Er ging nicht zu Bette. Er saß über den französischen Büchern, bis das
Licht erlosch, spät nachts. Am nächsten Tag, als er einen Teil seiner
Bücher und Schriften zu Hedwig geschafft hatte, fiel ihm ein, daß Camill
ihn beauftragt habe, die Enkelin seiner Ziehmutter aufzusuchen. Er
kannte die Straße schon aus den Erzählungen seiner Gymnasialfreunde. Ja,
er war selbst mit einem von ihnen, ehe dieser es gewagt hatte, eines der
geheimnisvollen Häuser zu betreten, an ihr vorbeigestrichen, um doch
irgendwie an der unheimlichen Angelegenheit beteiligt zu sein. Es war
nun eben vor Anbruch der Dämmerung, als er sie erblickte, schmal
ansteigend zwischen alten Häusern, die mit allerlei Sandsteinzierat,
Schutzheiligen und alten Schildern ein Stück Altstadt bildeten. Aus der
lärmenden Hauptstraße kommend, fand man hier plötzlich Schweigen,
verschlossene Tore. Die Sonne selbst schien nur verstohlen, noch ehe sie
schied, an den einförmigen Fassaden hinzuhuschen. Sah man aber näher
hin, stachen grell die roten Vorhänge der halbgeöffneten Parterrefenster
hervor und hinter ihnen, Konrad erschrak, kauerten Frauen mit sorgfältig
frisierten Köpfen und grellgeschminkten Gesichtern in durchsichtigen,
bebänderten Morgenjacken und lächelten, spitzten die Lippen oder riefen
leise, mit der Zunge schnalzend. Eine oder die andere warf ihm auch ein
grobes Spottwort nach, weil er nur scheu hinblinzelte und in seiner
Bestürzung seine Blicke suchend nach den Hausschildern aussandte. Am
liebsten wäre er umgekehrt und hätte seinen Auftrag brieflich erledigt,
aber dies schien ihm eines zukünftigen Weltreisenden unwürdig. Er fand
das Haus und während sich dasselbe Spiel wiederholte, ein Fenster sich
leise bewegte und ein aufgedunsenes Gesicht sich lächelnd zeigte und
noch süßlicher lächelte, als er die Türschnalle ergriff, trat er in den
Hausflur. Eine Wohnungstür öffnete ihren Spalt und dieselbe Frau zeigte
sich. Sie hatte offenbar, um ihres Geschäftes ganz sicher zu sein, eine
ihrer schönen Schultern entblößt. Ihre Füße, die in roten
Saffianpantoffelchen saßen, waren nackt. Aber plötzlich fiel Konrad ein
Märchen ein, das Märchen von den roten Schuhen. Die abenteuerliche
Atmosphäre dieser Straße hatte ihn nach Traumland versetzt. Er sah das
kleine Mädchen, das mit roten Schuhen, freilich war es nicht, um damit
zu trauern, aber sie hatte keine anderen, als sie hinter dem ärmlichen
Sarge der Mutter daherging. Und dann kam die alte Dame im großen Wagen
und nahm das Mädchen mit sich. Das kleine Mädchen hieß Marie. Und als
sie eingesegnet werden sollte, ging die alte Dame mit Marie zum
Schuhmacher und Marie wählte sich rote Saffianschuhe. Aber die alte Dame
sah nicht, daß sie rot waren, weil sie nicht gut sehen konnte. Als sie
dann zur Chortüre kam, schienen selbst die alten Bilder auf den
Grabstätten, die Prediger und Predigerfrauen mit steifen Kragen und
langen, schwarzen Kleidern, die Augen auf ihre roten Schuhe zu richten.
Doch als der Prediger von der heiligen Taufe und vom Bunde mit Gott
sprach, dachte Marie nur immerzu an ihre roten Schuhe.
»Na, Kleiner, was spinnst denn, komm doch, mein Schatz,« rief leise eine
heisere Stimme aus der Türe. Aber Konrad sah den alten Soldaten an der
Kirche, der dem kleinen Mädchen mit seinem Krückstock die roten Schuhe
anzauberte, daß es ewig darin tanzen mußte. Die Schuhe trugen es über
Dorn und Sumpf, über die Heide hinweg zum Scharfrichterhaus. »Komm
heraus! Komm heraus!« rief es dort. »Ich kann nicht hineinkommen, denn
ich muß tanzen.« Und Marie bat, schlag mir nicht den Kopf ab, schlag
meine Füße ab. Der Scharfrichter hieb ihr die Füße mit den roten Schuhen
ab und die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßen über das Feld in Nacht
und Wald hinein.
