Jesus antwortete ihnen
und sprach: Wahrlich, wahrlich,
ich sage euch, wer Sünde
tut, der ist der Sünde Knecht.
(Joh. 3. 8.)
Es war im Park von Versailles, Werktag vormittags, am einsamen Teich.
Arabella saß im Gras. Sie hatte den breiten Florentinerhut neben sich
gelegt. Eine weißliche Oktobersonne schimmerte auf ihrem Haar, das sie
nun, wie es in Paris in diesen Tagen Mode war, in einer Krone aufgetürmt
trug. Sie sah zu Mannsthal auf, der neben ihr stand und zu ihr
herablächelte.
»Ich glaube, du warst einmal eine Bachstelze oder ein Reiherweibchen,
Vögelchen,« sagte er, »oder gar eine Schilfnymphe, eine Nixe. Es zieht
dich immer zum Wasser.«
»Hier ist es schön,« sagte sie. »In der Stadt dort ist alles so
betäubend. Hier habe ich auch dich. Auch in der Nacht kommt noch all das
Viele von den fremden Frauen dir nach. Da denkest du an sie. Hier ist
Ruhe.« Sie legte sich zurück und kreuzte die Arme hinter dem Kopf. Er
blickte auf sie herab, als sähe er sie anders als sonst. Er antwortete
ihr nicht, er wußte nur zu gut, was sie beunruhigte. Ihre Augen glänzten
zu ihm auf, um ihre Lippen zuckte es und sie schien sie zu ihm
emporzuheben, während ihre Arme eine kleine hilflose Gebärde nach ihm
sandten.
»Hier nicht,« sagte er leise. »Brennt es wieder?«
»Ja, es brennt,« sagte sie mit einem wundersamen Lächeln.
Sie wohnten seit mehreren Tagen in Versailles, nachdem sie zuerst in
Paris selbst abgestiegen waren, um später wieder dahin zurückzukehren.
Mannsthal hatte jetzt müde Tage. Sein Magen widersetzte sich zuweilen
selbst der leichten Pariser Kost. Er hatte Schmerzen. Der Gedanke, daß
er ernstlich erkranken könne, verdarb ihm die Freude an Paris. Auch
Vögelchen sah zuvörderst nicht die Stadt, sah alles, was sie umgab als
Rahmen ihrer Leidenschaft, die im hellsten Feuer stand. Er fühlte in
ohnmächtiger Furcht, wie alles das erreicht war, wie nur seine heißesten
Träume es entzündet hatten und daß Gefahr drohte, es verloren zu geben,
ehe es zur Neige gekostet war. Wenn er das geliebte Kind betrachtete,
das so willig und eins mit ihm bis an die Grenzen der Lust gegangen war,
kam ihn ein Grauen an bei dem Gedanken, sie diesem Feuer zu überlassen,
das er nur mühsam mehr zu löschen vermochte. In diesen Tagen hatte
Mannsthal Stunden höchster und nie gekannter Lust mit einer Gefährtin,
die ihm völlig gewachsen war und ihm die Wunder märchenhafter Instinkte
bescherte. Diese fast heilige Einigkeit ihres Feuers glühte den besten
Kern seines Wesens rein und verursachte ihm Qualen, die nur die
Erkenntnis seelischer Liebe zu geben vermag, wenn sie das angebetete
Wesen durch eigene Schuld am Rand eines Abgrundes erblickt. Vermochte er
an das Wunder zu glauben, daß ihre Liebe sich jeder Wandlung ergeben
konnte? In Vögelchen, er wußte es und empfand es noch täglich glückhaft,
in ihrer Umarmung war Trieb und Seele so innig verschmolzen, daß nur ein
blutiger Riß, der ihr tiefstes Wesen zerstören mußte, diese beiden
trennen konnte. Und war ein junger Organismus imstande Schmerz so tief
zu erleiden, daß er das ganze Wesen durchdringen und wandeln konnte?
