Vögelchen begann sich nun langsam der Welt zu besinnen, wie die sich nun
zu ihr, der kleinen Arabella Rutland, verhalten mochte. Sie lernte
bewußt sich als Einzelwesen fühlen. Als sie eines Morgens im Rasen lag
und von ihrer Anhöhe bald zum See herab, bald zum unendlich blauen
Himmel aufblickte, empfand sie sich als ein wanderndes Stäubchen, ein
losgelöstes Fünkchen auf Wanderschaft. Immer wieder sah sie noch das
Feuerzeichen des Brandes, sah den Funkenregen und wie Teile sich
loslösten und in der Luft verglühten oder im Wasser einen vorzeitigen
Tod fanden. Alle schienen bis ans Ende ihrer Kraft zu fliegen und wurden
Asche und Erde, nachdem ihr Leuchten in Dunkelheit untergegangen. Asche
und Erde aber wurden von Wetter und Zeit zu feuchtem warmen Boden. Da
grünten die Fünkchen von neuem ins Leben. Über ihr blitzte der Flügel
einer Schwalbe im Sonnenlicht. »Flieg, Fünkchen, flieg,« sang sie leise
und es war ihr, als würde sie selbst ganz leicht und brauchte nur
aufzuflattern. Waren alle Menschen beschwingt wie sie? In den Familien,
in deren Nähe sie nach dem Brande gelebt, schienen kleine Widerhaken die
Einzelnen aneinander festzuhalten. Wäre »Er« denn sonst nicht mit ihr
geflogen? Ach, sie war ein Sonderwesen, hatte nicht Vater, nicht Mutter,
nicht Schwesterlein und Brüderlein. Va war ja nicht ihr Vater, das wußte
sie. Aber auch für sie mußte es kleine Quellen geben, wo sie trinken
konnte, Nester, wo sie ruhen würde, wenn die Wanderschaft begann und sie
ermüdete. Va wußte alles. Er würde sie weisen. Va, der Zauberer, würde
ihr die Türen öffnen. Die Reise, das wußte sie, die war der Anbeginn
ihrer Wanderung, und die Wanderung würde ihr Leben sein. Die Leute in
den Kirchen blickten zum Himmel auf, wenn sie beteten. Dort wohnte wohl
Gott. Aber da unten im Seegrunde hauste ein anderer. Oder war das nur
der Himmelsgott, der sich im Wasser spiegelte? Nein, der Gott da unten
war verflochten in den Pflanzen der Tiefe und Fischlein schwammen
silbern um seinen Bart. Der Gott im Himmel war sein Bruder und ewige
Sehnsucht stieg auf und ab von ihnen. Vögelchen war es, als ginge der
Strom ihrer Sehnsucht durch ihren eigenen Leib, aufsteigend und
absteigend. In ihrem Herzen begegnete er sich, floß ein, floß aus. Ihr
Blut nährte sich von ihm. Er hielt sie. Sie konnte nicht fallen. Sie
bekam Weisungen von Höhe und Tiefe, in ihr verschwisterten sie sich.
Dies alles war nicht Traum. Ließ es sich in Worte bilden?
Ja, sie konnte es in wirklichen Worten aus sich herausstellen. Von
diesen Dingen erzählte sie dem Studenten Kruger, dem mißratenen
Hofratssohne, der in ihrem Gasthof wohnte. Der hatte die
Familienwiderhaken sich blutig aus dem Fleische gerissen. Nun heilte er
die Wunden in Einsamkeit. Aber der Brand seiner Seele riß sie immer
wieder auf. Schmerzten sie, so ward er wunderlich. Der Geist war ihm
Seelsorger und Hofnarr zugleich. Vögelchen störte ihn nicht. Er nannte
sie Ariel. Arabella klang ihm zu menschlich.
Student Kruger war ein wenig verwachsen oder es schien so. Man wußte
nicht, wo und wie seine Gestalt abnorm war. Seine Augen hatten etwas
Überraschendes wie die eines Falken oder Adlers, die sich, seltsam an
der Ferne geschärft, unter bergenden Lidern enthüllen, und seine hohe
Stirn, sein dichtes Haar ließen die Gestalt noch dürftiger erscheinen.