»Komm doch, mein Schätzchen,« schnalzte die Stimme aus der Tür und nun
sah Konrad zwei entblößte Brüste durch den Spalt schimmern.
Da schien die Sonne ganz hell und gerade vor ihr stand Gottes Engel mit
einem herrlichen grünen Zweig. Er berührte damit die Decke und sie erhob
sich und die Orgel spielte und die Gemeinde saß in den geputzten Stühlen
und sang aus ihren Gesangbüchern. Und die Leute sagten: »Das war recht,
daß du kamst, Marie.« »Das war Gnade,« sagte sie. Der klare Sonnenschein
strömte durch die farbige Fensterrose in den Kirchenstuhl und Mariens
Herz wurde so voll Sonnenschein, daß es brach. »Ihre Seele flog auf
Sonnenschein, zu Gott, und dort war niemand, der nach den roten Schuhen
fragte.« Die kleine Marie war Konrads erste Liebe gewesen. Nun war sein
Herz mit einem Male voll Mitleid. Er sah gar nicht ängstlich mehr auf
die entblößte Frau und sagte ruhig, indem sein Blick noch auf ihren
Pantoffeln haftete: »Ich suche die Monika Gallo, ich hab' ihr etwas von
einem Landsmann zu bestellen. Bist du die?«
»Mußt ein' Stock höher gehen. Die schlaft jetzten, hat die ganze Nacht
an Besuch g'habt. Geh', bleib indes bei mir.«
Konrad sah noch immer auf des üppigen Weibes rote Pantoffel. »Wir sind
allesamt Sünder,« sprach er zu sich. Er nickte nur und ging zur Stiege.
Die Frau warf heftig die Türe hinter ihm zu. Im Stiegenhaus sah er die
Wände mit obszönen Zeichnungen bekritzelt, die ihn wahnsinnig erregten.
Seine Hand zitterte, als er bei der Monika Gallo anklopfte. Eine
verdrießliche Stimme rief: »Wer ist's?« Er öffnete. Im Hintergrund des
Zimmers richtete sich auf einem geblumten Sofa ein Mädchen auf und
blinzelte mit mandelförmigen Augen zu ihm hin, eine blasse Hand strich
kastanienbraunes, wirr lockiges Haar aus der Stirn. Monika Gallo gähnte.
»Ich komme von Custove,« sagte Konrad statt jeder Begrüßung.
»Vom Onkel, von Onkel Camill,« rief sie mit italienischem Akzent. Mit
einem Satz stand sie auf und kam näher. Die Monika Gallo glich ganz und
gar nicht den anderen Frauen, die Konrad in dieser Gasse gesehen. Sie
sah aus wie eine slowenische Obstverkäuferin und ihr schönentwickelter
Hals und die stolze Haltung ihres schmalen Kopfes verrieten, daß sie auf
ihm den Obstkorb getragen, ehe sie in ihren jetzigen Beruf geraten war.
Sie war wohl noch nicht lange dabei, denn sie sah leidlich frisch aus.
Ihre Haut war weich und glatt, noch nicht von Schminke und Krankheit
verheert. Konrad legte sein Geld hin, sie griff nach seiner Hand und
drückte sie warmblütig. Nun sollte er erzählen, woher er den Onkel
Camill kenne und wie es ihm im Ausland erginge. Während er sprach, sah
er sich im Zimmer um. Es war recht reinlich, ein wenig ärmlich und bunt.
Das Bett war offen, die seidene Decke stach grell aus der Dürftigkeit.
Über einer kleinen Kommode hingen Bilder aus der Heimat. Eine Frau in
südtirolischer Tracht, eine Welsche, und ein alter Mann mit dem großen
Hut der Passeier Bauern. Zwischen ihnen ein gußeiserner Christus mit
einem Rosenkranz, dessen Perlen in einen Weihkessel tauchten. Konrad
fühlte sich sehr wohl bei Monika. Sie war nun leidlich ausgeschlafen und
er blieb bis gegen Mitternacht bei ihr. Ihm war es ja schon einerlei,
wann er nach Hause kam. Wer aber, dem Augenschein folgend, Konrad
verdächtigt hätte, seinen Besuch in jeder Art genossen zu haben, der
hätte fehlgeraten. Dennoch zählte er den Abend zu seinen guten
Erinnerungen. Nichts war ihm verhaßter als bürgerliche Scheinheiligkeit,
hier gab es weder Lüge noch Verstellung und, da er als Gast gekommen
war, wurde er mit Herzlichkeit und Offenheit aufgenommen. Er war auch
nicht knauserig gewesen mit seinem Geschenk und betrachtete es reinen
Gewissens als die erste Auslage seines Betriebskapitals. Camill mußte
ihm ja gewogen bleiben. Das Mädchen brachte Bier und Käse. Da sie so
reichlich beschenkt war, vergönnte sie sich's an diesem Abend, nicht auf
Beute auszugehen. Konrad erfuhr ihre simple Geschichte. Ein
Mädchenhändler hatte sie zu bereden verstanden ihr Dorf zu verlassen,
sie dann einer Frau übergeben, in deren Haus sie geschmachtet, bis die
Polizei die Bude ausgehoben, wonach sie sich selbständig gemacht hatte.
