwand, im Saale eine Freundin
zu suchen, entfernte. Im Tanzsaal sah er wohl die beiden Brüder Leroux.
Gaston war eben im Begriffe, mit rotgeschminkter Nase und eingedrücktem
Claquehut seine Clownspäße zum besten zu geben. Aber Konrad zog es vor
sich heimlich davonzustehlen. Diese merkantile Gesellschaft flößte ihm
Schrecken ein.
Um dreißig Francs ärmer, schlenderte er geknickten Herzens über den
Boulevard nach Hause und schlich dort leise in sein Zimmer, damit die
würdige Mutter ihrer Söhne ihn nicht störe. Er verriegelte die Türe und
fiel bald darauf dank der ungewohnten Genüsse in tiefen Schlaf. Man
sollte glauben, daß es Konrad nach diesen Erfahrungen nicht weiter
gelüstete das heitere Paris zu genießen. Nachdem er schließlich immer
bereit, die anderen zu rechtfertigen, zu der Meinung gelangt war, daß
die beiden Leroux an der Geldausgabe und an der Unzulänglichkeit dieser
einen Genuß zu verdanken, unschuldig seien, er hingegen ein eitler Tropf
gewesen, der seine Armut nicht rechtzeitig eingestanden habe, ertappte
er sich dabei, nach Marguerite auszuspähen, wenn er durch ihre Gasse
ging. Er fand sie auch eines Tages wie zufällig an einer Ecke stehend
und, da sie augenblicklich kein Geld hatte, war ihr auch mindere
Kundschaft willkommen. »Mein armer Junge,« sagte sie, »diese Leroux
haben dich neulich schön gewurzt.« Sie sagte etwas von »poire«, das
Konrad nicht verstand, aber er fühlte ihre Teilnahme und das beglückte
den Einsamen. »Als ob man nicht auch ganz solide miteinander fröhlich
sein könnte. Wenn du mir ein Drittel dieses Geldes gegeben hättest,
würde ich dir das schönste Fest verschafft haben und wir hätten es
bequemer gehabt als dort, wo es kein Wunder ist, wenn ein guter Junge,
wie du -- --« Sie vollendete nicht, sondern kniff ihn in den Arm. Sie
merkte, daß ihm das wohl tat. »Nun, bist du jetzt frei? Wollen wir ein
kleines Abendessen besorgen und zu Mutter Leroux hinaufsteigen? Sie wird
uns nicht stören, ich kenne sie.« Marguerite lachte und kniff ihn von
neuem. Konrad war mit allem einverstanden. Sie kauften ein, indem sie
sich den Anschein gab, nur für Konrad auszuwählen. »Nun haben wir Wein
und allerlei Leckerbissen und das Ganze kostet nur sechs Francs. Hast du
sie bei der Hand?« Konrad fand das wirklich preiswürdig, obwohl er mit
dieser Summe sonst drei ganze Tage sich verköstigte. Mutter Leroux war
nicht zu Hause. Marguerite aber wußte Bescheid. Sie deckte den Tisch und
brachte alles Nötige herbei. Nachdem sie gegessen hatten und der Wein
Konrad mutig gemacht hatte, zog er Marguerite auf das Bett, aber sie
sprang rasch auf, indem sie ihm lachend einige Püffe versetzte, und
sagte: »Halt, mir fällt ein, Frau Lapin, die Kaufmannsfrau, hat mir drei
Francs zuviel herausgegeben. Ich habe sie in dein Portemonnaie gesteckt.
Ich war so verwirrt und sie hatte eben so viele Kunden.« Sie öffnete
rasch seine Börse und entnahm ihr fünf Francs, die sie in ihre Tasche
gleiten ließ. »Ich will sie ihr morgen zurückgeben.« Dann kam sie zu ihm
zurück und diesmal gab er ihr keine Gelegenheit zum Spott. Als sie noch
nebeneinander lagen, kam die Leroux herein. Sie begann zu schimpfen, daß
man ihr schönstes Geschirr verschleppt hätte ohne sie zu fragen, daß dem
Herrn weder Service noch derartige Bedienung in seinen Zins eingerechnet
sei und daß man sie außerdem der Gefahr ausgesetzt wegen Kuppelei
bestraft zu werden. Sie werde dies alles nicht auf sich beruhen lassen,
wenn man sie nicht im voraus für alle Unzukömmlichkeiten entschädige.
Konrad war jäh aus seinem Traum erwacht. Des Morgens hatte er
Beaudelaires Gedichte gelesen (er wollte das eine oder das andere
übersetzen). In ihm sangen noch die Verse von »Parfum exotique«:
»Quand, les deux yeux fermés, en un soir chaud d'automne,
Je respire l'odeur de ton sein chaleureux
Je vois se dérouler des rivages heureux
Qu'éblouissent les feux d'un soleil monotone --«
Und Vögelchens Bild stieg in einer Gloriole auf:
»Und sei's zur Nacht, im einsamen Gelaß,
Im Straßenlärm, im wüsten Stadtgetriebe,
Ihr Bild in Lüften strahlt mir wie die Sonne.