Nein, es wehrte ihn mit starkem Gegenstoß ab, wenn er sein Innerstes
berührte. Junge Menschen haben nicht die Porosität des Schmerzduldens,
die Schmerzverwandlungsfähigkeit. Das wußte und fürchtete er. All diese
Fragen waren Beschwichtigungen, Wahrheit blieb ihr heißes, immer
verlangendes Blut. Sie konnte es nur durch Güte beschwatzen, sie konnte
es nur niederringen, bis es dann selbst rächend sich wehren würde. Doch
noch hatte er Zeit und vielleicht geschah das Wunder und eine leichte
Ernüchterung brachte ihr Kühlung. Es peinigte ihn, daß er dies erhoffte,
was er gleichzeitig fürchtete, und daß das, was er fürchtete, ihm wenig
Hoffnung brachte. Denn noch war Arabella weißgeglüht vom Scheitel bis
zur Sohle. An der Oberfläche ihrer Haut mußten Millionen elektrischer
Fünkchen hausen, die seine Nähe schon zum leisen Aufknistern weckten.
Sie war wie die Mahd blühender Wiesen, auf die Sonnenglut herabgesengt
war und die nur eines glimmenden Hölzchens bedarf, um in Flammen
aufzugehen. Sie war wie ein Sommertag, der an tausend Enden aufsprießt
und ausbricht, der besprengt ist mit unendlichen Keimen. Er versuchte
kleine Ablenkungen, er beschenkte sie mit Dingen, die sie beschäftigen
sollten, mit erlesenen Kleidern und Schmuck. Aber sie besah sich kaum
mit den kostbaren Perlen, mit der spitzendurchfluteten Wäsche, den
ausgesuchten Gewändern und Pelzen. Sie war schon wissend genug, zu
ahnen, daß ihre Liebe nicht von der Art war, die solcher Behelfe bedarf.
Und er selbst schuf sich nur neue Qualen, wenn der Blick der Männer
durch die Kostbarkeiten, die er ihr bescherte, stärkere Anziehung fand.
Sie selbst sah die Aufmerksamkeit nicht, die ihr in dieser Stadt, in der
wenige junge Mädchen zu sehen sind, zuteil wurde. Die Art, wie sie sich
trug, ließ ja dem erfahrenen Pariser keinen Zweifel, in welcher
Beziehung sie zu dem viel älteren und scheinbar reichen Herrn an ihrer
Seite stand. Aber all die lächelnde Mitwisserschaft, die sie mit Blick
und Wunsch streifte, erregte sie unbewußt noch mehr und das Augenspiel
der Frauen, das Mannsthal und zuweilen ihr selbst galt, beunruhigte sie.
Ihr Instinkt und ihre junge Erfahrung ließen sie sogleich erkennen, wie
stark die sinnliche Atmosphäre hier das Leben durchwogte, daß alles
rascher, häufiger, unausweichlicher geschah. Sie glaubte, daß diese Luft
allein schon Mannsthal sättige, daß die Frauen ihn vielleicht besaßen,
wenn er auch nicht von ihrer Seite ging: sie war eifersüchtig auf Paris.
Aber sie täuschte sich. Adalbert fühlte ihren Wert hier mehr als an
irgendeinem anderen Orte der Welt. Die Pariser Frau, die bewußte, stets
wache, war ihm entwertet. Einmal verließ er Arabella und versuchte es
mit äußersten Dingen, aber er kam angewidert und wie verarmt zu ihr
zurück und jede ihrer Berührungen waren ihm Pein, weil sein Blick sich
beschmutzt fühlte wie nie bisher. Und Vögelchens Aufblühen erlosch
wieder, sie sah jetzt noch kindlicher aus in ihrer Blässe und Zartheit.