Sein Mund aber war wie ein Hohn auf die Geistigkeit seiner blaugeäderten
Schläfen. Er hockte wie ein Affe mit langen Armen neben Ariel und sprach
in sie ein, bis er das Geheimnis des »Stromes« aus ihr holte.
»Wer ist Gott?« fragte sie.
»Gott ist ein einförmiges, göttliches, einfältiges Wesen und wirkt doch
alle Mannigfaltigkeit und ist alles in allen Dingen, eines in allem und
alles in einem, sagt der heilige Augustin. Gott sind Sie, Ariel, Gott
bin ich, Konrad Kruger, Student der Theologie, Verkünder meiner
Religion.«
»Und was ist das, was ihr die Seele nennt?« fragte Vögelchen.
»Seele ist ein Aufgang zu Gott durch das Getümmel der Welt. Seele ist
das Entsinken deiner selbst, dein Schauen, dein Warten, dein Empfangen,
dein Geben in Demut.«
»Und was ist Demut?« fragte Vögelchen.
»Demut ist Aufgeschlossensein, Demut ist Einlaß und Ausströmen der
Liebe, Erkennen, Duldung und Dank, Bewährung im Glück und Schmerz, Demut
ist Liebe gewordenes Leid.«
»Trauere nicht über Leid, Schmerz erhöht,« sagte Vögelchen und
bescheiden setzte sie hinzu: »Das weiß ich von Onkel Clemens, er schrieb
mir das zum Abschied.« Und plötzlich brach sie aus: »Ach, warum ist er
fort, der gute, gute Onkel Clemens?« Sie begann zu weinen. Student
Kruger saß dabei und grinste aus Verlegenheit.
»Schmerz, wenn ein Rad über mein Bein fährt,« fragte sie dann und
trocknete ihre Tränen.
»Nein, Ariel, körperlichen Schmerz, sofern er nicht maßlos und andauernd
ist, verspüren wir nicht, du und ich und die anderen, die wie wir sind.«
»Ich war nie krank,« sagte Vögelchen.
»Und bist doch so zart. Sind Blumen krank? Die Narzisse auf wiegendem
Stiel, das Buschwindröschen, die Orchidee? Nein.«
»Ich hatte eine schwarze Amme, eine Negerin säugte mich.« Sie sah ihn
kindlich triumphierend an. Das kann nicht jeder von sich erzählen,
prahlte ihr Blick.
»Hattest du nicht die Masern, Scharlach, den Keuchhusten? Nein, daran
wärest du gestorben,« sagte Student Kruger. Er starrte sie eine Weile
an. »Bist du eigentlich schon ein Mädchen?« fragte er plötzlich. »Wie
alt bist du?«
Vögelchen verschwieg gern ihr Alter. »Ich war immer ein Mädchen,«
antwortete Vögelchen ernsthaft.
»Ich meine, ob du noch Kind bist?«
Vögelchen richtete sich zornig auf. »Ich wäre ja beinahe Braut
geworden,« rief sie. »Und wenn wir nun reisen, so bin ich Frau
Mannsthal. Das haben wir beschlossen. Va ist nicht mein Vater, müssen
Sie wissen. Ich habe keinen Vater.«
»Und deine Mutter?« Vögelchen erbleichte. Sie riß einen Halm aus und
warf ihn von sich. Dies war die Antwort.
»Aber das mit dem Schmerz, daß wir es, ich und die anderen (sie ging
immer auf seine Andeutungen einer geheimen Gemeinschaft ein), daß wir
den Schmerz nicht spüren! Geben Sie mir Ihr Federmesser, ich will das
versuchen.« Gehorsam zog er es hervor. Soll ich öffnen, deutet er. Sie
nickte.
»Rasch, sonst verliere ich den Mut.« Er tat es. Sie ritzte sich in der
Handfläche. Es ging nicht leicht. Ihre Haut wehrte sich des stählernen
Eindringlings. Plötzlich sprang ein kleiner roter Strahl empor.