Der Onkel Camill hatte ihr wohl Geld gegeben für einen Obsthandel, aber
sie hatte zuerst einer armen Freundin aus jenem Hause ausgeholfen, die
an einer »Berufskrankheit« hinstarb. Auch war sie ohne ein eigenes
Kleidungsstück zurückgeblieben, da alles, womit sie sich bisher
geschmückt hatte, der Frau gehört habe. Dann hatte sie »ihn« gefunden,
den sie liebte und der ihr das letzte Geld durchgebracht. Jetzt »säße«
er, weil er einer Messerstecherei angeklagt worden, die ein schlechtes
Ende genommen hatte. Die Monika dachte nicht daran, sich Konrad etwa aus
Dankbarkeit für das Geld anzubieten. Ihr waren diese Freuden längst ein
lästiges Geschäft, galten sie nicht dem Messerstecher, den sie jeden
Monat im Gefängnis besuchte, um ihm Zigarren und Schnaps zu bringen. Sie
lud Konrad ein wiederzukommen, falls er die Reise verschöbe. Als er an
der Türe jener anderen vorüberkam, besann er sich, ob er nicht eintreten
sollte, aber das Bier hatte ihn träge gemacht. Er scheute die Auslage
und er mußte wieder an das Märchen von den roten Schuhen denken, an die
Mutter, die es ihm einst vorgelesen, als er im Fieber gelegen, an Ariel,
die alle Märchenmarien in seinem Herzen verdrängt hatte. Traurig ging er
auf die Gasse hinaus. Die roten Vorhänge, dahinter jetzt die Lampen
entzündet waren, leuchteten geheimnisvoll. Da und dort trat eine
hochbusige Frauensperson mit wiegendem Gang aus der Tür oder zeigte, von
der Straßenecke kommend, einem Willfährigen vorausschreitend, den Weg.
Konrad trat auf die Hauptstraße, die nun öder war, und schlenderte mit
dumpfem Kopf der elterlichen Wohnung zu. Aber plötzlich war ihm, als
könne er jetzt nicht nach Hause. Man hatte ihm den Türschlüssel entzogen
und er mußte Lisbeth, die Magd, aus dem Schlafe wecken. Sie würde in
ihrer Nachtjacke kommen, die Hand schützend vor die Kerze halten, so daß
ihr junger Busen beleuchtet war, und heute, das wußte er, würde er ihr
nachdrängen in ihr heißes Bett. Nein, so sollte nicht die letzte Nacht
zu Hause sein. Er kam durch einen Garten, da lockte eine Bank. Des
Morgens erst rüttelte ihn dort ein Schutzmann aus dem Schlaf. Er schlich
nach Hause, Lisbeth holte eben die Milch. Er stahl sich ungesehen in
sein Zimmer. Seine Abwesenheit war nicht bemerkt worden.
Hedwig aber ging mit schweren Sorgen. Soviel hatte sie aus Konrad
herausgebracht, daß er einem Menschen, dem er nicht gewachsen war, die
Geliebte abjagen wollte, deren Besitz ihm selbst niemals blühen würde.
Sie sah, wie er seine Zukunft hinopferte und sich in Gefahr brachte ohne
Lohn und Dank. Aber auch bei den Eltern schien ihm sein Leben unmöglich
geworden und sie hatte keinen Weg zu ihnen, sie zu warnen und zu bitten.
Alles, was sie selbst unternähme, würde dort seine Lage verschlechtern.
Sie brachte ihm denn Geld und Gepäck zur Bahn und nahm den Anschein auf
sich, an seiner Flucht mitschuldig zu sein.
»Nun verlasse ich dich denn auch,« rief er anklägerisch. »Gott verzeihe
mir, aber es gilt, einen ahnungslosen Engel zu beschützen.«
»Der bin ich nicht,« sagte Hedwig mit einem trotzigen Lachen und reichte
ihm die Hand in den abfahrenden Zug. »Gott schütze dich. Komm, komm
wieder!« Und als sie traurig nach Hause ging, wiederholte sie es
angstvoll wie im Gebet: »Komm wieder, komm wieder!«