Sie quälte sich an ihm und er mußte, sie zu beruhigen, Mittel anwenden,
die sie erschöpften. Da plötzlich kam ihm ein feuriger Gast zu Hilfe. Er
durchtobte sein Blut, warf neue Brände in seine Sinne, er durchraste
seine Träume und rüttelte dunkle Kräfte in ihm auf: das Fieber! Aus
jener Stunde an Rosinas Grab trug er es im Blute. Einmal schwanden ihm
die Sinne, da fing sein löschender Blick Vögelchens Bild, wie es über
ihm geschwebt hatte. In seinem Traum war sie Europa, in deren blondem
Gelock wild der Sturm des Meeres sauste, wie er, der Stier, sie über den
See trug. Und es war ihm, als schwinge Europa über ihm, dem Stier, eine
feurige Peitsche, die Fackel der empörten Lust. Als er erwachte, saß ein
taubenhaftes Wesen, im langen Nachtkleid wie in ein Büßerhemd gehüllt,
an seinem Bettrand und kühlte ihm mit Madonnenhänden die heiße Stirn.
Nach den Fieberanfällen schien die Krankheit erloschen. Er fühlte sich
wieder ganz wohl. Allerlei kräftigende Mittel hatten die Mattigkeit
behoben. Aber er war doch ein anderer jetzt auch äußerlich, fahl und
gelb, und Vögelchen schlich ängstlich um ihn her. Sie zwang sich ihn zu
schonen, aber er empfand ihre Fürsorglichkeit als Kälte. Heimlich
ersehnte er wieder das anfeuernde Fieber und er hatte, wenn sie nachts
sich zärtlich, aber ohne Verlangen an ihn schmiegte, seine Freude daran,
auch ihr eine böse Lust zu erwecken, es herbeizusehnen. Malaria, das
schien nicht tödlich für ihn, nicht ansteckend von Mensch zu Mensch,
aber es war zehrende Vergiftung und das vorzeitige Ende ihrer Freuden,
die sich zur Sünde verzerrten, wenn sie nicht weiterglühten.
Um seiner Unruhe Herr zu werden, begann er sich mit Neuerwerbungen
seiner Sammlung zu beschäftigen. Viele Stunden verbrachte er im Hotel
Drouot, neue Schätze zu erwerben. Wieder faßte ihn Sehnsucht nach
Erlösung, die ihm aus diesen Gebilden einer zärtlichen Kunst leuchtete.
Als er eines Abends an der Rive gauche aus dem Laden eines Kunsthändlers
trat, hielt eben eine Equipage und eine Dame, deren Gesicht halb
verschleiert war, entstieg ihr und eilte an ihm vorbei. War sie es, war
das Angele von Tirotzky hinter zwiefachem Schleier: dem der Jahre auch,
die sich zwischen die kindlichen Erinnerungen gedrängt hatten, zu denen
er oft in Not und Verderben Zuflucht genommen? Es trieb ihn zu dem
Händler zurück und er fragte nach der Dame. »Eine Fremde,« hieß es,
»Madame de Twede, Frau eines Legationsrates.« Würde er ihr wieder
begegnen? Sie befaßte sich mit Kunstsammeln. Da war ein Weg und er
konnte ein Wiedersehen dem Zufall überlassen.
Zu dieser Zeit begann Arabella mit Camill in Paris Wohnung zu suchen.
Bald hatte sie eine passende gefunden, mit Garderoben und
Dienermansarde. Sie eignete sich einige praktische Geschicklichkeit an,
sie feilschte sogar mit Händlern und benahm sich überall wie eine
leutselige kleine Königin, der man alle Gefälligkeiten schuldet.
Mannsthal war verblüfft über ihren Ortssinn. In kürzester Zeit fühlte
sie sich in den fremdesten Stadtteilen zu Hause. Sie wußte jede
Abkürzung des Weges, jede Richtung, sie kannte die Häuser, die Gärten,
die Kirchen. So ließ er sie denn auch ohne Camill allein umherstreifen.