Manchmal da spricht es: Ich bin schön, oh laß
Vom Schönen nur dich leiten, mir zu Liebe,
Schutzengel, Muse bin ich dir, Madonne!«
Vögelchens Lippen lispelten es und sie waren bleich wie die einer Toten.
Und nun hörte er die Stimme der Leroux, die heiser kreischte, und er
hörte sie nicht. Marguerite hatte sich unter die Decke versteckt,
kicherte und biß ihn dabei in den Arm. Er riß sich los, sprang auf und
indem er mit drohender Gebärde der Leroux den Weg verstellte, schrie er:
»Wenn Sie nicht schweigen, werde ich die Anzeige machen, daß Sie mir
meine Wäsche gestohlen haben. Morgen verlasse ich Ihr Haus. Adieu.« Die
Frau hob die Hände, als fürchte sie, der Wütende würde sie schlagen. Sie
hatte alles eher erwartet als in dem linkischen Mieter, der sich so viel
gefallen ließ, einen Herrn zu erblicken, der ihr nun gebieterisch die
Türe wies. Als sie draußen war, hüpfte Marguerite aus dem Bett.
»Ungeheuer,« sagte sie, »diese schmutzige Witwe! Ich suche dir eine
andere Wohnung. Indessen kannst du bei mir schlafen. Da machst du noch
ein Geschäft dabei.« Als sie gegangen war, vermißte Konrad seine Uhr. Er
wußte nicht, ob nicht etwa die Leroux sie rasch entwendet hatte, während
der Traum ihn noch in Marguerites Armen umfangen hielt. Er packte seine
Sachen, schlief dann bis gegen Mittag, bezahlte die Leroux, indem er ihr
noch einen Teil der gestohlenen Wäsche abpreßte, und verließ fast
mittellos das Haus. Sein erster Weg war aufs Postamt. Dort fand er ein
Schreiben von Monika Gallo, die ihm mitteilte, daß sie vom Onkel Camill
eine Karte aus Paris erhalten habe ohne Angabe der Adresse. Sein zweiter
Weg war auf das Konsulat, um nachzufragen, ob man dort eine Stellung für
ihn gefunden. Die Antwort war abweisend. Man käme nicht nach Paris ohne
Mittel und Empfehlungen, man täte besser, keine Vergnügungsreisen zu
machen, wenn es einem an Geld fehle. Wenn er hungere, könne man ihn
schließlich in die Heimat befördern, das wäre alles, was von Amts wegen
vorgesehen sei. Aber Konrad wollte nicht in jene Heimat. Seine Heimat
hieß: Ariel. So wurde er denn vorderhand Zuhälter bei Marguerite Aupin.
Er hatte an Monika geschrieben und sie ersucht, bei Custoves Bekannten
nachzuforschen, er schrieb an Hedwig, ob sie ihm Rat wisse, aber er
verschwieg ihr seine Notlage. Um keinen Preis hätte er von Hedwig Geld
genommen. Marguerite erhielt ihn. Sein Leben war nun geteilt zwischen
der Bibliotheque nationale, den Kirchen, dem Luxembourggarten und den
Schenken, in die er das Mädchen begleitete. Er war verliebt in
Marguerite und er reizte sie, damit sie ihn schlüge. Sie hatte ihm sein
letztes Geld abgenommen unter dem Vorwand, ihn zu verköstigen, was
indessen nur geschah, wenn sie zusammen in Kneipen gingen. Einige Tage
arbeitete er für das Mittagessen als Messerputzer in einem Gasthaus. Als
es bekannt wurde, wie er zu der Aupin stünde, die dort Geld schuldig
war, entließ man ihn. Das Ärgste war, daß er dabei sein mußte oder im
Vorraum ihres Zimmers, wenn sie Besuch hatte. Oft hatte er das Geld
entgegen zu nehmen für ihre Gefälligkeiten. Eine tierische Eifersucht
hatte ihn befallen. Marguerite ließ sich kaum mehr von ihm berühren. Er
sollte doch zu den »_femmes à cheveux_« gehen, den Dirnen ohne Hut, und
sich das Geld vorerst für sie zusammenbetteln. Einmal aber, als sie ihn
weinen sah wie ein kleines Kind, blieb sie eine Nacht lang in seinen
Armen. Er hatte ihr in diesen Stunden sein Leid geklagt und sie war
ergriffen. Sie versprach ihm die Hilfe eines befreundeten Detektives.
Indes suchte er wieder Paris ab. Die Gewißheit, daß Vögelchen ihm nahe
war, machte ihn in all seiner Verblendung oft trunken vor Glück. Es war
schon kalt geworden und er hatte seinen Mantel versetzt. Niemand kannte
wie er die Besuchstunden der Galerien und Bibliotheken, die er zu seinen
Wärmestuben erwählt hatte. Er kam als erster und die Diener rasselten
schon mit den Schlüsseln, wenn er ging. Nun stand er auch wieder vor den
Brasserien und sättigte sich an dem Bratenduft, der aus den Räumen
drang. Manchmal trat er in einen Laden, wartete geduldig, wenn Käufer
anwesend waren, und verlangte dann etwas, das man gewiß nicht bekommen
konnte, nur um sich zu wärmen. Endlich brachte ihm Marguerite Nachricht
von Camillo.