Vögelchen war kreideweiß im Gesicht. »Wahrhaftig, es schmerzte nicht,«
sagte sie. Aber sie hielt den Atem an. Es wurde ihr übel. Student Kruger
hockte neben ihr, seine Haare sträubten sich vor Erregung, seine Ohren
reckten sich spitz, seine Augen hatten einen stumpfen, fast blödsinnigen
Glanz.
»Ariels Blut,« sagte er leise. »Wein des Lebens.«
»Ich kann es nicht sehen,« sagte Vögelchen, die immer bleicher wurde.
»Und müßt doch bluten, ihr Frauen.«
»Red' nicht so hoch daher,« rief sie unwillig und wand ihr Tuch um die
Hand. »Ich hasse euer ewiges Gescheitsein.«
»Ich möchte dir alles geben, was ich habe, Ariel, alles Gescheitsein
auch.«
»Ich mag nichts von dir,« sagte sie. Er sah sie an wie ein getretener
Hund, dann beugte er sich über sie und flüsterte angstvoll: »Aber ich
lasse dich nicht.« Vögelchen sah zu ihm auf; wie sein Antlitz über ihr
schwebte, war ihr, als ob das Grauen sich in einer Wolke über ihr
ballte. Ein Druck legte sich wie eine eisern würgende Faust auf ihren
Hals, ein blauer Strom ging an beiden Schläfen zu ihrem Herzen hinab.
Sie wurde ohnmächtig.
Camill, der Kammerdiener, kam, vom Ruf des Studenten angetrieben. Er
rieb ihr die Stirne mit Essig. Man trug sie auf ihr Zimmer. Dort schlug
sie die Augen auf. »Er hat mich gebissen,« sagte sie und deutete erzürnt
auf Kruger, der bestürzt da stand. Der Kammerdiener machte ihm hinter
Vögelchens Lager ein Zeichen. Er tippte mit dem Finger an seine Stirn,
andeutend, daß er an der Vernunft seines Fräuleins zweifle.
Vögelchen streifte tags darauf wieder allein im Wald umher und war
einsam bei den Mahlzeiten. Kruger begrüßte sie mit tiefen Verbeugungen.
Er saß in einem Gartenhaus hinter Büchern bei einer Schreibarbeit.
Manchmal stand er auf und fuhr wild gestikulierend mit den Armen in die
Luft. Vögelchen war sehr neugierig, was er da treibe. Sie ging einige
Mal um das Häuschen herum, setzte sich dann in Hör- und Sehweite, mit
dem Schnitzen einer Gerte beschäftigt.
»Ja, da brauchte man ein Papier,« sagte sie, scheinbar zu sich selbst
sprechend. Ein kleiner Junge lief vorüber und sah das kleine Fräulein
an. »Ich mache eine Fahne,« sagte sie, »für mein Schiff. Aber dies ist
erst der Mast. Ich brauche ein Papier. Und dann schreib' ich darauf
>Fünkchen, flieg<. So heißt mein Schiff. Hast du verstanden, Peter? Oder
heißt du vielleicht Seppel?« Der Junge nickte. »Nun, kannst du nicht
reden? Aber nicken kannst du doch? Andere können nicht einmal nicken,
und wenn du ein Student wärst, hättest du auch ein Papier.« Seppel
murmelte etwas, das seine Zahnlosigkeit unverständlich machte, und
verschwand auf das schrille Pfeifen eines Genossen.
Jetzt erschien Kruger vor dem Gartentor und hielt einen Bogen in der
Hand.
»Ach, Sie sind hier?« sagte Vögelchen.
»Sie suchen mich ja schon eine gute Weile.«
»Einbildung,« sagte sie.
»Das ist keine Schande unter guten Freunden.«
»Freunden? Ich kenne Sie doch kaum. Vor acht Tagen wußte ich noch nichts
von Ihnen.«
»Oh, das tut nichts zur Sache. Liebe auf den ersten Blick.«
»Ich, Sie lieben!« Sie lachte.
»Lieben Sie den Vogel dort, der über dem Baum schwirrt? Vor einer
Sekunde noch war er nicht in Ihrem Leben und vielleicht werden Sie ihn
nie wiedersehen. Lieben Sie dieses Marienkäferchen, das morgen tot sein
wird, den Fisch, der dort aufblitzt im See, den Seppel, der eben
fortlief?«