Er war sicher, sie würde, wie die Zugvögel im Herbst zu ihrem Nest
jenseits der Meere, abends im Gewirr der fremden Straßen zu ihm
zurückfinden. Dieser Instinkt hatte sie geleitet dort Wohnung zu suchen,
wo Gärten und ein weiter Ausblick zu finden waren. Von einer Terrasse
aus übersah man durch die schmalen, hohen Fenster des Hauses alte Bäume,
eine verwitterte Kirche und in der Ferne Türme und Hügel.
Während Adalbert wieder müde war und kaum das Versailler Hotel verließ,
entdeckte sich Vögelchen das Paris der alten Kirchen, die Gärten, den
Louvre, die Museen, das Bois. Meist fuhr hinter ihr der Wagen, den
Camill für den Herrn gemietet hatte, aber zuweilen entschlüpfte sie ihm
und er erwartete sie erst an dem von ihr bestimmten Ort, von wo aus sie
wieder nach Versailles zurückfuhr. Sie fand da Adalbert mehrmals in
Gesellschaft eines jungen Engländers von außergewöhnlicher Schönheit,
den er aber stets verabschiedete, um sie zu begrüßen. Der Jüngling erhob
sich hünenhaft, verbeugte sich mit scheuem Blick auf die junge Dame und
Mannsthal entließ ihn, ohne ihn jemals mit Arabella bekanntzumachen. Als
Adalbert eines Morgens zum Frühstück kam, fand er Vögelchen im Gespräch
mit dem Engländer. Arabella hatte selbst den Jüngling angesprochen. Es
schien ihr selbstverständlich, einen Bekannten Vas als den ihren zu
betrachten. An den darauffolgenden Tagen blieb sie in Versailles, fuhr
mit dem großen Menschen im Kahn und besichtigte nochmals mit ihm das
Schloß. Ein Ausdruck der Qual lag auf Adalberts gelblichem Antlitz, wenn
Vögelchen dann vergnügt ins Hotel zurückflatterte. Als sie ihn neben dem
schönen jungen Menschen sah, floß ihr Herz über vor Mitleid und Liebe
und die Zärtlichkeit, die sie dem Freund erwies, machten den jungen
Engländer erröten. Seit Mannsthals Krankheit war sie nicht mehr so
lebhaft gewesen und sie riß beide Männer zu einer Fröhlichkeit hin, die
dann noch der Champagner befeuerte. In Adalbert brannte gleichzeitig
eine wahnsinnige Erregung und Bestürzung. Er wußte, ihr Trunkensein, das
ja der Wein kaum noch erhöht hatte, gehörte nicht mehr ihm allein, es
gehörte auch Norton nicht, es strömt schon ins Leben. Eine Kraft war in
ihr geworden, die er erweckt und deren Herr er nicht mehr war. Er konnte
sie nicht zurückleiten, sie war herrenlos, denn Arabella selbst besaß
nichts, womit sie selbst sie hätte zügeln können. Sie lebte ja unbewußt
ihrer selbst. Sie zu erwecken würde vielleicht den Todessturz der
Nachtwandlerin bedeutet haben. Er hatte, da Arabella seiner nicht
sorglich wie sonst geachtet, Diätfehler gemacht, er hatte getrunken und
sich tagsüber in größter Unruhe über Vögelchens Spaziergang mit Cecil
befunden. Er fühlte das Fieber aufsteigen. Als sie die Stiegen
hinaufgingen, die nur mehr matt erleuchtet waren und Cecil in seinen
Zimmern verschwunden war, drückte er sie an sich und die Liebkosungen
seiner Hände versprachen ihr wieder die langersehnte Umarmung. Seine
Augen leuchteten im Fieber, aber sie sah es nicht, sie hörte aus seinem
raschen Atem nur die Ungeduld der Lust, die auch sie empfand. In dieser
Nacht war sie wie rasend und am darauf folgenden Tag schloß sie sich ein
wie damals, als es zum ersten Mal geschehen war.
Als sie abends erfuhr, daß Adalbert fiebere, kam sie leise zu ihm,
kniete an seinem Bett nieder und weinte lange.